GeisteskrankheitMittellang

Teleshopping

So, nun ist es wieder so weit. Mein Name lautet Florian Maier und gleich steht mein ganz persönliches ‘Tages-Highlight’ wieder an, auf welches ich schon sehnsüchtig und den ganzen Tag gewartet habe. Ich nehme mir ein kaltes Bier aus dem Kühlschrank, eine leckere Tüte salziger Chips und setze mich in einer Decke eingehüllt, gemütlich vor den Fernseher. Die Lichter in meiner Wohnung sind alle ausgeschaltet. Das soll zwar nicht so gesund für die Augen sein, doch ich finde es so wesentlich gemütlicher. Das Haus habe ich über das Wochenende ganz für mich alleine, denn meine Eltern mussten geschäftlich ins Ausland verreisen. Und nun ja, ich hüte sozusagen solange die Bude.
Ich kann über das gesamte Wochenende tun und lassen, worauf auch immer ich Lust habe. Ich kann so lange auf bleiben wie ich will, ich kann mir Alkohol oder Zigaretten besorgen, ich könnte Freunde zu einer Party einladen oder sonst was treiben. Einfach alles steht mir offen.

Es ist jetzt 00:03 Uhr. Für manche Menschen ist jetzt vielleicht Schlafenszeit, doch nicht für mich. Denn ich stürze mich gleich in die Film,- und Fernsehwelten und liebe es, dies in der stillen Nacht zu tun. Wenn es Draußen totenstill ist und der schützende Schleier der Nacht jeglichen gesellschaftlichen Druck ausmerzt, der auf einem liegt, wenn es Tag ist und alle Anderen wach sind.
Es ist schwierig, dies richtig zu Beschreiben, doch vielleicht versteht der Ein oder Andere worauf ich hinaus will.
Niemand kann einem Sechstklässler wie mir jetzt noch irgendwelche Vorschriften machen. Ich greife mir die Fernbedienung und drücke auf die Einschalttaste. Sofort erscheint auch schon das Fernsehbild. Der Ton ist ein bisschen laut, ich stelle ihn leiser. Ich zappe ein wenig durch das Fernsehprogramm.

Bis jetzt habe ich noch nichts besonders sehenswertes für mich entdecken können. Es läuft das übliche Programm: Von irgendwelchen Doku-Soaps, Seifenopern, Kochsendungen bis hin zu diversen Blockbustern und Mitternachtspornos. Doch bei keinem der genannten Fernseh-Genre bleibe ich stehen. Stehen bleibe ich dieses eine Mal, bei einem, für meine bisherigen Verhältnisse völlig unspektakulären Programm. – Es ist ein Teleshopping-Kanal. Der Kanal läuft unter dem Namen „666-Now“. Völlig unpassend und dämlicher Name, wie ich finde. Doch der Inhalt scheint mal normal zu sein.

Präsentiert und in die Kamera gehalten wird gerade ein elektrischer Schlankmach-Gürtel. „Nehmen sie mit Hilfe dieses Wundergürtel innerhalb von nur zwei Wochen problemlos über zwanzig Kilo ab!“ Links im Bild wird die Nahaufnahme eines üppigen Bierbauches dargestellt, rechts im Bild ein flaches und durchtrainiertes Sixpack. Es trägt natürlich den vibrierenden Schlankmach-Gürtel. „Die üblich psychologischen Verkaufstricks…“
Sage ich zu mir selbst und betrachte dabei mein Bier mit runzelnder Stirn. Weiter heißt es: „Wenn sie jetzt sofort innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden Anrufen, sparen sie ganze fünfzig Prozent! Das sind über zweihundert Euro und sie bekommen eine Ersatz-Fernbedienung gratis dazu! Ist das nicht klasse, Rebekka?“
Eine Frau stößt nun von irgendwo zur Bühnenpräsentation hinzu. Sie sagt:“ Ja richtig Wolfgang! Clevere Schnäppchenjäger schlagen hierbei natürlich sofort zu!“ Daraufhin und völlig unerwartet, schlägt der Werbepromoter „Wolfgang“ seiner Assistentin breit grinsend gegen den Oberarm.

„Hahaha, nur ein kleiner Scherz!“ Sagt Wolfgang kichernd. „Der Schlag eben sah aber ein wenig fester aus, wie nur ein kleiner scherzhaftes Kumpel-Hieb gegen den Oberarm. Wenn das ein Scherz sein sollte, ich fand Ihn nicht lustig, eher peinlich. Was für eine seltsame Verkaufs-Show.“ Urteile ich in Gedanken, während ich mir noch eine Ladung Chips in den Mund stopfe. Die Assistentin des Promoter reibt sich den geschlagenen Arm. Und ich meine dabei für einen winzigen Augenblick ein gequältes Lächeln auf Ihren Lippen gesehen zu haben, ehe sich die Assistentin auch schon wieder aufrappelt und erneut den Zuschauern Ihr aufgesetztes ‘Verkäufer-Lächeln’ präsentiert.

