ClassicEigenartigesMittel

Ich habe als Kind bei einer Hexe übernachtet

Als ich ganz klein war, kurz vor meiner Einschulung, besuchte ich mit meiner zwei Jahre älteren Schwester meine Großeltern. Sie lebten auf dem Lande und wir genossen die Zeit dort immer. Schon damals waren für mich die Ruhe des Dorfes und die frische Luft ein willkommener Ausgleich zum Stadtleben. Natürlich hatte ich auch meine Großeltern lieb und selbstverständlich wurden wir Enkel dort immer verwöhnt, wie es bei Großeltern üblich ist. Eines Tages jedoch nahm uns meine Großmutter mit zu einer Freundin von ihr. Wie meine Oma war sie eine alte Dame, das Alter konnte ich damals natürlich noch nicht schätzen. Mir war aufgefallen, dass sie altmodisch gekleidet war. Natürlich ist das bei alten Menschen nichts Ungewöhnliches, dennoch fiel es mir bei dieser Frau irgendwie besonders auf und blieb mir in Erinnerung. Sie trug schwarz und einen ebenso schwarzen Schleier um ihren Kopf. Später erfuhr ich, dass sie wohlmöglich aus Trauer schwarz trug, weil sie verwitwet war. Früher war das wohl nicht unüblich und so manche alten Damen schienen es damals noch getan zu haben. Das Haus, in dem sie lebte, war alt und soweit ich mich erinnern kann lag es etwas abgelegen, am Rande des Dorfes. Ich sehe eine kleine Villa im viktorianischen Stil vor mir, wenn ich heutzutage daran zurückdenke. Dennoch war es kein großes Haus, sondern klein und eng. Was das Innere betrifft, kann ich mich vor allem an die Küche erinnern, deren Boden mit verzierten Kacheln belegt war. Sie waren weiß und mit blauen Kreuzen bemalt. Die Küche war nur mit einem Torbogen aus Stein vom Flur getrennt und an den Wänden hingen altmodisch anmutende Küchenutensilien. Ich kann mich noch an einen Löffel aus verrostetem Metall erinnern. Überall in der Wohnung liefen Katzen herum, merkwürdigerweise alles schwarze Katzen. Das Esszimmer war in die Küche integriert. In der Ecke stand ein langer Holztisch an einer rustikalen Sitzbank. Dort saßen meine Schwester und ich. Währenddem sich die zwei alten Frauen unterhielten, tranken wir heiße Schokolade. Das, was Erwachsene Kindern nun einmal geben, um sie ruhig zu stellen, wenn sie sich in Ruhe unterhalten wollen. Mir war jedoch unwohl. Ich weiß nicht warum, doch für mich stand fest, dass es sich bei der alten Dame, zu der uns meine Oma mitgenommen hatte, um eine Hexe handelte. Ich kann nicht ausmachen, ob es an ihrem Aussehen lag, an dem Haus, an den schwarzen Katzen, oder an einer Mischung aus all dem. Vielleicht aber war es auch Intuition, denn ich sollte Recht behalten. Zumindest wenn ich dem trauen kann, an was ich mich erinnere. Da ich damals noch sehr klein war, ist meine Erinnerung bruchstückhaft. Dennoch kann ich mich an vieles genau erinnern, besonders an die Grausamkeit, die ich im Keller sah. Doch fangen wir am Anfang an.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass es eigentlich ein sonniger und klarer Sommertag war. Gegen Abend wurde der Himmel dennoch grau und es fing an in Strömen zu regnen und zu gewittern. Der graue Himmel, der niederprasselnde Regen und das Donnern im Hintergrund machten die ganze Szenerie für mich natürlich noch unheimlicher. Zumal bei jedem Blitzstrahl die gruselige Dame erhellt wurde, wodurch ihr faltiges Gesicht noch blasser wirkte. Unheimlicher jedoch war mir ihr schwarzer, dunkler Schatten in Erinnerung geblieben, den sie dann immer warf. Vielleicht lag es an meiner damaligen kindlichen Fantasie, dass dieser Schatten bei mir wie der einer buckligen alten Hexe aus Grimms Märchen in Erinnerung geblieben ist. Da wir zu Fuß da waren, hätten wir nach Hause laufen müssen. Von dem abgelegenen Haus zu uns wäre es allerdings ein Stück zu laufen gewesen. Daher wurde uns angeboten bei der gruseligen alten Dame zu übernachten, was meine Oma gerne annahm.

