
Der Wald der Fäulnis
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Tagebuch von Tullio Di Nello
12. September, Anno Domini 1673
Nachdem ich einen Monat zuvor die Geschichten eines Arztes gehört hatte, der die letzten sechs Monate zusammen mit neun anderen Medizi ihres Faches aus der ganzen Welt an einem Ort praktizierten, der Opfer einer unbeschreiblichen Epidemie von mehreren unbekannten Krankheiten heimgesucht worden war, wobei fast zwei Drittel aller Einwohner und Ärzte ihr Leben gelassen haben, beschloss ich, der Ursache auf den Grund zu gehen.
Nicht nur, weil sich hierbei die Gelegenheit ergeben könnte, meine Studien weiterzuführen und eventuell auch neue Heilmittel zu finden, sondern gegebenenfalls auch den Ausbruch einer weiteren Epidemie zu vermeiden, nachdem sich Rom gerade von der letzten Pestepidemie von 1656 erholt hat, von den übrigen Ländern Europas kaum zu sprechen.
Nachdem ich den Monat über alles für meine Expedition vorbereitet und alles Nötige in Erfahrung gebracht hatte, verabschiedete ich mich von meiner kleinen Tochter, die ich in die Obhut meines treuen Weggefährten Eugenio Bartolo gab. Auch wenn es mir schwerfiel, würde ich sie in wenigen Wochen sicherlich wieder sehen und machte mich auf den Weg zu jenem Ort, den mir der Medicus bei seinem Besuch mitgeteilt hatte, diesen aber nicht erwähnen sollte, solange noch die Möglichkeit bestünde, dass das dortige Infektionsrisiko hoch sei.
26. October, Anno Domini 1673
Ein wenig erschöpft erreichte ich nach über einem Monat beschwerlicher Reise das Ziel.
Die Menschen auf meinem Weg hatten mir Geschichten über diesen Ort erzählt und mich davor gewarnt ihn zu betreten, aber ließ ich mich nicht davon abschrecken, denn schließlich habe ich die Verpflichtung als Medicus den Menschen gegenüber zu helfen.
Völlig verlassen und in tiefen Nebel gehüllt ging ich durch die leeren Straßen des kleinen Ortes. Es muss hier einmal wirklich schön gewesen sein, aber scheint sich dies mit der jüngst vergangenen Zeit verändert zu haben. Die Gebäude erstrahlten zwar noch immer in einem gepflegten und intakten Zustand, auch wenn einige bereits damit begonnen hatten von der Natur zurück erobert zu werden, aber trotz des Zustandes herrscht eine bedrückende und unheimliche Einsamkeit in jeder einzelnen Straße und Gasse, in jedem Haus, Stall und Werkstatt.
Ich ließ mich in der örtlichen Taverne nieder, welche für viele Reisende ausgelegt ist und beinahe die Ausmaße einer kleinen Villa besitzt – ein idealer Ort für meine Forschungen.
Morgen, nachdem ich mich ein wenig ausgeruht und eingerichtet habe, will ich mich ein wenig umsehen und mich mit dem Ort vertraut machen, bevor ich mit meinen Studien beginne.
1. November, Anno Domini 1673
Die letzten Tage untersuchte ich jeden einzelnen Winkel, jedes einzelne Haus dieses Ortes, um irgendeinen Hinweis zu erhalten, mit dem ich meine Nachforschungen beginnen könne, doch fand sich nichts. Aber als ich heute nach draußen auf den Balkon trat und mich in dem kleinen Tal umschaute, bemerkte ich wieder diesen Nebel, in dem sich vereinzelte Partikel fanden, die wie Schnee zu Boden rieselten und darin verschwanden.
Mein Instinkt rät mir, dem Nebel zu seiner Ursprungsquelle zu folgen, da dieser der Auslöser der Krankheitsfälle sein könnte und beschloss dies auch zu tun. Mein Weg führte zu einer kleinen, schon seit Jahren stillgelegten Mine. Schon am Eingang beobachtete ich weitere dieser Partikel, die aus dem Stollen gleiten und sich an den Nebelschwaden hängen, wodurch sie ins Tal und somit in den kleinen Ort gelangten.
