
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Frank Zimmer und streckte dem auf den
Boden liegenden Mann mittleren Alters die Hand hin. Der Mann sah bleich
aus, Schweiß stand in kleinen glänzenden Perlen auf seiner Stirn, sein
weißes Hemd war dreckig und verschwitzt und die meisten Passanten, die
an ihm vorbeigegangen waren, hatten wahrscheinlich gedacht, dass hier
lediglich ein Betrunkener seinen Rausch ausschlief. Frank aber glaubte
nicht, dass dem so war. Und selbst wenn, so tat es doch nicht weh, dem
Mann zu helfen. Im schlimmsten Fall würde er vielleicht ein paar trunken
gemurmelte Worte von ihm hören, womit er gut klarkäme. Andernfalls
würde er womöglich ein Leben retten.
Der Mann reagierte nicht. Also beugte Frank sich herunter (wobei er
keinen Alkoholgeruch wahrnahm) und schüttelte den ihn etwas. Endlich
flatterten seine Lider und brachten zwei hellgrüne, benebelte Augen zum
Vorschein. „… ’s schwindlig. Fühl mich so schwach …“ murmelte der Mann.
Frank spürte aber, dass er bald wieder in die Ohnmacht kippen und
vielleicht nicht mehr daraus erwachen würde. Er rief schnell einen
Krankenwagen und redete dann weiter mit dem Fremden, um ihn irgendwie
wachzuhalten. Inzwischen hatte sich auch eine Traube schaulustiger um
sie beide versammelt. Zynischere Naturen hätten jetzt über die
Schlechtigkeit der meisten Menschen nachgedacht, aber Frank war kein
solcher Mensch. Er machte sich keine Gedanken über die Verderbtheit der
Welt. Für ihn kam es einfach darauf an, ein guter Mensch zu sein und
dann, so glaubte er, würden die anderen früher oder später schon seinem
Beispiel folgen. Davon abgesehen, hatte er heute ausgesprochen gute
Laune und ganz hervorragende Nachrichten, die er seiner wunderbaren Frau
Anna und seinen Töchtern Carola und Julia gleich erzählen würde. Für
Zynismus bestand also wirklich kein Anlass.
Frank tat derweil sein Bestes, um den Mann bei Bewusstsein zu halten.
Er fragte ihn nach seinem Namen („Dennis Hartbach“) nach seinem Alter
(„41“) und ob er Kinder habe („Keine“), er sprach über das Wetter und
die erstbesten Smalltalkthemen, die ihm einfielen, auch wenn Dennis
darauf natürlich nicht besonders ausführlich antworten konnte. Erst als
der Krankenwagen endlich angekommen war und die Sanitäter Herrn Hartbach
in den Krankenwagen brachten, setzte er seinen Weg fort.
~o~
Zehn Minuten nach seinem Aufbruch – und vierzig Minuten später als
geplant – öffnete er die Tür seines Hauses (ein Neubau in allerbester
Lage) und wurde direkt von seiner Frau Anna begrüßt. Anna war eine
schlanke Schönheit mit nussbraunen Augen, langen, schwarz gelockten
Haaren und dem schönsten Gesicht, dass er sich nur vorstellen konnte.
Aber das war nicht der Grund, warum er sich in sie verliebt hatte. Er
hätte sie auch mit Glatze und hundert Pfund mehr geliebt. Denn Anna war
einfach ein durch und durch gütiger und noch dazu extrem intelligenter
Mensch, der nicht ohne Grund ein erfolgreiches, kleines Unternehmen für
nachhaltig und fair produzierte Textilien leitete.
Wortlos fielen sie einander in die Arme. Obwohl sie bereits dreizehn
Jahre ein Paar waren, genoss er diese Momente noch immer fast wie am
ersten Tag. Sie tauschten einen überhaupt nicht flüchtigen Kuss, der
seine Brust mit wohliger Wärme füllte und er erzählte ihr sowohl von
seiner kleinen Rettungsaktion, wie auch von der Tatsache, dass er nicht
nur befördert wurde, sondern auch künftig drei Urlaubstage mehr haben
würde. Anna freute sich mit ihm und da seine älteste Tochter Carola
gerade bei einer Freundin war und die kleine Julia gerade tief und fest
in ihrem Zimmer schlief, feierten die beiden die gute Nachricht auf
äußerst leidenschaftliche Weise. Als sie beide zum Höhepunkt kamen,
wurde Frank wieder bewusst, wie sehr er sein Leben liebte.
Normalerweise tat er nichts lieber als nach dem Akt, mit Anna in
seinen Armen einzuschlafen, insbesondere an einem Freitagabend, aber
seltsamerweise gelang ihm das heute einfach nicht. Irgendetwas, wie eine
rätselhafte und irgendwie ungute Ahnung, hielt ihn davon ab.
Als er nach einer halben Stunde immer noch wach lag, löste er sich
vorsichtig aus Annas Umarmung und begab sich in sein Arbeitszimmer.
Er liebte dieses Zimmer. Es war geschmackvoll und hell eingerichtet
und – sie waren beide passionierte Hobbymaler – mit Annas und seinen
Bildern, aber auch mit den etwas weniger kunstvollen, jedoch deswegen
nicht weniger wertvollen, kindlichen Zeichnungen von Julia geschmückt.
Als Frank sich aber in seinen cremeweißen, bequemen Chefsessel fallen
ließ und einen Blick auf seinen ordentlich aufgeräumten Schreibtisch
warf, entdeckte er etwas vollkommen Unerwartetes. Ein Buch. Und zwar
eines, das er noch nie zuvor gesehen hatte.
Es trug den Titel: „Die Geschichte des Frank Zimmer“ und der Autor war ein gewisser „Angstkreis Creepypasta“.
