
Projekt Osterhase / Die Auferstehung an Ostern
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Ich heiße Dr. med. Martin Mouge.
Ich weiß, wie unglaubwürdig das klingt, was ich Ihnen jetzt erzählen werde. Doch glauben Sie mir, ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich nicht dabei gewesen wäre und es mit eigenen Augen gesehen hätte. Doch ich greife vor. Lassen Sie mich von vorne erzählen, was genau heute vor 2 Jahren geschehen ist. Alles begann mit einem Anruf.
Ich saß damals in meinem Büro des Universitätsklinikums Berlin, als mein Telefon klingelte. Die Nummer wurde als unterdrückt angezeigt. Normalerweise nicht die Regel in einem Klinikum. Doch wenn ein Anruf über das Büro der Chefsekretärin weitergeleitet wurde, kam das gelegentlich vor.
Ich hob ab, weil ich von der Annahme ausging, dass ein Kollege anrief und ich zu einem Notfall gerufen wurde.
„Hallo, hier Dr. Mouge!“, sprach ich in den Hörer rein. Ein kurzes Knistern und Rauschen war zu hören. Dann eine männliche Stimme. Der Mann am anderen Ende der Leitung stellte sich nicht mit Namen vor.
Er sagte nur, er rufe im Auftrag des Gesundheitsministeriums der Bundesregierung Deutschland an. Man habe meine Doktorarbeit und meine Veröffentlichungen in Fachzeitschriften zur „viralen Modifikation“ gelesen und geprüft. Anschließend fragte er mich, ob ich bereit wäre, an einem streng vertraulichen Projekt mitzuwirken. Ich bat den Mann, einen Augenblick zu warten. Ich stand auf und schloss die Tür meines Büros. Erst dann fragte ich, um welches Projekt es ginge, und er antwortete schlicht und nüchtern: „Es ginge um die Heilung von Krebs.“ Die Regierung wäre von meinen bisherigen Erfolgen begeistert und ich hätte einen vielversprechenden Ansatz, um bei der weiteren Forschung einen Durchbruch zu erreichen. Mehr darf und kann ich ihnen zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen.
Ich räusperte mich und suchte nach den richtigen Worten, doch er wusste bereits, was ich sagen wollte, und fiel mir ins Wort. „Ja, Sie haben richtig gehört: ein Heilmittel gegen Krebs. Ein Mittel, das den Krebs von innen heraus zerstören soll. Aber mehr darf ich ihnen wirklich nicht sagen.“
Nach einem Moment der Stille sprach er weiter. „Es wird Ihr Schaden nicht sein! Nur wenige erhalten ein so lukratives Angebot, an der Entwicklung eines wirksamen Heilmittels gegen Krebs teilnehmen zu dürfen. Sie werden dafür jährlich im fünfstelligen Bruttobereich bezahlt werden.“ Anschließend gab sie mir die Telefonnummer der zuständigen Person durch und ich sollte, wenn ich Interesse an der Forschung hatte, dort anrufen. Dann legte er einfach auf. Ich schaute ungläubig auf das Telefon und dachte, dass mich jemand verarschen möchte. Aber wie Sie sehen, war das nicht der Fall. Sonst würden wir jetzt nicht das erleben, was gerade vor sich geht.
Natürlich lockte mich das Geld. Geld regiert nun mal die Welt. Ich überlegte und grübelte die ganze Nacht durch, ob ich an der Studie teilnehmen sollte oder nicht. Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe sogar einmal probiert, die zuständige Person anzurufen. Aber es kam nur eine Bandansage, dass der gewünschte Gesprächspartner nicht zu erreichen sei und man es ab 8 Uhr am nächsten Morgen nochmal versuchen solle.
Das war wohl eine der schlaflosesten Nächte, die ich je erlebte. Wie dem auch sei. Ich rief um kurz nach 8 Uhr am nächsten Morgen erneut an. Zwei Tage später fand ich mich in einem fensterlosen Besprechungsraum wieder und unterschrieb die Verschwiegenheitserklärung. Wenn ich damals geahnt hätte, wohin das führen würde, stünde ich heute nicht hier und würde versuchen, Ihnen alles zu erklären. Aber lassen Sie mich fortfahren. Wo war ich stehengeblieben? Ahh, genau …
Unsere Arbeit beruhte selbstverständlich auf vorhergehenden Studien und Versuchen anderer Forscher und Ärzteteams. Ohne deren Ergebnisse wären wir niemals so weit gekommen.
