KreaturenLangeMord

Ich jage Tiere

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Inhaltsverzeichnes des Mehrteilers: Ich jage Monster

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Der Jäger

Ich jage Tiere.

Gerade in diesem Augenblick, visiere ich einen kohärenten
Teil meiner derzeitigen Beute an. Das Gewehr liegt ruhig in meiner Hand, mein
Blick ist fokussiert, meine Atmung langsam und beständig, ebenso wie mein
Herzschlag. Unverwandt ruhen meine Augen auf dem Tier, einem Hirsch, um genau
zu sein, welcher nichts Böses ahnend, auf einer sonnendurchfluteten Lichtung
den Geräuschen des Waldes lauscht.

Ich jage Tiere, auf meine Art.

Es wäre mir ein Leichtes, das wehrlose Geschöpf mit einem
einzigen Fingerzucken auszulöschen, seine Existenz für null und nichtig zu
erklären. Doch ist dies, überhaupt nicht mein Ziel. Diese Jagd, soll etwas ganz
Besonderes werden, weswegen ich ausharre, beobachte, auf den rechten Moment
warte. Vermutlich früher denn später, wird er kommen. Ich kenne meine Beute,
verfolge sie bereits lange genug und weiß, dass die Ungeduld an ihr nagt. Sie
wird es schließlich sein, die das Schicksal dieses Wesens besiegelt und mir
eine neue Trophäe einhandelt.

Ich bin ein geduldiger Jäger.

Der Moment dehnt sich. Die Atmosphäre ist zum Zerreißen
gespannt. Ich spüre es in meinen Knochen, bis ins Mark hinein: Gleich ist es
soweit. Noch steht der Hirsch regungslos da, scheint überhaupt nicht zu ahnen
in welch unmittelbarer Gefahr er schwebt. Ich warte. Warte. Meine Sinne sind
bis aufs Äußerste geschärft. Nur den Bruchteil einer Sekunde nachdem das
friedliche Wesen mit einem Ohr zuckt erfolgt er endlich, der erlösende Knall,
der die vorherrschende Stille markant durchbricht.

Auf der Jagd, sind manchmal Opfer nötig. Manch einer nennt
sie Köder.

Der Kopf des Hirsches wird heftig zur Seite gerissen. Blut,
Hirnmasse und Knochensplitter werden durch die Austrittswunde geschleudert und
tief in das Gehölz verteilt. Das Wesen sackt zu Boden, gräbt seine edles Geweih
tief ins Erdreich. Der massige Körper ist zu Boden gegangen, regt sich nicht
mehr. Kein Heben und Senken des Leibes verdeutlicht länger das Arbeiten der
Lungenflügel, das Herz hat zum letzten Mal gepocht. Der Moment ist also endlich
gekommen, womit es für mich Zeit wird, nicht länger zu warten und zu ruhen,
sondern zu handeln.

Ein wahrer Jäger, muss schnell sein.

Der Richtung nach zu urteilen, in die der Körper des
Hirsches gerissen wurde und der daraus resultierenden Flugbahn der Kugel nach,
bewegen sich meine Augen rasend schnell suchend nach links. Mit perfider
Genauigkeit nehmen sie jedes noch so kleine Detail auf, finden jedoch nicht
wonach sie Ausschau halten. Mit jeder verstreichenden Sekunde verringert sich
meine Chance zu aufzuspüren, weswegen ich hier bin. So leicht gebe ich allerdings
nicht auf. Es muss hier irgendwo sein… Mein Streben soll belohnt werden, als
ich es endlich ausmache. Kaum zu unterscheiden von den Farbtönen des Waldes,
liegt es inmitten des Geästs, das Tier, das zu jagen ich mir zur Aufgabe
gemacht habe. Ich zögere nicht, visiere es stattdessen präzise an, atme ein,
atme aus und drücke ab.

Ein Jäger sollte auf alle Eventualitäten vorbereitet sein,
auch auf die, seines eigenen Scheiterns.

Zum zweiten Mal wird die Stille von einem Schuss zerrissen. Kaum
ertönt, starre ich ungläubig durch mein Visier. Verfehlt. In letzter Sekunde
hat es seinen Kopf gesenkt, gerade genug, dass die Kugel glatt drüber hinweg
und in einen Baum dahinter gekracht ist, welcher splitternd zerbirst. Ehe ich
einen zweiten Schuss hinterhersetzen kann, springt die Beute schon auf und
rennt davon. Ihr jetzt noch Projektile hinterherzujagen, wäre Verschwendung,
zwischen den Bäumen erwische ich sie nie. Egal, die Verfolgung kann ich dennoch
aufnehmen. Es wird auf seiner Flucht unachtsam sein, Spuren hinterlassen.
Außerdem habe ich für diesen Fall Vorbereitungen getroffen. Die Beute wird
nicht weit kommen.

Der Gejagte

Wenige Augenblicke vor dieser dramatischen Wende, hockst du
in deinem Versteck, harrst aus, wartest auf den richten Moment. Wie lange
liegst du nun schon hier, lauernd, hungernd, mit schmerzenden Gliedern von dem
langen Ruhen und müden Augen, von dem ewigen Wachen? Zu lange, das ist klar,
doch das Warten hat sich gelohnt.

