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Ein Haus, das wächst

Oder auch: Was passiert, wenn man ein Zuhause allein lässt

Das Haus war einmal ordentlich und groß. Riesige Fenster mit schönen, farbigen Scheiben zeigten Bilder, die sich auf den Boden warfen, fielen die Sonnenstrahlen richtig hindurch. Es war weiß, die Fassade mit Efeu überwachsen, der nie zu welken schien. Inmitten der rauen Klippen und Felsen des Berges, auf dessen Vorsprung es steht, war es wie ein Diamant im Steinhaufen. Jahrzehnte sind vergangen, seit jemand das Haus zum letzten Mal betreten hat.

Sie haben es zu lange alleine gelassen. Es ist gewachsen.

Die Tür knarzt nicht, als sie aufschwingt. Das Maul eines Biestes macht kein Geräusch, bevor es zubeißt und verschlingt. Der weiße Türrahmen erinnert an Zähne. Direkt nach der Tür liegt der Ösophagus, der Beginn des schrecklichen Wachstums, der in den Jahren und Jahren außer Kontrolle geraten ist: Die Eingangshalle erstreckt sich über mehrere hundert Meter. 

Schritte hallen von den Wänden wieder. Wäre der Raum nicht so schrecklich langgezogen, hätte der Schall dafür gar keinen Platz gehabt, denn die Wände sind unter dem Gewicht der verlängerten Halle in sich zusammengesunken. So liegt die Decke tiefer. 

Von außen sieht man es nicht, natürlich nicht. Ein Raubtier zeigt sich nicht bedrohlich, ein kluges Raubtier sieht friedlich aus wie ein dreistöckiges Familienhaus am Rande einer Klippe. Wie es möglich ist, dass das Haus innen größer ist als außen, ist eine Frage, die besser jemand weiserem und klügeren gestellt wird. Wieso die Größe des Hauses sich den Gesetzen der Physik widersetzt, das Gewicht der Decke der Eingangshalle ihm jedoch gehorcht, ist dieselbe Art von Frage. 

Nach etwa fünf Schritten, damals die originale Länge der Eingangshalle, beginnt sich das maligne Gewächs zu entpuppen. Der Teppich weicht von schönem, samtigem, wenn auch verstaubtem, Rot in die Farbe toten Fleisches. Die Muster der Tapeten verzerren sich, formen statt kalkulierten Pattern Formen, die einem Auswuchs gefügiger sind. Nach etwa zehn weiteren Schritten beginnen die Tumore. Aus den Wänden sprießen seltsame Gewächse aus Beton, Ziegeln, Tapete und Farbe, die verzweifelt versuchen, ihr Original zu imitieren. Ihre Versuche, Ecken und Kanten zu formen sind bemitleidenswert, fast schon erbärmlich. Dabei sehen sie nur den perfekten Winkel zwischen Boden und Wand und wollen ihn nachmachen, um dazuzupassen; sie sind ihr eigenes, friedlich aussehendes Raubtier.

Sie sehen den Schrank und den Tisch- wobei „sehen“ das falsche Wort ist, wohl eher „spüren“- und wollen ihn imitieren. Wiederum das nächste Geschwür macht das letzte nach. Wie durch ein Spiel von stille Post verzerrt, die originale Idee des Schrankes, des Tisches, mischt sich mit den Ideen der Wände und Böden, bis nichts davon übrig ist.

Die Tumore werden größer, instabiler und abstrakter, je weiter der Flur verläuft. Sie versperren die letzten Meter vor dem Ende der Eingangshalle den Flur fast komplett, wachsen ineinander ein, bunt bemalte Tapete, die in das Gewächs von Trockenwand übergeht, begleitet von der fehlerhaften Imitation eines Schrankes aus braunem Beton, der das Holz nicht versteht. Ein erwachsener Mensch muss sich durch die Spalte zwängen, ein Kind könnte durchklettern. Die Tumore fühlen sich rau und feucht an, geben jedoch unter der Hand stärker nach, als Ziegel es sollten. 

Die Tür sitzt unscheinbar zwischen den Beulen der Eingangshalle. In den Wänden um ihr stecken Imitationen des Rahmens, doch sie sind nicht funktionsfähig. Nur eine ist es. Die Eingangshalle ist der einzige Raum im Haus, in dem die Tumore noch nicht ihre Originale berührt haben. 