Die ersten Tage im Labor verliefen vielversprechend. Ich arbeitete zusammen mit meinem Kollegen an der Zusammensetzung des Enzyms, das dabei behilflich sein sollte, das Mittel leichter in die Krebszellen zu transportieren. Wir versuchten, es so zu modifizieren, dass es sich optimal an den jeweiligen Krebsherd anpassen konnte. Schließlich kam mir die entscheidende Idee: Ich entzog dem Komplex ein bestimmtes Holoenzym. Dieses funktionierte zwar, aber nach drei Monaten saßen wir plötzlich in einer Sackgasse. Ein entscheidendes Enzym verhinderte weiterhin die Andockung an die Krebszellen.
Fast einen Monat lang kamen wir keinen Schritt weiter.
Auf die Lösung kam ich erst, als ich spätabends allein im Labor saß und noch einmal die Aufzeichnungen durchging. Mir wurde klar, dass das blockierende Enzym nicht das eigentliche Problem war – wir hatten den Komplex zur falschen Zeit aktiviert. In den darauf folgenden Wochen veränderte ich die Struktur so, dass er zunächst unauffällig blieb und erst im Inneren der Zielzelle zu reagieren begann. Unter dem Mikroskop konnten wir beobachten, wie sich das Mittel an die Krebszellen anpasste und sie von innen heraus zerstörte. In diesem Moment wusste ich, dass wir endlich die richtige Spur gefunden hatten.
Wir testeten es vorerst an 100 verschiedenen Krebsarten. Sie müssen bedenken: Es gibt 200 bekannte Arten von Krebs. Bei 95 Prozent der 100 Krebsarten wurden die Krebszellen erfolgreich bekämpft. Stellen Sie sich das vor: 95 Prozent von 100.000 Erkrankten. 95.000 Erkrankte könnten somit ein für alle Mal von der Erkrankung Krebs geheilt werden.
Der nächste Schritt bestand darin, das Mittel in ausreichender Menge herzustellen. Wir nutzten eine spezielle Nährlösung und geeignete Wirtszellen, in denen sich der Wirkstoff innerhalb weniger Stunden vervielfältigte. Bereits nach 3 Tagen konnten wir beobachten, wie sich die Struktur des „Wirkstoffes“ selbstständig vermehrte und reproduzierte. Er war in großer Zahl in dem Kulturmedium nachweisbar. Somit war klar: Wir waren in der Lage, innerhalb weniger Tage stabile Proben in größeren Mengen herzustellen, die für weitere Versuchsreihen ausreichten. Für das gesamte Team war das ein weiterer Hinweis darauf, dass wir tatsächlich auf etwas gestoßen waren.
Das Projekt schritt erstaunlich schnell voran. An manchen Tagen fühlte ich mich vom Erfolg regelrecht berauscht. Sechs Monate später begannen wir mit den ersten Tierversuchen – Laborratten und Mäusen, bei denen durch genetische Veränderungen Krebs ausgelöst worden war. Der Wirkstoff zeigte zunächst die gewünschte Reaktion. Doch die Tiere starben kurz darauf. Die verabreichte Menge war für ihre kleinen Körper zu hoch gewesen.
Wir passten die Dosis langsam und schrittweise an. Schließlich überlebten die Tiere. Nach weiteren drei Monaten waren sie krebsfrei und kerngesund. Daraufhin wagten wir uns an größere Tiere: Hühner, Frettchen und Kaninchen. Auch hier mussten wir die Dosierung mehrfach korrigieren und bei den Hühnern sogar reduzieren, da es zunächst zu Todesfällen kam. Doch am Ende konnten wir auch hier Erfolge verzeichnen. Unser Stolz wuchs mit jedem gelungenen Versuch.
Selbstverständlich kam es auch zu Nebenwirkungen. Einige Tiere bekamen Fieber oder Durchfall, andere wirkten lethargisch. Doch ihre Vitalwerte blieben stabil. Sie überlebten und waren ebenfalls innerhalb von gut 4 Monaten krebsfrei. Daraufhin versuchten wir, den Wirkstoff weiter zu modifizieren, damit er auch die restlichen Krebsarten erfolgreich bekämpfen konnte.
