Lange

Eine Geschichte von Liebe und Verrat und endlosem Schmerz

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Der Schmerz etwas zu verlieren, ist immer größer, als der Schmerz etwas nie besessen zu haben.

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I

Es liegt nun schon einige Zeit zurück, und dennoch erinnere
ich mich daran, als wäre es erst gestern gewesen. Damals lebte ich zusammen mit
meinen Eltern und unserem Hund Sandy in einem recht abgelegenen Vorort. Dieser
lag zur Talseite eines Berges, sodass Regen und Nebel sehr oft über unsere
kleine Welt hereinbrachen. Sogar an den heißesten Tagen zogen schwarze Wolken
auf, und bescherten uns derart starke Gewitter, dass nicht selten ein kleines
Kind verschreckt wurde.

Unser Haus lag nahe einem kleinen Forst. Mein Großvater hatte
mir einst Horrorgeschichten über diesen Wald erzählt, sodass dieser für mich
stets eine unheimliche Aura hatte. Jedes Licht, das auf die Kronen der Bäume
traf, schien sich im Gestrüpp der Äste und Dornen zu verlieren, während eine
dichte Laub und Nadelschicht den Boden gänzlich bedeckte. Einst hatte ich sogar
einen Wolf herausrufen gehört, dem Vollmond entgegen rufend. Seither assoziierte
ich dieses grauenhafte Jaulen mit den Abgründen des Hains und noch heute läuft
mir ein Schauer über den Rücken, wenn ich einen Wolf heulen höre.

Doch fühlte ich mich sicher, solange Sandy, der Hund, bei mir
war. Als kleinen Welpen hatte ich ihn zu meinem Geburtstag bekommen und
aufgrund der Tatsachen, dass er sein Fell nicht nur die gleiche Farbe wie Sand
hatte, sondern er es auch liebte, Dinge im Sandkasten unseres Gartens zu
vergraben, hatte ich ihn kurzerhand Sandy getauft. Er war ein treuer Begleiter
und mehr als das – er schien Dinge zu spüren, ehe sie eintrafen, geradezu als
könne er Unheil wittern.

Im Gegensatz zu meiner Mutter war mein Vater nur selten
Zuhause anzutreffen. Er ging früh und kam spät, und außer an den Wochenenden,
bekam ich ihn recht selten zu Gesicht. Das eine oder andere Mal hatte ich ihn
mit einem Anzug und einem schweren Aktenkoffer das Haus verlassen, in seinen
Sportwagen einsteigen und gen Sonnenaufgang fahren sehen. Meine Mutter seufzte
nicht selten darüber, dass viel Arbeit an ihr hängen blieb, doch schien die
Tatsache, dass mein Vater der Alleinernährer unserer Familie war, sie davon
abzuhalten, ihn damit zu konfrontieren. Wenn mein Vater dann einmal zu Hause
war, suchte er kaum Kontakt zu mir. Seine Arbeit schien ihn sehr in Anspruch zu
nehmen, und seine freie Zeit verbrachte er meist damit mit einem Glas Sherry in
der Hand uralte Filme anzusehen. Er hatte schon immer einen Fabel für die Zeit
gehabt, in der Männer mit Hüten und Anzügen in Kneipen zusammengekommen waren.

Es war an einem heißen Sommertag gewesen, doch ein kühler
Wind kündete von einem Unwetter, das herannahte und wenn man in die Ferne
blickte, konnte man den Sturm erahnen, wie er sich langsam zusammenbraute. Die
Vorboten der Dunkelheit, die Krähen, zogen heran und versprachen ein Gewitter.

Nichtsdestotrotz hatten ich und mein Kindheitsfreund uns dazu
entschlossen, im kleinen Planschbecken aus Gummi zu spielen und die wenige
sonnige Zeit, die uns noch blieb, auszukosten. Stunden musste wir dort im
Wasser getobt haben, doch waren nur Minuten verstrichen, als die Luft merklich
kälter wurde und aus der sanften Brise eine beachtliche Böe geworden war.

Schon seit einiger Zeit hatte ich das Gefühl beobachtet zu
werden und manchmal meinte ich sogar, wenn ich zum Dachfenster unserer Hauses
blickte, flüchtig eine schwarze Silhouette auszumachen, doch war mein infantiler
Verstand naiv genug, der Tatsache keinerlei Beachtung zu schenken. Was kümmerte
es einen Jungen, ob man ihn beobachtete? Das einzige, was mein Interesse
gewonnen hatte, war das Spiel mit meinem Freund. Erst als wir das Wasser
verließen und unsere nassen Körper trockneten, begann ein ungutes Gefühl in
mein Bewusstsein zu kommen. Wer war der Mann gewesen? Vielleicht mein Vater,
der früher von der Arbeit gekommen war?

Auch Sandy schien etwas wahrgenommen zu haben.

Mein Freund tat es auf ein Eichhörnchen oder ein anderes Tier
ab, und wenig später hatte mein infantiler Verstand die Sache längst verdrängt.
Auch das seltsame Gefühl hatte sich in Rauch aufgelöst. Nur mein Hund Sandy
starrte angespannt aus dem Fenster, geradezu als würde er das, was ich eben gehört
hatte, beobachten.

Als dann die vorhergesagten Wolken langsam über uns
hereinbrachen, und der Himmel dunkler wurde, bemerkten wir die Kälte, die die
Witterung mit sich brachte. Fröstelnd trabten wir zurück ins Haus, nahmen uns
ein paar Handtücher und kleideten uns damit ein.

„Mama“, rief ich von oben, um mich zu vergewissern, dass sie
noch hier war. Für einige Minuten jedoch erhielt ich keinerlei Antwort.
Skeptisch trat ich zum Eingang, und musste feststellen, dass sowohl die
Handtasche, als auch die hohen Schuhe meiner Mutter verschwunden waren.

„Mama?“, rief ich erneut, und wieder wartete ich einige
Momente, doch hörte ich nichts, außer dem prasseln der Regentropfen, die nun
bereits vereinzelt auf die Pflastersteine unserer Terrasse fielen.

„Mama!“, schrie ich nun energisch, damit rechnend, keine
Antwort zu erhalten. Zu meiner Überraschung jedoch, tönte eine seltsame, raue
Stimme von oben her, ein Klang, der mir das Blut in den Andern gefrieren ließ.

„Mein Schatz“, antwortete meine Mutter, und ich fragte mich,
was wohl der Grund dafür sein könnte, dass sie in dieser merkwürdigen Stimmlage
sprach.

„Ist bei dir – alles in Ordnung?“, fragte ich vorsichtig, in
der Hoffnung eine sinnvolle Erklärung zu bekommen. Aber nun war es wieder
still. Wind war aufgekommen, und das Prasseln des Regens war nun nicht mehr zu
überhören. Ein Blitz stieß herab vom Himmel, gefolgt von einem Donner, und ich
begann am ganzen Körper zu zittern. Irgendetwas stimmte nicht, das wusste ich.
Ich begann mich zu fragen, wo mein Hund Sandy war. Wann immer ich mich unwohl
fühlte, brauchte ich seine Nähe. Doch ich konnte ihn im Erdgeschoss weder sehen
noch hören, was mein Unwohlsein noch bestärkte.

Vom Donner verschreckt wagte ich mich langsam die Treppe nach
oben. Gleich einem Geist versuchte ich kein Geräusch von mir zu geben, und
meine Füße schienen über die Holzstufen zu gleiten, als wären diese aus Eis.
Gerade als ich die letzte Stufe besteigen wollte, ertönte von nun von unterhalb
ein Geräusch.

Mein Blut gefror mir in den Adern. Ich kannte diesen Klang:
Ein Schlüssel! Jemand versuchte unsere Türe zu öffnen. Aber mein Vater würde
erst auf die Nacht nach Hause kommen, und meine Mutter war dort oben, in ihrem
Zimmer. Wer also könnte einen Schlüssel zu unserem Haus haben?

