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Es war nur der Wind

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Der Abend war still – zu still.

Nicht das übliche Rascheln im hohen Gras, kein Knacken im alten Holz des Hauses, nur diese träge, bedrückende Ruhe, die selbst das Ticken der Wanduhr wie ein Vergehen klingen ließ.

Mara saß auf der Veranda ihres Elternhauses, eingehüllt in eine Decke, während der Himmel über ihr langsam ins Schwarz überging. Seit dem Tod ihres Vaters war sie selten hier gewesen – zu viele Erinnerungen, zu viele Schatten. Doch an diesem Abend hatte sie das Bedürfnis gehabt, zurückzukehren. Vielleicht, um Frieden zu finden. Vielleicht, um endlich loszulassen.

Der Wind hatte früher eine eigene Sprache in diesem Tal .Ihr Vater pflegte zu sagen: „Wenn du genau hinhörst, erzählt er dir, was du nicht sehen kannst.“ Als Kind hatte sie das geliebt – das Gefühl, dass der Wind mehr wusste als sie selbst. Doch irgendwann, als die Jahre härter wurden und die Nächte kälter, hatte sie aufgehört zuzuhören. Jetzt saß sie da – erwachsen, allein, mit einer Kanne kalten Tees neben sich – und lauschte.

Erst war da nichts. Dann, ganz schwach, ein leises Wehen, kaum wahrnehmbar, als würde jemand in weiter Ferne seufzen.

Die Blätter der alten Eiche raschelten kurz. Ein Ast knarrte. Ein Fensterladen schlug. Mara lächelte schwach.

„Nur der Wind“, murmelte sie und erhob sich, um ins Haus zu gehen.

Aber der Wind hörte sie. Und er antwortete. Zuerst ganz leise.

Ein kaum hörbares Wispern, das über die Felder kroch, in die Bäume stieg, durch das offene Fenster glitt und an ihrem Nacken vorbeistrich.

Es war kein Zufall, kein Zufallszug der Luft. Es war eine Berührung. Ein Gruß.

Als sie die Tür hinter sich schloss, blieb der Wind draußen stehen – oder das, was sie für den Wind hielt.

Das Haus empfing Mara mit der kühlen Umarmung längst vergessener Räume.

Der Boden unter ihren Füßen knarrte so, als beschwere er sich, dass wieder jemand auf ihm ging.

Ein Geruch von Staub, altem Holz und etwas Metallischem lag in der Luft – eine Note, die sie früher nie bemerkt hatte.

Sie stellte ihre Tasche ab, zündete eine kleine Lampe an und wanderte durch die Zimmer. Alles war, als wäre die Zeit hier stehen geblieben: Die verblassten Familienfotos, das verstaubte Klavier, das niemand mehr spielte. Sogar der Mantel ihres Vaters hing noch an der Garderobe.

Ein leichtes Rütteln ließ sie innehalten.

Das Fenster in der Küche war nur angelehnt, und eine kalte Brise wehte herein.

Sie zog es zu, fröstelte und murmelte wieder, beinahe unbewusst:

„Nur der Wind.“

Aber diesmal war etwas anders. Hinter dem Glas blieb die Nacht still. Zu still. Kein Rascheln. Kein Lüftchen. Nur das matte Spiegelbild ihres Gesichts und für einen Sekundenbruchteil etwas, das nicht zu ihr gehörte.

Ein zweites Gesicht. Verzerrt. Bewegend. Als hätte sich der Wind selbst in der Fensterscheibe gesammelt und sie für einen Moment angeschaut. Sie wich zurück. Die Lampe flackerte.

„Das ist lächerlich“, sagte sie, und ihre Stimme war brüchiger, als sie erwartet hatte.

„Ich bin einfach müde.“

Aber der Wind hörte sie wieder.

Es war wie eine unausgesprochene Einladung. Wie ein Versprechen. In der Nacht begann das Haus zu atmen.

Fensterläden schlugen im Takt eines unsichtbaren Pulses, Ritzen zwischen den Dielen pfiffen wie Flüstermünder. Und in den Stunden nach Mitternacht, wenn selbst die Uhr zu zögern schien, hörte Mara wieder das Wispern – diesmal näher.

Nicht draußen. Nicht über dem Dach. Sondern im Flur. Es war wie eine Sprache ohne Worte, ein Klang, der an den Wänden entlangstrich.

Manchmal formte er Silben.

Und wenn sie genau hinhörte, glaubte sie, ihren Namen zu hören – hauchzart, geflüstert.

„Ma–ra…“

Sie fror. „Papa?“ flüsterte sie in die Dunkelheit. Die Luft bewegte sich, sanft, fast tröstlich.

Dann wurde es schlagartig eiskalt.

Ein heftiger Windstoß fuhr durchs Zimmer, obwohl alle Fenster geschlossen waren.

