MittellangSchockierendes EndeTod

Beauty

Schwankend
stolperte sie den pfirsichfarbenen Gang des Wellnessbereiches entlang. Bunte
Lichter tanzten flackernd vor ihren Augen und obwohl sie wusste, dass sie nicht
real waren, hielt sie einen Moment inne, um ihre faszinierende Schönheit zu
bewundern. Prompt verlor sie das Gleichgewicht, sodass ihr Oberkörper dem Boden
gefährlich nahe kam. Mit den Armen rudernd, hastete sie drei schnelle Schritte
nach vorne. Das Klackern Ihrer erst kürzlich gekauften, lila Pumps war nun
lauter, nur kurz.

Das war mal ne Party. Sie kicherte. Es
gab Champagner in Strömen und diese bunten Pillen waren „Voll geil- Wuhu“, wie sie es ausdrückte. Einen Moment überlegte
sie wie viele sie von den „Smileys“ und
„Nightdreams“ genommen hatte, stellte
dann aber fest, dass es ihr egal war.

„YOLO!“,
plärrte sie in die Nacht hinein und schwankte weiter gen „Duschlandschaft“. Hundertzwölf, -dreizehn, vielleicht auch
–vierzehn oder war es doch die fünfzehn gewesen? Sie war zu zugedröhnt, um
sich an die Zimmernummer zu erinnern. Verdammt
coole Party, verdammt geiles Hotel und es tat gut ihre alten Schulfreunde
wieder zu sehen. Warum war sie eigentlich gegangen? Noch bevor sie den
Entschluss fassen konnte umzudrehen erhielt sie die Antwort ihres gelähmten
Gehirns, so klar und rein, dass sie in jenem Augenblick dachte, die Wirkung der
Pillen hätte nachgelassen. Es war wegen diesem Jungen, Daemon hieß er. Er ging
in ihre Klasse, damals. Sein mysteriöser Tod war nun schon vier Jahre her, das
war eine lange Zeit, aber sie hatte ihn nie ganz vergessen. Er war anders als
die anderen. Sarah Miller war das beliebteste Mädchen der ganzen Oberstufe.
Seitdem hatte sie sich nur wenig verändert. Ihr langes, blondes Haar und ihre
solargebräunte Haut waren unverkennbar, „einfach
perfekt“, fand sie. Ihren bereits üppigen Busen hatte sie, dank einem Kilo
Silicon, zu drei Körbchengrößen mehr
verholfen.

Vielleicht
würde er jetzt auf sie stehen.

„Nein, das würde er nicht.“ Der Verstand
ist ein unsensibler Pessimist, denn ihr Kopf kannte die zerberstende Wahrheit
nur allzu gut. Er saß immer alleine,
ein Außenseiter. Es wäre unter ihrer Würde gewesen ihn anzusprechen. Vermutlich
hätte sie ihn weiterhin ignorieren können, wenn er ihr keinen Grund gegeben
hätte.

„Er war nun mal Autist. Ihn interessierten keine
Mädchen. Nur deshalb will er nichts von mir. Es liegt nicht an mir….“ Doch dann
kam Sie. Diese Mia oder Mira oder wie
sie hieß, traf sich mit ihm. Er begann sie zu mögen. Das Mädchen war nicht halb
so schön wie sie selbst und auch nicht übermäßig beliebt, was also wollte er
von ihr? Eine brennende Wut umschloss ihren Geist, eine Wut die sie nicht
zuordnen vermochte. Eifersucht?!
Hart traf der Schlag, der Erkenntnis, ihre bisher ungebrochene Selbstachtung und
Tränen füllten ihre Augen. Sie überlegte. Verzweifelt hatte sie ihr Möglichstes
getan, um ihn zu bezirzen. Weite Ausschnitte, kurze Röcke- nichts. Er sah sie
noch nicht einmal an. Mehrmals lief sie kichernd an ihm vorbei und gickste in
hohen Tönen. Aus dem Augenwinkel erhoffte sie sich eine Reaktion und als er
endlich den Kopf hob hätte sie am Liebsten laut aufgeschrien. Er blickte sie aus wissenden Augen von unten
an und seufzte. Sarahs Lächeln verblasste. Ihre Mundwinkel sanken langsam und
verliehen ihrem Barbiepuppengesicht einen bitteren Beigeschmack. Viele Jungs
seufzten, wenn sie sie sahen. Das war nichts Neues, aber es war für gewöhnlich
ein träumerisches, angenehmes Seufzen. Sie
blickten sie an und Sarah konnte fast den Film, der sich vor dem geistigen
Auge der Jungs abspielte, sehen.

„Bähh Perversling! Glotz gefälligst wo
anders hin!“, blaffte sie ihre Schwärmer meist an, insgeheim jedoch empfand
sie einen gewissen Stolz. Sie brauchte diese Aufmerksamkeit. Daemon war der Einzige,
der diese Situation vollständig erfasste und er war es leid. Es nervte ihn. Wie
ein Erwachsener ein kleines Kind betrachtete schüttelte er kaum merklich den
Kopf und seufzte abermals.

