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Der Grinsende Bote

Inhaltsangabe:

Kapitel 1: Die unheilvolle Botschaft

Kapitel 2. Der Professor

Kapitel 3: Eine grinsende Meute

Kapitel 4: Der Blutfelsen

Kapitel 1: Die unheilvolle Botschaft

Heute stand ein wichtiger Besuch an. Es ging zu ein paar Freunden, die wirklich was Schlimmes erlebt hatten. Chris hatte Mareike, Arne und Lizzy aus der alten Truppe zusammengetrommelt, um die anderen wiederzusehen.

„Mann, wir hatten schon lange kein Treffen mehr in großer Runde. Ich hoffe, wir können wieder ein paar alte Zeiten aufleben lassen, auch wenn einige nicht mehr zurückkommen“, sagte Arne.

Sie waren auf den Weg zu einer WG, mit drei weiteren Freunden aus der Clique.

Vor vier Jahren hatten diese Freunde ein traumatisches Erlebnis.

Sie hatten einen Campingausflug gemacht, bei dem einige gestorben waren. Chris, Arne, Mareike und Lizzy konnten damals nicht dabei sein, aber auch sie hatten Freunde verloren. Sie waren mal ein Freundeskreis aus zehn Leuten gewesen, jetzt waren sie noch sieben.

Für die, die den Ausflug überlebten, war es aber noch schlimmer. Sie hatten die Tode mit angesehen und waren schwer traumatisiert, zwei wurden schwer verletzt und konnten nicht mehr sprechen.

Dieses schlimme Erlebnis hatte die Drei zusammengeschweißt und sie zogen zusammen, um alles zu verarbeiten. Aber Arne, Chris, Lizzy und Mareike blieben immer etwas außen vor. Sie wollten mit ihnen trauern, aber die drei schotteten sich ab. Gelegentlich hatten sie sich vereinzelt mit ihnen getroffen, aber es war immer komisch. Dieses schmerzhafte Erlebnis hatte doch sehr viel mehr Schaden angerichtet als zuerst gedacht.

Sie befürchteten wohl, die anderen verstünden sie nicht. Es war tatsächlich auch merkwürdig, die Rede war von einem übernatürlichen Wesen, das ihre Freunde umgebracht haben sollte. Was sie auch immer gesehen hatten, es war so schlimm gewesen, dass alle drei von einem Psychotherapeuten betreut werden mussten. Erst vor kurzer Zeit kamen Signale ihrer Freunde, wieder mehr am Leben teilhaben zu wollen und mal wieder die ganze Clique zu versammeln.

Der Rest der Clique freute sich ungemein, es ging endlich wieder vorwärts. Heute würden sie endlich wieder eine Spielerunde machen und dann ins Kino gehen. Gemeinsam gekocht würde natürlich auch werden. Das war bitter nötig. Ihre Freunde sollten nicht mehr an diese dramatischen Ereignisse von vor vier Jahren denken. Besonders schlimm war, dass ein Okkultismusforscher auf sie aufmerksam geworden war und die letzten beiden Jahre ständig belästigte. Sie sollten ihm etwas über das vermeintlich übernatürliche Wesen von damals erzählen. Er war hartnäckig, doch die Freunde kamen seiner Bitte nicht nach und schwiegen.

Sie waren jetzt vor dem Haus angekommen, in dem sich ihre Freunde eine Wohnung teilten. Lizzy fiel jemand auf, der gerade einen Brief in den Briefkasten ihrer Freunde werfen wollte, sie sprach ihn an: „Hallo, ich sehe, Sie möchten Post einwerfen, in den Briefkasten von Meier, Hamann und Yildirim. Das sind unsere Freunde. Wir können die Post mit hochnehmen.“

Der Mann drehte sich um und lächelte über beide Ohren. Chris warf ein: „Aber Lizzy, wir haben für den Mann doch keinen Beweis, dass es unsere Freunde sind. Er muss vermutlich das Briefgeheimnis wahren. Du weißt doch nicht, was das für ein Brief ist.“

Doch den Mann schien das nicht zu kümmern. Er hielt Lizzy den Brief hin und grinste jetzt noch breiter. Er sah auch ehrlich gesagt nicht wie ein Briefträger aus. Eher wie ein Bekannter oder ein Nachbar, der einen Brief einwerfen wollte. Lizzy nahm den Brief entgegen und fragte noch einmal direkt: Okay, danke, sind sie vielleicht ein Bekannter unserer Freunde? Tut mir leid wegen der Frage, aber sie sehen nicht wie ein Postbote aus, und ich bin immer so neugierig.“

Der Mann, welcher etwa 30 war, grinste nur stumm vor sich hin. Es war irgendwie seltsam. Dann drehte er sich um und ging wieder. Alle waren etwas verwundert über den wortlosen Abgang.

„Das ist irgendwie schon ein komischer Kauz. Ich hoffe, der hat nichts mit diesem seltsamen Okkultismusprofessor zu tun, der unsere Freunde quält“, meinte Mareike.

„Ja, seltsam war das schon gerade“, pflichtete Chris ihr bei.

Darüber machten sie sich jetzt aber keine Gedanken. Sie klingelten bei ihren Freunden und hörten den Summer, welcher anzeigte, dass sich die Tür jetzt öffnen ließ. Sie traten ein, gingen in den zweiten Stock und Chris begrüßte den ersten ihrer Freunde.

„Hey Mike, was macht die Kunst? Wir haben uns echt lange nicht gesehen. Sind Reyhan und Eike auch da?“

„Die beiden sind in der Küche, sie bereiten schon mal das Essen vor“, kam es als Antwort.

„Toll, ich habe auch schon echt Hunger. Ah, bevor ich es vergesse, wir haben einen Brief für euch. Wollte gerade jemand bei euch einwerfen, wir haben ihn dann für euch entgegengenommen. Müsst ihr euch dafür nicht mehr runterbegeben“, sagte Lizzy.

Mike nahm den Brief entgegen und bedankte sich. Alle gingen in die Wohnung und begrüßten nun Eike und Reyhan. Beide freuten sich offenkundig, sie gestikulierten zumindest freudig, sprechen konnten sie ja nicht mehr. Vor vier Jahren wurden sie stumm, durch eine Verletzung an den Stimmbändern. Etwas Gebärdensprache hatten Arne, Chris, Lizzy und Mareike gelernt, aber so gut waren sie jetzt nicht, dass sie ein perfektes Gespräch führen konnten. Es war wirklich furchtbar, was für ein Trauma sie erlitten hatten.

Besonders Reyhan traf es übel. Sie habe wohl jede Nacht Albträume, teilte Mike mit, in einem der wenigen Momente, wo sie etwas über den verheerenden Ausflug gesprochen hatten.

Das Essen wurde nun aufgetischt und alle setzten sich, außer Mike.

„Mike, kommst du? Essen ist fertig“, sagte Lizzy.

Mike wirkte abwesend und sagte nur gedankenverloren: „Fangt nur ohne mich an, ich brauche noch einen Moment.“ Er war in der Stube und sah den Brief an.

„Geht es dir gut?“, fragte daraufhin Chris.

„Fangt schon mal an, ich bin gleich da.“

Das war etwas verwunderlich, alle sahen sich kurz an. Dann ging Reyhan zu Mike. Sie las den Brief und erstarrte. Was auch immer drin stand, es schockierte sie. Nun machten sich erst recht alle Sorgen. Die Übrigen gingen zu den Beiden, um zu schauen, was nicht stimmte. Eike nahm sich den Brief von Reyhan und auch er erstarrte.

Nun nahm sich Chris den Brief und lass ihn. Er war handgeschrieben, in roter Tinte. Es wirkte komisch, als wäre es Blut statt Tinte. Der Text war dazu auch sehr morbide.

Hallo meine Freunde,

ich bin zurück und möchte euch wiedersehen. Wir hatten vor 4 Jahren so viel Spaß zusammen. Leider haben ja Eike und Reyhan ihre Stimmen aufgegeben, da musste ich gehen. Aber diesmal nehme ich euch mit, eure Freunde warten auch schon bei mir.

Ich habe jetzt auch ein paar neue Freunde. Vielleicht freut ihr euch sie kennenzulernen. Ihr könnt warten, bis ich mit meinen Freunden zu Besuch komme oder ihr könnt stattdessen mich besuchen. Wenn ihr möchtet!

Ich habe euch so vermisst. Wir werden zusammen, wieder sehr viel Spaß haben. Ich kann es kaum erwarten.

Der Brief endete ohne eine Signatur. Chris fand den Brief seltsam geschmacklos.

Ja, er war richtiggehend unheimlich. Hatte sich da jemand einen dummen Scherz erlaubt, der von ihrem Trauma wusste, oder war das vielleicht der Mörder, der Psychospielchen trieb? Chris nahm sich auch den Briefumschlag, um zu schauen, ob ein Absender vorhanden war. Aber nichts dergleichen war zu sehen, es stand nur „Für Eike, Reyhan und Mike“ drauf.

