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Eine Unterhaltung mit einer Leiche

Ich war siebzehn, als ich mit meiner ersten Leiche sprach.

Zugegeben, ich hatte vorher Tote gesehen. Eine Tante, mit der ich nicht verwandt war, nun Asche in einer Urne. Ein alter Mann, der friedlich gestorben war- sein Mund blutete trotzdem, als die Bestatter ihn für die Beerdigung anzogen. Es dauerte eine Weile, bis ich meine erste, wirkliche Leiche sehen durfte.

Mein Traum war die Forensik. Meine Eltern waren mit den Bestattern befreundet, und da das Unternehmen derer die einzigen Leichenwagen im Umkreis von mehreren Städten darbieten konnte, wurden sie oft von Gerichtsmedizinern angeheuert, um fragwürdige Fälle zu transportieren und zu lagern. Für mich war es eine Goldmiene, denn ich durfte, mit fünfzehn Jahren angefangen, Leichen begutachten. Hoch illegal, natürlich. In den Augen der Kriminalinspektoren trug ich immer eine Maske, meist sogar mehrere übereinander, war immer achtzehn, immer Studentin und immer Praktikantin. Doch es erlaubte mir, einen frühen Einblick in mein zukünftiges Berufsleben zu erhaschen, und ich war noch nie davor zurückgewichen, das Gesetz zu brechen. So war ich hin und wieder bei diesen Bestattern zu Besuch und bekam von erfreuten Experten, die es kaum erwarten konnten, endlich wieder eine Schülerin zu haben, geschildert, welche Flecken am toten Menschlichen Körper was bedeuteten.

Ich glaube, ich sollte vorab einige Erwartungen enttäuschen und erklären, wie meine Zeit dort war. Natürlich, man liest diese Geschichte auf einem Horror-Forum und hat Erwartungen. Also sollte ich vorab sagen, was die Leichen getan haben- oder wohl eher, was sie nicht getan haben. Sie sind nicht wieder ins Leben zurückgesprungen, sind nicht verschwunden oder von einem Dämonen besessen worden. Sie waren keine Monster, keine Abstraktionen; nicht untot, nur… tot.

Meine erste, wirkliche Leiche war unter Maden begraben. Ja, sie lassen die Maden auf der Leiche. Es hat mich selbst gewundert. Autopsien und Leichenbestattung sind keine sauberen Berufe, selbst wenn man das Blut und die Organe nicht zählt. Leichen, die eine Weile lang nicht gefunden werden, sind meist mehr Fliegenfutter als Mensch. Es kommt auch darauf an, wie man Leichen sieht, aber man könnte natürlich behaupten, er hatte aufgehört, Mensch zu sein, als er starb. Jedem das Seine. Doch selbst wenn man behauptet, eine Leiche wäre immer noch ein Mensch—nur tot, eben— war von seiner Menschlichkeit nicht mehr viel übrig.

Da er gerade aus dem Kühlfach gekommen war, bewegten sich die kleinen Würmer noch nicht. Deshalb konnte ich sehen, wo sein Gesicht hätte sein sollen. Es hatte mich verwundert, wie viele Farben der menschliche Körper annehmen konnte, läge er nur lange genug in seinem eigenen Saft. Viel Gelb. Einige töne von dunklem Violett, rote Venen, bleiche Flecken. Nekrosen in Schwarz.

Während der Bestatter mir erklärte, wie lange er gelegen hatte, suchte ich seine Augen unter der Masse langsam auftauender Maden. Und dann sprach er.

„Was starrst du?“

Seine Stimme war heiser, wie die Stimmen von alten Männern eben waren. Aber er schien im Tod genug Atem zu haben, um mich für meine Unhöflichkeit auszuschimpfen.

„Tut mir Leid. Sie haben etwas im Gesicht“, war meine Antwort.

„Sehr lustig. Glaubst du, das ist die Zeit für Witze?“

„Was ist mit Ihnen passiert?“, fragte ich.

„Hör dem jungen Herren zu. Der sagt es dir gerade.“

Der Bestatter erklärte, dass er auf seinem Balkon zusammengebrochen war. Die Hypothese war ein Herzinfarkt, oder ein Schlaganfall, doch sie waren sich nicht sicher. Die Beweise waren immer noch unter Maden vergraben.

„Wieso am Balkon?“, fragte ich.

„Ist das ernsthaft die beste Frage, die du zu bieten hast?“

Mittlerweile hatte der Geruch angefangen, sich zu verbreiten. Wenn ein Körper taute, schlug er einem nicht entgegen, wie es viele so gerne beschreiben. Eher fraß er sich langsam durch meine Gesichtsmaske, und ich dachte, ich roch etwas, das stank. Natürlich wollte ich wissen, ob ich es mir bloß eingebildet hatte, aber ich wollte keinen tieferen Atemzug nehmen, falls der Geruch echt war.

„Hast du nichts besseres zu tun, als eine Leiche anzustarren?“, fragte er mich, „Ich bin nicht gerade schön anzusehen. Hast du denn keine Alpträume?“

„Es gibt weitaus schlimmeres im Leben als Leichen“, sagte ich.

