Kosmischer HorrorKurz ( 5 - 10 Minuten )

Gott ist passiert

 

»Wir haben weiteren Kontakt mit unseren Nachbarn verloren.«, knistert es aus dem alten Radio. Ich blicke mit müden Augen hoch. »Möge uns Gott beistehen. Jetzt kommt die tägliche Liste, mit Ländern, die wir…«. Ich schalte es mit zittrigen Händen ab. Benommen stehe ich vom hölzernen Stuhl auf, der erbärmlich unter mir krächzt. Holzdielen knarzen, als ich mich vom Wohnzimmer in die Küche bewege. Regen prasselt gegen die kalte Fensterscheibe. Der Klang von den tausend kleinen Schlägen hallt durch das totenstille Haus. Mit schwerem Atem nehme ich ein Glas vom Regal runter und fülle es ungeduldig mit Wasser. Ich schlendere zurück zu meinem Stuhl und nippe derweil an meinem Glas. Ich blinzle. Ich kann ein Auge vor mir sehen. Die schwarze Pupille sieht wie Tinte aus. Ich setze mich hin und starre wieder auf die öde Wand vor mir. Ein Donner grollt in der Ferne. Ich blinzle erneut und blicke wieder in das emotionslose Auge.

Ich reibe meine Stirn und stöhne, als mich ein schriller Klang hochfahren lässt. Jemand steht vor der Tür. Überrascht und verwirrt gehe ich zu ihr und öffne sie misstrauisch und sachte. Meine Überraschung wird noch größer, als ich den dürren Mann sehe. Seine braunen Haare sind vom Regen durchnässt und fallen ihm Teils vor die Augen. Sein brauner Anzug klebt wie Kleister an seinen dünnen Körper. Blaue Augen funkeln mich an, mit Terror und Furcht gefüllt. Mein Griff um den Knauf der Tür wird fester, als ich mit argwöhnischer Stimme zu ihm raune: »Wer sind sie und was wollen sie hier?«. Für einige Sekunden scheint mir nur der Regen zu antworten, als der Fremde mich plötzlich bettelnd anfleht: »Sie müssen mir helfen! Sie müssen mich reinlassen. Sie…«, er bricht mitten im Satz ab, zu schwach, um ihn zu vollenden.

Er sackt verzweifelt auf die Knie, während ein stummes „Bitte“ über seine Lippen huscht. Ich starre ihn skeptisch an. Nervös kratze ich mir am Kinn, nicht sicher was ich sagen soll. In solchen Zeiten wäre es unmoralisch einen, um Hilfebittenden vor der Türschwelle liegen zu lassen, doch diese Zeiten bestätigen auch, dass man niemanden trauen kann. Ich wollte schon Luft holen, um zu antworten, als der Mann mit letzter Kraft etwas kaum Verständliches flüstert: »Ich komme von der anderen Seite der Grenze.«.

Ich reiße meine Augen voller Angst und Erstaunen auf. Ich schwinge die Tür wie in einer Trance auf, als ich herausstottere: »W-wie bitte? Kommen sie herein. Schnell!«. Ich packe ihn an der Schulter und reiße ihn in mein Haus. Er humpelt mir hinterher. Ich biete ihm einen Sessel an, den er dankend annimmt.

Ich gebe ihn mein Glas Wasser, als ich meinen Stuhl vor ihm schiebe und mich mit gebeugten Rücken vor den jungen Mann hocke. Er zittert am ganzen Leib. Doch ich zögere trotz seines Zustandes nicht, meine Frage zu stellen: »Was ist passiert?«.

Alles scheint zu verstummen, als wir uns intensiv in unsere Gesichter blicken. Er begutachtet mit seinen Augen jede Pore auf meinem Gesicht, als wolle er dadurch feststellen was für ein Mensch ich sei. Sein rhythmischer Atem rasselt. Er befeuchtet seine Lippen. »Würdest du mir glauben? Würdest du mir glauben, wenn ich sage, dass ein Wesen ganze Länder in den Wahnsinn treibt?«.

Ich schlucke, während ich erneut blinzle. Etwas starrt zurück. »Ja.«.

Er nickt verständnisvoll.

»Gott ist gekommen.«, wirft er mir urplötzlich und ohne Vorwarnung entgegen.

Ein Glucksen fährt über meine Kehle hinweg und der Fremde lacht belustigt mit. Ich räuspere mich und frage diesmal aufdringlicher: »Ich will wissen, was passiert ist. Nicht wer gekommen ist.«.

Der Fremde bleibt für einige Sekunden leise, als er plötzlich unter Gelächter zusammenbricht. Der Mann prustet hysterisch weiter, während sich ein unsicheres Grinsen in meine Lippen meißelt. »Gott ist gekommen!«, schreit er so laut durch das ganze Zimmer, das mein Trommelfell hätte platzen können. »Das ist passiert!«. Er pausiert für einen dramatischen Moment, als er sich nach vorne neigt, um mit spitzer Stimme in mein Ohr zu flüstern, als hätte er Angst, dass jemand anderes ihn hören könnte. »Und dann hat sich alles so entwickelt, wie es schon immer hätte sein sollen.«. Ich erhebe mich ruckartig vom Stuhl und gehe wortlos zur Küche. Er hört nicht auf zu kichern. Tausende Augen starren vom Fenster zu mir hinein. Ich schließe die Vorhänge, aber das Gefühl, dass sie mich weiterhin beobachten, bleibt.