„Ich glaube, wir sollten diesen Brief der Polizei zeigen“, meinte Chris zu den anderen und zeigte ihn allen.

„Nein, die Polizei kann hier nicht helfen“, erwiderte Mike.

Alle sahen ihn verwundert an. Offenbar saß der Schmerz noch zu tief, und die Erfahrung mit der Polizei war nicht die Beste. Zumindest gingen Chris, Mareike, Lizzy und Arne davon aus.

„Aber Mike, das ist echt morbide. Im besten Fall ist das nur ein dummer und grausamer Scherz, im schlimmsten Fall kommt er vom Mörder unserer Freunde. In jedem Fall sollte die Polizei sich einschalten und den Brief genauer untersuchen“, beharrte Arne.

„Die Polizei kann hier nicht helfen. Ja, es ist definitiv vom Mörder, aber es ist kein Mensch. Gegen dieses Wesen hilft keine Polizei, keine Fahndung und keine Ermittlung“, sagte er nun sichtlich erregt.

„Bitte Mike, ich dachte, die Therapie hätte geholfen. Es gibt keine übernatürlichen Wesen. Hör endlich auf mit diesen Geschichten und gehe zur Polizei!“, flehte Chris ihn an.

„Ja, ihr glaubt mir nicht, das kenne ich schon. Ich würde es auch nicht, hätte ich das alles nicht erlebt. Aber ich habe es erlebt, und ich kann euch sagen, es gibt Wesen, die nicht von dieser Welt sind, bei denen uns die Polizei nicht helfen kann.“ Reyhan und Eike nickten zustimmend.

„Ihr macht mir echt Sorgen. Wir dachten, es geht voran, und jetzt dieser Rückschritt“, sagte Chris und drehte sich resignierend um. Er schaute aus dem Fenster und ihm fiel auf, dass draußen jemand grinsend zu ihm hochsah. Es war dieser merkwürdige, lächelnde Bote. Er schaute wahnsinnig grinsend zu dem Fenster hoch, an dem Chris stand. Er wusste genau, was er abgegeben hatte und wo die Wohnung lag, in der Eike, Mike und Reyhan wohnten. Jetzt kochte die Wut in Chris hoch.

„Verdammt, da ist dieser komische Typ auf der Straße. Genau der, der den Brief abgegeben hat. Der Psycho schaut hier hoch, das ist wohl alles nur ein großer Spaß für ihn. Los, schnappen wir ihn uns das Arschloch!“

Chris stürmte aus der Wohnung raus. Nach einem kurzem Schockmoment folgten ihm die Anderen. Keiner von Ihnen blieb in der Wohnung zurück. Chris war schon bei dem merkwürdigen Typen, als die anderen dazustießen. Er schrie ihn an und wollte eine Antwort auf seine Fragen.

„Jetzt sag schon was, du Spinner! Was grinst du so irre? Kannst du nicht reden, oder was? Es macht dir wohl Spaß, anderen Leuten solche Briefe zu schreiben. Hast du unsere Freunde auf dem Gewissen und gönnst dir einen perversen Spaß, du blöder Wichser?

Der Mann bemühte sich nicht zu antworten. Stattdessen fing er an zu lachen, bzw. so zu tun. Es war nichts zu hören. Dabei hatte er den Mund weit geöffnet und schien von der Mimik her laut loszulachen. Aber kein Ton war zu hören, nicht einmal dann, als er nach Luft schnappte. Es war verstörend. Hätte man das Lachen gehört, wäre es abnormal gewesen. Fast wahnsinnig. Er machte den Eindruck, äußerst gequält und gezwungen zu lachen. Als wenn sein Verstand etwas gesehen hätte, was er nicht begreifen konnte und deshalb nur aus Verzweiflung lachte. Aber dann war das Lachen nicht einmal im Ansatz zu hören. Und dabei hatte er so extrem gelacht und nach Atem gerungen. Wie war das möglich?

„Er hat auch dir die Stimme genommen, nicht wahr?

Der Mann wandte sich jetzt grinsend an Mike. Plötzlich bekam er einen anderen Mund. Es war kein menschlicher Anblick. Im Gesicht des Mannes öffnete sich ein unnatürlich großer schwarzer Mund, der zu einem grotesken Grinsen geöffnet war. Plötzlich erklang eine tiefe, unmenschliche Stimme aus dem Abgrund, welcher hinter dem Mund nur zu erahnen war.

„Hallo Mike, lange nicht gesehen. Eike und Reyhan sind auch da, ich habe euch richtig vermisst. Jetzt sehe ich, ihr habt noch mehr Freunde. Ich lade euch alle zu mir ins Tal ein.“

„Was, was ist das?“, rief Mareike absolut verängstigt.

„Oh, habt ihr euren Freunden nichts von mir erzählt oder wollten sie euch nicht glauben?“

Alle waren schockiert und schwiegen.

Eike, Mike und Reyhan waren etwas gefasster, sie wussten, was es war. Allerdings merkte man ihnen die Verzweiflung an, als sie diesen Mund wieder zu sehen bekamen.

„Warum seit ihr alle so still? Ich würde gern mit euch reden, aber vielleicht braucht ihr noch etwas Zeit. Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Freut ihr euch nicht? Wie dem auch sei, wir werden uns wiedersehen. Ihr könnt zu mir ins Tal kommen, oder ich hole euch. Solltet ihr übrigens meinen Freund hier kaltmachen, habe ich noch mehr Kumpels, die ich schicken kann. Denkt dran, wir sehen uns. Ob ihr wollt oder nicht!“

Der Mund des Mannes wurde wieder normal, abgesehen davon, dass er wie schon zuvor wie ein Irrer grinste. Er ging und alle schauten ihm schockiert hinterher. Alles war still. Alle brauchten einen Moment, dann sprach Mike.

„Der Echoverschlinger ist zurück und er will beenden, was er angefangen hat.“

Die Freunde starrten Mike an. Eike und Reyhan hatten schon verstanden, was los war, der Rest war immer noch verstört. Dieses Wesen gab es wirklich. Das konnte doch nicht sein. Aber dem war so.

„Es gibt ihn wirklich“, sagte Arne verängstigt. „Was machen wir nur? Wir sollten die Polizei rufen.“

„Die Polizei kann uns hier nicht helfen, Arne. Wie oft denn noch? Aber vielleicht gibt es jemanden, der es kann. Ich schaue mal nach seiner Nummer, irgendwo habe ich seine Visitenkarte“, sagte Mike entschlossen und eilte wieder in die Wohnung. Er wusste bereits, mit was er zu tun hatte, und hatte die Nerven behalten; auch Reyhan und Eike waren entschlossen, sich dem Monster wieder zu stellen. Sie wussten, dass es kein Entrinnen gab.

Kapitel 2: Der Professor

Ich hoffe, dieser Mann kann uns helfen. Seit zwei Jahren belästigt er uns, um mehr über dieses Wesen zu erfahren. Ich weiß, Mike hat ihn angerufen, weil er unsere beste Chance ist. Nur dann sollte er Ahnung haben, wie man gegen übernatürliche Wesen kämpft. Eike machte sich seine Gedanken, als er mit den anderen zu Professor Falkenstein fuhr. Dieser Mann forschte an der Uni Göttingen an kulturellen Einflüssen aus dem Okkultismus. Offiziell forschte er nur in einer anerkannten Wissenschaft. Aber Professor Falkenstein ließ schon durchblicken, dass er privat tatsächlich das Paranormale untersuchte.

Andreas Falkenstein soll Anhänger der Parapsychologie sein, eine Forschung über das Übernatürliche, welche kritisch betrachtet wird. Es war immer schwer nachzuweisen, dass übernatürliche Phänomene tatsächlich übernatürlich waren. Im Gegenteil, es konnten häufig andere Erklärungen gefunden werden, weswegen die Parapsychologie sehr skeptisch betrachtet wird. Aber Eike und seine Freunde waren Zeugen solcher Ereignisse geworden. So etwas mag selten sein und schwer nachzuweisen, aber sie wussten, es gibt eine andere Daseinsebene. Dies wurde ihnen schmerzhaft klar, als sie dem Echoverschlinger begegneten.

Die Gruppe war angekommen und stand vor der Tür des Professors. Mike klopfte und sie wurden hereingebeten.

„Kommen Sie nur herein! Nanu, ich hatte nur mit drei Besuchern gerechnet, jetzt kommen sieben“, sagte der Professor etwas verwundert. Irgendwie wirkte der Mann etwas seltsam. Er hatte zerzauste Haare und einen struppigen Vollbart. Er trug ein violettes Jackett über einem alten Hawaii-Hemd und eine alte, gelbe Jeans. Seine bunten Schuhe hätten fast schon einem Clown gehören können und seine Krawatte mit Sternen einem Hobbyzauberer. War das wirklich ein Professor? Andererseits gab es ja das Klischee, dass durchaus hier und da verschrobene Typen an den Unis als Dozenten und Forscher arbeiteten. In diesem Fall stimmte es auch. Nachdem alle sich verwundert den Typen angeschaut hatten, sprach Mike ihn endlich an.