Sofort explodierte ein ganzes Feuerwerk an Fragen unter Franks Schädeldecke:
Wie zum Teufel kam sein Name auf dieses Buch? Was war ein „Angstkreis
Creepypasta“? Was für ein Autor gab sich überhaupt so einen
bescheuerten Namen? War das irgendein schlechter Scherz oder eine
kuriose Namensgleichheit? Hatten Anna oder Carola das Buch zufällig
entdeckt und es ihm deswegen auf den Schreibtisch gelegt?
Aber all diese Fragen zerfielen zu Staub als Frank den Einband
genauer betrachtete. Er zeigte nicht etwa irgendeinen Typen mit einem
Messer, einen mysteriösen Wald, ein Schloss im Nebel oder was
Romaneinbände eben abbildeten, um die Aufmerksamkeit der Menschen auf
sich zu ziehen und ihre Fantasie anzuregen. Es zeigte einfach nur den
Rücken eines Mannes. Den Rücken eines Mannes mit kurz geschnittenem
dunkelbraunen Haar und weißem Shirt, der nach vorn gebeugt an einem
aufgeräumten Schreibtisch saß und sich gerade ein Buch ansah. Seinen
Rücken.
Vor lauter Verblüffung ließ Frank sich in den Sessel zurückfallen und
sah zu seinem Entsetzen, dass der Mann auf dem Cover es ihm gleichtat.
Was für eine alptraumhafte Scheiße war das?
Plötzlich klingelte etwas bei ihm: Genau. Ein Alptraum. Er hatte von
diesen Träumen gehört, die so realistisch waren, dass man sie kaum von
der Wirklichkeit unterscheiden konnte. Sie hießen „Liquide Träume“ oder
„Humide Träume“ oder so ähnlich. Jedenfalls musste er in genau so einem
Traum feststecken. Offensichtlich war er am Ende doch in Annas Armen
eingeschlafen und fantasierte sich jetzt irgendeinen vollkommen
unrealistischen Quark zusammen.
Eine köstliche Welle der Erleichterung flutete durch seinen Körper.
Es musste einfach so sein. Alles andere konnte er auch gar nicht
akzeptieren. Er mochte ja gerade wirklich ein Bilderbuchleben haben,
aber das sein Leben wortwörtlich in einem Buch steckte, konnte natürlich
nichts anderes sein als ein ziemlich abenteuerlicher Hirnschrott.
Einfach nur eine besonders wirre Zufallsinszenierung, mit der sich seine
gehässigen Neuronen über ihn lustig machten.
Doch wie sollte er das herausfinden? In der Doku, die er über diese
Luziden Träume (endlich fiel ihm der korrekte Begriff ein) gesehen
hatte, hatten sie gesagt, dass man in diesen Träumen keine Texte lesen
konnte. Oder das sich der Text dann zumindest bei jedem erneuten
Hinsehen ändern würde. Er sah also noch einmal auf den Einband, schloss
dann die Augen und sah ihn sich auch noch ein drittes Mal an. Aber das
Ergebnis war stets das gleiche. Noch immer stand dort:
„Die Geschichte des Frank Zimmer. Von Angstkreis Creepypasta.“
Keine Panik, dachte Frank, wahrscheinlich trifft diese Regel einfach
nur auf längere Texte zu. Er schlug das Buch auf der ersten Seite auf
und las was dort geschrieben stand:
„Geht es Ihnen gut?“, fragte Frank Zimmer und streckte dem auf den
Boden liegenden Mann mittleren Alters die Hand hin. Der Mann sah bleich
aus, Schweiß stand in kleinen glänzenden Perlen auf seiner Stirn, sein
weißes Hemd war dreckig und verschwitzt und die meisten Passanten, die
an ihm vorbeigegangen waren, hatten wahrscheinlich gedacht, dass hier
lediglich ein Betrunkener seinen Rausch ausschlief. Frank aber glaubte
nicht, dass dem so war …“
Er schlug den Klappentext sofort wieder zu. Das konnte nicht sein!
Das konnte verdammt nochmal nicht sein. Sein Leben konnte nicht zwischen
diesen Seiten abgedruckt sein. Er konnte keine beschissene Romanfigur
sein. Er war echt. So echt wieder dieser Tisch hier, dachte er und
schlug, wie um sich der Massivität der Wirklichkeit, die er all die
Jahre gekannt hatte zu versichern, kraftvoll auf den Tisch. Auf dem
Einband des Buches, welches von der Wucht seines Schlages leicht hoch
hüpfte, geschah das gleiche.
Er atmete tief durch, nahm das Buch wieder zur Hand und blätterte
direkt auf die letzte Seite. Sie war leer. Auch die Seiten davor waren
leer. Erst ungefähr auf Seite 20 zeigte sich Schrift. Und dort stand
Folgendes:
„Er atmete tief durch, nahm das Buch wieder zur Hand und blätterte
auf die letzte Seite. Sie war leer. Auch die Seiten davor waren …“
„So eine Scheiße!“, rief er. Sein nächster Impuls, als er wirklich
realisierte, dass das hier kein Scherz und kein Traum war, dass das Buch
wirklich und wahrhaftig sein Leben beinhaltete war es, das Buch
anzuzünden, es mit der scharfen Schere zu zerschneiden, die er sich vor
kurzem gekauft hatte und die nun verlockend vor ihm in einem
Stiftständer auf dem Schreibtisch stand, oder es irgendwo auf den Müll
zu werfen.
Doch was würde dann mit ihm passieren? Würde er dann ausgelöscht
werden? Und mit ihm Anna und seine Kinder? Das konnte er nicht
riskieren.
