
Oscar und Caroline haben sich verändert
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Oscar und Caroline haben sich verändert.
Es waren die Hunde gewesen, die es zuerst bemerkt hatten und auf das Gespür von Hunden ist immer Verlass, nicht wahr?
Früher war es üblich gewesen, dass einer der Hunde bei der achtjährigen Caroline im Zimmer schlief, meistens „Hunter“ (ein kleiner Zwergspitz, der sich seinen Namen ausschließlich durch schrilles Kläffen, nicht aber durch einen ausgeprägten Jagdtrieb verdient hatte) und der andere Hund, ebenfalls ein Zwergspitz mit dem weitaus passenderen Namen „Princess“, pflegte die Nächte bei dem zehnjährigen Oscar im Zimmer zu verbringen. Bisher zumindest. Denn seit einiger Zeit schienen die Hunde einen Bogen um die Zimmer der Kinder zu machen und zogen das Erdgeschoss und das sich dort befindliche Elternschlafzimmer als Nachtlager vor.
Abgesehen vom Verhalten der Hunde, das sich zunächst nur auf die Wahl des Schlafplatzes bezog, waren ein paar Kleinigkeiten geschehen, die einzeln betrachtet auch nicht weiter auffielen, in ihrer Summe und in Hinblick auf die Entwicklung des Geschehens aber durchaus als schlechte Omen betrachtet werden könnten. Auch wenn man dies nie mit Sicherheit wird sagen können, denn keine der an dieser unschönen Geschichte beteiligten Personen hatte jemals etwas Vergleichbares erlebt. Bei diesen zunächst unscheinbaren Kleinigkeiten, die sich im Hause Miller (so der Nachname der betroffenen Familie) ereigneten, handelte es sich zum einen um ein herabgefallenes und zu Bruch gegangenes Bild, welches gerahmt in Carolines Zimmer gehangen hatte, ein Störung des Fernsehers im Zimmer von Oscar, der, egal welche Knöpfe man drückte nur noch schwarz-weißes Rauschen von sich gab, eine seltsame dunkle Verfärbung der Zimmerdecke, in beiden Kinderzimmern über den Betten, sowie verwelkte und verdorrte Zimmerpflanzen, ebenfalls in beiden Kinderzimmern.
Oscar und Caroline stritten vehement ab, mit den kaputten Dingen etwas zu tun zu haben, vor allem Oscar traf das mit dem Fernseher hart, hatte er ihn sich doch erst vor kurzem von seinem eisern gesparten Taschengeld geleistet.
Härter noch als die kaputten Dinge jedoch traf die Kinder die Ablehnung der Hunde. Das innige Verhältnis zwischen ihnen und den Tieren hatte vom ersten Tag an bestanden, seit sie Hunter und Princess vor einigen Jahren als Welpen aus dem Tierheim geholt hatten. Sie waren seither unendlich treu gewesen und hatten die Kinder auf Schritt und Tritt verfolgt, mit ihnen geknuddelt, gebalgt und gespielt und hatten im Laufe der Jahre auch so manche Träne getrocknet. Kurz gesagt waren die Hunde die besten Freunde der Kinder. Gewesen. Denn nun schienen sie ihnen mehr und mehr aus dem Wege zu gehen, sie mieden Berührungen, wichen ängstlich vor den Händen der Kinder zurück, zogen die Schwänze ein, verweigerten Spaziergänge und Spiele mit ihnen und schließlich auch Futter, welches die Kinder reichten.
Den Kindern entging dies natürlich nicht und auch die Eltern nahmen nach und nach das sonderbare Verhalten der Tiere wahr. Oscar war derjenige der es ansprach, beim Abendessen, als die Familie am Tisch saß und Hunter und Princess wieder mal winselnd an der Küchentüre kratzten und hinausgelassen werden wollten, um sich in ein Zimmer weit weg der Küche zu verziehen. Sie kratzte und winselten, bis der Vater irgendwann genervt aufstand, um die Türe zu öffnen und als die Hunde im Affenzahn den Flur hinunterschossen, da platzte es aus Oscar hinaus: „Was ist nur mit den Hunden los?“ Und dann setzte er noch ein „SCHEISSKÖTER!“ hinterher. Laut. Sehr laut. Im nächsten Moment schlug sich Oscar schon die Hand vor den Mund, aber es war bereits heraus und alle am Tisch starrten ihn erschrocken an. Der Vater sprach ein mahnendes Wort: „Oscar! Was ist das für ein Ton?!“ und Oscar entschuldigte sich und senkte den Blick auf seinen Teller. Danach wurde das Essen in unangenehmer Stille fortgesetzt. Dem Vater war allerdings etwas entgangen, was der Mutter nach dieser Szene beim Abendbrot noch lange im Kopf herum ging und dafür sorgte, dass sie in der Nacht sehr schlecht schlief: Oscar hatte nicht nur ein untypisches und unangebrachtes Schimpfwort laut von sich gegeben… er hatte es mit einer fremden, fast unmenschlichen Stimme getan.
