
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Eines Tages wirst du allem Irdischen entsagen, nur nicht
heute. Nicht heute, mein guter Freund.
Wieder und wieder erschallen diese Worte in meinem Kopf.
Nicht beständig, nicht andauernd, aber doch zu jeder sich bietenden Gelegenheit.
Meist solchen, in denen ich einem selbstzerstörerischen Drang erliege, doch
auch das nicht immer. Hin und wieder kommt sie auch in ganz alltäglichen Momenten
zu mir, die Stimme, die behauptet ein guter Freund zu sein.
Wer sie ist, versuche ich seit dem ersten Tag, an dem sie
mich ansprach, zu ergründen. Bisher erfolglos, wie ich zu meiner Schande gestehen
muss. Ich fürchte, ich werde es nie erfahren. Ob sie nun real ist, oder sich
nur in meinem Kopf befindet. Ob eine höhere Macht zu mir spricht, oder ich
einfach verrückt bin. Nicht, dass das eine Rolle spielen würde. Eines Tages,
wenn ich allem Irdischen entsage, wird nichts mehr eine Rolle spielen.
Bis dahin jedoch, wird alles eine Rolle spielen. Jede noch
so kleine Handlung, jede winzige Entscheidung, ist wie ein Zahnrad in einem
riesigen, endlosen Getriebe, dass stetig rumort und ächzt und unter allergrößter
Kraftanstrengung arbeitet, da so viele, so unendlich viele Teile es betreiben,
dass niemand den Überblick behalten kann. Wovon ich rede? Vom Leben natürlich.
Von dem Kollektiv, dass uns alle vereint und doch unterscheidet.
Und unterscheiden muss es uns. Wären wir nicht alle winzige
Teile, des großen Ganzen, sondern gemeinschaftlich das große Ganze selbst, der
Tod des einen von uns, würde alle anderen mit sich ins Verderben reißen.
Freilich kommt es häufig genug vor, dass ein mikroskopischer Teilaspekt, ein nicht
zu verachtendes Loch in das Kollektiv frisst, doch liegt dies in den Entscheidungen
und Handlungen des Einzelnen begründet, nicht in der Gesamtheit selbst.
Aktion und Reaktion, wir sind alle verbunden und doch
voneinander getrennt. Keine Entscheidung kann getroffen werden, ohne dass sie
andere beeinflusst, keine Handlung durchgeführt, ohne dass sie andere in Mitleidenschaft
zieht.
Wir leben und sterben in Abhängigkeit von uns selbst. Keine
Ahnung, wo ich das einmal gelesen habe, aber damals fand ich es unheimlich
schlau. Heute? Heute müht es mir gerade noch ein müdes Lächeln ab.
Denn hierin liegt eines der größten Probleme unseres wertgeschätzten
Kollektiv: Auch wenn wir noch so viel beitragen, so viel lernen, so viel
zusammenfassen, so viel Wissen anhäufen, ein jedes neues Mitglied unserer
Gemeinde, dass die vorigen ablöst, muss mit dem Lernen von vorn beginnen. Nie
wird es einem von uns gelingen das große Ganze zu begreifen, dafür reicht ein Leben
allein nicht aus und alle Leben zusammengenommen, können in ihrer
Beschaffenheit trotz des kollektiven Zustands nicht miteinander arbeiten, nicht
so, wie sie es müssten, um zu wahrer Weisheit zu gelangen.
Ein jeder von uns wird diesen Moment sicher einmal erlebt
haben – es sei denn bei dem Individuum handelt es sich um ein durch und durch hohles
Exemplar, diejenigen sind von der folgenden Annahme ausgenommen –, ein Moment unermesslicher
Erkenntnis. Von einer Sekunde auf die andere, öffnet sich eine Pforte, ein Tor
zur Weisheit. Eben dachte man noch nichts Böses ahnend über Gott und die Welt
nach, philosophierte ein wenig auf seiner kleingeistigen Ebene und auf einmal
ist sie da, die Erleuchtung. Sei es nun, dass man meint den Sinn des Lebens ergründet
zu haben oder eine andere, glorreiche Errungenschaft, man erlebt einen Augenblick
höchster Beflügelung.
