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Tanz der Götter

Vergangenheit

Kapitel 8

 

Der Plan rund um den siebten April war besprochen. Sie alle wussten nun Bescheid. Sascha verließ mit der Begründung, Ares‘ und Valerias Papiere in Auftrag zu geben, den Raum. James wandte sich an Michail. Er bat ihn sich entfernen zu dürfen um mit seinen beiden Söhnen ein Gespräch zu führen. Ares und Valeria blieben als Einzige zurück. Michail stand vom Stuhl auf und streckte sich. Dann nahm er wieder Platz und sah die beiden freundlich an.

„Ich würde gerne so viel mehr über euch erfahren“, sagte er lächelnd.

„Wir ebenfalls. In den Aufzeichnungen steht doch noch mehr, oder?“, erwiderte Valeria und deutete auf die zur Seite gelegte Mappe.

Michail griff nach ihr, zog sie zu sich und schlug die Mappe auf.

„Einiges steht noch drin. Großvater hatte noch einige Notizen beigelegt, die er verfasst hatte.“ Michail zog eine A4-große Seite hervor und überflog sie.

„Ich würde gerne etwas wissen…“, begann Ares ausdruckslos. Beide sahen ihn an.

„Als es darum ging, dass die Abgestoßenen verwandelt wurden, da schienen Sie sich sicher zu sein, dass dies mit Somas Blut zu tun haben muss. Dennoch sahen Sie überrascht aus, als Sie erfuhren, dass ich durch Valerias Blut verwandelt wurde…“

Eine eigenartige Stille machte sich breit.

„Du denkst, dass ich euch etwas verheimlichen könnte, nicht wahr?“, entgegnete Michail lächelnd. Ares blieb stumm.

„Die Sache mit dem Blut war zu Beginn lediglich reine Spekulation. Es gibt eine Notiz, doch diese ist nicht vollständig und in ihr wird lediglich die Verwandlung eines Jungen namens Emil durch Blut erwähnt. Ich zog meine eigenen Schlüsse daraus und brachte dies mit Genesis in Verbindung.“

„Emil?!“, entwich es Ares erschrocken.

„Kennt ihr ihn etwa?“, erkundigte sich Michail interessiert. Valeria seufzte leise.

„Er ist Maximes Sohn. Ich weiß noch, dass ich mich damals fragte, weshalb er uns plötzlich immer häufiger besuchte und weshalb er dann immer mit Soma in Lews Labor ging. Als ich Soma darauf ansprach, meinte er lediglich, dass sie Lew bei etwas helfen würden, aber er verriet nie, bei was“, erklärte Valeria.

„Sein Sohn? Er hat einen Sohn und dieser ist nun wie Ares?“

„Ist er“, entgegnete Ares bitter. Valeria sah ihn eindringlich an. Er erwiderte ihren Blick.

„Vater und Sohn. Beide verwandelt. Damit können wir arbeiten. Eventuell komme ich ja an mehr Informationen zu Emil. Am besten wäre eine nützliche Info zu seinem Aufenthaltsort. Im Übrigen… darf ich fragen, was zwischen euch vorgefallen ist?“, erkundigte sich Michail vorsichtig.

„Er ist Maximes Sklave. Sein Jagdhund!“, schilderte Ares spürbar zornig. Michail empfand es als das Beste, ihn fürs Erste nicht weiter mit Fragen zu dem Thema zu behelligen.

„Ein Wohnsitz…“, überlegte Valeria laut.

„Lew erzählte mir auf Nachfrage mal, dass Maxime aus einem anderen Land stammt. Er sei in Frankreich geboren und aufgewachsen. Ich erinnere mich aber daran, dass er sehr häufig bei uns im Anwesen war und zwar mit Emil. Ich kann mich aber nicht erinnern, dass er je über Nacht blieb“, schilderte sie nachdenklich.

„Frankreich. Ich werde Sascha darüber informieren. Ihre Leute könnten dann die Recherche übernehmen. Die gehen dort zurzeit sowieso einigen Gerüchten nach“, bestätigte Michail. Er widmete sich erneut dem Dokument vor sich.

„Was ich euch jetzt vorlese, wurde von Großvater verfasst“, erklärte Michail und räusperte sich.