Dieser Werbepromoter „Wolfgang“, er kommt mir die ganze Zeit schon eigenartig vor. Ja, fast schon etwas unheimlich. Mit seiner Troll artigen Stimme, seinen Stahlblauen Augen, seinen öligen nach Hinten geschmierten Haaren und seinem extrem breiten Grinsen, welches gefühlt immer breiter und breiter wirkt und es so scheint, als würde es ihm jeden Moment aus dem Gesicht springen. Manchmal habe ich das Gefühl, er sieht mir direkt in die Augen, spricht mich direkt durch das TV-Gerät an.
Das ganze ist aber vermutlich wohl nur meine Einbildung.

Die Verkaufsshow geht weiter. Die nächsten Produkte, welche präsentiert werden, sind eine Gemüseschneide-Box, ein multifunktionaler Wäscheständer und ein batterieloser Ventilator. Dann heißt es noch Sonderangebot hier, Sonderangebot da, das Angebot der Woche, unglaubliche Preisreduzierungen und so weiter und sofort. Eben das gesamte Repertoire aller Marketing-Spielereien.

Doch dann, kurz bevor mich der Teleshopping-Sender zu langweilen beginnt und ich mich dazu entschließe, das TV-Programm wieder zu wechseln: „Liebe Leute, wir kommen jetzt zum nächsten verfickten Produkt!“ Dabei fällt mir die fast leere Bierdose aus der Hand, auf den Boden. „Habe ich mich da eben verhört…? Hat der Verkaufstyp gerade wirklich ver… gesagt? Auf einem Teleshopping-Kanal…? Ist das eine Art Satire-Sender? Ich glaube, ich sollte das in Zukunft besser sein lassen. Bier in meinem Alter verträgt sich noch nicht so gut.“ Dachte ich perplex.

Für einen winzigen Moment, nur etwa für den Bruchteil einer Sekunde, rauscht das Bild in einem glasigen roten Farbton, während wie bei einem Übertragungsfehler, der Bildinhalt zu unkenntlichen und wellenartigen Mustern verzerrt.
Anschließend ist das Bild wieder völlig normal. Wolfgang positioniert sich nun direkt vor die Kamera: „So werte Zuschauer…Wir kommen nun zum Highlight der heutigen Sendung.“ Daraufhin scheint Wolfgang irgendein Gerät auf die Präsentationsbühne herbei zu winken: „Los, los! Bringt das gute Stück schon her! Die Zuschauer müssen dieses einmalige Weltklasse-Produkt um jeden Preis sehen! Es kann sich schließlich nicht jeder leisten, Nachts um Halb Eins, faul vor der Kiste Bier zu trinken und Chips zu essen, nicht wahr?“ Wolfgang und Assistentin Rebekka brechen darauf hin in Gelächter aus. Ich muss schwer schlucken und ein Ruck geht durch meine Magengegend. „Nein, das kann nicht sein…“ Denke ich und werfe mir, in einem zunehmend unwohl werdenden Gefühl einen prüfenden Blick über meine Schultern nach Hinten, quer durch das dunkle Wohnzimmer.

Doch da ist nichts. Alles scheint normal und unverändert. „Natürlich ist da nichts. Kein Grund gleich in Panik zu verfallen. Das war nur ein dummer Zufall! Genau, ich schalte diesen Blödsinn jetzt einfach ab.“ Sage ich zu mir Selbst und drücke auf den Knopf der Fernbedienung.

Doch nichts passiert.

Ich drücke wiederholt mehrmals auf den Knopf, wobei ich mich blitzartig vom Sofa erhebe und die Fernbedienung fast schon Zentimeter nah an den Fernsehbildschirm halte. Die Fernbedienung reagiert nicht mehr. „Das gibt es doch nicht?! Wieso kann ich das Programm nicht mehr wechseln?!“ Sage ich gereizt im lauten Ton.

