EigenartigesKurz

Der See

Es gibt Dinge auf Erden, die bleiben auf ewig unerklärlich.

 

Autor: Daemonenherz – LichtscheuLyrik

Der Schriftsteller Peter Black wird seit zwei Wochen vermisst. Die Polizei fand in seinem Haus die ersten handschriftlich verfassten Seiten eines vermutlich in Planung befindlichen neuen Romans, aber keine Hinweise, die zu seinem möglichen Aufenthaltsort führen könnten. Auch wenn die Erzählung durchaus reale Bezüge aufweist, berichteten Waldarbeiter, dass der darin erwähnte See seit einigen Tagen quasi über Nacht vollkommen ausgedörrt ist. Es konnten keine Spuren ausfindig gemacht werden, die bestätigen, dass der Autor sich dort aufgehalten hat, zumal es untersagt ist, das Gebiet zu betreten. Zusammen mit den Angehörigen hat die Polizei entschieden, die Erzählung zu veröffentlichen, auch in der Hoffnung, dass sich Personen darin wiedererkennen oder sich daraus sachdienliche Hinweise ergeben. Das darin erwähnte Telefonat mit der Mutter des Vermissten hat tatsächlich stattgefunden:

„Wir trafen uns regelmäßig im Wald – schon seit Wochen. Es ist untersagt, aber ihr wisst doch selbst wie das ist. Wann wird etwas so Banales wie ein Treffen in der Natur erst richtig spannend? Genau! Wenn es verboten ist. Seit einem halben Jahr besteht diese Anordnung, ohne dass sie ausreichend begründet wurde. Die Veränderungen um uns herum sind für alle offensichtlich, und sie wirken auf die Menschen, die ich kenne, zwar befremdlich und beängstigend, aber auch faszinierend. Es muss doch irgendwo Eingeweihte geben, die mehr über die Ursachen wissen, deren Kenntnisse zumindest näher an der Wahrheit liegen, als all die Gerüchte und Geschichten, die überall kursieren.

Sich miteinander zu verabreden war schon schwer genug. Was war das doch bis vor wenigen Monaten noch für ein Luxusleben! Tag und Nacht brannten die Lichter auf unserem Planeten. In manchen Großstädten konnten wir vor lauter Scheinwerfern und grellen Reklametafeln die Nacht nicht vom Tag unterscheiden und nun? Plötzlich soll das alles Geschichte gewesen sein? Strom gibt es nur stundenweise und es wäre zu schön, wenn man wüsste, wann die Versorgung beginnt und wann sie endet.

Letzten Sonntag war es wieder so weit. Ich schulterte meinen Rucksack und machte mich auf den Weg, nicht ohne eine gewisse Vorfreude auf ein Wiedersehen mit dir. Mein Herz pochte vor Freude, aber auch aus Furcht, erwischt zu werden. Über die Farben des Himmels an diesem Tag etwas zu schreiben, erübrigt sich. Ihr könnt es selbst sehen an jedem einzelnen sterbenslangweiligen Tag seit 6 Monaten, 3 Tagen und circa 4 Stunden: immer dieselbe graugelbe Farbe und darin wabert ein weißlicher Nebel, als wären alle Wolken zu einer breiten, undefinierbaren Masse zerlaufen, die sich vielleicht nie mehr auflösen wird. Beruhigend ist, dass es des Nachts zumindest fast wie früher aussieht, nur die Sterne fehlen. Und sie fehlen mir sehr. Okay, mit großer Wahrscheinlichkeit sind sie noch da, nur für uns schlichtweg unsichtbar geworden. Die kleinen Lichter am Nachthimmel geraten allgemein mehr und mehr in Vergessenheit bei all den Sorgen, die wir haben, um einen halbwegs gewohnten Alltag zu gewährleisten. Vielleicht haben wir es nicht mehr verdient, uns am Anblick einer sternenklaren Nacht zu erfreuen? Der Mond ist auch seltsam verschleiert, mehr wie ein heller Fleck hinter einem Vorhang, aber es ist tröstlich zu ahnen, dass er noch immer über uns wacht.