Oscar und Caroline waren beliebte Kinder, freundlich, fröhlich, hilfsbereit, höflich, mit vielen Freunden. Sie lebten mit ihren Eltern in einem kleinen hübschen Einfamilienhaus mit Garten am Stadtrand, genossen eine liebevolle und angstfreie Erziehung, schrieben einigermaßen gute Noten in der Schule und hatten sich und ihre Eltern noch nie in erwähnenswerte Schwierigkeiten gebracht. Da waren natürlich die üblichen kindlichen Streiche gewesen: So hatte man die beiden einmal dabei erwischt, wie sie aus Neugierde in das alte, heruntergekommene Haus am Ende der Straße eingestiegen waren, wo sich vor einigen Jahren das Drama um die Familie Smith zugetragen hatte und das seither leer stand. Oscar behauptete zwar, es wäre eine Mutprobe und nicht ihre Idee gewesen, weigerte sich aber hartnäckig, die Namen der Anstifter zu nennen. Dann waren da noch die harmlosen Dinge, wie zerschossene Fensterscheiben, kleine Rangeleien auf dem Schulhof, ein Zickenkrieg zwischen Caroline und ihrer besten Freundin Helen wegen einer Barbie, keine Lust auf Hausaufgaben… Dinge eben, bei denen alle Eltern nur verständnisvoll nicken können, wenn sie davon hören. Bis die Vorfälle im Hause Miller sich zu häufen begonnen hatten, waren sie eine so normale wie unauffällige Familie gewesen.
Nun gut, Oscar hatte beim Abendbrot geflucht, der Vater hatte ihn ermahnt, Oscar hatte sich entschuldigt und auch die Mutter tat das mit der fremden Stimme am nächsten Tag, als sie sich wieder um viele Dinge des Alltags kümmern musste, als Einbildung ab. Kurz gesagt wäre Oscars kleiner Wutausbruch schon am nächsten Tag vergessen gewesen, wenn nicht wieder etwas geschehen wäre, was die Familie in Aufruhr versetzt hätte.
Diesmal war Caroline der Auslöser des Schreckens. Es war gegen Nachmittag eines normalen Wochentages, Caroline war nach der Schule zu ihrer besten Freundin Helen eingeladen und Oscar war beim Fußballtraining. Der Vater war noch in der Arbeit. So war die Mutter, die wegen der Hunde nicht ganztags arbeitete, ganz allein im Hause (abgesehen von den Hunden) und nutzte die Zeit für die Hausarbeit. Die Kinder hatten die Aufgabe, ihre Zimmer selbst in Ordnung zu halten, doch natürlich sah die Mutter zusätzlich nachdem rechten. Als sie an diesem Tage vor den Türen der Kinderzimmer stand beschlich sie allerdings auf einmal ein seltsames Gefühl, dass sie nicht deuten konnte. Sie spürte, wie sich die kleinen Härchen an ihren Armen aufstellten und wie sich etwas in ihr sträubte, die Türen zu öffnen. Außerdem bemerkte sie an beiden Türen etwas: selbstgebastelte Türschilder hingen an der Klinke und auf beiden stand in schwarzen, krakeligen Buchstaben, die so gar nicht nach der Handschrift ihrer Kinder aussah folgendes: „BLEIB DRAUSSEN!“ Der Mutter lief bei diesem Anblick ein unwillkürlich ein Schauer über den Rücken. Dann aber schaltete sich ihr rationaler Verstand ein und sie rang sich ein Lachen ab. „Ich glaube, die Pubertät macht sich langsam bemerkbar, na halleluja!“ sagte sie laut in die Stille des Hauses und nutzte den Moment des Lachens, um beherzt die Zimmertüre ihrer Tochter zu öffnen.