Meine Knie wurden weich. Mein Herzschlag wurde schneller und
intensiver. Dann, mit einem mechanischen Quietschen, konnte ich erahnen, wie
jemand unsere Wohnung betrat. Ich hörte seine Schritte, viel eher gesagt war es
fast unmöglich, sie zu überhören. Es waren Stöckelschuhe. Eine Frau.

„Schatz, bist du hier drinnen?“, hörte ich die Stimme meiner
Mutter aus dem Untergeschoss, und alle Anspannung löste sich mit einem Mal von
mir. Es war, als wäre mir ein Stein vom Herzen gefallen, und mit einem Mal
bereitete mir nicht einmal das Gewitter mehr Unbehagen.

„Ja Mama, ich bin hier oben“, entgegnete ich ihr lautstark,
und wandte mich wieder der Treppe zu. Dann mit einem Mal begriff ich es; es
hatte mich wie ein Schlag ins Gesicht getroffen und ich brach voll Angst
zusammen…

„Mama, komm schnell!“, rief ich halb schluchzend, halb
erstickt nach unten, und warf mich, da sie oben angekommen war, verängstigt an
ihren Fuß.

„Was ist denn los?“, fragte sie mich mit ihrer sanften Stimme,
der man einen Hauch von Verwunderung entnehmen konnte.

„Da… Da ist jemand… in deinem…“, mehr brachte ich nicht
heraus, und meine Mutter schien zu ahnen, was ich ihr versuchte mitzuteilen.
Ihr Blick wurde dunkler, und von draußen ertönte abermals der Donner.  Nun war auch ihre Mimik von Horror gezeichnet.
Auf eine seltsame Art und Weise schien zu wissen, was vor sich ging.

Langsam öffnete sie die Türe zu ihrem Zimmer. Ich wagte nicht
meine Augen zu öffnen, und ich wagte auch nicht zu weinen, ich wagte nicht
einmal zu atmen. Meine Hoffnung bestand darin, dass dieser schreckliche,
schreckliche Moment nur endlich enden möge.

Ich spürte, wie meine Mutter das Zimmer betrat. Ihr Aufschrei
war wie ein Weckruf für mich. Er drang durch alle Wände, durch alle Fasern
meines Körpers bis hin zu den tiefsten Abgründen meiner Seele. Nie werde ich
den Anblick vergessen, der sich mir bot, als ich meine Augen aufschlug. Noch
heute plagen mich Albträume von jenem Abend.

Es war eine Tat so brutal, wie ein menschliches Wesen sie
kaum verüben konnte. Mein Hund Sandy, mit vier Nägeln an die Wand fixiert, je
einer durch seine Ohren, die anderen beiden durch seine Vorderpfoten. Sein Fell
war ihm abgezogen worden, und lag nun, mit Blut getränkt, auf dem sonst
reinlichen Parkettboden. Seine Augen schienen hervorzuquellen, und seine Zähne
brachen mit einem gequälten Biss aus dem Zahnfleisch hervor. Mit dem Blut des
Tieres hatte er einen einzigen Satz an die Wand geschrieben.

Das einzige, was der Täter außer den Zeichen an der Wand
hinterlassen hatte, waren die Abdrücke seiner Stiefel, die vom Zimmer direkt
auf den Balkon führten. Vermutlich war er abgesprungen. Er war weich gelandet,
denn das Gras war nass und schlammig.

Ein letzter Blitz schlug vom Himmel nieder, und warf sein
Licht auf das Werk, das er verrichtet hatte: „Er gehört mir“

II

Das Wetter schien auch die Tage nicht besser zu werden. Viel
mehr verdichteten sich die grauen, tristen Wolkenfetzen am Himmel und bildeten
eine dicke Wand, die kein Licht hindurch ließ. Regen goss in Strömen vom
dunklen Firmament, gefolgt von warnendem Donnergrollen und Blitzen, und das
scharfe, blendende Licht, dass sie auf die dunkle Welt warfen, schmerzte in den
Augen.

Zwei Nächte tat ich kein Auge zu, und auch meine Mutter
nicht. Mein Vater blieb zu Hause, und wir waren wachsam, immer zu. Wir
schliefen nicht, wir ruhten nicht. Wir waren auf der Hut. Am zweiten Tag dann
läutete es an der Türe. Ein Mann mit Anzug und säuberlich nach hinten
geworfenen Haaren trat ein und stellte sich als Hauptkommissar vor. Sein
Gesicht war über und über mit Narben geziert, und die Kälte in seinen Augen
verriet, dass er bereits getötet hatte.

Er erklärte, dass er ein Polizist wäre und setzte sich, ohne
um Erlaubnis zu bitten, auf den Stuhl gegenüber meiner Mutter. Er musterte sie
mit einer Mimik in dem sich eine Reihe von Gefühlen vermischt hatte, doch
konnte ich keines von ihnen ausmachen. Eine Sonnenbrille verdeckte seine Augen,
sodass ich es nicht erahnen konnte, was er fühlte oder gar dachte. Nun setzte
sich auch mein Vater an den Tisch. Nie zuvor hatte ich ihn mit einem derart ernsten
und starren Gesichtsausdruck gesehen. Es war fast so, als lieferten sich die
beiden Männer einen erbitterten Kampf darum, wer dieser völligen
Ausdruckslosigkeit und Kälte länger standhielt.

Dann, völlig unerwartet, schwenkte der Blick des Mannes zu
mir. Ich nahm ein kleines, kaum merkliches Zucken in seinen Mundwinkeln war,
und die Kälte, die diese Person ausstrahlte, verängstigte mich. Zwar hatte ich
mich noch nie mit der Polizei identifizieren können, doch war an diesem Mann
etwas anderes, etwas, dass ich noch nie zuvor bei einer Person gespürt hatte. Es
lag zweifellos an seiner Aura, der Aura eines Mörders. Es war sein Beruf zu
morden, ich wusste das, und dennoch ängstigte es mich.

Doch auch der Blick meines Vaters, der mich nie mit
sonderlich liebenden Augen betrachtet hatte, war nun von etwas gänzlich fremdem
gefärbt. Fast schon gleichgültig betrachtete er mich, seinen Sohn. Es war ein
Ausdruck des Hasses, der puren Abscheu, und ich konnte partout nicht sagen, wem
diese Ächtung galt. Es war fast so, als hätte sich meine ganze Umwelt zu einem
Kreis aus Feindschaft zusammengefunden. Die Wände, in die sie mich eingezäunt
hatte, schienen nun bedrohlich nahe zu kommen, und ich ertrug es nicht, dass
ein Fremder mehr Aufmerksamkeit erhalten sollte, als ich.

Im nächsten Augenblick gab der Mann meinen Eltern ein
Zeichen, die mich daraufhin aus dem Zimmer wiesen. Schon des Öfteren hatte sie
sich gestritten und mich aus dem Zimmer geschickt, sodass ich nie wusste, was
der Grund ihrer Auseinandersetzungen war. Lediglich zusammenhanglose Worte wie „betrogen“
oder „der Junge“ konnte ich im Geschrei ausmachen. Es war der gleiche Blick,
den meine Mutter an den Tag legte, wenn sie sich mit meinem Vater stritt, der
mich verscheuchte.

Betrübt und verunsichert zugleich trabte ich die hölzernen
Stufen der Wendeltreppe nach oben. Meine Gedanken wanderten zu den vergangenen
Tagen… Es war ein schrecklicher Tag gewesen, einer, der meine Erinnerungen
vergiftete, sich wie ein Faden durch alles Schöne, das mir einst widerfahren
war, zog und gleich einer scharfen Klinge zerschnitt bis nichts mehr übrig war,
als ein Haufen Scherben. Ich fühlte mich alleine gelassen und ohne jede
Hoffnung.