Natürlich war mein erster Gedanke, so überheblich wie ich bin, die Mine zu betreten und nach der Quelle dieser Partikel zu suchen, aber hinderte mich meine Intuition und Vorsicht daran, den Stollen nicht ohne entsprechende Vorkehrungen zu betreten, weshalb ich meine Maske aufsetzte, die ich noch am Vorabend mit neuen Kräutern befüllt hatte, die Laterne entzündete und schließlich eintrat.
Es war feucht und ein wenig rutschig, weshalb ich aufpassen musste nicht zu stürzen und mich dabei zu verletzten, denn angesichts dieses Ortes und des Umstandes, dass ich der einzige Medicus im Umkreis mehrerer Meilen bin wäre selbst eine leichte Verletzung, die sich eventuell durch die Partikel oder anderen Dingen infizieren könnte, verheerend.
Nach etwa einhundert Metern kam ich an einer Abzweigung vorbei, wo sich der Weg in drei Richtungen teilte: geradeaus, nach link und unten. Ich überlegte einen Moment, schwang meine Laterne und beobachtete in dem fahlen Schein des Lichtes wieder diese Partikel, die von unten zu kommen schienen und folgte ihnen bis ich zu einer Ansammlung von Brettern gelangte, die eine provisorische Wand formten, gegen die vier Stützbalken drückten und vor denen ein Schild im Boden vor mir steckte. Ich beleuchtete es mit der Lampe und las die bereits von der herrschenden Feuchtigkeit leicht verwischte Inschrift.
„Halte dich fern, wenn du leben willst, ansonsten wirst du großes Leid über die Menschen bringen“, war darauf zu lesen.
Jeder normale Mensch würde diese Warnung ernst nehmen, aber hatte ich das Gefühl, als ob, was auch immer sich hinter dieser Barrikade befand, genau hier der Ort wäre, den ich gesucht habe.
2. November, Anno Domini 1673
Ich wusste, dass mich meine Intuition nicht trog, als ich es nach gut zwei Stunden der Anstrengung geschafft hatte, die vier Stützbalken mit dem Beil zu teilen und die bereits etwas feuchten und morschen Bretter der Wand zu durchbrechen.
Ich vermochte es zuerst nicht zu glauben, aber ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal einen so schönen, einen so geheimnisvollen Ort gesehen habe, wenn es denn einen vergleichbaren Ort geben kann.
Der Hohlraum hinter der Barrikade war so groß, dass die Taverne mindestens zweimal hineinpassen würde, inklusive mehrerer der kleineren Häuser oder Ställe. Eine weitere Besonderheit dieses Ortes ist die Anwesenheit von Tageslicht, dass sich zwischen einer netzartigen Struktur von seltsamen Gebilden, die nicht nur die Decke zu formen scheinen, sondern auch die losen Gesteinsmassen darüber zu tragen scheinen und den Boden bescheinen.
Die wohl größte Überraschung aber ist wohl jene, dass an diesem eher unwirklichen Ort vereinzelte Anzeichen von Flora vorzufinden ist. Zunächst dachte ich, es handle sich um einfaches Moos, was jedem wohl angesichts der Feuchtigkeit in den Sinn gekommen wäre, aber als ich mir die vereinzelten Ansammlungen betrachtete, bemerkte ich, dass es sich zwar um Pflanzen handelte, aber sind diese … sonderbar.
Ihre Formen sind wirklich einzigartig – von kleinen Säulen, die in die Höhe wachsen und an denen vereinzelt eine Art Schimmelpelz zu wachsen scheint, kleine blaue Kugeln formen, die davon fliegen könnten, wenn sie nicht von ihrem Stiel festgehalten werden würden oder die Form eines normalen Pilzes besitzen, auch wenn deren Oberfläche genauso sonderbar ist wie die übrigen sechs verschiedenen Arten, die ich an diesem Tag finden konnte.
