KreaturenMittel (10 - 20 Minuten)

Die verkrüppelte Straße

Die verkrüppelte Straße

Regen fällt stark gegen die kalte Scheibe, nur damit der Wischer ihn zur Seite schiebt. Die Nacht bricht ein und tunkt alles in ihr beunruhigendes Schwarz. Das Rauschen des Radios übertönt mehrmals den Niederschlag und heulenden Wind. Bäume ragen hoch über die grau asphaltierte Straße hinaus und sehen beurteilend auf uns herab. Meine Frau flucht leise neben mir, während sie an einem der Steuermodule hantiert.

»Ist schon gut. Ich glaube, du wirst da nichts mehr empfangen.«, lache ich nervös, während ich ein paar hastige Blicke zu ihr werfe, doch ich wage es nicht allzu lange meine Konzentration von der Straße abzuwenden. Jede noch so kleine Unachtsamkeit könnte in dem Fall zu einem Unfall führen. Die zweispurige Fahrbahn schlängelt sich schon fast absurd scharf um Baumstämme herum.  Es ist nicht, als würde sich die Straße durch das Dickicht durchgraben, sondern eher, als ob sich der Weg dem Wald anpasst und dadurch gelenkt wird.

»Ich weiß, aber es kann nicht sein, dass es keinen einzigen Sender empfängt. Bist du sicher, dass es nicht einfach kaputt ist?«.

»Es sollte funktionieren, sonst würde es kein Rauschen von sich geben, oder?«. Ich warte einige Sekunden, bis ich hinzufüge: »Aber ich weiß nicht, wie dieses Zeug funktioniert.«.

Alice seufzt und sackt zurück auf ihren Sitz. »Wieso hasst mich die Welt so? Ich will nur etwas Musik hören.«

»Du Armes. Du tust mir schon fast leid.«. Einige unangenehm stille Sekunden vergehen, ohne dass wir ein einziges Wort verlieren, bis ich meine Stimme erneut hebe, diesmal etwas genervt: »Und könntest du vielleicht dieses blöde Radio abstellen? Ich will nicht mit diesem nervtötenden Geräusch fahren.«.

Sie reißt ihre Augen überrascht auf, als würde sie es erst jetzt bemerken. Hecktisch schaltet sie es ab und sieht zu mir hoch. »Tschuldigung.«, murmelt sie zwischen zusammengepressten Zähnen heraus.

Die Scheinwerfer bohren sich durch die Finsternis wie Messer. Regen lässt die Umgebung wie einen dieser alten zerkratzen Filme wirken. Selbst die Farben scheinen, dem zu Ehren, zu weichen. Alles sieht grau und brüsk aus. Nur der gelbe Fahrstreifen in der Mitte leuchtet grell auf, als wäre er gerade neu gestrichen worden. Merkwürdigerweise sieht die ganze Straße äußerst neu aus, als wäre sie erst vor ein paar Tagen restauriert worden.

»Ich mag jetzt nicht negativ sein, aber ich glaube, wir werden eindeutig zu spät kommen.«. Ich stehle erneut einen Blick neben mir. Alice tippt auf ihrem Handy herum. Das Display illuminiert ihr Gesicht blau. Sie starrt weiterhin auf den Bildschirm.

»Verdammt, nicht einmal Empfang gibt es hier.«

»Hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe?«

Irritiert sieht sie auf. »Was hast du gesagt?«.

»Ich meine… Ach, vergiss es. Deine Eltern werden richtig sauer sein. Ich kann es schon sehen. Was rede ich da? Ich kann bereits fühlen, wie sie uns beide verfluchen!«.

Sie schaltet ihr Smartphone aus und legt es ins Handschuhfach vor ihr. »Wenn ich wenigstens anrufen…«, sie klemmt sich urplötzlich an ihrem Sitz fest. »Stopp!«. Ich reiße mein Lenkrad um, nur damit ich um ein paar Zentimeter einen Baumstamm, der auf der Straße liegt, zu verfehlen. Das Auto schlingert und rutscht über die nasse Straße. Meine Hände zittern, als ich versuche, den Wagen wieder unter Kontrolle zu bringen.