Verloren, wie ich mich glaubte, saß ich mich auf mein Bett,
zog die Knie an die Brust und umklammerte sie mit meinen dürren, bleichen
Armen. Ich hatte seit jenem Tag nichts mehr gegessen, und je mehr ich darüber
nachdachte, was mir widerfahren war, desto eher stiegen mir Tränen in die
Augen. Ein Kind, wie ich es war, sollte nicht unter diesem Einfluss aufwachsen.
Es war, als wäre meine unbeschwerte Kindheit mit einem Hauch verloschen, und
stattdessen tobte Horror in meinem Herzen. Ich musste besonnen sein, denken wie
ein Erwachsener, denn nur so könnte ich all dem Terror, der mir drohte,
standhalten. Ich zwang mich, meine innersten Gefühle zu unterdrücken, und kehrte
in mich.

Ein Blitz fuhr vom Himmel, und ich war nicht länger im
Stande, auch nur eine einzige Träne länger zurückhalten. Ich wünschte mir
nichts sehnlicher, als jemand der mich in seine Arme nahm, als eine Person, die
sich schützend an mich schmiegte, und mir versicherte, dass alles wieder gut
werden würde. Und doch blieb ich alleine, den ganzen Abend über alleine. Nur
der Regen stand an meiner Seite. Gemeinsam weinten wir in die anbrechende
Nacht, eine Nacht, die gerade erst zu beginnen schien. Ab und an wimmerte ich
kurz und ein Donner riss mich zurück in meine Verzweiflung.

Es war nicht viel später, da der Polizist mein Zimmer betrat,
im Gefolge meine Eltern. Ihr Blick war wie üblich trüb, und ich sah, dass meine
Mutter geweint hatte. Nun, da ich viel aufmerksamer geworden war, fielen mir
diese Dinge auf, und ich sog jedes Detail aus meiner Umgebung in mich auf. Ich
erkannte die leicht grünliche Färbung in der Iris meines Vaters, ich erkannte
die leicht bläuliche in der meiner Mutter, und die graue des Polizisten. Ich
erkannte jedes Muttermal auf dem Arm meiner Eltern, und jede Narbe, die der
Officer an den Armen trug, brannte sich in mein Gedächtnis.

Mit seiner Stimme von Winter und Kälte wies der Beamte meine
Eltern an, einige meiner Besitztümer auszuhändigen. Fingerabdrücke müssten
genommen werden – meine und auch die des Täters. Immer wieder beteuerte er,
dass der Täter wohl schon seit längerer Zeit ein Auge auf mich geworfen hatte
und es wahrscheinlich wäre, DNA von ihm an meinen Spielzeugen und anderen Habseligkeiten
nachzuweisen. Ohne zu zögern riss mir mein Vater den Teddybären, den ich von
ganzem Herzen geliebt hatte aus den Armen und warf ihn dem Mann vor die Füße.
Sie nahmen mir alles, woran mein infantiles Ich festgehalten hatte, doch war ich
nun mehr in die Rolle eines Erwachsenen geschlüpft. Dennoch hatte ich sie
gebraucht, meine Eltern, dringender als zu jedem anderen Zeitpunkt in meinem
Leben, aber hatten sie mich im Stich gelassen.

Nicht nur, dass meine eigenen Eltern mich in meinen
schlimmsten Stunden, da ich vom Kind zum Erwachsenen wurde, da ich die Gefühle
von Jahren in Sekunden entwickeln und verarbeiten musste, da ich gezwungen war,
jede Unbeschwertheit hinter mir zu lassen, alleine gelassen hatten, sie
stellten sich nun auch noch gegen mich, und mein Herz schien in tausend Teile
zu zersplittern, als ich den zornerfüllten Gesichtsausdruck meines Vaters so
deutlich wie nie zuvor betrachtete.

Ich hatte die beiden von unten streiten hören, aber wusste
ich nicht, worum es ging, und mein Blick wanderte flehend zu meiner Mutter, in
der Hoffnung sie würde zu mir stehen, und mir mein Kuscheltier zurückerobern,
doch hatte diese ihren Blick auf den Boden geworfen und schien mich, ihr
eigenes Kind, nicht weiter zu beachten. Ein heller Blitz gepaart mit einem
höllischen Donner zerriss die Luft, und ich ließ mich wie betäubt auf mein Bett
fallen.

Da war ich nun, hilflos, und keiner schien mich zu verstehen.
Ich war meines Eigentums beraubt, und meine Kindheit war mir entrissen worden.
Mein größter Schatz, die Freude und Hoffnung selbst, sie schien sich in
grenzenloser Trauer und Hoffnungslosigkeit zu manifestieren, und wie ein Hauch
zerfloss sie im Regenschauer.

Es war noch am nächsten Morgen, da meine Eltern kamen und
alles, was sie über die Jahre in unserem Haus angesammelt hatten, in großen
Pappboxen verstauten. Auch in ihren Augen war nun der blanke Horror zu sehen.
Meine Mutter hatte wieder begonnen zu Rauchen, mein Vater nippte fast minütlich
an einem einen Glas Sherry, in das er zwei kristallklare Eiswürfel geworfen
hatte. Beide zitterten unaufhörlich, und ich spürte, dass etwas nicht stimmte.

„W-Was ist los Mama? Wieso.. wieso packen wir?“

Meine Mutter warf mir einen hastigen Blick zu, musterte mich
einen flüchtigen Moment. Dann stieß der Donner von Himmel, und meine Mutter
fuhr so sehr zusammen, dass sie das teure Porzellanservice, das sie einst so
sehr verehrt hatte, fallen ließ. Tränen kamen in ihre Augen, und sie begann an
ihren Nägeln, die ihr einst so sehr am Herzen gelegen hatten, zu kauen.

„Ziehen wir weg?“, wandte ich mich an meinen Vater, der
trübselig auf den Grund seines Glases starrte. Ohne auch nur mit den Wimpern zu
zucken, antwortete er mir.

„Ja, denn wir sind hier nicht länger sicher“

Ein Schauer lief mir über den Rücken, fast so als ob ich es
geahnt hätte. Ich wusste nicht, was geschehen war, aber ich wusste, dass er
erneut zugeschlagen hatte.

„D-Dieser Mann… er … er war wieder hier, oder?“, fragte ich
zitternd, und mein Vater riss seine Augen auf, sodass rötliche Adern auf seinem
Augapfel hervorquollen, und eine kleine, schimmernde Träne platschte auf den
rostbraunen Sherry, den er nun schon seit Minuten unablässig anstarrte. Ich
kannte die Antwort, die mein Vater mir nicht gab, bereits, und so fuhr ich
fort.

„Aber“, ich hielt kurz inne, und beachte meine Worte, „was
ist mit dem Polzisten? Kann er uns nicht beschützen?“

Daraufhin atmete mein Vater tief ein, ertränkte den Lufthauch
mit einer Welle aus seinem Glas, verzog seine Mundminkel zu einem halb
gequälten, halb verzweifelten Lächeln, und antwortete mir dann mit einer
Stimme, die mir auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Es kam aus dem tiefsten
seiner Seele, aus dem entlegensten Winkel seines Herzens, und war nichts als
blanke Angst:

„Er war kein Polizist“

III

Es waren bereits einige Wochen vergangen, als der Herbst den
Sommer verdrängte, und die Tage wieder üblich neblig wurden. Die Regenzeit
hatte zeitweise gestoppt, war nun aber wieder präsent, wie man es in unserem
neuen Dorf gewohnt war. Ich hatte bereits, ohne es zu wissen, begonnen mich in
eine Traumwelt zurückzuziehen. Oftmals starrte ich einfach die grauen Wolken am
Himmel an, und erahnte wage Gestalten. Bald ertappte ich mich dabei, wie ich
einsam in den Nebel rief, und hoffte, mir würde jemand Antwort geben.