15. December, Anno Domini 1673
Eineinhalb Monate sind vergangen, seit ich die einstige Mine zum ersten Mal betreten habe.
Nachdem ich jeden einzelnen Stollen eingehend studiert und mir eine Karte angefertigt hatte, auf der ich zudem die geografischen Gegebenheiten und klimatischen Bedingungen, die sich nach eindringlichen Untersuchungen tatsächlich unterscheiden, begann ich mit meinen Forschungen.
Ich weiß noch, wie ich drei Tage in dem Berg verbracht hatte, um jede einzelne Art und Gattung zu katalogisieren und entsprechende Kapitel in den vereinzelten Bücher, die ich mir mitgenommen oder vor Ort gefunden hatte, vorbereitete, bevor ich von jedem einzelnen eine Probe mit mir nahm, um sie weiter untersuchen zu können. Dreiundvierzig Proben waren es, die ein wahres Sammelsurium an scheinbar bisher unbekannten Pflanzen bildeten.
Mit jedem Tag offenbart sich mir immerzu etwas Neues und schreibe es detailliert auf, egal wie unbedeutend es auch scheinen mag. Aber trotz meiner Faszination bin ich mir bewusst, dass ich vorsichtig sein muss, denn noch habe ich nicht genug Informationen in Erfahrung bringen können, obwohl meine Forschung stetig voranschreiten, inwieweit diese Pflanzen in Wahrheit giftig oder nützlich zu sein scheinen.
2. Ianuarius, Anno Domini 1674
Als mir vor zwei Wochen drei Proben heruntergefallen sind, schlafe ich aus Vorsicht mit meiner Maske, auch wenn ihre Form dabei hinderlich ist, weshalb ich damit begann, eine neue herzustellen. Leder und entsprechende Werkzeuge dazu fand ich glücklicherweise in den vereinzelten Werkstätten des Ortes.
Zudem dachte ich, ich hätte die Proben mit dem Zerbrechen des Glases verloren und müsste mir neue beschaffen, als ich nur zwei Tage nach dem Vorfall draußen beobachten konnte, wie sich ein kleines Areal, dass mir zuvor karg und kaum fruchtbar erschien, einer kleinen Kolonie der vereinzelten Proben fand, die dort gewachsen sind.
Dabei konnte ich feststellen, dass sie, anders als in der Höhle, hier draußen blühten. Eine seltsame Sache, dachte ich mir und gab mir zu denken, weshalb ich daher das Felsgestein, als auch den Boden untersuchte, dennoch zeigten sich keine besonderen Auffälligkeiten. Vielleicht liegt es einfach an der Erde, wo sie sich besser etablieren konnten als an dem feuchten Gestein, denn weder mangelte es an Luft, noch Wasser oder Sonnenlicht, von denen sämtliche dieser Bedürfnisse sowohl hier draußen, als auch innerhalb der Höhle gegeben sind.
Aufgrund der möglichen Gefahr der Sporen, die die kleinen Kugeln in sich tragen und frei gesetzt werden, wenn man die Hülle verletzt oder zum Platzen bringt, überlegte ich ob ich diesen Streifen strahlenden Grüns, Türkis und Rot mithilfe von Feuer vernichten sollte, entschied mich aber dagegen, da ich zuvor ein letztes Experiment wagen wollte.
Ich fing mir eine Maus und ließ sie mit den Sporen aus einer der Pflanzen in Kontakt kommen, um feststellen zu können, ob es irgendwelche Reaktionen hervorrufen und damit vielleicht der Antwort nach der Ursache der Epidemie einen Schritt näher kommen würde.
Zwei Tage sind seitdem vergangen, als ich zu meiner Überraschung feststellte, dass sich das einstige weiße Fell in ein dunkles Blau gefärbt hatte, die Maus ansonsten aber kein Leid widerfahren ist. Ich überlegte erneut einen Moment, als ich mich dazu entschloss weitere Mäuse oder andere Nagetiere zu fangen und sie mit den vereinzelten Ergebnissen meiner Experimente, als auch den natürlich vorkommenden Pflanzen, Pilzen und deren Sporen in Kontakt treten zu lassen.