Die Verkaufsshow läuft weiter. Nun strömen mehrere Männer in blauen T-Shirts und blauen Schildmützen auf die Show-Tribüne. Sie transportieren ein seltsames Teil und stellen Dieses auf dem Präsentationstisch ab. Ich bekomme ein mulmiges Gefühl, kann den Blick gerade jedoch nicht vom flimmernden Bildschirm abwenden. Bei diesem „Produkt“, welches gerade auf die Bühne geschleppt wurde, handelt es sich um eine seltsame Konstruktion mit befestigten Lederschnallen, in der, wie bei einer Schiene etwas längliches wie ein Arm oder dergleichen, platziert werden kann. Das allein wäre nicht so verstörend, wenn am anderen Ende dieses Apparates, nicht diese mit Klingen gespickte Fleischwolf-Luke platziert wäre. Das ganze Teil sieht sehr billig verarbeitet aus. Verschleißspuren sind hierbei kaum zu übersehen. Die Platte, auf der das Alles implementiert ist, wirkt alt und rostig und diverse Schrauben, ragen an manchen Stellen heraus. Das ganze wirkt etwas wie ein Folterinstrument aus dem Mittelalter. Mit ein paar Kabeln und Knöpfen dran.

„Los geht’s, Rebekka! Zeigen wir unseren Zuschauern was unser neues Super-Produkt, ‘Der Handknochenschäler’ alles drauf hat!“ Wolfgangs Augen funkeln dabei. Während Sie euphorisch vor das Gerät hüpft, antwortet Rebekka: „Ja, richtig! Dieses Wunderstück gehört natürlich in jeden Haushalt!“ Rebekka beginnt nun damit, Ihren rechten Arm nach vorn von sich weg über den Tisch zu strecken und lässt Diesen von den Männern in Blau, in der seltsamen Konstruktion mit Hilfe der Lederschnallen festschnallen.

Kalter Schweiß läuft mir vom Genick. Doch ich bin wie gebannt von dem, was jetzt folgen wird und kann meinen Blick nicht mehr dem Fernsehgerät entziehen. Rebekka hängt nun halb vorne über gebeugt an der Tischkante. Ihr rechter Arme ist jetzt vollständig an den Schnallen auf der länglichen Metallschiene befestigt worden. Wolfgang fragt: „Na Rebekka? Bist du bereit unseren wertgeschätzten Kunden eines unsere besten Produkte vorzuführen?“ Rebekka sieht zum Verkaufspromoter hoch und antwortet mit Ihrem aufgesetzten Verkäufer-Grinsen: „Natürlich bin ich das! Los geht’s!“
Das lässt Wolfgang sich nicht zwei Mal sagen. Er bedient einen Schalter am Gerät, der die gespickten Fleischwolf-Klingen in Bewegung setzt. Die Klingen beginnen erst langsam, dann immer schneller werdend, zu rotieren. Wie ein übergroßer Mixer, der langsam in Richtung Rebekkas festgeschnallte Hand zu kommt. Die rotierenden Klingen hören sich an wie ein laufende Akkuschrauber.
Die mit messerscharfen Klingen gespickte Luke hat Rebekkas befestigte rechte Hand fast erreicht. Rebekkas rechte Hand dringt nun mit mehrmals knirschendem und zerfetzenden Geräuschen in den Fleischwolf ein. Blut schießt aus der Luke und färbt Rebekkas gesamten Kopf und Oberkörper rot. Sie schreit wie am Spieß. Mit entsetzter Mimik, und großen hervorquellenden Augen trete ich ganz langsam, ein paar Schritte vom flimmernden Bildschirm zurück. Ich starre wie gebannt auf das, was da gerade auf dem Fernsehsender „666-Now“ passiert.

Dann ist die „Vorführung“ endlich vorüber. Die Männer in Blau entfernen die Schnallen. Rebekka sackt sofort auf Ihre Knie zusammen. Am ganzen Körper zitternd, mit weinerlich und gequältem Gesichtsausdruck, betrachtet Sie Ihren jetzt nur noch vorhandenen Stummel-Arm. Ihre rechte Hand wurde vollständig abgetrennt. Einzelne kleine Blut-Fontänchen spritzen noch in unregelmäßigen Abständen aus dem Stumpf.

Als sich mir dieser Anblick bietet, falle ich auf alle Viere und übergebe mich sofort. Verstört, von dem, was ich mir da gerade gezwungener Weise angesehen habe, beschließe ich den Stecker vom Fernseher zu ziehen. Ich krabble im Schneckentempo, mich weiterhin auf allen Vieren befindend, hinter den Fernseher. Wo sich das Kabel befindet. Ich ziehe es heraus.

Doch…

Wolfgangs Stimme ist Nach wie Vor zu hören. Ich bin am Ende, als ich feststelle, dass der Fernsehsender „666-Now“ – ohne Stromversorgung immer noch läuft. Ich verliere die Beherrschung und rüttle wie wild aus reiner Irrationalität am Fernsehbildschirm herum. „N-Nein, Verdammt nochmal! Das kann nicht sein?! Wieso gehst du nicht einfach aus?!“ Brülle ich die Flimmerkiste an. Die Kamera schwenkt nun, von der in sich zusammen gesackten Rebekka weg, hin zum breit grinsenden Verkaufspromoter Wolfgang. Sein Gesicht ganz in Nahaufnahme. „Ist das nicht toll? Bestellen sie direkt innerhalb der nächsten zehn Minuten und sie bekommen ganze zwei  ‘Handknochenschäler’ zum Preis von nur Einem, und erhalten für die Bestellung danach sogar noch einen Rabatt von zwanzig Prozent! Lassen sie sich dieses einmalige Angebot nicht entgehen!“ Spricht Wolfgang in die Kamera, als würde es sich um eine stinknormale Verkaufspromotion handeln.