Zunächst schien dort auch alles in Ordnung zu sein. Abgesehen von der kahlen Stelle an der Wand, wo vor kurzem das Bild heruntergefallen war und dem komischen schwarzen Fleck über dem Bett, den aber noch niemand bemerkt hatte. Caroline hatte das Bett nicht gemacht, aber das vergaß sie schon mal des Öfteren, wenn sie es in der Früh eilig hatte und es war auch nicht weiter schlimm. Die Mutter schüttelte das Bett und öffnete dann das Fenster, weil sie einen muffigen Geruch wahrnahm. Sie meinte, er würde vielleicht vom Mülleimer herrühren, vielleicht hatte Caroline dort unachtsam etwas Essbares vergessen. Die Mutter ging zum Mülleimer, um ihn zu kontrollieren und fand dort zunächst nur zusammengeknüllte Papiere, Caroline hatte offenbar ein paar gescheiterte Schreibübungen gemacht. Na, wenigstens übt sie, dachte die Mutter. Die Zettel im Mülleimer waren offenbar nicht die Ursache des Geruchs, dennoch, was hätte die Mutter wohl gedacht, wenn sie gelesen hätte, dass die Schreibübungen ihrer Tochter aus dem Satz „TÖTE SIE!“ bestanden hätten? Aber sie schenkte den zerknüllten Zetteln im Mülleimer keine Beachtung mehr und setzte ihre Suche nach dem Geruch anderweitig fort
Vielleicht hatte Caroline heimlich ein paar Naschereien unter dem Bett versteckt? Das tat sie schon mal, vor allem wenn Helen zum Übernachten kam, war das ein beliebter Spaß der Mädchen, heimlich Süßigkeiten ins Zimmer zu schmuggeln und diese dann bei „Mitternachtspartys“ zu mampfen. Die beiden amüsierten sich immer tuschelnd darüber, weil sie dachten, die Mutter würde das nicht bemerken und sie ließ den Kindern ihren Spaß und tat so, als wüsste sie von nichts. Nun aber lag der Verdacht nahe, dass Caroline und Helen bei ihrer letzten „Mitternachtsparty“ irgendetwas Verderbliches unterm Bett versteckt und nun dort vergessen hatten. Die Mutter bückte sich also und schaute unters Bett und tatsächlich lag dort etwas, was sie zunächst nicht erkennen konnte, weil es weit hinten an die Wand geschoben wurde. Die Mutter konnte es mit den Händen nicht erreichen. Sie besorgte sich einen Besenstiel zu Hilfe und begann nach den, wie sie glaubte, verdorbenen Essenresten zu angeln. Schließlich erwischte sie etwas und schob es unter dem Bett hervor und im ersten Moment lachte sie noch erleichtert auf denn es war nur eine von Carolines Barbiepuppen. Doch dann bemerkte sie, dass der Barbie der Kopf fehlte. Und das war noch lange nicht alles, denn die Puppe wies auch mehrere Löcher in ihrem Plastikkörper auf, als wäre sie durchbohrt worden und war mit etwas besprenkelt das aussah wie… Blut. Das konnte unmöglich sein! Die Mutter hatte ein äußerst mulmiges Gefühl beschlichen, doch sie machte sich weiter daran, unter dem Bett herumzustochern und förderte die nächste kopflose, zerstörte und rot beschmierte Puppe hervor. Schließloch noch eine und noch eine, sowie die dazugehörigen Köpfe mit eingedrückten Augen und herausgerissenen Haaren. Der Mutter war übel geworden, doch noch befand sich etwas unter dem Bett und als die Mutter mit dem Besenstiel darauf stieß, war dies eindeutig kein Puppenkörper aus Plastik. Es war ekelerregend weich und nachgiebig und der Mutter war schlagartig klar, dass dies die Quelle des Geruchs und des Blutes war. Sie hätte es am liebsten nicht herausgezogen, wollte es nicht sehen und doch hatte sie keine andere Wahl. Das was die Mutter am Ende des Besenstiels unter Carolines Bett zutage förderte war ebenfalls wie die Puppen kopflos. Doch im Gegensatz zu den Puppen war es einmal lebendig gewesen und jetzt war es… tot.
Was da in aller Abscheulichkeit vor der ungläubigen Mutter auf dem Kinderzimmerboden lag war ein übel zugerichteter, blutiger, kopfloser, verwesender Vogel.
