CreepypastaKreaturenMittel

Knightmare

Die Umrisse einer Gestalt sind im schwachen Mondlicht zu erkennen. Einen Arm auf ihr Knie stützend, sitzt sie auf einem hohen Stein. Gedämpft ist ein Seufzen zu hören, als sie sich erhebt und nach unten, zwischen die Sträucher einer von Schatten getränkten Wiese springt. Es ist eine ruhige Nacht. Eine perfekte Nacht. Perfekt um ein seit Jahren geplantes Vorhaben, in die Tat umzusetzen. Perfekt.. Da es vielleicht keine weitere Nacht geben wird. Nicht für die Gestalt.

Ihre mit Eisen beschlagenen Lederstiefel streifen einige Schritte durch die Wiese. Weit erstreckt sie sich in alle Himmelsrichtungen. Vom Ledergürtel der Gestalt, hängt ein Kurzschwert und daneben glänzt in rötlichem Schein, ein rundes Fläschchen. Der Dreiecks-Schild auf ihrem Rücken klappert beim Gehen leise an den silbernen Plattenpanzer und der weisse Wappenrock mit dem roten Kreuz, umstreichelt im sanften Wind ihre Lenden. Dann bleibt sie stehen. Sie greift nach dem Fläschchen, das lose von ihrem Gürtel hängt und hält es sich vors Gesicht. Der Schein der Flüssigkeit erhellt ihren Helm. Es ist der Helm eines Kreuzritters.

Sein Atem beschleunigt sich, als er den Zapfen aus dem Fläschchen zieht. Ein fauliger Geruch steigt ihm in die Nase. Er führt den kleinen Behälter an seinen Mund, nachdem er besagten Helm gerade genug anhebt, um seinen spröden Lippen die Freiheit zu schenken. Träge rutscht die stinkende Flüssigkeit seinen Hals hinab. Dann lässt er den Behälter fallen und wartet. Atmet.. Sein Herz hüpft nervös auf und ab, während ein kalter Schauer von seinem Nacken, über seinen Rücken hinab läuft. Lange hat der Ritter auf diesen Moment gewartet.. Nun ist es endlich so weit. Nun gibt es kein Zurück mehr..

Als ihm die rote Sauce in den Magen tropft, gerät der Mann ins Taumeln. Ein Feuer wird in seinem Körper entfacht. Ein Feuer, das in seinem Leib zu wüten beginnt und heftig nach allen Seiten züngelt. Der Mann keucht – Wird in die Knie gezwungen. Nervös stiert er umher, als die Dunkelheit seiner Umgebung sich verdichtet. Tanzende Schatten umgeben ihn – Greifen nach ihm. Resigniert legt der Ritter den Kopf zurück und breitet seine Arme aus. Egal was ihm widerfahren mag, er ist bereit. Bereit es zu empfangen. Sein, in den Himmel gerichteter Blick, nimmt den Mond gefangen. Dann spürt er wie die Schatten an ihm zehren und.. in ihn eindringen.

Sie vermischen sich mit dem Feuer in seinem Körper, kühlen es kurz ab und lassen es dann umso stärker brennen. Die Schmerzen sind unerträglich. Der Ritter vermag seinen Schrei nicht mehr zu zügeln. Seine Stimme wütet wie das Feuer in ihm und erfüllt die Nacht mit Schmerz – Tiefem, widerwärtigem Schmerz. Währenddessen vernimmt der Mann ein leichtes Beben unter seinen Knien. Die Erde schlottert, lockert den Boden auf und reisst ihn schliesslich entzwei. Vom Leid gepeitscht fällt der Ritter nach vorne. Unter immenser Anspannung grabt er seine Finger in die warme Erde. Er stutzt, sowie er erkennt, dass die Erde, gar keine Erde mehr ist. Das, was da durch seine Hände rieselt ist nichts anderes als Pech. Schwarzes, klumpiges Pech. Das Rumoren der Erde schiesst nun wie ein Donner vor dem Ritter aus dem Boden. Es manifestiert sich zu einem gewölbten Torbogen aus glühendem Stein. In dem Torbogen eingefasst befindet sich eine mit Antiken Schriften verzierte Stahltür. Das Schattenfeuer im Inneren des Ritters dringt in Form von schimmernden Nebelfetzen aus seinem Körper und gleitet mit geschmeidigen Bewegungen der schweren Tür entgegen. Die Fetzen weben sich in sie ein – Bringen die Schrift zum Leuchten. Die Tür knarrt in den Türangeln, als sie sich langsam öffnet. Der Raum, der sich dem knienden Mann nun offenbart, lässt Furcht sowie Neugier in ihm aufsteigen. Mutig richtet er sich auf und geht erhobenen Hauptes durch die Tür.