»W-wir sollten…«

Mit zittriger Stimme unterbricht Alice mich: »Ja… Geh ein wenig vom Gas runter. Lieber von meinen Eltern Ärger bekommen, als hier zu verrecken.«

Ich atme tief ein und aus, um mich wieder zu beruhigen. Die Spannung nimmt langsam wieder ab. Wind peitscht gegen das Auto und schüttelt es kräftig durch.

»Hey. Könnten wir vielleicht kurz stehen bleiben?«, flüstert Alice schüchtern.

Ich runzle meine Stirn: »Wieso? Wenn du Angst hast, wegen…«.

»Nein, aber ich müsste jetzt pissen«, wispert sie jetzt noch leiser.

Natürlich muss sie das. Eigentlich will ich diese Reise nicht weiter unnötig in die Länge ziehen. »Wow. Perfektes Timing. Du hättest es nicht besser treffen können. Schäm dich.«, grunze ich emotionslos raus, mit einem leichten Hauch von Sarkasmus.

Ich kann im Blickwinkel sehen, wie sich ein mattes Grinsen auf ihren Lippen ausbreitet. »Kann nichts dafür. Also, könnten wir zur Seite fahren?«

Ich kann mir schwer ein Lächeln verkneifen. »Unter deinem Sitz ist glaube ich ein Regenschirm. Ich werde, sobald ich kann, zur Seite fahren.«. Wenige Meter vor uns finde ich bereits eine Gelegenheit und ich drehe zum Straßenrand. Vorbildlich schalte ich die Blinker ein. Nicht als würde es viel bringen. Es ist seit Stunden kein weiterer Wagen vorbeigefahren. Aber Schaden tut es auch nicht. Alice zieht ihre Regenjacke an und nimmt den orangen Regenschirm mit.

»Ich bin gleich wieder da.«, ruft sie und steigt aus. Die Tür knallt zu und lässt eine eigenartige Stille zurück. Nicht einmal den Regen kann ich durch die dünnen Wände hören. Ich räuspere mich und tippe mit meinen Händen, in einem undeutlichen Rhythmus, gegen das Lenkrad. Nervosität breitet sich in meinen Körper aus und füllt mich bis zu den Fingern. Wieso fühle ich mich so unwohl? Ich kann das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas Schreckliches passieren wird. Ich hoffe, dass Alice gleich wieder zurückkommt.

Der Wind heult draußen wie ein verzerrter Schrei. Wenn ich es nicht besser wissen würde, hätte ich ihn auch als einen gedeutet. Die Zeit zieht sich in die Länge. Sekunden fühlen sich wie Minuten an. Jede Minute wie Stunden. Alice kann doch nicht so lange brauchen. Die Bäume bilden eine beinahe massive Wand neben mir und scheinen unendlich tief in die Dunkelheit zu reichen. Schatten bilden sich zwischen den Stämmen, die auf eine groteske Weiße immer humanoider wirken. Als würden sie sich aus der Dunkelheit formen und zusammenwachsen. Gliedmaßen setzen sich mit Gliedmaßen zusammen. Oberkörper verankern und verknoten sich ineinander. Mal wird es an ein paar Stellen dunkler, mal wird es in ein paar Stellen heller. Und desto aufmerksamer ich in den tiefen Wald blicke, umso deutlicher kommen vier gelbe Punkte zum Vorschein, die wie ein Licht immer wieder ankommen und ausgehen. Nein. Die Dunkelheit spielt mir nur einen Streich.

Ich zucke zusammen, als etwas leicht humpelnd um den Wagen schlendert. Regen teilt sich, um eine Gestalt zu offenbaren, verschluckt von Schatten. Mein Herzschlag wird schneller und pocht intensiv gegen meinen Brustkorb. Etwas kommt mir an diesen Bewegungen unnatürlich vor. Sie sind zu ruckhaft und sehen schmerzhaft aus. Als würden sich Gelenke aus – und wieder einrenken. Hände streifen an der Wagentür und bekommen festen Halt am Griff. Die Tür schwingt unbehaglich langsam auf. Regen prasselt herein. Es zu dunkel, um irgendetwas vernünftig zu erkennen. Die einzige Lichtquelle kommt von den Scheinwerfern vor mir.

»Wir können weiter.«, sticht ihre Stimme raus und schneidet sich in mein Trommelfell.

