
Vertrauensprobleme
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Als das Licht anging und den schützenden Mantel der Dunkelheit zerriss, war ihm, als würde in seinem Innersten ebenfalls etwas zerreißen. Mit versteinerten Gesichtszügen stand Lars in der Tür, blickte auf die Szenerie vor ihm. Lasse, sein Bruder, und seine Frau Mia. Seine Frau. In ihrem, ihren gemeinsamen Bett. Nein, „seine“ Frau konnte er sie nicht nennen, wurde ihm klar, während er mit einem bitteren Gefühl das glückliche Lächeln auf ihrem Gesicht betrachtete, wie sie sich im Schlaf an den Körper neben sich schmiegte.. so glücklich…
Als würde sie seine Blicke spüren, als würden seine Blicke sie mehr stören als das grelle Licht im Zimmer, hob sie jetzt den Kopf und sah ihn verschlafen blinzelnd an. „Geh wieder“, murmelte sie und hatte sich schon im nächsten Moment wieder eng an den Mann neben ihr gekuschelt. Wie einen Eindringling schickte sie ihn aus seinem eigenen Zimmer heraus. Lars blieb stehen, Wut und Enttäuschung schwappten in ihm hoch. Er war nicht überrascht, er hatte eigentlich schon so lange damit gerechnet, aber das machte es nicht besser, nein, er wollte schreien, weil er es schon so lange gewusst hatte, weil er sich immer wieder eingeredet hatte, er wäre nur paranoid, hätte einfach Probleme damit, anderen zu vertrauen. Jetzt stand er da und sein schlimmster Albtraum war Wirklichkeit geworden. Neben seinem Zorn und seiner Trauer machte sich eine gewisse Hilflosigkeit in ihm breit, darüber nachgedacht, was er in einer solchen Situation tun würde, hatte er nie. Er wollte weinen, schreien, lachen, weil das alles, jetzt da er Gewissheit hatte, so viel unwirklicher schien als vorher, wollte irgendetwas zerstören, um dieses Gefühlschaos herauszulassen und während die Emotionen sein Denken immer mehr vernebelten, merkte er kaum, wie sich das Zimmer um ihn herum langsam wieder in Dunkelheit auflöste.
Nach einer Weile wurde Lars bewusst, dass er auf dem Rücken lag. Unter sich eine weiche, bequeme Matratze. Verzweifelt versuchte er sich daran zu erinnern, wo er sich befand; erst als er die völlige Kontrolle über seinen Körper wiedererlangt hatte und den Kopf nach links drehte, wo er im Dunkeln unklar Mias Silhouette friedlich neben sich liegen sah, begann er, sich langsam zu entspannen.
Wann hat sie wegen dir das letzte mal so glücklich ausgesehen? Die Zweifel schlichen sich langsam zurück in seinen Kopf. Vor einer Ewigkeit. Und das schlimmste war, er konnte es verstehen. Er war nichts besonderes. Überhaupt nicht, nur ein ganz normaler Mensch. Anders als… Die Bilder aus seinem Traum verharrten noch immer in seinem Kopf, hatten nicht die Gnade, sich wie üblich in Rauch aufzulösen. Sein Bruder. Lasse. Adoptivbruder – nach dem ersten Versuch (missglückten Versuch) hatten ihre Eltern wohl auf Nummer sicher gehen wollen – deswegen auch zwei so ungewöhnlich ähnliche Namen.
Stück um Stück entfernte er sich wieder von dem Bett, in dem er lag, versank in seinen immer trüberen Gedanken.
Lars und Lasse. Kleine Geschwister stehlen einem manchmal die Aufmerksamkeit der Eltern, Lasse war schlimmer gewesen. Beliebter, klüger, hübscher, stärker. Besser. Von Anfang an in allem besser. Er hatte ihn aus seinem Freundeskreis verdrängt. In der Schule immer in den Schatten gestellt. Seit Lasse aufgetaucht war, war er niemand mehr gewesen. (Niemand.) Nur noch Lasses Bruder. Lasse mit seinen durchdringenden, eisblauen Augen, dem ansteckenden Grinsen, das ihn irgendwie nie verlassen zu schien, den dunkelblonden langen Haaren, die sogar völlig durcheinander gut aussahen. Lars hasste dieses Gesicht. (Dieses perfekte Gesicht.) Wie Mia ihn angesehen hatte, als die beiden sich endlich kennenlernen mussten. Fasziniert. Geradezu sichtbar angezogen von seiner Ausstrahlung. Lars hatte das Gefühl gehabt, in diesem Moment plötzlich auch für Mia nur noch Lasses Bruder zu sein. Seine Mia. Die ihn an diesem wundervollen Abend am Strand das erste mal geküsst hatte. Die mit Freudentränen in den Augen ja gesagt hatte, als er sie schließlich irgendwann mit dem Ring überraschte. Die neben Lasse im Bett lag und ihn (Lasses Bruder) wegschickte.