„Guten Tag, Professor Falkenstein, Mike Hamann mein Name, wir hatten telefoniert. Darf ich vorstellen? Dies sind meine Freunde Eike Meier, Reyhan Yildirim, Arne Schulz, Chris Reinke, Mareike Bach und Lizzy Evans. Es sind einige dazugekommen nach unserer letzten Begegnung mit dem Echoverschlinger.“

„Ah ja, Sie sagten ja schon, das Wesen ist zurückgekehrt. Übrigens, nehmen Sie es mir nicht übel. Bisher hatten wir ja nur telefonisch und schriftlich Kontakt, wir begegnen uns ja zum ersten Mal persönlich. Ich finde es ulkig, dass ein Schwarzer Mike Hamann heißt. Mike kann ich ja verstehen, aber Hamann ist doch so typisch deutsch.“

„Ernsthaft, Herr Professor. Wollen Sie jetzt über so etwas reden?“, entgegnete Mike genervt.

„Oh, tut mir leid, Herr Hamann. Man sagt mir nach, einige Schwierigkeiten in der Sozialkompetenz zu haben. Ich fürchte, die Aussagen darüber stimmen.“

„Ist schon gut, Herr Professor.“

„Warum denn so förmlich? Nennt mich einfach Andreas!“

„Herr Professor, wir kennen uns kaum.“

„Ich verstehe, wie ist es dann mit Herr Falkenstein?“

„Gut, Herr Falkenstein, wir möchten jetzt auf den Echoverschlinger zu sprechen kommen. Wir hatten gehofft, dass sie wissen, was man gegen solche Wesen unternehmen kann.“

„Natürlich, Sie haben ja jetzt dringendere Sorgen. Nun, ich habe recherchiert über das Wesen, so gut ich konnte. Ein paar Informationen ließen sich finden, aber nicht wirklich viel. Es gibt aber einige Dinge, die generell zutreffen und wo man ansetzen könnte, um den Echoverschlinger wieder loszuwerden.“

„Was sind das für grundsätzliche Dinge, die man nutzen kann?“, fragte nun Arne.

„Nun, es kommt nicht häufig vor, dass so ein Wesen länger in unserer Welt verweilt. Es ist wohl nicht so einfach, eine dauerhafte Verbindung in unsere Welt zu etablieren. Und selbst die Wesen, die so etwas können, scheinen das nicht gerne zu tun.“

„Die tun das nicht gerne?“, fragte nun wieder Mike.

„Ja, keiner weiß genau, weshalb. Vielleicht haben sie nur den Drang, ihre Beute hier zu jagen und dann wieder zu verschwinden. Man kann auch annehmen, dass es sehr kompliziert und belastend ist für diese Wesen, die Verbindung aufrecht zu erhalten bzw. sich in unserer Welt aufzuhalten. Eine Theorie besagt auch, dass es verschiedene Dimensionen gibt, aus denen diese Wesen herkommen. Wenn sie die Verbindung aufrechterhalten, könnte sich auch das Tor für andere Wesen öffnen. Eventuell auch für Wesen, die noch mächtiger sind und auch für sie bedrohlich erscheinen. Keiner kann genau sagen, wie die Lage ist. Was man aber genau sagen kann: Wenn so ein Wesen länger in unserer Dimension verweilt, muss es einen Anker schaffen. Etwas, das es hier bei uns hält.“

„Also wollen sie hier ansetzen. Wir müssen den Anker finden und zerstören, um ihn zurückzuschicken. Wenn er jemanden die Stimme stiehlt, kann er in unsere Welt eintreten. Sobald er alle getötet hat, deren Stimme er nahm, verschwindet er wieder. Also genügt es, die zu finden, deren Stimme er nahm, um den Anker zu finden?“

„Ich fürchte, so leicht ist es nicht, Herr Hamann. So etwas kann diese Wesen ein oder zwei Wochen hier halten. Es wird aber schwieriger für sie, die Verbindung zu halten, wenn sie ihre Opfer bis dahin nicht kriegen. Sie können durchaus Flüche aussprechen, welche einen verfolgen, sobald sie wieder gehen müssen, aber in der Regel werden sie immer wieder von ihrer Dimension angezogen. Über die Jahrhunderte gibt es Berichte, dass einige Menschen solchen Wesen über Wochen hinweg entkamen. Irgendwann wurden sie nicht mehr verfolgt, auch wenn sie meistens verflucht wurden und kurze Zeit später irgendwelchen Unglücken zum Opfer fielen.“

„Sie können einen verfluchen? Warum hat er dann nicht Reyhan und Eike verflucht?“

„Nun, es werden schon gewisse Verbindungen gebraucht. Er wurde durch ihre Stimmen in unsere Welt geholt. Als Herr Meier und Frau Yildirim ihre Stimmen verloren, wurde diese Verbindung gekappt.“

„Aber er hat Reyhan auch berührt und er quält sie regelmäßig in ihren Träumen.“

„In der Tat, er kann auch Macht ausüben, sobald er jemanden berührt, aber das ist nicht seine Hauptverbindung zu unserer Welt. Hier ist sein Einfluss begrenzter.“

„Also muss er noch etwas geschaffen haben, was ihn hier hält. Dann sollten wir herausfinden, was es ist.“

„Das ist richtig, Herr Hamann. Wenn sie es wünschen, könnte ich noch jemanden hinzuziehen, der hier hilfreich sein kann.“

„Noch jemand, der uns helfen kann, wer?“

„Ich kenne einen Exorzisten, Clive Granger. Sicher, einen echten Exorzismus muss man selten durchführen, selten entsprechen die Berichte über paranormale Wesen der Wahrheit. Aber es kommt vor, dass doch so jemand gebraucht wird. Clive bereist die ganze Welt und kam, in all seinen Jahren, mittlerweile achtmal dazu, tatsächlich einen Exorzismus durchzuführen. Er sollte helfen können.“

Mike beriet sich kurz mit den Anderen, dann stimmte er zu: „Das klingt vielversprechend, wir nehmen seine Hilfe gerne in Anspruch.“ Er wusste, sie konnten jede Unterstützung gebrauchen, die sie kriegen konnten.

„Sehr gut, ich werde ihn heute noch kontaktieren. Wenn Sie möchten, können Sie alle in meine Wohnung kommen. Für das Paranormale habe ich alle Unterlagen dort gesammelt. Der Uni gefällt es nicht, wenn ich meine Studien dazu hier mache. Ich habe nur einen Lehr- und Forschungsauftrag in Bezug auf kulturelle und geschichtliche Auswirkungen durch den Okkultismus.“

Alle sahen sich kurz an, dann stimmten sie zu. Sie gingen gerade über den Campus, als ihnen auffiel, dass sie jemand aus einiger Entfernung beobachtete. Es war wieder dieser grinsende Bote. Der Echoverschlinger machte ihnen klar, dass er sie in Blick behielt. Sollten sie nicht zu ihnen kommen, würden er und seine Diener Eike, Mike und Reyhan holen. Eventuell sogar die Anderen.

„Verflucht, da ist wieder dieser Creep. Der soll uns wohl im Auge behalten für dieses Monster“, meinte Mareike.

„WOW, dass ist also derjenige, der euch die Botschaft des Echoverschlingers überbracht hat. Ich kriege eine richtige Gänsehaut. Ich freue mich schon, mehr Daten für meine Forschung zu bekommen“, entfuhr es dem Professor.

„Im Ernst jetzt? Das Monstrum ist hinter uns her und sie freuen sich über irgendwelche Daten?“, sagte Lizzy wütend.

„Oh, ich bitte vielmals um Entschuldigung. Ich wollte damit niemanden zu nahe treten. Es ist nur so, dass die Parapsychologie so sehr belächelt wird und es auch nicht einfach ist, Erkenntnisse zu gewinnen. Da ging es wohl kurz mit mir durch.“

„Schon gut, machen wir uns auf dem Weg zu Ihnen. Wir sollten Gespräche mit ihm vermeiden. Das könnte vielleicht gefährlich werden. Wir wissen nicht was der Echoverschlinger vorhat“, kam es von Mike, der dem Typen nur schnell entkommen wollte.

Plötzlich sahen sie, wie der Bote wieder den schwarzen Mund bekam, und nun bekam auch Reyhan den schwarzen Mund, aus dem einige dunkle Worte gesprochen wurden.

„So, ihr sucht also Hilfe bei einem Professor. Wenn ihr Spiele spielen wollt, ich spiele gern.“

Auf einmal sackte Reyhan zusammen und hielt sich mit verzweifelten Gesicht den Kopf. Sie konnte nichts sagen, aber es war offensichtlich, der Echoverschlinger konnte sie immer noch über diese Verbindung quälen. Dann erklangen wieder Worte aus dem schwarzen Mund in Reyhans Gesicht.

