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Memoiren eines Opfers [4/5]

Ein Stich in meiner linken Schläfe ließ mich die schmerzende Stelle berühren. Ich fasste mir an die Brust, mein Herz schlug noch. Langsam öffnete ich die Augen und die Galle stieg in mir auf. Ich wusste nicht, wo ich mich befand. Um mich herum war nichts als Schwärze. Orientierungslos sah ich mich um und erblickte meinen Begleiter, der neben mir saß. Mit dem Rücken an eine Wand gelehnt. Er rührte sich nicht. Ich wollte mich erheben, doch nichts geschah. Egal wie sehr ich mich bemühte, mein Körper gehorchte mir nicht länger. Meine Kräfte bündelnd stieß ich mit der Spitze meines Stiefels gegen sein Bein. Wie von der Tarantel gestochen schlug er aus, flehte und hob schützend die Hände vor sich. Er beruhigte sich etwas, als er mich erblickte. Dann sah er sich ebenfalls orientierungslos um und begann zu weinen. Das hatte mir jetzt noch gefehlt. Ich vernahm quietschende Laute und das Geräusch rasselnder Ketten. Dieser dunkle Nebelschleier lag noch immer in der Luft. Schon witzig. In der Regel sind wir es, die Hinterhalte planen und ausführen, doch jetzt war ich scheinbar selbst in einen geraten. Schlurfende Schritte näherten sich uns. Ich senkte augenblicklich meinen Blick. Der Kerl neben mir wurde immer panischer. Ich bemühte mich, doch ich konnte mich beim besten Willen nicht rühren. Meine Dolche lagen in einiger Entfernung neben mir, doch auch diese zu erreichen schien zum jetzigen Zeitpunkt nicht möglich. Aus dem Augenwinkel sah ich eine kindliche Silhouette auftauchen und vor meinem Begleiter zum Stehen kommen. Er jammerte, flehte und weinte bitterlich. Vorsichtig begann ich die Gestalt, welche offensichtlich Neah sein musste, zu begutachten. Trotz des dunklen Schleiers sah ich sie klar und deutlich.

Staubige und zerrissene Sandalen, schmutzige Knie, ein einfaches, vermutlich blaues Kleidchen, welches an einigen Stellen eingerissen war, schmale Schultern und blonde Locken. Ich wagte nicht, mir ihr Gesicht genauer anzusehen, so starrte ich wieder auf meine Füße. Ich hörte meinen Gefährten wiederholt „Nein“ schreien. Dann verstummte er und begann daraufhin zufrieden zu lachen. Wieder warf ich meinen Blick in seine Richtung, doch darauf bedacht, nicht in ihr Gesicht zu sehen. Und dann begann er mit jemandem namens Joan zu sprechen. Er sah Neah an und erzählte alte erlebte Geschichten, erkundigte sich nach Joans Wohlbefinden und vielen anderen Dingen. Nachdem was ich hörte, musste dieser Joan männlich und erwachsen sein, doch vor ihm stand noch immer die Kindergestalt Neah. Er sprach mit Neah, als sei sie Joan. Ich hörte eine verzerrte und bizarr klingende Stimme, die sagte, sie habe Hunger. Mein Nachbar bot mich sofort an. Er sagte, Joan könnte mich ruhig fressen, es würde mir nichts ausmachen. Verdammter Bastard. Neah näherte sich mir. Stumm beobachtete ich ihre Bewegungen, selbst unfähig, mich zu rühren. Wenn sie dachte, ich würde um mein Leben betteln, hatte sie sich gewaltig geschnitten. Sie ging vor mir in die Hocke und noch bevor ich in ihr Gesicht sah, kniff ich meine Augen fest zusammen. Und ich betete. Ich betete, dass sie ihn als Ersten nehmen würde. Ich wünschte es mir, damit ich selbst verschont blieb.