Dieser Vorfall hatte das idyllische Familienleben nun endgültig erschüttert und keiner wusste so recht, wie sie damit umgehen sollten. Die Mutter hatte zunächst ihren Ekel überwinden und alles in Plastiktüten packen und säubern müssen. Später hatte sie sich mit dem Vater darüber unterhalten und ihm die widerlichen „Beweise“ zeigen müssen. Danach folgte das Unangenehmste, die Konfrontation mit Caroline, die steif und fest und dazu noch glaubhaft und ehrlich schockiert beteuerte, sie wäre es nicht gewesen. Dann wäre nur noch Oscar als Übeltäter in Frage gekommen, doch der behauptete ebenso ehrlich schockiert, er hätte es nicht getan. Mutter und Vater blieben ratlos und auch verängstigt und beschlossen, ihre Kinder nun genauer im Auge zu behalten. Denn eines war klar: eines ihrer Kinder musste das getan haben und es galt herauszufinden wer und weshalb. Die Mutter verfolgten die abscheulichen Bilder der blutgetränkten kopflosen Puppen und des verstümmelten Vogels in ihre Alpträume und sie wurde diesen einen entsetzlich beunruhigenden Gedanken nicht los: Das Massaker unter dem Bett ihrer Tochter war nichts Willkürliches, Zufälliges gewesen. Da hatte jemand geübt…
Die naheliegendste und unkreativste Methode, ihre Kinder zum Reden zu bringen war, ihnen Hausarrest zu geben, bis einer von ihnen zugeben würde, was er oder sie getan hatte. Vielleicht, so überlegte die immer noch geschockte Mutter, waren sie es auch gemeinsam gewesen und deckten sich nun gegenseitig. Was sie da getan hatten, widersprach allerdings allem, was sie bisher über Caroline gedacht hatte, denn ihre Barbies waren ihr Heiligstes gewesen. Was hatte sie nur dazu bringen können, ihre geliebten Puppen auf so barbarische Art zu zerstören? Eine Erklärung, die die Eltern debattierten, war, ob die Kinder etwas im Fernsehen aufgeschnappt hatten, was nicht für ihr Alter geeignet war und das sie so verstört hatte, dass sie es nachspielen mussten, um es zu verarbeiten. Sie machten sich gegenseitig Vorwürfe, Oscar mit seinen zehn Jahren einen eigenen Fernseher erlaubt zu haben. Aber der war ja nun sowieso kaputt. Gotts sei Dank. Und einen neuen würde er auch nicht so schnell bekommen, da waren die Eltern sich einig. Bisher hatten sie den kaputten Fernseher allerdings noch nicht aus Oscars Zimmer entfernt und als die Mutter ein paar Tage nach dem ungesunden Fund im Zimmer ihrer Tochter nachts zur Toilette ging, erstarrte sie auf einmal am untern Treppenabsatz, da sie aus dem Zimmer eines ihrer Kinder eindeutig Stimmen hörte! Nun, versuchte sie sich erst zu beruhigen, das waren bestimmt Oscar und Caroline, die sich da nicht ganz so leise unterhielten. Das machten sie schon mal ab und an, sich nachts in das Zimmer des anderen zu schleichen. Allerdings war es, falls die beiden nachts etwas ausheckten, in Anbetracht der jüngsten Ereignisse keineswegs als harmlos einzustufen und die Mutter beschloss, die Treppe hinaufzuschleichen und zu lauschen, was ihre Kinder mitten in der Nacht zu besprechen hatten. Sie ging nun also so leise wie möglich Stufe für Stufe hinauf und die Stimmen hinter der Zimmertüre wurden deutlicher. Erst war Caroline zu hören: „Was verlangst du von uns?“ dann Oscar: „Wir werden gehorchen!“ Die Mutter überlief eine Gänsehaut. Was war das für ein Spiel?! Noch nie zuvor hatte sie ihre Kinder so sprechen hören. Sie ging noch eine Stufe hinauf… und wäre dann vor Schreck beinahe rückwärts die Treppe hinuntergefallen als sie eine dritte Stimme hörte, eine ihr völlig fremde und nicht für ihre Ohren oder für überhaupt irgendein menschliches Ohr bestimmte. Eine kehlige, tiefe, irgendwie mechanische „Stimme“, die ihren Kindern antwortete: „TUT ES!“
Jeder andere wäre zu Eis erstarrt oder schreiend die Treppe hinunter und aus dem Hause geflohen, doch sie war eine Mutter und trotz dem unaussprechlichen Schrecken, der in ihre Seele gefahren war, überwog ihr mütterlicher Instinkt und trieb sie, ohne dass sie darüber nachdachte, zum Zimmer ihres Sohnes hinauf, aus dem die Stimmen kamen. Sie riss die Türe auf, nur den einen Gedanken in ihrem verwirrten Kopf, ihre Kinder vor der monströsen Stimme zu retten. Und da saßen ihre Kinder im dunklen Zimmer auf Oscars Bett, starr und reglos saßen sie dort, hielten sich bei den Händen und starrten auf Oscars kaputten Fernseher. Nur dass der nicht mehr kaputt zu sein schien. Ein unnatürliches weiß flimmerndes Licht ging von ihm aus und die Kinder starrten, ohne zu blinzeln in dieses Licht. Einige Sekunden stand die Mutter in Totenstille in der Zimmertüre und wollte gerade etwas zu ihren Kindern sagen, als sich auf einmal die Köpfe ihrer Kinder synchron und wie ferngesteuert zu ihr herumdrehten. Aus den Augen der Kinder strahlte das gleiche, unnatürliche weiße Licht, wie aus dem Fernseher und dann öffneten sie wieder synchron ihre Münder und sie begannen mit unmenschlichen mechanischen Stimmen zu schreien: „VERSCHWINDE!“
Und noch ehe die Mutter etwas dagegen tun konnte, knallte die Zimmertüre vor ihr zu und sie lag, sie wusste nicht wie das geschehen war, schweißüberströmt und zitternd in ihrem Bett. Sie drehte sich noch völlig verwirrt herum, da fiel ihr Blick auf die Uhr und sie sah, dass es bereits sieben Uhr morgens war. Der nächste Tag. In der Küche hörte sie ihren Mann und die Kinder bereits beim Frühstück. Alles war normal. Alles war gut. Sie hatte einen schrecklichen Alptraum gehabt. Das war´s.