„Ende 1924 wurde Soma unter Aufsicht eines bezahlten Arztes in unserem Anwesen unter absolutem Stillschweigen geboren. Anfang 1925 kam Valeria auf dieselbe Weise zur Welt. Ich hätte es nicht tun dürfen, aber ich habe in Vaters Aufzeichnungen gelesen. Ich habe das, was Vater tat, nie verstanden. Ich hatte Angst vor dem, was sie waren, was dieses Genesis war, und gleichzeitig hatte ich Mitleid mit den beiden kleinen Kreaturen. Ich war selbst noch ein Kind, überfordert mit der Situation, und Vater schenkte mir immer weniger Aufmerksamkeit. Die beiden Frauen haben nicht überlebt. Ich bin mir nicht sicher, ob sie bei der Geburt starben oder darauf ausgelegt waren zu sterben. Er zog sie selbst groß, während ich von den Bediensteten großgezogen wurde. Ziemlich ungerecht. Ich habe sie anfangs dafür gehasst. Sie nahmen mir meinen Vater weg, aber je älter ich wurde, desto weniger hasste ich sie. Ich fürchtete mich. Ich wollte von diesem Anwesen weg. Von ihnen weg. Ich sah zu, wie sie älter wurden. Während ich eine Schule besuchte, bekamen sie teuer bezahlten Privatunterricht daheim. Mit achtzehn verließ ich schließlich das Elternhaus und ging nach Moskau zum Studieren. Danach habe ich Vater nur noch selten besucht. Ich hatte stets dieses Gefühl. Diese Art von böser Vorahnung, dass sie sich irgendwann gegen ihn wenden. Dieses eigenartige Genesis konnte Leben erschaffen. Intelligentes Leben, selbstständig denkendes und handelndes Leben. Mir dies vor Augen zu halten, ließ mich jedes Mal erschaudern.“

Nachdem er die Seite vorlas, lehnte er sich zurück und verschränkte die Arme vor seiner Brust.

„Dank des Brandes ist nicht viel von Lews Aufzeichnungen übrig. Mein Großvater konnte nur eine Mappe mit einigen Unterlagen, Notizen und hastig geschriebenen Gedanken sichern“, Michail sah Valeria an. Diese blickte stumm auf die Tischplatte. Sein einst freundlicher Gesichtsausdruck wandelte sich in Abscheu.

„Als ich klein war, hat Großvater oft über diese Zeit gesprochen. Am häufigsten sprach er über diese eine Nacht, in der das Feuer sein einstiges Zuhause verschlang…“

„Aber die Ruine steht noch?“, warf Valeria ein, ohne Michail erneut zu Wort kommen zu lassen.

„Die steht noch. Warum?“

„Ich würde gerne dorthin reisen. Ich möchte sie sehen. Danach beantworte ich Ihnen jede Frage. Alles, was ich weiß.“

Michail blickte sie nachdenklich an. Schließlich stimmte er dem Vorhaben zu und bot sogar an, die beiden persönlich dorthin zu bringen.

 

Währenddessen ließ sich Aiden gähnend auf das weiche Bett fallen. Kade setzte sich in einen Sessel.

„Aiden, was ist passiert?“, fragte sein Vater besorgt und setzte sich neben ihn. Aiden richtete sich auf und blickte auf seine Handflächen. Er seufzte.

„Nachdem ihr abgereist seid, haben wir einen möglichen Ort ausmachen können, den wir für das Versteck der restlichen Veayobak aus dieser Gruppierung hielten. Wir sind in das Gebäude eingedrungen und haben sie gefunden.“

Er pausierte längere Zeit, bevor er weitersprach. James und Kade lauschten interessiert.

„Anna wurde getötet.“

James atmete entsetzt aus. Er legte Aiden eine Hand auf die Schulter.

„Nein, das… das war noch nicht alles“, äußerte Aiden und schlug seines Vaters Hand beiseite.

„Es… kam zu einem Handgemenge unter uns. Sie hatten bei dem Gedanken, diese Dinger zu töten, ein schlechtes Gewissen. Ich hatte die meisten erschossen, doch zwei wollten fliehen. Ich habe mich umgedreht und geschossen. Eine Kugel traf Sarah. Sie ist ebenfalls tot“, beendete er seine Schilderung.

James strich mit der Handfläche über sein Gesicht und Haar. Kade sagte nichts. Erneut legte James seinem Jungen eine Hand auf die Schulter.

„Das war nicht deine Schuld. Es war ein Unfall“, äußerte James einfühlsam.

„Ich weiß“, entgegnete er kühl.

„Entschuldigung, ich möchte kurz an die frische Luft.“

Mit diesen Worten stand er vom Bett auf und verließ zügig das Zimmer. James und Kade warfen sich besorgte Blicke zu.

Aiden rannte die Treppe hinunter und lief in Richtung Veranda. Er stieß die Flügeltür auf und prallte beim Betreten mit jemandem zusammen. Erschrocken blickte er in die blauen Augen der Person. Ein abwertender Laut entwich ihm.

„Verzeihung“, entschuldigte sich Valeria.