Die Götter sind dir gnädig, sie haben dir Nahrung direkt vor
die Flinte gesetzt, alles was du nun tun musst, ist abzudrücken und zu speisen.
Doch die Götter sind auch wankelmütig, sie machen keine Geschenke. Bestenfalls
sind ihre Gaben an Bedingungen geknüpft, schlimmstenfalls mit keinen weltlichen
Mitteln bezahlbar.

Deswegen wartest du, wartest auf ein Zeichen, ein Signal,
einen Ruf, irgendetwas, das als Wink interpretiert werden kann, dass es ihnen
gleich ist, dass du bekommen sollst, wonach es dich verzehrt, dass du genug
Geduld bewiesen hast.

Mit jeder verstreichenden Sekunde wächst mehr und mehr die
Angst in dir heran, dass der Hirsch verschwindet, bevor dir die Erlaubnis zum
Erlegen erteilt wird. Was wenn er davonprescht? Was, wenn du danach wieder
tagelang warten musst, ehe sich dir eine neue Gelegenheit offenbart? Wirst du
überhaupt noch so lange überstehen können? Wirst du vorher verhungern?

Und wenn du einfach schießt? Du kannst das Blut schon
förmlich riechen, das Fleisch schmecken, den Hunger vergehen spüren. Dein
Finger zittert, ob vor Willensschwäche oder weil deine Kräfte langsam
nachlassen, vermagst du nicht zu sagen. Dann schießt ein anderer Gedanke durch
deinen Kopf, oder vielmehr ein Bild. Eine Erinnerung an das letzte Mal, als du
gegen den Willen der Götter gehandelt hast. Sie haben dich bestraft, auf
unsägliche Art und Weise. Nie wirst du die Pein vergessen können, deine Narben
lassen es nicht zu. Nein, du musst standhaft bleiben.

Du beruhigst dich ein wenig, kommst zur Besinnung. Das füllt
zwar nicht deinen Magen, lässt dich dafür aber deine geistige Gesundheit
behalten. Nun, zumindest so weit dies noch möglich ist.

Und dann, endlich, als ob du diese vorerst letzte, schwere
Prüfung bestanden hättest, gewähren sie dir. Ein Zucken, nicht mehr, nur ein
winziges Zucken im Ohr des Hirsches. Du verstehst, richtest stumm deinen Dank
an die Götter – welchem du später noch durch ein Opfer Form verleihen wirst –
und korrigierst ein letztes Mal die Position deines Gewehrs millimetergenau.
Mit höchster Konzentration, welche nicht länger durch deine nagende Begierde
getrübt wird, atmest du ein, aus und schießt.

Treffer. Du kannst es kaum glauben. Während deine Augen wie
in Zeitlupe verfolgen, wie der Hirsch zu Boden gestreckt wird und dein Magen
schon aufgrund des bevorstehenden Festmahls zu jubilieren beginnt, breitet sich
ein Grinsen auf deinen Lippen aus. Du gönnst dir dieses kurze Gefühl des
Triumphs, welches nur wenige Sekunden anhält, ehe du erleichtert den Kopf
hängen lässt, der tagelangen Anspannung gewährst, deinen Körper zu verlassen.

Beinahe im selben Augenblick, hörst du den Schuss und gleich darauf das Bersten des Baumes neben dir. Vor Schreck weiten sich deine Augen. Nein, das kann nicht sein, darf nicht sein! Jemand ist hinter dir her. Warum ausgerechnet jetzt, verflucht nochmal?! Ist dies ein Hohn der Götter? Haben sie dich fallen lassen und wollten dich mit einem letzten Hoffnungsschimmer dem Tode überlassen?

Nein, natürlich nicht. Sie mögen grausam sein, doch sind sie
auch vergebend und vor allem immer gut zu denen, die ihnen treu ergeben sind.
Sie zeigen es nur nicht immer – eigentlich nie. Dies ist eine Prüfung, eine
weitere; und sie lautet: vernichte den Jäger für uns.

Mit Vergnügen nimmst du dich dieser Aufgabe an. Bevor du
dich jedoch deinem neuen Ziel widmen kannst, musst du erst einmal hier weg. Du
kannst kein treuer Diener sein, wenn dir erst einmal eine Kugel durch den
Schädel gepfiffen ist.

Also springst du auf und rennst los. Wohin, dass weißt du
noch nicht, das spielt aber auch keine Rolle, solange du nur erst einmal von
deinem unbekannten Verfolger wegkommst, um ihm dann, wenn er es am wenigsten
ahnt, von hinten in den Rücken springen zu können. Wer auch immer er oder sie
ist, der Jäger hat ja keine Ahnung, auf wen er sich da eingelassen hat. Du
kennst diese Wälder wie deine Westentasche und das wird er schon noch früh
genug merken.

Der Jäger

Ich jage Tiere.