„Wie kindisch“, schien sie in seinen Augen zu lesen und Scham stieg
in ihr auf. Trotz der zeitlichen Ewigkeit, die zwischen damals und jetzt lagen,
konnte sie sich bis ins kleinste Detail an alles erinnern. In bestimmter Weise
war sie froh über Daemons Tod. Der Schandfleck in ihrem Leben war ausradiert,
so wie Bauern des Mittelalters einen Ungläubigen ausgemerzt hatten und sie war
der Gott, übermächtig und strahlend. Sie war der Mittelpunkt, immer, bei allem.
Vielleicht musste er deswegen sterben. Der
Gedanke war einleuchtend, logisch, soweit sie das in ihrem angeheiterten Zustand noch beurteilen
konnte. Der Gang war fast zu Ende und krampfhaft überlegte sie, welche Tür die
Richtige war. Ein Rattern ertönte, als sie mit beiden Händen versuchte zwei Türen
gleichzeitig zu öffnen. Beide waren verschlossen, ebenso die nächste. Endlich
glitt quietschend eine der Klinken hinunter und die Tür schwang zögerlich auf.
Fast wäre sie über einen Mopp gestolpert und sie beschloss sich am nächsten
Tag beim Hotelmanagement darüber zu beschweren. Der Raum war klein, wirkte
höchst unluxuriös, aber die bunten Farben überdeckten ihren benebelten Verstand.
Seitlich zur Tür befanden sich zwei hohe
Schränke. Die ungewöhnlich aussehende Dusche erstreckte sich auf der Gegenseite.
Der Mond schien sacht durch ein kleines Fenster im hinteren Teil des Raumes und
beleuchtete diesen spärlich. Im weißlichen Glanz des Lichtes erkannte sie ein
paar übereinander getürmte Eimer und einen Staubsauger. Die Wände bestanden aus kleinen,
rechteckigen Fliesen in unterschiedlichen Brauntönen. Langsam kam ihr Verstand
wieder zu sich.  Die imaginäre
Farbintensivität drohte bereits abzuflauen und sie in die dunkle, düstere Realität zurückzuschleudern
und sie schnaubte verächtlich. Diese Nacht würde sie Spaß haben, in ihrer Welt,
mit ihren Regeln.

Die Wirkung ihrer kleinen Helfer ließ schneller nach als
erwartet. Hastig wühlte sie in ihrem Büstenhalter. Sie wusste, dass sie noch
welche hatte. Keiner wollte eine Pille. Sie waren alle zu spießig geworden,
selbst ihre damaligen besten Freundinnen hatten Jobs, studierten oder hatten
bereits Kinder. Lange Zeit hatte Sarah ihre Traumwelt aufrechterhalten können.
Wenn man sich immer und immer wieder sagte, wie toll das eigene Leben war,
glaubte man es irgendwann selbst. Doch
dieses Klassentreffen hatte alles zu Nichte gemacht. Ihr Traum zerplatzte, wie
eine Seifenblase und sie alle waren spitze Nadeln. Eine hätte ausgereicht um
sie zu vernichten, doch es hatten alle zugestochen. Es waren ihre Blicke, das
peinliche Schweigen, bis sie dann ein trauriges Lächeln aufsetzten und

„Interessant“
oder „Ahhh“ murmelten. Sie erkannte Katy Hamalton, die Streberin mit der
dicksten Brille, die sie je gesehen hatte und erfuhr von ihrem Medizinstudium.
Damals hatte Sarah Zeigefinger und Daumen zu einem „L“ geformt und sich die Hand an ihre Stirn gehalten, wenn Katy mit
hängendem Kopf zu den Spinden schlich.

„Looser!“

Die Letzten
werden die Ersten sein. Sie hatte sich wahrhaftig kein bisschen verändert, das
stimmte, aber genau das war der springende Punkt. Alle hatten Erfolg, waren
gereift, standen mitten im Leben und sie? Sie war arbeitslos, jobbte manchmal
als Kassiererin und traf sich mit fünfzehnjährigen Kindern, um Drogen zu nehmen. Die Zeiten der Partys und des Rumhängens waren
aus und vorbei.

„Looser!“, dröhnte ihr inneres Ich.
Panik überkam sie. Mit einem Ruck riss sie sich Top und BH vom Körper. Die
bunten Pillen fielen zu Boden und sprangen in alle Richtungen. Ungeduldig warf
sie sich nieder und krabbelte auf den Knien voran. Die Fliesen waren
hart, es scherte sie nicht. Diese beschissene Einsicht, dieses Gefühl war
unerträglich.