Als sie keine Reaktion erhielt, wollte sie sich an Aiden vorbeizwängen, der ihr keinen Platz machte und auch keine Anstalten sie vorbeizulassen. Stattdessen fuhr er seinen linken Arm aus und schlug seine Handfläche vor Valerias Gesicht gegen den Rahmen. Sie stand regungslos da und sah an dem Arm vor ihrer Nasenspitze vorbei.

„Wie war nochmal dein Name?“, wollte er wissen und klang herausfordernd.

„Valeria“, antwortete sie selbstbewusst.

„Ah, genau. Das war der Name“, bestätigte er nickend. Er entfernte seinen Arm und lief an ihr vorbei, geradewegs auf die Hollywoodschaukel zu. Valeria hielt noch einen Moment inne und verließ dann die Veranda.

Im Wohnraum stieß sie auf Kade, James und Ares, die es sich bei einem Kaminfeuer gemütlich gemacht hatten. Ares saß etwas weiter von den beiden entfernt in einem Sessel. Kade und James hatten sich jeweils ein Bier geöffnet und saßen auf der Couch. Ares hielt ebenfalls eine Bierflasche in der Hand, doch diese war nicht geöffnet. Sie setzte sich zwischen Kade und James und seufzte laut.

„Was ist los?“, fragte Kade und trank von seinem Bier.

„Ich bin gerade in Aiden reingelaufen“, begann sie.

„Ich glaube, er hasst mich.“

„Nimm es nicht persönlich“, erwiderte James ruhig.

„Genau. Er hasst einfach alle Abgestoßenen“, ergänzte sein Sohn.

„Aber Ares und ich sind doch keine Abgestoßenen… oder?“, flüsterte sie und sah zu ihm rüber.

„Ich glaube, er unterscheidet nicht, Valeria. Aiden… er hasst sie einfach alle. Es liegt an dem, was sie tun“, erklärte James und setzte seine Flasche auf die Glasplatte des Tisches ab.

„Ich habe meine Frau an einen verloren. Sie war Krankenschwester und war von ihrer Nachtschicht auf dem Weg nach Hause. Sie kam nie an. Man fand sie ausgeweidet und blutleer in einer dreckigen Seitengasse.“

„Das tut mir so leid“, merkte Valeria an.

„Danke. Aiden hat auch etwas verloren. Frau und Kind. Und ich habe Schwiegertochter und Enkel verloren.“

„Wir haben alle etwas verloren. Jeder hat seine Gründe, hier zu sein“, warf Kade ausdruckslos ein und trank einen weiteren Schluck.

„Ich weiß. Tut mir leid“, entschuldigte sie sich abermals und lehnte sich niedergeschlagen zurück.

Stille breitete sich aus. Unangenehme Stille. Kade starrte gedankenverloren auf das Feuer im Kamin. Sein Blick schien leer. James sprach auch nicht länger. Er sah ebenfalls zum Feuer. Valeria fühlte sich immer unwohler. Ihre Augen suchten unruhig die Tischplatte ab. Bis ein lautes Geräusch diese Stille durchbrach. Alle blickten auf Ares, der sein Bier lautstark geöffnet hatte und den Flaschenhals betrachtete.

„Das soll schmecken?“, fragte er und roch an der Öffnung.

Valeria lächelte.

 

 

Es war früher Morgen, als sie ihr Frühstück beendeten und gemeinsam mit Michail die Villa verließen. Die anderen schliefen noch. Sie stiegen in einen schwarzen Mercedes Benz der A-Klasse. Michail klemmte sich hinter das Steuer, startete den Motor und fuhr vom Anwesen auf die Straße. Valeria saß auf dem Beifahrersitz und starrte während der gesamten Fahrt aus dem Fenster. Ares tat es ihr gleich. Niemand sprach, einzig die Stimme des Moderators im Radio sorgte für Beschallung. Sie war nervös, wusste jedoch nicht weshalb. Die Umgebung zog an ihnen vorbei. Es war eine sehr lange Fahrt. Hin und wieder hielten sie an, um zu rasten. Als sie durch eine Ortschaft fuhren, hielten sie verkehrsbedingt an. Valeria sah eine ältere Frau, die vollbepackte Einkaufstüten trug. Sie beobachtete sie bei jedem ihrer Schritte. Valeria spürte es. Die Frau war eine Abgestoßene. Doch wie? „Es handelt sich hauptsächlich um Vermisste“, rief sie sich Michails Worte ins Gedächtnis zurück. Konnte das wirklich stimmen? Wie wurden sie verwandelt, wodurch? Konnte das wirklich stimmen? Nicht nur Emil, sondern auch Maxime… und wer weiß wen noch? Musste sie sich tatsächlich eingestehen, dass Soma hierfür verantwortlich war? Auch wenn sie darauf noch keine konkreten Antworten hatte, war sie entschlossen. Maxime würde dafür büßen. Er würde für alles büßen.