Folgend ist das Wohnzimmer. Wie aus Trotz des widerlich dargebotenen Gepränge ist es in die Höhe geschossen, die Decke zweimal, dreimal so hoch als sie es sein sollte. Das Hirschgeweih über dem toten Kamin hängt schief sechs Meter in der Höhe. Über ihm sind weitere Geschwüre, die die komplexe Form des Geweihs nicht verstehen und sie trotzdem versuchen, zu imitieren. 

Vor dem Kamin ist ein Couchtisch halb in den Boden eingesunken. Seltsamerweise steht das Sofa noch stolz, doch der Boden hat sich über ihm aufgebäumt und frisst an einer Seite hinweg. Der Teppich scheint noch zu existieren, doch zwischen den hunderten Kopien, die das glänzende Holz des Wohnzimmerbodens überwachsen haben, ist es schwer zu sagen, welcher das Original war. Die Vitrinen, Statuetten, Gemälde und welken Pflanzen, die die Wände weniger leer erscheinen lassen sollten, sind mit Beulen der Größe von Fäusten bedeckt. Sie sind krank. Es ist nicht ihre Schuld. 

Hier beginnt der Boden auseinander zu fallen. Passt jemand nicht auf, wo er hintritt, könnte er vielleicht auf einen Teil des Bodens treten, der nachgibt und ein fleischiges Schmatzen von sich gibt. Dort ist jetzt ein Fleck, wo das Haus langsam versucht, menschliche Haut zu imitieren. Es gibt viele dieser Flecken. Die meisten von ihnen sind weitaus älter.

Um das Bild zu korrigieren, das diese Beschreibung heraufbeschwört, sollte erwähnt werden, dass vieles von dem, was steht und gefressen wird, einen gräulichen Ton innehat. Auch den Staub frisst das Haus, es macht ihn einen Teil von sich selbst und imitiert ihn mit der Tollpatschigkeit eines lernenden Kindes.

Meine Vorfahren haben schon lange nicht mehr hier gelebt. Vergib ihnen. Sie hatten Angst.

Links sollte eine Tür zur Küche führen. Besagte Tür, wenn geöffnet, zeigt bloß einen steilen Abhang in stetige Dunkelheit, dessen Wände mit Töpfen und Pfannen gepflastert sind – manche überzeugender, manche weniger. 

Die Tür zur Speisehalle verdeckt ähnlichen Prunk wie das Wohnzimmer, der durch die Jahre und das unkontrollierte Wachstum des Hauses verkommen und verwachsen ist. Wie eine Pflanze in einem zu kleinen Topf haben sich die Möbelstücke verlängert, kränklich ausgestreckt auf der Suche nach neuer Erde. Das gegenüberliegende Ende der Halle ist durch die wurzelartigen Auswüchse vollständig verdeckt. Zu versuchen, hier hineinzugehen, wäre töricht.

Gegenüberliegend wartet die Treppe. 

Eigentlich warten mehrere Treppen. Eine führt seitlich in die Unendlichkeit einer Spirale, die nach der ersten Biegung in sich selbst terminieren müsste. Eine weitere kräuselt sich entlang der Decke wie ein eingerollter Tausendfüßler, ihre Geländer wie Insektenbeine ausgestreckt. Nur eine führt nach oben. 

Die Stufen knarzen nicht. Sie schmatzen. Entlang des Geländers sind Handabdrücke von Älteren, die ihre Hilfe brauchten, als sie diese Stufen erklommen.

Mein Stammbaum ist in dieses Haus verschwunden. Meine Kinder werden in dieses Haus verschwinden. Mein Großvater war ein Feigling, dass er sich stattdessen begraben ließ, und meine Mutter ein Idiot dafür, dass sie verschwunden ist. Das Haus stand zu lange leer. Es war einsam. Es ist hungrig. Es ist gewachsen. 

Die Treppen nach oben enden im Keller. Holz verwischt und verwächst zu blankem Beton. Hier stinkt es. Die Luft ist schwer und versetzt mit Schwermetallen, die aus den Röhren perforieren. Es riecht nach Arsen und Schwefel. Die Dämpfe richten in Lungen Schaden an. 