Ich wollte natürlich überhaupt nicht dort bleiben. Offen wie ich als Kind war, bat ich meine Oma also, dass wir trotzdem nach Hause gehen. Das brachte allerdings nichts, wir blieben dennoch da. Meine Schwester und ich schliefen zusammen in einem Zimmer. Natürlich fiel es mir schwer einzuschlafen, meine Schwester war jedoch davon genervt, wofür ich wiederum kein Verständnis hatte. Sie hatte anscheinend nicht diese Angst, die ich verspürte. Doch mit einem Mal wurde auch ich müde und schlief ein. Das geschah so abrupt und unerwartet, dass ich im Nachhinein einen bösen Zauber dahinter vermutete. Mitten in der Nacht wachte ich jedoch wieder auf und musste feststellen, dass meine Schwester nicht mehr neben mir im Bett lag. Zuerst rief ich leise nach ihr, bekam allerdings keine Antwort. Daher wollte ich nach meiner Schwester suchen, allerdings traute ich mich selbstverständlich zuerst noch nicht mal aus dem Bett. Die Sorge um meine Schwester wog allerdings mehr als meine Angst, also besiegte ich sie und stand endlich auf. Langsam ging ich zu der alten Holztür und machte sie vorsichtig auf. Ich kann mich immer noch an das Knarzen erinnern. Aus Furcht, dass die Hausherrin vor der Tür stehen und mich überraschen könnte lugte ich vorsichtig durch den Türspalt hervor. Als ich sah, dass dort nichts war, wurde ich immer schneller bis die Tür so weit aufstand, dass ich mich durchquetschen konnte. Der Flur wirkte gespenstig auf mich. Trotz der Dunkelheit konnte ich die alten, grauen Steinwände erkennen wie sie neben mir hoch aufragten. Ab und zu erhellten Blitze den Flur und bei jedem Donner zuckte ich zusammen. Dabei warfen die Möbel Schatten, die für mich wie die verzerrten Silhouetten bizarrer Monster wirkten. Langsam ging ich den Flur entlang, teils aus Angst, teils um keine Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Der alte Holzboden machte nämlich bei jedem Schritt Geräusche. Langsam durchsuchte ich die Zimmer nach meiner Schwester. Ich kann mich nicht mehr an jedes Detail erinnern. Jedoch lief ich meiner Erinnerung nach lange und langsam in dem alten Gemäuer herum. Als ich im Erdgeschoss war, bemerkte ich Geräusche, die aus dem Stockwerk unter mir, also dem Keller, zu kommen schienen. Noch heute kann ich sie als das Gemurmel einer alten Frauenstimme hören, wenn ich mich zurückentsinne. Natürlich packte mich die Angst, natürlich wäre ich lieber wieder sofort hochgerannt. Jedoch musste ich meine Schwester finden. Als ich mich zur Seite drehte, um die nächste Treppe runterzugehen, erschrak ich so sehr, dass mir beinahe ein Schrei entglitten wäre, der mich verraten hätte. Zum Glück hatte ich allem Anschein nach bereits in dem Alter so viel Selbstkontrolle das zu verhindern. Vor mir erblickte ich zwei gelbe Augen, die mich aus der Dunkelheit ansahen. Als ich mich gefasst hatte, bemerkte ich langsam den Umriss einer Katze. Es war eine der schwarzen Katzen der Herrin des Hauses. Diese Auflösung beruhigte mich nicht unbedingt. Man kennt den Aberglauben um schwarze Katzen und es war auch noch die schwarze Katze einer vermeintlichen Hexe. Das Tier schien allerdings friedlich zu sein. Lautlos drehte es sich um und ging auf seinen Pfoten schnell aber leise die Treppen runter. Ich sah das als Zeichen, dass ich ihr folgen solle. Da ich sowieso in den Keller wollte, tat ich das. Im Keller führte mich das Tier zu einer Tür. Vor dieser im Gegensatz zum Rest des Hauses schmucklosen Holztür blieb sie stehen. Deutlich konnte ich hören, dass die Laute von dem Raum hinter dieser Tür zu kommen schienen. Durch das Schlüsselloch sah ich die alte Frau wie sie in ihrer schwarzen Kluft und mit den Armen nach oben gerichtet irgendetwas Kryptisches vor sich hinsagte. Daran, was es war, kann ich mich natürlich nicht erinnern. Ich konnte auch Geräusche hören, die von einer anderen Person zu kommen schienen. Es waren allerdings keine klaren Wörter, sondern dumpfe Laute und Rütteln. Ich befürchtete, dass meine Schwester zu hören sei, wie sie in Gefahr schwebte. Ich konnte übrigens ein Fenster am oberen Ende der Wand erkennen. Damit ich besser sehen konnte, wollte ich rausgehen und von dort in den Raum blicken. Übrigens hatte ich Sorge, das Gekratze und Miauen ihrer Katze vor der Tür könnte die Aufmerksamkeit der Dame im Raum erregen. Also ging ich nach oben. Schnell hatte ich Schuhe und Jacke angezogen bevor ich raus in den Regen ging. Die Tür sicherte ich gründlich mit Schuhen.  