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Bagels

Ich war lediglich eine Viertelstunde fort gewesen, um am frühen Morgen heimlich eine Kaffeepause einzulegen. Bei meiner Rückkehr hatte sich die Panik wie ein Lauffeuer im Büro ausgebreitet.

“James, was ist hier los?”, fragte ich, mehr irritiert als alarmiert.

Er brauchte nicht zu antworten. Stattdessen deutete er nur auf die Fenster. Sie waren mit schwarzem, halbtransparentem Plastik verkleidet und schlossen uns von der Außenwelt ab.

“Die Seuchenschutzbehörde hat uns hier eingesperrt. Offenbar ist jemand infiziert?”, meinte er halb fragend, halb erklärend.

Vor einer Stunde hatten wir alle ein von der Firma spendiertes Bagel-Frühstück genossen. Die Stimmung war ausgelassen, und wir waren bereit zu arbeiten. Jetzt waren wir plötzlich buchstäblich Gefangene.

Durch das Plastik hindurch konnten wir sehen, wie bewaffnetes Wachpersonal im Gebäude patrouillierte. Alle trugen schwarze Uniformen und Gasmasken.

“Sie können uns nicht einfach ohne Vorwarnung hier einsperren. Habt ihr die Polizei gerufen?”, fragte ich meinem Kollegen

Dieser nickte. “Ja, alle Anrufe werden einfach an deren Büro weitergeleitet. Scheiße, Mann, meine Frau ist krank zu Hause, ich kann doch nicht hier eingesperrt werden!”

Während wir spekulierten, bat uns unser Vorgesetzter in den Besprechungsraum.

“Hört zu, ich habe gerade mit dem Leiter gesprochen. Sie werden die Situation eindämmen und uns herauslassen. Soweit wir wissen, ist das alles ein großes Missverständnis. Ich habe hier seit Wochen keinen einzigen Schnupfen mehr gesehen”, erklärte er und täuschte eindeutig Zweckoptimismus vor.

“Aber wenn ihr euch krank fühlt oder jemanden mit Symptomen seht, sagt uns bitte Bescheid.”

Was folgte, war eine Flut von Fragen und Protesten. Aber es war eine vergebliche Mühe. Egal, wie sehr wir auch nach draußen wollten, wir konnten nicht einmal durch die Türen gehen, geschweige denn gegen eine ganze Truppe vorgehen.

Sie fingen an, die Köpfe zu zählen, und merkten schnell, dass einer von uns verschwunden war.

“Hat jemand Leonard gesehen?”, fragte unser Chef.

“Er ist vor einer Stunde auf die Toilette gegangen”, berichtete James. “Ich werde… Ich werde nach ihm sehen.”

Ich schloss mich ihm an und wir beide machten uns auf den Weg, um nach Leonard zu sehen. Als wir die Badezimmertür öffneten, schlug uns sofort ein metallischer Gestank entgegen. Mir wurde fast kotzübel, als ich ihn in einer Lache seines eigenen Blutes sitzen sah, während er sich an ein Küchenmesser klammerte.

“Ich habe versucht, sie herauszuholen, aber es sind zu viele”, versuchte Leonard kraftlos zu erklären.

Er hatte Teile seines eigenen Arms abgetrennt und auf dem Boden verteilt. Wir stürzten uns auf ihn, um ihm das Messer wegzunehmen, und dabei bemerkte ich lange, dünne Fetzen, die eine Ähnlichkeit von Würmern aufwiesen, welche den Boden überzogen.

“Nein, hört auf! Ich muss sie herausschneiden! Ihr bringt mich um!”, schrie er in Protest.

“Was – was ist das?”, stotterte ich.

“Würmer?”, fragte James.

Auf den ersten Blick sahen sie tatsächlich so aus. Doch nach einem Moment dämmerte mir, dass es sich bei den Dingen, die Leonard herausgeschnitten hatte, um seine eigenen Venen handelte.

“Ich muss sie rausholen!”, schluchzte Leonard in seiner Manie.

Ich versuchte, meinen Gürtel um seinen verwundeten Arm zu wickeln, um eine behelfsmäßige Aderpresse anzulegen. Leider hielt der Verband nicht und bevor wir eine Chance hatten, seine stark blutende Gliedmaße zu stoppen, verstarb er am Blutverlust und des auftretenden Schocks seiner Verletzungen.

Wir hatten nicht einmal Zeit, die Situation zu verdauen, bevor wir von einem entsetzlichen Schrei unterbrochen wurden. Wir eilten zurück ins Büro und mussten mit ansehen, wie eine unserer Kolleginnen verzweifelt versuchte, die Glastür einzuschlagen. Nachdem sie ein ausreichend großes Loch geschlagen hatte, zerrte sie ihre Arme durch die Tür und riss sie in Fetzen.

Wir haben sie nicht mehr rechtzeitig retten können.

Nach und nach verfielen die Büroangestellten dem Wahn. Jeder bettelte darum, die vermeintlichen Würmer in seinem Inneren zu entfernen. Wir fesselten diejenigen, die wir konnten, aber da immer wieder Leute dem gleichen Schicksal zum Opfer fielen, konnten wir nichts anderes tun, als uns zu verstecken.

Von unserem Büro aus sahen wir zu, wie sich die Betroffenen ihr eigenes Fleisch abschnitten. Sie rissen sich Arterien, Sehnen und Nerven heraus und starben rasch am Blutverlust. Wir konnten die ganze Zeit nur zusehen.

Am nächsten Morgen war mehr als die Hälfte des Personals den selbst zugefügten Wunden erlegen. Keiner von uns wagte es, einzugreifen, um nicht selbst von der Psychose befallen zu werden.

Um 10:42 Uhr meldete sich die Seuchenschutzbehörde endlich wieder bei uns.

Man hatte in der ganzen Stadt sieben Infektionsherde ausgemacht. Die Krankheit, die schwere Psychosen verursacht, indem sie das Gehirn buchstäblich vernichtet, wird vermutlich durch schnell wirkende Prionen verursacht. Sie stammen allesamt von Fleisch, das in einer örtlichen Patisserie gekauft wurde, die sich auf Bagels spezialisiert hat.

Ein Heilmittel gibt es nicht, aber die Seuchenschutzbehörde hat versprochen, uns freizulassen, sobald die Infektion eingedämmt ist. Wenigstens dürfen wir unsere Angehörigen kontaktieren.

Leider glaube ich nicht, dass ich es hier rausschaffen werde. Erst vor einer Stunde begann meine Haut zu jucken. Zuerst habe ich es einfach ignoriert, aber dann spürte ich, wie die Dinger unter meiner Haut krabbelten. Es tut weh, und ich kann es nicht länger ignorieren.

Unaufhörlich… pulsierend… quälend… Würmer… die gehören nicht dazu…

… Ich muss diese Dinger aus mir herausbekommen, koste es, was es wolle.

 

 

Original: RichardSaxon

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