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Vitium

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Stöhnend schlug ich die Augen auf. Was genau es war, das mich schließlich weckte, konnte ich nicht sagen. Entweder der trockene Mund, das Dröhnen in meinem Kopf, die Nadelstiche, die meine eingeschlafenen Gliedmaßen malträtierten, oder alles zusammen. Ich legte eine Hand auf meinen pochenden Schädel. Oder versuchte es zumindest. Meine Arme waren an die Lehnen eines unbequemen Stuhls gefesselt. Ebenso war es meinen Füßen mit den Stuhlbeinen ergangen. Das diffuse Licht einer Kerze, die auf einem kleinen Tisch stand, ließ mich ein wenig meiner Umgebung erkennen. Dahinter wurde alles von der Dunkelheit verschluckt. Eine Gestalt trat in das Licht. Ein Junge. Höchstens Anfang 20, seinem schlaksigen Körper nach zu urteilen, der den letzten Wachstumsschub noch nicht ganz verarbeitet hatte.

„Guten Abend, Herr Maier.“

„… Müller.“ Die Korrektur war mir herausgerutscht, bevor ich es verhindern konnte. Offenbar aus dem Konzept gebracht schaute der junge Mann irritiert auf. 

„Was?“  

„Äh… ich heiße Müller.“

„Oh… ja, natürlich… Müller. Sie wissen, wieso Sie hier sind?“

„Eigentlich nicht.“ Diese Antwort schien ihn noch mehr aus dem Konzept zu bringen. Mit zitternden Fingern fuhr er sich durch die halblangen Haare. In seinen Augen begann leichte Panik zu glänzen. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich dem Jungen einen Blackout erster Güte bescheinigt.

„Ähm… okay. Sie sind hier, weil… weswegen sind Sie hier… ah! Wegen ihrer Frau!“

„Ich bin Single.“

„Eh… natürlich…“ Er räusperte sich nervös. So hilflos, wie er wirkte, vergaß ich für einen Moment meine prekäre Lage.

„Ist… alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Was? Äh, ja… ich meine…“

„LICHT!“ Geblendet kniff ich die Augen zusammen, als auf den Ruf hin mehrere Scheinwerfer aufflammten. Angestrengt versuchte ich in dem grellen Licht etwas zu erkennen. Der Raum war größer, als ich erwartet hatte. Etwa ein Dutzend Personen standen in einem lockeren Halbkreis um mich herum. Einige betrachteten mich mit seltsamen Blicken, aber die meisten hatten ihre Aufmerksamkeit auf einen untersetzten, älteren Mann gerichtet, der sich gerade zu der Gruppe umgedreht hatte.

„Kann mir jemand sagen, was er falsch gemacht hat?“

„Alphabetisch, oder in chronologischer Reihenfolge?“ Unterdrücktes Lachen raunte durch die Gruppe. Wer gesprochen hatte, ließ sich nicht ausmachen. Auch der untersetzte Mann schmunzelte ein wenig. Die ganze Sache war so abstrus, dass sich mein Hirn weigerte, sie voll zu erfassen. Was zum Teufel ging hier vor?

„Fangen wir doch mit dem größten Fehler an.“

„Er war nervös.“

Der Mann hob einen Finger und begann, vor der Gruppe auf und ab zu schreiten, während er dozierte.

„Sehr gut, Paris. Nervosität! Der Anfang vom Ende einer jeden Informationsbeschaffung. Sie führt zu Unsicherheit, Unkonzentriertheit und Ungenauigkeit. Schlicht: zu Fehlern. Und Fehler können wir uns in diesem Metier nicht leisten!“

Wieder lief ein Raunen durch die Menge. Aber diesmal war es anders. Angespannt. Abwartend. Der Junge, der noch immer abgesondert neben dem Stuhl stand, auf dem ich festgemacht war, trat unruhig von einem Fuß auf den anderen. Eine ungute Vorahnung beschlich mich. Und diesmal galt sie nicht mir, auch wenn ich nie erwartet hätte, mal Sorge um meinen Entführer zu haben.

„Kommen wir zu unserem Informationshalter. Herr Müller.“ 

„Hm?“ 

„Wie haben Sie sich gefühlt?“

„Bitte…?“

„Unter der Obhut von Berlin. Wie haben Sie sich da gefühlt? Bei der Menge an Thiopental in Ihrem Blut wird es Ihnen sicher nicht schwerfallen, uns Ihre Eindrücke zu schildern.“

 Dank einiger gelangweilter Stunden, die ich mit zufälligen Wikipedia-Einträgen verbracht hatte, kannte ich den Namen des Medikaments, das gerade durch meine Adern rauschte. Ein Wahrheitsserum, das von der US-Regierung bei illegalen Verhören verwendet wurde. Jetzt wusste ich auch, wieso es mir so schwerfiel, mich zu konzentrieren. Das Serum sorgte dafür, dass einem die eigenen Gedanken nur so von der Zunge purzelten. Was lügen nicht unmöglich, aber deutlich schwieriger machte.

„Verängstigt, größtenteils.“

„Wirklich? Aus welchem Grund?“ Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, welche Kraft es mich kostete, mir eine Antwort auszudenken.

„Naja, an einen Stuhl gefesselt aufzuwachen und von einem offenbar Verrücktem begrüßt zu werden, hat schonmal diese Wirkung, denke ich.“

„Verrückt? Was ließ Sie denken, er sei verrückt?“

„Also… ich meine, er war… fahrig, hat gezittert, da war der Eindruck, dass er verrückt und unberechenbar ist, naheliegend.“ Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter, wie gut ich die Sache gemeistert hatte.

„Sie denken sich das gerade aus?“

„Ja.“ Verdammt!

„Interessant. Was bringt Sie dazu, ihn beschützen zu wollen? Erinnert er Sie an jemanden?“

„Keine Ahnung, was Sie meinen.“

„Ihr Bruder, Paul, leidet unter Prüfungsangst, nicht wahr? Dass er es dennoch geschafft hat, Medizin zu studieren, ist erstaunlich.“

„W-Was? Woher…“

Ohne auf meine Frage zu reagieren, wandte er sich wieder der Gruppe zu.

„Sehen Sie das? Geweitete Augen, der Puls schnellt in die Höhe, krampfhaftes Schlucken, um den Kloß im Hals loszuwerden. Und all das nur wegen einer beiläufig eingestreuten Information.“

 Er trat dicht vor den Jungen, Berlin, der noch immer dastand wie ein geprügelter Hund.

„Information, die man sich vor dem Verhör aneignet, Berlin. Nicht währenddessen. Allein dafür sollte ich Sie eigentlich durchfallen lassen.“

Die Tatsache, dass Berlins Gesicht bei diesen Worten jegliche Farbe verlor, gab mir eine Ahnung davon, was es hieß, hier durchzufallen. Der Mann schien noch mehr sagen zu wollen, aber sein Blick schweifte ab. Als würde er auf etwas lauschen, das niemand außer ihm hören konnte. Er räusperte sich.

„Aber offenbar hat unser ehrenwerter Schulleiter ein Interesse an Ihnen. Er bietet Ihnen die einmalige Chance, die Prüfung zu wiederholen. Unter erschwerten Bedingungen natürlich, da der Informationshalter nun teilweise eingeweiht ist. Sie haben 1 Stunde.“

Urplötzlich traf mich wieder das ganze Ausmaß meiner Misere wie ein Dampfhammer. 

Die Scheinwerfer erloschen. Alles, außer dem Jungen, wurde wieder von der Dunkelheit verschluckt.

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