Der Boden verschwindet in der Dunkelheit unter einer schier unendlichen Schicht schlammigem, algenreichen, grünen Wassers. Die Tiefe könnte bloß geschätzt werden. Drei Nullen reichen nicht. 

Die Rohre, die sich quer von Wand zu Wand ziehen, sind der sicherste Weg, auch wenn sie sich kräuseln wie zu lang geratene Fingernägel. Selbst wenn die Schuhsohlen beim Drübergehen durchschmelzen, sind sie sicherer als das dickflüssige Wasser, das schwappt, obwohl es nicht gestört wird. Es greift nach oben. 

Hin und wieder schüttelt hier das Ächzen der Rohre den Raum. Ist jemand gerade auf dem Weg über die Rohre, könnte es dazu führen, dass er fällt und bloß noch mit den Armen am Rohr hängt. Das würde dazu führen, dass das Metall sich hitzig an seinen Arm klammert und den Stoff seines Shirts an seine Haut schweißt, und dass der geschmolzene Schuh das Wasser streift.
Das Wasser brennt. 

Jemand hätte das Haus zurückschneiden müssen. Jemand hätte ihm Gesellschaft leisten müssen. Ich war zu jung. Niemand war an meiner Stelle. Nun ist sein Keller mit Magensäure gefüllt, seine Türrahmen sind hungrige Zähne. Ich kann seinen Magen knurren hören. Gott hilf mir.

Auf der anderen Seite des Kellers wartet dieselbe Treppe. Auch sie führt nach oben. Hier sind die Auswüchse und Tumore so unkontrolliert und verwachsen, dass selbst ein Kind krabbeln müsste. Ein Erwachsener würde mehrere Male steckenbleiben.

Es wartet kein Licht am Ende. Stattdessen fällt die Treppe ab, ein plötzliches Ende zu etwas Unmöglichem. 

Nach der Treppe wartet nun der zweite Stock. Die Fenster, wenn auch von außen durchsichtig, geben bloß den Blick auf rosarotes Fleisch und rote Adern frei. Sie pulsieren. Einige der Adern haben sich ihren Weg zwischen den Fensterrahmen und der Wand gezwängt. Noch ein paar Jahre, und sie werden anfangen, die Wände zu durchkreuzen. 

Was passiert mit einem Haus, wenn es alleine gelassen wird? Wenn seine Farbe sich schält, und sein Fundament sinkt. Was macht es, solange alleine?
Woran denkt es?
Wovon träumt es?

Ich weiß es nicht. Meines Wissens tut es bloß zwei Dinge: Es hasst und es wächst. Es hasst, und aus Trotz vor den Menschen, die es erschaffen und dann im Stich gelassen haben, die erwartet haben, dass es stillliegt und dann zusammenbricht, wächst es.

Der Flur des zweiten Stocks ist mit so vielen Imitaten von Türen überwachsen, dass jemand mit Trypophobie sich in der Ecke zusammenrollen und weinen würde. Es würde wahrscheinlich einige Minuten dauern, bis derjenige es schafft, sich aufzurichten und weiterzugehen. In dieser Ecke wachsen nun Haare aus dem Boden.

Um zu erkennen, welche Tür die richtige ist, muss man die Türklinken greifen. Die richtigen sind aus dem vertrauten Metall, das wärmer ist, als es sein sollte; die falschen geben unter dem Druck nach wie eine Hand.

Hinter dem ersten Unikat wartet das Badezimmer. Alle Becken und Behälter, die hier vorhanden sind, sind bis zum Rand mit rotem Wasser befüllt. Auch diese Flüssigkeit bewegt sich, selbst wenn sie nicht gestört wird, ähnlich wie das Wasser im Keller. Ein verwachsenes Etwas liegt in der Badewanne, der gesichtslose Kopf gegen das gelehnt, was einmal Porzellan war. Ihre Haut spannt sich über sie und verschmilzt mit dem weißen Enamel. Die Wände scheinen versucht zu haben, ihr Gesicht zu kopieren.

Hier ist Großmutter gestorben. Es hat sie zerrissen.
Es kann bluten.

In diesem Raum riecht es nach Kupfer und Verrottetem.

