EigenartigesKreaturenKurzMordPlottwitst

Entzug

Er schaute auf seine langen, schmalen Finger, sie zitterten und er ballte sie schmerzhaft zur Faust, um die ungewollte Bewegung zu verhindern. Ein kalter Schweißtropfen glitt langsam zwischen seinen Schulterblättern entlang und passierte die hervorstehenden Wirbelfortsätze, einen nach dem andern. Er erschauderte und kratzte sich nervös an den Handgelenken, welche bereits seit längerer Zeit gerötet waren und nun wieder anfingen zu nässen. Diese Stellen zogen sich über den ganzen Körper: In den Kniekehlen, den Ellenbeugen und sogar zwischen den Fingern wurde er von ständigem Juckreiz geplagt – alles Nebenwirkungen des Entzugs.

In der Vergangenheit hatte das Trinken ihm in vielen Krisen geholfen, hatte gleichzeitig seine Sinne betäubt und seinen Verstand geschärft. Doch vor einigen Monaten beschloss er, nicht mehr Sklave seines Konsums zu sein. Ihm war klar, dass diese Sucht ihn eines Tages zugrunde richten würde. Er musste aus diesem Teufelskreis ausbrechen, andere hatten das schließlich auch geschafft. Doch damals hatte er noch keine Ahnung, wie stark die Entzugserscheinungen ihm zu schaffen machen würden. Er fühlte sich jeden Tag fiebrig, schwach und antriebslos. Selbst die einfachsten Aufgaben wie Wischen, Staubsaugen und Aufwaschen machten ihm zu schaffen. Dennoch hatte er in den letzten Tagen alles gegeben, um seine Wohnung auf Vordermann zu bringen, schließlich erwartete er den wichtigsten Besuch seit Monaten:

Elena, die wunderschöne Elena. Er lernte sie über eine Dating-App kennen und schon nach den ersten paar Chats war ihm klar, dass sie die Richtige war. Eine Frau, so warmherzig und aufgeweckt, dass er bereit war, nur für sie einen kleinen Rückfall zu riskieren: Ja, er hatte vor, wieder zu trinken. Ihr zuliebe. Nur ihr zuliebe. Nur ein bisschen, ein kleines bisschen, damit er den Abend genießen konnte.

Der hagere Mann ließ sich auf dem Sofa nieder, nervös zuckte er mit dem rechten Bein, während er die Uhr fixierte und den Sekundenzeiger beobachtete, welcher gemächlich aber doch unaufhaltsam seine Bahnen zog.

RRRRRRRRIIIIIIIIINNNNNNNGGGGGGGG

Das laute Klingeln riss ihn abrupt aus seinem tranceähnlichen Zustand und ließ ihn in die Höhe schnellen.

“Endlich ist sie da!”

Ein letztes Mal strich er sich durch die Haare, und eilte zum Eingangsbereich.

Bereits durch die geschlossene Tür nahm er ihren Geruch wahr: Flieder und Stachelbeere – ein teures Parfum. Die schweißnasse Hand rutschte von der Klinke ab als er die Tür öffnen wollte, sein Herz schlug mit der doppelten Geschwindigkeit. Noch einmal griff er nach dem metallenen Knauf und drückte ihn langsam herunter. Die Tür schwang auf und dort stand sie. Rotbraunes Haar umrahmte ein wunderschönes Gesicht mit definierten Wangenknochen und strahlend blauen Augen. In den Händen hielt sie eine Flasche Rotwein. Er grüßte sie mit nervös zittriger Stimme und bat sie, einzutreten.

Als die Tür hinter den beiden zufiel, umarmte sie ihn zur Begrüßung. Es war eine lange, innige Umarmung. Er spürte ihre weichen, seidigen Haare an seiner Wange, roch ihren süßen Geruch, spürte ihren Puls, welcher immer schneller wurde, je länger die Umarmung andauerte. Er spürte, dass sie sich ihm entziehen wollte und drückte sie fester an sich. Sanft leckte er ihr über die Wange, was dazu führte, dass sie nun ernsthaft versuchte, sich von ihm loszureißen. Die Flasche Rotwein fiel dabei zu Boden, zersplitterte und verteilte  große rote Lachen auf dem marmorierten Fliesenbelag.

“Hey, lass das verdammt, bist du verrückt geworden?!”

In ihrer Stimme schwangen Unsicherheit, Wut und Angst. Der hagere Mann nahm alle Kraft zusammen und drückte sie weiter an sich. Er beugte sich ganz nah an ihr Ohr, sodass seine Lippen bereits den oberen Rand der Ohrmuschel streiften und flüsterte mit brüchiger Stimme: “Das mache ich nur für dich.”

Mit einer schnellen, raubtierhaften Bewegung zog er ihren Kopf zur Seite und biss ihr kräftig in den Hals. Er riss ein großes Stück Fleisch heraus und spuckte es sogleich zu Boden. Anschließend presste er seine Lippen auf die klaffende Wunde und trank, er trank in großen Schlucken, während Elena unter seinem Griff langsam erschlaffte und schließlich zu Boden sank. Er stürzte sich sich auf sie, kein einziger kostbarer Tropfen durfte verschwendet werden! Er trank und spürte, wie seine Muskeln wuchsen und die Haut sich wieder straffte. Er trank, bis auch der letzte Tropfen versiegt war. So erbrachte er seiner geliebten Elena den größtmöglichen Liebesbeweis: Er hatte sie zu einem Teil seiner selbst gemacht und ihr somit wahre Unsterblichkeit geschenkt.

“Ich werde es wohl nie schaffen, damit aufzuhören.” Dachte er sich, während ein Lächeln seine Mundwinkel umspielte und er sich mit der Zunge über die unnatürlich langen Eckzähne fuhr.

Bewertung: 5 / 5. Anzahl Bewertungen: 2

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"