Er betritt eine Halle, die der einer Kirche gleicht. Von aussen war jedoch kein Gebäude zu sehen. Die Halle wird beleuchtet vom ewig flackernden Licht, blutroter Flammen. Gespenstische Schatten huschen über den Boden – Ein brüchiger Steinboden lauter Risse und tiefer Löcher. Die achtsamen Schritte des Ritters hallen in dem Gewölbe wieder. Dann wird in der Mitte des Raumes eine rechteckige Öffnung sichtbar. Eine steile Treppe führt in den Untergrund, doch der Mann steigt nicht herab. Noch nicht. Er umrundet die Treppe und nähert sich dem dahinter liegenden Altar, der auf einer kleinen Anhöhe thront. Wenige Stufen führen zu ihm hinauf. Der Mann zieht Schwert und Schild, kniet sich vor den Altar und legt sie behutsam auf die, von rotem Stoff überzogene Oberfläche. Dann zieht er seine braunen Lederhandschuhe aus. Er streicht mit der Innenseite seiner linken Hand über die scharfe Klinge. Wenige Tropfen Blut rinnen aus der nun entstehenden Verletzung. Dann ballt er die Hand zu einer Faust und führt sie in einer fliessenden Bewegung über die Ausrüstung auf dem Altar. Die Tropfen breiten sich langsam darüber aus, während der Ritter aus seiner Gürteltasche einen winzigen Lederbeutel hervorzieht. Nun träufelt er auch dessen Inhalt, weisses Pulver, darüber.

„Carpe sanguinem et haec ossa. Diabolus autem infirma.“, spricht der Ritter mit ruhiger Stimme. Das Pulver, das sich nun mit dem Blut vermischt, zischt leise auf. Langsam verfestigt es sich zu einer schwarzen, krustenähnlichen Substanz, die sich schützend um die Klinge des Schwerts, sowie über die rot-weisse Aussenseite des Schilds legt. Der Mann verneigt ehrfürchtig den Kopf, greift nach den beiden Gegenständen und erhebt sich. Ein leises Summen geht von seiner Bewaffnung aus. Dann steigt er die Treppe in der Mitte des Raumes hinab. Heisse, stickige Luft weht ihm entgegen. Die Temperatur steigt mit jeder Minute an, die er in die Unterwelt vordringt. Als er nach der gefühlt tausendsten Stufe das Ende der Treppe erreicht, findet er eine weitere Stahltür vor. Daneben hängt eingefasst in der Wand, ein Becken mit klarem Wasser. Das reinste Wasser, das er je getrunken hätte – Hätte er Durst verspürt. In dieser Anderswelt scheinen die Bedürfnisse seines Körpers keinen Belang zu haben. Noch bevor er vor das Becken tritt, zieht er einen weiteren Gegenstand aus seiner Gürteltasche. Eine kleine Tonkugel, verschlossen mit einem Korken. Dann hält er die Spitze seines Schwerts ins Wasser. Es brodelt, dampft und verfärbt sich zu einer Teer-ähnlichen Pampe. Nachdem er das Gefäss öffnet, taucht er es in die seltsame Brühe ohne sie selbst zu berühren. Der dickflüssige Teer dringt in den Behälter ein und erfüllt sein Innenleben mit einer angenehmen Kühle. Bevor der Ritter an die schwere Tür herantritt, verschliesst er das Gefäss und steckt es zurück in seine Tasche. Die Tür öffnet sich widerspenstig, als er seinen von zahlreichen Kämpfen gestählten Körper mit aller Kraft dagegen presst. Enorme Hitze dringt durch den Spalt.