Bei 20 Krebsarten war es sehr komplex, den Wirkstoff so anzupassen, dass er sich im Inneren des Tumors erfolgreich vermehren konnte. Gerade bei Leukämie hatten wir große Probleme, die Dosis so anzupassen, dass sich das Heilmittel in den Knochenmarkzellen wirksam vermehren konnte. Nach fast eineinhalb Jahren nach Beginn der Studie schafften wir es, das Heilmittel so anzupassen, dass es auch bei Leukämie erfolgreich wirkte.
Je weiter wir vorankamen, umso deutlicher wurde uns, dass wir uns bislang nur mit den häufigsten Krebsarten beschäftigt hatten. Es gab aber noch eine ganze Reihe seltener und obendrein besonders aggressiver Krebsarten, bei denen das Heilmittel nicht mehr die gleiche Wirkung zeigte. Gerade bei bestimmten Tumoren des Lymphsystems versagte es vollständig. Wir konnten zwar beobachten, dass der Wirkstoff die Zellen erreichte, doch im Inneren der Tumoren fiel er nach kurzer Zeit zusammen.
Diese Rückschläge trafen mich härter, als ich mir selbst eingestehen wollte. Ich vermute, dass es dem ganzen Team so ging. Wochenlang wiederholten wir Versuchsreihen, ohne einem nennenswerten Fortschritt näherzukommen. Versuchstiere starben, weil wir die Wirkung überschätzt hatten.
Zu diesem Zeitpunkt verspürte ich das erste Mal Zweifel an der Forschung. Mein Kollege und ich hatten geglaubt, bereits kurz vor einem medizinischen Durchbruch zu stehen. Doch plötzlich schien es mehr Rückschläge als Fortschritt zu geben. Ich war kurz davor, das Ganze hinzuschmeißen und zurück an die Klinik zu gehen.
Ich war gefrustet und hatte zahlreiche schlaflose Nächte. Aber genau in dieser Phase, als das Team und ich beinahe aufgegeben hätten, stieß ich schließlich auf die entscheidende Idee.
Eines Nachts, ich saß allein im Labor der Einrichtung und ging die Aufzeichnungen und Mikroskopaufnahmen der letzten Versuche durch. fiel mir etwas auf … Bei den seltenen Krebsarten reagierte der Wirkstoff zwar auf die Wirtszellen, wurde jedoch von bestimmten Enzymen im Tumorgewebe blockiert, noch bevor er seine eigentliche Wirkung entfalten konnte. In diesem Moment machte es in meinem Kopf plötzlich Klick. Mir wurde klar, dass wir nicht zwangsweise die Dosis verändern mussten. Wir mussten den Wirkstoff so anpassen, dass er diese Enzyme umgehen konnte.
Einen Tag später bat ich den Leiter des Labors um ein Gespräch und erklärte ihm meinen Ansatz. Dieser gab schließlich die Anweisung, dass wir die Struktur des Heilmittels so ändern sollten, dass der Komplex zunächst inaktiv blieb und sich erst im Inneren der betroffenen Zelle vollständig entfaltete. Kurze Zeit darauf schaffte ich es, den Wirkstoff umzuwandeln.
Ich eilte zu unserem Projektleiter Dr. K. und verkündete ihm den Erfolg. Er wies daraufhin an, dass als Versuchstiere Hasen genommen werden sollten.
Mein Laborpartner und ich durchforsteten tagelang Datenbanken und fanden schließlich eine Krebsart, die oft bei Menschen, speziell bei Frauen, und selten bei Tieren vorkam. Das Uterusadenokarzinom.
Diese Krebsart erschien uns als ein geeignetes Ziel, um weitere Fortschritte zu erzielen. Wir telefonierten tagelang Tierärzte in ganz Europa ab, um eine Häsin mit genau dieser Diagnose zu finden. In Italien wurden wir schließlich fündig.
Unser Laborleiter kümmerte sich um alle schriftlichen Angelegenheiten zur Überführung des Tieres. Als die Häsin bei uns eintraf, kam ein extern beauftragter Tierarzt des Veterinäramts zu uns in die Einrichtung. Er untersuchte die Häsin eingehend und bestätigte den Befund der italienischen Tierärzte. Wir begannen sofort, auszurechnen, wie hoch die Dosis sein musste, die wir der Häsin verabreichen konnten, ohne ihr Leben zu gefährden. Wir hatten nur diesen einen Versuch. Sollte dieser scheitern, würde ich die Forschung zur Krebsheilung ein für alle Mal an den Nagel hängen.