Seit dem Umzug hatte ich nicht nur jeden Halt in meiner
tristen Welt verloren, sondern war auch einsam wie nie zuvor. Meine Mutter
verbrachte viel Zeit damit, unwichtige TV-Shows in sich aufzusaugen, in der
Hoffnung sie würden das riesige Loch, dass die Angst in ihr Herz gefressen
hatte, füllen. Mein Vater schien nun noch seltener nach Hause zu kommen, und
wenn ich ihn dann doch einmal zu Gesicht bekam, hatte er jegliches Mitgefühl in
einer Lache aus Gin und Sherry ertränkt. Selbst meine Freunde hatte ich
zurückgelassen, denn ich fühlte mich viel sicherer in meiner eigenen, kleinen
Welt, zu der nur ich Zutritt hatte. In meiner neuen Umgebung hatte ich
sicherlich die Möglichkeit gehabt, neue Kontakte zu knüpfen – ein Achtjähriger
findet schnell Freunde – aber je mehr ich mich in meine Welt hineindachte,
desto weniger schien die Realität bedeutsam zu sein.

Es war wahrlich eine einsame Welt, in die ich mich flüchtete,
doch schien die Einsamkeit mir Sicherheit und Trost zu bieten. Eine weite
Sphäre aus Hoffnungslosigkeit und tiefstem Grau schenkte Geborgenheit. Jeder
Ausflug in diese Welt, die mir zu Füßen läge, war wie ein Traum, und ich fand
mich bald schon in einem großen Turm gefangen: Vor mir der ewige Abgrund, und
eine eiserne Brüstung, die mich davon trennt, und über mir die grenzenlose
Dunkelheit, die Unendlichkeit und völlige Leere.

Mit der Zeit vergaß ich zu unterscheiden, war real war, und
war nicht. Ich verlor mein Gefühl für Zeit, mein Gefühl für Raum, und meine
Gedanken wanderten von der einen Welt zur anderen, gleich dem Pendel einer
standhaften Uhr, dass immer schneller wurde, dann langsamer und schließlich
ganz erstarrte.

Es muss die Realität gewesen sein, in der mich zu diesem
Zeitpunkt befand, denn die Ereignisse schließen es aus, dass ich all das nur
fantasiert habe. Doch fällt es mir auch heute noch schwer zu unterscheiden, was
tatsächlich war, und was gewesen wäre. Ich lag auf einem brachen Acker, und
Nebel zog durch die kühle feuchte Luft. Mein glasiger Blick war starr gen
Himmel gerichtet, und auch wenn ich dort nur die schier grenzenlose
Wolkendecke, die sich im Nebel gleich einem Rauchschwanden aufzulösen schien,
so wandte ich meinen Blick für Stunden nicht von ihr ab.

In Nähe und Ferne schienen Krähen zu krächzen. Ich hörte das
heftige Schlagen ihrer Flügel, und malte mir jede einzelne Feder, die diese
schmückten, so detailliert und akkurat aus, dass ich bald meinte, einer Krähe
gegenüber zu liegen.

„Kind…“, krächzte sie mit der üblich rauen Stimme. Ihr
Federkleid war schwärzer als das der anderen, und ihr Schnabel seltsam geformt.
Er schien von außerordentlichem Purpur zu schimmern, und die eisgrauen Augen
des Vogels schienen mich anzufunkeln.

„Hallo Krähe“, entgegnete ich, und ein Lächeln wanderte über
meine Lippen. Ich erinnerte mich – bereits gestern hatte ich mit der Krähe
gesprochen. Ich wunderte mich nicht recht darüber, dass ich scheinbar mit einem
Tier zu kommunizieren versuchte, denn zu diesem Zeitpunkt war mein Bewusstsein
nichts weiter als formlose Masse, die zwischen den Welten der Einbildung und
der Realität umherwanderte.

Die Krähe trat einige Schritte näher, und mir fiel auf, wie
seltsam ihre Klauen doch waren. Es war ein gänzlich sonderbares Tier, von
sonderbarer Aura, und sonderbarem Wesen. Dann breitete es seine Flügel aus,
sodass all die Federn, mit denen die Krähe sich geschmückt hatte, zu Boden
fielen. Die nun mehr kahlen Arme umschlossen meinen Nacken, und ich spürte das
kalte Blut durch die Adern des Vogels pulsieren.

„Hallo, Kind“, hauchte sie mich mit ihrer rauen Stimme an,
und ich spürte wie mein Herz schneller schlug. Mit jeder Sekunde, die ich
gemeinsam mit der Krähe verbrachte, schien es schneller zu werden, und
bald raste das Blut so schnell durch meine Venen, dass ich meinte, es würde mir
bald aus den Ohren hervorquellen.

„Komm mit“, entgegnete ich ihr und wollte sie in mein Zimmer
führen. Sie war mein Freund und stets gut zu mir gewesen. Ich ahnte, dass sie
nicht real war, doch kümmerte mich die Tatsache nicht, denn war der Traum meine
Wirklichkeit geworden und die Realität nichts weiter als ein lebloses Gefäß, in
dem die Einbildung sich formen konnte.

„Ich kann dich nicht begleiten. Niemand kann mich sehen“,
sagte das Tier mit behutsam ruhiger Stimme.

„Ich kann dich sehen. Ich werde niemandem erzählen, dass du
bei mir bist, ich verspreche es“ erklärte ich, und der Vogel willigte
schließlich ein, als sich alles in Rauch aufzulösen begann und ein Schatten
mich gegen mein Kissen drückte. Ein Kuss weckte mich aus meiner Trance und
Wolken waren am Himmel aufgezogen.

Im Regen rannte ich aufs Feld, packte die Krähe an ihren
dürren Armen, und zerrte sie regelrecht in mein Haus. Ihr durchnässtes
Federkleid tropfte auf den verdreckten Teppich – ich war mir nicht sicher, wann
meine Mutter zum letzten Mal das Haus gesäubert hatte. Mit Mühe und
außerordentlich viel Arbeit wies ich sie die Treppen meines neuen Zuhauses
hinauf, öffnete den Wandschrank und wandte mich an die Krähe:

„Hier ist genug Platz für dich. Du kannst hier bleiben“

Die Krähe, deren Maße für einen einfachen Vogel gar
außerordentlich waren, sodass sie von der Größe an einen ausgewachsenen
Menschen heranreichte, zwängte sich zwischen meine staubigen Jacken, und
krächzte zufrieden in die Dunkelheit. Dann antwortete sie:

„Danke, Kind. Aber lass uns nun endlich spielen“, und ihre
Stimme durchzog ein fast wahnsinniger Klang. In ihren Augen funkelte etwas
seltsames, ein Schimmern, wie ich es noch nie zuvor gesehen hatte. Mit einer
gebieterischen Geste erhob sich die Krähe, trat aus dem Wandschrank heraus, und
stieß sich ihren Schnabel an der Pforte, sodass dieser entzwei brach, und
gleich einem angebrochenen Ast nun teils fest am Federkleid des Vogels fixiert
war und teils leblos herabbaumelte.

Es näherte sich mir, und ich fühlte ein ungutes Gefühl, wie
ein Reflex aus dem tiefsten Inneren, etwas längst Vergessenes. Es schien sich
zu nähern, und was ich einst gespürt hatte, an jenem heißen Sommertag, es war
nun wieder da. Ich blickte starr auf die Krähe, in der Hoffnung sie möge mich
beschützen vor dem, was sich anbahnte, und sank schließlich voll Verzweiflung auf
den Boden.

Mitfühlend beugte sich die Krähe herab, strich mir sanft
übers Haar und flüsterte mit ihrer rauen, krächzenden Stimme in mein Ohr. Der
Klang, der mir so vertraut war, auf den ich mich verlassen konnte, er war nun
nicht länger der Fels in der Brandung. Die feinen Härchen an meinen Armen und
Beinen stellten sich auf, und ein kalter Schauer lief mir über den Rücken.

„Ich werde immer für dich da sein. Ich liebe dich“

Dann, mit einem lauten Poltern, wurde die Türe zu meinem
Zimmer aufgestoßen. Von der Krähe fest umklammert pochte mein Herz so wild und
so schnell, dass ich allein schon vom Geräusch betäubt fühlte. Mit langsamen,
graziösen Schritten glitt die Gestalt, die im Türrahmen stand, und von der
Finsternis in meinen Gedanken gänzlich verdeckt war, in mein Zimmer.