Der Weg zum See ist weit, doch mir machte das nichts aus. Die Erde unter meinen Füßen war staubtrocken. Mit jedem meiner Schritte wirbelten winzige kleine Partikel auf, die silbrig glänzten, wie Mondstaub. Zumindest würde ich mir diesen so vorstellen. Die feinen Körnchen legten sich auf meine Schuhspitzen und fanden auch den Weg hinauf zu den Schultern, verfingen sich in meinen blonden Haaren und hin und wieder verspürte ich ein leichtes Kratzen im Hals. Auch deshalb gingen wir beide so gerne zum See: um frei zu sein vom Staub der neuen Welt. Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass wir die einzigen sind, die in dem Gewässer baden, aber wir trafen nie andere Menschen. Sie waren alle gehorsam, nicht solche Rebellen wie wir. Im Wald fühlte ich mich schon immer zuhause, auf eine unbestimmte Art sicher unter dem Dach aus üppigen Baumkronen. Wie lange wird es diesen Wald noch geben? Es heißt, wenn die feinen Silberfäden mehr als 80 Prozent eines Baumes überzogen haben, sei er unwiederbringlich verloren. Auf meinem Weg entdeckte ich viele Stämme, an denen die Silberspuren wie pulsierende Spinnweben bis zur Hälfte des Stammes empor gekrochen waren. Unter den Silberadern der Vernichtung war die Rinde stets nachtschwarz und stachelig, egal welche Baumart davon befallen war. Die Fäden glitzerten, als schiene die Sonne darauf, doch sie war genau wie der Mond nur noch ein nebulöser Schatten, ein matter schemenhafter Umriss.

Wir alle haben es sofort bemerkt: diese neue Luft macht durstig und fühlt sich irgendwie dünn an, raubt einem die Leistungskraft. Ich hatte genug Wasser dabei und trank einen ordentlichen Schluck. Noch zweimal nach rechts abbiegen, dann würde ich durch die Stämme hindurch das Wasser sehen können und irgendwann würde auch die Bank auftauchen, auf der wir gerne saßen und stundenlang quatschten, bevor wir dann irgendwann ins Wasser sprangen. Meistens warst du vor mir da. So war es auch dieses Mal. Silberkristalle glänzten in deinem langen schwarzen Haar, das ich so anziehend finde, mein Schneewittchen. Ich hatte mich anschleichen, dir die Hände auf die Augen legen und etwas Mysteriöses in dein Haar flüstern wollen. Doch du hattest mich vorher bemerkt und so den Plan vereitelt. Vermutlich war ich wieder herum getapst wie ein Bär, zu ungeschickt für diese Welt, zu laut, um auch nur annähernd geheimnisvoll zu wirken. Was du nur an mir findest?

Es gibt Dinge auf Erden, die bleiben auf ewig unerklärlich.

Da meine Überraschung misslang, umarmten wir einander eigentlich mehr wie Geschwister und tauschten unsichere Begrüßungsküsschen aus. Wir tranken viel Wasser aus den von mir mitgebrachten Glasflaschen und redeten unentwegt. Mir entging nicht, dass du seltsam erschöpft aussahst. Deine Gesichtshaut war zart, aber irgendwie grau und auffällig stumpf, als hätte sich der Mondstaub in deine Poren gefressen. Hatte ich mich auch verändert seit unserer letzten Begegnung? Deine Lippen waren trocken und hatten einen violetten Schimmer. „Geht es dir gut, Mara?“ Ich versuche mich seitdem immer und immer wieder korrekt an deine Antwort zu erinnern, aber es will mir nicht gelingen. Ich glaube, du hast nur genickt und wir sind dann als nächstes in Unterwäsche zum See gelaufen. Zumindest habe ich mich nach endloser Grübelei auf diese Version festgelegt. Es war schon ungewöhnlich spät und wir badeten erst, als so etwas wie eine Abenddämmerung hereinbrach. Das Wasser war angenehm kühl und wir befreiten uns von den Silbersporen auf unserer Haut: zwei Delphine, die sich miteinander und in ihrem Element sichtbar wohlfühlten. Es gibt nicht mehr viele Dinge, die echte Freude bereiten. Hätte der Mond noch seine alte Leuchtkraft gehabt, wäre es perfekt gewesen. Meine Augen suchten vergeblich am Abendhimmel danach, als du deine Hände um meinen Hals legtest. Dein Griff war nicht unbedingt zärtlich zu nennen, eher ungewohnt fest und fordernd. Dein Geruch war anders und das irritierte mich. Ich schwöre, du rochst nach Metall, nach der Unendlichkeit des Weltalls und nach Raubtierfell. Du standest hinter mir, während mein Blick noch nach oben gerichtet war und als ich den Kopf endlich senkte, sah ich als erstes deine Fingerspitzen: die Nägel waren schwarz, matt und eingerissen („Also Nagellack ist das nicht“ schoss es mir noch durch den Kopf). Deine Hände waren ganz knochig und hauchfeine Silberfäden zogen sich bis zu den Handgelenken hinauf. Warst du auf dem Weg hierher zu nah an die Baumstämme geraten, vielleicht durchs Unterholz gestolpert, um den langen Weg abzukürzen? Ich wand mich blitzschnell und geschickt aus deinem Griff heraus. Nichts war mehr übrig von dem unbeholfenen Bären, der ich noch auf dem Hinweg gewesen war. Ich wollte mich schnellstmöglich umdrehen, um dein Gesicht zu sehen. Ich wollte mich vergewissern, dass du noch immer mein Schneewittchen warst, jenes Zauberwesen aus einem realen Märchen, das mein Leben mehr als nur erträglich machte. Nur wenige Sekunden lang sah ich deine braunen Augen und all die Zuneigung darin. Dann färbte sich deine Iris silbergrau und sogar die Pupille verlor ihre Schwärze, deine Lippen wurden farblos und deine Zunge….ja, ich glaube, sie war tiefschwarz geworden. Im Halbdunkel konnte ich das mehr ahnen als sehen, als du zu mir sprechen wolltest, und dabei nur ein seltsamer, gequälter Laut aus deiner Kehle drang, und du den Mund so ungewöhnlich weit öffnen musstest, um so etwas wie Töne zu erzeugen, die so fremdartig klangen, dass ich am ganzen Körper Gänsehaut bekam. Mir wurde ganz mulmig bei dem Gedanken, dass wir uns vor wenigen Minuten noch geküsst hatten.