„Danke, dass Sie das für uns tun“, sprach Valeria aufrichtig.

Michail nickte wortlos. Er tat es nicht nur für sie. Vor allem, und das war der eigentliche Grund, wollte er Informationen. Er wollte endlich einen Weg finden, diese Abscheulichkeiten zu beseitigen. Er wollte endlich einen Weg finden, nahe genug an Soma heranzukommen. Denn dieses Monstrum, daran hielt er eisern fest, musste um jeden Preis ausgelöscht werden. In Valeria sah er seine Chance dazu.

 

Zur selben Zeit in Ussowo

„Wo sind denn alle?“, überlegte Kade laut, als er durch die gespenstisch ruhige Villa lief. Seit er erwachte, hatte er niemanden gesehen, aber er schlief auch lange. Sehr lange. Vielleicht haben sie sich alle aus dem Staub gemacht, dann könnte er in Ruhe die Minibar plündern, dachte er spaßend. Er lief in Richtung des Badezimmers. Als er nach der Türklinke greifen wollte, wurde die Tür zum Bad bereits geöffnet. Kade schritt zurück und sah in das Gesicht einer überraschten Sascha. Ihr Gesichtsausdruck wandelte sich jedoch schnell in Abneigung.

„Kannst du nicht aufpassen?“, grummelte sie gereizt, als sie sich an ihm vorbeidrängte. Kade sah ihr hinterher.

„Kannst du nicht einfach für alle Zeit verschwinden?“, entgegnete er provokant. Sascha stoppte und hielt inne. Sie drehte sich nicht zu ihm um, sah ihn nicht an. Stille machte sich breit. „Das war zu harsch. Entschuldige dich!“, ermahnte ihn die eine Stimme in seinem Kopf. „Nein. Dies ist, was sie verdient hat!“, hielt die andere dagegen. Wortlos senkte er den Blick. Zögernd sah sie ihn über die Schulter an.

„Eines Tages, Kade… wirst du diese Worte bereuen“, wisperte sie ihm zu, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte.

„Eines Tages…“

Kade atmete hörbar aus, nachdem Sascha aus seinem Sichtfeld verschwunden war.

„Vollidiot…“, maßregelte er sich selbst.

 

James und Aiden befanden sich gerade im Konferenzraum, als die Flügeltür schwungvoll geöffnet wurde. Beide sahen auf.

„Na endlich! Ich dachte schon, ihr habt mich mit der gereizten Blondine alleine gelassen“, reagierte Kade erleichtert und trat ein. Er nahm neben Aiden Platz und trommelte mit seinen Fingern auf der Tischplatte. Das war eine lästige Angewohnheit, die er manchmal an den Tag legte. Das fand auch sein Bruder.

„Hör auf damit!“, bat Aiden ausdruckslos. Er kam der Bitte nach und zog sein Smartphone aus der Hosentasche.

„Wo sind denn alle? Also Michail, Valeria und Arschloch?“, erkundigte er sich, den Blick auf das Display haftend.

„Hat man dir nichts gesagt? Valeria wollte ihr altes ‘Elternhaus‘ besuchen. Also hat Michail klein beigegeben und weg sind sie“, erklärte Aiden schulterzuckend, während er auf das Notebook vor sich sah. Gelegentlich tippte er schnell auf der Tastatur herum, scrollte hastig und begann erneut zu tippen. James saß ihm gegenüber und blätterte in einer Tageszeitung.

„Waaaas?!“, entfuhr es Kade in einer unangenehm schrillen Tonlage.

„Das bedeutet ja, dass sie stundenlang fort sind“, stellte er enttäuscht fest.

„Als würdest du Michail und Ares vermissen“, kicherte sein Vater.

„Tatsächlich wäre Michail hier vor Ort mehr von Nutzen gewesen, aber nein…“, setzte Aiden stöhnend ein.

„Hätte das Mädel nicht einfach ihre Flügel ausbreiten und alleine wegflattern können?“

Aidens abschätziger Tonfall war den beiden nicht entgangen.

„Sie ist wirklich in Ordnung, Aiden. Du solltest sie mal besser kennenlernen“, wand Kade ein, bekam aber nur einen grunzenden Laut zur Antwort.

„Im Ernst, Mann. Sie sind nicht alle gleich“

Genervt sah Aiden vom Bildschirm auf, dann wandte er sich seinem Bruder zu. Schweigend starrten sie sich an.

„Das sagst du jetzt. Mal sehen, ob du noch genauso denkst, wenn deine süße Zuckermaus einen von uns tötet“, entgegnete Aiden kalt. Sein Ausdruck war fast schon beängstigend.

„Komm endlich darüber hinweg, verdammt!“, brüllte Kade plötzlich. Beide waren sichtlich angespannt.