„Schatz!“, rief die Stimme meiner Mutter, und die Welt brach
in sich zusammen. Mit einem Mal zerbarst das Firmament, gleich einem Glas, das
erst rissig wird und dann in tausend Scherben herabfällt, und all jene schossen
in atemberaubender Geschwindigkeit durch die Luft, durchtrennten die breiten
und soliden Stämme der Bäume im Wald. Risse, riesige Risse bis hin zu Kratern
im Grund, und die Wiesen glitten auseinander. Ich blickte hinab in den ewigen
Abgrund zu meinen Füßen, und mir schien der Boden unter den Füßen zu
entgleiten, sodass ich fiel, und schließlich aus meinem schier ewigen Traum
erwachte.

Erstarrt fand ich mich in meinem Zimmer wieder. Ein Anblick,
wie ich ihn zuletzt vor Dekaden gesehen hatte. Ich wandte mich um. Das erste
was ich sah, war meine Mutter. In ihren Augen stand ein stummer Schrei voll
Angst und Verzweiflung geschrieben und ihre Knie schienen weich zu werden, da
sie nun auf den Boden sank, während gläserne Tränen ihre erröteten Wangen
herabsanken.

Mein nächster Blick fing das Fenster ein. Das Glas war
zerbrochen worden, sodass der kalte Wind heulend kleine feine Tröpfchen in mein
Zimmer wehte, die mein Gesicht so sanft erreichten, dass sie wie Säure zu
brennen schienen. Meine Sinne nahm langsam wieder Formen an, mein Blick wurde
offen, und ich kehrte der Welt, die soeben untergegangen war, endgültig den
Rücken.

Meine Augen folgten den tausend Scherben, die vom Fenstersims
hin zum Teppich, auf dem ich kniete, bemerkten eine pechschwarze Feder auf dem
Weg und verweilten schließlich starr. Voll Horror blickte ich auf das mit
Federn bedeckte Kostüm einer Krähe, schmutzig und rissig und über und über mit
Erde bedeckt, auf die Maske, deren Schnabel zerbrochen war, und das Blut, das
hinaus in die kalte Realität führte.

IV

Schmerz und Trauer zogen sich durch meinen schweren Körper
und ich schien zu fallen in ein endloses Dunkel aus Hoffnungslosigkeit und
Verzweiflung. Ein Schatten – erst langsam herannahend – , der sich nun
ausbreitete wie ein pechschwarzes Netz, das über mich fällt und sich langsam
zusammenzieht. Hilflos zappelnd rief ich um Hilfe, doch konnte mich niemand
hören in der endlosen Leere, die mich umgibt. Alles was einst war scheint zu
verblassen und gleichwohl ich aus der Trance erwacht war, schien die Realität,
die mich umgibt noch viel kälter zu sein als alles mir Bekannte.

Ich sah mich selbst vor meinem inneren Auge – ich war so
verletzlich und ich wusste darum, ich wusste genau, dass mich jeder Windhauch
aus den Angeln reißen könnte, ich wusste mit sicherer Bestimmtheit, dass das
Kartenhaus das sich mein Leben nannte, im Fundament zu bröckeln begonnen hatte.

Die Wände, die mich umgaben, waren kahl und leer. Einst
hatten an den Wänden meines Zimmers Poster gehangen, Bilder von Verwandten und
andere Dekorationen, einst hatte ich einen Ort mein zuhause genannt, doch war
all dies jetzt so fern. Vergeblich griff ich nach der Zeit, da meine Mutter
mich schützend umarmte, da mein Vater sich wie ein Wächter vor mich stellte und
nichts mir etwas anhaben konnte.

Ich hatte aufgehört zu zählen, wie oft wir nun umgezogen waren,
denn egal wo wir landeten, meine Mutter schien es nicht einen Monat lang für
sicher zu halten. Eine regelrechte Paranoia hatte von ihr Besitz ergriffen. Sie
schlief kaum noch, begann mit sich selbst zu reden, wobei die Monologe mehr und
mehr zu abstrusen Satzgebilden wurden und sie schließlich nicht mehr
hervorbrachte als einzelne Wörter oder Laute. Während ihr Äußeres immer mehr
zerbrach, errichtete ich eine Fassade, eine kalte Mauer, ein gefasstes Gesicht,
das der Welt zeigen sollte, dass ich noch nicht gebrochen war, dass immer noch
ein Funke Hoffnung in meinem Herzen schimmerte. So sehr meine Seele auch
geschändet war, sie war noch intakt – mein Herz schlug noch immer in meiner
Brust und ich wusste, dass alles, woran ich mich nun noch klammern konnte mein
eigenes Leben war.

Ich begann die Aufgaben meiner Mutter zu übernehmen, ich
hatte gelernt zu kochen und für mich zu sorgen, hatte die kleine schäbige
Wohnung, in der wir hausten so gut es ging in Schuss gehalten und meiner Mutter
beigestanden. Seit mein Vater sie nach einem grausamen Streit verlassen hatte,
war sie nie wieder Dieselbe gewesen. Es schienen Jahre vergangen zu sein, da
ich in meinem Zimmer gesessen hatte, weinend und bangend und nichts gehört
hatte, außer die Wutschreie meiner Eltern und den Beschimpfungen, die sie sich
an den Kopf geworfen hatten. An jenem Abend war mein Vater hinaus in den Sturm
gezogen und ich hatte ihn nie wieder gesehen.

Ich war ein Junge von sechzehn Jahren, ein Wrack von einem
Menschen, ein Mann ohne Kindheit. Doch meine Maske verbarg das, was unter der
Oberfläche schlummerte gleich einem Panzer, der meinen zerbrechlichen Körper
umgab. Ich ging wie ein normales Kind zur Schule, knüpfte wie ein normales Kind
Freundschaften und Feindschaften und niemand wäre je auf die Idee gekommen,
welch Leid in meinem Herzen tobte. Es war, als würden zwei Geister meinen
Körper wohnen: Der eine unversehrt, der andere geschunden. Beide Stimmen waren
gleichgestellt – zuhause regierte das verletzte Ich und in der Öffentlichkeit
war die Maske mein Verstand.

Es vergingen Wochen und ich hatte ein Mädchen kennengelernt. Kein
gewöhnliches – in meinen Augen war sie das Licht der Welt, ein Engel, der vom
Himmel herabgestiegen sein musste, so wie sie glänzte und strahlte. Ihr Haar
schimmerte wie Gold und ihre Augen waren 
von einem Blau tiefer als der Ozean. Ihre sanften Wangen, ihre weiche
Haut – ich war ihr auf den ersten Blick verfallen.

Mit Unsicherheit und Furcht sprach ich sie an, rechnend
abgewiesen zu werden. Sie war seit einer gefühlten Ewigkeit der erste Mensch,
mit dem ich sprechen wollte, doch schien es mir, als hätte ich vergessen, wie
man Worte und Sätze bildete.

Dennoch kamen wir ins Gespräch. Wir beide schienen uns auf
Anhieb zu verstehen und bald schon war sie mir wichtig geworden, wichtiger, als
ich es hätte zulassen sollen. Wir sahen uns fast jeden Tag und ich genoss es in
ihrer Gegenwart zu sein. Wann immer sie anwesend war, schien sich eine seltsame
Wärme durch meinen Körper zu winden, wie eine Glut aus Hoffnung und Glück. Ich
erzählte ihr von meinen Sorgen, meinen Ängsten und nach ein paar Wochen hatte
ich zum ersten Mal vor ihr geweint.

Ich hatte damit gerechnet, dass sie mich im Stich lassen
würde, doch legte sie nur ihren Arm um mich und flüsterte mir ins Ohr: „Ich bin
für dich da“. In diesem Moment wusste ich es – es war Liebe. Ein derart
berauschendes Gefühl hatte ich seit Jahren nicht gefühlt – es war Glück und
Friede, unendlicher Einklang mit allem. Ein sanfter Lichtstrahl war in die
Finsternis gedrungen; es war stärker und stärker geworden und endlich, endlich
sah ich sie, nach all dieser Zeit – die Sonne.

