EigenartigesKreaturenMittel (10 - 20 Minuten)ObjekteOrtschaften

Gefangen auf der Maisplantage

„Nun komm schon Jasper, wir müssen raus aufs Feld!“, rief mein Bruder Jonathan die Treppe herauf, was mich auf träge Weise erwachen ließ. Kurz darauf erhob ich mich aus dem Bett, lies Trägheit zur Hast werden und richtete mich auf tollpatschige Weise für den Tag.

„Na los, wir sind spät dran, die Kolben ernten sich schließlich nicht von selbst!.“ Jonathan sah mich vorwurfsvoll an, während ich an ihm vorbei zum Frühstückstisch huschte, mir eine Scheibe Brot in den Mund steckte, meine Schiebermütze aufsetzte und mich mit ihm hinaus ins grelle Tageslicht begab, bereit zur Arbeit auf dem Maisfeld.

Dass der heutige Tag unser aller Leben für immer verändern sollte, wussten wir da an noch nicht. Doch dazu später mehr.

Mein Bruder und ich lebten auf einer kleinen Farm, in einer sehr ländliche Gegend im Westen von Ohio. Wir lebten größtenteils von den Erträgen, die uns die Maiskolben-Ernte einbrachte. Dem idealen Klima hier hatten wir jährlich eine stattliche Ernte zu verdanken, darüber waren wir sehr froh und dankten Gott. Als Kinder spielten wir oft Verstecken im Maisfeld, es war für uns wie ein Labyrinth. Damals waren wir noch drei Brüder gewesen. Jimmy starb leider an einer Lungenkrankheit, er wurde keine acht Jahre alt. Wenig später starb unsere Mutter an Krebs. Das ganze liegt inzwischen sieben Jahre zurück. Es war eine harte Zeit für uns gewesen, doch das Leben ging weiter; es musste weitergehen.

Nachdem Vater und ich den Trecker für die Arbeit vorbereitet hatten, blickte ich auf das sommerlich-grüne Blattmeer, wie es durch die morgendlichen Sonnenstrahlen glitzerte. Plötzlich kam Jonathan aus dem Feld herausgestürmt, irgendetwas hatte ihn völlig aus der Fassung gebracht. Jonathan sagte nur: „Das müsste ihr euch ansehen!“

Wir waren Jonathan gefolgt und betraten eine kahle Stelle, beziehungsweise waren hier die Pflanzen völlig platt zu Boden gedrückt worden, innerhalb der Plantage, was quasi eine kreisrunde Lichtung gebildet hatte und uns sofort diese Kornkreis-Scherze mutmaßen ließ, die manche Idioten kreierten, um sich einen Spaß zu machen. Dies war jedenfalls, was wir vorerst glaubten – wäre da nicht dieser große, schwarze Stein gewesen, der dort aus dem Boden ragte.

Es handelte sich um eine Art Monolith. Keinem von uns war er jemals zuvor aufgefallen, er war einfach da. Die Länge betrug etwa dreifache Menschengröße, die Breite war die eines Obelisk. Auf seiner dunklen, hart glänzenden Oberfläche sahen wir feine Linien umherwandern, in komischen Farben. Der Stein ragte bis tief in die Erde hinein. Wie das Teil überhaupt dort hinkommen konnte, war uns ein absolutes Rätsel, denn nur ein Baufahrzeug wäre dazu in der Lage gewesen, so einen massiven Stein dort platzieren zu können, was mindestens einer von uns hätte mitbekommen müssen. Als Vater den schwarz glänzenden Monolithen sah, bekreuzigte er sich sofort. Keiner von uns wusste, mit der Situation richtig umzugehen.

Ich wollte mir das Teil etwas genauer ansehen, ging somit ein paar Schritte auf den Monolithen zu, doch mit einem ernsten: „Nein, fasse das besser nicht an!“, von Jonathan, ließ ich es doch bleiben. Er sagte, wir wüssten nicht, was dies für ein Objekt sei und dass wir besser die Polizei verständigen sollten, was wir folglich auch taten.