Vielleicht würde er es wegsperren können. Irgendwo verstecken. So wie
es Dorian Gray mit seinem Gemälde getan hatte. Einfach nicht mehr
darauf achten was mit diesem Buch passierte und es so gut es ging
vergessen. Machte es überhaupt einen Unterschied, ob sein Leben irgendwo
aufgezeichnet wurde? Machten das nicht Google, Facebook, Amazon und
unzählige andere Konzerne und Regierungen nicht sowie auf gewissen Weise
mit jedem Menschen? Was hielt ihn davon ab, einfach sein glückliches
Leben an der Seite von Anna weiterzuleben? Davon, Julia und Carola
aufwachsen zu sehen? Immerhin stand in dem Buch ja auch nichts über
seine Zukunft. Die letzten Seiten waren immerhin leer gewesen …
Plötzlich bohrte sich ein leiser Zweifel in seinen Strom aus
beruhigenden Gedanken: Ja, die letzten Seiten waren leer gewesen. Aber
hieß das auch, dass sie wirklich nichts über seine Zukunft aussagten?
Immerhin eine Information hatten sie doch enthalten: Eine Seitenzahl.
Die „XX“.
Keine hohe Zahl, was nicht verwunderte, da das Buch ja auch nicht
besonders dick war. Wäre diese Zahl gleichbedeutend mit dem Ende seiner
Geschichte? Natürlich wäre es möglich, dass sich das Buch auf magische
Weise vergrößerte oder dass man darin immer nur einen Ausschnitt aus
seinem Leben lesen konnte. Aber was, wenn nicht? Würde er dann, nach dem
Ende der Erzählung, einfach unbehelligt sein Happy End leben und das
Buch getrost ignorieren können …
… oder würde er dann sterben? Plötzlich dachte er wieder an den
Autorennamen. Natürlich war es ein Pseudonym. Und noch dazu kein
besonders vertrauenerweckendes. Dass das Wort „Angst“ und das englische
Wort für „gruselig“ darin enthalten waren, war jedenfalls kein Indiz
dafür, dass der Autor Liebesromane verfasste. Was aber eine
„Creepypasta“ war, wusste er nicht. Es würde wohl kaum etwas mit
italienischem Essen zu tun haben.
Mit klopfenden Herzen und zitternden, schwitzenden Fingern klappte er
den Laptop auf, der auf seinem Schreibtisch stand. Das Gerät war
leistungsstark und fuhr innerhalb weniger Sekunden hoch, aber jede
Einzelne davon kam ihm wie eine halbe Ewigkeit vor.
Endlich erschien der sein Desktophintergrund, der das Bild von Anna
zeigte, die freundlich in die Kamera lächelte und dabei einen Kussmund
machte. Verdammt, er liebte diese Frau. Genau wie seine Kinder. Er
wollte sie nicht zurücklassen. Und – zum Teufel – er wollte nicht
sterben!
Kaum, dass er den Mauszeiger endlich über den Desktop bewegen konnte,
öffnete er den Browser und gab das gesuchte Wort dort ein. Er klickte
auf das erstbeste Ergebnis, wobei es sich um einen Wikipedia-Artikel
handelte. Die Definition lautete folgendermaßen:
„Als Creepypasta bezeichnet man eine Grusel- oder Horrorgeschichte,
die im Internet verbreitet wird. Das Wort Creepypasta kommt aus dem
Englischen und entstand durch Kombination von creepy (gruselig) und Copy
and paste, da die Geschichten durch Kopieren weitergegeben werden.[1]
Oftmals handeln Creepypastas von fehlerhaften oder verfluchten
Spielen oder Computerdateien, Serienmördern, Geisteskrankheit,
übernatürlichen Wesen, okkulten Ritualen, wissenschaftlichen
Experimenten, verlorenen Folgen bekannter Serien oder mysteriösen und
seltsamen Ereignissen.“
Na wunderbar. Das waren ja beste Aussichten. Er war also mitten eine
Horrorgeschichte. Noch dazu in irgend so einer unbedeutenden
Internetscheisse. Und jeden Moment konnten irgendwelche grauenhaften
Geschöpfe hier auftauchen und sein Leben von einem auf den anderen
Moment in einen Alptraum verwandeln. Er würde am liebsten …
„Hallo Frank.“ erklang eine Stimme in Franks Kopf. Frank wusste
sofort, dass es die Stimme des Autors war. Und das schlimmste daran war,
dass sie nicht finster und dämonisch klang, sondern freundlich und
entspannt. „Verpiss dich, du Bastard!“, schrie er der Stimme entgegen
und wunderte sich zugleich über den Zorn, der in seiner Stimme
mitschwang.
Noch mehr sogar wunderte er sich aber darüber, dass er dabei vor Wut
seinen Laptop vom Tisch fegte und dieser krachend auf dem Boden landete.
Warum hatte er das getan? Frank war eigentlich ein durch und durch
gutmütiger und gelassener Mensch. Klar, in so einer Lage würden wohl die
meisten durchdrehen, aber eigentlich sah ihm das gar nicht ähnlich.
Warum war er plötzlich so dermaßen aggressiv?
„Weil ich es will.“, antwortete ich amüsiert. „Weil ich deinen Charakter kontrolliere. Weil ich dein Leben kontrolliere.“
„Zeig dich, du verdammter Wichser. Du eingebildeter Schmierfink. Ich mach dich kalt, wenn ich dich sehe, ich werde dich …“
Er trat so fest gegen die Wand, dass der Putz abbröckelte und sein
Fuß vor Schmerzen zu pochen begann. Für einen Moment herrschte
herrliche, schmerzbedingte Stille in seinem Kopf, aber sobald der
Schmerz abgeklungen war, drängten sich dort einige sehr unangenehme
Fragen hinein:
Hatte es überhaupt einen Sinn sich zu wehren? Wie sollte er jemanden
bekämpfen, der sein Schicksal buchstäblich in der Hand hatte? War nicht
jede verfickte Handlung, jeder Gedanke von diesem Typen vorgezeichnet?