Sobald er über die Türschwelle schreitet, eröffnet sich ihm ein furchtbarer, sowie faszinierender Anblick. Ein Tal. Ein Tal der Flammen. Durchzogen von pechschwarzen Hügeln und spitzen Bergen. Am gleissenden Himmel, fliessen Wolken aus Asche durch die Szenerie – Getrieben vom stickigen Wind, der die etlichen Feuer des Tals aufflackern lässt. Tief atmet der Ritter durch und macht sich dann auf den Weg, den Hügel hinunter. Bei seinem Abstieg über die schwarze Erde des Abhangs, vernimmt er plötzlich ein Geräusch. Es klingt wie das Flattern grosser Flügel. Als er irritiert in die Höhe sieht, hält er schützend seinen Schild vor sich. Aus dem Himmel stürzt ein geflügeltes Wesen auf ihn nieder, doch es greift nicht an. Es fliegt auf ihn zu, wendet sich kreischend ab und sucht sogleich das Weite. Noch immer in Kampfposition verweilend, sieht der Ritter ihm nach. Dann senkt er seinen Schild und steigt weiter den Hügel hinab. Als er unten ankommt und den Boden betritt, trägt der Wind ferne Schreie heran. Grässliche, flehende Schreie. Wachsam begibt sich der Mann, begleitet vom gemächlichen Knirschen winziger Steinchen, auf den vor ihm liegenden Pfad.

Zahlreiche, schattenhafte Kreaturen scheinen sein Voranschreiten zu beobachten. Sie tuscheln miteinander. Einige verbergen sich hinter Steinhaufen und Felsen, die das Gelände zieren, huschen in sicherem Abstand vor ihm hindurch und wenige andere kriechen vorsichtig auf ihn zu – Versuchen ihn neugierig zu beschnuppern. Wer ist dieser Fremde? Dieses Geschöpf, das den Geruch des Lebens ausstrahlt. Den Geruch, an den sich die Kreaturen nur entfernt erinnern können. Dann wird die Quelle des Wehklagens sichtbar. Die Wesen, die da im Boden stecken, haben nur noch wenig Ähnlichkeit mit Menschen. Sie strecken ihre verkohlten, gebrechlichen Ärmchen nach dem Ritter aus. Ihre Gesichter sind zerfallen und alt. Uralt. Wie lange sie wohl schon diese Qualen erleiden müssen? Hundert Jahre? Tausende? Der Ritter versucht sich nicht von ihren Klagelauten ablenken zu lassen. Er kann diesen bemitleidenswerten Kreaturen jetzt nicht helfen. Dafür.. ist er nicht hier her gekommen..

Schon bald lässt er sie hinter sich und folgt dem Weg, der nun um eine hohe Bergschulter herum führt. Dahinter verlangsamt sich sein Gang. Hier scheint es nicht weiter zu gehen. Er steht inmitten eines grossen, freien Platzes, der vom Fels eingekesselt ist. Schon will er wieder umdrehen, da vernimmt er hinter sich eine Stimme. „Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass du hier herum stolperst. Wer bist du?“, fragt sie in ruhigem Ton. Eine abscheuliche Stimme. Sie brummt in den Ohren des Ritters, wie ein tiefes Echo, das die ganze Landschaft durchzieht. Der Ritter dreht sich vorsichtig um. Vor ihm steht ein in Rauch gehüllter Dämon, der ihn mit knallroten Augen begutachtet. Grauen und Tod, doch auch Weisheit liegt in ihnen. Der Dämon ist nicht grösser als der Ritter, strahlt jedoch eine Erhabenheit aus, die ihm so schnell keiner nachmachen würde. Eine Panzerung aus gezacktem, feuerfarbenem Material schützt Brust und Schultern. Jedoch scheint er nicht bewaffnet zu sein. Der Ritter lässt seinen Blick einen Moment lang auf dem Dämon ruhen.