„Oh, tut mir leid, ich dachte, die Bilder gefallen dir. Schade, es ist ein richtiges Fest hier bei uns, das meinen auch eure Freunde“, plötzlich erklangen die Schreie von ihrer toten Freundin Daniela wieder. Kurz darauf sprach der Mund nochmal mit Ümits Stimme: „Bitte lasst uns nicht allein mit dieser Bestie! Bitte kommt zu uns, helft uns! Wir leiden Qualen, bitte helft uns!“

Plötzlich wurde ihr Mund wieder normal und auch der Bote bekam wieder einen normalen Mund. Einige Passanten kamen zu ihnen und erkundigten sich, ob alles okay sei.

„Machen Sie sich keine Sorgen! Das war nur ein kurzer Anfall. Sie muss sich nur kurz ausruhen, dann geht es wieder. Kommt, Leute, meine Wohnung ist gleich eine Straße weiter, da kann sie sich hinlegen“, sagte der Professor und die Passanten beruhigten sich wieder. Die Gruppe ging jetzt schnell zu seiner Wohnung.

In der Wohnung legten sie Reyhan auf ein Sofa und sie checkten kurz, ob es ihr gut ging. Als sie nichts Besorgniserregendes bemerkten, sprach der Professor wieder.

„Das war ja echt übel. Auch wenn seine Verbindung nicht so stark ist wie zu Zeiten, als er ihre Stimme hatte, kann er immer noch einen ziemlichen Einfluss aufbauen. Das müssen wir irgendwie unterbinden.“

Auf einmal bekam sie wieder einen schwarzen Mund. Der Echoverschlinger gönnte sich einen Spaß mit ihnen.

„Ihr wollt meinen Einfluss beenden? Hahaha, dass ich nicht lache. Ein Haufen gewöhnlicher Menschen will mich in die Schranken weisen? Ihr seid absolut machtlos gegen mich. Ich weiß alles, was ihr besprochen habt, ich kenne eure Geheimnisse und ich lasse euch bluten. Ihr habt nicht …“, die Worte des Echoverschlingers erstarben plötzlich und Reyhan hatte wieder einen normalen Mund. Der Professor hatte einen Talisman aus einer Schublade geholt und ihn ihr um den Hals gehängt.

„Clive hat nicht gelogen, der funktioniert wirklich.“

„Was haben Sie getan, Herr Falkenstein?“, fragte Mareike verblüfft.

„Clive hat mir einige Artefakte gegeben, für Notfälle. Das ist ein Gedankentalisman. Er kann die direkte Einflussnahme auf den Geist unterbinden. Offenbar kann der Echoverschlinger nur durch andere sprechen und sie in den Gedanken foltern, wenn er eine Verbindung über den Geist aufbaut. Geht es Ihnen wieder gut, Frau Yildirim?“

Reyhan nickte und alle atmeten erleichtert auf. Nachdem sie sich alle von dieser Geschichte erholt hatten, machten sie sich an die Planungen. Sie machten eine Gemeinde in der Nähe vom Tal des blutenden Mondes aus und buchten einige Zimmer. Dort sollte ihre Operationsbasis sein. Falkenstein rief den Exorzisten an und dieser sagte zu, in zwei Tagen in der Gemeinde Köhlbach zu sein, der zuvor erwähnten Gemeinde. Sie mussten noch ein paar Vorbereitungen treffen, dann würden sie alle nach Köhlbach fahren. Sie würden nicht auf den Echoverschlinger warten, sie hatten vor, ihn auf seinem eigenen Territorium zu stellen.

Kapitel 3: Eine grinsende Meute

Endlich trafen sie in Köhlbach ein. Zwei Tage waren vergangen seit der letzten Konfrontation mit dem Echoverschlinger bzw. seinem Boten. Das Amulett half Reyhan sehr weiter. Sie schlief ruhiger, seit sie es trug. Alle waren angespannt, sie kamen der Bedrohung immer näher. Ich hoffe, dieses Mal besiegen wir ihn endgültig. Dieser Dämon hat uns genug Schmerz angetan. Er soll nie wiederkommen, dieser miese Bastard, dachte sich Eike. Er erinnerte sich noch sehr gut daran, wie sie ihm vor vier Jahren begegnet waren. Dennis, Ümit und Daniela mussten sterben. Er machte sich seitdem große Vorwürfe.

Hätte er die Anderen doch davon abgehalten, nach Sonnenuntergang ein Echo im Tal zu erzeugen und dieses Monster heraufzubeschwören. Vielleicht wäre es sogar noch besser gewesen, Dennis und er wären nie zur Tankstelle gefahren. Der Tankwart wollte sie nur vor dem Echoverschlinger warnen, hatte aber die Methode genannt, wie er in unsere Welt eintreten würde. Dennis hatte es sich danach nicht nehmen lassen, nach Sonnenuntergang ein Echo zu erzeugen und die anderen auch anzustacheln, nur Mike tat es zum Glück nicht.

Sie hatten einige Zimmer im Gasthof „Zum schwarzen Hengst“ gebucht. Clive Granger würde auch bald kommen. Bis dahin wollten alle erstmal den Kopf frei kriegen. Eike ging an die frische Luft und schaute sich etwas in Köhlbach um. Es war gerade mal eine 800-Seelen-Gemeinde. Nicht wirklich viele Menschen lebten in diesem Dorf. Hätten sie nicht dieses schreckliche Wesen vor Augen gehabt, dem sie sich stellen mussten, hätte Eike den Aufenthalt vielleicht sogar genossen. Es war ein eigentlich friedlicher Ort, an dem man gut zur Ruhe kommen konnte. Zumindest solange nicht der Echoverschlinger hinter einem her war. Eike ging gedankenverloren eine Straße entlang, als plötzlich hinter ihm eine unmenschliche Stimme erklang.

„So, ihr seid also gekommen. Gut, ihr erspart mir, euch zu suchen.“

Erschrocken drehte sich Eike um. Vor ihm stand wieder der grinsende Bote, und er hatte gerade den Mund des Echoverschlingers. Eike hatte Angst, er war gerade allein, niemand konnte eingreifen, wenn er angegriffen wurde. Aber zum Glück machte der Bote keine Anstalten anzugreifen.

„Du wirkst so erschrocken. Hast du so viel Angst vor mir?“, kam es hämisch aus dem schwarzen Mund. „Oh, ich vergaß, du kannst ja nicht mehr antworten. Lass mal deinen Hals sehen, ich wette, es blieb eine schöne Narbe zurück.“

Nun hatte sich Eike wieder gefangen, er ging entschlossen einen Schritt auf den Boten zu. Der Bote war allein und nur ein Mensch, wenn auch mit der Stimme des Echoverschlingers. Gegen ihn konnte sich Eike wehren.

„Da hat ja jemand seinen Mut wiedergefunden. Umso besser, wenn ihr ins Tal geht, werdet ihr euch mir stellen. Ich muss sagen, mir gefällt eigentlich ein nettes, kleines Versteckspiel. Aber ihr seid mir zu lange auf der Nase herumgetanzt. Dieses Mal schnappe ich mir euch sofort.“

Eike blickte ihn böse an. Er war kurz davor, seinem Gegenüber das Maul zu stopfen. Das, was ihn davon abhielt, war, dass der Bote auch ein Opfer dieses Dämons war und somit einen Teil seines Schicksals teilte. Er wusste nicht, was der arme Mann alles hatte durchleben müssen. Aber sie hatten schon an seinem gequälten Grinsen gesehen, dass er den Verstand verloren hatte. Eike fragte sich, ob der Echoverschlinger auch von seinem Freundeskreis erst welche in den Wahnsinn getrieben hätte, bevor er sie fraß.

Sie hatten ja damals zum Glück einen Weg gefunden, um ihn zu besiegen. Eike war sehr glücklich darüber, auch wenn Reyhan und er große Schmerzen erdulden mussten und ihre Stimmen für immer verloren hatten. Aber diesen Preis war es wert. Sie hatten diesen Unhold mit den durchtrennten Stimmbändern dorthin zurückschicken können, wo er hergekommen war. Ohne eine Stimme, die er klauen konnte, hatte er keinen Anker in dieser Welt. Unbewusst hatte Eike sich an der Narbe am Hals gerieben, als er im Geiste das Geschehene Revue passieren ließ.

„Das ist aber eine große Narbe, tat bestimmt weh. Leider ist es langweilig, mit jemanden zu reden, der nicht antworten kann. Zeichensprache habe ich nie gelernt“, sagte sein Gegenüber und erinnerte Eike noch einmal daran, dass er seine Stimme gestohlen hatte.