Frank war der Verzweiflung nahe. Aber er erkannte, dass es nichts
brachte so zu denken. Dass es nur genau das war, was dieser sadistische
Mistkerl wollte. Das war nichts als ein perfides Täuschungsmanöver.
Vielleicht war dieser „Autor“ ein Geist, vielleicht sogar ein Dämon. Das
lag zwar jenseits seines Erfahrungshorizontes, aber das würde er
akzeptieren können. Dämonen konnte man bekämpfen. Geister bannen.
Immerhin taten Exorzisten und Geisterjäger doch den lieben langen Tag
nichts anderes. Wichtig war nur: Er war wirklich. Er war keine
Marionette irgendeines Autors. Er fühlte, er dachte, er hatte ein
Ich-Bewusstsein. Er hatte ein Leben …
Mit einem Mal wurde seine endlose Gedankenspirale von einer einzigen
Frage durchbrochen und die war so drängend, dass er sie laut stellen
musste. „Wo ist Anna?“
Mein Lachen klang nun doch beinah wie das eines Filmbösewichts.
„Dort, wo ich will.“, sagte ich, fügte dann aber hinzu. „Gerade schläft
sie und du wirst sie nicht aufwecken können. Egal wie laut du auch
schreist.“
„Wenn du meiner Frau auch nur ein Haar krümmst …“ begann Frank.
„Ich werde ihr nichts tun, versprochen.“, sagte ich und klang dabei verblüffend aufrichtig.
„Ich will dir aber gerne zwei ganz bezaubernde Menschen vorstellen. Das heißt, womöglich kennst du sie ja sogar bereits.“
Plötzlich öffnete sich die Tür seines Zimmers von selbst und kurz
darauf traten zwei weibliche Kreaturen ein. Frank brauchte einen Moment,
bis er erkannte, dass es sich um Carola und Julia handelte.
Das war aber durchaus verständlich, denn beide hatten sie sich sehr verändert.
Die fünfzehnjährige, großgewachsene Carola, die Anna aus einer
früheren Beziehung mit in ihre Ehe gebracht hatte und die er doch immer
so geliebt hatte wie sein eigenes Kind, war nun übersät mit eitrigen,
grünen, pulsierenden Geschwüren, die ihr Gesicht und ihren ganzen Körper
verunstalteten. Unter ihrer Haut bewegten sich insektenhafte „Dinge“,
die zwar klein aber sehr sehr schnell sein mussten. Ihr Mund war faltig
und zahnlos wie bei einer uralten Frau und verströmte mit jedem Atemzug
neben einem üblen Geruch auch einen nicht abreißenden Schwarm von
Fliegen.
Die kleine, siebenjährige Julia hingegen hatte ihren Mund zu einem
durchaus bezaubernden Lächeln geöffnet, das mehrere Reihen
messerscharfer Zähne entblößte an denen Blut und kleine Fleischstücke
klebten. Eine Ahnung, woher diese Fleischstücke stammten, bekam Frank,
als er auf ihre Unterarme sah, aus denen große Teile herausgebissen
worden waren. Unterarme, in denen sie – genau wie auch Carola – eines
der großen extra scharfen Küchenmesser hielt, die Anna und er sich erst
letztes Wochenende gekauft hatten. Und ihre Beine … Nun, ihre Beine
waren verwachsene organische Klumpen, auf denen sie sich wie eine
Schnecke nach vorne schob und die auch noch eine zu diesem Bild sehr
passende, grünglänzende Schleimspur hinter sich herzogen.
Beide kamen sie mit beachtlicher Geschwindigkeit auf ihn zu.
„Du Schwein. Du verdammtes, herzloses Schwein. Was hast du mit meinen
Kindern gemacht?“ brüllte Frank, während sich seine Kinder immer näher
kamen. „Papi.“, sagte Julia und durch ihre vielen spitzen Zähne hindurch
klang dieses sonst so schöne Wort bizarr und erschreckend. Carola
sprach nicht, sondern schickte nur mehr Fliegen aus ihrem Mund, deren
Schwarmgenossen inzwischen sein Gesicht erreicht hatten. Sie waren
glänzend, fett und schillernd bunt und mit absurd großen Saugrüsseln
ausgestattet und einige versuchten sich Zugang zu seiner Nase und seinen
Ohren zu verschaffen. Nur mit Mühe konnte er sie davon abhalten.
„Ich mache dich kalt, du möchtegern Autor!“, schrie Frank und
schluckte dabei zwei Fliegen, die sich daran machen wollten seine Kehle
hinunterzukriechen. Er schaffte es gerade noch sie mit der Zunge zu
zerdrücken. Der Geschmack war abscheulich. Aber immer noch besser als
die Vorstellung, was sie in ihm anrichten würden. Er wusste irgendwie,
dass es sich ganz und gar nicht um normale Fliegen handelte.
„Du solltest dich wohl eher um deine Kinder kümmern.“ erklang meine Stimme in seinem Kopf.
Inzwischen waren seine veränderten Töchter ihm noch näher gekommen.
„Papi.“ Wiederholte Julia und hob dabei ihr Messer „Ich will so gern
eine Waise sein“. Sie lächelte, was mit ihrem veränderten Mund, wie ein
Versprechen vollendeter Grausamkeit wirkte. Carola lief schweigend neben
ihrer Schwester. Auch sie hob ihr Messer.