Als nach etwa dreißig Minuten Alon Carter eingetroffen war, ein schwarzer Polizist mittleren Alters, hatten wir ihn direkt zum Monolithen geführt. Carter folgte uns und bekam den Monolithen schließlich zu Gesicht, worauf er sich erst mal eine Zigarette zündete.

Wir hatten, kurz bevor der Officer eintreffen würde, den Entschluss gefasst; statt großartig zu Erklärungsversuchen anzusetzen, sollte er sich am besten ein eigenes Bild von der Sachlage machen. Er fragte uns, ob wir den Monolithen angefasst hätten, was wir verneinten. Dann fragte er noch nach irgendwelchen Ereignissen, Auffälligkeiten oder Streitigkeiten mit diversen Bekannten, die vielleicht an den Vortagen stattgefunden haben konnten oder ob in der Gegend des öfteren Vandalismus zu beklagen wäre. Wir verneinten abermals.

„Wir sind genauso ahnungslos wie Sie.“, gab Jonathan zum Abschluss.

Carter: „Zentrale bitte melden. Carter hier. Könnten sie mal einen Experten hier raus schicken?

Zentrale: „Was denn für einen Experten? Drücken Sie sich gefälligst etwas genauer aus.“.

Carter: „Sehe ich wie `Mr. Allwissend` aus? Einen Experten für Gesteinskram, ‘nen Guru, ‘nen Geistlichen, die Nasa, die Kavallerie, was weiß ich!

Carter hing das Funkgerät auf und wand sich wieder uns entgegen. Er erklärte uns: „Ich werde nun zur Zentrale zurückkehren und darüber berichten, was ihr da für einen Klotz in der Plantage stehen habt. Gegebenenfalls wird die Zentrale jemanden vorbei schicken, der Ahnung davon hat und weiß was zu tun ist.“

Carter stieg zurück ins Auto. „Ihr fasst das Teil am besten nicht an.“, sagte er noch, ehe er ums Eck fuhr.

Kurz darauf hörten wir einen scheppernden Knall und sahen aufsteigenden Rauch, aus der Richtung des Polizeiwagens. Sofort rannten wir herüber, um nachzusehen, was passiert war. Bereits aus der Distanz kam uns ein Schwall von Fluchwörtern entgegengeflogen. „Scheiße verdammt! Fuck!“, gab Carter von sich. Dann sahen wir es: Die vordere Schnauze des Polizeiautos erinnerte jetzt nur noch an eine eingedrückte Coladose. Carter war derweil komplett hinter dem aufgesprungenen Airbag versunken; einzig seine wild um sich schlagenden Unterarme ragten über das aufgeblähte Polster, diesen irgendwie entrinnend. Wir halfen ihm schließlich heraus.

„Sind Sie verletzt?“, fragte Vater.

„Nein…“, knurrte Carter, und fluchte noch ein letztes Mal.

Ich überlegte mit faltiger Stirn, was gerade nur passiert sein konnte, es wirkte wie ein Autozusammenstoß. Allerdings – hier war nichts, was er hätte anfahren können, nur die leere Ausfahrt. Während die anderen in eine hitzige Diskussionsorgie der Schuldzuweisung verfielen, näherte ich mich dem kaputten Vorderteil des Autos. Ich tastete in der Luft herum. Schließlich bemerkte ich es.

Da meine Stimme zuerst nicht zu ihnen durchdrang, ließ ich einen lauten Pfiff ab, was alle abrupt still werden wie auch zu mir schauen ließ. Ich schilderte ihnen, was ich vermutete und bat Carter, er möge doch einmal mit seiner Kanone in die Luft schießen. Nach einem widerwilligen Hin und Her tat er es schließlich und schoss in den Himmel. Wir zuckten zusammen, nachdem die Kugel direkt vor unseren Füßen in den Staub gepeitscht hatte, was nur bedeuten konnte; dass sie irgendwo abgeprallt sein musste.

Meine Vermutung bestätigte sich: um uns herum musste sich eine Art unsichtbare Barriere befinden.

