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Jess der Clown

Das Spielzeug meiner Nichte raubt mir den letzten Nerv. Nein, ich rede nicht von einem dieser lauten und nervigen Jahrmarktspielzeuge, die irgendwelche nervigen Geräusche machen oder ständig dieselbe Melodie wiederholen, wenn man sie drückt. Ich rede von einem Spielzeug, dass mir Panik verursacht, denn es weiß etwas von dem ich hoffte, dass es für immer verborgen bleiben würde. Aber hört mir von Anfang an zu.

Vor 4 Monaten ist mein Bruder gestorben. Er war alleinerziehender Vater von Conny, denn Connys Mutter war bei der Geburt gestorben. Ich und meine Frau waren Connys einzig lebende Verwandte. Als ich das Erbe meines Bruders antrat, habe ich meine Nichte quasi mitgeerbt. Bevor mein Bruder gestorben ist, hatten meine Frau und ich nie viel Kontakt zu meinem Bruder und seiner kleinen Familie. Der Grund dafür war, dass das Leben von mir und meinem Bruder so unterschiedlich wie Tag und Nacht war.

Mein Bruder hatte einen erfolgreichen Spielzeug Onlinevertrieb, was in Zeiten von Amazon ziemlich ungewöhnlich ist. Das Unternehmen hieß „Handmade Toys for Girls and Boys“. Das war auch der Grund, warum sich das Unternehmen meines Bruders von anderen Spielzeuggroßketten abhob. Mein Bruder hatte eine Plattform für unabhängige Spielzeughersteller eröffnet. Die Spielzeuge, die dort angeboten wurden, waren alle auf ihre Art einzigartig. Er hatte es geschafft eine Menge talentierter Künstlerinnen und Künstler als Mitarbeiter für sein Onlineunternehmen zu gewinnen. Die Spielzeuge waren etwas teurer, aber angesichts des heutzutage vorherrschenden Handemade- und Retrotrends war die Plattform durchaus erfolgreich. Mein Bruder verdiente bei jedem Verkauf auf der Plattform mit. Auf diese Weise hatte er es geschafft sich und Conny ein angenehmes Leben zu finanzieren.

Bei mir und meiner Frau war es hingegen nicht so gut gelaufen. Zugegeben, ich bin nicht der Typ, der Sachen besonders lange durchhält. Ich habe viel angefangen, von Biologiestudium bis zu Golden Retriever Zucht, doch nie habe ich etwas durchgezogen. Schließlich bin ich als Verkäufer in einem Supermarkt gelandet. Das Gehalt, was ich dort verdiente, ist nicht berauschend. Meine Frau hat früher als Krankenschwester gearbeitet, doch vor 5 Jahren hat sie bei einem Motorradunfall ihr rechtes Bein verloren. Seitdem ist sie arbeitsunfähig geschrieben, da sie auch unter ständigen chronischen Schmerzen leidet. Sie bekommt zwar eine kleine Invalidenrente, doch irgendwann reichte diese für die Finanzierung ihrer Medikamente nicht aus, denn ihr Medikamentenkonsum hat seit 2 Jahren überhandgenommen. Also war ich ab und zu gezwungen auf anderen Wegen Schmerzmitteln zu beschaffen. Das geht ganz schön ins Geld, das könnt ihr mir glauben.

Kehren wir aber nun zum Ausgangspunkt meiner Geschichte zurück. Vor 4 Monaten ist mein Bruder gestorben. Der Grund tut im Moment noch nichts zur Sache, dazu kommen wir später. Alles, was zählt ist, dass meine 5-jährige Nichte Conny die Alleinerbin meines Bruders ist. Da mein Bruder immer sparsam gelebt hat, hat der alternative Spielzeugversand einiges abgeworfen. Sage und schreibe 3 Millionen Dollar hat er Conny hinterlassen. Kein Jeff Bezos Vermögen, aber es kann sich sehen lassen. Meine Frau und ich haben jedenfalls das Sorgerecht für Conny und damit auch die Treuhandverwaltung bekommen. Wir können uns alles Geld, was wir für die Versorgung von Conny brauchen nehmen. Den Rest bekommt Conny ausbezahlt, wenn sie 18 ist.

Meine Frau war unsicher, ob wir schon einem Kind gewachsen sind, schließlich sind wir 16 Jahre nur zu 2. gewesen. Doch schließlich und endlich habe ich sie überzeugt.