„Oh Gott mach, dass es aufhört. Bitte mach,
dass es aufhört!“  Ihr Verstand
kramte unbeeindruckt eines dieser Selbstmordlieder heraus, von denen ihre
Mutter immer so schwärmte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht an den
Namen der Gruppe erinnern, wollte es auch nicht. Sie schrie gedanklich gegen
den Song an, doch die Texte bohrten sich tiefer in sie hinein, erfüllten ihren
Körper mit einer so kontrastreichen Depression, zu ihrer Welt der Träume, dass
sie sterben wollte.

I don’t care if it hurts

I want to have control

I want a perfect body

I want a perfect soul

I want you to notice when I’m not around

You’re so fucking special

I wish I was special

 

Ich wünschte ich wäre speziell, anders. Daemon
war auch…speziell. In diesem Moment erblickte sie das winzige, ovale Ding in
einer Fliesenfuge. Gierig schob sie sich den „Smiley“ in ihren mit Lipgloss verschmierten Mund. Die Sekunden, die bis zur Wirkung verstrichen,
dehnten sich zu unerträglichen Stunden aus. Lustige Farbwirbel durchstreiften den Raum.
Jemand hatte die Seifenblasenmaschine in
ihrem Kopf wieder zum Laufen gebracht und sie lachte unbeschwert.

Weshalb war
sie nochmal hier?

„Ach ja die Duschen sollten echt super sein.“  Sarah betrachtete den blauen Kasten an der
Wand. Merkwürdig. Es gab weder eine gläserne Abgrenzung noch einen Duschkopf.
Der blaue Kasten war lediglich mit einem gartenschlauchähnlichen Rohr verbunden. Achselzuckend stand sie auf
und strich sich das zerfetzte Top und den BH endgültig ab. Die restlichen Klamotten folgten.

Der
Kasten besaß drei Knöpfe und ein kleines Display. Der erste Knopf war ein
Kreis mit einem bis zur Hälfte einschneidenden Strich. Sie drückte ihn und
aus dem Schlauch floss kaltes Wasser, was sie jedoch nicht zu stören schien. Die
Drogen hatten ihr jegliches Gefühl für Kälte und Wärme genommen. Sarah
schnurrte. Das Wasser roch so gut. Schäumend plätscherte es auf ihre Schultern
herab und floss in wilden Bächen an ihr herunter. Das Prickeln auf ihrer Haut
war angenehm und verschmolz mit den Polarlichtern, ihres gepeinigten Geistes, zu
einer Wonne der Lust. Sie war da. In ihrer Welt gab es keine Trauer, kein Leid
oder ätzende Spießer mit Job, nur sie, sie ganz allein. Auf dem Display, des
Kastens, prangte eine Zehn und ein Wort, dass sie in ihrem Drogenrausch nicht
lesen konnte.

„Kon..“  Angestrengt kniff sie die Augen zusammen, doch
die Buchstaben wollten einfach nicht stillhalten, tanzten vor ihrem Gesicht und
verschwammen zu einem undefinierbaren Gewirr aus Farben und Formen. Sie gab es
auf und drückte stattdessen im rhythmischen Takt auf den Knopf, der ein „Pluszeichen“ umrahmte. Der Kasten gab mehrere piepsende Töne von
sich und die Zehn, des Displays wurde zu einer Sechzig. Das Prickeln auf ihrer
Haut verstärkte sich  und sie kicherte perfid.
Der Duft wurde intensiver, besser. Die Schaumwolke um ihren Körper verdichtete
sich zu einem schweren Kleid. Mit ihrer linken Hand fuhr sie sich über ihre
Haut. Sie war weich und mit einem klebrigen Film süßer Gerüche umhüllt. Den
Schlauch fest in ihrer anderen Hand begann sie zu summen.

Mehr

Erneut drückte sie den „Plusknopf“, heftiger, mehrmals, bis zur Hundert. Das Prickeln, der
Duft war so atemberaubend. Bunte Brocken umschlossen ihre Arme, Beine, den
Kopf-einfach alles an ihr und fielen funkelnd zu Boden. Mit einem feuchten „Klatsch“ schlugen sie auf und Sarah schrie
vor Euphorie. Ihr Sichtfeld verschwamm. Ihr war so leicht, dass sie befürchtete
davonzutreiben, als sie ein Quietschen vernahm. Der junge Hotelmitarbeiter
stand wie gelähmt ihm Türrahmen, unfähig den Blick von ihr abzuwenden.

Bin eben eine Granate.

Sie setzte
ein suffizientes Lächeln auf.

„Na Süßer,
Lust mit mir zu planschen? Bin auch ganz lieb.“ Stille.

„Fräulein“,
begann der Mann und atmete geräuschvoll aus, „Dies ist keine Dusche.“

Verworrene Gestalten
umkreisten sie. Konturen lösten sich auf und verschwommen in einem Farbenmeer
aus Fantasie. Die Stimme drang nur dumpf in sie ein, als wäre sie in Watte
gepackt wurden.

„Dies ist die
Konzentrationsanlage, der Desinfektionsmittelsäure.“

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