„Mein Name ist Castus Meridia.. Und wer zum Teufel bist du?“ Der Fremde scheint belustigt, rümpft dann aber die Nase. „Ich.. BIN.. der Teufel, du Armleuchter.. Sieht man das denn nicht?“

Castus legt den Kopf schräg. „Nun ich hatte dich mir schon grösser vorgestellt.“ Der Höllenfürst schnaubt verächtlich. „Diese Menschen.. Ein lärmender Haufen von Kleingeistern und Proleten.. Eure Vorstellungen von Grösse entsprechen denen eines Kleinkindes. Ist man gross und hat starke Arme, um jemand anderem die Zähne einzuschlagen wird man gefeiert. Andere kriechen dir nur zu gern in den Arsch, um an deiner Grösse teil haben zu können – Sich selbst damit zu schmücken. Die Oberflächlichen die sich nach vorne drängeln und jede Möglichkeit nutzen auf andere drauf zu steigen, nur um selbst nicht unterzugehen in dem nie enden wollenden Spielchen von „Wer ist besser?“ werden gefeiert, während schwächer erscheinende, wahrheitssuchende, ehrliche, gütige Menschen getreten und in die Fänge abscheulicher Taten getrieben werden. Diese „Grösse“ ist nichts weiter als Schwäche, die sich als Stärke maskiert.“

Wie von einem Luftzug weg geweht, verschwindet der Teufel und steht plötzlich hinter Castus. „Was ist mit dir Castus? Kannst du jemandem verzeihen, obwohl er es eigentlich nicht verdient hätte? Kannst du den trügerischen Wert materiellen Besitzes erkennen und ihn mit deinen Mitmenschen teilen? Kannst DU die Wahrheit sagen? Lässt du davon ab, andere als Trittbrett für deinen Erfolg oder dein Ansehen zu missbrauchen? Oder kannst du vielleicht sogar dein wahres Ich hinter der Fassade aus geltungssüchtigen Verstandesmustern erkennen?“, fragt er während er langsam um den Ritter herum geht. Dann stellt er sich wieder vor ihn hin. „Das.. Castus.. Das.. wäre wahrlich gross..“ Der Ritter steht still da. „Du bist trotzdem klein.“ Luzifer knurrt verärgert. „Grrr.. Verschwendete Worte.. Warum wundert mich das nicht? Aber lassen wir das.. Sage mir nun, was du hier zu suchen hast. Da du noch immer den Körper eines Sterblichen besitzt, nehme ich an, dass die alte Krypta noch immer nicht in Vergessenheit geraten ist?“

„Ich bin gekommen um meine Tochter zu finden. Sie gehört hier nicht her.“, sagt Castus entschlossen. „Deine Tochter.. Wie war ihr Name?“ „Sie hiess Lynn.“ In geisterhaften Bewegungen wiegt Luzifer sein Haupt hin und her. Er scheint nachzudenken. „Lynn Meridia.. Lynn.. Hmm.. Ach ja. Gestorben vor 8 Jahren. Ehebruch. Sie hat ihrem Mann das Herz gebrochen. Einem rechtschaffenen, gutherzigen Mann, der sich das Leben nahm und jetzt für alle Ewigkeit in grauer Einsamkeit baden wird. Deine Tochter hat einen Menschen auf dem Gewissen. Deine Tochter hat.. rumgehurt. Und du denkst sie gehört hier nicht her?“ „Lynn hat einen Fehler gemacht! Menschen machen Fehler! Ich habe nach der Sache mit ihr darüber gesprochen. Sie hat bereut.. Sie wollte es wieder gut machen bevor..“ „Bevor sie von ihrem Ex vor seinem Selbstmord abgestochen wurde?.. Pech..“ Castus tritt einen Schritt vor und festigt den Griff um seine Waffen. Sein Zorn wächst. „Lynn wollte es wieder gut machen! Du hattest kein Recht sie hierher zu bringen!“ Der Teufel lacht ein dreckiges Lachen. „Ich.. richte nicht Castus.. Ich empfange nur. Was denkst du WER deine Tochter hierher geschickt hat?“ Castus verstummt und senkt den Kopf. „Genau.. Du hast dir das falsche Stockwerk ausgesucht, um zu protestieren.“