Conny hat anfangs gar nicht verstanden, dass sie ihren Vater nie wieder sehen wird. In den ersten Wochen hat sie ständig gefragt „Onkel, wann kommt Daddy mich abholen?“. Meiner Frau sind jedes Mal die Tränen gekommen, wenn sie das gefragt hat. Nach ein paar Wochen haben wir ihr es mit Unterstützung einer Kinderpsychologin erklärt, dass Daddy nicht wieder kommen wird, weil er jetzt an einem besseren Ort ist. Klischeehaft was? Dann ist Conny ziemlich still geworden. Sie ist für ein paar Tage gar nicht mehr aus ihrem Zimmer herausgekommen und wir hatten Mühe, dass sie etwas isst. Sie durfte sogar Eiscreme essen nur damit sie Kalorien zu sich nimmt.

Doch dann hat sich etwas verändert. Eines Tages ging ich morgens, wie jeden Tag, zum Briefkasten, um die Post zu holen, als ich auf den Briefkasten ein größeres Paket stehen sah. Zunächst war ich verwundert den Namen meiner Nichte darauf zu lesen, dachte mir aber, dass vielleicht irgendein entfernter Verwandter sie durch ein Geschenk aufheitern wollte. Also nahm ich das Paket mit ins Wohnzimmer. Conny saß mit leeren Augen am Küchentisch und kaute lustlos auf einem Stück Schinkenkäsetoast herum, den wir ihr mühsam aufgeschwatzt hatten. „Hey Conny! Guck mal, ein Geschenk für dich“. Zunächst reagierte sie nicht. Das kam in letzter Zeit öfter vor. Mit ihr zu sprechen war, als ob man mit einer Gipswand redet. „Conny, Schätzchen, ein Päckchen“, sagte schließlich auch meine Frau und legte ihr sanft die Hand auf die Schulter. Schließlich schien sie für einen Moment aus ihrer Trauertrance zu erwachen. Ohne etwas zu sagen, erhob sie sich und betrachtete mit kritischen Augen das matschbraune Kartonpaket.

„Na, sollen wir es öffnen?“ fragte meine Frau. „Wer weiß, was drin ist“. Conny nickte mechanisch mit dem Kopf. Meine Frau holte ein Küchenmesser und schnitt das Paket auf. Das Paket enthielt eine farbenfrohe Kartonschachtel, die wie ein Zirkuszelt geformt war. Durch das Sichtfenster der Kartonschachtel konnten wir eine Puppe erkennen. Die Puppe war ein Clown oder Harlekin. Er bestand aus Stoff und Filz. Seine Kleidung war weiß mit roten Punkten. Auf dem Kopf trug er einen spitzen Hut. Sein Gesicht war eine Stoffkugel mit einer roten Plastiknase und einem breiten Grinsen aus rotem Filz. Seine Augen waren ebenfalls aus Filz und sahen aus wie zwei Kohlestücke. Die Haare, die unter seiner Mütze hervorlugten, waren weiß und buschig. Als wir die Schachtel umdrehten, konnten wir folgenden Spruch lesen: Sit me up or lay me down. I´m not a toy, but Jess the Clown. „Der ist ja niedlich“, sagte meine Frau. „Sieht aus wie eines der Spielsachen aus dem Vertrieb deines Bruders“. „Schau mal auf den Absender“, sagte meine Frau. „Er ist verwischt. Das kann ich nicht lesen. Seltsam“.

Inzwischen hatte Conny begonnen Jess den Clown aus seinem Zirkuskarton zu befreien. Erst dann konnten wir erkennen, dass ein Schnurmechanismus auf seinem Rücken war. „Ooh, das Ding hat eine Funktion“, sagte meine Frau wieder. „Zieh doch mal dran!“, sagte ich aufmunternd zu Conny. Zögerlich nahm Conny den Clown und zog an dem weißen Plastikring. Plötzlich ertönte ein mechanisches Lachen. Dann folgte ein ebenso mechanisch gesprochener Satz: „Ein Tag ohne Lachen, ist ein verlorener Tag“. Dann wieder ein mechanisches Lachen. Plötzlich fingen Connys Augen an zu leuchten. „Uuuh“, sagte sie. Das war der einzige Laut, den sie seit zwei Tagen gesprochen hatte.

