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DU und die Maske des Wahren ICH´s

Du erinnerst dich nicht mehr.

Du bist aufgewacht und aus dem Bett aufgestanden, obwohl du eigentlich keine Lust hattest aufzustehen.

Kurz darauf hörtest du jemanden an der Tür, fast so, als würde die Person auf der anderen Seite irgendwie darauf warten, dass du wieder zu Bewusstsein kommst und deine Decke zurückziehst.

Du fandest ein Paket vor der Tür. Es war in braunes Papier und Schnur eingewickelt, so makellos wie eine Requisite aus einem Film. Deine Adresse stand auf der Oberseite, aber es gab keine Absenderadresse. Kein Porto. Kein Poststempel.

Du legst das Paket ab und denkst angestrengt darüber nach. War es eine Bestellung, die du vergessen hattest? Ein Geschenk von jemandem, den du kennst? Vielleicht war es nur ein Versandfehler, etwas, das für einen Nachbarn bestimmt war… aber warum sollte dann dein Name mit einem unscheinbaren schwarzen Stift darauf stehen?

Du löst die Schnur in der Mitte des Pakets, reißt das Papier vorsichtig auf und entdeckst die verschnörkelte Holzkiste darin.

Dir war klar, dass jemand einen Fehler gemacht hatte, aber du wusstest nicht, wer.

Du untersuchtest das Kästchen und fühltest mit deinen Fingern über die Oberfläche. Sie war mit verschlungenen Mustern verziert und mit dunklen Juwelen besetzt, von denen du sicher warst, dass sie gefälscht sein mussten. Das ganze Ding sah zu teuer aus, zu echt … zu wichtig, um in deinen Händen zu sein.

Du hobst den Deckel an und für einen Moment schien es, als ob das Kästchen die Luft um dich herum einatmete. Sicherlich war das nur ein Trick deiner Fantasie. Du nahmst an, dass du ein so altes und teures Ding nicht öffnen solltest, aber der Inhalt könnte das Geheimnis seiner Existenz lösen.

Du fandest eine Maske und ein Tuch. Als du beides mit zitternden Händen aus der Schachtel zogst, konntest du dich nicht mehr zurückhalten. Das Tuch – eine rot-schwarze Robe – hast du dir über den Körper gezogen und die böse, grimassierende Maske aus Blattgold über dein Gesicht gestülpt.

Du.

Du wurdest du.

Du, dein wahres Ich.

Du hörtest die Stimmen, die dich hinter einem verschwommenen Schleier aus Selbstbeherrschung und sozialer Zurückhaltung riefen. Jede Stimme war deine. Sie flüsterten reißerische Dinge, schrien Forderungen und überredeten dich, Gräueltaten zu begehen.

Du wolltest tun, was die Stimmen verlangten. Du hast es immer getan.

Du hast dir genommen, was du brauchtest. Du hast allen wehgetan, die dich verletzt hatten. Du hast anderen wehgetan, die du einfach nur leiden sehen wolltest, ohne einen triftigen Grund. Du hast geschnitten, gestochen, gewürgt und dich durch eine imaginäre To-Do-Liste voller blutiger Verderbtheit geprügelt. Du hast verbotenes Fleisch gegessen. Du hast den Atem des Sterbenden eingesaugt. Du hast den Verstand gebrochen, die Herzen geschwärzt und erst dann für ewige Erlösung gesorgt, wenn du darum angebettelt wurdest.

Als die Woche zu Ende war, hast du den Inhalt der Kiste neu verpackt. Du gabst einen Namen an, den du nicht kanntest, und eine Adresse, von der du noch nie gehört hattest, und stelltest die Sendung vor deine Tür. Dort verschwand sie wieder aus deinem Leben.

Du erinnerst dich nicht mehr, aber…

Gern geschehen.

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