13. Februarius, Anno Domini 1674
Fünf Monate ist es nun schon her, dass ich Florenz verlassen habe.
Ich vermisse die Stadt ein wenig, ebenso ihre Bürger und vor allem meine kleine Tochter, aber zugleich fasziniert mich dieser Ort von Tag zu Tag mehr und mehr.
Da ich mich dagegen entschieden hatte, die kleine Kolonie von Pflanzen und Pilzen zu vernichten, wuchs diese immer weiter, wobei ich aber auch eine gewisse Wandlung oder Mutation anderer Pflanzen beobachten konnte, die mit den Sporen und Samen in Berührung gekommen waren.
Vielleicht mag es leichtsinnig, ja völlig verstandeslos sein, aber entschied ich mich dazu ein Drittel meiner Proben zu nehmen und diese in eines der stillgelegten Felder zu pflanzen. Eine Woche ist vergangen, als ich das Ergebnis mit Faszination und gleichzeitiger Sorge betrachtete.
Es hatte nur sieben Tage gedauert und aus den wenigen kleinen Proben, die ich aus der Mine mit mir genommen hatte, war eine Art Wald gewachsen, der ein Ausmaß von fast zwei Drittel der Stadt, als auch die Hälfte der Stadt selbst eingenommen hatte. Als ich diesen Wald der Sonderbarkeit durchstreifte, fand ich nicht nur die mir bereits bekannten Arten und Unterarten jener Pflanzen, die ich gesät hatte, sondern auch weitere und neue Kombinationen zwischen zwei oder mehr dieser Arten.
Der Anblick scheint kaum real zu sein, so magisch, als ob er der Fantasie entsprungen ist und dennoch komme ich nicht darum herum zu sagen, welch faszinierendes Bild sich mir offenbart, wann immer ich in diesen Wald betrete. Es ist, als würde ich eine andere Welt betreten, die noch viele Geheimnisse zu beherbergen scheint, die es zu lüften gilt.
Trotz meiner Faszination für diesen Ort vergesse ich jedoch nicht zu leichtsinnig zu sein, denn könnte eines dieser Geheimnisse gefährliche, ja tödliche Ausmaße beherbergen, wie sich anhand meiner Experimente mit den Mäusen und Ratten mit den bereits bekannten Sporen, Pilzen und Pflanzen bereits beweisen ließ.
Von den bisher 43 gefangenen Tieren sind bereits 13 gestorben, weshalb ich meine Maske weiterhin nicht abnehme, aus Furcht, mit den umherfliegenden Sporen der vereinzelten Pflanzen, Pilze und der mir noch unbekannten Kreuzungen selbst in Kontakt zu geraten und daran zu erkranken, ohne ein entsprechendes Gegenmittel gefunden zu haben.
20. Februarius, Anno Domini 1674
Was vor einer Woche noch Euphorie und Faszination gewesen sind, die mich erfasst haben, sind es nun Furcht und Zweifel, die sich in mir ausbreiten.
Ich habe bisher noch nicht die Ursache, wenn es denn überhaupt eine gibt, gefunden, aber habe ich den Verdacht, dass sich die Luft verdichtet zu haben scheint und förmlich auf meine Schultern drückt, so als ob mir dieses Gefühl etwas sagen wolle, nur bin ich mir nicht sicher was.
Angesichts der Ausbreitung des Waldes und der immer weiter steigenden Zahl an neuen Arten der verschiedenen Pflanzen und Pilzen gibt es kaum noch einen Moment, in dem ich diese Maske von meinem Gesicht nehme. Ich bin mir schon nicht mehr sicher, wie viele Tage oder wie viele Woche bereits vergangen sind, seit ich sie das letzten Mal abgenommen habe, aber angesichts der neuen Erkenntnisse bin ich mir sicher, dass ihr Nutzen sich allmählich erschöpft und ich gezwungen bin eine Alternative zu suchen.