„Hallo Jess“, murmelte sie. „Na siehst du“, sagte meine Frau. „Jetzt hast du einen neuen Freund“. Conny legte das Gesicht des Clowns an ihr Ohr, als würde er ihr etwas zuflüstern. „Er sagt, er will hierbleiben. Darf er, darf er?“. „Natürlich“ sagte ich und lächelte. Es war schön meine Nichte wieder fröhlich zu sehen. Conny nahm den Clown samt Box mit in ihr Zimmer und von da an würde sie Jess den Clown nie wieder aus der Hand legen.

Man muss dazu wissen, dass Conny ein Kind war, dem es an Spielzeug nie gefehlt hatte. Ihr Zimmer war groß und enthielt alles, was man sich nur vorstellen konnte. Stofftiere in allen Größen, Puppen, Puppenhäuser, Autos. Als wir nach dem Tod meines Bruders in das Haus von Conny und ihrem Vater gezogen waren, war ihr riesiges Zimmer das erste, was uns ins Auge gefallen war. „Mein Gott, dein Bruder hat Conny ziemlich verwöhnt…“, sagte meine Frau damals etwas säuerlich. Ja, Conny hatte wirklich alles, was man sich nur vorstellen konnte. Mein Bruder hatte sogar ein Schienensystem unter der Decke eingezogen, wo eine kleine Modelleisenbahn stündlich ihre Runden zog. Connys Zimmer war der Traum aller Kinder. Oft hatte es auch als Fotokulisse zur Vorstellung neuer Produkte gedient. Normalerweise verlor Conny schnell das Interesse an neuem Spielzeug. Kein Wunder für ein Kind, das diese Massen an Spielzeug besitzt. Da bleibt keine Zeit sich auf eines besonders zu konzentrieren und sowas klischeehaftes, wie ein Lieblingsplüschtier hatte Conny nicht. Nicht bevor Jess der Clown in ihr Leben trat. Von da an war Conny buchstäblich an ihm festgewachsen. Sie nahm ihn sogar mit aufs Klo, vom Kindergarten oder anderen Ausflügen ganz zu schweigen.

Jetzt werden sich vielleicht einige von euch denken, schön, dass die Kleine endlich wieder etwas gefunden hat, woran sie Spaß hat. Doch was für Conny eine Verbesserung des Lebens war, wurde für mich schnell zum Albtraum, denn Jess der Clown ist mehr als nur ein Spielzeug. Ich habe ja schon erzählt, dass er diese nervige Sprachfunktion hat. Wenn man an seinem Schnurmechanismus zieht, kichert er und wiederholt den Satz: „Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“. Doch dabei sollte es nicht bleiben. Eines Nachts wachte ich schweißgebadet auf, denn es hatte draußen gefühlt 31°C ohne die Chance auf einen Tropfen Regen. Als ich die Augen aufschlug, spürte ich zunächst ein leichtes Gewicht auf der Decke. Als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnten, erkannte ich, dass etwas auf meiner Bettdecke saß. Ich schaltete das Nachtlicht ein und stellte fest, dass es Jess war. Komisch, wie hatte Conny es geschafft sich von ihm zu trennen? Die beiden schliefen doch immer eng aneinander gekuschelt. Naja, vielleicht hatte die Kleine sich einen Scherz erlaubt.

Ich seufzte, nahm Jess den Clown auf und machte mich auf den Weg in das Kinderzimmer meiner Nichte. Auf einmal hörte ich eine mechanische Stimme. „Ich weiß, was du gemacht hast. Gieriger, gieriger Junge!“. Verwundert blieb ich stehen. „Was zum Teufel…“. Einen Moment blickte ich wie erstarrt auf die Puppe in meiner Hand. „Das habe ich mir nur eingebildet“, sagte ich mir, ich bin übernächtigt. Ich atmete durch und setzte meinen Weg zum Zimmer meiner Nichte fort. „Ein Tag ohne Rache ist ein verlorener Tag“. „Was?! Verdammt nochmal“, dachte ich mir und rieb mir verwundert die Schläfen. Träumte ich? „Nein, du träumst nicht“. Plötzlich wieder diese mechanische Stimme. „Was soll das?“, stotterte ich in die Dunkelheit hinein. „Du träumst nicht, ich weiß, was du gemacht hast.“. Entgeistert starrte ich Jess den Clown an. „Was verdammt nochmal…“. Ich zog an seinem Sprechmechanismus. „Ha ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag“. Wieder die gewohnte Phrase. Komm schon Jack das bildest du dir alles nur ein.