Lars musste beinahe leise auflachen. Er wusste, dass er Vertrauensprobleme hatte. Genauso gut wie er wusste, dass Mia ihn nicht betrogen hatte. Sein Unterbewusstsein wusste das leider nicht und zeigte ihm seine Frau, wie sie letztens unter ihm gelegen hatte, die Augen geschlossen und lustvoll seinen Namen stöhnend. …ohh Lars… (Seinen Namen?) In seiner Vorstellung war es definitiv nicht sein Name. In seiner Vorstellung stöhnte sie etwas anderes. (Lasse.) Der Schmerz der Erkenntnis ließ ihn innerlich zusammenschrumpfen. Nicht nur innerlich. In Gedanken liebte sie gerade nicht ihn, sondern seinen Bruder. (Lasse.) Hatten sie es getan oder träumte sie nur davon? Lars sah in ihr wunderschönes Gesicht (viel zu schön für ihn) und sein anfänglicher Schmerz verwandelte sich mit beängstigender Geschwindigkeit in brodelnde Wut. Er war wie im Rausch, als er ihren hübschen schlanken Hals umgriff (gefällt dir das?) und zudrückte. Ihr Stöhnen wurde zu panischem Keuchen und sie riss erschrocken die Augen auf. Jetzt war es eindeutig sein Name, den sie schrie.
Dunkelheit. Mias Hals war nicht mehr zwischen seinen Händen, aber er hatte immer noch das Gefühl, als müsse er sie erwürgen. Noch etwas stimmte nicht, es fühlte sich so an, als würde er jetzt einen Pyjama tragen.
Er verstand, noch bevor er sich ganz zur Seite gedreht hatte und sein Blick wieder auf seine Frau fiel. Lars‘ Zorn legte sich, während er Mias Hinterkopf betrachtete. Er hatte das Bedürfnis, die Hand auszustrecken und über ihre seidig weichen Haare zu streichen, aber er wagte es nicht. Die wenigen Zentimeter zwischen ihnen waren unüberwindlich, egal wie sehr er versuchte, ihr zu vertrauen. Sie würde es nicht wollen (würde ihn wegstoßen). Schließlich läge sie sonst in dieser kalten Nacht gar nicht so weit weg von ihm, oder? Aber das tat sie schon seit längerer Zeit immer. Wenn sie ihn nicht mehr liebte, würde er das doch wissen, oder? (Warum verließ sie ihn nicht?) Sie war bei ihm. (Im Moment…) Sie war immer noch bei ihm. (Um ihn auszunutzen?) Lars versuchte, diese Gedanken abzuschütteln, aber es gelang nicht. Mia konnte ihn schlecht ausnutzen, er hatte nicht einmal Geld. (Ja, Lasse hatte mehr.) Vertrauensprobleme. (Vielleicht wartete sie nur auf den richtigen Moment, um ihn zu verlassen?) Für so etwas gab es keine richtigen Momente. Beschissene Vertrauensprobleme. Er versuchte sich zu entspannen, auch wenn er nicht mehr wirklich darauf hoffte, diese Nacht noch Schlaf zu finden. Bilder von Lasse wanderten wie kurze Filmausschnitte an seinen Augen vorüber. Lasse, der zum Abendessen bei ihnen war. (So viel Mühe wie damals hatte Mia sich noch nie in der Küche gegeben.) Lasse, der ständig zu Besuch war. (Sie hatte ihn eingeladen. Weil er doch dein Bruder ist.) Und wenn Lasse einmal nicht da war, redete Mia über ihn.
Lasse hat neulich erzählt…
Weißt du, ob Lasse am Wochenende Zeit hat?
Wusstest du eigentlich, dass dein Bruder…
Willst du nicht einmal zusammen mit Lasse auf die Jagd gehen?
(Mia war Tierfreund.)
(Nicht mehr. Wenn Lasse jagen geht, ist das wohl etwas aufregendes.)
Ihm fiel auf, dass sich seine Hände zu Fäusten geballt hatten. Er löste sie, versuchte, sich zu beruhigen. Er wusste, dass er nur Vertrauensprobleme hatte. Mia war Vegetarierin. Mia wollte ihn überreden, jagen zu gehen. (Es gibt keinen richtigen Moment, um jemanden zu verlassen…?) Die Vorstellung lähmte ihn. Nein, das war lächerlich. Aber so ergab plötzlich alles einen Sinn. Er wusste, dass er sich so etwas nur einbildete. Dass er einfach nur Vertrauensprobleme hatte. Er wusste das tief in seinem Inneren schon länger und dann hatte Mia es auch gesagt. Mia hat gesagt, du hast Vertrauensprobleme.)
Nein. Das war absurd. Lars richtete sich auf, seine Arme zitterten leicht, als er sich abstützte. Lasse und Mia, die miteinander im Bett lagen. Der Pyjama klebte an seinem verschwitzten Körper. (Vielleicht ist es doch keine Einbildung.) Verwirrt stieg er aus dem Bett und stolperte auf wackligen Knien durch das finstere Zimmer. Er musste an seine Frau denken, wie sie mit ihren letzten Atemzügen seinen Namen röchelte. (Krank.) Vertrauensprobleme. Das Wort war nur noch eine leere Hülle. Die beiden betrogen ihn (oder?), egal ob er Vertrauensprobleme hatte oder nicht. (Du bist trotzdem krank.) Er musste raus aus diesem Zimmer, sich etwas zu trinken holen oder so.
Als Lars die Tür öffnete und das Schlafzimmer verließ, wo ihm frische Luft entgegenschlug, bemerkte er erst den beißenden Gestank, aus dem er gerade herausgetreten war. Es dauerte einige Sekunden, aber dann fiel ihm wieder ein, was er vor ein paar Tagen getan hatte, kurz nach Lasses kleinem Jagdunfall.