Es hatte die Mutter einiges an Überwindung gekostet aus dem Bett aufzustehen und zu ihrer Familie an den Frühstückstisch zu gehen. Sie bemühte sich um einen normalen Umgangston, beobachtete ihre Kinder aber immer wieder aus dem Augenwinkel. Besonders ihre Gesichter betrachtete sie immer wieder heimlich und es durchzuckte sie ein Schauer, wenn sie an die unheimlich weiß leuchtenden Augen aus ihrem Traum denken musste. Aber die Augen ihrer Kinder waren an diesem Morgen ganz normal. Natürlich. Sie hatte ja nur einen besonders schlimmen Alptraum gehabt, der sicher mit dem ekelerregenden toten Vogel zutun hatte, den sie immer noch nicht verarbeitet hatte, für den es aber sicher eine Erklärung geben musste. Die Kinder waren seit diesem Vorfall und dem damit verbunden Hausarrest den Eltern gegenüber nicht besonders freundlich gewesen, aber die Eltern interpretierten das als normale kindliche Reaktion, als Bockigkeit und Trotz. Auch an diesem Morgen sprachen sie beim Frühstück nur das Nötigste und verzogen sich dann grußlos und ohne Abschiedskuss zur Schule. Der Mutter tat das im Herzen weh und dennoch… irgendwie war sie an diesem Morgen froh, ihre Kinder nicht küssen zu müssen. Sie hätte nicht gewusst, wie sie es hätte über sich bringen können.
Am Vormittag waren die Kinder in der Schule, die Eltern im Büro bei der Arbeit. Die Mutter steckte gerade in einer Besprechung mit dem Team, als eine Kollegin anklopfte und sagte, sie solle zum Telefon kommen, die Schule ihrer Kinder habe angerufen, es sei etwas passiert. Die Mutter sprang natürlich sofort zum Apparat und ihr Herz klopfte bis zum Halse, ihr ganzer Körper wurde mit Adrenalin geflutet. Es war etwas passiert! Mit einem ihrer Kinder! „Mrs. Miller?“ es war die Stimme der Direktorin, die die Mutter nur von den Schulveranstaltungen her kannte und daher auch nur in fröhlichem Tonfall. Diesmal sprach sie so aufgebracht und besorgt, dass die Mutter sie fast nicht erkannt hätte. Und dann sagte sie etwas, was die Mutter erleichterte und in Panik versetzte zugleich, was sie nie für möglich gehalten hätte. „Mrs. Miller, Sie müssen kommen und Ihren Sohn Oscar abholen. Er hat ein anderes Kind schwer verletzt.“ Oscar selbst ist nichts passiert. Das war das erste was die Mutter aus diesem Satz heraushörte und es erleichterte sie so ungemein, dass sie zunächst hörbar aufseufzte. Der zweite Teil des Satzes drang erst langsam zu ihr durch. Oscar, ihr lieber, kleiner, braver, freundlicher Oscar sollte ein anderes Kind schwer verletzt haben? Das konnte doch unmöglich wahr sein! Da musste die Direktorin sich irren! Doch ein Irrtum war ausgeschlossen. Oscar hatte, wie die Mutter erfahren musste, einem Mitschüler vor der ganzen Klasse und der Lehrerin mit einer Schere angegriffen und ihm schwere Verletzungen zugefügt.
Die Mutter musste ihren blutüberströmten Jungen aus dem Direktorat abholen. Oscar sagte seit dem Angriff kein Wort, teilte man ihr mit. Die Schulpsychologin habe alles versucht mit dem Jungen zu reden und es sei dringend empfohlen für Oscar, sowie die gesamte Familie Hilfe in Anspruch zu nehmen. Außerdem würden natürlich disziplinarische Maßnahmen eingeleitet werden und Oscar werde bis auf weiteres von der Schule suspendiert.