Je weiter unsere gemeinsame Zeit voranschritt, desto
schwächer schien die Furcht in meinem Herzen zu werden, desto dünner die
Rüstung, die meinen gebrochenen Kern umgab. Meine Erinnerungen an das Grauen,
dass ein Mann mir angetan hatte wanderte dorthin, wo sie hergekommen war –
zurück in die Schatten. Ich war befreit – sie, der Engel, hatte mich aus meiner
tiefen Depression gerissen.

Es war an einem sonnigen Tag, nicht zu heiß und nicht zu
kalt, da ich ihr meine Liebe gestand. Nie werde ich den Moment vergessen, in
dem sich unsere Lippen das erste Mal berührten und mein Herz für einen Moment
inne hielt, auf das der Moment ewig währen möge. Sie war mein ein und alles und
würde es immer bleiben, mein Engel.

Doch das Schicksal ist niemandes Freund. Heute weiß ich, dass
ich nur deshalb Glück empfunden hatte, weil er es zugelassen hat. Er hat es
gewollt. Er hatte gewusst, dass der Schmerz, der einem widerfährt, wenn man aus
dem Licht zurück in die Dunkelheit gerissen wurde, der Stärkste war.

Der wohl traurigste Tag in meinem Leben hatte mit
Sonnenschein begonnen. Ich war mit einem seltsamen Gefühl aufgewacht – ein
Dejavu. Mir war wie an jenem heißen Sommertag, da ich ihm zum ersten Mal
begegnet war. Am Horizont zogen Wolken auf, doch ich lebte im Jetzt und das heiße
Licht der Sonne war alles, was mich kümmerte.

Ich und mein Engel waren in meinem Garten; verträumt starrten
wir auf den Himmel, deuteten die Formen der Wolken. Ein kalter Windhauch fuhr
durch die Hecken und trug ein leises Rascheln in meine Ohren. Ein Geräusch, das
mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Mit einem Mal kehrten meine
Erinnerungen an jenen Tag zurück, so deutlich, dass ich meinte, sie mit meinen
Augen zu sehen.

Dann trieben schwarze Wolken vor die Sonne und warfen ein
fahles Licht auf den Engel, der neben mir schlummerte. Der Glanz schien aus
ihren Haaren entschwunden und ihre Haut wirkte blass und leblos. Mein Herz
begann wie wild zu pochen.

Ein Donnerschlag setzte ein und feine Tropfen rieselten vom
Himmel herab. Stärker und stärker nahm ich den Regen auf meiner Haut wahr, doch
galt meine ganze Aufmerksamkeit der Schönheit, die regungslos zu meiner Linken
lag. Meine Hände tasten ihre Haut ab und fühlten das Blut schwach durch ihre
Venen strömen. Sie war am Leben, doch schien ihr Bewusstsein in höhere Sphären
entglitten zu sein.

Ich tat alles, um sie aufzuwecken, rüttelte an ihr, flehte
und schrie sie an. Sie rührte sich nicht. Voll Panik begann ich zu zucken und
mein Blick fiel auf die Flasche, aus der sie getrunken hatte. Schlagartig wurde
mir bewusst, was sie betäubt hatte und noch viel schlagartiger bemerkte ich die
Ausweglosigkeit meiner Lage: Auch ich hatte vom Wasser gekostet, dass sie in
den Schlummer geschickt hatte.

Das letzte, was ich sah, ehe die Dunkelheit meinen Geist
umhüllte, war die Silhouette eines Mannes, schwarz wie die Nacht. Ein Blitz
warf für einen Moment ein grelles Licht auf den Teufel, vor mir. Ich spürte die
Kraft schwinden und kippte nach hinten. Diese eiskalten, grauen Augen, sie
schienen wie ein Speer in mein Herz einzudringen und töten die goldene
Wundergestalt, die es geheilt hatte, sodass all die Trauer, Furcht und
Hoffnungslosigkeit wiederkehrten.

Ich erwachte mit einem jähen Dröhnen in den Ohren. Mein Kopf
war schwer und schmerzte, und mein Blick getrübt durch einen schwarzen
Schleier. Es dauerte eine Weile, bis meine Sinne zurückkehrten und ich fand
mich in einem recht dunklen Raum wieder. Die Wände waren schmutzig und grau,
farblos und ohne Emotion. Ich war nicht gefesselt, doch schien mein Körper sich
nicht regen zu wollen. Mit aller Kraft versuchte ich mich zu erheben, doch
brachte ich nicht mehr als ein reges Zucken zustande.

Erst jetzt fiel mir auf, dass ich nicht alleine war. Einige
Kerzen warfen ein fahles Licht in den Raum und ich konnte die Gestalt, die mir
gegenübersaß nur schwer erkennen. Ich kannte die Person, war alles an ihr so
anders. Ihre Züge voll Angst, ihr Haar fast farblos und die Haut bleich wie
Kreide. Ich spürte es – mein Engel, er musste den gleichen Terror ertragen, den
ich einst erlitten hatte.

Es war ein seltsames Gefühl aus Angst, Verzweiflung und
Schuld, das mich gänzlich erfüllte und jede Faser meines Körpers durchzog. Mir
war kalt wie Eis und heiß wie Feuer zu gleich. Was hatte ich getan? Der Mensch,
der mir alles bedeutete, der mich in seine Welt geholt hatte… ich hatte ihn in
meine gezogen. In meine finstere Welt des Grauens und des ewigen Leids. Wie
könnte ich mich je dafür verantworten, was ich dem Engel angetan hatte?

Dann trat er hervor, aus der Finsternis. Er musste gemerkt
haben, dass ich erwacht war. Seine Züge waren finster und leer und doch voller
Schärfe. Es war ganz eigenartig, wie eine solche Ausdruckslosigkeit einen
derart heftigen Ausdruck vermitteln konnte. So nüchtern und kalt starrte er
mich an, begutachtete mich mit seinen blaugrauen Augen und setzte sich dann
neben den Engel.

„Ich möchte, dass du etwas verstehst“, begann seine Stimme
wie ein eisiger Blizzard zu flüstern. Ihr Klang schien alles Leben aus mir zu
treiben und mich einzufrieren. „Ich möchte, dass du weißt, wie es sich anfühlt,
etwas zu verlieren“

Ein kaum merkliches Lächeln überkam seine dünnen Lippen und
sein tiefer Atemzug strömte wie der Winter durch den schäbigen Raum. Seine
Worte waren wie Feuer, dass durch die Kälte brannte und einen Schmerz erzeugte,
der so intensiv zu sein schien, dass ich für einen Moment glaubte, er könne
nicht real sein.

„Auch mir wurde einst das genommen, was ich am meisten
geliebt hatte. Verlust ist der größte aller Schmerzen und ich will, dass du
erfährst, wie es sich anfühlt. Was du bisher durchlebt hast, war nur ein
Vorgeschmack auf das eigentliche Dunkel, das dich erwartet“

Dann erhob er sich. Wie ein Geist glitt er hinter den Engel,
der immer noch voll Angst zu schlafen schien. Seine Schritte waren von einer
unbeschreiblichen Anmut – graziös und weich wie Seide und doch scharf und
bitter wie die Klinge des Messers, das er gezückt hatte. Ich sah seine langen
Arme zur Kehle des Engels wandern. In mir war jede Zelle erwacht und glühte nun
in meinem Körper wie Lava. Ich wollte schreien, wollte ihm sagen, er solle sie
verschonen und mich statt ihrer zu morden, doch gelang es mir nicht, einen Laut
hervorzubringen.

Mein Herzschlag war unerträglich laut und schnell geworden
und das Herz in meiner Brust hämmerte wie wild gegen den Knochen. Schweiß
perlte von meiner kalten Stirn herab und meine Augen waren weit aufgerissen und
starrten den Teufel vor mir an.