Dieses spezielle Tier stellt eine besondere Beute dar. Ich
habe schon oft gejagt, viel gesehen, eine Menge erlebt, doch Tiere oder besser
gesagt Bestien wie diese, kommen mir nur selten unter die Augen. Die Jagd auf
solche Kreaturen ist immer nervenzerreißend, ihre Spur zu verfolgen jedes Mal
ein Schrecken, auf seine ganz eigene, individuelle Art. Nichts kann einen auf
Dergleichen vorbereiten. Ein Jäger ist entweder sowohl physisch, vor allem aber
psychisch dafür gestählt, oder er wird daran zerbrechen. Ich bin nicht
zerbrochen und habe es auch nicht vor.

Bei der Jagd bin ich allein, als Jäger nicht.

Vor nicht allzu langer Zeit ist einer unserer Brüder
gestorben. Ich kannte ihn nicht, habe nur durch Zufall von ihm erfahren. Sein
Tod wurde in einer Geschichte Publik gemacht, seine Erinnerung wird nie
vergehen. Er ist alt geworden und in der Angst gegangen, die Tiere – oder
Monster, wie er sie nannte – nach seinem Ende auf die nunmehr ungeschützte Welt
loszulassen. Er hat nicht gewusst, dass es viele von uns gibt – nun
verhältnismäßig –, aber wie auch? Die wenigsten von uns wissen voneinander, mir
ging es bis vor Kurzem ja selbst nicht anders. Nicht, dass das irgendeinen
Unterschied macht. Ein Jäger bleib ein Jäger bleibt ein Jäger; und ein Jäger,
jagt am besten allein.

Das Tier hat lange ausgeharrt.

Mittlerweile habe ich den Beobachtungsplatz der Beute
erreicht. Es muss lange hier gelegen und gelauert haben. Das Gehölz und
Blattwerk sind plattgedrückt, Ausscheidungen kann ich jedoch keine ausmachen.
Vermutlich hat es sich entsprechend vorbereitet, um seine eigene Beute, nicht
mit verräterischen Gerüchen aufzuschrecken. Das Gewehr hat es zurückgelassen,
ebenso wie eine Tasche, in der sich nur einige Flaschen Wasser finden; die
meisten sind leer, ein paar noch gefüllt. Nahrung finde ich keine.

Tiere legen seltsame Angewohnheiten an den Tag.

Während ich noch einen Moment den Platz untersuche, beginne
ich mich zu fragen, was es wohl davon gehabt hat, tagelang hier auszuharren.
Auf meiner Verfolgung habe ich so manch schreckliche Hinterlassenschaft der
Bestie entdeckt, aber das? Die Jagd nach einem wehrlosen Hirsch scheint nicht
in das Schema des Tiers zu passen. Für gewöhnlich reißt es Menschen und das auf
gar grausame Art. Andererseits haben meine Recherchen ergeben, dass es zwischen
den Vorfällen immer wieder lange Ruhephasen gab, bisher hatte ich geglaubt, es
würde in dieser Zeit ruhen oder sich für das nächste Opfer bereit machen, jetzt
jedoch, sehe ich mich gezwungen diese Theorie zu überdenken. Obgleich sich mir
nicht erschließt, warum das Tier so viel Zeit und Energie darauf verwenden sollte,
ein Wesen des Waldes zu jagen. Nicht, dass das eine Rolle spielen würde, bald
wird dieses Treiben ohnehin ein Ende haben.

Spuren sind der Schlüssel zum Erfolg der Jagd.

Das Tier ist unachtsam und in Panik. Oder es ist in Panik
und das, lässt es unachtsam werden. So oder so hinterlässt es Spuren, die
deutlicher nicht sein könnten. Natürlich könnte dies auch die Lockung in einen
Hinterhalt sein, doch glaube ich das eigentlich nicht, da die Bestie bisher
noch nie selbst gejagt worden ist. Es weiß nicht, wie es sich in einer solchen
Situation zu verhalten hat, hat nie gelernt, was es bedeutet der Gejagte und
nicht der Jäger zu sein. Das ist allerdings kein Grund unvorsichtig zu sein
oder sich übermäßig Zeit zu lassen. Auch wenn ich Vorbereitungen getroffen
habe, so ist das Tier dennoch schnell unterwegs und sollte nicht unterschätzt
werden.

Vorbereitungen sind der Schlüssel zum Erfolg der Jagd.

Nicht weit vom Beobachtungsplatz des Tiers, finde ich
weiterhin Spuren und stelle enttäuscht fest, dass eine, meiner überall im Wald
verteilten Fallen, trotz direkt dort hin führender leichter Versenkungen im
Waldboden, nicht ausgelöst worden ist. Die Bärenfalle ist weiterhin gespannt
und bereit, ein dort hineingeratendes Bein zu zertrümmern und das bemitleidungswürdige
Opfer festzuhalten. Bei näherer Untersuchung stelle ich fest, dass das Tier
kurz vor der Falle zum Sprung angesetzt hat und weit hinter ihr wieder
aufgekommen ist. Die Unachtsamkeit scheint doch nicht so weit ausgeprägt zu
sein, wie ich erwartet habe. Nun, das macht nichts, dieser Wald hat mir
immerhin schon oft als Jagdgebiet gedient, er ist zu meinem Territorium
geworden; entsprechend habe ich ihn über viele Jahre hinweg ausgestattet, jeden
Winkel kennengelernt und schon so manche Beute zur Strecke gebracht. Sind
aufgrund meiner Vorbereitungen schon Kollateralschäden aufgekommen? Ohne Frage.
Doch wer wagemutig oder dumm genug ist herzukommen, riskiert noch auf ganz
andere Weise Leib und Leben, weswegen ich diesen Umstand in Kauf nehme.