Eine Zeit lang herrscht Ruhe zwischen den beiden. Dann hebt Castus den Blick. „Zeig sie mir..“ Der Teufel verharrt, mustert den betrübten Ritter und.. schnippt mit den Fingern. Neben ihm entsteht wie aus dem Nichts ein neuer Schatten. Castus erkennt die feinen Gesichtszüge seiner Tochter. Von tiefer Sehnsucht gepackt keucht er auf – taumelt ein paar Schritte auf sie zu. „Lynn? Ich bin hier mein Schatz. Dad ist hier.“ Doch Lynn scheint die Anwesenheit ihres Vaters weder zu bemerken, noch zur Kenntnis zu nehmen. „Sie hört dich nicht. Ihre.. Wahrnehmung unterscheidet sich erheblich von deiner. Sie ist tot Castus. Du kannst sie nicht retten. Geh wieder nach Hause..“

Ein Schluchzen dringt aus dem Helm des Ritters. Er geht in die Knie, stützt sich samt Schwert und Schild in die verbrannte Erde und weint. Die Tropfen rinnen an der Innenseite seines Helms hinab. Träge fallen sie auf seine verkrampften Hände. Dann weicht seine Trauer. Sie weicht grenzenlosem Zorn. Nein.. Er würde nicht nach Hause gehen. Er ist der Teufel. Er lügt. Castus Atem zischt, als er auf seinen Gegner zustürmt.

Dieser verzieht keine Miene. Kurz flackern des Teufels Arme auf und verwandeln sich in sekundenschnelle zu zwei spitzen Klingen. Castus Schwert schneidet von oben herab durch die Luft, doch die feindlichen Klingenarme verschränken sich und fangen den Angriff ab. Wuchtig prallen die Schwerter aufeinander. Noch für einige Sekunden ist das Echo in der Unterwelt zu hören, bis es in deren endlosen Weiten versiegt. „Blut und Knochen.. Alle Achtung. Du hast deine Hausaufgaben gemacht!“, lobt Luzifer, während Castus Klinge noch immer zwischen seinen Armen feststeckt. Dann zieht er sie gegen oben hinweg auseinander, so dass Castus ein wenig zurückgeworfen wird. Doch er setzt gleich zu zwei neuen Angriffen an. Einer saust seitlich auf Luzifers Brust zu. Funken springen als der Hieb von dessen rechten Arm abgeblockt wird. Der Zweite folgt unmittelbar auf den ersten. In einer fliessenden Bewegung kommt Castus Schwertspitze nun von unten auf die Beingegend seines Gegner zugeschossen. Doch auch dieser wird von einer schnellen Parade des linken Klingenarms vereitelt. Ein verstohlenes Lachen quillt aus Luzifers Kehle, der nun seinerseits in eine blitzschnelle Angriffs-Serie übergeht. Seine harten und gezielten Angriffe prasseln abwechselnd auf Castus’ Bewaffnung nieder. Unweigerlich wird er zurückgedrängt. Er keucht unter der Anstrengung, schlägt sich jedoch wacker gegen die unmenschlichen Bewegungen seines Feindes. Beinahe stolpert der Ritter über einige Steinbrocken, auf denen sein rechter Fuss beim zurückweichen ausrutscht. Jedoch gelingt es ihm, die Balance zu halten und sich unter dem, auf ihn zu schnellenden Arm weg zu ducken.