Als ich vor dem Fenster saß, bewegte ich vorsichtig die Luke um etwas zu sehen. Jetzt sah ich meine Schwester, wie sie gefesselt auf dem Boden saß. Ich war schockiert und wollte ihr helfen. Aber wie? Wie konnte ein kleines Kind etwas gegen eine Hexe tun? Zu meiner Oma rennen wollte ich nicht, sie hätte mir sowieso nicht geglaubt. Übrigens hatte ich Angst, die Hexe könnte uns allen etwas antun, wenn sie herausfinden würde, dass sie aufgeflogen war. Aus Angst und wahrscheinlich auch aus Neugier blieb ich vor dem Fenster liegen und schaute dem Geschehen zu. Ich bemerkte, dass die Hexe eine weitere schwarze Katze in der einen und ein Messer in der anderen Hand hielt. Deswegen kratzte und miaute die andere Katze wohl an der Tür. Sie wusste, dass ihr „Freund“ in Gefahr war. Nachdem die alte Dame ihre Zauberformel fertig gesprochen hatte, trat sie näher an meiner Schwester, hielt die Katze über ihren Kopf und schlitzte ihr mit dem Messer den Bauch auf. Ungeheures Gejaule vor Schmerz trat aus der Katze hervor, sie schien zu schreien wie es eine Katze nur konnte. Diese Laute mischten sich mit dem Gejammere und Gejaule der anderen Katze vor der Tür, deren Kratzen noch wilder und verzweifelter wurde. Diese Symphonie des Schmerzes wurde durch das Geheule und Gejammere meiner Schwester, das nun lauter geworden war, komplettiert. Die böse alte Hexe, auf die daraufhin ein Hass in mir wuchs, wobei er immer noch von meiner Angst vor ihr überschattet wurde, aber riss mit ihren bloßen Händen den Bauch des Tieres noch weiter auf, sodass alle Innereien auf meine Schwester fielen. Die Geräusche des Schmerzes endeten darauf alsbald. Der Schock lag danach tief. Was wollte sie Grausames mit meiner Schwester anstellen? Wollte sie meine Schwester kochen und uns morgen zum Frühstück servieren oder sie irgendwelchen dämonischen Wesen opfern? Es sollte anders kommen! Nach diesem grausamen Ritual ging die alte Dame wieder ein paar Schritte zurück. Kurz darauf hörte meine Schwester auf zu weinen und zu jammern. Sie hob ihren Kopf und blickte die Frau einfach nur an. Da ging die Frau zu ihr, nahm ihr den Knebel aus dem Mund und die Fesseln ab. Wortlos stand meine Schwester auf und nahm der alten Hexe das Messer aus der Hand, welches sie ihr anbietend gereicht hatte. Daraufhin schnitt ihr meine Schwester, die nicht mehr meine Schwester zu sein schien, etwas in die Stirn. Ich war gepackt von dem Ganzen und starr vor Schock. Plötzlich wurde ich aus dieser Starrheit gerissen als meine Schwester ihren Kopf in meine Richtung drehte und mich böse anstarrte, ohne etwas zu sagen. Die Hexe bemerkte das, schaute ebenfalls in meine Richtung und als sie mich sah lachte sie laut los, wie es Hexen in Märchen tun.

Ich rannte kurz darauf ins Haus und legte mich in unserem Zimmer samt Schuhen und Regenjacke ins Bett. Ich zog die Decke über den Kopf und hoffte einfach nur, dass weder die Hexe noch meine Schwester hochkommen. Jedes Geräusch hörte ich genau. Jedes Knacken, alle vermeintlichen Schritte. Irgendwann schlief ich einfach ein. Am nächsten Tag, als ich aufgewacht war, lag meine Schwester neben mir im Bett. Ich kann mich an nichts mehr von dem Morgen erinnern, außer, dass meine Schwester so tat als sei nichts gewesen, ich keinen Laut von mir gab und die alte Dame diesmal ihren Schleier ganz um die Stirn gebunden hatte.

Bewertung: 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"