Einen Tag später wurde eine Versammlung der gesamten Belegschaft einberufen. Alle sollten Zeugen sein, wie wir den angepassten Wirkstoff der Häsin in ihren Uterus-Tumor injizierten, und dann hieß es abwarten, was passierte.
Die ersten 3 Tage war das Tier lethargisch und schlief viel, fraß und trank jedoch weiterhin. Ab dem vierten Tag wurde sie zunehmend aktiver und schien sich langsam zu erholen. Ihre Vitalwerte verbesserten sich von Tag zu Tag. Nach 8 Wochen war kein Tumorgewebe mehr im Ultraschall zu erkennen. Damals hielt ich es für einen Durchbruch in der Wissenschaft.
Heute weiß ich, dass genau in diesem Moment unser Untergang begann.
Schauen Sie mich bitte nicht so verächtlich an. Ich weiß selbst, dass ich Schuld auf mich geladen habe, die ich nicht rückgängig machen kann. Doch lassen Sie mich weiter erzählen.
Einen Versuch mussten wir noch durchführen. Eine Paarung. Wir mussten testen, ob die Fruchtbarkeit der Häsin durch Krebs und Heilmittel beeinträchtigt worden war. Wir setzten ihr ein Böckchen in das Gehege und die beiden paarten sich. Alles verlief planmäßig. 2 Wochen darauf konnten wir per Ultraschall vier Jungtiere in ihrem Bauch erkennen. Nach weiteren zweieinhalb Wochen kamen die Jungtiere zur Welt.
Zunächst freuten wir uns und beobachteten die Jungtiere aufmerksam. Die ersten Tage verliefen unauffällig. Mutter und Nachwuchs schienen gesund, die Werte waren stabil. Das nächtliche Säugen schien auch ohne Probleme zu funktionieren. Wir lagen somit gut im Zeitplan.
Es war Karfreitag. Der 13. Tag nach der Geburt der Jungtiere. Ich war gerade mit dem Reinigen des Geheges fertig geworden. Ich blickte nochmal in Ihr Nest und sah, dass die Kleinen ihre Augen öffneten. Sie öffneten alle gleichzeitig. Doch es waren keine normalen Augen, wie man sie von Hasen kennt. Sie waren weiß. Ein milchiges Weiß. Keine Iris, keine Pupillen. Ich dachte im ersten Moment, die Jungen seien alle blind zur Welt gekommen und das Heilmittel hätte somit eine fatale Nebenwirkung. Doch dann fiel es mir auf. Eines der Jungen krabbelte aus dem Nest und kam zur Glasscheibe, durch die ich blickte. Es kam schnurstracks auf mich zu gewankt. Ich bückte mich um beobachtet es genau.
Wenige Zentimeter vor der Scheibe blieb es stehen und hob den Kopf an. Reflexartig hob ich meine Hand und bewegte sie vor der Scheibe hin und her. Der kleine Kopf verfolgte die Bewegung, die ich tat, aufmerksam. Eine Gänsehaut lief mir den Rücken herunter. Wie konnte das möglich sein? Von außen betrachtet waren die Hasenbabys alle blind, doch sie schien sehen zu können.
Ich verließ den Raum und versuchte, unseren Vorgesetzten zu erreichen. Dieser ging jedoch nicht an sein Telefon. Ich rief daraufhin meinen Kollegen an und bat ihn, in das Labor zu kommen. Keine Stunde später traf er ein und ich zeigte ihm, was im Gehege vor sich ging. Wir beschlossen, abzuwarten und weiterhin unsere Vorgesetzten zu erreichen. Ich legte dem Hasen noch Futter bereit und mein Kollege und ich verließen gemeinsam die Laboreinrichtung. Am Karsamstag versorgte mein Kollege die Hasen und informierte mich anschließend. Es gab keine Veränderung zum Vortag. Derweil versuchte ich weiterhin, unseren Vorgesetzten zu erreichen.