Schnelligkeit ist der Schlüssel zum Erfolg der Jagd

Ist die Beute erst einmal aufgeschreckt, muss jede
Gelegenheit ergriffen werden sie zu erlegen, andernfalls entkommt sie und damit
womöglich die letzte Chance, sie jemals zu erwischen. Und selbst wenn nicht,
selbst wenn unsere Wege sich erneut kreuzen sollten, besteht doch die Gefahr,
dass das Tier sich bis dahin noch mehrfach den Bauch vollgeschlagen hat. Eine
Schuld, die in diesem Fall allein ich mir zuschreiben muss. Entsprechend ist
mir sehr daran gelegen, diese Jagd möglichst bald zu beenden.

Die Waffen eins Jägers sind nur Werkzeuge.

Ich selbst – mein Körper, mein Geist und meine Seele –, ist
die einzige Waffe, die ich benötige, um ein Tier in seinem Treiben aufzuhalten.
Meine Werkzeuge wiederum, erweisen sich häufig als nützlich, mehr aber auch
nicht. Bei der jetzigen Jagd merke ich schon bald, dass das Gewehr an meiner
Seite mich mehr behindert, als dass es mir nutzt. Ich lehne es im Vorbeigehen
an einen Baum, werde es später zurückholen. Was mir bleibt, ist eine kleinkalibrige
Waffe, so wie diverse Messer. Allesamt leicht und handlich, so dass ich schnell
und ungehindert vorankomme, der immer noch offensichtlichen Spur folgen kann.

Reaktionsfähigkeit ist der Schlüssel für einen Jäger, der
überleben will.

Als die Spur, die immer tiefer in den Wald führt, plötzlich
endet, weiß ich instinktiv, dass ich mitten in einen Hinterhalt gerannt bin.
Dennoch rege ich mich nicht, tue so, als würde ich die Lage sondieren, die
endende Spur untersuchen, soll das Tier nur glauben, mich genau da zu haben, wo
es mich haben wollte. Aus der eingedrückten Erde schließe ich, dass meine Beute
einen Sprung zur Seite gemacht hat, wodurch nur ein Schluss bleibt: Sie ist an
einen nahen Ast gesprungen und den Baum hochgeklettert. Vermutlich wird die
Bestie jeden Moment… Das Knacken ertönt aus einer anderen Richtung, als ich
erwartet hätte, weswegen ich einen Wimpernschlag zu spät reagiere und im
nächsten Augenblick auch schon etwas Schweres auf meinen Rücken kracht und mich
mit sich runterreißt. Allerdings kommt es dabei gar nicht erst zu einem
heftigen Gerangel mit tödlichem Ausgang, da gleichzeitig ein lautes Krachen
unter meinen Füßen erschallt und wir gemeinsam in die Tiefe stürzen.

Der Gejagte

Du rennst zwischen den Bäumen hindurch, wie ein gehetztes
Tier. Du hasst es. Das Gefühl gejagt zu werden. Es ist nicht das erste Mal,
schon häufiger bist du vor selbsternannten Gesetzeshütern oder rachsüchtigen
Familienmitgliedern geflüchtet, doch das hier, das ist etwas anderes. Wer auch
immer der Jäger ist, er weiß was er tut. Du spürst seinen Hauch in deinem
Nacken, dass er dir direkt auf den Fersen ist. Ein Fehler, ein falscher Schritt
und du bist tot. Nicht zuletzt wegen all der ausgelegten Fallen.

Eigentlich hättest du es schon viel früher wissen müssen.
Wie oft bist du nun schon durch diese Wälder gestreift, hast jeden Winkel
erkundet und dabei schon seit geraumer Zeit festgestellt, dass sich etwas
verändert hat? Wie lange wolltest du die Fallen noch als Material gewöhnlicher
Jäger abtun? Kein normaler Mensch ist verrückt genug, in diesem Wald ernsthaft
jagen zu gehen, dafür hast du zusammen mit deiner Brut gesorgt.

Deine Brut, die seit jener Zeit auf ein bedrohliches Maß
geschrumpft ist. Zumindest vermutest du das nun. Einige von ihnen haben sich
schlichtweg nicht mehr gemeldet, was normalerweise allerdings auch nichts
Ungewöhnliches ist. Ihr redet kaum miteinander und seht euch noch seltener. Dennoch
war es auffällig ruhig geworden und jetzt kennst du auch den Grund dafür. Du
hättest viel früher wissen müssen, dass jemand Jagd auf euch macht. Euch
nacheinander ausschaltet.