Doch der Himmelsaufstieg währt nicht lang. Spätestens wenn
man versucht anderen von seiner Erfahrung zu berichten, wird man entweder auf
Abneigung stoßen oder was noch viel schlimmer ist: Erkennen, dass diese neuartige
Weisheit vorher schon tausendmal ergründet wurde, wenn nicht auf diese, dann
auf andere Art und Weise.
Wahrhaftig neues Wissen zu erfahren, ist dieser Tage beinahe
unmöglich geworden. Und das ist es was ich meine. Dieser Effekt, dieser Moment
der Erleuchtung, andere hatten ihn schon vorher und vor diesen Leuten, hatten ihn
noch ein paar Dutzend weiterer Menschen. Womöglich hat man nie etwas von ihnen
gehört, weil sie keine bedeutenden Bestandteile der Gesellschaft waren, dafür
benötigte es erst viele hundert Jahre später einen großen Namen, der da das
Wissen als Ambrosia verkaufte, dass unter anderen Umständen schon vor einer
halben Ewigkeit ein alter Schuh gewesen wäre.
Wir sind nichtig. Dazu verdammt wieder und wieder die immer
gleichen Erfahrungen zu machen. Sie zu studieren, zu analysieren, von anderen
Seiten zu betrachten, zu veröffentlichen und von vorne zu beginnen. Wahrer
Fortschritt, bleibt uns dank unserer Kurzlebigkeit und der Tatsache, dass wir
nicht als Ganzes funktionieren können, verwehrt.
Und deswegen wollte ich dem Ganzen, diesem Irrsinn, früher
als nötig entfliehen. Ich wollte dieser irdischen Last entsagen, die Fesseln
meines Seins von mir stoßen, doch selbst dies sollte mir nicht gestattet
werden. Mein guter Freund hat mich daran gehindert, eine Erklärung dafür, ist
er mir bis heute schuldig.
Da ich also nicht entsagen konnte, versuchte ich etwas
anderes: Ich versuchte meine Erkenntnis, die, dass wir nie wirklich erfahren
werden, was die Welt im Inneren zusammenhält – selbst in der Literatur ist
unsere Spezies dazu nicht fähig, wie Faust bewiesen hat – mit meinen
Mitmenschen zu teilen. Leider geriet ich dabei an eine gänzlich falsche Person.
„Also ich weiß ja nicht, was du mir mit diesem
philosophischen Gequatsche sagen willst“, hat er nach meinem Vortrag gemeint, „aber
ich werde mich jetzt erst einmal meines Mittagessens entsagen, wenn du
verstehst was ich meine.“
Natürlich hatte ich verstanden. Und natürlich hätte ich ihn
darauf hinweisen können, dass er nicht meinte, er wolle sich seinem Mittagessen
entsagen – das hatte er während meiner Ansprache nämlich bereits verspeist –
sondern sich ihm entledigen wollte. Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Aber
was hätte das gebracht? Ein Narr blieb ein Narr, egal wie viel Wissen man auch
ihn hineinprügelte, noch so ein Grund für unsere Stagnation.
Stattdessen brachte ich ihm einen anderen, kleinen, aber feinen
Unterschied bei: Den, zwischen Leben und Tod. Das Ergebnis dürfte ihn nicht sonderlich
erfreut haben. Um es zu präzisieren, ich habe ihn in der Toilettenschüssel
ertränkt. Es war einfacher gegangen als erwartet. Hat es mir Befriedigung verschafft?
Nein, keineswegs. Dennoch hat es sich irgendwie gut angefühlt, die Welt wenigstens
von einem Narren befreit zu haben.