Eike fragte sich, was sein Gegenüber eigentlich wollte. Machte das dem Echoverschlinger Spaß? Anstalten, ihn anzugreifen, unternahm der Bote jedenfalls nicht, und der echte Echoverschlinger war auch nirgends zu sehen.

„Nun wie dem auch sei, ich wollte euch nur offiziell begrüßen. Außerdem kannst du mir jetzt verraten, wie ihr die Verbindung zu Reyhan gekappt habt! Ach ja, fast vergessen, keine Stimme“, sagte der schwarze Mund hämisch. Dann wurde der Mund des Boten wieder normal und er ging von dannen. Eike musste der Gruppe Bescheid geben, der Echoverschlinger wartete bereits auf sie.

Als Eike wieder im Gasthof eintraf, war ein Mann bei Ihnen, den er nicht kannte. Die anderen redeten mit ihm. Als er dazustieß, wurde er ihm vorgestellt. Mike sprach:

„Ah, gut, das du da bist, Eike! Das ist Clive Granger.“

„Schön, dich kennenzulernen, ich bin Clive“, kam es mit einem leicht britischen Akzent, aber ansonsten tadellosem Deutsch.

Clive reichte Eike die Hand, welcher diese eilig schüttelte und sich dann an Mike wandte. Er erklärte ihm in Gebärdensprache, was er für eine Begegnung hatte. Mike war einen kurzen Moment überrascht, dann erklärte er den anderen, was los war. Clive ergriff gleich das Wort.

„Also weiß der Echoverschlinger bereits, dass wir hier sind. Ich hatte gehofft, wir hätten noch etwas mehr Zeit, bis er es erfährt. Wir werden uns beeilen müssen, bald wird der Dämon seinen Zug machen. Es ist nie leicht, gegen einen Dämon anzutreten.“

„Sicher, aber du hast ja schon Erfahrung. Immerhin bist du doch acht Mal gegen welche angetreten“, sagte der Professor.

„Nein, Andreas, sieben Mal waren es ruhelose Geister, gegen die ich mich stellte. Nur einmal war es ein Dämon, den ich austreiben musste. Und der Dämon war der Gefährlichste von allen, so ein Wesen hat mehr Macht als der Geist eines Verstorbenen. Ich hatte Unterstützung durch noch einen Exorzisten. Der Andere starb dabei, ich überlebte knapp und konnte ihn verbannen. Das hier wird keine leichte Aufgabe.“

„Nur einmal wirklich gegen einen Dämon. Sind Sie sicher, dem gewachsen zu sein?“, entfuhr es Arne.

„Ich werde es sein müssen. Immerhin habe ich so etwas schon gemacht und wir haben nicht mehr viel Zeit. Wenn der Echoverschlinger euch so offen herausfordert, wird er bald aktiv werden. Er wird weder mir noch euch Zeit lassen für eine bessere Vorbereitung. Wir sollten schnellstens das finden, was ihn in unserer Welt hält, und die Verbindung kappen.“

Plötzlich kam die Wirtin zu der Gruppe, die offensichtlich mitgehört hatte: „Habe ich richtig gehört, ihr wollt euch mit dem Echoverschlinger anlegen? Lasst das besser! Ich dachte früher er wäre nur eine Legende, aber nach dem Vorfall vor vier Jahren war ich nicht mehr so sicher. Dann gab es noch den Vorfall vor einem Monat.“

„Den Vorfall vor einem Monat?“, fragte Mareike neugierig.

„Ja, vor einem Monat sind unvernünftige Jugendliche in dieses verdammte Tal gegangen. In ihrer jugendlichen Dummheit wollten sie wohl eine Mutprobe machen. Nun, was soll ich sagen, sie gingen zu fünft in das Tal und kamen nicht wieder. Wir wussten erst nicht, wo genau sie waren, die Clique hatte niemanden was gesagt. Ein Förster fand dann einen im Tal. Er brachte ihn zu uns in die Stadt, aber beide waren verändert. Sie konnten nicht mehr reden, eine medizinische Erklärung gab es nicht dafür, also kann es nur dieses Monster gewesen sein. Sie verhielten sich auch von Tag zu Tag immer merkwürdiger.“

„Dann hat er wohl die Beiden erwischt und unter seine Kontrolle gezwungen“, meinte Lizzy.

„Nicht nur die Beiden. Als sie wiederkamen, konnten sie zwar nicht reden, aber sie zeigten auf einer Karte, wo sie waren. In diesem verfluchten Tal. Die örtliche Polizei ging dann mit einigen Freiwilligen ins Tal, um nach den anderen Jugendlichen zu suchen. Sie kamen ohne die Jugendlichen zurück. Auch sie waren verändert. Sie konnten zwar alle noch sprechen, aber jeder war irgendwie komisch seit diesem Tag.“

„Von wie vielen reden wir? Wie viele gingen in das Tal?“, fragte Clive beunruhigt.

„Es waren etwa 100 Leute. Ganz genau weiß ich das nicht. Ich kann nur sagen, dass keiner mehr von ihnen so war wie davor. Außerdem ist der letzte Junge aus der Truppe auch verschwunden. Das war kurz nachdem der Suchtrupp zurück war.

„Das ist schlecht. Vermutlich hat er jetzt Kontrolle über 100 Menschen. Das wird unsere Aufgabe deutlich erschweren“, meinte Clive.

Plötzlich erschrak Lizzy. Sie hatte aus einem Fenster geschaut und rief nun die anderen.

„Verdammt, schaut nach draußen. Da ist eine große Menschenansammlung. Was wollen die nur?“

Alle gingen nun ans Fenster. Vor dem Gasthof standen rund 100 Menschen, die sie wahnsinnig grinsend ansahen. Clive ergriff nun die Initiative und ging raus.

„Was wollt ihr von uns? Hat euch der Dämon geschickt?“

Ein Mann mit Polizeiuniform trat hervor und antwortete: „Wer bist du? Willst du den anderen helfen? Die ganze Gruppe wurde uns beschrieben, keiner sah so aus wie du.

„Ja, ich will ihnen helfen. Ich gehöre noch nicht lange dazu.“

„Ist das so? Ich empfehle dir, dich rauszuhalten. Ansonsten wird unser Meister ziemlich wütend. Das wäre nicht gesund für dich“, sagte der Polizeibeamte mit einem gequältem Lächeln.

„Teil deinem Meister mit, das riskiere ich gerne! Ich bin nur neugierig, will euer Meister riskieren, am hellichten Tag einen Aufruhr anzuzetteln?“

„Vielleicht will er das wirklich. Aber keine Sorge, erstmal sollen wir euch nur etwas mitteilen. Er will Eike, Mike und Reyhan. Der Rest kann gehen. Falls ihr nicht gehen wollt, wird sich auch eurer annehmen.“

„Er kriegt keinen von uns. Sag das deinem Meister!“

„Bist du dir da ganz sicher? Nun, wie dem auch sei, die Botschaft wurde überbracht“, sagte der Polizist und wandte sich ab.

Die grinsende Meute tat es dem Polizisten gleich und ging wieder, zumindest vorerst. Alle hatten die Worte mitgehört. Die Wirtin sah die Gruppe nur fassungslos an. Sie konnte nicht glauben, was sie mit angesehen hatte. Clive rief die Gruppe gleich auf, zu sich aufs Zimmer zu gehen. Dort angekommen, fing er an mitzuteilen, was er dachte.

„Der Echoverschlinger will sich beeilen. Er hat uns klar gezeigt, wenn wir die drei nicht ausliefern, kommt er uns holen. Wir sollten uns ihm besser schnell stellen. Er wird uns keine Zeit für eine lange Vorbereitung lassen.“

„Aber wie sollen wir ihn besiegen? Wir wissen nicht, wie wir mit ihm fertig werden können“, warf Mareike ein.

„Wir haben bereits den Plan, seine Verbindung zu kappen zu unserer Welt. Diesen sollten wir weiter verfolgen. Ich glaube, ich weiß auch, wo wir seinen Anker finden.“

„Und wo?“, fragte Chris.

„Nach den mir bekannten Sagen und dem Bericht über die Geschehnisse von vor vier Jahren muss sein Zugang zu unserer Welt auf dem Felsen liegen, der in der Mitte des Sees ist.

Der Fels, der im See dieses Tals liegt, ist sein Tor. Dazu hat die Wirtin erzählt, der letzte Junge aus der Gruppe, die ihn wohl wieder gerufen hat, ist verschwunden. Da er seine Stimme geraubt hat, nutzt er wohl ihn als Anker. Damit das Monster länger in unserer Welt verweilen kann, hat er ihn bestimmt auf diesen Felsen gebracht. Irgendwie kann er den Effekt, der ihn bindet, wohl dadurch verlängern.

„Also müssen wir vermutlich den Jungen und diesen Förster loswerden, deren Stimme er stahl. Die anderen hat er vermutlich nur berührt, sie haben ihre Stimme ja noch“, meinte der Professor.