Warum nur haben die Götter das zugelassen? Warum lassen sie
ihre Jünger so einfach dahinraffen? Du kennst die Antwort: Du hättest die Zeichen
selbst erkennen müssen. Das sie euch haben sterben lassen, ist lediglich die
Strafe, die hinzunehmen du jetzt bereit sein musst. Außerdem erfordert diese
Schande eine Wiedergutmachung in Form eines würdigen Opfers. Und welches Opfer
wäre würdiger als der Jäger, der im Augenblick hinter dir her ist?

Da gibt es nur ein Problem: Du bist kein guter Kämpfer. In
einer direkten Konfrontation würdest du gegen deinen Gegner unterliegen, also
musst du dir etwas einfallen lassen, eine Möglichkeit, wie du ihn aus dem
Hinterhalt, mit einem schnellen, präzisen Angriff ausschalten kannst.

Deine steifen Glieder und dein ausgehungerter Körper machen
die Sache nur nicht gerade leichter. Schon jetzt spürst du, wie dich deine
letzten Kraftreserven verlassen. Das Rennen ermüdet deine Beine, fordert deine
Lungen, welche bereits regelrecht brennen und lässt dich unkonzentriert werden.
Nur knapp bist du einer tückisch platzierten Bärenfalle entgangen, über die du
in letzter Sekunde hinwegspringen konntest. Lange hältst du das nicht mehr aus.
Du brauchst schnell einen Plan, oder wenigstens eine Gelegenheit. Spontanität
ist ohnehin mehr dein Metier, insbesondere wenn es darum geht ein Opfer
darzubringen.

Wie aufs Kommando kreuzt besagte Gelegenheit deinen Weg,
oder besser gesagt, du rennst beinahe an ihr vorbei. Der Ast des Baumes ist nah
und stabil genug, um mit einem Sprung erreicht zu werden und nicht Gefahr zu
laufen direkt wieder abzustürzen. Deine nachlassenden Kräfte hin oder her, der
Aufstieg stellt sich als verhältnismäßig leicht heraus. Die Angst vor dem
Sterben ist wohl ein stärkerer Motivator, als du bisher geglaubt hast.

Ein paar Meter über dem Erdboden kommst du zum Halten,
weiter oben werden die Äste zu dünn, um dich noch zu tragen. So weit so gut,
doch der Jäger ist nicht dumm, er wird deinen Fußspuren folgen und eher früher
als später darauf kommen, dass du hier oben zu finden bist. Dir bleiben also
nach seinem Eintreffen höchstens Sekunden, um den Überraschungsmoment
auszunutzen. Da kommt dir plötzlich eine Idee.

Du siehst dich ein wenig um und tatsächlich, ein Wink des
Schicksals! Doch nein, du glaubst nicht an solche Konzepte, du glaubst allein
an die Götter, die über dich wachen, denen du dein Leben verschrieben hast. Scheinbar
haben sie sich, trotz deiner Verfehlungen noch nicht fallen lassen, geben dir
noch eine Chance. Eine letzte. Versagst du, folgt die Vollstreckung des Urteils
auf dem Fuße.

Über dein potenzielles Scheitern zu sinnieren wird dich
jedenfalls garantiert nicht retten, vor allem wenn du weiterhin hier regungslos
hockst. Deswegen setzt du deine Überlegung schließlich in die Tat um, läufst
auf dem breiten Ast, auf dem du gerade stehst, mit überraschender Leichtigkeit
dein Gleichgewicht zu halten, den schmalen Pfad entlang und stößt dich an der
letzten noch halbwegs sicheren Stelle ab, nur um gleich darauf auf einem
weiteren, breiten Ast eines anderen Baums zu landen, dessen Stamm du dich nun
näherst, ehe du in letzter Sekunde doch noch durch eine Unachtsamkeit
herabfällst.

Zu deinem Glück und deiner Erleichterung stellst du fest,
dass der Jäger dir noch nicht nahe genug gekommen ist, um von deiner
waghalsigen Aktion etwas mitzubekommen. Dieser Umstand räumt dir überdies die
Möglichkeit ein, noch ein paar weitere Vorbereitungen zu treffen, zu denen
allen voran gehört, deinem Körper ein paar Sekunden Ruhe zu gönnen.

Wenig später trifft er auch schon wie erwartet ein, der
Jäger. Sein Anblick lässt dich ein wenig vor Ehrfurcht erschaudern. Der Kerl ist
groß, bestimmt an die eins neunzig, wenn auch auf den ersten Blick nicht sonderlich
muskelbepackt. Dennoch strahlt er eine Stärke und Aufmerksamkeit aus, die dich
schlucken lässt. Würdest du in diesem Moment in seine Augen sehen können, dir
würde beim Anblick des stählernen, entschlossenen Funkelns darin, vermutlich
das Herz in die Hose rutschen. Gut, dass er zu sehr damit beschäftigt ist, das
Erdreich zu seinen Füßen zu untersuchen.

So leise wie möglich steigst du von deinem Ast herab. Du
darfst nach Möglichkeit keinen einzigen Laut dabei verursachen, musst aber
trotzdem schnell sein, da der Jäger sicher schon bald darauf kommen wird, wohin
du dich verzogen hast und wenn er dich hier oben entdeckt, wehrlos und ohne
Deckung, wird er dich schneller zu sich runterholen, als dir lieb ist.