Wir teilten uns auf, gingen alles ab, von Westen nach Süden, zum Osten wie nach Norden. Es war nicht mehr zu leugnen. Überall, ab einer bestimmten Grenze, ertasteten wir eine feste, nicht sichtbare Barriere, was die absolut surreale, erbarmungslose Erkenntnis über uns hereinbrechen ließ: Wir waren unter einer unsichtbaren Kuppel, auf unserer Farm gefangen.

„Hier, sieh dir das an.“ Ich warf Jonathan ein Magazin hin.

Es befasste sich mit Prä-Astronautik, außerirdischen Zeichen und gab Tipps, wie man sich am besten gegen eine Alien-Invasion vorzubereiten hat.

„Dein ernst, Jasp? Alberne Verschwörungstheorien sind nun die Antwort auf alles? Verschone mich bitte damit…“, gab Jonathan desinteressiert von sich.

Weiter meinte er, dass es für die Barriere bestimmt auch eine rationale Erklärung gäbe ebenso vermutete er, es handele sich nur um ein seltenes Wetterphänomen oder dergleichen. Das Beste würde sein, einfach auf Hilfe zu warten, so Jonathan.

„Ein Wetterphänomen, sagst du?“ Ich führte ihn zum Fenster. Dort angekommen, verwies ich auf die Vogelscheuche im Maisfeld, welche Gestern noch mindestens zwanzig Meter weiter östlich im Feld gestanden hatte und ich erkannte an Jonathans Mimik, wie es in seinem Kopf zu rattern begann. Denn er selbst war es gewesen, der sie gestern noch dort platziert hatte. Weiter wies ich darauf hin, dass sich die Vogelscheuche eigentlich fast schon außerhalb des Feldes befand plus dass es einen Zusammenhang mit dem Monolithen geben musste. Doch von Jonathan kam darauf nur ein „Es reicht, Jasper! Draußen ist es bereits dunkel, du bildest es dir ein!“, was ihn sichtlich genervt davon stapfen ließ.

Wir hatten den ganzen vorherigen Tag, seit dem wir unsere Gefangenschaft akzeptiert als auch fortwährend mit dem unbequemen Ledermantel der grauen Erkenntnis leben mussten, damit verbracht, irgendeinen Kontakt zur Außenwelt herzustellen; sei es Telefonisch, das Internet oder Carters Funkgerät. Doch nichts davon hatte noch funktioniert. Wir waren komplett von der Welt abgeschirmt. Carter boten wir ein Hinterzimmer unseres Farmhauses an, zwecks Übernachtungsmöglichkeit. Schließlich saß er nun mit uns in einem Boot. Auch wenn wir unser Farmgelände nicht mehr verlassen konnten, verhungern oder verdursten würden wir nicht. Für einen längeren Zeitraum waren noch reichlich unserer Vorräte vorhanden gewesen. Zur Not gab es auch noch die Hühner und den Brunnen, sollten die Lebensmittelvorräte zuneige gehen.

Eine Wahl wurde uns ohne hin nicht gelassen. Auch die Zeit würde für uns sicherlich keine Pause einlegen, dies wussten wir nur allzu gut. Somit lebten wir einfach weiter, wie bisher.

Wir aßen gerade zu Abend, als Carter uns von den kuriosesten Dingen aus seinem Leben als Cop erzählte. Wir lachten und waren uns sicher gewesen, auch im Nachhinein weiter in Kontakt stehen zu wollen. Nachdem wir das Abendessen beendet hatten, wurde es wieder ernst.

„Freunde, seit drei Tagen bin ich nun schon bei euch und weder zeigt sich eine Spur meiner Kollegen noch kam auch nur eine andere Person in die Nähe des Grundstücks. Für uns scheinen sich die Behörden überhaupt nicht zu interessieren. Das ist doch alles seltsam, findet ihr nicht auch?“, warf Carter in die Runde. Ich wollte gerade schon zu einer Antwort ansetzen, da bemerkte ich einen seltsamen Muskelzug oder viel mehr einen merkwürdigen Schatten in Vaters Gesicht. Seine Augen hatten irgendwie etwas künstliches, steriles an sich. Als ich etwas genauer hinsah, schielte plötzlich ein stechend-gelbes Augen zu mir, mit schmaler Pupille, es erinnerte an eine Klapperschlange; bei dem Anblick haute es mich im wahrsten Sinne vom Hocker.