Ich ging also in das Zimmer meiner Nichte und steckte ihr behutsam den Clown in die Armbeuge, dann verließ ich das Zimmer. Eine Weile lang blieb ich auf meiner Bettkante sitzen und registrierte erst nach einer Zeit, dass mein Atem schneller ging. Ein Stöhnen hinter mir. „Schatz, bist du wach? Holst du mir meine Tabletten?“. „Ja“. Ich ging ins Bad und öffnete den Medikamentenschrank neben dem Spiegel. Plötzlich hörte ich ein leises mechanisches Lachen. Ich erschrak, drehte mich um und hätte beinahe die Tabletten fallen lassen. Doch da war nichts. „Komm schon Mann, verlier jetzt bloß nicht die Nerven! Nicht jetzt, wo du schon so lange durchgehalten hast“, sagte ich zu mir selbst. Ich ging wieder zurück ins Bett, aber an schlafen war nicht mehr zu denken.

„Wie siehst du denn aus?“, fragte meine Frau schockiert, als ich wie ein Schatten meiner selbst morgens in meinen Cornflakes herumstocherte. „Ach nichts“. Conny kam die Treppe heruntergetänzelt, natürlich mit ihrem Liebling Jess unter dem Arm. Als sie ihn auf den Tisch setzte, durchzuckte es mich. „Möchtest du den Clown nicht aufs Sofa setzen?“, fragte ich. „Nein Onkel Jack, wie soll er denn dann frühstücken?“. „Jetzt komm schon, lass ihr doch den Spaß“, sagte meine Frau und stellte zum Spaß eine leere Müslischüssel vor Jess den Clown hin. Den Rest des Tages fuhren meine Frau, Conny und ich in die Stadt, um neue Kleider für Conny zu kaufen, Jess natürlich wie immer mit dabei. Oft zog Conny an seiner Schnur, was zu einem mechanischen Lachen und seinem Standardsatz führte.

Als ich gerade heimfuhr und gedankenverloren in den Rückspiegel starrte, hörte ich etwas. „Denkst du, du kannst es noch lange geheim halten?“, krächzte eine mechanische Stimme. Ich zuckte zusammen. „Hast du was gesagt, Schatz?“, fragte meine Frau. „Nein, nein, nein, alles gut…“, stotterte ich. „He, Conny kannst du nicht mal aufhören mit Jess zu spielen? Ich brauche ein bisschen Ruhe beim Fahren“. Doch Conny ließ sich nicht davon abbringen. Ich spürte, wie die Nervosität in mir aufstieg. Wieder hatte ich mir eingebildet, dass Jess der Clown diese Sachen sagte. Bestimmt nur Einbildung, redete ich mir weiter ein, als wieder das Lachen und sein Standardsatz ertönte.

Auf einmal hörte ich jedoch wieder etwas anderes. „Ein Tag ohne Rache ist ein verlorener Tag“. Langsam hatte ich das Gefühl den Verstand zu verlieren. „Conny, verdammt nochmal, bitte leg eine Sekunde das Ding weg!“. „Nenn ihn nicht Ding!“, zischte Conny beleidigt. „Onkel Jack hat´s nicht so gemeint“. „Aber vielleicht solltest du wirklich einmal aufhören an seinem Mechanismus zu ziehen. Gönn ihm doch mal eine kleine Redepause“. „Dich nervt es also auch“, dachte ich, aber nur weil sie dir leidtut, lässt du ihr alles durchgehen. Ich war erleichtert, als wir zu Hause ankamen und ich endlich dem engen Radius dieses Teufelsdings entfliehen konnte.

Wir überredeten Conny bis zum Essen auf ihr Zimmer zu gehen. Aber spätestens beim Essen starrte mich das Filzgrinsen von Jess dem Clown wieder an. Krampfhaft hatte ich die Augen auf meinen Teller gerichtet, um ja nicht in die rabenschwarten Filzaugen sehen zu müssen. Conny war Gott sei Dank so mit ihrem Essen beschäftigt, dass sie den Mechanismus nicht bediente. Ich glaubte schon aus dem Schneider zu sein, bis die vertraute und verhasste mechanische Stimme wieder erklang. „Böse Taten, Satansbraten, nicht länger in der Dunkelheit warten“. Wie von der Tarantel gestochen, sprang ich auf. „Jetzt reicht es! Bring dieses Ding auf dein Zimmer!“, brüllte ich. Conny fuhr so zusammen, dass sie fast vom Stuhl gefallen wäre. Der Schock trieb ihr die Tränen in die Augen. „Ich mag dich nicht, du bist gemein!“, schrie sie, packte den Clown und rannte auf ihr Zimmer. „Was zum Teufel ist los mit dir?!“, fragte meine Frau. „Sie hat doch gar nichts gemacht“. „Dieses Ding… es…es…“, ich stotterte. „Du meinst die Stoffpuppe? Jack, komm wieder runter. Seit ein paar Tagen bist du so angespannt“. „Es tut mir leid“, stammelte ich und ging meinerseits in unser Schlafzimmer.