»Ok. Dann hoffen wir, dass wir noch rechtzeitig ankommen.«, antworte ich mit aufgesetzt fröhlicher Stimme. »Mach aber den Sitz nicht allzu nass.«. Etwas stimmt hier nicht. Es ist Alice, kein Zweifel. Es kann nur sie sein, doch wieso fühlt es sich trotzdem so falsch an? Wahrscheinlich bin ich nur müde und denke mir alles aus, aber nichts kommt mir daran richtig vor. Ich starte den Wagen und drücke aufs Gaspedal. Langsam tuckern wir voran. Die Straße breitet sich weiter wie eine Schnur vor uns aus. Wir beide bleiben stumm dasitzen. Furcht und Paranoia bleiben die herrschenden Emotionen in mir. Ich sehe zu meiner Frau, nur um ihr von Schatten umhülltes Gesicht anzustarren. Sie blickt wortlos zurück. Ihre blauen Augen schimmern wie zwei Heiligenscheine zu mir. Ich reiße meinen Kopf wieder nach vorne und schlucke hart. Mein Atem wird schwerer und unkontrollierter. Mein Blut gefriert mir in den Adern. Ich kann ihren bohrenden Blick immer noch wahrnehmen. Wie sie jede Pore auf meinem Gesicht untersucht und studiert. Doch keine Emotionen dringen von ihr hoch. Um sicherzugehen, sehe ich sie nochmals kurz an. Die gleichen blauen Scheiben starren zurück, fast von ihren Pupillen verschluckt. Dieses gleiche blau.

Sie hat keine blauen Augen. Sie sollten braun sein.

Ich rutsche ein bisschen zur Seite, um einen größeren Abstand zwischen ihr und mir zu bekommen. Die Temperatur sinkt spürbar. Die Atmosphäre füllt sich mit dem Gestank von Tod. Ich blicke nochmals zu ihr, nur um vor lauter Schock das Lenkrad beinahe umzureißen. Ein verstörendes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus, als wäre ihr Kiefer ausgehängt. Es spaltet ihr Kopf beinahe in zwei Teile. Schwarzer Speichel tropft von ihrem Kinn und prasselt wie zäher Honig auf den Sitz runter. Aus ihrem Körper wachsen mehrere kleinere Gliedmaßen, die wie Raupen aus ihren Kleidungsstücken platzen, um nach mir zu schnappen. Knochen brechen, als es seinen Körper vergrößert und ausdehnt. Haut reißt wie Papier auf. Doch so schnell, dass alles auch passiert, so schnell verschwindet es auch wieder, als wäre von einer Animation einfach ein Bild entzogen worden. Nur ein grausiges Knacksen ist zu hören, als Beweis, dass es wirklich passierte. Ich blinzle ungläubig. Alles sieht wieder normal aus. Sogar ihre Augen sind wieder braun. Nicht einmal ihre Kleider sind beschädigt. Als wäre nichts passiert. Alice lächelt mich verwundert an: »Was ist? Habe ich was im Gesicht? Augen bitte auf die Straße.«.

Gehetzt starre ich wieder nach vorne und wimmere: »N-Nichts. Du siehst großartig aus.«. Kann man sich so viel einbilden? »Fuck, fuck, fuck.«, keuche ich in kurzen Intervallen immer wieder hinaus. Womit sitze ich hier zusammen, was sich als meine Frau ausgibt? Urplötzlich verstummt alles und hinterlässt diese Leere zurück. Allein meine Gedanken in meinem Kopf kommen mir zu laut vor. Doch diese Totenstille wird wieder unterbrochen. Mehr knirschen neben mir. Es wird immer aggressiver. Ich will nicht nachsehen. Ich will dieses Wesen nicht noch einmal sehen. Es atmet mir gegen das Genick. Ich kann spüren, dass dieses Ding sich bereit macht auf mich zu springen, um meine Gliedmaßen auseinanderzureißen. Als ich aus dem Nichts aufs Bremspedal drücke und es uns beide nach vorne schleudert.

»Zum Teufel! Was sollte das!«, brüllt meine Frau neben mir.

»Da ist etwas vor uns.«, flüstere ich ungläubig.