„Was ist denn in dich gefahren, Jasper?“, fragte Jonathan.

„Gar nichts.“, antwortete ich und fing mich wieder, denn von der zuvor schrecklichen Pupille blieb jetzt nur noch Vaters normaler, besorgter Ausdruck übrig und ich wunderte mich nur.

Fast zwei Wochen waren es nun, seitdem wir hinter der Barriere festsaßen. An unserer Situation hatte sich leider noch immer nichts zum besseren gewendet. Immer noch gab es kein einziges Anzeichen der Behörden, denen zumindest das Verschwinden von Carter in irgendeiner Weise längst hätte auffallen müssen, er war schließlich als Cop unterwegs und verschwand mitten im Dienst. Keine suchenden Hubschrauber, keine Post, Fußgänger, Autos. Nicht einmal Vögel oder ein vorbeiziehendes Flugzeuge waren zu sehen. Nichts. Nebenher versuchten wir natürlich weiterhin den täglichen, telefonischen Kontakt zur Außenwelt herzustellen. Vergebens. Wir kapitulierten irgendwann und gingen einfach wie immer dem Alltag nach, soweit es die Einschränkung eben zuließen. Wir ernteten das Feld (mit Bogen um den Monolithen), hackten Holz, fütterten die Tiere, schöpften Wasser aus dem Brunnen und Carter erwies sich als begnadeter Koch. Weitere Wochen waren ins Land gezogen, bis irgendwann jener Tag auf der Türschwelle stand, der für eine verheerende Zäsur sorgen würde…

Es begann zuerst als ganz normaler Morgen. Bis wir plötzlich ein Scheppern, gefolgt von weiteren Lauten aus dem Schuppen vernahmen.

„Sir! Bleiben Sie zurück! Sir, bitte bleiben Sie zurück!“, ertönte Carters Stimme aus dem Schuppen heraus. Sofort rannten wir hinein, um nachzusehen was los sei. Dann sahen wir es. Das pure Grauen überkam uns, und fuhr uns bis ins Mark, als wir Vater sahen. Oder besser gesagt, in welchem Zustand wir ihn antrafen. Carter hatte seinen Revolver auf ihn gerichtet. Vaters Augen waren total gelb ebenso hatte er wieder diese schmalen Pupillen, wie ich sie schon einmal erblickt zu haben glaubte. Nun waren sie nicht mehr zu übersehen. In seinem übermäßig sabbernden Mund ragten willkürlich scharfe Zähne hervor, wie bei einem Krokodil. Aus seinem Mund in eine lange schmale Zunge und seine Haut wies überall offene Stellen auf. Vater war nicht mehr wiederzuerkennen! Es war furchtbar. Wir standen unter Schock.

Zuerst torkelte er herum. Dann setzte er mit einem unmenschlichen Brüllen zu einem mindestens fünf Meter weitem und drei Meter hohen Sprung an; zielgerichtet auf den früheren Polizisten. Die abgefeuerten Pistolenkugeln fanden zwar noch im Sprung ihr Ziel, doch als ob er die Kugeln überhaupt nicht spürte, landete das was aus Vater wurde schließlich wie ein tollwütiger Schimpanse auf Carters und riss ihn zu Boden. Es biss Carter die Halsschlagader komplett durch. Blut schoss heraus und Carter gab nur noch ein „Lauft, ihr Schwachköpfe!“, von sich, bis sich seine Augen schließlich verdrehten.

Nach dieser surrealen Szenerie aus der Hölle, rannten wir ins Haus und verschlossen die Tür. Uns stiegen die Tränen in die Augen und wir schluchzten. Wir wussten einfach nicht, was gerade passiert war oder was hier eigentlich los war. Wir hatten einfach keine Erklärung.