„Das könnte sein. Eventuell gibt auch einen anderen Weg. Auf dem Felsen könnte ein Symbol sein, das ihn hier hält. Vielleicht kann ich das Siegel entfernen oder einen Bannspruch benutzen, um ihn loszuwerden. Das sehen wir erst, wenn wir vor Ort sind.“

„Okay, das machen wir so. Wir müssen diesen Dämon endlich wieder dahin schicken, wo er herkommt“, sagte Mike entschlossen.

„Gut, sammelt euch kurz, dann fahren wir zum Tal. Bereitet euch seelisch und körperlich darauf vor! Viel Zeit bleibt uns nicht, sonst macht dieses Monster seinen Zug“, stimmte Clive sie alle noch einmal ein, und sie bereiteten sich alle innerlich darauf vor aufzubrechen.

Kapitel 4: Der Blutfelsen

Die Freunde machten sich nun auf zum Parkplatz hinter dem Gasthof. Bis auf Clive waren alle mit Professor Falkenstein gefahren. Sie hatten sich dafür einen Minibus gemietet. Clive hatte sich offenbar einen Sprinter besorgt. Mike machte sich Gedanken über das weitere Vorgehen. Wie kommen wir eigentlich zu einem Felsen, der mitten in einem See liegt? Gibt es an dem See ein Boot? Mir ist da nichts bekannt.

Als sie angekommen waren, äußerte Mike seine Bedanken.

„Hey Clive, ich habe mir gerade ein paar Gedanken gemacht. Der Felsen ist mitten in einem See. Wie sollen wir da hinkommen? Wollen wir etwa schwimmen? Ich weiß jedenfalls nicht, ob da ein Boot verfügbar ist.“

„Keine Sorge, Mike, darüber habe ich schon nachgedacht. Hilft mir mal einer, ich habe ein Motorschlauchboot besorgt. Das Boot müssen wir erst aufpumpen, das werde ich machen, bevor wir am See sind. Vor Ort könnten wir ziemlich schnell angegriffen werden. Zum Glück ist dieser Parkplatz vor Blicken abgeschirmt. Ich hoffe, er rechnet nicht damit, dass wir mit einem Boot kommen.“

Mike und Eike halfen Clive kurzerhand damit, das Boot aufzupumpen und es dann im Sprinter zu verstauen.

„Clive, hast du dir eigentlich schon Gedanken gemacht, wie wir vor Ort vorgehen?“, fragte Mike.

„Nur grob, leider kennen wir uns im Tal nicht aus und wissen nicht sicher, wann er uns angreift. Ich weiß aber, dass er Reyhan und Eike sowie dich als Hauptziele hat. Ich möchte, dass wir das Boot schnell vor Ort entladen, dann steigen du, Reyhan und Eike auf jeden Fall sowohl in den Bus als auch in den Sprinter. Ihr müsst euch aufteilen. Dann fahrt ihr in unterschiedlichen Richtungen davon. Ihr sollt ihn weglocken und etwas verwirren. Ich fahre dann mit dem Boot zu dem Felsen und versuche seine Verbindung zu unserer Welt zu kappen. Ich habe auch einige Reliquien, die helfen könnten.“

„Einige Reliquien?“, fragte Mareike.

„Ja, wenn wir an den See fahren, will ich sowohl im Sprinter als auch im Bus ein Siegel platzieren. Dieses Siegel trübt die Wahrnehmung eines Dämons und macht es ihm schwerer, uns ausfindig zu machen. Hier hoffe ich inständig, dass wir nicht auf seine Gefolgschaft treffen, das Siegel wirkt nicht bei Menschen. Wenn wir dann das Boot zu Wasser lassen, deaktiviere ich die Siegel in den Autos und ihr bekommt von mir zwei Talismane, welche einen gewissen Schutz vor Geistern bieten. Diese Talismane mindern zwar etwas die Macht von so einem Monster, aber gleichzeitig leuchten sie für ihn auf wie ein Signalfeuer. Damit sollt ihr ihn dann weglocken.“

„Und was ist, wenn das alles nicht klappt“, warf Arne panisch ein.

„Plan B ist, den Jungen und den Förster auszuschalten, die ihn in unserer Welt halten. Ist nicht unserer bevorzugte Methode, aber deswegen ist es ja auch nur Plan B. Ich hoffe, wir haben Erfolg. Es fehlt einfach die Zeit für bessere Vorbereitungen. Er kann uns jederzeit seine Meute auf den Hals hetzen und ich denke, er kann seine Anhängerschaft noch vergrößern bei Bedarf. Unsere Chancen werden schlechter mit jedem Moment, den wir länger warten. Also fahren wir los.“

Alle nickten zustimmend. Clive und Mike stiegen in den Sprinter, der Rest in den Minibus und sie fuhren los.

Während sie fuhren, war Mike absolut angespannt. Ich hoffe, dieses Monster erwartet uns noch nicht. Vermutlich denkt sich der Echoverschlinger seinen Teil, aber eventuell sind seine Anhänger noch nicht so koordiniert, dass sie uns aufhalten können. Wenn wir ihnen mitten in die Arme fahren, können wir uns gleich einsargen lassen. Mindestens 100 Leute kontrolliert er, und er selbst ist nochmal gefährlicher als 100 Menschen zusammen. Mike dachte so angespannt über die Lage nach und ob sie es wirklich schaffen konnten. Er machte sich echt Sorgen.

„Sag mal, Clive, glaubst du wirklich, wir können gewinnen? Er scheint durchaus vorbereitet zu sein.“

„Ja, die Lage sieht schlecht aus, aber ich glaube nicht, dass es hoffnungslos ist. Er selbst scheint sich beeilen zu wollen, dieses Monster macht sich wohl auch über etwas Sorgen. Ich habe euch alle angetrieben, bereits zu agieren, weil er sonst selber losschlägt, vielleicht sogar noch mehr Leute mit hineinzieht. Was ich mitbekommen habe, ist, dass er praktisch ein Getriebener ist. Egal was Druck auf ihn ausübt, es bringt ihn dazu, Dinge zu tun, die Dämonen sonst vermeiden.

„Die Dämonen sonst vermeiden?“

„Ja, Dämonen kommen sowieso schon nicht sehr häufig vor, bzw. treten sie selten in unsere Welt ein. Was aber bemerkenswert ist, normalerweise suchen sie sich nur ihre Beute und sind dann auch schon weg. Sicher, es ist nicht leicht für sie, sich lange in unseren Sphären aufzuhalten, aber prinzipiell gibt es Mittel und Wege. Aber nur selten versuchen sie einen Anker in unserer Welt zu errichten.“

„Ja, der Professor hat das auch gesagt. Es ist nicht klar, wieso, es gibt mehrere Erklärungsansätze, nicht wahr?

„Das stimmt. Ganz sicher ist sich niemand, weswegen, vermutlich gibt es mehrere Antworten dafür. Ich hatte auch überlegt, ob wir versuchen, das Ganze auszusitzen, aber ich befürchte, dann eskaliert die Lage richtig. Er ist bereits wütend genug, um länger hier zu verweilen; wenn er sich gezwungen sieht, die Drei selbst zu schnappen, vergreift er sich ganz schnell an noch mehr Leuten.“

„Deswegen also die Eile, ich verstehe.“

Sie bogen nun in eine Ausfahrt ein, die zum Tal führte. Sie hatten sich die Route früh angeschaut und wollten möglichst schnell zum See. Als sie in das Tal kamen, passierte etwas Beunruhigendes. Eigentlich war es gerade 16:30 Uhr und die Nachmittagssonne schien an einem wolkenlosen Himmel. Aber sobald sie im Tal angekommen waren, war es auf einmal Nacht. Die Sonne war verschwunden und ein blutroter Mond war am Himmel zu sehen, der alles in ein rötliches Licht tauchte. Sie fuhren an den Straßenrand und hielten an, hinter ihnen tat es der Minibus auch. Alle stiegen aus und Clive ergriff das Wort.

„Das ist schlimmer als gedacht. Er muss wirklich ein mächtiges Ritual abgehalten haben, um die Nacht und den Blutmond hier zu halten.“

„In der Tat, du hast es erfasst“, vernahmen sie auf einmal von der anderen Straßenseite. Dort stand der grinsende Polizeibeamte, mit dem Clive vorhin geredet hatte. Hinter ihm waren rund 20 weitere Personen aus der grinsenden Meute.

„Ihr habt also schon auf uns gewartet. Ich hatte es befürchtet“, antwortete Clive.

„Unser Meister wollte, dass wir einige Zugänge zum Tal bewachen. Zum Glück seid ihr genau bei uns gelandet, dann könnt ihr das Schauspiel hautnah beobachten.“

„Welches Schauspiel?“

„Unser guter Freund Sven, der Förster, wird es euch zeigen.“

Auf einmal trat der grinsende Bote hervor, der das Ganze wieder ins Rollen gebracht hatte. Er hielt ein Messer in der rechten Hand. Auf einmal bekam der Polizeibeamte den Mund des Echoverschlingers, und dessen dunkle Stimme erklang.