Papier wirbelte auf, die Lampe flackerte, fiel um –

und irgendwo im Dunkeln fiel eine Stimme mit, die gar nicht da sein durfte:

„Du hast mich gehört.“

Dann Stille.

Nur noch ein leise Tropfen irgendwo in der Küche.

Mara stand da, das Herz hämmernd.

Die Luft war so dicht, dass sie kaum atmen konnte.

Sie wagte nicht, sich zu bewegen, wagte nicht, den Satz auszusprechen, der ihr auf der Zunge lag –

doch der Gedanke war da. “Es war nur der Wind”

Der Morgen kam grau und leblos. Keine Sonne drang durch die Wolkendecke, nur ein fahles Licht, das wie kaltes Wasser durch die Ritzen sickerte.

Mara saß in der Küche, die Decke um die Schultern geschlungen, die Hände fest um die Teetasse gekrallt. Der Tee war längst kalt. Ihr Blick hing an dem Fenster, an dem sie in der Nacht das verzerrte Gesicht gesehen hatte. Das Glas war beschlagen, obwohl kein Hauch von Wärme im Raum war. Auf der matten Oberfläche hatten sich feine Linien gebildet — wie eingeritzte Kratzer.

Aber niemand hatte das Fenster berührt. Sie stand langsam auf, trat näher heran und fuhr mit dem Finger darüber. Die Linien bildeten keine klaren Worte, eher Andeutungen. Kurven. Spiralen. Windungen. Doch dann, ganz unten in der Ecke, entdeckte sie ein Wort. Ein einziges, in das Glas gedrückt wie ein Atem: „Hör.“

Mara stolperte einen Schritt zurück. „Nein…“, flüsterte sie. „Das… kann nicht“ Sie drehte sich um, um die Küche zu verlassen – und erstarrte.

Die Lampe, die in der Nacht umgekippt war, stand wieder aufrecht. Die Stühle, die sie selbst chaotisch verrückt hatte, waren ordentlich an den Tisch geschoben.

Es war, als hätte jemand – oder etwas – deren Spuren rückgängig gemacht.

Ein Luftzug strich über ihren Nacken.

„Höör…“

Sie fuhr herum, aber niemand war da. Nur die Vorhänge bewegten sich — obwohl die Fenster verriegelt waren. Der Tag verging wie durch Nebel. Mara ging durch die Räume wie eine Fremde im eigenen Haus. Mit jedem Schritt hörte sie es: das Wispern, das Pfeifen in den Ritzen.

Nicht mehr leise. Nicht mehr harmlos. Es war zielgerichtet. Es folgte ihr. Am Nachmittag blieb sie vor dem alten Radio ihres Vaters stehen.

Es stand seit Jahren unberührt auf dem Regal — und nun lief es. Kein Sender, nur dieses leise Rauschen, durchsetzt mit… Pausen. Atempausen. Wie jemand, der spricht, aber nur flüstert, wenn man nicht hinhört.

„Verdammt…“, flüsterte Mara, und ihre Stimme klang, als würde sie sich selbst beim Fallen zuhören.

Dann… eine Stimme. Klar. Direkt ins Rauschen geschnitten.

„Du hast mich immer gehört. Du hast nur aufgehört, zu antworten.“

Sie stolperte zurück.

„Wer…? Wer ist da?“

„Nicht wer…“

„Was.“

Das Fenster neben dem Radio sprang einen Spalt auf — obwohl es verriegelt gewesen war. Ein einzelner Luftzug fuhr ins Zimmer, umkreiste sie wie ein Tier. Und plötzlich erinnerte sich Mara an etwas, das sie vergessen hatte: Sie war sechs Jahre alt gewesen.

Ein Sturm. Ein milder Sommerabend. Ihr Vater hatte sie fest an sich gedrückt und gesagt: „Wenn du Angst hast… sag einfach: ‚Das ist nur der Wind.‘ Dann weiß er, dass du nicht zuhörst. Und dann lässt er dich in Ruhe.“

Aber sie hatte in jener Nacht doch zugehört. Und etwas hatte damals geantwortet. Etwas, das jetzt, nach all den Jahren, zurückgekehrt war.

„Du hast mich damals gehört, Mara“, hauchte die Stimme.

„Und jetzt… wirst du nicht mehr wegsehen oder weghören.“

 

Die Tassen im Regal begannen leicht zu klirren. Das Radio rauschte lauter.

Die Tapete an der Wand blähte sich, als würde ein unsichtbarer Atem von innen dagegen drücken. Mara presste die Hände gegen die Ohren — doch der Wind sprach in ihrem Kopf weiter, flüsterte durch jede Ritze ihrer Erinnerung.

„Du hast vergessen.“

„Ich nicht.“

Und dann – Stille.