Verdammt Jack, reiß dich zusammen. Niemand hat etwas mitbekommen, der Plan war perfekt. „Komm runter…“, sagte ich, wobei ich dreimal schlucken musste. Ich verbarrikadierte mich den Rest des Abends in meinem Zimmer, um ja nicht Conny und ihrer Teufelspuppe zu begegnen. Meine Frau war sauer, weil ich sie angeschrien hatte, doch ich war einfach nur froh, meine Ruhe zu haben.

In der Nacht versuchte ich verzweifelt Schlaf zu bekommen, doch es war unmöglich. Ständig musste ich an die mechanische Stimme der Clownspuppe denken. Als ich endlich doch noch etwas wegdämmern konnte, wachte ich wenig später durch ein Gewicht auf meiner Bettdecke wieder auf. „Bitte nicht…“, dachte ich, weil ein Teil meines Verstandes schon ahnte, was auf mich warten würde. „Geh weg, geh weg!“, sagte ich und kniff schmerzhaft meine Augen zu. Doch das leichte Gewicht auf der Bettdecke blieb. „Böse Taten nicht im Dunkeln warten“, ratterte die mechanische Stimme. „Verdammt nochmal!“, schrie ich und schlug das Ding weg. „Was ist los?“, fragte meine Frau und knipste das Licht an. Erst dann erkannte ich, dass nichts auf meiner Bettdecke saß. „Ein Albtraum…“, stammelte ich und schleppte mich ins Bad. Ich starrte in den Spiegel und klatschte Wasser in mein kreidebleiches Gesicht. Dann ging ich wieder ins Bett zurück und versuchte den Rest der Nacht durchzuhalten. Doch an Schlaf war nicht mehr zu denken. Das mechanische Gekicher und ratternde Stimme schwebte wie ein Geist durch meinen Verstand.

Am nächsten Tag erhielten wir einen Anruf von Lisa. Lisa war eine Mitarbeiterin meines Bruders gewesen, die jetzt das Onlineunternehmen weiterführte. Sie wollte sich hauptsächlich nach dem Befinden von Conny erkundigen, erzählte aber noch etwas, was meinen Gemütszustand noch verschlechterte. „Schön, dass es euch gut geht. Stell dir vor, wir haben Entwürfe gefunden, die dein Bruder selbst gemacht hat. Knapp bevor er gestorben ist, wollte er eine Puppe herausbringen.” Mit halbem Ohr hörte ich zu und gab halbherzige Antworten, doch das machte mich stutzig. „Eine Puppe?“ Mein Bruder hatte nie selbst Spielzeug produziert. „Ja, offenbar wollte er sie für Conny machen. Ich könnte heulen, wenn ich daran denke“. „Moment mal Lisa, was für eine Puppe?“. „Es ist ein Clown. Total retro das Ding den Entwürfen nach zu urteilen“. Ich schluckte hart. „Eine Clownspuppe sagst du?“. „Ja, einen Marketingspruch hatte er sogar auch schon. Irgendwie witzig Sit me up or lay me down. I´m not a toy, but Jess the Clown. „Habt ihr das Ding schon hergestellt?“, fragte ich und zuckte innerlich zusammen. „Nein, wir haben erst gestern die Entwürfe gefunden, aber ich habe eine super Handwerksfirma gefunden, die die Clowns produzieren wird. In Memoriam sozusagen. Conny wird selbstverständlich auch ein Exemplar bekommen“. „Sie hat schon eins…“, stammelte ich. „Wie bitte? Was hast du gesagt?“. „Ach nichts“, ich knallte den Hörer auf.

