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Lauf, wenn du kannst

Der Mond faszinierte mich schon seit ich ein kleiner Junge war. Besonders in Nächten wie der heutigen, in der der Vollmond hell leuchtend über uns wacht, scheint er eine magische Anziehungskraft zu besitzen. Meine Schwester teilte diese Leidenschaft nie mit mir. Sie hatte Angst vor der Nacht und der Dunkelheit, ganz im Gegensatz zu mir. Ich fühle mich in der Dunkelheit geborgen, sie strahlt Ruhe aus und hat etwas Magisches an sich. 

Die meisten Menschen würden mich als Eigenbrötler bezeichnen. Ich habe keine Freunde und fühle mich alleine wohler, als in Gesellschaft. Menschenansammlungen machen mir regelrecht Angst, deshalb bevorzuge ich es, mich mit mir selbst abzugeben. Ich mache mir einen Kamillentee und setze mich in meinen geliebten Sessel, aus dem ich einen guten Blick durch das Fenster und auf den Vollmond habe. Meine Schallplatte säuselt vor sich hin und ich lasse mich von meinen Lieblingsmelodien berieseln. Die Musik war nicht laut, und ich erschrak, als ich das Klingeln der Tür vernahm. Es ist bereits spät abends und ich erwarte natürlich keinen Besuch, also entschließe ich mich, das Klingeln zu ignorieren. Doch wenige Sekunden später läutet es erneut, diesmal länger und durchdringender. Ich stelle also meine Tasse auf den kleinen Beistelltisch und erhebe mich aus meinem Sessel. An der Tür angekommen, kann ich hinter dem Milchglas eine Gestalt erkennen. Hin-und hergerissen, ob ich die Tür wirklich öffnen sollte, stehe ich noch einige Sekunden wie angewurzelt da. Irgendein Gefühl bedeutet mir, dass es besser wäre, die Tür geschlossen zu halten. Und tatsächlich sehe ich im nächsten Moment durch das Milchglas, wie die Gestalt sich wieder von meinem alten Haus entfernt. Etwas verwirrt, aber erleichtert lasse ich mich wieder in meinen gemütlichen Sessel sinken, als ich durch das Fenster sehe und meinen Augen kaum traue… die Gestalt, die sich noch eben an meiner Haustür bemerkbar gemacht hatte, stand plötzlich in meinem Garten und schaut mit eiskalten, schwarzen Augen in mein Wohnzimmer. Ich erstarre, ein Schauer läuft mir über den Rücken und ich weiß ganz genau, was mich als nächstes erwartet. Denn diese Gestalt sah ich nicht zum ersten Mal…

Meine Schwester mochte die Dunkelheit nie, ein leichtes Opfer. Es ist auf den Tag genau 40 Jahre her, als wir es zum ersten Mal sahen. Es starrte mit den gleichen eiskalten Augen in unser gemeinsames Kinderzimmer und langsam kam es immer näher…bis es direkt über uns schwebte.Wir konnten uns nicht regen, waren wie gelähmt. Es legte die viel zu langen, dürren Arme um meine Schwester und nahm sie mit in die Dunkelheit. Ich redete mir bis heute ein, es sei ein böser Traum gewesen in der Nacht vor 40 Jahren und dass es für das Verschwinden meiner Schwester eine logische Erklärung gab. Doch nun sehe ich der Gestalt erneut in die Augen und ich habe endlich Gewissheit, dass das grausame Erlebnis Realität war. Ich weiß, sie kommt nun, um mich zu holen. Ich fürchte mich nicht, denn in der Dunkelheit fühle ich mich geborgen…doch wenn es dich bei Vollmond heimsucht, nährt es sich von deiner Angst: Lauf, wenn du kannst!

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