Die Art von Stille, die lauter ist als jeder Schrei. Mara stand im leeren Raum und wusste plötzlich nicht mehr, was schlimmer war: Die Angst, verrückt zu werden oder die Möglichkeit, dass sie es nicht war.

Die Nacht kam wie eine Welle. Nicht still, sondern schleichend — wie etwas, das weiß, dass du es nicht aufhalten kannst. Mara saß auf der Couch, die Beine angezogen, und starrte in das halbdunkle Wohnzimmer. Draußen rührte sich kein Blatt. Kein Laut. Kein Wind. Doch das machte es nur schlimmer. Sie hatte alle Fenster verriegelt, jedes Tuch, jeden Spalt geprüft. Aber der Wind…Er brauchte keine Türen. Er war längst drin.

Das Radio hatte aufgehört zu rauschen. Dafür hörte sie jetzt etwas anderes: Ein Summen. Tief, gleichmäßig, fast wie ein Atem, der durch die Wände vibrierte. Wenn sie die Augen schloss, konnte sie den Ursprung spüren — nicht hören, sondern fühlen. Hinter ihr. Über ihr. In ihr.

„Ich höre dich nicht“, flüsterte sie trotzig.

„Ich höre dich nicht.“

Doch die Luft um sie herum wurde dichter. Schwer. Ihr Atem ging stoßweise. Etwas an ihrem Ohr bewegte sich. Kein Laut, nur Bewegung. Dann wieder dieses Wispern, so sanft, dass sie hätte schwören können, es käme aus ihrem eigenen Atem heraus:

„Doch. Du hörst mich. Du hast mich immer gehört.“

Ein Zittern lief ihr über die Haut. Sie griff nach der Decke, wollte sich einhüllen, sich abschotten. Aber das Tuch regte sich.

Nur ein kleines, unscheinbares Zucken – und doch war es unmöglich zu übersehen.

Als würde jemand von innen dagegen drücken. Eine Welle, die sich unter dem Stoff entlang schob und langsam über ihre Beine wanderte. Mara schrie, warf die Decke weg, stolperte rückwärts.

Sie wollte fliehen, doch der Raum war plötzlich anders.

Die Luft vibrierte, schien zu atmen.

Die Schatten an den Wänden begannen, sich zu bewegen — nicht im Wind, sondern gegen ihn.

Es sah aus, als hätte die Dunkelheit selbst Muskeln bekommen.

„Sag es nicht…“

„Sag nicht, dass ich nur der Wind bin…“

Die Stimme kam von überall und nirgendwo. Sie war nicht laut — aber sie füllte den Raum. Wie das Knacken von Eis kurz bevor es bricht. Mara stolperte zur Treppe, hielt sich am Geländer fest. Sie musste raus. Irgendwie.

Doch jeder Schritt nach oben schien schwerer zu werden, als würde die Luft selbst sie festhalten.

Etwas strich über ihr Haar — nicht fest, aber bewusst.

Eine kalte Hand aus Nichts.

„Warum hast du gelacht, wenn sie es sagten?“

„‚Nur der Wind‘, hast du gelächelt… als wär ich harmlos.“

„Aber du wusstest, dass ich zuhörte.“

Sie stolperte in ihr altes Kinderzimmer.

Der Geruch von Staub, von vergangenem Leben, drängte sich auf. Alles sah noch aus wie früher: das kleine Bett, die verblasste Tapete, der Bär mit dem abgerissenen Ohr. Und an der Wand hing ein Windspiel — aus Muscheln und Glasstücken, das ihr Vater einst aufgehängt hatte. Es bewegte sich. Langsam. Ohne Luftzug. Ein zartes, klirrendes Klingen.

Dann ein zweites.

Dann ein drittes.

Bis das ganze Zimmer in einem feinen, unheimlichen Chor sang – der nicht nach Musik klang, sondern nach wilden Worten in einer unbekannten Sprache. Mara presste die Hände auf die Ohren. Doch selbst so hörte sie die Worte, ganz klar, direkt in ihrem Kopf:

„Wenn du mich beim Namen nennst, gehöre ich dir.“

„Aber sag es richtig.

Etwas griff in ihr Innerstes, zerrte an einer Erinnerung – an ein altes Flüstern, das sie nie verstehen sollte. Ein Laut, den ihr Vater ihr verboten hatte zu wiederholen.

Und doch kam er ihr über die Lippen, zittrig, ängstlich, kaum hörbar:

„Aesh’ar…“

Die Luft zog sich zusammen.

Ein leises, gieriges Aufatmen ging durch das Haus, als hätte es endlich etwas zurückbekommen, was es vor langer Zeit verloren hatte.

Und dann…

begann der Wind wieder zu wehen.

Nur diesmal nicht draußen.

Sondern in ihr.

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