Durch mein Studium in Ingenieurwesen und Chemie gelang es mir trotz der Anstrengungen ein Gerät zu entwickeln, welches mir erlauben sollte mich über eine gewisse Zeit hinweg mit Luft zu versorgen, ohne es nachfüllen oder abnehmen zu müssen. Da es mir zudem gelungen ist herauszufinden, wie einige der Sporen neutralisiert werden können, konnte ich zudem nach einigen Tagen meine neue Maske fertigstellen, die mit dem Gerät über einen biegsamen Schlauch verbunden werden kann. Als Filter nutze ich die Kohle aus einem der Schächte der Mine, in welchem sich keinerlei Partikel, Sporen, Pflanzen oder Pilze finden lassen konnte, was bedeutet, dass die Kohle als eine Art Katalysator gegenüber den zumindest bisherigen Sporen fungiert.
Mit meiner neuen Ausrüstung machte ich mich auf, um diesen Wald, der mittlerweile die gesamte Ortschaft verschlungen hat, noch tiefer zu erkunden und meine Forschungen fortzuführen, in der Hoffnung etwas zu finden, womit sich nicht nur die Ausbreitung, Kreuzung und Mutation der vereinzelten Pflanzen und Pilze verzögern oder gänzlich unterbunden werden, sondern auch deren verschiedene Sporen, von denen ich mittlerweile sechs Klassifizierungen mit bis zu zwölf Arten katalogisieren konnte, neutralisieren lassen.
6. Martius, Anno Domini 1674
Ich sitze am Schreibtisch und starre auf die leeren Seiten vor mir, als ich damit beginne zu schreiben.
Die Ausmaße des Waldes beschränken sich zwar noch immer auf dieses Tal, aber weiß ich nicht, wie lange das noch so bleiben wird, angesichts der Erkenntnisse der letzten Tage.
Zwei Tage, nachdem ich die neue Maske aufgesetzt hatte, verspürte ich eine Besserung meines Zustandes, körperlich als auch auch geistig. Das drückende Gefühl auf meinen Schultern ließ nach und ich konnte nach all den Wochen zum ersten Mal wieder richtig durchatmen – Die Konstruktion, so unausgearbeitet und grob sie auch noch ist, funktioniert und offenbarte mir die Wahrheit, die ich, ausgelöst durch jene Sporen, die meine Maske und die Kräuterfüllungen durchdrungen und in meinen Körper gelangt waren, die ganze Zeit über nicht sehen konnte.
Was ich zu Anfang noch in hellen und leuchtenden Farben in den verschiedensten Erscheinungsformen untersucht hatte, sind in Wirklichkeit nichts anderes als trostlose, tote und tödliche Hüllen, gespickt mit feinsten Sporen und Samen oder Flüssigkeiten, deren Ausmaße an Wirkungen und Folgen kaum zu beschreiben sind und die ich selbst kaum wahrhaben möchte, wenn ich es nicht an den unglücklichen Seelen jener Nagetiere gesehen hätte, die mir bei meinen Forschungen dienen sollten.
Die erste Maus, eine der wenigen aus der ersten Versuchsreihe, erfreut sich bester Gesundheit und scheint eine gewisse Immunität gegen die Grundsporen entwickelt zu haben, dennoch zeigten sich einige merkliche Veränderungen – positive als auch negative, auch wenn ich sie noch nicht alle bestimmen kann.
Clarisse habe ich sie genannt.
Sie als auch sechszehn andere zeigten keinerlei Anzeichen einer Infektion oder schlimmeres, anders bei den übrigen vierzehn, die es überlebt hatten. Die Sporen und Pilze, mit denen ich sie einst in Kontakt brachte, zeigten nun ihr wahres Ausmaß und es ist als habe der Teufel selbst diese Wesen verflucht und sie zu dem gemacht, zu dem sie geworden sind.
Kreaturen, drei bis fünf Mal größer als zuvor mit bis zu vier blutunterlaufenden Augen, verlängerten Fellsträhnen, an deren Spitzen sich dieselben kleinen Tropfförmigen Ausbildungen wie einigen der Pflanzen finden konnten und eine giftige und höchst ätzende Flüssigkeit beinhalten. Bei anderen scheint das Fell wie von tausenden von Glühwürmchen fleckenartig zu fluoreszieren um somit Ahnungslose anlocken und schließlich beißen oder kratzen zu können um sie zu infizieren.