„Das ist mein guter Freund Sven, der ein selbstloses Opfer vollbringt. Er hilft uns, dass dieses Spiel zu Ende gespielt wird.“

Auf einmal durchtrennte sich der Mann die rechte Halsschlagader und verblutete innerhalb weniger Sekunden vor den Augen aller. Sein wahnsinniges Grinsen war noch zu sehen, als er tot am Boden lag. Plötzlich wurde die Luft um alle herum unruhig. Es war ein Vibrieren zu spüren, die Gruppe blickte sich erschrocken um. Der Mond fing an zu bluten und die Tropfen verteilten sich am Himmel. Sie liefen an den Rändern des Tals herunter und die Luft dort wirkte verschwommen.

Es war, als wenn dort ein rötlich durchsichtiges Meer auf sie wartete, und sie waren in einer Luftblase. Die Stimme des Monsters erklang wieder.

„Sven gab sein Leben, damit keiner aus dem Tal entkommen kann. Jeder ist hier gefangen. Selbst ich kann es nicht verlassen. Nicht solange ich nicht meine Rache hatte. Es ist das zweite Opfer für mich. Ihr habt bestimmt gehört, dass ich noch jemanden hatte, dessen Stimme mein war. Auch er opferte sich, damit ich in diesem Tal verweilen kann. Erst wenn ich meine Schande beseitigt habe und das Blut derer vergieße, die ihre Stimmen gaben und entkamen, werde ich wieder gehen. Und auch erst dann kann man dieses Tal wieder verlassen.“

Alle sahen den Polizeibeamten mit dem schwarzen Mund erschrocken an.

Was hatte der Echoverschlinger nur mit ihrem Verstand angestellt, damit sie so etwas für ihn taten? Plötzlich wurde der Mund des Beamten wieder normal.

„Der Meister will sich euch persönlich schnappen, aber da er wenig Lust auf eine lange Verfolgungsjagd hat, gestalten wir eure Autos um.“

Der Polizist zog seine Dienstwaffe und schoss auf die Reifen ihrer Wagen. So sollten sie nicht mehr herumfahren können. Die Gruppe erschrak und rannte in den Wald. Einige hundert Meter weiter kamen sie dann alle zum Stehen. Sie sammelten sich erstmal, sie brauchten einen Plan.

„Verflucht, was machen wir jetzt?“, fragte Chris verzweifelt.

„Wir sind geliefert, Mann. Er hat uns erwartet, er wird uns kriegen!“, stammelte Arne ängstlich.

„Beruhigt euch wieder, dafür habe wir doch die Hilfe von Clive“, ermahnte der Professor besonnen.

„Ja, ihr habt mich und ich weiß, es sieht nicht gut, aber noch ist nichts verloren. Ich muss irgendwie auf die Insel und versuchen, die Verbindung des Dämons zu kappen. Dann können wir noch entkommen. Vielleicht kann ich mit einem Siegel die Magie des Echoverschlingers brechen.“

Auf einmal hörten sie Stimmen näherkommen. Die Freunde erstarrten, während der Professor und Clive nur überrascht waren.

Das sind die Stimmen unserer toten Freunde, dachte sich Mike sofort. Er sah an den Gesichtern seiner Freunde, dass sie es auch erkannten. Es war ein wildes Sammelsurium an Hilferufen und Todesschreien. Mike ergriff sofort das Wort.

„Lauft, der Echoverschlinger kommt.“

Alle liefen schlagartig los. Sie wollten nur weg von diesen Stimmen. Alle hatten Angst vor dem Monster, welches die Stimmen besaß. Sie liefen und liefen, bestimmt zehn Minuten lang, bevor sie erneut anhielten. Die Stimmen waren jetzt ganz leise. Sie hatten etwas Abstand zwischen sich und dem Dämon gebracht. Auf einmal fiel Mike etwas auf. Sie waren auf einer Lichtung, an deren Rand zwei Leichen lagen.

„Schaut, da! Verdammt, was hat er mit denen gemacht? Die sehen ja ganz vertrocknet und verschrumpelt aus.“

Tatsächlich sahen die Leichen so aus, als hätte man sie ausgesaugt und keinen Tropfen Flüssigkeit in ihnen gelassen.

„Macht der das etwa mit uns allen?“, fragte Mareike ängstlich.

Noch bevor irgendjemand eine Antwort geben konnte, hörten sie wieder deutlich die Stimmen. Der Echoverschlinger hatte aufgeholt. Alle liefen wieder los. Sie rannten und rannten. Doch dann hörten sie einen Schrei hinter sich und hielten an. Der Echoverschlinger hatte sie eingeholt und sich Arne geschnappt.

Mareike, Lizzy, Chris und der Professor waren wie erstarrt, als sie dieses Monster sahen. Reyhan, Mike und Eike kannten dieses grässliche Wesen schon und verarbeiteten den Anblick schneller. Clive war abgebrühter als die anderen und konnte es auch besser verarbeiten. Alle hörten sie Arnes verzweifelte Schreie. Dann sprach der Dämon zu Ihnen.

„Gefunden! Da habe ich ja jemand ganz Neues. Ich bin sicher, er freut sich schon, eure Freunde wiederzusehen.“

Der Echoverschlinger biss Arne die Kehle durch, er war sofort tot. Alle hatten Todesangst. Sie sahen nun auch, dass sich welche von der grinsenden Meute versammelten und um sie einen Kreis bildeten, es waren etwa 60 Personen. An ein Entkommen war wohl nicht mehr zu denken.

„Keine Sorge, auch wenn ich sonst gern spiele, dieses Mal mache ich es schnell. Ich bin schon viel zu lange in dieser Welt. Ich kann ja eh mit euren ungezogenen Seelen spielen. Ihr habt euch richtig danebenbenommen. Ich kann ein paar meiner Sklaven nicht mehr spüren, ihr müsst sie wohl getötet haben. Wer hätte gedacht, dass ihr zu so bösen Dingen fähig seid“, sagte er hämisch.

Nun waren sie zusätzlich zur Angst verwirrt. Sie waren beschäftigt mit der Flucht gewesen. Keiner wurde von ihnen getötet. Clive fand seinen Mut wieder und sprach.

„Wir haben keinen getötet. Warst du etwa zu gierig und hast vergessen, dass du selber ein paar deiner Leute getötet hast?“

„Was, ihr seid das nicht gewesen? Dann muss ich mich definitiv beeilen“, sagte der Echoverschlinger und er schien das erste Mal tatsächlich etwas besorgt zu sein.

Plötzlich hörten sie hinter sich ein Krachen und etwas schoss aus dem Wald.

Vier von der grinsenden Meute wurden gepackt. Alle starrten das neue Etwas erschrocken an. Dieses Etwas wirkte wie eine Masse aus Schemen. Es war, als hätten sich verschiedene durchsichtige Körper vereint und eine unförmige, sich vorwärts bewegende Masse gebildet. Es war nicht wirklich zu greifen, was für eine Form dieses Etwas überhaupt hatte. Die Vier, die es gepackt hatte, hingen an langen, unförmigen Armen, aus denen weitere Arme zu kommen schienen. Sie wurden davon praktisch ausgesaugt.

„Verflucht die Büßermasse“ rief der Echoverschlinger erschrocken. So bizarr es auch wirkte, er ergriff die Flucht. Dieses Ungeheuer war selbst für den Echoverschlinger wohl eine Nummer zu groß.

Auch seine Sklaven rannten davon. Die Gruppe ließ sich auch nicht zweimal bitten. Sie flohen, um dieser schrecklichen Kreatur zu entkommen. Sie rannten geschlagene 20 Minuten, bis sie zum Stehen kamen. Das Adrenalin pochte noch durch ihre Herzen. Die Lage war noch ernster als befürchtet. Jetzt hatten sie es mit zwei Dämonen zu tun.

„Was war das nur für ein schreckliches Ungeheuer?“, kam es ängstlich über Mareikes Lippen. Nachdem sie etwas verschnauft hatten.

„Der Professor sagte doch, es gibt mehrere Theorien, warum diese Wesen sich nicht lange in unserer Welt aufhalten wollen. Eine war doch, dass noch stärkere Dämonen angezogen werden, wenn sie zu lange hier sind. Vermutlich haben wir hier den Beweis dafür gesehen“, sagte Mike.

„Ihr habt recht. Wenn ich zu lange die Verbindung aufrecht erhalte, kommen ungebetene Gäste.“

Alle schauten sich um, dort standen wieder einige Sklaven des Echoverschlingers.

Mike zählte fünfzehn Stück von Ihnen. Eine Frau von ihnen, die vorne stand, hatte gerade den Schwarzen Mund, durch den der Dämon sprach.

