EigenartigesMittel

Die Lagerfeuer Geschichte

Ich war ein paar Jahre lange Aufseher in einem Camp in Muskoka. Ich liebte es dort, mehr als jeden anderen Job den ich je hatte, trotz des niedrigen Lohnes, den nervigen Campern, den langen Arbeitstagen, gefolgt von kurzen Nächten, dem schlechten Essen und so weiter und so fort.
Zum einen konnte ich so mehr Gruselgeschichten erzählen, als ich mir ausdenken konnte. Es gab nichts schöneres, als mit ein paar High School Schülern, denen die Geschichten nicht grausig und blutig genug sein konnten, um die glimmenden Reste eines Lagerfeuers zu sitzen. Und ich erzählte ihnen alle Geschichten die ich kannte: die mit dem Babysitter und der gruseligen Clown Puppe, dem Pärchen, dem mitten in der Nacht das Benzin ausgeht, die allein lebende Frau mit dem Hände leckenden Hund, einfach alle!

Die besten Geschichten habe ich mir aber stets für die Ausflüge mit Übernachtungen in den Alqonquin Park aufgehoben. Für alle nicht Kanadier, der Algonquin Park ist ein riesiges Gebiet in der Mitte von Ontario, fast 8000 Quadratkilometer groß. Dort verbrachten wir die Tage mit Kanufahren auf kristallklaren Seen und die Nächte ums Feuer herum gedrängt, wo wir sangen, Marshmallows über den Flammen brieten und so laut waren, wie es nur Leute, die meilenweit allein waren, sein konnten. Sobald sich die Kinder halbwegs beruhigt hatten, erzählte ich ihnen die Geschichte mit dem Stalker im Wald, dessen Gesicht so schrecklich war, dass sein Anblick alle seine Opfer vor Angst erstarren ließ, oder die Story von einer Gruppe Camper, die sich dazu entschieden eine Nacht am See eines (wie sie dachten) verlassenden Irrenhauses zu verbringen.

Wie jedes mal am Ende der Geschichten versicherte ich auch in dieser Nacht, dass sie alle wahr waren und schickte die Kinder in ihre Zelte. Es war ein sehr anstrengender Tag gewesen und keines der sechs Kinder hatte Lust oder Energie, noch länger wach zu bleiben. Die andere Aufseherin, die mit gekommen war, hatte ebenfalls beschlossen, sich aufs Ohr zu legen und so saß ich alleine auf einem Baumstumpf neben dem langsam ausgehenden Feuer. Ich atmete die frische, nach Tannen duftende Luft tief ein und schaute auf den See. Der Mond wurde von dem klarem Wasser reflektiert und auf der anderen Seite konnte ich die riesigen Klippen, bis zu mehreren Hundert Metern hoch sehen. Ich überlegte, ob wir mit unseren Kanus zu ihnen rüber paddeln, ein paar Meter auf sie rauf klettern und dann in das kühle Wasser des Sees springen könnten. Meine Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Wenn wir das täten würde mich der Camp Besitzer kreuzigen lassen. Natürlich nur, wenn er davon erfahren würde.

Eine Bewegung auf der Spitze der Klippen erregte meine Aufmerksamkeit. Ein kleines Licht huschte am Rand der Klippe entlang. Zunächst nahm ich an, dass es einer der vielen Sterne war, aber dafür war es zu groß und außerdem hatte es einen goldenen Schein. Es bewegte sich langsam am Rand der Klippe vor und zurück. Grade als ich aufstand, um es besser zu erkennen, erschien ein zweites Licht direkt neben dem ersten und bewegte sich ebenfalls am Rand der Klippe entlang. Dann erschien ein weiteres. Und kurz darauf noch ein anderes. Nach und nach gesellten sich immer mehr Lichter zu dem ersten hinzu.

Mein Magen überschlug sich. Ich nahm meine Tasche und suchte nach meiner Digitalkamera, die ich immer dabei hatte. Als ich sie endlich gefunden hatte, richtete ich sie auf die leuchtenden Kugeln, dann benutzte ich die Zoom Funktion um sie besser zu erkennen. Ich zählte sie. Dann zählte ich sie nochmal.

„Verfluchte Scheiße“

Blitzschnell stand ich auf und rannte zu den Zelten. „ Leute seid ihr wach? Wacht auf! Wir müssen los!“

In den Zelten bewegte sich etwas und dann sah ich sieben verwirrt guckende Köpfe, die sich zu mir wanden.