Erst jetzt löste sich Frank aus seiner Starre und versuchte an seinen
Töchtern vorbei zur Tür zu gelangen. Er schaffte es sogar irgendwie,
indem er Carola geschickt auswich und Julias Schneckenkörper grob zur
Seite stieß. Zwar wär er beinah auf dem Schleim ausgerutscht, der selbst
durch seine Socken hindurch unter seinen Fußsohlen brannte, aber
immerhin ließ er die beiden hinter sich. Kurz bevor er jedoch die Tür
erreichen konnte, spürte er einen jähen Schmerz in seinem Rücken
aufblitzen. Er schrie auf, schaffte es aber sich mit dem Schwung seiner
Bewegung von dem Messer zu befreien, dass ihm Julia ins Fleisch gerammt
hatte. Glücklicherweise schien sie keine lebenswichtigen Organe
getroffen zu haben. Er spürte zwar warmes Blut seinen Rücken
hinuntertropfen, konnte aber nach wie vor Atmen und auch sonst wies –
zumindest im Moment – nichts auf ein Organversagen hin. Als er die Tür
endlich erreicht hatte, versuchte er die Klinke hinunterzudrücken. Aber
es ging nicht. Es ging einfach nicht. Der Türgriff bewegte sich nicht
ein Stück. Es schien fast, als wäre die Tür nichts weiter als eine
täuschend echte und gut befestigte Dekoration.
Panisch drehte er sich zu seinen Kindern um, die fast wieder bei ihm waren.
„Bitte Papi, erfüll mir meinen Wunsch!“ Julia machte einen
Schmollmund, wobei ihr mehrere Zähne durch die nicht für ihre neue
Anatomie geschaffene Unterlippe stachen.
„Ist es das, was du willst?“, fragte Frank mich. „Dass meine Kinder mich umbringen?“
„Nein.“, sagte ich und einen Wimpernschlag später lag eine Axt in
seiner Hand. Normalerweise wäre sie ihm zu schwer gewesen, aber spürte
plötzlich, dass er neue Kraft in den Oberarmen hatte. Dicke Muskeln
spannten sich nun unter seinem Shirt. „Was zum Teufel soll das sein?“,
fragte Frank.
„Dein Ausweg.“, sagte ich.
Frank sah fassungslos auf die Axt und dann wieder auf seine beiden Töchter. Er begriff sofort, was ich meinte.
„Auf keinen Fall!“, schrie er. „Eher sterbe ich. Hörst du?“
Tatsächlich hob er die Axt nicht. Selbst dann nicht, als er spürte wie
der weiche, labbrige Mund von Carola sich über sein Ohr stülpte und
immer mehr Fliegen in seine Gehörgänge krochen, darin auf kleinen Füßen
umherliefen und einen stetig wachsenden Druck auf seine Trommelfelle
ausübten. Auch nicht, als sich Carolas Messer in seinen linken
Oberschenkel grub und selbst dann nicht, als sich Julias Zähne wie die
Zacken einer Bärenfalle durch seine Schultern bohrten und sie ihr Messer
in seinen rechten Oberschenkel versenkte.
Die Schmerzen waren grauenhaft. Aber er würde sie ertragen. Immerhin tat er es für seine Kinder.
„Und was ist mit deiner Frau.“ erklang meine von ihm inzwischen so
gehasste Stimme. „Soll sie dich auch noch verlieren? Und wer soll sie
vor deinen Kindern beschützen, wenn du tot bist?“
Er wollte diese Fragen genauso ignorieren wie die Messer in seinen
Beinen, die Fliegen in seinem Ohr (deren Rüssel sich nun langsam, ganz
langsam, aber beharrlich durch die dünne Haut seines Trommelfells
fraßen. Schon jetzt hatte er seltsame Geräusche im Ohr) und auch die
Schmerzen in seinen Schultern.
Aber er konnte es nicht. Zu deutlich stand das Bild von Anna vor
seinen Augen. Zu grausam war die Vorstellung, wie Messer, Fliegen und
spitze Zähne über ihren schlafenden Körper herfallen würden. Hatte der
Autor nicht gesagt, dass sie nicht erwachen würde, ehe er es wollte? Und
wahrscheinlich waren seine Kinder ohnehin für immer verloren. Oder
womöglich waren das hier auch gar nicht seine Kinder. Immerhin sollte
Julia ja friedlich in ihrem Bett liegen und Carola überhaupt nicht hier
sein. Vielleicht waren das lediglich Monster, die ihre Gesichter
nachahmten.
„Es tut mir leid.“, sagte Frank leise und holte mit der gewaltigen
Axt in seiner Hand aus. Seine ungewohnt kräftigen Muskeln zuckten kurz
und die fast überirdisch scharfe Klinge schnitt butterweich durch Haut,
Fleisch und Knochen. Kurz darauf purzelten die entstellten Köpfe von
Julia auf den Boden und lagen still. Einen Moment lang hielt Frank die
Augen geschlossen. Zum einen, weil er Angst hatte mit einem Mal nicht in
alptraumhafte Monsterschädel, sondern in die hübschen Gesichter seiner
Töchter zu sehen, die ihn mit leblosen Augen vorwurfsvoll anstarren
würden. Zum anderen, weil er hoffte, dass er gar nichts sehen würde.
Dass das alles nur eine besonders sadistische Illusion gewesen war.
Als er seine tränenverschleierten Augen schließlich öffneten,
entpuppten sich sowohl seine Hoffnungen als auch seine Befürchtungen als
falsch. Die Köpfe seiner Kinder und auch ihre Körper waren noch immer
genau so verzerrt und entstellt wie zuvor.
Dennoch brach Frank vor ihnen in die Knie und fuhr ihnen zärtlich
über die monströsen Gesichter. Sie waren noch immer warm. Dabei
registrierte er nicht einmal richtig, dass all seine Wunden sich
inzwischen geschlossen hatten und selbst die Fliegen aus seinen Ohren
verschwunden waren.