Deine Hände lagen noch immer an meinem Hals, erst lose, dann drückten sie ruckartig und äußerst kraftvoll zu. All die Vertrautheit zwischen uns und all das Vertraute an dir war in sich zusammengebrochen. Du wurdest zu einer fremden, wilden Kreatur und in dem Augenblick wurde mir klar, du wurdest zu etwas Außerirdischem. Nur so war all das halbwegs zu erklären. Deine Laute waren für mich vollkommen unverständlich, doch schienst du mir etwas sagen zu wollen. Ich bin mir sogar absolut sicher, dass du mich zuerst noch warnen wolltest, warnen vor dir selbst und dass es sich um eine Sprache handelte, die ich nur einfach nicht mehr verstand. Bevor ich ohnmächtig wurde, waren es zwei Dinge, die ich sah, und deren Anblick ich nie wieder vergessen sollte: dein schwarzes Haar war weiß, glanzlos und brüchig geworden und du ließt deine Hände abrupt sinken, dann ranntest du vor mir und vor dir selbst davon. Ich lief dir nach …ans Ufer… mit letzter Kraft. Auf deinem Rücken perlten Wassertropfen hinab wie die Tränen, die ich seitdem unterdrücke und die ich vielleicht nie weinen werde, weil ich all das gesehen, gefühlt und überlebt habe, es aber nicht gänzlich erfassen kann und vielleicht auch gar nicht will. Ich starrte dir nach, starrte eine kleine Ewigkeit auf diese Tropfen und brach zusammen; wobei ich nicht mal sagen kann, ob es daran lag, dass du mich gewürgt hattest oder das Ganze einfach zu viel für mich gewesen war. Als ich wieder erwachte, tanzten auf der unnatürlich spiegelglatten Oberfläche des Sees unzählige Silberpartikel. Es war beängstigend und wunderschön zugleich. Vielleicht waren das nun unsere Sterne?

Dein Verschwinden liegt jetzt eine Woche zurück. Seitdem versinke ich jeden Tag tiefer in einem finsteren Universum ohne Orientierung, ohne Wärme, ohne Licht. Mein Universum ohne dich ist hässlich und einsam und scheinbar unendlich.

Doch vorgestern wagte ich mich aus dem Zentrum dieses Universums vorsichtig zurück ins Leben, und mir ist zum ersten Mal bewusst geworden, dass ich Ben, meinen Nachbarn lange nicht mehr gesehen habe. Eigentlich begegnen wir uns fast täglich und winken uns aus dem Küchenfenster oder dem Vorgarten freundlich zu. Gestern habe ich meine Mutter angerufen, als endlich der Strom anging. Sie hat mich gebeten, bei meiner Schwester vorbeizufahren, sofern ich noch Sprit im Tank hätte. Ich solle mal nach dem Rechten schauen, denn sie hätte solange nichts mehr von ihr gehört. Ich habe meiner Mom nichts erzählt. Keiner Menschenseele habe ich mich anvertraut. Wo hätte ich anfangen sollen? Niemand kannte unser Geheimnis, niemand kannte dich.

Heute morgen bemerkte ich kurz nach dem Aufstehen mehrere schwarze Flecken auf meinen Fingernägeln und beim Blick in den Spiegel hätte ich sie fast übersehen, diese zwei kaum wahrnehmbaren silbernen Linien an meinem Hals. Was macht das schon? Ich ertappe mich heute laufend dabei, nach dir suchen zu wollen, egal wie fremdartig auch sein wird, was ich dann finden könnte…..Vielleicht sollte ich im See baden?….Allein…Heute Nacht….?”

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