Zu deinem Erstaunen schaffst du es tatsächlich dich ihm bis
auf wenige Meter zu nähern, ohne dass er etwas bemerkt hat. Stumm schickst du deinen
Dank an die Götter, verschwendest jedoch nicht länger als nötig deine Zeit
damit, sondern machst dich danach lieber gleich daran, dieser Sache hier ein
schnelles und sauberes Ende zu bereiten. Nun, sauber wird es vermutlich nicht.
Der Gedanke lässt dich kurz grinsen, jedoch rufst du dich genauso eilig wieder
zur Räson. Zum Suhlen hast du später noch die Gelegenheit.

Ein letztes Mal atmest du noch durch, ein und aus. Dann
springst du herunter, landest zielsicher auf dem Rücken deines Opfers, welches
sich in letzter Sekunde aufrichtet, dabei aber in die falsche Richtung sieht
und… dann geht alles schief, vor allem aber drunter und drüber. Es kracht, es
wird dunkel, oben wird zu unten und unten zu oben und bevor du auch nur den
Hauch einer Chance hast, zu begreifen, was soeben geschehen ist, spürst du auch
schon den Aufprall, der dir bis in die Knochen geht und dich aufschreien lässt,
ehe alles schwarz wird.

Der Jäger

Bricht die Hölle erst einmal los, ist es mit der
Besinnlichkeit des Jägers vorbei und allein das Handeln zählt noch.

Die harte Landung raubt mir meine Sinne, wenn auch nur kurzzeitig.
Beinahe wünsche ich mir, ich wäre in eine tiefe Ohnmacht gefallen, da mich kurz
nach meinem Abschütteln der Betäubung, blitzende Schmerzen einholen. Hatte ich
kurz zuvor ein Knacken aus dem Bereich meines Rippen vernommen? Möglich und vor
allem nicht unwahrscheinlich, da nicht nur der Aufprall meinen Körper
geschunden hat, sondern auch die Beute, die sich von hinten auf mich gestürzt
und mich überdies auch noch als lebende Matratze genutzt hat.

Es liegt auf mir, das Tier. Auf meinem Rücken ruht es und
regt sich nicht, während ich stumm unter ihm leide, meine Atmung zu
kontrollieren und den Schmerz zu ignorieren versuche. Das Tier ist nicht
schwer, wohl aber schwer genug, um mich in meinem aktuell geschwächten Zustand
zu fixieren. Verdammt, ich muss mir schnell etwas einfallen lassen, bevor es aufwacht
und zu Ende bringt, was es so elegant begonnen hat.

Zu meiner Schande muss ich der Bestie lassen, dass sie nicht
dumm ist. Sich von einem Baum in den anderen zu bewegen, war ein kluger
Schachzug gewesen, den ich eigentlich hätte durchschauen müssen. Nun, das habe ich
nicht und ebenso, habe ich nun mit den Konsequenzen zu leben. Das heißt, wenn mir
denn noch lange Zeit zu leben vergönnt wird.

Mittlerweile habe ich mich genug erholt, um einen Versuch zu
wagen, mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Die Schmerzen sind immer
noch heftig, aber ertragbar. Langsam bewege ich die Arme versuchsweise nach
vorne, was neuerliche Blitze durch meine Brust jagt. Ich verscheuche sie, so
gut es eben geht und ziehe mich ein wenig über den Boden. Diese Anstrengung
mündet in so starker Pein, dass ich einen ersticken Schrei von mir gebe. Nein,
so wird das nichts, erst muss ich die Last von mir herunterbekommen, aber wie?

Es gibt nur eine sinnvolle Methode, das Problem: Das wird
eine höllische Tortur. Doch was bleibt mir anderes übrig? Will ich überleben,
muss ich handeln. Denn selbst wenn das Tier bereits tot ist – was ich nicht glaube
– wird niemand herkommen, um mir zur Rettung zu eilen. Niemand weiß das ich
hier bin und selbst wenn, würde er oder sie vermutlich selbst bei dem Versuch
draufgehen. Diese Wälder sind nicht sicher, in keinerlei Hinsicht.

Also raffe ich mich zusammen, analysiere noch einmal genau woher
der Schmerz rührt und stelle fest, dass nur die linke Seite Blitze aussendet.
Das bedeutet, dass ich die rechte besser belasten können sollte, gleichzeitig werde
ich, wenn alles gut läuft, in ein paar Sekunden auf der schmerzenden Seite
aufkommen. Mir bleibt nur zu hoffen, dass die Rippe(n) nicht so sehr
angeschlagen ist/sind, dass sie mir dabei in den Lungenflügel gebohrt wird/werden.

Bevor ich mich an die Arbeit mache, atme ich noch einmal
durch. Ein und aus. Dann, mit einer ruckartigen Bewegung, in die ich all meine
Kraft stecke, stoße ich meinen rechten Arm in den Boden, hieve mich hoch und
den regungslosen Körper somit von mir runter, ehe sich selbst auf der linken
Seite aufkomme und die gnädige Umarmung der Ohnmacht, bereits an mir zerren
spüre. Doch sie reißt mich nicht mit sich, was darin resultiert, dass ich den
Schmerzen mit voller Stärke ausgesetzt werde. Beinahe meine ich zu hören, wie
sich Knochen in meinem Inneren verschieben.