„Jasp, lass uns lieber nach oben gehen.“, flüsterte Jonathan, als er mit Tränen überlaufenden Gesicht eine der Gardinen zur Seite schob, mit nochmals prüfenden Blick auf den offenstehenden Schuppen, von dem im Moment kein einziger Laut mehr zu entrinnen schien.

Wir hatten zunächst einige Sachen sowie den großen Kleiderschrank die Treppe heruntergestoßen, um wenigstens für etwas Blockade zu sorgen sowie beschlossen, uns auf dem Dachboden zu verstecken, denn dort befand sich ein rundes Fenster, von welchem man die gesamte Farm in sein Blickfeld nehmen konnte.

Nachdem wir die Holzsprossen hinauf geklettert waren, hatten wir die Dachbodenbodentreppe hinter uns hochgezogen. Den zugehörigen Schlüssel hatten wir bei uns.

Jonathan schritt gleich zum großen Fenster. Er wies plötzlich auf die Scheune herunter. Er meinte, dass sich eben am Tor etwas bewegt hätte. Auch ich spähte nun zum Scheunentor herunter.

Nicht sicher, ob der Wind es war, der die Scheunentür ganz sacht bewegte – passierte es doch schließlich so schnell, dass wir es zuerst gar nicht richtig realisierten: aus dem offenen Scheunentor kam eine Kreatur mit geschupptem Schwanz geflitzt, geradeaus ins Untergeschoss unseres Farmhauses hinein, einen Stock tiefer. Dies geschah mit einem krachenden Schlag, dann wütete die Kreatur herum, sich mit unmenschlichen Schreien bemerkbar machend. Wie dieses Ding über den Platz gehuscht war, hatte uns an einen vom Jagdinstinkt getriebenen Raptoren erinnert.

Jonathan und ich gaben absolut keinen Laut von uns, denn mit geängstigten Augen, wussten wir: Wenn wir uns bemerkbar machten und es uns finden würde; wäre es um uns geschehen. Irgendwann hörte es auf zu wüten und Stille kehrte ein.

Wenige Augenblicke später brachten Schritte die Treppe zum knarzen. Während das Wesen langsam in den Stock unter uns aufstieg, stieß es gurgelnden Laute aus. Es stand nun im Flur, wir hörten es direkt unterhalb von uns, schnüffelnd, gurgelnd, auf den Dielen scharrend. Wir kauerten uns auf dem Dachboden zusammen. Wir bebten innerlich und fürchteten um unser Leben. Ich schaute zum Fenster, denn draußen begann plötzlich ein grelles Licht zu leuchten. Jonathan versuchte mich aufzuhalten, doch ich wollte unbedingt wissen, was es damit auf sich hatte. Langsam erhob ich mich, schlich herüber, um nur einen kurzen Blick aus dem Fenster zu erhaschen.

Es war der Monolith… Er hatte eine Lichtsäule gebildet, die in den Himmel stach.

Ich bewegte mich langsam zurück zu Jonathan, brachte jedoch dabei versehentlich eine der Dachbodendielen laut zum Knarzen, was das Scharren unter uns zu einem Brüllen werden ließ und die Kreatur als nächstes versuchte, zu uns auf den Dachboden zu gelangen. Obwohl wir eine schwere Werkzeugkiste auf die Luke platziert hatten, schaffte es das Wesen mit schwere Stößen die Kiste immer eine Nuance mehr zu verrücken.

Irgendwann hatte es damit aufgehört, gegen die Dachluke zu springen und es war wieder still geworden, was uns etwas durchatmen ließ. Hier oben seien wir wohl sicher. Das war, was wir glaubten, was wir hofften. Wie falsch wir doch lagen.

Plötzlich und wie aus dem Nichts schossen zwei mit scharfen Klauen bedeckte Unterarme aus zersplitterten Holzdielen hervor, die wild um sich griffen. Sie waren komplett mit Schuppen überzogen, wie der Rücken eines Alligators; behielten jedoch gleichzeitig eine menschliche Grundform.

