GeisterGeisteskrankheitMittelPsychologischer Horror

Das siebte Kind

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Kürzlich kam ein junger Mann zu mir. Er klagte über Schlafprobleme, nächtliche Angstzustände und eine Depression, die immer mehr Besitz von ihm ergriff. Das ist soweit nichts ungewöhnliches, viele meiner Patienten habe ähnliche Symptome. Oft befinden sie sich in Lebenssituationen, die ihnen unsicher erscheinen, die aus großen Veränderungen oder Verlusten resultieren. Ebenso spielen häufig Traumata aus der Vergangenheit eine große Rolle. Ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst, doch sie alle ähneln sich auch in gewisser Weise, sonst wäre es ja wissenschaftlich auch gar nicht möglich, Therapien anzuwenden.

Die Geschichte dieses jungen Mannes jedoch war anders und stellte mich vor große Rätsel. Doch ich sollte vorne anfangen. Der Mann, um den es geht, stammt aus Hong Kong, kam vor einigen Jahren zum Studieren nach Deutschland, und blieb dann hier, um als Spieleprogrammierer in einem aufstrebenden Unternehmen zu arbeiten. Es lief gut für ihn, er hatte eine schicke Wohnung in der Innenstadt, eine ihn liebende Freundin und rein äußerlich betrachtet gab es keinen Anlass für Depressionen.

Gleich in unserer ersten Sitzung erzählte er mir dann jedoch eine Geschichte aus seiner Vergangenheit. Er – nennen wir ihn Cheng, denn seinen richtigen Namen darf ich aufgrund meiner Schweigepflicht nicht nennen – nahm damals an einem Casting für einen Werbespot teil. Cheng war gerade einmal fünf Jahre alt, seine Eltern hatten ihn also dorthin geschickt, doch er erinnerte sich noch gut daran, wie stolz er war, etwas zum Lebensunterhalt beitragen zu können.

Das konnte er tatsächlich, denn Cheng wurde für die Rolle ausgewählt, es gab nur einen Drehtag, dafür aber war seine Rolle auch nicht sonderlich komplex. Es war ein Werbespot für eine Eisenbahngesellschaft und mit einigen anderen Kindern sollte er ‚Zug spielen‘, was konkret bedeutete, dass die Kinder ihrem jeweiligen Vordermann die Hände auf die Schultern legten und dann so durch eine malerische Landschaft rannten. Irgendwie ging es darum, dass Züge schon für Kinder faszinierend waren und es im Grunde bis heute sind oder so ähnlich.

„Wir tobten also herum“, erzählte er seine Erinnerungen, „hatten unseren Spaß und ein Kameramann hielt einfach drauf und bekam tolle Bilder lachender Kinder.“ Soweit konnte ich ihm folgen, stellte mir das Video sogar recht publikumswirksam vor. „Ich war das letzte von sechs Kindern in der Reihe“, berichtete Cheng weiter, „rannte also ganz hinten und musste nur darauf achten, die Schultern des Mädchens, das vor mir lief, nicht loszulassen. Das machte mir Spaß, erinnere ich mich, zumindest bis ich plötzlich glaubte, eine Hand auf meiner Schulter zu spüren.“

Irritiert habe er sich umgesehen, da das ja nicht sein konnte, erzählte er weiter und inzwischen ein wenig stockender als zuvor. Hinter ihm war niemand, doch nach einer Weile glaubte er die Hand erneut zu spüren, worauf er sich wieder umsah und niemanden hinter sich entdeckte. Kindliche Einbildung, dachte ich sofort und als solche hatte es auch Cheng damals abgetan. Es wurde also weitergedreht, er mehrmals aufgefordert, doch bitte zu lächeln und nicht so ernst dreinzublicken, worauf er den Anweisungen der Filmemacher nachkam.

Einige Wochen oder Monate später lief die Werbung dann im Fernsehen, seine Eltern waren unfassbar stolz auf ihren Sohn und er selbst dementsprechend auch. Doch der Spot lief nur einige Male, dann wurde er unerwartet aus dem Programm genommen und durch einen anderen ersetzt.

