
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Der Händler
Sei gegrüßt, mein Freund, ich heiße Waldemar Rothinger und heiße Dich in meinem feinen Laden herzlich willkommen. Ich habe hier fast alles: Geschnitzte Holzpuppen, Kerzenständer, Tischdecken, feinste Stoffe und vieles mehr. Die Leute kommen gern hierher, um sich ein bisschen umzusehen und zu stöbern. Der Andrang ist groß und das aus gutem Grund! Meine Waren haben erstklassige Qualität und halten lange. Also was ist? Soll ich Dich ein bisschen herumführen, Dir die Geschichten meiner Waren erzählen? Alle haben eine zu erzählen, und sie haben häufig auch eine lange Reise hinter sich. Ich habe sie von Rittern, Bauern, Buben, Männern und Frauen erhandelt gegen Schmuck, Silbermünzen und andere Waren, habe sie auf der Straße gefunden und wenige auch selber hergestellt.
Nun, hast Du etwas Zeit? Hast Du Muße genug, Dir ein paar spannende Geschichten anzuhören, mit mir durch tausende Leben zu reisen, Tausende von Geschichten von Gegenständen? Ja? Das ist wundervoll, ich glaube, dass auch Gegenstände, Besitztümer, einen Teil der Seele ihrer ehemaligen Besitzer in sich haben, dass sie zum Leben erwachen können, wenn man ihre Geschichte mit anderen teilt. Das ist immer ein magischer, ungreifbarer Moment, etwas, das selbst ich nicht immer fassen kann. Siehst Du zum Beispiel die große, schwere Truhe dort hinten in der Ecke, auf der die dicken, alten Folianten gelagert sind? Ja, auch sie ist zum Verkauf und gehörte einem jungen Mann, vielleicht etwas über dreißig, der sie die ganze Zeit auf seinen Reisen mitgeschleppt hat. Nie hat er sie befüllt und trug sie ständig bei sich; ein seltsamer junger Mann, nicht wahr? Er musste leider viel zu früh von dieser Welt scheiden, seine Todesursache bleibt in dieser Stadt ungeklärt. Und rechts neben der Truhe, siehst Du die geschnitzte Holzpuppe auf dem alten Stuhl? Die mit dem widerlich breiten Grinsen und den aufgerissenen Augen? Sie gehörte einem Mädchen, das genauso widerlich lächelte und genauso boshafte Augen hatte. Ihr trauert niemand nach, da bin ich mir sicher. Nicht mal ihre Eltern vermochten sie zu lieben… Siehst Du diese Sammlung kostbarer und teurer Stoffe, dort, aufgetürmt neben dem Silberbesteck? Unter dem Bild mit dem Pferdegerippe, welches schon, als Du den Laden betreten hast, Deine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat? Sie gehörten alle einem wahnsinnig reichen Kaufmann, einem Händler so wie ich, der schon in ganz Europa war. In Italien war er gewesen, Griechenland und Frankreich. Er wird mich leider nie wieder besuchen kommen, weil auch er nicht mehr unter uns weilt, doch seine verrückten Geschichten werde ich kaum noch vergessen können.
Wollen wir kurz eine Pause einlegen? Du hättest nicht geglaubt, dass so viele Objekte in diesem Raum eine solch interessante Vergangenheit haben, stimmt’s? Nur zu, gib es zu! Möchtest Du zur Pause vielleicht etwas trinken? Etwas, das den Geist wieder fit, die Seele wieder munter macht? Schön! Ich habe etwas Tee bei mir. Teuren Tee, den ich jedoch gerne meinem ehrenwerten Kunden einschenke. Los, trink! Keine Hemmungen, die Tasse ist für Dich! Pass nur auf, dass Du Dir die Zunge nicht verbrennst! Gut, nicht wahr? Ich habe ihn von einem indischen Reisenden, dessen Leiche im Fluss dieser Stadt gefunden wurde. Doch keine Sorge, der Tee hat seine lebendige Kraft noch in sich.