„Die mangelnde Beherrschung deiner Gefühle wird dein Untergang sein!“, tadelt der Teufel nun sichtlich wütend, „So wie tausende und abertausende vor dir, bist du selbst der Urheber deines eigenen Leids! Ich habe dir gestattet diesen Ort zu verlassen – Habe dir Freiheit und Einsicht und sogar einen Blick auf dein totes Kind geschenkt!“ Castus schüttelt erschöpft und ungläubig den Kopf. Die Schweisstropfen fliessen nun in Strömen unter seinem Helm hervor. „Ich bin nicht hier um zu lernen! Ich bin wegen Lynn hier! Ich verlasse diesen Ort mit ihr oder gar nicht! Ausserdem bist du der Satan! Ich glaube dir kein Wort!“, schreit er, springt auf den Teufel zu und greift furchtlos wieder und wieder an. Ein intensives Hin und Her entsteht. Mittlerweile haben sich viele Geschöpfe der Hölle näher an das Geschehen heran gewagt. Interessiert, sowie verwirrt schauen sie den Kämpfern zu, die einander ebenbürtig erscheinen. Doch.. Castus Ausdauer kriecht zunehmend an ihre Grenzen, während Luzifer über eine unerschöpfliche Quelle von Energie zu verfügen scheint.

Dann passiert etwas Unerwartetes. Castus Schild hält der Wucht eines starken Seitenhiebs nicht stand und.. zerspringt. Die losen Einzelteile gleiten von seinem Arm. Luzifer grummelt spöttisch, bevor er sich lauthals darüber lustig zu machen beginnt. Ein Fehler. Denn Castus greift während sein Feind abgelenkt ist in seine Gürteltasche und zieht die befüllte Tonkugel hervor. Er wirft sie vor sich in die Höhe, während sein Schwertarm ausholt. Der Stahl rast auf die Kugel zu und lässt sie in tausend Stücke zerschellen. Die teerige Masse spritzt samt Splitter dem Körper des Teufels entgegen. Es benetzt seinen rechten Arm, die Brust und das Gesicht. Sein Gelächter verstummt, als sich die nassen Stellen, weiss zu verfärben und zu zischen beginnen. Seine Arme verwandeln sich zurück in Hände. Hustend greift er nach seinem Gesicht. „Was.. Was ist das?!“, schreit er und taumelt ein Stück nach hinten. Castus nutzt seine Chance. Zielbewusst stürmt er auf den benommenen Teufel zu und schlägt sein Bein mit einem mächtigen Hieb entzwei. Luzifer schreit auf. Er fällt – Windet sich in der verbrannten Erde. Dann streckt er Castus flehend eine Hand entgegen. „Wa.. Warte Castus! Du.. weisst nicht.. was du tust!“ Doch Castus Ohren bleiben taub für Luzifers Worte. Mit einem einzigen, weiteren Schlag zerreisst die Kehle des am Boden liegenden Dämons. Schwarzes Blut geifert aus der klaffenden Wunde. Und.. nach dem nächsten Hieb.. rollt der Kopf.

Plötzlich durchzieht ein schwaches Grollen die Erde. Castus Wappenrock flattert im nun aufkommenden Wind, während Luzifers Körper sich langsam aufzulösen beginnt. Kleinste, dunkle Partikel lösen sich davon, wirbeln durch die Luft und werden in alle Richtungen davon getragen. Sie dringen in die zahllosen Kreaturen der Hölle ein. Castus Blick verfolgt wenige Partikel, die nun auch in Lynns abwesend wirkende Gestalt eindringen. Sie verändert sich. Wird fester. Ihre Haut gewinnt zunehmend an Farbe. Die Schatten, die ihr Wesen umgeben lösen sich langsam auf, bis ihr Körper vollständig wiederhergestellt ist. Ihr nussbraunes Haar fällt ihr in Locken auf die Schultern. Wunderschön, doch sichtlich benebelt steht sie für einige Sekunden aufrecht da und knickt dann ein. Noch bevor Castus zu ihr eilen kann, verlangt etwas anderes nach seiner Aufmerksamkeit.

Eine winzige, strahlende Kugel aus Feuer fliegt aus Luzifers Mund heraus, schwebt kurz in der Luft und schiesst dann in Castus Brust hinein. Er krümmt sich, während eine gewaltige Energie von ihm Besitz zu ergreifen versucht. Sie zwingt ihn in die Knie – Verzehrt sein Inneres. Als es vorüber ist, richtet er sich langsam auf. Dunkelrote Pupillen glimmen aus dem Visier seines Helms. Alte Augen voller Tiefe und Weisheit. Weisheit und Tod. Doch es sind nicht gänzlich andere Augen. Es sind noch immer Castus Augen. Als er sich umblickt erinnert er sich, warum er hier ist. Mit bewussten Schritten nähert er sich Lynn, die noch immer auf dem Boden liegt und in einer Art Wachkoma zu sein scheint. Er streicht ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Der Ritter hat sich verändert, doch er spürt die Liebe zu diesem Mädchen, tief in seinem Herzen. Mühelos hebt er ihren nackten Körper hoch und legt sie sich behutsam über die Schulter. Dann macht er sich auf den Rückweg zur Krypta.