„Sag mir, dass das nicht meine Kinder sind. Sag mir, dass meine
Kinder noch leben.“ flehte er und klang dabei plötzlich nicht mehr
zornig, sondern geradezu unterwürfig.
„Das kann ich nicht.“, antwortete ich. „Nicht, ohne dich zu belügen.“
Seine Gesichtszüge entgleisten. Er schlug und trat wie ein Irrer
gegen die Tür, die sich davon aber nicht im Mindesten beeindrucken ließ.
Nicht einmal durch seine nun so imposanten Muskeln. „Ich hasse dich!“,
schrie er. „Ich will, dass du dafür bezahlst!“
„Das bringt dir deine Kinder auch nicht wieder. Außerdem hast du überhaupt keine Chance mich zu erreichen.“ sagte ich.
Er hörte nicht auf mich, sondern schlug weiter sinnlos gegen die Tür.
„Mach die verdammte Tür auf! Ich will zu Anna! Ich will wenigstens zu
Anna!“
„Anna gibt es nicht mehr.“, sagte ich sanft. Fast bedauernd.
„WASS?!“, brüllte Frank fassungslos.
„Sie war ein Nebencharakter. Sie wird für diese Geschichte nicht mehr gebraucht.“
„Was hast du ihr angetan, du unmenschliches Monster?“, fragte er. Inzwischen zitterte er am ganzen Leib.
„Gar nichts.“, sagte ich. „Zuerst wollte ich das. Ich habe mit dem
Gedanken gespielt, dass sie sich erhängt und du sie als leblose,
blaugesichtige Leiche im Schlafzimmer findest. Oder damit, dass du sie
ebenfalls eigenhändig umbringen musst, aber irgendwie mag ich dich,
Frank. Du bist ein netter Kerl und du hast schon genug gelitten.
Außerdem hätte das den Plot ein wenig eintönig gemacht. Stattdessen ist
sie einfach nur weg. So als hätte sie nie existiert.“
„Was laberst du da?! Ich glaube dir kein Wort. Mach endlich diese Tür auf. Ich will zu Anna!“
„Wie du meinst.“ seufzte ich. „Überzeug dich selbst.“
Die bislang noch fest verschlossene Tür sprang wie von selbst auf.
Augenblicklich rannte Frank hindurch. Während er zum Schlafzimmer lief,
rief er immer wieder Annas Namen und auch den von Julia, erhielt aber in
beiden Fällen keine Antwort.
Er stieß die Tür zum Schlafzimmer auf, was ihm ohne Probleme gelang und fand dahinter …
… nichts. Rein gar nichts.
Nicht nur, dass Anna nicht mehr im Bett lag, die Bettdecke war sogar
vollkommen unberührt und was noch viel schlimmer war: Es war kein
Doppelbett mehr, sondern ein Einzelbett.
„Was soll der Scheiß? Wo ist … Wo ist sie? Und wo ist unser Bett? Wo sind“ fragte er.
„Das habe ich dir doch bereits gesagt. Es gibt sie nicht mehr. Sie
hat nie wirklich existiert. Sie war nur Teil deiner
Hintergrundgeschichte. Und noch dafür ein völlig austauschbarer. Sie
hätte auch den Namen Simone, Tina, Carina oder einen völlig anderen
Namen tragen können. Sie hätte anders aussehen und sich sogar anders
verhalten können. Letztlich hätte das kaum einen Unterschied gemacht.“
„Das ist Schwachsinn!“, schrie Frank. „A… Ar… Ab…“ er suchte mit
einem Mal vergeblich nach dem Namen seiner Frau und sprach dann
letztlich einfach weiter. „Sie war alles für mich. Ich habe sie geliebt.
Mehr als alles andere auf der Welt.“
„Wenn du sie so liebst, dann sag mir doch: Welche Hobbys hatte sie?
Was waren ihre Träume gewesen? Wie hießen ihre Eltern? Wie ihre Freunde?
Wie habt ihr euch kennengelernt.“
Jede dieser Fragen stach wie eine gezackte Klinge in seinen Leib.
Denn Frank hatte keine Antwort darauf. Einige Sekunden lang verfiel er
in eine brütende, katatonische Starre.
Dann aber zog ein wütendes, fast wahnsinniges Glühen in Franks Augen ein.
„Ich werde das Buch zerreißen. Ich werde deinen Einfluss stoppen und
dann wird alles wieder gut.“ sagte er mit kaltem, entschlossenen Zorn.
„Wenn du meinst.“, sagte ich nur lakonisch.
„Du kannst dir deinen Spott sparen.“, erwiderte Frank wütend. „Ich
weiß, dass ich das hier beenden kann. Und dann werde ich Caroline,
Sabine und Andrea endlich wiedersehen.“
„Bist du sicher, dass das ihre richtigen Namen sind?“, fragte ich ihn im ironischen Ton.
Frank wirkte tatsächlich kurz verunsichert. Dann aber nahm er sich
die scharfe Schere vom Schreibtisch, stach damit immer wieder auf das
Buch ein, zerschnitt die Seiten und riss sie zum Schluss einfach mit den
bloßen Händen heraus. Er wütete so heftig, dass sein Atem am Ende
stoßweise kam und ihm der Schweiß auf der Stirn glänzte.