„Das ausgerechnet die Büßermasse kommen musste, ist ein Riesenpech. Dieser Dämon ist wirklich mächtig. Eine Ansammlung von Seelen, die über Jahrtausenden von gierigen Menschen eingingen. Sie bereuten ihre Gier, konnten sie aber nicht loslassen und somit nicht ins Jenseits übertreten, so wurde dieser mächtige Dämon geboren. Wenn er nicht auch andere Dämonen fressen würde, würde ich ja die Show genießen, aber ich muss mich jetzt leider beeilen.“

Die Frau drehte sich nun zu den anderen Sklaven um und sprach weiter mit der dämonischen Stimme: „Bringt mir Eike und Reyhan, oder zumindest einen von beiden. Ich brauche ihr Blut, um aus dieser misslichen Lage zu verschwinden. Erst wenn ich es am Blutfelsen vergieße, wird das Tor zu dieser Welt geschlossen.“

Die Sklaven des Dämons wollten gerade zum Angriff übergehen, als plötzlich wieder die Büßermasse hervorbrach. Sie schnappte sich fünf der Sklaven und auch Mareike und Chris fielen ihr in die Hände. Alle liefen panisch los und verstreuten sich in alle Winde. Sie hörten hinter sich die Todesschreie derer, die in die Fänge dieses Monstrum geraten waren.

Eike lief und lief, er wurde von den anderen getrennt, als sie wieder von dem Monster angegriffen wurden. Vor ihm erstreckte sich nun der Rand des Sees. Er sah in der Mitte des Sees den Blutfelsen, welcher auf einer Sandbank lag. Sagte der Echoverschlinger nicht etwas davon, dass unser Blut vergossen werden muss? Vielleicht kann ich mit meinem Blut den Anker entfernen, der diesen Dämon hier hält, und dazu auch das andere Monster loswerden, dachte sich Eike. Er sah hinüber zu dem Blutfelsen und schätzte die Entfernung auf 400 bis 500 Meter. Er war ein guter Schwimmer und es schien ein seichtes Gewässer zu sein. Also würde er rüberschwimmen, um dem Spuk endlich ein Ende zu setzen. Er zog die Schuhe und sein Shirt aus, ging ins Wasser und machte sich daran, hinüber zu schwimmen.

Mike und Reyhan liefen nebeneinander, als sie hinter sich hörten: „Da sind sie, der Meister braucht ihr Blut, schnappt sie euch. „

Sie rannten jetzt noch schneller. Diese Meute war Ihnen dicht auf den Fersen. Sie hatten ständig Angst, eingeholt zu werden. Dann hörten sie kurze Zeit später auch noch die Stimme des Echoverschlingers: „Ich kriege euch. Ihr entkommt mir nicht!“

Mike hatte kurz über die Schulter geblickt und in einiger Entfernung das Monster gesehen. Was sollten sie nur machen? Jetzt war der Echoverschlinger auch noch hinter ihnen und er war über kurz oder lang schneller als jeder Mensch.

Eike schwamm und schwamm, er hatte den Großteil der Strecke hinter sich gebracht, als er hinter sich hörte, dass sich etwas im Wasser bewegte. Es war die Büßermasse. Sie war hinter ihm her. Jetzt schwamm er noch schneller, noch verzweifelter. Sie sollte ihn nicht kriegen.

Der Echoverschlinger hatte Reyhan und Mike fast eingeholt. Da tauchte plötzlich Clive vor ihnen auf. Er warf ein Säckchen auf den Echoverschlinger und dieser wurde kurz gestoppt, als es auf ihn traf und platzte. Auch seine Sklaven hielten kurz verwirrt an.

„Schnell, ihr Beiden. Das Pulver in dem Säckchen macht ihn kurz orientierungslos und anscheinend auch seine Sklaven, aber das ist nicht von Dauer.“ Sie liefen in den dichteren Teil des Waldes. Sie wollten zum einen mehr Abstand gewinnen und zum anderen nicht gleich ausgemacht werden. Alle 3 waren erschöpft und versteckten sich hinter Bäumen. Sie brauchten einfach einen Moment Pause.

Eike schwamm so schnell es ging. Das Monster hinter ihm war eine massive Motivationshilfe. Er erreichte die Sandbank vor sich und festen Boden unter seinen Füßen. Er bewegte sich weiter vorwärts und trat auf einen scharfen Stein. Kurz hielt er inne vor Schmerz, dann lief er weiter. Gehetzt rannte er zu dem Felsen in der Mitte. Das Monster würde auch gleich hier sein. Er schaute, ob er einen Anhaltspunkt finden konnte. Ihm fiel eine Stelle mit einem in Blut geschrieben Zeichen auf dem Felsen auf. Da kam ihm eine Idee. Ihm fiel auf, dass er nichts hatte, womit er sich schneiden und Blut hervorbringen konnte.

Er drehte sich um und sah, wie die Büßermasse langsam ihre Arme nach ihm ausstreckte. Verzweifelt kam ihm ein Geistesblitz. Er schaute unter seinen Fuß und erspähte die blutende Schnittwunde. Schnell wischte er mit der rechten Hand etwas von seinem Blut ab und strich es über das Zeichen.

Mike, Reyhan und Clive verbargen sich still im Gehölz. Doch plötzlich hatte der Echoverschlinger sie gefunden. Er brach zwischen den Bäumen hervor und wollte sie packen, doch dann zitterte er auf einmal und schien sich in mehrere Blutstropfen aufzulösen. Die Blutstropfen gingen in Richtung Mond und plötzlich wurde es wieder hell. Es war noch Tag, und da der Echoverschlinger gebannt war, kam die Sonne wieder zum Vorschein.

Eike sah, wie der Arm der Bestie kurz davor war, ihn zu packen. Weitere kleine Arme kamen daraus hervor, als der Arm plötzlich innehielt. Auf einmal wurde die Kreatur in einen merkwürdigen Wirbel gesogen und verschwand. Parallel dazu wurde es wieder Tag. Offenbar hatte er es geschafft. Eike setzte sich ans Wasser und blickte hinüber zum Ufer. Dort sah er, wie sich nach und nach seine Freunde einfanden. Gelegentlich waren auch andere Menschen zu sehen, die ziellos umherirrten. Es waren wohl die Sklaven des Echoverschlingers, welche nun keine Führung mehr hatten und zu sich gekommen waren.

Ihm fehlte die Kraft, jetzt hinüberzuschwimmen, daher saß er ruhig da und schaute weiter ans andere Ufer. Er brauchte Ruhe. Aus der Ferne sah er, dass es außer Mareike, Arne und Chris alle geschafft hatten. Clive und der Professor waren mit Mike verschwunden. Kurze Zeit später hatten die Drei das Motorschlauchboot mitgebracht. Alle Drei stiegen ins Boot und fuhren zu Eike herüber. Als sie da waren, fragten sie, ob er die Monster gebannt hatte, und Eike erklärte Mike mit seiner Gebärdensprache, was passiert war. Mike gab das dann weiter.

„Das war eine kluge Idee von dir. Du hast uns alle gerettet“, sagte Clive.

Alle gaben ein zustimmendes Nicken ab. Sie schauten sich die Stelle an, auf der Eike sein Blut verschmiert hatte. Unter seinem Blut war ein Pentagram in einem noch dunkleren Rot zu sehen. Clive ergriff das Wort.

„Das ist wohl das Tor, durch das der Echoverschlinger in unsere Welt tritt. Es hat den Anschein, du hast ihn nur für dieses Mal gebannt, als du mit deinem Blut das Opfer des Jungen negiert hast. Ich kann das Tor aber versiegeln, bitte gib mir noch etwas von deinem Blut! Das Blut von jemandem, der den Dämon besiegt hat, wirkt besonders gut.“

Eike hielt ihm den verletzten Fuß hin und Clive strich mit den Fingern durch die Wunde. Dann setzte er ein Zeichen auf das andere. Er formte aus Eikes Blut einen Stern mit 7 Zacken und ein paar kleine Runen in die Zwischenräume.

„Das ist ein Versiegelungsheptagramm. Dadurch kann dieser Dämon nicht hindurchschreiten und es kann auch nicht so einfach entfernt werden, falls jemand so dumm sein sollte und ihm wieder die Tür öffnen will. Kommt, gehen wir zurück. Es gibt hier nichts mehr für uns zu tun.“

Eike ließ sich aber nur auf seinen Rücken plumpsen, hielt sich die Hände vor das Gesicht und fing an zu weinen. Sie hatten den Echoverschlinger erneut besiegt, aber es war wieder eine schmerzhafte Erfahrung. Eike konnte in dem Moment einfach nicht mehr.

Sie hatten wieder Freunde verloren. Wie oft musste er das noch erleben, wie oft musste er noch um sein Leben kämpfen? Hoffentlich hatten sie das Wesen ein für alle Mal aus ihrer Welt verbannt.

Autor: Schatteneremit

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