Um ihn herum herrscht nun ein wildes Chaos. Castus wollte Lynn retten, hat nun aber dafür gesorgt, dass absolut jede Seele, die in den Tiefen der Hölle ihren Platz gefunden hat, wieder menschlich wird. Doch die meisten sind schon zu lange hier unten, um sich noch an etwas anderes als Leid und Qualen erinnern zu können. Viele beginnen Tumulte – Getrieben von den Folgen unermesslicher Qualen. Andere weinen über ihr Glück, endlich wieder etwas spüren zu können. Seelenruhig läuft Castus an den kämpfenden, tobenden und jammernden Leuten vorbei. Er ist das Auge eines Tornados. Der stille Kern inmitten unaufhaltsamer Zerstörung.

Dann kommen einige hysterisch mit den Armen fuchtelnde Menschen, die sich vom Tumult gelöst haben auf ihn zu. Die Hände zu Fäusten geballt rennen sie ihm entgegen. Doch der Ritter nimmt sie kaum zur Kenntnis. Gelangweilt hebt er seinen Arm und streckt den Angreifern seine offene, linke Hand entgegen. Eine vernichtende Druckwelle aus Flammen schiesst aus ihr heraus, wie eine Kanonenkugel. Die Angreifer fangen Feuer, spicken brennend davon und knallen gegen die harte Felswand eines Bergrückens. Ihre Körper zerschellen am Gestein. Zerstückelt und blutig liegen ihre Einzelteile im Dreck. Dann stürmt eine weitere Gruppe auf ihn zu. Sie haben wohl nicht bemerkt, was Castus mit den anderen angestellt hat. Oder sie sind derart von Sinnen, dass sie nicht mehr logisch denken können. Ein einziges Aufflackern von den dämonischen Augen des Ritters genügt, um jeden einzelnen auf der Stelle zusammensacken zu lassen. Sie wälzen sich schmerzverzehrt auf dem Rücken und kratzen sich selbst das Gesicht vom Schädel. Unbeirrt geht Castus weiter. Als er den Hang hinauf klettert und in der Tür zur Krypta verschwindet, Wirft er einen Blick über die Schulter, hebt erneut seinen Arm und lässt den Hügel vor der Tür mit Hilfe einer weiteren gewaltigen Druckwelle einstürzen. Hier kommt niemand mehr raus. Dann geht er die Treppe hoch und verlässt das Gebäude durch die schwere Stahltür, durch die er zu Beginn seiner Reise gekommen ist.

Er sieht nun durch seine neuen Augen, den Schleier der die Welten voneinander trennt. Das Diesseits davon abhält ins Jenseits einzufliessen. Er ist fast durchsichtig. Allgegenwärtig. Überall und doch nirgends. Ohne jedwede Anstrengung schreitet er durch den Schleier, seine Tochter noch immer über den Schultern. Nun ist er wieder zu Hause. Zurück im Diesseits. Er legt sein Mädchen zwischen die Sträucher der Wiese. Noch immer ist es Nacht. Dieselbe stille, perfekte Nacht wie zuvor. Castus kniet sich neben Lynn und greift nach ihrer Hand. „Jetzt ist alles gut kleines.. Alles wieder gut. Du musst nicht mehr leiden.“, versucht er sie zu beruhigen. Doch etwas stimmt nicht mit ihr. Die wunderschöne, glatte Haut des Mädchens, beginnt auf einmal sich grau zu verfärben. „Dad..? Ich.. fühle mich.. nicht so gut..“ Castus Ruhe verfliegt. Nervös untersucht er den langsam verwesenden Körper seiner Tochter. Ungläubig schüttelt er den Kopf und steht auf. „Nein.. Nein! Ich habe sie gerettet. Sie hat ihren Körper zurück! Sie ist nicht mehr dort unten! Du kannst sie mir nicht noch einmal nehmen! Nicht noch einmal!!“, schreit er – den Kopf in den Himmel gerichtet. Wut und Angst schäumen über. Doch Lynns Körper verwest weiter. Es scheint als könne er im Diesseits nicht überleben. Luzifer hatte die Wahrheit gesagt. Castus konnte sie nicht retten.