Ich versuche zu atmen, nur zu atmen, nichts anderes. Im
ersten Moment weigern sich meine Lungen, sie wollen nur dass der Schmerz vergeht,
lassen meinen gesamten Körper verkrampfen. Dann lösen sie sich endlich und ich
hole tief Luft, was in einer neuerlichen Welle mündet. Dennoch atme ich weiter
und immer weiter, konzentriere mich auf nichts anderes. Nach einer Weile geht
es.

Mit bedachten, vorsichtigen Bewegungen richte ich mich auf,
wobei ich ein wenig von dem Tier wegrutsche. Es liegt immer noch, ohne einen Laut
von sich zu geben da. Gut, darum werde ich mich jeden Moment kümmern. Zuerst
einmal gilt es aber herauszufinden, wo ich hier gelandet bin.

Ein Blick nach vorne und nach hinten genügt, um mir eine
Antwort zu liefern, die mich trotz ihrer unbestechlichen Klarheit, zumindest
staunen lässt und gleichfalls ein wenig irritiert. Ich, das heißt wir, sind in
einem Tunnel gelandet. Zu beiden Seiten erstreckt er sich meterweit, ehe er jeweils
eine Biegung macht und vermutlich in weiteren Tunneln ausartet. Mein Verstand
malt bereits Bilder von einem riesigen, unterirdischen Labyrinth aus. Wer hat
es errichtet und zu welchem Zweck?

Eine törichte Frage, bedenkt man, wie viele Tiere ich
bereits in diesen Wäldern gejagt habe. Nur hatte ich nicht gedacht, dass sie soweit
organisiert sind, dass sie sogar ein Höhlensystem ausgearbeitet haben, in dem
sie sich schnell und sicher bewegen können. Warum ich nicht schon früher darauf
gestoßen bin – ich, der ich Tag und Jahr hier verbracht habe – bleibt mir
jedoch ein Rätsel. Die Eingänge müssen verdammt gut versteckt sein.

Nicht auszudenken, wie viele dieser Kreaturen sich hier
unten noch verstecken, isoliert, für sich lebend und doch auf verdrehte Art
eine zusammengeschweißte Gemeinschaft bildend, da sie alle eines verbindet: Ihr
verrückter Glaube an irgendwelche animalischen Götter, denen zu dienen, sie
sich verschworen haben.

Doch genug der Gedanken und sich aufbauenden Schrecken. Um
das Ausräuchern dieser in die Erde gegrabenen Gänge, kann ich mich später noch kümmern.
Erst einmal gilt es die eigentliche Beute zu erlegen und dann zu verschwinden,
um meine Wunden zu lecken. Bleibt nur zu hoffen, dass die Kameraden, des Tiers
nicht zu sehr aufgeschreckt wurden…

Mein Blick huscht zu meinem Jagdobjekt herüber. Zu meinem Leidwesen
stelle ich fest, dass ich zu lange gewartet habe, es ist erwacht. Noch ist es
ein wenig benommen, was allen voran wohl an der Kopfverletzung liegt, die es
beim Sturz davongetragen hat und die Blut über sein Gesicht laufen lässt, so
dass es sich zu einer grässlichen roten Fratze verzerrt.

Benommenheit hin oder her, die Augen des Tiers klären sich
bereits, es fixiert mich instinktiv, spürt von wo aus die Gefahr lauert, macht
sich bereit den Jäger anzufallen, um die eigene Haut zu retten. Mit meinen Verletzungen
habe ich in einem direkten Kampf keine Chance, weswegen ich verharre, wobei
eine Hand bereits betont langsam nach dem Halfter tastet, in dem sich die Waffe
befindet, mit der ich diese Konfrontation aus sicherer Entfernung für mich
entscheiden kann.

Das Tier ist nicht dumm und noch weniger unachtsam. Es sieht
was ich vorhabe, ehe ich auch nur zwei Fingerzuckungen machen konnte und stürzt
sich plötzlich hellwach auf mich. Allein das Niedergerissen werden presst mir die
Luft aus den Lungen und jagt einmal mehr Schmerzwellen durch meinen Körper.
Bevor die Bestie jedoch dazu kommt, mit ihren gierigen Händen nach meinem Hals
zu greifen, schlage ich von Adrenalin durchströmt einfach zu, was das
Leichtgewicht direkt von mir herunterkatapultiert und zur Seite schleudert.

Ich nutze den kurzen Moment, den es braucht, um sich von dem
Schlag zu erholen und rutsche selbst ein klein wenig von dem Biest weg, welches
nun auf allen Vieren da hockt und mich mit vor blindem Hass funkelnden Augen
anstarrt. Beinahe meine ich zu sehen, wie sich ihre Augen von einem einfachen
Braun, zu einem stechenden Gelb wandelt. Das Tier fletscht die Zähne, in meinem
Kopf entsteht ein Bild, wie der Geifer seine Lefzen entlang läuft. Es krallt
seine Finger in den weichen Untergrund, es scheint so, als würden sich Krallen
daran bilden und ein dichtes Fellgeflecht auf den Handrücken zu sprießen
beginnen.