Im Gesicht der anderen Aufseherin war ein bisschen Sorge und eine Menge Wut zu erkennen.
„Ich mache das echt ungern“, redete ich weiter „ aber die Wolken sehen ziemlich bedrohlich aus.
Da braut sich ein heftiges Unwetter zusammen, dass unseren Ausflug ruinieren wird, wenn wir da rein geraten.“

„Ist das dein Ernst?“, fragte Laura, die andere Aufseherin. „Wir sind mitten im Wald. Wo sollen wir bitte hin?“

Ich nahm eine Karte und eine Taschenlampe aus meiner Tasche. „Nur wenige Kilometer südlich von hier befindet sich eine Station der Park Ranger“ Mit meinem Finger fuhr ich den Weg auf der Karte nach und stieß innerlich einen Seufzer der Erleichterung aus „Wenn wir uns beeilen, können wir in ein paar Stunden da sein.“

Die Anderen stöhnten.“ Reicht es nicht, wenn wir morgen losgehen?“

„Nein!“, rief ich, was ein lautes Echo vom See aus erzeugte. Ich bemerkte, wie laut ich geworden wahr und senkte meine Stimme wieder. „Kommt schon Leute, packt eure Sachen, wir brechen auf.
Während wir unterwegs sind erzähle ich euch auch eine Geschichte und zwar die gruseligste die ich kenne.“ Ich zwang mich zu lächeln, konnte aber spüren wie meine Lippen bebten.

Das wirkte auf die Kinder und nach nur zehn Minuten wahren alle Zelte abgebaut und wir begannen unsere Wanderung, ausgerüstet nur mit Taschenlampen, die unsere einzigen Lichtquellen in dem sonst komplett dunklen Wald waren. Als ich mir sicher wahr, dass wir schnell genug vorankamen, erlaubte ich mir, mich zu entspannen, atmete tief durch und erzählte dann die gruseligste Geschichte dich ich kenne:

Jahrhunderte bevor die ersten Europäischen Siedler erstmals einen Fuß auf dieses Land setzten, lebten dort die Ureinwohner. Sie waren aus dem Westen Kanadas gekommen, den Büffel- und Bisonherden folgend. Als sie irgendwann Ontario erreichten, teilten sie sich in kleinere Gruppen auf, alle auf der Suche nach einem Ort den sie zu ihrem Zuhause machen können.

Es heißt, dass eine Gruppe, bestehend aus etwa 20 Männern, Frauen und Kindern, durch genau das Gebiet, auf dem wir uns grade befinden, gereist ist. Obwohl es nicht mal Ende Oktober war, hatte sich das Wetter schon stark verschlechtert und als die Gruppe gerade um den See wanderte, geriet sie in einen starken Schneesturm. In nur einer Stunde waren die Reisenden von Schnee umgeben, der es unmöglich machte, weiter als eine Armlänge zu sehen. Die Sachen, die sie anhatten waren für den milden Herbst gedacht, nicht für solche Temperaturen und damals hatten sie noch keine Jack Wolfskin Jacken um sich vor der Kälte und dem beißendem Wind zu schützen. Nichtsdestotrotz gingen sie weiter. Nicht, dass sie eine andere Wahl gehabt hätten. Die Nacht brach gerade über sie herein, als sie den Felsvorsprung einer Klippe, die hoch über dem See ragte, erreichten. Sie konnten hier nicht die Nacht abwarten, um die Klippe am Tag zu überqueren – sie würden die Nacht nicht überleben. Aber die Finsternis und der stetig fallende Schnee machten es praktisch unmöglich, die Hand vor den Augen zu erkennen. Glücklicherweise hatte einer der Anführer der Gruppe eine Idee. Mit dem kleinen Rest an Petroleum, den sie übrig hatten, zündete er eine kleine Laterne für jeden aus der Gruppe an. Die Laternen vor sich tragend konnten sie im immer schlimmer werdenden Schneesturm zwar immer noch nicht den Rand der Klippe sehen aber jeder konnte das Licht der Laterne des Vordermanns erkennen , sodass sie einander über die schmalen Vorsprünge folgen konnten.

Die stärksten Männer übernahmen die Führung und so begann die Gruppe, die Klippen zu überqueren. Der feuchte kalte Schnee durchnässte ihre Kleidung und Körper und machte es noch schwerer voranzukommen. Der eiskalte Wind fuhr ihnen in die Knochen und war stark genug, um sie von der Klippe zu stoßen, sollten sie für einen Moment unachtsam sein. Der schmale Weg war nicht mal einen Meter breit und selbst mit den besten Wanderschuhen wäre es ein leichtes auf ihm auszurutschen und die Gruppe trug nur einfache, selbstgemachte Mokassins. Sie kamen nur unglaublich langsam auf dem schmalen nassen Weg voran, in der Hoffnung, dass, was auch immer auf der anderen Seite der Klippen lag, sie vor dem Sturm schützen könne. Sie hatten ungefähr die Hälfte geschafft und waren weit über hundert Metern über dem unruhigem See, auch wenn sie diesen in der Nacht und mit dem Schnee vor ihren Augen nicht sehen konnten. Alles was sie in dem Schneesturm erkennen konnten, war das Licht der Laterne der Person vor ihnen, ihre einzige Möglichkeit sich auf der Klippe zu orientieren. Wenn dass Licht stehen blieb, blieben auch sie stehen. Wenn das Licht sich weiterbewegte, gingen auch sie weiter. Jeder der Reisenden wahr wie in Trance, alles worauf sie achteten war das Licht vor ihnen.