„Was?!“, rief Aiden, als er vom Stuhl aufsprang. Als Kade ebenfalls aufsprang, griff James ein und versuchte die Situation bestmöglich zu entschärfen.

„Das reicht jetzt, Jungs! Beruhigt euch!“

Wie sie sich gegenüberstanden, starrten sie sich einfach stillschweigend an. Aiden seufzte, nahm das Notebook und verschwand wortlos. Kade sah zu seinem Vater, diesem war der besorgte Blick seines Sohnes nicht entgangen.

„Was ist?“, wollte er von Kade wissen.

„Mit ihm stimmt etwas nicht, Dad. Ich meine es ernst. Du hast ihn reden hören, jetzt und als es um den Auftrag in Ginza ging“, erklärte Kade. James schüttelte den Kopf, als würde er sich dieser Tatsache entziehen wollen.

„Dad! Siehst du es denn nicht? Er gleitet in puren Hass, in absolute Emotionslosigkeit, Gleichgültigkeit. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es immer schlimmer wird“

„Und was schlägst du nun vor?“, fragte James und massierte seine Schläfen.

„Was den Auftrag in Ginza angeht, kennen wir Aidens Schilderung. Ich will mir vorher sicher sein. Bevor ich irgendeinen Lösungsansatz überlege, will ich mir sicher sein. Du hast nicht zufällig noch Willis Nummer eingespeichert, oder?“

 

 

Lorino, Oblast Twer, Russland

 

Gegen Mittag erreichten sie die Ruine, die auf einem 500 Meter hohen Hügel in Lorino gelegen war. Aus dem Auto betrachteten sie die Mauern, die kalt und mit Efeu überzogen im Licht der Mittagssonne ihre Schatten warfen. Zögernd stieg Valeria aus dem Auto. Sie schlug die Tür hinter sich zu und näherte sich der ehemaligen Steintreppe, welche sich unter dem ganzen Gras nur noch erahnen ließ. Michail stand am Auto und Ares, der ebenfalls ausgestiegen war, lief einige Schritte auf Valeria zu. Sie stand da und starrte einfach auf die überwucherte Ruine, die sie einst ihr Zuhause nannte. Die schwarzen Mauern, verkohlte Holzbalken, die zerschlagenen Fenster, Graffiti an den Wänden. Die Eingänge waren unpassierbar. Es war ein trauriger Anblick. Ares legte Valeria eine Hand auf die Schulter. Wortlos lief diese um das einst schöne Gebäude herum. Am Baumhaus, welches nun nicht mehr vorhanden war, gab es damals eine wunderschöne Blumenwiese. Sie wollte dort hin. Ares folgte ihr leise. Valeria kam allerdings nicht weit. Hohes Gras verwehrte ihr jeden Zugang. Natürlich pflegte niemand das Anwesen. Langsam nahm die Natur alles ein. Forderte ihren Besitz zurück. Die wunderschöne Blumenwiese existierte nicht mehr. Das Baumhaus existierte nicht mehr. Ihr Zuhause existierte nicht mehr. Alles was ihr blieb, waren die Erinnerungen. Sie drehte sich zu Ares um. Schweigend sahen sie sich an, dann fiel ihr Blick auf den kahlen Kirschbaum, der einsam im hohen Gras stand. Seine Zweige bewegten sich langsam im Wind. Auch er war vergänglich, wie alles hier. Sie erinnerte sich an seine Blütenpracht. An die Sauerkirschen, die sie pflückten und naschten. Und an ihn. Sie lächelte traurig.

„Erinnerst du dich noch?“, fragte sie ihn und lief auf den kahlen, farblos wirkenden Baum zu. Ares folgte ihr. Er blieb hinter ihr stehen und sah zum Baumwipfel auf.

„Ich erinnere mich“, entgegnete er, lief an ihr vorbei und presste seine rechte Hand gegen den Baumstamm. Erneut sahen sie sich in die Augen und lächelten. Doch dann trübte sich Valerias Blick und sie wurde von Trauer übermannt.

„Ich kann einfach nicht glauben, was geschehen ist. Was Maxime getan hat. Ich werde ihren Tod rächen, das steht fest“, äußerte sie und ballte ihre Hände zu Fäusten. Ares schwieg.

Michail beobachtete die beiden. Seine grünen Augen fixierten Ares. Er griff in die Innentasche seines Sakkos und zog ein kleines, abgenutztes Notizbuch hervor. Er blätterte darin, als suche er eine bestimmte Seite. Er betrachtete eine lose, vergilbte Seite und strich mit seinem Finger über die niedergeschriebenen Worte.

 

 

1955.