Eine genaue Übersicht sämtlicher Erscheinungsformen habe ich sofort notiert und jene Exemplare getötet, bevor sie entkommen konnten, ihre Anatomie studiert, die mir aufzeigten, dass manche Sporen nicht nur das äußere Erscheinungsbild, sondern auch die inneren Organe und die gesamte Struktur des Lebewesens verändern können.
Für die wenigen, die keine allzu große Aggressivität entwickelt hatten, versuche ich nun ein mögliches Gegenmittel zu finden.
1. Maius, Anno Domini 1674
Ich seufze, während ich nach einem weiteren Monat in dieser Hölle eine Entscheidung treffen muss, die nicht nur mich und meine Forschungen, sondern vor allem all jene fernab des Tals betreffen.
Vor zwei Wochen war ich im Nachbarort, wobei ich gedacht hatte, dass sie noch nichts von den Vorgängen wussten, aber waren sie bereits von den Sporen heimgesucht worden. Zahlreiche waren erkrankt, die ersten waren bereits verstorben und wieder andere zeigten erste Anzeichen von Mutationen.
Obwohl sich das Ausmaß stetig ausbreitete, gelang es mir dennoch erste Erfolge zu erzielen und die ersten Sporen, beziehungsweise deren Kreuzungen neutralisieren zu können und erste Gegenmittel, die ich an den noch wenigen Versuchstieren getestet hatte, herstellen konnte. Trotzdem werden es immer mehr, immer resistentere. Es ist, als ob der Wald – dieser Sporenwald, wüsste, dass ich mich mit meinen Forschungen gegen ihn und seinen Schöpfungen wehre.
Als ich vor kurzem meine Kutte wechseln wollte musste ich erkennen, dass sich trotz der Maske auf meinem Körper erste Spuren der Auswirkungen finden lassen. Mittlerweile teste ich die Tinkturen, Salben und Mischungen am eigenen Leib aus, um mich gegen diese Saat des Bösen behaupten zu können und meine Forschungen weiter voranzutreiben.
6. Maius, Anno Domini 1674
Ein Meer von Flammen ergoss sich im Tal und über deren Grenzen hinaus, überall dort, wo sich erste Sporen und Pilze dieses Waldes fanden.
Ein jeder von uns, jene, die das Ausmaß meiner Arbeit in den angrenzenden Ortschaften überstanden haben und dennoch genau wie ich selbst Opfer meiner Arbeit geworden sind, die mir dabei geholfen haben sämtliche Vorbereitungen zu treffen und die Tat zu vollbringen, beobachteten das flammende Inferno, wie es sich ausbreitete und alles in seinem Weg verzerrte, selbst den einstigen Nebel, der vom Ruß eingehüllt wurde und darin selbst zu brennen schien. Ich höre noch immer das Rauschen des Flammenmeeres, das Knacken und brechen von Holz, Stein und aus was dieser Wald auch immer zu bestehen schien, als auch eine Art Grollen und grollendes Schreien, als ob der Wald vor Schmerzen schreien würde, während wir in unseren individuellen Monturen aus Masken, Kutten und Feuerspucklanzen durch diesen Wald der Fäulnis schritten und alles in Brand setzten, das sich uns in den Weg stellte.
Der Gestank war so widerwärtig und abstoßend, dass es sich durch Mark und Bein eines jeden Geschöpfes fraß und einen dabei vergiftete, wenn es nicht die Masken und unsere Atemapparaturen gäbe, die wir mit frischer Kohle und einigen Kräutern befüllt hatten.
Wir alle waren uns bewusst, dass dies ein Weg ohne Wiederkehr werden würde, aber jetzt, nach all den Studien, nach all den Erkenntnissen und Opfern sind wir uns darüber bewusst, dass es nicht nur wir sind, die dieses Werk beenden können, sondern es ein notwendiges Opfer ist um all jene zu retten, die von diesem Ort nichts wissen und niemals erfahren oder dessen Opfer werden sollten.