Wollen wir nun weitermachen? Einen Blick in die hintere, dunkle, ja gefährliche Ecke meines Ladens werfen? Wo Spinnweben von der Decke hängen, wo Blut an Eisen klebt? Sieh mich nicht so entsetzt an, Du kommst unversehrt wieder zurück, vertraue mir! Den Weg über die morschen Bodendielen, das Gerümpel, zwischen den Regalen hindurch, den wirst du wieder zurückgehen, unversehrt. Lass mich Dir auch die dunklen Seiten des Lebens zeigen, nur Mut! Komm schon, folge mir, es wird lehrreich! Raffe Dich auf und folge mir, über diesen Bücherstapel hinweg, links an den Krügen vorbei. Siehst Du? Es ist gar nicht schwer. Verspürt Du Angst oder Unbehagen? Grusel? Nein? Hab ich es dir nicht gesagt? Nun gut, siehst du dieses Schwert, das an der Wand hängt? Das rote da ist sicherlich kein Rost. Der Ritter, dem es gehört, lebt schon lange nicht mehr. Wie vielen Menschen wurde durch diese Waffe der Kopf abgeschlagen, wie viele Menschen mussten verfrüht von dieser Welt gehen? Das Schwert ist sehr scharf, ich könnte Dich damit ohne große Mühe in zwei Teile spalten, in einem kurzen, für Dich unbemerkten Augenblick. Oder den Morgenstern, der daneben hängt? Er ist sehr schwer, Deinen Kopf würde er mit einem Schlag zertrümmern, Dein Leben in einer kurzen Sekunde beenden. Siehst Du das Fallbeil, den Bogen neben dem Köcher mit den Pfeilen – Pass auf, ich bin mit ihm sehr geschickt und habe schon dem einen oder anderen Gauner, der mich nachts ausrauben wollte, einen Pfeil in den Kopf gejagt – die Axt, den Dolch, das Messer? Siehst Du sie dort nebeneinander liegen, die Abgründe der Menschheit, den grundlosen Hass? Spürst Du sie, die gegen den eigenen Bruder gerichtete Wut, die Zwietracht, den Zorn? Und das, was ganz dahinten, im dunkelsten Fleck des Raumes lehnt, hast Du das auch gesehen? Nein, Du hast Dich nicht versehen, das sind Totenköpfe. Das sind Opfer dieses Hasses, dieses Zorns, dieser Wut, die Du eben gespürt hast. Das waren Menschen wie Du, und nun bleibt nur ihr bleicher Schädel übrig, in dem all ihre Erinnerungen aufbewahrt sind, die nie wieder herauskommen.
Hast du jetzt Angst? Bist du verstört? Das hättest Du nicht von mir gedacht, nicht wahr? Aber man muss auch in die Abgründe des Lebens gucken, in den Hass, in den Neid. Aber gut, lass uns nun zurückgehen, zum Licht, wieder zurück zur Straße, zum Ausgang, zur Freiheit.
Was sagst Du? Du fühlst Dich nicht wohl? Dir ist schwindelig? Tja, dann heißt das wohl, dass das Gift, das Du durch den Tee in Dich aufgenommen hast, anfängt zu wirken. Es ist ein hochwirkungsvolles Gift, und es garantiert den Tod. Ich habe es selbst aus mehreren erhandelten toxischen Substanzen zusammengemischt. Spürst Du das leichte Pochen im Schädel, das Stechen in der Magengegend? Spürst Du, wie bei Dir der Schweiß ausbricht, Deine Beine zittrig werden? Möchtest Du Dich hinsetzen? Deine Symptome werden in den nächsten Minuten stärker werden und Du wirst an ihnen sterben. Dann bleibt von Dir nur noch Dein kostbares Amulett, welches Du um den Hals trägst, Deine wundervollen goldenen Ringe, hier als Erinnerung übrig. Dir widerfährt dasselbe Schicksal wie das des grinsenden Mädchens, des indischen Händlers. Dein Schädel wird hinten in der dunklen Ecke an der Wand lehnen, abgetrennt von Deinem restlichen Körper.
Was siehst Du mich so entsetzt an? Das ist der Sinn des Lebens: Der Tod, nicht wahr? Ist das nicht eine segensvolle Art zu sterben, so voll von Erkenntnis? Nein? Nun gut. Aber sei Dir gewiss, Du bist längst nicht der Letzte, der dieselbe Erkenntnis macht wie Du. Lass dir das eine sinnvolle Lehre sein!