„Als Kind habe ich mir dabei natürlich nichts gedachte“, sagte Cheng mir, „hatte es vermutlich sogar bald vergessen. Allerdings war die Geschichte damit nicht beendet.“ Gespannt hörte ich ihm weiter zu wie er erzählte, dass er sieben Jahre nach dem Dreh des Werbespots, also im Jahr 2000 von einem Mädchen, das ebenfalls in dem Video mitgespielt hatte hörte. Genaugenommen las er in der Zeitung von ihr, und zwar einen Artikel, der darüber berichtete, wie sie auf dem Schulweg auf einem Bahnübergang von einem Zug erfasst wurde. Es war tragisch, dass sie nach einem solchen Werbespot ausgerechnet durch einen Zug ums Leben kommen musste, vielleicht ein Stück weit Ironie des Schicksals, doch mehr dachte sich Cheng dabei auch nicht.

Weitere sieben Jahre später allerdings las er im Internet vom Selbstmord eines weiteren Jungen, der damals mit ihm zusammen gedreht hatte. Er hatte sich vor einen Zug geworfen. „Das war wahrscheinlich der Moment, an dem es mir ein paar Zufälle zuviel waren“, sagte er mir, „Also habe ich angefangen zu recherchieren.“ Vor allem wollte er herausfinden, warum der Spot damals nach so kurzer Zeit wieder aus dem Programm genommen worden war.

Irgendwann fand er auch tatsächlich eine Antwort darauf, zumindest das, was im Internet geredet wurde. Dort nämlich wurde der Film inzwischen als das verfluchte Video bezeichnet, weil es angeblich eine Einstellung gab, in der nicht sechs, sondern sieben spielende Kinder zu sehen waren. „Das Video selbst fand ich damals nicht“, berichtete Cheng mir mit zunehmend brüchigerer Stimme, „nur einen Screenshot, auf dem auf dem hinter mir eindeutig noch ein kleines Mädchen zu erkennen war, das ihr Gesicht zwar der Kamera abgewandt, ihre Hände aber auf meinen Schultern hatte.“

Dies war der Moment, an dem ich mir nicht mehr sicher war, ob ich Cheng seine Geschichte glauben sollte. Doch er versicherte mir, er erfinde nichts hinzu und legte mir in späteren Sitzungen sogar all das vor, wovon er sprach. Es dauerte jedoch weitere sieben Jahre bis er der Geschichte endlich auf den Grund kommen sollte. Weitere sieben Jahre, nach denen wieder eine der damaligen Darstellerinnen durch einen Zug zu Tode kam.

Inzwischen waren im Internet mehr Menschen auf die gruselige Legende aufmerksam geworden und auch einige Medien griffen die Geschichte nach diesem erneuten Unglücksfall auf. Die Bahngesellschaft gab schließlich zu, dass es damals Beschwerden gegeben habe, an denen jedoch nichts dran sei. Das mysteriöse Mädchen sei ganz einfach damit zu erklären, dass seinerzeit noch mehr Kinder am Set waren, und in eine Aufnahme hätte sich eben ein Fehler eingeschlichen.

„Dort waren außer uns sechs aber keine anderen Kinder“, beteuerte Cheng und war von seiner Wahrnehmung felsenfest überzeugt. Zudem hatten die Fernsehzuschauer nicht nur irgendein Mädchen hinter ihm gesehen, nein, einige behaupteten, es habe haargenau so ausgesehen wie ein kleines Mädchen, das sieben Jahre zuvor auf den Gleisen gespielt habe und dabei von einem Zug eben dieser Bahngesellschaft erfasst worden war. Sie waren also überzeugt, im Video den Geist eben dieses Kindes gesehen zu haben.

Weder die Bahngesellschaft, noch die Zeitungen und auch kaum jemand in der Öffentlichkeit wollte das glauben, so dass die Legende als eben solche abgetan wurde. Cheng jedoch dachte anders darüber. „Können die Tode von drei der Kinder, die damals in dem Video mitspielten, wirklich Zufall sein?“, fragte er mich. Es war höchst seltsam, musste ich zugeben. Doch an Geister glaube ich nicht und dementsprechend auch nicht an Flüche oder sonstigen übersinnlichen Humbug.

Cheng jedoch sprach weiter und fragte: „Kann es denn auch Zufall sein, dass diese Unglücksfälle exakt alle sieben Jahre stattfinden?“ Auch mir war ein solcher Fall in all den Jahren, in denen ich jetzt praktiziere, noch nicht untergekommen. Eine logische Antwort konnte ich ihm darauf daher nicht geben. Allerdings konnte ich jetzt verstehen, warum er Angstzustände und schlaflose Nächte hatte.

„Und wissen Sie, was das Schlimmste ist?“, schloss Cheng seine Gespräche mit mir, „Im Herbst sind wieder sieben Jahre vergangen und es sind nur noch drei von uns übrig.“

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