Ostersonntag gingen wir gemeinsam in das Labor. Als wir den Raum, in dem die Tiere standen, betraten, stockte uns der Atem. Ich sah an der Glasscheibe des Geheges einige Blutspritzer und vermutete Schlimmes. Als wir näher kamen, sahen wir, dass die Hasenmutter tot in einer Ecke des Geheges lag. Sie war von den Jungtieren regelrecht totgebissen worden. Ihre Zitzen waren abgenagt, ihr Bauch aufgerissen, die Eingeweide lagen verstreut in der blutgetränkten Einstreu. Die Jungen nagten daran und erzeugten dabei widerwärtige, schmatzende Geräusche.
Mir wurde übel. Ich drehte mich um und rannte zur Toilette und übergab mich. Gerade als ich mich wieder aufrichtete, hörte ich den Schrei meines Kollegen. Ohne mir den Mund auszuspülen und die Hände zu waschen, rannte ich los und stürzte zurück in den Laborraum.
Was ich sah, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Die tote Häsin saß in der Ecke, wo sie eben noch tot gelegen hatte, und knurrte ihn an. Ihre Augen waren ebenso weiß wie die ihrer Jungen. Ich rang nach Worten und das Einzige, was mir über die Lippen kam, war:
„Was zum Teufel geht hier vor sich?“
Mein Kollege drehte sich um. Sein Gesicht war weiß wie eine Kalkwand und kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er hielt sich die rechte Hand.
„Ich wollte die tote Häsin aus dem Gehege nehmen. Dabei hat sie mich gebissen! Sie ist plötzlich aufgesprungen und hat mich in die Finger gebissen.“ Dabei zeigte er mir den Biss am rechten Zeigefinger. Hätte ich die kleine Wunde und die Häsin in der Ecke des Geheges nicht selbst sitzen gesehen, hätte ich ihn für überarbeitet gehalten.
Ich lief zum Medizinschrank und holte Verbandsmaterial heraus. Während ich seine Wunde versorgte, tippte er mir auf die Schulter und flüsterte kaum hörbar. „Dreh dich um und schau in den Käfig.“ Langsam drehte ich mich um und sah, dass die Häsin auf ihren Hinterbeinen direkt an der Glasscheibe stand. Gedärme quollen aus ihrem aufgerissenen Bauch, doch sie zeigte keinerlei Anzeichen von Schmerz.
Mir klappte die Kinnlade herunter. Ich trat einige Schritte näher und erkannte, dass sie nicht atmete. Und dennoch … bewegte sie sich.
In diesem Moment klingelte das Diensthandy in meiner Hosentasche und riss mich aus meiner angewiderten Faszination. Ich zuckte vor Schreck zusammen und versuchte hastig, das Telefon aus meiner Hosentasche zu bekommen.
Der Projektleiter rief an. Ich schaltete sofort den Lautsprecher an, sodass mein Kollege mithören konnte.
„Mouge hier.“
„Hier Dr. K. Ich habe gesehen, dass Sie mehrfach versucht haben, mich zu erreichen.
Ich schluckte. „Herr Doktor K. Endlich rufen Sie zurück. Im Hasengehege stimmt etwas ganz und gar nicht. Die Jungtiere haben am Freitag die Augen geöffnet. Sie waren alle weiß. Und heute Nacht haben Sie die Mutter angefallen. Als wir eben zum Füttern herkamen, lag das Sie zerbissen in einer Ecke. Wir dachten zuerst, sie wäre tot … aber sie … Ich schluckte erneut. Sie ist wieder aufgestanden.“
Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment Stille. Es fühlte sich wie eine kleine Ewigkeit an.
„Was genau wollen Sie damit sagen?“
„Sie nun ja. Sie bewegt sich, obwohl sie nicht atmet. Ihre Augen sind weiß. Genau wie bei den Jungen. Mein Kollege wurde von ihr gebissen, als er das scheinbar tote Tier aus dem Käfig nehmen wollte.“
„Wie stark wurde er gebissen?“
„Nur in den Finger. Aber ich weiß nicht, was hier gerade vor sich geht. Das ist nicht normal.“ Ich hörte, wie der Projektleiter langsam ausatmete. „Hören Sie mir genau zu, Dr. Mouge. Sie betreten den Raum unter keinen Umständen mehr. Egal, was passiert.