Besorgt nähert er sich ihr wieder. Seine Hände zittern. Erinnerungen drängen sich in sein Bewusstsein. Er sieht wie sie als kleines Kind, nach seinen gewonnen Schlachten, auf ihn zugerannt kam und ihr Lächeln allein, die Bilder abgeschlagener Köpfe und zerschnittener Gedärme zu verscheuchen vermochte. Er sieht ihren Stolz, als sie bei ihrer ersten gemeinsamen Jagd, das Reh mit dem Bogen erwischt hatte – Ihre Traurigkeit, als sie näher an das sterbende Tier heran trat und seinen Todeskampf mitansehen musste, bis Castus dem Tier das Genick brach. Und er hört ihr Weinen, als sie ihr Fremdgehen bereute. Ein ehrliches Weinen. Ein Weinen voller Reue. Die Tränen, die sich in seinen feurigen Augen bilden zischen leise auf, als Lynns schwache Atmung versiegt. Doch.. sie.. stirbt nicht. Nicht noch einmal. Stattdessen blicken trübe Augen zu Castus hoch, während ihre knochigen Arme unbeholfen nach seinen Stiefeln greifen. Nach den wenigen Augenblicken, die er dieser untoten Kreatur zusieht, erträgt er den Anblick nicht weiter. Er zieht sein Schwert und sticht ihr in den Kopf – Beendet ihr Leid. Dann sitzt er eine Weile reglos vor ihr. Unfähig irgendetwas zu tun. Seine ganze Reise, der Kampf mit dem Teufel, die Vorbereitungen.. Alles für die Katz’. Castus hat versagt.

Zwischen den Wolken kracht es, als ein Unwetter Gestalt anzunehmen beginnt. Schwere Wassertropfen prasseln auf das Haupt des Ritters. „Regen?“, schnaubt Castus. Der Regen macht ihn wütend – Er stört seine Trauer. Die Wut vertreibt die Leere der letzten Minuten. Ein Entschluss kriecht in seinen finsteren Gedanken empor – Festigt sich. „Nein..“, spricht er weiter, „Nein nein.. Kein Regen.. Kein Wasser.“ Seine flammenden Augen knistern leise, als er sich in der feuchten Wiese erhebt. Er konzentriert sich auf den Schleier und hebt seine Arme. Er bündelt seine neugewonnene Energie in seinen Händen – Konzentriert sich noch stärker auf die Barriere. Dann eine gewaltige Erschütterung. Sie zuckt durch den Boden, sowie der Schleier von einem feinen Riss durchzogen wird. Dann noch ein Riss. Und ein weiterer. Die Wand zum Jenseits zerbricht plötzlich, wie ein Ei auf Beton. Die Erschütterungen werden noch stärker. Die Erde bebt – Knarrt. Castus Augen glühen und flackern im aufkommenden Sturm. Der Himmel ächzt, als er statt Wasser, Blut zu weinen beginnt und die tektonischen Platten der Welt aufzureissen beginnen – Als mächtige, haushohe Flammen durch die Erde brechen und millionen Körper aus den Untiefen der Hölle empor gespuckt werden. Das Diesseits wird überschwemmt von Elend. Erneut richtet sich Castus Blick gegen den Himmel – Und als das Geschrei und Gekreische seiner Untertanen die Stille dieser perfekten Nacht vollends vertrieben hat.. Da entstehen neben seinen zornig lodernden Augen.. winzige, knittrige Lachfalten. Möge er beginnen.. Der Kampf zwischen Himmel und Hölle.

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