Die Mutter hörte das alles nur wie durch eine Glasglocke. Wie betäubt stieg sie mit ihrem immer noch schweigenden Sohn ins Auto und sie fuhren in Totenstille nach Hause. Ab und zu warf sie verstohlen einen Blick in den Rückspiegel und fing an sich zu fragen, wer da mit ihr im Auto saß. Denn eines war nun auch ihr klar geworden: Oscar und Caroline hatten sich verändert.
Oscar warf ebenfalls Blicke in den Spiegel, immer dann, wenn die Augen seiner Mutter wieder auf die Straße gerichtet waren. Seine Augen leuchteten weiß.
Zuhause bei den Millers war nun die Angst und auch die Zwietracht eingezogen. Oscar hatte sich nach dem Vorfall in seinem Zimmer verschanzt und war nicht mehr herausgekommen, er hatte nicht auf gutes Zureden, auch nicht auf Drohungen der Eltern reagiert. Er konnte sein Zimmer normalerweise nicht absperren, aber er musste irgendein Regal vor die Tür geschoben haben, denn die Eltern kamen nicht herein. Die Mutter stelle ihm in ihrer Sorge Essen vor die Zimmertüre, welches er aber nicht anrührte und die Eltern gerieten in Streit darüber, wie sie nun vorgehen sollten. Ihr Sohn brauchte ganz offenbar professionelle Hilfe. Natürlich meldete sich auch die Familie des verletzten Kindes, welches im Krankenhaus lag und mehrere ernste Stichverletzungen davongetragen hatte. Dessen Eltern waren verständlicherweise außer sich, drohten mit Anzeige, Jugendamt und Schmerzensgeld. Alles in allem waren die Miller´schen Eltern so gebeutelt und durch den Wind, dass sie, als sie bemerkten, dass die Hunde weg waren, nicht mehr sagen konnten, wann sie die Tiere zuletzt gesehen hatten. Jedenfalls konnten sie die Hunde im gesamten Haus nirgends finden und nachdem sie verzweifelt den Garten und schließlich auch die gesamte Nachbarschaft abgesucht hatten, wurde der Verlust der Hunde zu einem weiteren in der Reihe der Schicksalsschläge, der den Millers widerfuhr.
Die Hunde aber waren ihrem Instinkt zur Flucht gefolgt, hatten die herannahende Katastrophe wittern können, wie einen Geruch oder einen Ton, der außerhalb der menschlichen Wahrnehmung liegt und während die Eltern von Oscar und Caroline noch verzweifelt nach ihnen riefen, rannten sie, längst außer Hörweite über ein Feld im 30 Kilometer entfernten Nachbarort und würden erst aufhören zu rennen, wenn sie die unsichtbare Grenze der Gefahr, die nur sie sehen konnten, hinter sich gelassen hätten und würden fortan ein Leben als Streuner führen, denn nie mehr würden sie sich von Menschen finden lassen. Ihr Vertrauen war gebrochen.
Die Millers allerdings liefen nicht fort, da sie Menschen waren und verlernt hatten, ihren Urininstinkten zu vertrauen. Stattdessen suchten sie für alles Erklärungen, redeten, stritten, schrien und weinten. Doch sie handelten nicht. Und dann war es irgendwann zu spät.
Es war an Morgen, vier Tage nachdem die Mutter den blutüberströmten Oscar von der Schule abholen hatte müssen und er war seither nur aus seinem Zimmer gekommen, wenn er zur Toilette ging. Die Eltern hatten mehrmals versucht ihn abzufangen, aber die Mutter musste sich eingestehen, dass ihre Versuche halbherzig gewesen waren. Irgendetwas in ihr, so weh ihr der Gedanke auch tat, irgendetwas in ihr wollte nicht in die Nähe ihres Sohnes kommen. Seit diesem Vorfall hatte sie…hatte sie… sie wollte „Angst vor ihm“ denken und konnte es doch nicht zulassen. Er war ihr Sohn, dachte sie. Wie konnte sie nur so feige sein. Er brauchte ihre Hilfe! Als sie an diesem Morgen (sie hatte wieder fast die ganze Nacht nicht geschlafen) wieder hörte, wie das Regal vor Oscars Zimmertüre bewegt wurde, überwand sie ihren Widerwillen und stieg aus dem Bett, dann die Treppen zur oberen Etage hinauf. Gerade hörte sie noch die Badtür zuschlagen und beschloss, davor zu warten, bis Oscar herauskäme. Doch sie musste nicht lange warten. Hinter der geschlossenen Türe ertönte ein Schrei und dann flog die Türe mit einem Knall auf, ihr völlig verstörtes Kind kam herausgerannt und fiel ihr in die Arme. Und dann sank Oscar in den Armen seiner Mutter zusammen, zitterte und weinte und alles was er herausbrachte war „Mama, Mama, Mama…“ und die Mutter wusste, er musste etwas Schreckliches erlebt haben.