Als das Buch endlich nichts weiter war als ein Haufen Papiermüll,
begann der Raum um ihn plötzlich zu verblassen. Die Wände wurden
durchscheinend. Er sah die Struktur des Hauses und dann der ganzen Stadt
wie in einem Drahtgittermodell vor sich, durch das sich Menschen und
Tiere bewegten, die ebenfalls nur aus dreidimensionalen Linien
bestanden. „Ja, es funktioniert!“, rief er triumphierend. „Siehst du, du
Wichser, es funktioniert. Ich werde mein Leben zurückbekommen!“
Letztlich lösten sich auch die Drahtgittermodelle auf und für einen
kurzen Moment zeigte sich ihm lediglich eine leere, leuchtendweisse
Ebene ohne Konturen, ohne Anfang und Ende. Ein Ort, der nicht die Hölle,
nicht der Himmel und auch keine sonst wie geartete Existenzebene, der
sogar nicht einmal wirklich ein Ort war. Dann aber begannen sich wieder
zaghaft Formen herauszubilden. Die ersten zarten Keime einer neuen Welt
bildeten sich und Frank – so schien es – war Zeuge ihrer Geburt.
In seiner Brust stieg eine heftige Euphorie empor und er war sich so
gut wie sicher, dass er gleich neben A… neben seiner Frau aufwachen
würde und von dieser ganzen Katastrophe nicht mehr übrig bleiben würde
als ein rasch verblassender Traum. Es würde vielleicht ein anderes
Schlafzimmer sein und sie würde womöglich einen anderen Namen tragen,
aber es würde sich dennoch um die dieselbe wundervolle Frau handeln. Er
würde die Wärme ihrer Haut spüren, er würde hören wie seine Jüngste
lachend durch das Haus tollen und wie seine Älteste genervt von der
Schule wiederkommen würde. Und er würde nicht mehr wissen, sich nicht
mehr vorstellen können, dass das alles nichts weiter war, als eine
Geschichte.
Aber die Welt, die sich um ihn herum materialisierte, hatte nicht das
geringste mit seinen Erwartungen gemein. Es war eine gewaltige, rötlich
erleuchtete Halle, deren Boden aus genieteten Stahlplatten bestand. Die
Decke war so hoch über ihm, dass er nicht genau sagen konnte, ob sie
nicht lediglich aus einem besonders dunklen Nachthimmel bestand. An den
Wänden, die ebenfalls aus glänzendem Metall geformt waren, erstreckten
sich unzählige gewaltige und organisch pulsierende Röhren aus von
Blutgefäßen durchzogenem Fleisch. „Unzählig“ war hierbei keine leere,
übertriebene Metapher, sondern ein unumstößlicher Fakt. Denn Frank
konnte zwar zwei der Wände erblicken, diese erstreckten sich jedoch in
beide Richtungen so weit, dass es wahrscheinlich nicht zu hoch gegriffen
war sie als „unendlich“ zu bezeichnen.
Frank fragte sich sofort, welche Funktion die Röhren an den Wänden
erfüllten, erhielt aber sehr schnell eine Antwort auf seine Frage. Denn
mit einem Mal gerieten gleich mehrere der Röhren in Bewegung und
spuckten – wie eine abscheuliche Gebärmutter – gleich mehrere Gestalten
aus, die unterschiedlicher kaum sein konnten. Er sah einen ziemlich
hässlichen und äußerst unglücklichen Typen in einer Ritterrüstung und
mit einem goldenen Schwert, er sah ein dünnes, entfernt menschliches
Wesen mit strähnigen Haaren, das an einem verschimmelten Stück Fleisch
herumkaute, er sah eine junge, lächelnde Frau in einem roten Abendkleid,
die ein Messer in den Händen hielt, er sah einen unsympathischen
Polizisten in einem durchnässten Anzug, der genüsslich auf irgendetwas
herumkaute, er sah ein kleines Pony, das gänzlich aus Seifenblasen
bestand, er sah eine riesenhafte Made, er sah einen missmutig
aussehenden Mann in einem schwarzen Umhang mit Knochenintarsien, in
dessen Kopf große Löcher klafften, durch die sein Schädel zu sehen war
und viele, viele weitere Personen und Kreaturen.
„Was ist das für ein Ort?“, fragte er den Autor. „Wo bin ich hier?“
„Das sind die Ebenen von Meta.“, antwortete ich.
„Die Ebenen von was?“, erwiderte Frank verwirrt.
„Finde es doch einfach selbst heraus. Du bist doch nicht dumm, Frank.
Keiner weiß das besser als ich.“ gab ich ihm zur Antwort und verfiel
dann erstmal wieder in Schweigen.
Da Frank wirklich nicht dumm war, begriff er, dass er vorerst
wirklich keine Antwort von mir erhalten würde und richtete seine
Aufmerksamkeit wieder auf die Geschöpfe, die aus den Röhren gekommen
waren.
Die monströsen unter ihnen behielt er besonders im Auge, da er
natürlich befürchtete, dass sie ihn jeden Moment angreifen würden
(eigentlich ein absurder Gedanke, wo er doch gerade gestorben war).
Aber keines der monströsen Geschöpfe interessierte sich für ihn.
Genauso wenig, wie diejenigen die Freundlich und schön auf ihn wirkten.
Sie alle hatten ganz offensichtlich ein anderes Ziel.
In der Mitte des Raumes befand sich ein zwar nicht unendlicher, aber
doch gewaltiger Ausschnitt in dem sich – wie bei einer Modelleisenbahn –
ständig wechselnde Miniaturszenen abspielten. Mal sah er darin die
Brücke eines futuristischen Raumschiffs, dessen Beleuchtung wild
flackerte und dessen Bildschirme und Kontrolltafeln schwer beschädigt
waren, Dann eine Bushaltestelle an der ein verschmutzter Reisekatalog
lag, dann einen Wald mit laublosen Knochenbäumen, dann eine wunderschöne
Märchenlandschaft, dann einen feuchten und vor Insekten und Vögeln
überquillenden Dschungel und dann wieder eine völlig andere Szene.
Einmal glaubte er sogar, sein Schlafzimmer dort zu erblicken.
Genau auf diese Öffnung, mit ihren Tausend Welten, Schrecken und
Wundern, bewegten sich die Menschen, Tiere und Monster gleichermaßen zu.