Valeria hat es satt, alleine zu sein. Sie wettert gegen mich. Ich denke, es ist eine gute Gelegenheit, den nächsten Schritt zu gehen und meine Studien voranzutreiben. In die nächste Phase. Soma und Valeria haben sich prächtig entwickelt. Es wird Zeit, ihnen einen Partner an die Seite zu stellen. Lieber würde ich zwar eine Reproduktion unter ihnen sehen, doch glaube ich kaum, dass die junge Dame mir da zustimmen würde. Sie betrachtet Soma als ihren Bruder.

Lange habe ich überlegt, wie ich an einen Mann für sie und eine Frau für ihn kommen kann. Ich ließ meine Beziehungen spielen, hatte die Hoffnung beinahe aufgegeben. Ich konnte nicht irgendjemanden nehmen. Noch dazu mussten beide hier leben. Es war nicht einfach, doch dann meldeten sich einige gute Kollegen.

Durch den Hinweis eines Bekannten bin ich in der ländlichen Ortschaft Zador’ye fündig geworden. Der Junge ist zwar erst sechzehn, aber gesund, von stattlicher Statur und kräftig. Anfangs dachte ich, es würde problematisch werden, doch seine Mutter, eine in der Siedlung bekannte Säuferin, hatte ihn mir tatsächlich verkauft. Sein Name ist Ares. Ein ungewöhnlicher Name, wie ich finde. Mein Freund Michael will sich um die Partnerin für Soma kümmern. Ich bin auf seine Wahl gespannt.

Der Junge ist still. Er spricht nicht viel, ist aber gehorsam. Auf die Erklärung seiner jetzigen Situation reagierte er nicht. Es war mir jedoch offen gestanden egal. Er hatte eine Funktion zu erfüllen. Alles andere interessierte mich nicht. Valerias weiße Haare, die helle Haut und die blauen Augen, und Ares‘ schwarzes Haar, die grünen Augen, die markanten Gesichtszüge. Ich frage mich, was sich durchsetzen wird.

Valeria reagierte überrascht auf ihn. Der Junge zeigte mal wieder keine Reaktion. Wenn sie ihn nicht akzeptiert, muss ich mir etwas einfallen lassen. Die Partnerin für Soma ist ebenfalls eingetroffen. Ihr Name ist Anisa. Michael sah davon ab, mich mit Details zu ihr zu belästigen. Sie ist achtzehn, groß und schlank. Hat ein wahrlich gebärfreudiges Becken, langes, rotes Haar, Sommersprossen, blaue Augen. Sie wäre nicht meine erste Wahl gewesen, aber ich denke, dass sie ausreichend ist. Sie ist schüchtern, das zeigte sich, als ich ihr Soma vorgestellt habe. Soma wirkte kühl, doch ich denke, alles was sie brauchen, ist etwas Zeit.

Valeria scheint glücklicher zu sein. Sie lacht oft, verbringt viel Zeit mit Ares und Anisa. Ich beobachtete sie dabei, wie sie dem Jungen am alten Kirschbaum das Tanzen beibrachte. Dabei legte sie wirklich viel Geduld an den Tag, besaß Ares kaum ein Talent für rhythmische Bewegungen. Mit Anisa pflückt sie oft Blumen, die sie dann zu Kränzen flechten. Ich würde ihre Beziehung als schwesterlich bezeichnen, wohingegen die Beziehung zwischen Soma und Ares eher nach einer Art Rivalität aussieht. Soma scheint auch Anisa gegenüber eher abgeneigt zu sein. Das Mädchen gibt sich die Schuld dafür. Ich denke, ich werde Soma und Anisa einen gemeinsamen privaten Raum herrichten lassen. Sie müssen sich näherkommen.

 

Ich beobachte Soma immer häufiger dabei, wie er Ares und Valerias Interaktionen mit einer nahezu verbissenen Art verfolgt. Ich schätze, dass er eifersüchtig ist. Noch immer zeigt er kein Interesse an Anisa. Sie berichtete mir, dass er sich weigerte, das Bett mit ihr zu teilen. Ich habe das Gespräch mit ihm gesucht und ihn dazu gedrängt, sie zu schwängern. Meine Geduld neigt sich langsam dem Ende. Während sich Ares und Valeria immer näher kommen, weigert er sich vehement gegen jeden Körperkontakt mit ihr. Das geht so nicht weiter. Ich denke, ich habe ihm die möglichen Konsequenzen seines Verhaltens deutlich machen können. Ich erwarte gute Neuigkeiten von Anisa.