Die Ganze Sache hatte auch ihren Vorteil. Mein pragmatisches
Wesen hat es mir erlaubt, nicht in Panik auszubrechen und einen Fluchtversuch
zu unternehmen, sondern das Beste daraus zu machen. Kurz gesagt, ich habe mich gestellt
und meine Strafe in voller Härte akzeptiert. Seitdem sitze ich da, wo das
Kollektiv meint, dass ich hingehöre: Im Gefängnis.
Dieser Umstand erlaubt es mir, in aller Ruhe über all die
Feinheiten unserer erbärmlichen Existenz nachzudenken, ohne dabei gestört zu
werden. Keine Verpflichtungen, keine Miete die bezahlt werden müsste, ein geregelter
Tagesablauf, stetiger Essensnachschub. Wenn dafür nicht andere Menschen nötig
wären, die uns überwachen, ich würde behaupten, wir gehörten alle in kleine,
vergitterte Zellen. Vielleicht wäre es uns so möglich, trotz unserer Beschaffenheit,
zu Weisheit zu gelangen, weil wir von allen unnötigen Ablenkungen losgelöst wären.
Ein schönes Gedankenexperiment, nur leider nutzlos. Wie so
viele Vorstellungen, die meinem Geist entspringen. Allein bin ich eben nur das:
Ein einzelnes, kleines Zahnrad, dass einst von sich dachte, ein kluger Kopf zu
sein, bis es erkannte, dass es nur eines von Vielen war, dass es nur Gedanken
und Erkenntnisse reproduzierte, ohne wirklich Neues zu schaffen.
Eines schönen Tages, werde ich allem irdischen entsagen.
Darauf läuft es doch hinaus, nicht wahr? Von unserer Geburt an, läuft es darauf
hinaus. Jede Sekunde, die verstreicht, nähern wir uns unaufhaltsam unserem Ende
zu. Das ist unser Schicksal. Und wenn es dann soweit ist, ist alles, was wir
bis dahin geschafft haben, bedeutungslos. Zumindest für uns persönlich. Aktion
und Reaktion. Was wir hinterlassen, betrifft nur noch die Lebenden.
Und wenn es ein Leben nach dem Tod gibt? Nun, dies zu
erfahren obliegt einzig den Toten. Vielleicht gibt es da tastsächlich etwas. Etwas
Besseres. Oder es ist ein Teufelskreis. Womöglich sind wir dazu verdammt, den
Kreislauf aus Erkenntnis wieder und wieder zu durchleben. Was wäre, wenn alle
Lebenden, ursprünglich einmal tot waren? Wenn die Welt überhaupt kein neues
Leben zustande bringt, sondern nur das alte immer wieder auferstehen lässt,
damit es die gleichen Erfahrungen wieder und wieder macht, nur um dann erneut
zu sterben und wiedergeboren zu werden. Sterben, Wiedergeburt. Sterben,
Wiedergeburt. Perfide, grausam, nahezu perfekt ausgetüftelt. Eine stetig
arbeitende, ächzende Maschine, aus tausenden und abertausenden Zahnrädern.
Jemand schrieb einmal, die Hölle sei ein Ort der Wiederholung.
Vermutlich hatte diese Idee vor ihm auch schon jemand anderes, nur dass er sie
nicht niedergeschrieben hat. Wahrlich, die Hölle auf Erden.
Wenn ich dieser grausamen Maschinerie also entsage, alter
Freund, guter Freund, wird sie mich dann durchkauen und wieder in sie
hineinspucken? Wird sie mich wieder meines Platzes verweisen? Bin ich dazu
verdammt, diesem Elend nie zu entfliehen, oder gibt es da doch etwas Anderes,
etwas Ewiges, Endgültiges?
Bitte sag es mir, guter Freund, denn ich fürchte mich.
Die meisten Menschen fürchten sich vor ihrem unabwendbaren
Ende. Die Angst vor dem Tod, ist die Urangst, die Angst aller Ängste, die
Angst, aus der alle anderen entspringen. Bis auf eine.
Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich habe Angst vor einem
nicht enden wollenden Leben.