Ich erstarrte zu Eis, als ich sah, wie die Hände Jonathans Beine zu fassen bekamen und er sich davon nicht mehr los reisen konnte. Ich wollte ihm noch irgendwie zur Hilfe eilen, doch die scharfen Krallen vergruben sich bereits fest in seinem Bein als auch stieß mich Jonathan noch obendrein von sich weg.

„Nein, Jasp! Die Schrotflinte im Schuppen! Verschwinde von hier durchs Fenster, ich halte ihn solange in Schach, jetzt ist er abgelenkt!“

Er stieß mich nun noch stärker von sich und forderte mich noch lauter auf, jetzt sofort zu verschwinden.

Meine Augen füllten sich mit Tränen. Ich hastete dem Fenster entgegen. Ich öffnete es. War dazu bereit, über das Vordach und den Balken herunter zu klettern.

Ein Bein über die Schwelle legend.

Nochmals zurückblickend.

Sehend, wie eine glotzende Fratze aus der Diele herausragte.

Züngelnd, halb Mensch, halb Reptil.

Seine schwarzen Krallen bohrten sich weiter in Jonathans Unterschenkel. Rinnsale aus Blut quollen hervor und durchtränkten dessen Jeans. Diesen Anblick nicht länger ertragend, wand ich mich auf dem Fenstersims wieder herum und begann dabei zu bemerken, wie sich der leuchtende Monolith in Bewegung zu setzen schien und die ganze Umgebung nun komplett grell erstrahlen ließ.

Er begann als nächstes in der Luft zu schweben. Ich vernahm ein komisches Summen, dann fing er an, sich zu verformen, in eine fremdartige Geometrie, die etwas gekrümmtes an sich hatte. Zum Schluss wurde die Form zu einer Lichtkugel, die mit einem blendend-grellen Lichtblitz gen Himmel schoss, vermutlich bis ins All.

Das war alles, was ich gerade noch so mitbekommen hatte. Danach wurde mir schwarz vor Augen. Ich brach zusammen und fiel zurück auf die Dielen.

„Jasper…? Jasper McCorthy? Können Sie mich hören, Jasper?“, ein Mann in weißer Kleidung sprach zu mir. In befand mich in einem Krankenhausbett, als ich die Augen wieder öffnete. Neben mir stand ein Doktor, der mein Aufwachen bereits zu erwarten schien.

„Was ist passiert…?“, fragte ich den Doktor. Er sagte zuerst nichts, begann mich stattdessen Abzuhören. Als er damit fertig war, antworte er: „Mutmaßlich hat sich wohl ein geisteskranker eure Farm für einen willkürlichen Amoklauf ausgesucht. Muss wohl durchgedreht sein oder ist auf Droge gewesen. Sie wurden jedenfalls ohnmächtig aufgefunden und befinden sich nun in ärztlicher Behandlung.“ Der Arzt lächelte in seine Unterlagen. Bei mir schossen derweil die Erinnerungen sofort wieder hoch.

„Nein, nein…! So war das nicht! Da war dieser Monolith und Vater verwandelte sich in dieses blutrünstige Wesen!“, verneinte ich energetisch.

„W-wo ist mein Bruder, Jonathan…?“, fragte ich als nächstes.

„Ruhen Sie sich erst einmal aus. Sie sind noch ziemlich verwirrt. Ihr Bruder liegt im Zimmer gegenüber. Er ist mit Schnittwunden am Unterschenkel aufgefunden worden. Wir haben diese bereits zugenäht.“, antwortete der Doktor.

Der Doktor war schon dabei, das Zimmer zu verlassen. Dann hielt er jedoch inne, um mir letztlich noch mit einer tiefen Höllenstimme mitzuteilen: „Oder… Vielleicht habe ich deinen Bruder auch schon gefressen und als nächstes bist du an der Reihe?“

Gelbe Augen mit schmalen Pupillen blitzten im Gesicht des Doktors hervor, nachdem er die halb offene Tür von innen wieder schloss.

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