 

Seufzend steckte Michail die Seite zurück in das Notizbuch und klappte es zu. Er sah zu Ares rüber, während er sein Buch in die Tasche des Sakkos steckte. Ein lautes Poltern aus der Ruine zog ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er signalisierte den beiden, still zu sein, und zog einen Adams–Revolver aus seinem Schulterholster. Ares und Valeria näherten sich der Ruine. Sie vernahmen leises Geflüster. Michail rief etwas auf Russisch, woraufhin das Geflüster verstummte. Mehrere Figuren traten an den fensterlosen Rahmen im Erdgeschoss und spähten hinaus. Erneut brüllte ihnen Michail etwas zu. Einer nach dem anderen trat aus dem Rahmen ins Freie. Es waren drei Männer. Mit erhobenen Händen blieben sie im hohen Gras stehen und rührten sich nicht. Den Revolver auf sie gerichtet, näherte Michail sich ihnen. Er begann eine Unterhaltung mit ihnen. Sie betrachtete die Männer und als sie sich auf sie konzentrierte, spürte sie es. Dies waren Abgestoßene. Die drei Männer, die schätzungsweise in ihren Vierzigern waren, sahen mitgenommen aus. Ihre Kleider waren nicht mehr als Lumpen. Ihre Gesichter schmutzig. Vermutlich residierten sie in der Ruine und wurden von dem Trio aufgescheucht. Die Männer unterhielten sich weiterhin mit Michail, bis sich dieser an Valeria wandte.

„Was sind sie? Menschen oder Abgestoßene?“

„Abgestoßene“, antwortete sie ihm.

Michail musterte die drei Männer. Dann spannte er den Hahn und zog diesen zurück. Die Trommel drehte sich, bis diese durch einen Mechanismus in Schussposition blockiert wurde. Die Waffe war schussbereit. Die Männer starrten verwirrt auf den Revolver in seiner Hand. Auch Valeria sah Michail irritiert an. Die drei wurden sichtlich nervös. Einer der Männer begann auf Michail einzureden, doch dieser feuerte einen Schuss ab, der den Mann mit zerzaustem Vollbart knapp verfehlte. Die drei zuckten verängstigt bei dem Knall zusammen.

„Was tun Sie da?!“, schrie Valeria irritiert.

„Wonach sieht es denn aus?“, entgegnete er und zog den Hahn erneut zurück. Bevor ein weiterer Schuss fiel, verteilten sich die drei Männer in der Umgebung. Sie kreisten das Trio ein. Michail zielte erneut auf den Vollbärtigen und drückte ab. Erneut verfehlte er ihn. Dieser schnellte auf den Schützen zu. Ares sprang vor Michail. Der Mann hielt in seiner Bewegung inne und starrte Ares an.

„Hört auf! Und vor allem, hören Sie auf, auf sie zu schießen!“, rief Valeria aufgebracht.

„Bist du verrückt? Das sind Abgestoßene!“, protestierte er.

„Sie haben sich ergeben!“, schrie sie.

Ihre Diskussion endete, als die Körper der Männer wild zu zucken begannen. Die Haut spannte sich und rote Risse bildeten sich auf eben dieser. Sie wurden tiefer und Blut schoss aus den Wunden. Mit geweiteten Augen beobachtete Michail das Geschehen.

„Sie häuten sich“, erklärte er.

Augäpfel platzten und ihre Haut riss auseinander. Blutige Klumpen schälten sich aus den Körpern. Nun standen nackte, mit Blut und schwarzen Adern überzogene, gewaltige Abscheulichkeiten vor ihnen. Glühende Punkte aus den schwarzen Augenhöhlen starrten sie an. Sie waren wie Vincent. Monster. Sie zogen sich die letzten Hautfetzen vom Körper und atmeten in einem beängstigenden Geräusch aus. Die scharfen Zähne des einstigen vollbärtigen Mannes stießen bedrohlich gegeneinander. Die schwarzen Adern begannen zu pulsieren. Michail gab erneut einen Schuss ab, der das Ungeheuer vor ihm verfehlte. Verständnislos sah Ares den blonden Schützen an.

„Zielen Sie überhaupt?“, maulte er.

„Natürlich ziele ich!“

„Dann treffen Sie doch auch, verdammt nochmal!“, wies er Michail zurecht.

Die Kreatur vor ihnen begann in ihrer monströsen Tonlage zu sprechen. Die beiden anderen standen still um Valeria und Michail herum.

„Was sagt er?“, fragte sie verständnislos.

„Er hat gesagt, dass wir unsere Tat bereuen werden. Dass sie sich weder einfangen noch umbringen lassen“, wiederholte Michail.

„Unsere Taten?“, zischte Ares abwertend und sah Michail über seine Schulter an.

„Ihr seht doch selbst, was sie für Gestalten sind. Sie töten, trinken Blut. Sie am Leben zu lassen ist keine Option oder könnt ihr damit leben, unschuldige Menschen dem Tod überlassen zu haben?!“, wetterte er dagegen.