Beim Öffnen der gegenüberliegenden Tür kann es passieren, dass die Türklinke abbricht. So würde man ihr Inneres sehen, das Knochenmark enthält. Sie würde trotzdem aufschwingen. Das Zimmer dahinter gehörte einem Kind. Die oberen Umrisse einer Wiege sind zu erkennen. Die Wände und Decke sind mit tausenden Mobiles behangen. Manche von ihnen sind Imitate ihrer ursprünglichen Farbe, wenn auch fehlerhaft, andere wiederum sind grau, tot. Hier tropft das rote Wasser von der Decke. Auch hier stinkt es nach Kupfer.

Das letzte Zimmer gehörte einem Ehepaar: Ein Schlafzimmer. Hier erstrecken sich die Fenster bis zur Decke wie Kreaturen, die für das Zimmer zu groß sind und ihre Köpfe beugen müssen, doch sie zeigen dieselbe Masse aus Fleisch und Adern wie die am Flur. Das Bettlaken, die Kissen und das Duvet sind ineinander verschmolzen. Der Bettrahmen ist mit Zähnen übersät. Man würde mehr sehen, wenn man keine Angst davor hätte, herauszufinden, ob es das ist, wo sein Vater hinverschwunden ist.

Hier sollte man sich sicher fühlen. Wie lange liegt man, die Augen geschlossen, taub und blind gegenüber allem? Man fürchtet das Fremde; feindselig Gestimmte und Eindringlinge. Man traut, dass das Haus einen beschützt. Man traut, dass es einen verschont. Diesem Haus ist nicht mehr zu vertrauen.

Am Ende des Flurs wartet eine Leiter. Im Vergleich zum Rest des Hauses sieht hier alles schrecklich normal und richtig aus. Die Leiter ist aus braunem Holz, wenn auch verstaubt. Die Dachluke hat keine Zähne, es warten nirgendwo Adern oder Fleisch oder Karzinome. Nur wenn man die Sprossen der Leiter ergreift, bemerkt man, dass sie weich und fleischig sind; nur im Aussehen identisch.

Am oberen Ende der Leiter liegt der Dachboden. Der erwartete, staubige Geruch bleibt aus. So wie Dachböden normalerweise trocken und still sind, ist diese Kammer feucht und bewegt. Der Boden und die Wände pulsieren und rollen wie ein Magen, eine ständige Peristaltik, die nie stabilen Stand lässt. Man kann nicht die Balance halten und muss sich entweder an den Wänden festhalten, oder auf allen Vieren kriechen.

Ich kann nicht mehr weiter. Bitte, hilf mir. Bitte. Ich will hier raus. Ich hätte nie hier herkommen sollen. Ich kann das nicht. Ich habe Angst. Es trinkt meine Tränen. Bitte. Hilfe.

Am Ende von allem ist eine Tür. Sie hat keine Fenster, keine Markierungen oder Ornamente. Sie ist ausdruckslos. Der Türknauf ist weich, warm und feucht. Die Scharniere sind geräuschlos. Ein Flur liegt dahinter; er führt ins Dunkel, meilenweit. Decke, Boden und Wände sind aus demselben weichen, glitschigen Material wie der Dachboden.

Ist man an diesem Punkt angekommen, gibt es kein Zurück mehr. Man muss durch den Türrahmen treten und die Tür hinter sich schließen, und sich somit in komplette Dunkelheit tauchen. Will man sich orientieren, muss man die Hände entlang der Wände gleiten lassen.

Ich habe gelogen.
Ja, es wächst. Unkontrolliert und krankhaft, wie eine Geschwulst, ohne Ende oder Ziel. Es repliziert sich selbst wieder und wieder, bis es vergisst, was der Ursprung war. Es verliert den Sinn und die Funktion. Es wächst sinnlos und ungezähmt.
Ja, es hasst. Es ist ein Gefühl, das niemand nachvollziehen oder verstehen kann, denn es ist anders als jeder Hass, den ein Mensch spüren könnte. Es ist ein Hass, der so vollkommen und allumfassend ist, dass ich ihn in meinen Atemzügen spüren kann. Dieses Haus hasst nicht nur mich oder meinen Stammbaum. Es hasst jeden. Und es will, dass sie wissen, dass sie es verdient haben.
Doch das ist nicht alles, was es tut, während es alleine steht.
Es wartet nicht nur. Es hasst nicht bloß, es wächst nicht bloß.
Es frisst. 

 

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