Nach diesem Satz, war wieder für einen kurzen Moment dieses rötliche Störsendesignal in der Fernsehübertragung zu sehen. Dann ist das Bild wieder flüssig.

Allerdings… Allerdings hat sich Irgendetwas nun komplett verändert. Etwas… in der Atmosphäre. Die Stimmung der Show ist jetzt nicht mehr erheiternd fröhlich, sondern auf einen Schlag eher bedrückend und düster. Das gesamte Bühnenlicht der Verkaufsshow wird heruntergefahren und der Raum verdunkelt sich. Das Set versickert nun gänzlich in Dunkelheit. Rötlicher Bühnennebel breitet sich aus. Die einzige Lichtquelle ist jetzt nur noch das Scheinwerferlicht, in welchem Wolfgang nur still und regungslos stehen bleibt. Sein Kopf ist gesenkt, die Schultern hängen schlaff. Sein Gesicht ist nicht zu erkennen, denn er steht jetzt mit dem Rücken gerichtet zur Kamera.

Diese vom Scheinwerferlicht hervorstechende Silhouette in dieser absoluten Schwärze, umgeben von diesem rötlichem Bühnennebel, ergeben ein zutiefst verstörend und furchterregendes Bild.

Dann Stille. Für mehrere Minuten.

Es ist kein einziger Mucks mehr zu vernehmen. Nur das Übertragungsbild ist wieder mehrmals am Rauschen. Schließlich beginnt Wolfgang sich leicht zu regen und den Kopf wieder empor zu heben. Sein Gesicht ist immer noch im Schatten verborgen und nicht zu erkennen.

Auf einmal dreht sich die in Dunkelheit gehüllte Silhouette um. Sein Gesicht ist noch zu weit auf Distanz und noch zu weit von der Kamera entfernt, als dass man etwas genaueres erkennen könnte. Doch ich spüre einfach, dass er mich genau jetzt, in diesem Moment direkt anstarrt. Nun beginnt er zu marschieren. Mit großen gebogenen Schritten, fast wie eine Art irrer Zirkusclown, setzt sich Wolfgang in Bewegung. Er stapft direkt voran in Richtung Kamera. Sein Blick ist dabei voll und ganz auf die Kameralinse gerichtet. Sein Gesichtsausdruck ist inzwischen immer klarer zu erkennen.

Eines ist sicher: So einen dämonisch zornigen Gesichtsausdruck werde ich so schnell nicht wieder vergessen. Sein Kopf ist übersät mit widerlich dicken und blauen Adern. Die Augen sind blutunterlaufen.

Angsterfüllt und mit geweiteten Augen weiche ich zurück, wie wenn ein Monster vor mir stehen würde, und stoße dabei versehentlich meinen Tisch um.

Der psychopathische Verkaufspromoter drückt sein Gesicht nun direkt an das Kameraglas und füllt das komplette Bild mit seinem Gesicht aus. Er atmet dabei tief und schwer, in großen Zügen ein und aus. Was das Kameraglas an seinem Mundbereich beschlagen lässt. Sein Blick so bösartig und finster, wie direkt aus der Hölle. Er fletscht die Zähne. „Ja genau du! Du da, ich weiß ganz genau, dass du mir gerade zusiehst!! Florian Maier, Hügelstraße 23!! Florian Maier! Maier Maier Florian! Hat keine Eier!!“ Schwadroniert der irre Promoter in die Kamera. Ihm läuft während seines Ausbruchs Speichel am Mundwinkel herunter. Seine bisher zurück geschmierte Frisur, hängt ihm nun in fettigen Strähnen ins Gesicht. Er beginnt diabolisch in die Kamera zu lachen.

Daraufhin, nehme ich mir wie aus dem Nichts, eine Topfpflanze und schlage mit dem Topf voraus, den Fernsehbildschirm ein. Das Fernsehgerät ist nun vollständig zerstört.

„Es ist vorbei…“ Sage ich mir, in meiner Erleichterung mit geschlossenen Augen. Welche ich im nächsten Moment sofort wieder öffne.

Es hat eben an der Tür geklingelt.

Um 00:44 Uhr….

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