Ich schnalle mich ab und lehne mich näher an die Scheibe. Alice tut es mir gleich. Mein Puls explodiert beinahe. Es wirkt wieder so normal. Ich kneife meine Augen zusammen, um durch das verschwommene Glas zu sehen. Eine menschliche Silhouette liegt regungslos auf dem nassen Boden. Das kalte Licht der Scheinwerfer tunkt den Körper wie Wasser ein. Der Rücken ist zu uns gedreht.

»Du hast sie doch nicht überfahren?!«, schreit meine Frau hysterisch neben mir.

Ich schüttle langsam meinen Kopf: »Nein, da bin ich sicher. Sie musste schon eine ganze Weile hier liegen.«

Immer noch unter Schock steige ich in den strömenden Regen. Etwas kommt mir an diesem Körper bekannt vor. Vielleicht liegt es an der Kleidung, oder den blonden Haaren, die wie Schlagen auf dem kalten Asphalt kleben.

Oder vielleicht der Regenschirm, der zwischen ihre Hände gepresst ist. Die orange Farbe reflektiert das Licht.

Jeder Schritt bebt unter mir. Mein Körper fühlt sich schlapp an, als würde er jeden Moment zusammenbrechen. Ich zittere, doch es kommt nicht von der Eiseskälte. Ich beuge mich vor, um das Gesicht zu sehen. Es fühlt sich so abnormal an. Als würde ich es aus den Augen von jemand anderen sehen. Als wäre es ein Traum. Ich fasse den Körper an, um ihn umzudrehen. Alles in mir dreht sich. Angst fährt über mich hinweg wie ein Lastwagen. Die Bäume starren allwissend auf uns herab, als ich das Gesicht erblicke. Das Gesicht meiner Frau.

In Panik starre ich zurück, um Alice zu sehen, die wohl gleich erschüttert, wie ich bin. Vorsichtig und so unauffällig wie möglich traue ich mich einen Schritt nach dem anderen zurück, um sie beide in meinem Sichtfeld zu haben. Wasser fällt wie Kaskaden weiterhin auf uns herab. Der Himmel sieht mit seinen Wolken schrecklich organisch aus, als wäre er ein lebendes Ding.

Doch bevor ich genug Entfernung zwischen beiden bringe, schnappt etwas nach meinem Knöchel. Instinktiv reiße ich meinen Kopf zu meiner Frau, nur um zu sehen, dass sie ihn nicht hätte nehmen können. Voller Todesfurcht sehe ich herab zum Boden, nur um die vor Angst verzerrte Miene von der anderen Alice zu sehen. Ihre Hand hinterlässt einen roten Abdruck auf meine Hose. »Ich bin es! Die andere ist falsch!«, krächzt sie schmerzvoll heraus. Ich springe zurück und renne rückwärts, um von beiden einen sicheren Abstand zu bekommen. Sie blicken mich beide flehend an. Wie kann ich das noch überdenken?

Es ist logisch, dass die Figur, die am Boden hochkrabbelt, meine Frau ist. Wieso zögere ich dann noch? Wieso fühlt es sich immer noch so falsch an.

»Nein! Glaub ihr nicht! Wir müssen zurück ins Auto!«, kreischt die andere. Wer ist die Richtige?

»Du hast mir den Heiratsantrag in einem Café gemacht! Bitte glaube mir! Sie weiß sicherlich nichts davon!«.

Wie ein Betrunkener schwanke ich hin und her. Ich kann keinen klaren Kopf mehr bekommen. Wer. Ist. Wer?

Alice mit dem Regenschirm sieht zu mir hoch. Wen soll ich vertrauen? Wen soll ich helfen? Ihre blauen Augen sehen mich eindringlich an, als sie mit vorgestreckten Armen nach mir greifen will. Die andere kauert sich verängstigt am Boden zusammen und formt irgendwelche Worte mit ihren Lippen. Ich lege meinen Kopf an die Schulter.

»Alice? Dein Handy ist in deiner rechten Jackentasche! Beweise es mir und du bist die richtige!«. Ohne zu zögern, fuchteln beide in ihren Jacken herum und durchwühlen sie. So unbemerkbar wie möglich nähere ich mich dem Wagen. Fast synchron reißen beide gleichzeitig das identische Handy heraus.