Gott. Dieses Wort vibriert wie eine Orgel in einer Kirche in mir wieder.

Gott. Gott ist passiert.

Amüsiert über den Gedanken stütze ich mich auf der Kochinsel ab und begutachte meinen Speichel, der wie Honig auf die steinerne Fläche tröpfelt. Klingt plausibel. Würde alles hier erklären. Schritte sind hinter mir zu vernehmen. Ich öffne teilnahmslos die Schuhblade neben mir. Ich kann einen Luftzug hinter mir spüren.

»Du weißt nicht, was ich gesehen habe.«, dröhnt seine zitternde Stimme zu mir vor. »Es ist so viel mehr. So viel. Eigentlich zu viel.«. Ein energisches Wimmern entkommt von seinem Mund, als er sich behutsam nähert. Doch ich drehe mich nicht um.

»Zu… viel.«. Er müsste jetzt direkt hinter mir stehen. Ich reiße das Messer aus dem Regal und steche kraftvoll auf den jungen Mann. Verdutzt sieht er nach unten und ruft auf. Die Klinge verschwindet vollends in seinen Bauch. Voller Furcht und Panik taumelt er zurück. Das Messer gleitet problemlos wieder aus seinem Torso. Blut rieselt wie ein Wasserfall heraus und färbt den Boden dunkel. Er fällt auf seinen Rücken, während er irgendwelche wirre Worte brabbelt. Ich drehe mich wieder zur Kochinsel und lege das Messer hin. Vor lauter Angst kann ich keinen geraden Gedanken fassen. Nein, das stimmt nicht. Ich konnte nie einen geraden Gedanken fassen. Augen starren zurück. Millionen kleine Pupillen flackern aus der Dunkelheit rein und wieder raus. Ich zucke zusammen, als Hände über meinen Hals fahren. »So… viel.«, trällert jemand hinter mir. Ich sehe rasch zurück, nur um sein Gesicht zu erblicken. Ein verstelltes Lächeln reicht von Ohr zu Ohr und seine Lider sind weit aufgerissen. Er scheint den Schmerz der Wunde nicht zu spüren, als stünde er unter Drogen. Ich bleibe wie erfroren stehen, als mir ein Schrei entkommt. Ich stoße ihn zurück und renne darauf los. Zur Haustür.

»Es ist zu spät!«, brüllt er hinter mir nach. Ich sprinte und sprinte. Ich reiße die Tür energisch auf. Ich kann ihn hinter mir hören. Er hat mich fast eingeholt. Ich weiß nicht, was ihn so unmenschlich resistent macht, doch es kann kein normaler Mensch sein. Er hat mich bald. Ich bleibe stehen, nehme tief Luft, bis er seine Hände beinahe um meinen Hals umschlungen hat. Mein Fausthieb landet direkt in sein Gesicht. Er flucht und tretet zurück. Ich lasse ihn keine Zeit zum Erholen und springe ihn an. Meine Finger fahren jetzt um seine Kehle und ich drücke mit aller Kraft. Er starrt mich nur überrascht an. Ich drücke weiter, bis der Adamsapfel unangenehm langsam unter der Haut verschwindet. Aber er schreit nicht, weder gurgelt oder zappelt er. Als würde ich mit einer Leiche kämpfen. Erst nach ein paar Minuten lasse ich los. Er sackt wie eine Puppe auf den Boden. Sein schöner Anzug ist dunkelrot gefärbt. Ich sehe zurück zum Horizont. Ich trete von ihm weg, nur damit er wieder loskreischt: »Zu spät! Zu spät! Zu spät! Es ist da!«. Doch ich schenke dem Leichnam keine Beachtung, zu überwältigt, um irgendetwas zu unternehmen.

Nichts hätte mich auf diesen Anblick vorbereiten können. Niemand hätte mir so etwas beschreiben können. Sirenen röhren in weiter Ferne. Ich lache wie ein Verrückter einfach darauf los. Die Stadt hinter dem Wald steht in Flammen. Ich kann ihre Schreie bis hierhin hören. Bäume biegen sich nach unten und küssen beinahe den Boden. Die Wolken brechen mit einem grausigen Knacken auf, welches das ganze Land erschüttern lässt.

Licht blendet mich, als die tintenschwarze Pupille auf uns herabblickt, und mich begutachtet. Ein Sirren, das meinen Kopf vor lauter Schmerz auseinanderreißt, schneidet durch die Luft. Eine graue Hand bricht aus der Wolkendecke heraus und scheint nach mir greifen zu wollen. Nur nach mir. Ich fühle mich taub. Eine seltsame Leere herrscht in mir. Es kommt näher.

Eigentlich kann es nicht Gott sein.

Es ist so viel mehr.

Zu viel.

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