Neahs abnorme Stimme fragte mich, warum ich sie nicht ansah. Ob sie mir nicht gefallen würde oder ob ich mir jemand anderen wünschte. Sie versicherte mir, dass ich nicht zu antworten bräuchte, da sie in mich sehen könne und von alleine wisse, wen ich zu sehen begehrte. „Unsinn“, schoss es mir durch den Kopf. Mein Herz war verschlossen. Es gab niemanden für mich. Nicht mehr. Nicht in dieser Welt und so war alles, was ich tat, sie auszulachen. Mein mittlerweile nervender Nachbar redete auf “Joan” ein. Er solle mir doch nicht solche Angst machen, sondern sich gleich etwas von mir gönnen. Etwas von mir gönnen. Bei dem Gedanken stieg mir erneut die Galle auf. Ich sagte ihr, dass ich kein Interesse an Unterhaltungen mit Abscheulichkeiten hegte, und presste meinen Rücken gegen die kalte Wand. Ich vernahm einen verwundert klingenden Laut von ihr, als sie sich wieder erhob und zu meinem Nachbarn wechselte. Langsam öffnete ich wieder meine Augen, sah auf meine Füße. Sie hätte mich zwingen können. Ich war wehrlos. Sie hätte ihr Gesicht in meines pressen können, mir die Augen aufhalten oder gar meine Augenlider abtrennen können, doch tat sie es nicht. Sie war wohl von der Sorte, die mit ihrem Essen spielte. Ein scheußliches, knackendes, reißendes und schmatzendes Geräusch dröhnte in meine Ohren. Der Kerl lachte wie ein Irrer. Meine Augen hafteten auf Neahs Kleid. Und dann auf das, was ihr Unterkiefer war. Ausgestattet mit Reißzähnen, wie sie nicht einmal ein verdammtes Raubtier besaß, baumelte er etwas unterhalb ihrer Brust. Mir wurde, klar was sie da tat.

Grundgütiger.

Sie schaffte Platz. Meine Atmung beschleunigte sich ins Unermessliche, als sie anfing, den noch lebendigen Idioten neben mir im Ganzen runterzuschlingen. Und er lachte. Selbst als sie ihm die Beine durchbiss, um seinen Körper weiter hinunterzuschlingen, lachte er nur. Die Geräusche brechender Knochen und reißendes Fleisches bahnten sich ihren Weg in meinen Verstand. Als dies geschah, wünschte ich mir nur noch, sie würde ihn endlich endgültig verschlingen, damit er aufhörte zu lachen.

Verängstigt wie ein Kind wandte ich meinen Blick ab und schloss umgehend die Augen. Kurze Zeit später war es vollbracht. „Den Göttern sei Dank“, dachte ich nur. Drohte mir etwa dasselbe Schicksal? Plötzlich wich die Angst der Wut und ich fokussierte meine Gedanken einzig und allein darauf, dieser Missgeburt den Kopf von den Schultern zu trennen. Ich zwang meinen Körper zum Handeln. Bevor sie sich mir zuwandte, schnellte ich zu meinen Dolchen, ergriff diese und preschte auf Neah zu. Der in meiner linken Hand durchbohrte ihren Brustkorb, während der in meiner rechten zum finalen Schlag ausholte. Mein Blick fokussierte sich auf ihren Hals und Brustkorb. Die Klinge fiel auf ihr Ziel hinab, doch dann stieß sie sich gegen den Dolch in ihrer Brust und kam mir ungeheuerlich nah. Ihre Hände packten meinen rechten Arm und ich spürte, wie sich ihre Finger durch meine Haut in mein Fleisch gruben. Es brannte wie Feuer. Mit einer mir wohlbekannten Stimme winselte sie.

„Warum willst du mich töten, Bruder?“, fragte sie weinerlich. Ich kam nicht gegen ihre unmenschliche Kraft an. Ihre Finger waren noch immer in meinem Fleisch, hielten meinen Arm zurück. Mit der Stimme meines kleinen Bruders hob sie langsam ihren Kopf. Bevor das geschah, schlug ich meinen Kopf gegen ihren, was sie etwas zurücktaumeln ließ. Es reichte, um die Klinge aus ihren Brustkorb zu ziehen und erneut anzusetzen. Sie hielt noch immer meinen Arm und zog plötzlich mit gewaltiger Kraft an ihm. Dann folgte ein kurzer, drehender Ruck und ich spürte, hörte, wie meine Knochen brachen. Ein weiterer Ruck mit einer einzelnen Hand, während sie mich mit der anderen erfolgreich auf Abstand hielt, ließ meine Haut reißen und nun baumelte mein Arm blutend und nur noch an wenigen fleischigen Fäden hängend vom Rest des Körpers. Die Klinge landete mit einem für mich ohrenbetäubenden Lärm auf dem harten Steinboden. Es passierte so schnell, dass ich nicht einmal schreien konnte. Mein Körper füllte sich mit Adrenalin. Ich konnte an nichts anderes denken, als sie zu töten. Sie ließ den beinahe herausgerissenen Arm los und ich schleuderte ihn ihr augenblicklich ins Gesicht. Erneut taumelte sie und ich stieß meine Klinge in ihren Hals. Als sie ihn durchbohrte, sah ich in ihre Augen. Ich realisierte nicht, welchen Fehler ich gerade begangen hatte. Als sie erneut mit der Stimme meines Bruders etwas gurgelte. Diese Augen. Ich konnte meinen Blick nicht mehr davon lösen. Ich dachte, dies sei mein Ende, als meine Sicht verschwamm…

 

Memoiren eines Opfers [5/5]

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