Oscar war ins Badezimmer gegangen, wie jeden Morgen. Er war müde und verwirrt, er wusste nicht welcher Tag war, ob er zur Schule musste, was er getan hatte und warum eine Kommode vor seiner Türe stand. Er hatte Kopfweh und konnte sich nur noch schwach an einen scheußlichen Alptraum erinnern, in dem er Timmy, seinen Sitznachbarn in seiner Klasse mit einer Schere ins Gesicht gestochen hatte. Oscar hatte also im benommen im Badezimmer das Licht eingeschaltet, um auf die Toilette zu gehen und sich für die Schule zu waschen, überlegte gerade, ob er nicht seine Eltern bitten sollte, ihn für heute krank zu melden, da war sein Blick in den Spiegel gefallen. Doch was Oscar da aus dem Spiegel heraus angrinste war nicht SEIN Gesicht. Es war eine Spiegelung, ohne Zweifel, sein Kopf auf seinem Hals, sein T-Shirt, seine Haare… aber das GESICHT war eine verzerrte Fratze. Der Mund war ein klaffender Schlitz von einem Ohr zum anderen, gespickt mit messerscharfen, kleinen Zähnen, die Nase war flach, wie die einer Schlange und die Augen glühten weiß. „TU ES!“ zischte die Oscar-Fratze aus dem Spiegel und da hatte Oscar in Panik zu schreien begonnen und war aus dem Bad gestürmt, direkt in die Arme seiner bestürzten Mutter. Und in dem Moment wo er weinend in ihren Armen lag, hatte sie zum ersten Mal wieder das Gefühl, ihren Sohn in den Armen zu halten, in dem Moment konnte sie endlich wieder ganz seine Mutter sein. Eng umschlungen standen sie da auf dem noch dämmrigen Flur und hielten einander fest. Oscar hatte sein Gesicht an der Brust seiner Mutter vergraben und die Badezimmertüre war mit Schwung wieder beinahe zugefallen. So sah keiner der beiden die Fratze, die noch immer aus dem Spiegel im Bad starrte. Und keiner der beiden bemerkte Caroline, die lautlos im Türrahmen am Ende des Flures stand und die beiden beobachtete. Ihre Augen glühten weiß und sie grinste breit.
Die Mutter war nun fest davon überzeugt, wieder Zugang zu ihrem Sohn gefunden zu haben. Dennoch hatte sie einen Termin bei einem Kinderpsychologen gemacht, denn offenbar gab es irgendetwas, was Oscar schreckliche Angst machte und worüber er einfach nicht reden konnte. Nach dem Vorfall im Badezimmer hatte Oscar immer noch nicht viel gesprochen, aber wenigstens war er wieder aus seinem Zimmer gekommen und hatte an diesem Abend auch zu ersten Mal wieder am Abendessen teilgenommen. Der Vater hatte versucht, seinen Sohn zur Seite zu nehmen und noch einmal ein Gespräch zu beginnen, doch die Mutter hatte ihn zurückgehalten. Ihrer Meinung nach müsse man nun vorsichtig mit Oscar umgehen, um den kleinen Fortschritt nicht gleich wieder zunichte zu machen.
So saßen sie nun also wieder beim Abendbrot, die Eltern versuchten angestrengt über belanglose Themen zu sprechen, das Verschwinden der Hunde war noch getarnt worden mit der Lüge, sie seien vorübergehend bei den Großeltern untergebracht, um die Kinder nicht noch mehr aufzuregen. Doch plötzlich und unvermittelt fing Caroline wieder damit an: „WO SIND DIE HUNDE?!“ fragte sie laut und scharf dazwischen, ihr Vater hatte gerade noch eine Begebenheit aus seinem Büro geschildert. „Du weißt doch Schatz, sie sind bei Oma und Opa, weil Mom und Dad grade so viel zutun…“ „LÜGNER!“ brüllte das kleine Mädchen plötzlich mit tiefer Stimme und das Messer, mit welchem sie eben noch ihre Kartoffeln geschnitten hatte, steckte im nächsten Moment tief im Handrücken ihres Vaters. Der brüllte auf, hob reflexartig seine andere Hand und verpasste seiner kleinen Tochter einen Schlag ins Gesicht. Was dann folgte war eine Tragödie. Der aufgebrachte Vater brüllte die Kinder an, sie sollen sofort in ihre Zimmer verschwinden, die Mutter herrschte er an, sie solle Verbandszeug besorgen, dann biss er die Zähne zusammen und riss mit einem Ruck das Küchenmesser aus seinem Handrücken. Die Mutter wollte zum Telefon greifen und den Notruf wählen, doch der Vater schlug es ihr aus der Hand. Wie wolle sie DAS erklären? Ob sie etwa wolle, dass die Polizei und das Jugendamt käme, dass ihnen die Kinder wegnehmen und ins Heim bringen würde, brüllte er. Die Mutter weinte hysterisch, die Kinder rannten nach oben und der Vater mühte sich mit verbissenem hochrotem Gesicht einhändig mit dem Verband ab, während sich Blut über das gesamte Abendessen ergoss.