„Aber wir müssen doch die Tiere versorgen.“
„Nein. Sie und Ihr Kollege verlassen den Raum und das Gebäude. Ich sende ihnen gleich eine E-Mail mit den Zugangsdaten zum Kamerasystem. Sie beobachten bis Dienstag von zuhause aus, was in dem Raum passiert. Keine Sorge, die Kamera nimmt 24 × 7 auf. Es reicht, wenn Sie immer wieder mal einen Blick darauf werfen. Ihr Kollege begibt sich umgehend bis Dienstag in Quarantäne. Ich werde dafür sorgen, dass er dann abgeholt und in die Laboreinrichtung gebracht wird. Haben Sie beide das verstanden?“
„Ja!“, hörte ich die Stimme meines Kollegen hinter mir sagen. Ich bejahte ebenfalls. „Falls etwas sein sollte, melden Sie sich umgehend bei mir.“
Dann legte er auf.
Ich stand noch einige Sekunden mit dem Telefon in meiner Hand da und starrte auf das Gehege, in dem die tote Häsin an der Glasscheibe stand und mich durch die Scheibe mit ihren milchig-weißen Augen ansah.
Wir verließen den Raum und sperrten ihn ab. Nachdem wir das Gebäude verlassen hatten, fuhr ich mit meinem Kollegen nach Hause. Ich fragte ihn, ob er noch was bräuchte, und dass ich es ihm dann holen würde. Doch dieser verneinte mit der Aussage, dass er an den beiden Tagen gut versorgt sei. Wir machten aus, dass wir telefonisch Kontakt halten. In der Nacht von Ostersonntag auf Ostermontag schlief ich kaum. Ich schaute immer wieder auf die Kameraaufnahmen und sah, wie die kleinen Biester von Hasen immer wieder an ihrer Mutter fraßen.
Am Morgen meldete sich mein Kollege bei mir und berichtete mir, dass er leicht erhöhte Temperatur hätte, aber die Wunde reizlos sei.
Am Dienstag fuhr ich bereits um 6 Uhr in die Einrichtung. Der Projektleiter war zu meiner Verwunderung bereits da. Er stand in der offenen Tür zum Raum mit den Hasen. Ich trat näher und konnte in den Raum sehen. Was ich sah, ließ mir beinahe die Haare zu Berge stehen.
Die Kleinen gingen gegenseitig aufeinander los und verbissen sich, sodass das Blut nur so spritzte. Die Häsin lag fast abgenagt bis auf die Knochen mitten im Gehege. Ihr Kopf zuckte und dabei gab sie ekelerregende Knurr-Geräusche von sich, die sich mir in mein Gedächtnis einbrannten.
Sie werden es nicht glauben. Aber in diesem Moment höre ich dieses Knurren deutlich in meinen Ohren.
Ich sah den Projektleiter an. Dieser war nicht in der Lage, ein Wort zu sagen. Man konnte ihm den Schock im Gesicht ansehen. Ich führte ihn in sein Büro. Erst dort fand er seine Sprache wieder und wir unterhielten uns über das weitere Vorgehen.
Mein Kollege wurde gegen 9 Uhr in die Einrichtung gebracht. Sein Zustand hatte sich über Nacht verschlechtert. Er wirkte blass, schwitzte stark, hatte fast 39 Grad Fieber und klagte über Kopf- und Gliederschmerzen sowie Übelkeit und Herzrasen. Man brachte ihn auf die Krankenstation und stellte ihn weiter unter Quarantäne. Es wurde ihm Blut abgenommen und noch vor Ort ausgewertet. Seine Werte waren für den Zustand, in dem er war, nahezu unauffällig. Einzig und allein die Leukozytenwerte waren etwas erhöht. Und doch schien es ihm von Stunde zu Stunde schlechter zu gehen.
Unser Projektleiter ordnete an, dass er uns engmaschig untersucht. Ich beobachte das Vorgehen mit wachsendem Entsetzen. Einige Stunden später verlor mein Kollege das Bewusstsein und starb.