Der Anführer der Gruppe aber – der Anführer hatte kein Licht das ihm den Weg wies. Er bewegte sich, ohne zu wissen was vor ihm war, mit seinem freiem Arm den Rand der Klippe abtastend, obwohl sein Arm mittlerweile von der Kälte so taub war, dass er kaum etwas fühlte. Als der Weg eine Kurve machte, stolperte er und verlor sein Gleichgewicht. Er versuchte verzweifelt sich irgendwo festzuhalten, aber seine Finger fanden nirgendwo halt. Mit einem Schrei rutschte er von der Klippe ab und fiel in die Tiefe.

Der Rest der Gruppe sah wegen dem Schnee natürlich nicht, wie er fiel. Alles was sie sahen, war, wie das Licht vor ihnen plötzlich verschwunden war. Zum Trauern war keine Zeit. Sie gingen weiter. Der Sturm wurde noch stärker und nur kurze Zeit nach dem Tod des Anführer stürzte eines der Kinder, nicht mehr in der Lage dem Wind und der Kälte standzuhalten, in die Tiefe. Das Licht seiner Laterne war noch für eine kurze Zeit zu sehen, bis die Dunkelheit es verschlang. Nach und nach stürzten immer mehr Leute in die Tiefe und mit ihnen verschwanden auch die Lichter ihrer Laternen. Schließlich waren von der Gruppe nur noch fünf Personen übrig, die sich langsam ihren Weg über die Klippe bahnten und nichts außer dem Licht vor ihnen sehen konnten. So sehr sie sich auch anstrengten auf dem schmalen Pfad nicht auszurutschen, so sehr sie auch gegen den eiskalten Wind ankämpften, so sehr sie versuchten der Kälte zu trotzen, sie hatten nicht den Hauch einer Chance. Der kleine Rest an Überlebenden sank bald auf nur noch vier Personen. Dann auf drei. Dann auf zwei. Die Legende besagt, dass der letzte Mann, der übrig war, die Klippen verfluchte, als er mit dem Fuß ins Leere trat und von der Finsternis verschluckt wurde.

„Von den 20 Menschen, die versuchten die Klippe zu überqueren, überlebte nicht ein einziger.“, beendete ich die Geschichte. “Der Legende nach kann man heute noch manchmal das Licht ihrer Laternen auf den Klippen sehen, ein Symbol für die Seelen der Reisenden, die niemals einen Ort finden werden, den sie zu ihrem Zuhause machen können.“

Als ich fertig war, herrschte eine Totenstille. In der Ferne konnte ich die Lichter der Ranger Station erkennen. Erleichterung machte sich in mir breit. Wir beeilten uns und fanden die Station in einem hektischen Treiben vor. Über ein halbes Dutzend Leute rannten hin und her, beluden die Jeeps und brüllten in ihre Funkgeräte. Der Wind wurde immer stärker und von weitem konnte ich Donner hören.

„Hey!“ Ein großer, bärtiger Mann rannte zu uns.“ Schnell macht dass ihr in einen Wagen kommt!
Wir haben nicht viel Zeit!“

Laura und ich führten die Kinder zu einem der Geländewagen die überall rumstanden. „Was ist hier los?“, fragte ich den bärtigen Mann.

„Habt ihr es nicht schon im Radio gehört? Ein riesen Sturm kommt direkt auf uns zu. Es wurden sogar Tornados gesehen. Wir evakuieren gerade den Park. Wir müssen los!“ Der Wind war inzwischen so laut, dass der Mann brüllen musste, damit ich ihn verstehen konnte.

Wir beeilten uns, in den Wagen einzusteigen. Sobald ich saß, brach ich auf dem Sitz zusammen.
Mir war übel und in meinem Kopf drehte sich alles. Das war unmöglich, das konnte nicht sein…

Laura setzte sich auf den Sitz neben meinem. „Woher…“, flüsterte sie. „Woher wusstest du, dass wir von hier weg müssen?“

Ich sah sie an. Mein Gesicht war bleich und ich zitterte.“ Ich habe… ich habe die Lichter gesehen“,
sagte ich mit bebender Stimme.

„Was? Nein. Nein! Sag mir bitte, dass das ein Scherz ist!“, keuchte Laura. Dann holte sie Luft, fasste sich und fragte: “Wie viele?“

Ich atmete tief ein, dann sagte ich leise “Acht.“

Sie schaute auf die Kinder, die mittlerweile eingeschlafen waren.
„Dass sind alle von uns. Oh Gott…“

Ich nickte und lehnte mich an sie. Laura kannte die Geschichte von den Wanderern ebenfalls. Und sie wusste, dass ich ein wichtiges Detail ausgelassen hatte, als ich sie den Kindern erzählte. Die Lichter konnten wirklich manchmal am Rand der Klippe gesehen werden, aber nie ohne Grund. Wenn die Lichter gesehen wurden, wie sie am Rand der Klippe tänzelten war das ein Zeichen. Eine Warnung.

Es würde immer ein Licht für jede Person scheinen. Ein Licht für jede Person die sterben würde.

 

 

 

Vielen Dank an Cruzix für die Bereitstellung der Geschichte

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