Spät in der Nacht lagen die Eltern im Bett. Natürlich schlief keiner von beiden. Die Mutter hatte noch lange leise geweint und der Vater schweigend an die Decke gestarrt. Ansonsten war es totenstill im Hause der Millers gewesen. Doch nun wurde die Stille von leisen Schritten auf der Treppe durchbrochen. Kinderfüße, die über die Stufen tapsten und von dort aus auf das Elternschlafzimmer zu. Die Mutter hielt den Atem an. Dann ein zaghaftes Klopfen an der Schlafzimmertüre. „Mommy? Daddy? Wir sind´s. Dürfen wir reinkommen? Es tut uns so leid!“ Kleine, zarte, liebe Kinderstimmchen, ein leises Schniefen. Oscar und Caroline, ihre Kinder! Ihre lieben, süßen, unschuldigen Kinder! „Natürlich dürft ihr reinkommen!“ antworteten die Eltern. Die Tür ging auf und Oscar und Caroline tapsten herein, klein und niedlich in ihren Bärchen-Pyjamas mit verstrubbeltem Haar. Caroline krabbelte auf der Seite des Vaters ins Bett und Oscar auf der Seite der Mutter und sie kuschelten sich an sie. Doch Oscar und Caroline hatten sich verändert. Die grinsenden Gesichter der beiden hatten die Eltern in der Dunkelheit nicht gesehen. Und auch nicht die Messer, die sie hinter ihren Rücken versteckt gehalten hatten.
Zeitungsartikel aus der „MORNINGPOST“ vom 14.11.2010:
Familiendrama in der Stone Street- Kinder erstechen ihre Eltern im Schlaf!
Die Kleinstadt „Sunrise Hill“ steht unter Schock. In der Nacht von Freitag auf Samstag haben offenbar zwei Geschwister ihre Eltern nachts mit Messern attackiert und in deren Bett erstochen. Nachbarn der Familie haben Schreie gehört und daraufhin die Polizei alarmiert. Als diese am Tatort eintraf, fand sie zwei völlig verstörte, blutüberströmte Kinder, sowie die Eltern schwer verletzt in deren Ehebett vor. Der eintreffende Notarzt konnte leider nur noch den Tod der Eltern feststellen. Die Kinder sind zu diesem Zeitpunkt die Hauptverdächtigen, da sich sonst niemand im Haus befand. Bei der Befragung durch die Polizei gaben sie allerdings an, sich an nichts erinnern zu können. Was genau in jener Nacht geschah ist noch unklar. Nachbarn beschrieben die Familie als freundlich und unauffällig und zeigten sich über den Vorfall mehr als bestürzt. Schließlich ist das nicht der erste Vorfall dieser Art, welcher sich in der Stone Street abgespielt hat. Vor genau 10 Jahren kam es einige Häuser weiter zu einer ähnlichen Tragödie, bei der ein Junge seiner Mutter im Schlaf eine Schere in den Rücken stach und sie somit tötete. Auch hier gab der Junge hinterher an, sich an nichts erinnern zu können. Auffällig ist außerdem, dass die heutigen verdächtigen Geschwister bei der Polizei angaben, im leerstehenden Haus der getöteten Frau mit deren Sohn gespielt zu haben, obwohl der Junge seit dem Mord an seiner Mutter in der geschlossenen Abteilung der Kinder- und Jugendpsychiatrie sitzt. Ob und wie die beiden Fälle zusammen hängen- auch dies bleibt weiterhin unklar.
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Eigentlich sollte Timmy nach der Schule gleich heimkommen, aber jetzt steht er vor dem alten, heruntergekommenen, leerstehenden Haus am Ende der Stone-Street. Da drin ist vor langer Zeit einmal eine Frau von ihrem Sohn getötet worden und jetzt soll es dort spuken, das weiß jedes Kind in der Stadt. Und wer besonders mutig ist und sich traut dort einzusteigen, der wird als Held gefeiert, das weiß auch jedes Kind.
Und Timmy will ein Held sein. Oh ja, das will er wirklich…