Ich schüttle kaum merklich den Kopf, versuche die Illusion
zu vertreiben, die meinen von Schmerz gepeinigten Geist benebelt. Dann entsteigt
aus der Kehle des Tiers ein Knurren und ich bin mir auf einmal längst nicht mehr
sicher, ob ich tatsächlich halluziniere.

Viel Zeit zum Nachdenken bleibt allerdings auch nicht, denn
gleich darauf prescht die Bestie wieder vor, bereit mir im Zweifel mit bloßen
Zähnen den Hals zu zerreißen und in meinem Blut zu baden. Diesem Jäger, sind
alle Mittel recht.

Genauso wie mir.

Bevor das Tier mich erreicht, ertönt ein lauter Schuss in dem
Höhlengang, welcher noch mehrfach von den Wänden widerhallt. Ungläubig starrt
es mich noch einige sich scheinbar endlos dehnende Sekunden an, ehe es
zusammenbricht und sich nicht mehr rührt. Aus dem klaffenden Loch in seiner
Brust sickert noch einige Zeit lang lautlos Blut, bevor auch dieser Prozess
endet.

Erschöpft lege ich den Kopf in den Nacken. Geschafft. Die
Beute ist erlegt. Wieder einmal. Das war ein harter Kampf, zu knapp für meinen
Geschmack, doch am Ende ist es nur das Ergebnis, das zählt.

Der Schlüssel zum Erfolg der Jagd ist einzig und allein
dies: Überleben.

Ich gönne mir eine kurze Pause, nehme mir die Zeit, die
meine Nerven brauchen, gebe meiner Konzentration die Gelegenheit
zurückzukehren, damit ich auf meinem Aufstieg aus diesem Labyrinth keinen
fatalen Fehler mache und den Rückweg wohlbehalten hinter mich bringen kann.
Dabei komme ich nicht umhin, noch einmal den Kadaver der Beute zu mustern,
welcher weiterhin vor mir liegt und schon bald Fliegen anziehen wird. Mir
schaudert bei dem Anblick.

Ein guter Jäger weiß, wann ihm ein Fehler unterlaufen ist.

Das Tier grinst. Selbst jetzt noch, da es tot vor mir liegt,
grinst es breit, als wüsste es mehr als ich. Seltsam, irgendwie hat es etwas Wölfisches
an sich, was erneut die Bilder des sich verändernden Tieres heraufbeschwört.
Ich schüttle den Kopf. Unfug. Diese Wesen sind Tiere, Bestien, Kreaturen, keine
Frage, sie haben nichts Menschliches mehr an sich, diese Eigenschaft haben sie
mit ihren Taten abgelegt wie eine Hülle. Aber das macht sie noch lange nicht zu
den Monstern aus Horrorgeschichten, die wir uns so gerne an einem Lagerfeuer
erzählen, um uns gegenseitig Angst einzujagen. Nein, es sind immer noch
Menschen, wenn auch verabscheuungswürdige.

Er lernt aus diesen Fehlern.

Ein Geräusch aus den Tiefen des Höhlensystems lässt mich
aufhorchen. Ich kann es nicht zuordnen, doch meine sich aufbäumenden Nackenhaare
verraten mir, was mein Unterbewusstsein schon längst weiß: Ich bin nicht
allein. Das Geräusch wiederholt sich. Mehrfach. Es sind Schritte. Viele. Nicht
eines, nicht zwei oder drei, nein unzählige Wesen, sind auf direktem Weg zu mir.
Ich schließe die Augen, verziehe meinen Mund zu einem grotesken Lächeln. Ich Idiot.

Oder er stirbt.

Die Gejagten 

Lange hat er euch terrorisiert, der Jäger. Nun ist er zur Beute geworden. Die Götter haben es endlich zugelassen, haben euch gewährt, ihn gemeinschaftlich in der Luft zu zerreißen, euch an seinem Fleisch, seinem Blut und seinen Knochen zu laben, bis nichts mehr von ihm übrig war.

Nun ruht ihr, gesättigt von diesem Festmahl. Es ist eine der
seltenen Gelegenheiten, bei denen eure Brut tatsächlich in ihrer Gänze
zusammenkommt. Um zu feiern, um die Götter zu ehren, ihrer zu gedenken, ihr
Geschenk an euch in all ihrer Pracht und Schrecklichkeit zu genießen. Schon
bald werdet ihr euch wieder trennen, eure eigenen Wege gehen, wie einsame Wölfe
es nun mal tun.

Ihr werdet jagen, Beute reißen und leben. Auf die einzige
Art, die euch noch bekannt ist. Die einzige Art, die für euch noch von
Bedeutung ist. In Freiheit. Losgelöst von den Ketten der Gesellschaft, die euch
haben binden wollen.

Ehre den Göttern und dem leuchtenden Auge, am nächtlichen Firmament,
mit dem sie über euch wachen.

________________

Hier geht es zum dritten Teil:

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