„Und was wäre das?“

Ich konnte mich aus dem ellenlangen Roster aus Grausamkeiten nicht entscheiden. Vergewaltigung. Folter. Genozid. Die Liste war zu erstreckend, um sie alle aufzuzählen. Also sagte ich, „Eine Leiche ist einfach nur das, was von einem Menschen übrig bleibt, wenn er stirbt.“

Der Bestatter bereitete einen Leichensack vor. Der Tote, samt Maden, würde in ein Krematorium transportiert werden. Ich beobachtete ihn und seinen Sohn dabei.
„Der Tod ist keine Bestrafung. Fäulnis ist keine große, poetische Analogie für Sünde. Nichts an dir ist moralisch verwerflich. Du bist einfach in deinem letzten Stadium.“ Ich schenkte ihm ein Lächeln, das unter der Maske nicht sichtbar war. „Abschied.“

Er lachte rau. Fast hätte ich erwartet, dass er zu Husten beginnt, doch anscheinend gab es solche Verhaltensweisen im Tod nicht mehr.

„Vom Staub zum Staub, von der Asche zur Asche“, zitierte er, „Poetisch, du unhöfliches Balg.“

Es lag kein echtes Gift hinter seinen Worten.

Ich sah danach einige Tote. Ein übergewichtiger Mann, dessen Grab aufgrund schweren Niederschlags neu gegraben werden musste. Seine Nachbarn, drei Gräber weiter, deren Grotte aufgrund des Regens überflutet wurde. Zwei Erwachsene, zwei Kinder.

Die nächste Leiche, die zu mir sprach, war ein weiterer Mann. Er war ähnlich koloriert wie die erste, die zu mir sprach.

Dieses Mal fing ich die Konversation an.

Ich sagte „Hallo“.

Er blieb leise.

Er war drinnen gestorben, erklärte der Forensiker. Er lag in der Badewanne, als sie ihn fanden, was man an der farbigen Linie an seinen Beinen und seinem Oberkörper sehen konnte, die dort entstand, wo das Wasser aufhörte. Er hatte ein gebrochenes Genick, und eine Delle am Hinterkopf. Es bestand Verdacht auf Mord, weil er trotzdem am Bauch in der Badewanne gelegen hatte. Wäre er ausgerutscht und hätte sich den Kopf angeschlagen, wäre er am Rücken gelegen.

Ich durfte seinen Kopf heben und hin- und her bewegen. Ich hörte und spürte das Knirschen seiner Halswirbelknochen in seinem Fleisch.

„Wieso fasst du mich an?“, fragte er.

„Weil ich wissen will, wie sich ein gebrochenes Genick anfühlt“, antwortete ich.

„Findest du das nicht ekelhaft?“

„Nein“, sagte ich.

Es schien nicht, als würde er zuhören. Er steckte im Monolog fest. „Das ist also das Ende? Gestank und Fäulnis?“

Ich zuckte beinahe mit den Schultern. Nur, dass ich dann dem Forensiker, seinem Assistenten und dem Bestatter, der die Leiche transportiert hatte, hätte erklären müssen, dass ich mit einer Leiche sprach, hielt mich davon ab.

„Gestank und Fäulnis ist nichts Schlechtes“, sagte ich, „Fliegen mögen es.“

Die Leiche lachte rau. Es lag keine Freude darin.

„Wenigstens darf ich von den Fliegen gefressen werden.“

„Und Sie können Leuten zeigen, welche Gefahren auf uns warten“, wiederholte ich das, was ich von meinen Lehrbüchern wusste, „Krankheiten, oder ein Hoch in Drogenüberdosierungen. Morde in seltenen Fällen. Defekte in Organen, die Ärzte nicht erkennen, bis es zu spät ist. Sie sind immer noch wertvoll.“

„Wertvoll?“ Die Leiche sprach mit dem Ton, den man von bitteren Männern kannte. Resignation. Ein Augenrollen über das eigene Leid in jedem Wort. Ich wollte seine Haare streicheln und seine Hand nehmen. Er tat mir Leid.

„Sieh mich an“, brummte er, „Ich bin ein Witz.“

„Nein“, erwiderte ich, „Witze sollen lustig sein.“

Der Forensiker und sein Assistent deuteten mir, zurückzutreten. Sie zogen am Arm und an der Hüfte der Leiche, um mir seinen Rücken zu zeigen, wo seine Haut bereits an der Luft ausgetrocknet war. Sie deuteten auf Flecken, die vielleicht nicht Zersetzung waren, sondern Wunden. Die innere Autopsie würde das bestätigen oder widerlegen.

Obwohl mir die Leiche leidtat, war es schwer, eine Autopsie elegant durchzuführen. Leichen sind nun einmal schwer und die menschliche Psyche ist darauf trainiert, sie abstoßend zu finden. Sie stank. Ästhetisch war sie auch nicht. Doch sie hatte keinen Zorn und keine Abwendung verdient.

Zu Ende entschlossen der Kriminalpolizist und der Forensiker, dass keine innere Autopsie nötig sei. Die Delle könnte genauso gut von einer verheilten Verletzung sein, war ihre Erklärung, und das gebrochene Genick konnte von einem anderen Aufschlag kommen, obwohl sie keine zweite Verletzung gefunden hatten. Vielleicht war er ausgerutscht. Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt. Ich fand es nie heraus.

Ich bereue, dass ich keinen von beiden nach ihren Namen gefragt habe.

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