»Ich bin es!«, kreischen beide zeitgleich heraus. Ich sprinte zum Wagen. Das Wasser der Pfützen spritzt auf, als Schritte durch die Nacht hallen. Beide blicken mir verdutzt hinterher, bevor sie die Verfolgung aufnehmen, doch zu spät. Ich hechte ins Auto und schließe die Türen so schnell, wie ich es in keiner anderen Situation hätte machen können. Sie beide starren in meine Augen. Ihre Gesichter mit Verrat gefüllt. Doch ich lasse mich nicht täuschen. Ich nehme das echte Handy aus dem Handschuhfach und winke damit. Doch anstatt wütend oder dergleichen zu sein, meißelt sich ein Lächeln in ihre Lippen, welches von Ohr zu Ohr reicht. Wie eine schlecht animierte Puppe bewegt sich eine von ihnen vor. Schweiß strömt mein Gesicht runter. Ihr Torso verformt sich und ihre Gliedmaßen spalten sich. Rot sprüht durch die Luft und färbt den Boden in diese intensive Farbe. Aus der anderen wachsen Arme wie Äste von ihr weg und verheddern sich miteinander, bis sie wie eine massive Form neben mir ragt. Auch sie beginnt zu mir zu schwanken. Regen sprüht herum und die Scheinwerfer flimmern. Ich drücke mit voller Kraft aufs Pedal. Terror das einzige Gefühl in mir. Das Fahrzeug schleudert nach vorne und ich schlittere die Straße hinunter. Dunkelrotes, fast schwarzes Blut spritzt gegen die Scheibe und vermischt sich mit dem Regenwasser, als ich gegen einen Gestaltwandler krache. Ein Scheinwerfer geht aus. Gliedmaßen fliegen von ihr und prasseln auf das metallene Dach. Ihr Kichern und Gelächter dringt zu mir vor, vom Wind manipuliert und verändert. Ich blicke angespannt zum Rückspiegel, nur um diese deformierten Gestalten hinter mir verblassen zu sehen.

Ihre gelben Augen leuchten wie Glühbirnen und bleiben das letzte Sichtbare von ihnen. Sie brennen sich in mir ein. Ich kann schwören, dass ich jedes Mal, wenn ich blinzle, diese Augen sehe. Erst nach ein paar Minuten bremse ich mit den Nerven völlig blank ab und schreie ein paar wehklagende Minuten los. Mein Kopf prallt mehrmals gegen das Lenkrad, doch wie unter einem Schlag höre ich mit meinem selbst verletzenden Verhalten auf. Mein Blick bleibt an einer dunklen Silhouette, die mit einem Seil auf einem Ast hängt, liegen. Zweifelnd steige ich aus, mit Tränen in meinen Augen. Ich zucke zurück als ich erkennen kann, wer es ist.

Die verstümmelte Leiche von Alice starrt auf mich zurück. Ihre Miene in einen entsetzen Schrei erfroren. Haut wurde wie Rinde von ihrem Körper abgezogen. Jetzt blutet sie wie ein geschlachtetes Tier am Seil aus. Ich will schreien, doch zwinge meine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Der Schmerz in mir brennt wie ein Inferno. Ich steige so schnell wie möglich wieder ein. Jeder Moment außerhalb des schützenden Fahrzeugs fühlt sich lebensgefährlich an. Der pure Wille zum Überleben lodert in mir.

Wenn ich Empfang bekomme, dann kann ich helfen. Ich muss hier nur weg. Hier raus. Fort von dieser verkrüppelten Straße. Doch je weiter ich fahre, desto verzweifelter werde ich. Umso mehr ich sehe, desto entschlossener bin ich, dass ich nicht hätte entkommen sollen. Woher ich das weiß? Vielleicht liegt es an der nie endenden Straße, oder dass ich nie Empfang bekomme. Vielleicht auch weil immer mehr erhängte, fleischige Formen erscheinen, die kaum noch Menschen ähneln, so verwittert und verfault sind sie. Es kann auch an den weiteren Autos liegen, die immer öfters vor und neben mir auftauchen, als wären sie mit Gewalt gestoppt worden. Aber der Beweis, der mich vollends überzeugt ist, dass sich immer mehr gelbe Augen aus der Schwärze lösen und immer mehr Stimmen nach mir rufen. Ich weiß nicht, wie lange ich das noch aushalten kann. Kann ein Mensch so etwas überhaupt überdauern? Sie klingen so sehr nach meiner Frau.

So sehr.

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