„Ich weiß, wie du dich fühlst. Du wünschst dir nichts
sehnlicher, als sie zu beschützen. Du würdest sogar – dein eigenes Leben geben.
So wie ich es einst tun wollte. Aber wie ich wirst du einsehen müssen, dass du
völlig machtlos bist“, sagte er und schlitzte dem Engel die Kehle auf.

Mein Herz hielt für einen Augenblick Inne – genau wie damals,
als ich sie das erste Mal geküsst hatte, doch war es nun die Finsternis, in die
das Messer des Mannes mich gestoßen hatte und nicht das Licht, in das ihr Blick
mich einst gezogen hatte. Wie ironisch, dass die Augenblicke, die man ewig
halten will, entschwinden wie Rauch und die, die man von sich stößt, einen auf
ewig verfolgen. Ich wusste, dass dieser eine Moment alles ändern würde. Ich
wusste, dass dieser eine, grausame, schmerzhafte Moment mich ändern würde – für
immer.

Mein Engel hatte mich verlassen und es war meine Schuld. Ganz
allein meine.

V

Der Augenblick war grau und leer und für einen Wimpernschlag
schien die Zeit still zu stehen. Ich vergaß den Teufel, der mir voll Kälte in
die Augen starrte, den Engel, der sein Leben meinetwegen verloren hatte und
nicht mehr war und auch die Finsternis, die meine Seele verschluckte. Für
diesen winzigen Moment und nur für ihn, schien alles nicht real zu sein. Weder
er, noch sie und auch nicht ich. Meine Hund war nicht gestorben, meine Eltern
hatten sich nicht getrennt, der Engel nicht gefallen und mein Leben nicht der
Trümmerhaufen, für den ich es hielt. Doch wusste ich, dass ich diese Illusion
nicht festhalten könnte, nicht mehr, denn selbst meine Gedanken und Träume
hatte die schwarze Krähe, der Teufel meiner Albträume, infiltriert und
beherrscht. Ich war ihm ergeben, ganz und gar, hoffnungslos, hilflos, dem Tode
geweiht.

„Dieser eine Moment“, begann der Mann zu sprechen, und jeder
Laut war wie ein Messer, das rasend schnell in mein Herz stach, „in dem man
alles zu verlieren scheint, ist der wirklichste und unwirklichste zugleich,
findest du nicht?“

Ungläubig und voll Entsetzten starrte ich in das Gesicht der
Kreatur vor mir und wo eben noch Stille und Dunkelheit gewesen war, stieg ein anderes
Gefühl in mir auf. Ein Gefühl von heißem Feuer, brennend und tobend, doch war
es nicht die Liebe, die mich einst erfüllt hatte, sondern etwas viel Stärkeres,
Heftigeres – Hass. Jede Faser meines Körpers wünschte sich, ihm die blutige
Klinge aus der Hand zu reißen, und ihn aufzuschlitzen, so oft, bis nichts mehr
als totes Fleisch von seinem Körper übrig war. „Ich werde dich umbringen!“,
schrie ich und meine Seele schrie mit mir. Es war ein tiefer, dunkler und böser
Schrei, etwas, das aus den tiefen meiner Verzweiflung gekommen war und lange
dort gebrütet hatte.

Zum ersten Mal überhaupt, sah ich ihn Lächeln. Es war ein
befriedigtes Grinsen. Er musste wissen, wie ich mich fühle und er hatte
gewusst, dass ich mich so fühlen würde. „Hättest du jemals gedacht“, der Mann
vor mir ließ sich neben dem toten Engel nieder und strich ihr sanft über das
fahle, spröde Haar, „dass du etwas derartiges empfinden würdest? Einen
derartigen Zorn?“

Es machte mich rasend zu sehen, mit welcher Genugtuung er
sein Werk betrachtete und mit welcher Gleichgültigkeit er der Leiche meines
Engels gegenübertrat. „Nein, das hättest du sicherlich nicht von dir gedacht“,
antwortete er für mich und betrachtete sein Opfer. „Sie war wahrlich ein
schönes Kind, ganz wie du es bist. Sag mir, bereust du es? Bereust du es, ihr
in ihre Augen gesehen zu haben? Bereust du es, sie geküsst zu haben? Bereust du
den Moment, da eure Körper sich vereint hatten und du die grenzenlose Liebe
empfinden durftest, jetzt, wo du siehst, dass aus Liebe niemals gutes folgen
kann?“

Die Antwort mochte ich mir sparen. Er kannte sie bereits, so
wie er alles zu wissen schien, alles über mein Leben, meine Gefühle, mich. Wer
auch immer er war, was auch immer er sein mochte, so war ich ihm niemals
überlegen gewesen. Welch Überheblichkeit hatte mich ergriffen, dass ich
geglaubt hatte, ihm entkommen zu sein?

„Reue ist ein erdrückendes Gefühl, nicht? Sich zu wünschen,
den ewigen Lauf der  Zeit zu verändern,
welch Irrsinn. Ja auch ich kenne dieses Gefühl, ich kenne es nur allzu gut. Den
Schlaf hat es mir einst geraubt, ehe ich einsehen musste, dass die
Vergangenheit endgültig ist. Die Wahrheit liegt nur in dem, was bereits
geschehen ist und nichts absolut gar nichts vermag es, diese Wahrheit zu
verändern.“

Dass er begann von Reue und Wahrheit zu sprechen, es war als
würde der Dämon von Erlösung und Frieden philosophieren und jede Pore in meinem
Körper schien sich gegen den Gedanken zu wehren, dass er es war, der von
höheren Idealen und Moral erzählte.

„Sie sprechen von Wahrheit? Sie, der mich mein ganzes Leben
aus dem Schatten heraus belauert und manipuliert hat, der mich voll Freuden
gequält hat?“

Sein Lächeln verblasste mit einem Hauch und seine Züge waren
abermals kalt und scharf. Seine grauen Augen starrten wie Nebel in die meinen.

„Ich spreche von Wahrheit, denn im Gegensatz zu dir kenne ich
sie. Ich habe dich nicht im Schatten belauert, ich bin dein Schatten – das, was
du als Qualen bezeichnest, ist etwas, das ich dir begreiflich machen will. Ich
quäle dich nicht, ich zeige dir lediglich, zu welchen Grausamkeiten eine
einzige Person fähig sein kann und wie bösartig und schwarz die Welt
tatsächlich ist. Es gibt kein Licht, gibt keine Hoffnung – das Leben ist ein
ewiger Abgrund. Einige realisieren es früher, andere später und wieder andere
gar nicht, doch sollst du, sie kennen, die Wahrheit und die Dunkelheit, die
sich dahinter verbirgt“

Sanft wie ein Windhauch glitt er in die Finsternis und
entzündete eine weitere Kerze, sodass mehr Licht in den klammen Raum dringen
konnte und mein Blick die andere bleiche Gestalt in der Ecke traf. Sein Anblick
war mir wohl bekannt, doch sträubte ich mich gegen ihn, wissend, dass ich
nichts für  ihn tun konnte.

„Dieser Mann“, begann er mit spöttischem Ton voller Hohn,
während seine Augen voll Verachtung den Mann, den ich Vater genannt hatte,
musterten, „ist ein Lügner. Er ist ein Lügner, denn er hat dich belogen.
Wissend, dass die Wahrheit irgendwann einmal das Licht finden würde, hat er dir
Zeit deines Lebens ins Gesicht gelogen. Nun musste er den Preis dafür zahlen“

„Nein“, hörte ich mich sagen, doch mein Herz war kalt wie der
Winter und empfand kein Mitgefühl für den Toten, auch wenn allein die Tatsache seines
Todes mich paralysierte. Zweifellos war es ein bizarres Gefühl, den Mann, der
mich aufgezogen hatte, leblos vor mir zu sehen und im gleichen Moment sein
Ableben zwar zu bedauern, aber ihn nicht zu betrauern. In diesem Moment schien
ich zu begreifen. Die Augen, mit denen der Tote mich angesehen hatte, sie waren
nicht die eines Vaters gewesen.