„Diese Exemplare können nicht mehr zu ihrer menschlichen Gestalt zurückkehren. Wollt ihr sowas ernsthaft auf Menschen loslassen?!“

Die lautstarke Schilderung Michails wurde durch einen furchterregenden Schrei seines Gegenübers unterbrochen. Wie wilde Tiere in einem Rudel stimmten die anderen beiden mit in das erschreckende und ohrenbetäubende Geheul ein. Im Einklang fuhren sie scharfe, schwarze Krallen aus ihren Fingerkuppen und stürmten auf das Trio zu. Ares stoppte sein Gegenüber noch im Sprung. Sie rangen miteinander. Michail zielte unbeirrt auf Ares‘ Gegner.

„Nicht schießen!“, schrie ihn Valeria an, die die anderen beiden gleichzeitig abwehrte und ihren Angriffen auswich. Fragend sah er sie an.

„Ich schwöre, wenn Sie Ares treffen…“, gab sie ihm warnend zu verstehen.

Michail zog sich von den Kämpfenden zurück und wartete auf einen Moment der Unachtsamkeit ihrer Gegner. Er richtete den Lauf seines Revolvers abwechselnd auf die Abgestoßenen. Ares brach seinem Gegner beide Arme und schlug unbeirrt und in einer grausamen Härte auf dessen Schädel ein, bis auch dieser geräuschvoll brach. Der Körper sackte zu Boden, war allerdings bereits dabei, sich zu regenerieren. Michail zielte und feuerte eine Kugel ab, die in den gebrochenen Schädel des Ungetüms eindrang, und diesen in tausend Teile sprengte. Ares nutzte den Moment, um die Brust zu durchbohren, das Herz zu greifen und es noch in seiner Brust zu zerquetschen. Als er seinen Arm aus der Brust des nun toten Monsters entfernte, war dieser samt Ärmel blutverschmiert. In der Zwischenzeit wehrte Valeria noch immer beide Angreifer ab. Trotz dass sie sie beide zeitgleich angriffen, bewegte sie sich blitzschnell und entzog sich elegant jedem Treffer. Ares stürmte auf die beiden zu und schleuderte den linken mit enormer Wucht in die ohnehin schon zerstörte Ruine. Die Mauern stürzten ein und vergruben den Abgestoßenen. Michail schoss auf Valerias Angreifer und traf ihn am rechten Oberarm. Die Explosion trennte den Arm ab und ließ Valeria kurz zurückschrecken. Der Abgestoßene nutzte den kleinen Moment ihrer Unachtsamkeit und verbiss sich gnadenlos in ihrer Kehle. Sie stürzten gemeinsam zu Boden. Noch bevor sie ihn von sich stoßen konnte, riss er ihre Kehle auf und labte sich an ihrem Blut.

Das Blut färbte ihr weißes Haar dunkelrot. Michail schoss erneut, verfehlte jedoch. Wutentbrannt stürmte Ares auf die Abscheulichkeit zu, packte diese ebenfalls an der Kehle und zog sie von Valeria. Er brach ihr das Genick, ließ den Körper fallen und begann, kochend vor Zorn, den Oberkörper mit bloßen Fäusten zu zerschmettern. Der Anblick dieser unkontrollierten, blanken Wut und die enorme Kraft, die mit erschreckender Leichtigkeit den Brustkorb der Kreatur eindrückte, trieb Michail den Angstschweiß auf die Stirn. Ares‘ Gesicht war vor Hass schrecklich verzerrt. Einzig die Berührung von Valerias Hand auf seiner Schulter ließ ihn sich beruhigen. Er ließ von ihm ab und entfernte sich langsam. Valeria, deren Brust, Hals und einige Stellen ihres Gesichts blutverschmiert waren sah, auf den Körper hinab. Der Abgestoßene begann wild zu zucken, seine Gliedmaßen verkrampften sichtbar. Die schwarzen Adern färbten sich eisblau. Er röchelte, stieß Schmerzenslaute aus, bis er sich nicht mehr rührte. Erstaunen zeichnete sich auf Michails Gesicht ab. Der Abgestoßene, der Valerias Blut trank, starb offensichtlich daran. Ares blieb nicht lange stehen. Er kehrte dem toten Ungeheuer den Rücken zu und wand sich dem regungslosen Abgestoßenen unter den Trümmern der Ruine zu. Er stemmte einige Steine und Balken beiseite, bis er die Kreatur fand. Eiskalt trieb er seine Faust in dessen Brustkorb und versetzte ihm den Todesstoß.

Ares stand regungslos in der Ruine. Sonnenstrahlen fielen durch einen Spalt im Mauerwerk und schienen auf ihn herab. Mit blutverschmierten Armen stand er stumm da und atmete tief durch.

 

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