Und nach und nach verschwanden sie darin. Sie fielen einfach hinein und
für einen kurzen Moment konnte er sogar sehen, wie sie ihren Platz in
den ihnen zugewiesenen Szenerien einnahmen. Wie sie sich die Ungeheuer
in dunklen Ecken versteckten, in Schränke hineinkrochen, sich an Decken
hefteten oder wie die Menschen sich hinter Schreibtische in Betten, an
Tischen und inmitten von Fußgängerzonen niederließen.
„Was meinst du, was das ist, Frank?“, fragte ich ihn.
„Hier werden Geschichten geboren.“, sagte er gleichermaßen erstaunt wie niedergeschlagen.
„Das stimmt.“, sagte ich anerkennend. „Nicht nur meine, sondern die aller Menschen, die sich welche ausdenken.“
„Warum tut ihr das? Warum erschafft ihr Menschen wie mich, nur um sie
dann Leiden zu lassen?“ fragte er mich und diese Frage stach mir tief
ins Herz. Irgendwie fühlte ich mich schmutzig.
„Vielleicht, weil wir selbst in unserem Leben ständig leiden und wir
uns in unseren Geschichten wiederentdecken wollen. Vielleicht, weil es
uns tröstet wenigstens einmal die Kontrolle über unser Leid zu haben.
Vielleicht aber auch, weil uns unser Leben, nachdem wir durch eure Augen
all diese Schrecken erfahren haben, nicht mehr ganz so schlimm
vorkommt. Und natürlich, weil sich über dauernde Harmonie nichts Gutes
erzählen lässt.“ versuchte ich mich an einer Erklärung. „Außerdem
besteht nicht jede Geschichte allein aus Leid.“ fügte ich hinzu und
wusste sofort, dass es eine lahme Entschuldigung war.
„Meine aber schon!“ merkte Frank wütend an. „Alles, was ich je an
Glück kannte, hast du mir nur gegeben, um es mir aufs Grausamste wieder
zu nehmen.“
„Das ist wahr.“, gestand ich ein. „Wahrscheinlich war ich ein richtiger Drecksack.“
„Das ist die Untertreibung des Jahrtausends.“, antwortete Frank, der
mit einem Mal in eine Art stoische, fatalistische Verzweiflung verfallen
war und der sich inzwischen fast apathisch und mit in den Schoss
gelegten Händen, auf den Stahlboden gesetzt hatte.
„Wie geht es jetzt mit mir weiter?“, fragte er mich.
„Wie möchtest du, dass es weitergeht?“, fragte ich zurück.
Er dachte kurz nach. Dann sagte er mit fester Stimme:
„Ich will Anna und die Kinder zurück.“
Überrascht stellte ich fest, dass er den Namen seiner Frau zum ersten
Mal wieder richtig aussprach. Und die aufrichtige Liebe, die dabei aus
seinen Worten sprach, rührte mich zu Tränen, auch wenn Frank das nicht
mitbekam.
„Bist du dir sicher? Obwohl du weißt, dass sie nicht real sind?“ hakte ich nach.
„Ja.“, gab er ohne die Spur eines Zweifels zurück. „Was ist schon
real? Du bist doch auch nicht mehr als eine Stimme in meinem Kopf.“
Nun musste ich wirklich lachen und Frank fiel für einen Moment sogar
in mein Gelächter ein, während hinter ihm weiterhin neue Charaktere ihre
frisch geschaffenen Welten betraten.
„Also gut. Ich werde deinen Wunsch erfüllen. Möchtest du dein Leben
genauso haben, wie es vorher war, oder hast du irgendwelche Wünsche?“
Er nickte entschlossen. „Ja, absolut. Zwei Wünsche habe ich. Erstens
will ich all das hier vergessen. Ich kenne diesen Matrix-Film und weiß,
dass das feige rüber kommt, aber andernfalls würde ich durchdrehen,
zumal es aus meiner Matrix ja nicht mal ein Entkommen gibt. Zweitens
will ich, dass du mich und meine Familie künftig nicht mehr auf Schritt
und Tritt beobachtest und jeden meiner Gedanken steuerst. Ich will
Privatsphäre!“ verlangte er.
„Ja, das ließe sich einrichten. Wie wäre es mit dieser Rahmenhandlung?
Frank, Anna, Carola und Julia lebten ein abwechslungsreiches, interessantes, langes und glückliches Leben.
Die Details überlasse ich dann euch.“
„Das klingt gut.“, sagte er und wirkte dabei dennoch immer noch traurig.
„Was ist los?“, fragte ich ihn. „Du wirst doch nun das bekommen, was du willst.“
„Es gibt noch eine Frage, die mich beschäftigt. Eine wichtige Frage.“ antwortete er.
„Und welche ist das?“ hakte ich nach.
„Bin ich wertlos? Hat mein Leben überhaupt irgendeine Bedeutung?“
Darüber musste ich kurz nachdenken. Letztlich aber antwortete ich ihm:
„Ohne dich und ohne die anderen, die hier geboren werden, wäre ich
nichts. Ohne euch wären wir alle nichts. Ohne euch wäre unser Leben eine
triste, graue, öde und sinnlose Aneinanderreihung von Pflichten,
Stuhlgang und Nahrungsaufnahme, bis wir letzten Endes in ein kaltes und
unbeweintes Grab fielen. Ohne euch und die Geschichten, die ihr zum
Leben erweckt, würden die gleichgültigen Monster des Alltags unsere
Seele fressen, unsere Träume zertreten und unsere Gefühle aushöhlen.
Erst durch euch leben wir wirklich.“
„Und das soll mich trösten?“, fragte er skeptisch.
Nun musste ich lächeln. „Das sollte es. Denn immerhin …
… bist du ein Teil von mir.“