„Lass mich dir eine Geschichte erzählen. Ein Lied von Liebe
und Verrat und endlosem Schmerz.

Ich lernte einst eine Frau kennen, von unermesslichem Wert
und grenzenloser Schönheit, sodass ich glauben wollte, sie war ein Engel. Ich
bin mir sicher, dass auch du so empfunden hast für dieses kleine, zierliche
Kind“, sein Blick wanderte zu meinem gefallenen Engel und mir schien sich jedes
Organ zusammenzuziehen. „Meine Liebe zu ihr war vom ersten Augenblick an nicht
zu bändigen und inniger, als ich es je hätte zulassen sollen. Ich kannte sie
nicht und sie kannte mich noch weniger und dennoch waren es unsere Herzen, die
zueinander gefunden hatten. Die Nächte die wir gemeinsam verbrachten zähle ich
noch heute zu den Schönsten meines Lebens. Ich malte mir allen Ernstes aus im
Paradies angekommen zu sein“

Meine Gedanken kreisten um die eine Wahrheit, die langsam aus
dem Schleier des Verbergens hervordrang und ich erahnte nun, wieso er mir all
das zugefügt hatte.

„Das Schicksal ist niemandes Freund und so auch nicht meiner.
Kaum eine Woche hatten wir verbracht, da stand sie mit Tränen in den Augen vor
mir. Sie erzählte mir von einem Kind, das mein Samen hervorgebracht habe und
auch, dass sie es nicht austragen könne, da sie fernab von diesem Ort einen
Ehemann hatte. Naiv wie ich war, flehte ich sie an, sich von ihm zu trennen und
ein Leben mit mir beginnen und unser beider Kind großzuziehen. Doch wandte sie
sich von mir ab und ließ mich zurück, gebrochenen Herzens“, für einen Moment
nur hielt er Inne und es wirkte, als würde der Mann mit den Tränen ringen.

„Erst später sollte ich herausfinden, dass sie das Kind
ausgetragen hatte, aus Furcht das Leben ihres Fleisches zu schänden und aus
Mitgefühl zu dem Bastard, den wir gezeugt hatten. Ich fand sie und fand auch
ihren Sohn, ein wunderschönes Kind, und prompt hatte ich sie zur Rede gestellt,
doch war das einzige, was sie mir entgegnen konnte, ihr Unverständnis und dass
ich nicht länger Teil ihres Lebens sein durfte. Ihr Mann war ihr treu geblieben
und hatte ihr verziehen, er hatte sogar eingewilligt, das Kind als Vater
großzuziehen. Doch was hatte dieser Entschluss für mich zu bieten, außer
Sehnsucht und Verzweiflung?

Es war an einem kühlem Sommertag gewesen, da ich beschloss,
mein eigen Fleisch und Blut zu berühren, seine Haut und sein Haar ertasten, in
seine Augen zu blicken mit dem Stolz eines Vaters. Doch sollte die Frau, die
mir den Sohn genommen hatte, abermals in die Quere kommen und den Sohn meiner
verwehren. Ihren Hund aber wollte ich hinrichten, so wie sie meinen gequälten
Geist hingerichtet hatte, da sie mich immer noch nicht zu meinem eigenen Kind
lassen wollte.

Als Polizist dann verkleidet, bekam ich zum ersten Mal die
Chance, den Jungen leibhaftig zu sehen. Es war ein magischer Moment und ein
Lächeln wollte mir entkommen, so schön war der Anblick meines Sohnes. Doch
würde auch dieser Moment nur von kurzer Dauer sein.

Ich beschloss mich der Aufgabe deines Vaters anzunehmen und
ihn zu weisen. Eine einzige Wahrheit wollte ich ihm beibringen und das Bild
einer Krähe als Bote von Lüge und Trug schien mir nur all zu passend. Niemals
hatte ich dem Kind körperlichen Schmerz zugefügt, doch seine Seele würde ich
verletzen müssen, das war mir schmerzlich bewusst, schon immer, und dennoch
hielt ich an meiner Aufgabe fest.

Ich musste ihn meine Gefühle durchleben lassen, meinen Hass
und meine Liebe, bruchteilhaft doch hingabevoll, damit er dann, wenn der
Zeitpunkt kommen würde, bereit für deinen Teil des großen Ganzen wäre. Ja mein
Sohn hatte sich verliebt, wie ich einst, und wie man es mir einst angetan
hatte, würde ich ihm diese Liebe nehmen müssen“, ein letztes Mal glitt sein
Blick zum Engel neben mir, seine Augen feucht und voller Trauer.

Auch meine Augen konnten sich einer Träne nicht verwehren,
denn ich begriff nun, wer er war und ich begriff nun, wieso er all das tat. Ich
begriff nun, wer der Mann war und was ihn zu seinem Werk getrieben hatte. Würde
man Tat und Motiv nun abwägen, so würde gewiss der Schmerz, dem man ihm
zugefügt hatte, überwiegen und dennoch war es auch Abscheu, die ich für den
Mann, meinen Vater, empfand.

„Weißt du Kind, wer an deinem Leid eigentlich die Schuld zu
tragen hat?“, fuhr er mit bebender Stimme fort und eine weitere Träne rannte
sein Nasenbein hinab.

Ich wusste es, ich kannte sie, die erschütternde Wahrheit,
die alles veränderte. Mein Hass galt nun einer anderen Person. Mein echter
Vater war grausam gewesen, doch mochte ich mir nicht ausmalen, wie groß seine
Verzweiflung gewesen sein mochte. Sein Herz hatte ihn gewiesen und ich würde
seine Entscheidungen nicht anzweifeln, nicht mehr, da ich sie nun zu verstehen
vermochte.

„Ich weiß, wessen Schuld es ist, ja. Ich weiß nun auch, wer
du, mein Vater, bist. Und ich weiß auch, wieso ich nun hier sitze, gegenüber
dem gefallenen Engel und dem einstigen Teufel, der durch Verrat in die Schatten
gestoßen wurde. Aber sag mir, was planst du nun zu tun?“

Nun war er es, der sich die Antwort sparen durfte. Ich kannte
sie bereits, im tiefsten Inneren hatte ich sie vielleicht immer gekannt. All
die Jahre hatte man mich belogen, mich aufs Tiefste verraten. Ein Verräter war
bereits von ihm hingerichtet worden.

„Ich vertraue es dir an, mein Sohn“, sagte er mit sanfter
Stimme mit einem Klang wie Wind und zum ersten Mal sah ich sein wahres Gesicht.
Seine Maske war in tausend Stücke zerbrochen, die nun entglitten. Ich sah
Furcht, sah Verzweiflung, sah Elend. Dann beschloss er, mein Vater, es zu
beenden. Er hob die kupferne Klinge, mit einem Hauch von Silber und voll
getrocknetem Blut, führte sie langsam an seinen Hals und ein weiteres Mal
kostete die silbrig schimmernde Klinge das Blut eines Menschen.

Nun stehe ich hier in der Dunkelheit. Die wachsamen Augen der
Nacht lasten auf mir. Mein Herz pocht, denn ich kann es schlagen hören, so wie
ein schwerer Hammer von Stahl auf das Eisen des Amboss trifft. Meine Finger
umklammern die blutige Klinge, die bereits drei Menschenleben gefordert hat,
nach dem Blut des Vierten lechzend. Wie einfach es wäre, sie im Schlaf zu
erdolchen. Ein einziger Schritt, ein einziger Hieb. Ich höre sie schlummern,
die Mutter meines Körpers, doch nicht meiner Seele. Ihr Anblick ist geradezu
ekelerregend, so abstoßend hatte die Wahrheit sie gemacht. Er hatte sein Werk
mir anvertraut. Seinem Sohn. Was aber würde ich nun tun? Ich hatte die Macht zu
entscheiden. Strafe oder Gnade? Blut oder Vergebung? Leben oder Tod? Ein
Lächeln zeichnete sich auf meinen Lippen ab. Meine Entscheidung war gefallen.

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