Obwohl es meine Schuld ist, dass es so weit kommen konnte, betete ich zu unserem Herrn, er möge meinen Weggefährten und mir selbst in den kommenden Stunden Kraft geben und an unserer Seite stehen um das Böse zu bekämpfen und dass ich eine jede Strafe annehmen werde, die er mir für mein unüberlegte Neugierde und Wissbegier gibt, solange meine Tochter von diesem Schicksal verschont bleiben wird.
15. Maius, Anno Domini 1674
Dies … wird wohl mein letzter Eintrag, die letzten Aufzeichnungen, die … ich an jemanden verfassen werde.
Ich hätte niemals gedacht, dass irgendjemand von uns dieses flammenden Inferno überlebt hätte.
Von den einst zweiunddreißig Männern und Frauen, die mich begleiteten, sind vierundzwanzig übrig geblieben als wir uns aus den rauchenden Trümmern und dem von Asche bedeckten Boden des Tales erhoben – kraftlos und mehr tot als lebendig.
Bereits als wir den Wald betreten hatten begann er sich gegen unsere Anwesenheit zu wehren, als ob er wüsste, was wir vor hatten. Er versprühte Unmengen an Sporen, kleine Kugeln lösten sich und platzten wenn sie mit unserer Kluft in Berührung kamen, die Luft wurde dick und schwer als wir unsere Feuerlanzen entzündeten und mit tosendem Höllenfeuer antworteten.
Und dennoch gab die Fäulnis nicht auf.
Sie wehrte sich mit allem, was sie besaß, versuchte durch jeden Spalt, durch jede Naht zu gelangen, aber waren wir vorbereitet. Nur auf jene Kreaturen, die die Sporen und Pilze bereits angegriffen und infiziert hatten, waren wir nicht gefasst, auch wenn wir uns auf sie vorbereitet hatten und nichts im Vergleich zu den Mutationen waren, die ich einst bei den Mäusen und Ratten beobachtet hatte.
Wie lange der Kampf wehrte … ich weiß es nicht.
Stunden?
Tage?
Das Letzte, woran ich mich erinnern kann ist, wie sich das Feuer immer stärker ausbreitete, uns völlig einhüllte und somit keine Möglichkeit gab zu entkommen. Wir versammelten uns, sprachen das Vater Unser immer und immer wieder bis es so laut war, dass es die Flammen mit sich in den Himmel tragen konnten, bevor jeder von uns nacheinander das Bewusstsein verlor und zu Boden sank, bis ich schließlich der Einzige war, der noch stand.
Und dennoch hörte ich nicht auf, sagte das Vater Unser und fügte hinzu, während ich zwischen dem Meer der Flammen und den dunklen Wolken des Rauches einen kleinen Streifen des Himmels sehen konnte: „Ich nehme jede Strafe an, die du mir geben wirst, jede Bürde, die du mir auferlegst! Ich werde das Schicksal akzeptieren, was es auch für mich bedeuten mag!“
Nach dem ich und meine Weggefährten wieder erwachten, verstand ich, dass dies seine Antwort gewesen ist, das Schicksal, dass er für uns bereits, die Aufgabe, die er für uns erwählte.
Und ein jeder akzeptierte Gottes Urteil.
Egal, wie uns die Menschen, wenn sie uns denn je begegnen und darüber werden berichten können, in uns sehen werden, seien es maskierte Dämonen, Verdammte oder schwarze Engel, die weder ihr Gesicht, noch Haut zeigen, so wird jeder, der diese Zeilen gelesen hat, die Wahrheit erkennen.
Und egal wie viele Monate, Jahre, Jahrhunderte oder Äonen es auch dauern mag, wir werden uns nicht von unserer Aufgabe abwenden, bis auch die letzten Überbleibsel des einstigen Sporenwaldes der Fäulnis vom Antlitz dieser Welt getilgt worden sind.
Tullio Di Nello (Name abgelegt)