Die Geschichte wurde immer verrückter. Der Clown war eine Idee meines Bruders. Eine Idee, die noch nicht ausgeführt wurde. Doch hier hatten wir ein nagelneues Exemplar in unserem Haus. Ich musste Jess den Clown loswerden. Ich wartete ab, bis Conny in der Badewanne saß. Der einzige Ort, an dem sie Jess den verfluchten Clown nicht mitnehmen konnte. Dann ging ich in Connys Zimmer, wo der Clown wie üblich auf ihrer Bettdecke saß. Ich packte das Ding, klemmte es mir unter den Arm, stieg ins Auto und fuhr auf den nächstgelegenen Müllplatz. „Du kommst nicht mehr in mein Haus“, murmelte ich. Etwas in mir wusste, dass Conny ausflippen würde, doch es war mir egal. Jess der Clown musste verschwinden.

Endlich wieder schlafen. Endlich nicht mehr dieses widerliche mechanische Lachen. Vielleicht auch endlich das Ende der schrecklichen Vorwürfe. Ich stieg aus und warf Jess den Clown in die größte Mülltonne, die ich finden konnte. Dabei grinste ich triumphierend wie ein Idiot. Gott sei Dank konnte mich keiner sehen.

Als ich zu Hause ankam, traf ich wie erwartet auf die Weltuntergangsstimmung. Verzweifelt suchte Conny nach Jess dem Clown. Sie schrie und jammerte als hätte man ihr den Fuß amputiert. „Wo kann er nur sein?“, fragte meine Frau. „Er lag doch noch auf ihrem Bett, bevor wir ins Bad gegangen sind. Weißt du etwas darüber?“. „Ich? Nein“, sagte ich und versuchte unschuldig zu klingen. Halbherzig beteiligte ich mich an der Suche nach der Puppe, von der ich genau wusste, wo sie war und dass sie mich nie wieder belästigen würde. Wir fanden sie natürlich nicht.

Conny war am Boden zerstört. Sie fiel in den Zustand zurück, in dem war als sie realisiert hatte, dass ihr Vater nie wieder kommen würde. Mir tat die Kleine leid, aber der Clown musste einfach weg. Verzweifelt durchforstete meine Frau alle möglichen Spielzeugforen und Anbieter von Spielsachen nach einem Ersatz für Jess. Von dem Telefonat, dass es Jess eigentlich nicht noch gar nicht geben dürfte, habe ich ihr natürlich nichts erzählt. Entspannt legte ich mich schlafen. Das erste Mal schlief ich ohne Probleme ein. Doch wie heißt es so schön, Unglück und Schuld trifft man immer zwei Mal im Leben.

Meine Blase weckte mich, als ich plötzlich wieder ein Gewicht auf meiner Bettdecke spürte. Schnell verdrängte ich den ersten Schrecken wieder, doch als ich das Licht einschaltete, konnte ich es nicht fassen. Auf meiner Bettdecke saß Jess der Clown.

Ich hielt mir die Hand vor den Mund, um nicht zu schreien. Halb stolperte ich aus dem Bett heraus und stürzte auf die Badezimmertür zu. Ich riss sie auf und übergab mich auf direktem Weg in die Waschschüssel. Zitternd stand ich da und wagte es nicht das Badezimmer zu verlassen. „Du wirst mich nicht los“, hörte ich eine Stimme hinter mir rattern. Dann wieder das verdammte mechanische Lachen. „Ein Tag ohne Rache ist ein verlorener Tag. Nur du und ich wissen, was du getan hast. Aber keine Sorge, ich werde immer da sein, um dich daran zu erinnern. Wirf mich weg, leg mich nieder, Jess der Clown kommt immer wieder“. „Halt die Klappe!“, schrie ich so laut, dass meine Frau und Conny aufwachten. Conny und meine Frau waren begeistert, dass Jess wieder aufgetaucht war.

Sie wussten ja nicht, was ich wusste. Seitdem raubt mir Jess der Clown den letzten Nerv, raubt mir jede Sekunde Schlaf und lässt mich nur mehr an das eine denken. Ich habe sogar versucht Jess den Clown kaputt zu machen, doch er hatte verdammt nochmal recht. Jess der Clown kommt immer wieder. Jetzt sind vier Monate vergangen, seit mein Bruder gestorben ist und zwei Monate seitdem Jess der Clown aufgetaucht ist. Jetzt sitze ich hier und schreibe meine Erlebnisse mit ihm auf. Vielleicht wird das helfen ihn endlich loszuwerden, das nervenaufreibendste Spielzeug aller Zeiten. Doch Jess ist mehr als nur ein Clown, wie der Werbespruch schon sagte, er ist kein Spielzeug. Er ist meine Strafe, denn nur er und ich wissen, wie mein Bruder gestorben ist.

 

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