Wir saßen gerade im Büro meines Vorgesetzten und ich verspürte zu diesem Zeitpunkt nur noch Angst. Endlich fand ich den Mut und fragte ihn: „Was haben wir da nur entwickelt?“
Doch noch bevor dieser antworten konnte, klingelte das Telefon. Er wurde gebeten, sofort auf die Krankenstation zu kommen. Ich eilte ihm natürlich hinterher. Dort angekommen sahen wir durch die Scheibe der Tür zum Krankenzimmer. Mein Kollege, der eben noch in den Leichensack gelegt worden war, saß darin. Seine geöffneten Augen waren weiß. Er atmete nicht – und dennoch lebte er. Sein unterer Teil des Gesichtes war blutverschmiert. Neben der Bahre lag einer der Ärzte, die ihn untersuchten und den Tod feststellten, in einem blutgetränkten Schutzanzug. Der zweite Arzt kauerte sich in eine Ecke des Raumes. Er stand sichtlich unter Schock.
Mit einem Mal bewegte mein Kollege seinen Kopf ruckartig. Er sprang auf und griff den zweiten Arzt an. Er zerfetzte dessen Schutzanzug und biss ihm in die Kehle. Blut quoll aus der klaffenden Wunde.
„Oh mein Gott!“, stotterte Dr. K., als er den Kopf zu mir drehte. „Was haben wir da nur entwickelt?“, fragte ich ihn erneut. Doch er antwortet nicht.
Ich sah, wie Dr. K. für einen Moment die Augen schloss und sich mit der Hand über das Gesicht wischte. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. Schließlich packte er mich am Arm und zog mich vom Sichtfenster der Tür weg.
„Wir dürfen jetzt nicht die Kontrolle verlieren. Niemand außerhalb dieser Einrichtung darf erfahren, was hier passiert ist.“ Ich starrte ihn ungläubig an. Ehrlich gesagt, ich stand kurz davor, ihm eine zu verpassen. Doch ich zügelte mich. „Mein Kollege ist gerade gestorben und wieder aufgestanden. „Und Sie sprechen von Kontrolle behalten?“ Er senkte die Stimme und flüsterte schon fast. „Hören Sie mir zu, Mouge. Wenn das wirklich mit unserem Heilmittel zusammenhängt, müssen wir zuerst verstehen, was wir hier vor uns haben.“
„Verstehen?“, entgegnete ich. „Dieser Mann hat gerade 2 Ärzte sprichwörtlich zerfleischt.“ Dr. K. blickte noch einmal durch das Fenster auf die Krankenstation, als ob er sich nochmals versichern wollte, dass beide Ärzte wirklich tot waren. Gerade als er sich wieder mir zuwandte, hörten wir hinter der Tür ein lautes Scheppern und berstendes Glas. Der Arm meines Kollegen griff durch das Fenster der Tür. Er packte Dr. K. an den oberen Rand seines Sackos und Hemdes und zog ihn in Richtung Tür. Mit einem kräftigen Ruck nach hinten verschwand ein Teil seines Kopfes im Sichtfenster und ein lauter Schrei, der mein Trommelfell vibrieren ließ, zog sich durch den Flur.
DR. K. zappelte mit den Beinen und versuchte, sich loszureißen. Er rutschte jedoch immer wieder auf dem rutschigen Boden aus. Er griff mit beiden Händen links und rechts neben die Tür, während er weiter nach hinten gezogen wurde. Dabei bekam er die Türklinke zu fassen. Ein erneuter Schrei drang aus seiner Kehle und ich sah, wie Blut an die Wand gegenüber spritzte. Der Körper von DR. K. wurde von einem auf den anderen Moment schlaff. Er wurde losgelassen. Mit blankem Entsetzen sah ich, wie sein Körper nach unten rutschte. Als sein Kopf aus dem Sichtfenster kam, sah ich eine tief klaffende Bisswunde an der linken Seite seines Halses.
Sein Körper sackte zu Boden und kippte nach rechts. Seine rechte Hand, die eben noch die Türklinke gehalten hatte, zog diese nach unten. Ein leises Knacken war zu hören. Ich sah, wie sich die Tür bewegte. Nur einen Spalt breit. Ich stand immer noch wie gelähmt da und konnte mich nicht bewegen. Mein Blick war wie festgenagelt auf den schmalen Spalt zwischen Tür und Rahmen gerichtet.
Es herrschte Stille im Raum. Nur mein Atem war für kurze Zeit zu hören. Doch dann wurde von innen gegen die Tür geschlagen.
Mit einem erneuten heftigen Schlag wurde die Tür aufgestoßen und der Körper von D. K. schob sich dabei zur Seite. Der Körper meines Kollegen taumelte aus dem Raum heraus. Sein Blick war leer. Blut klebte in seinem Gesicht und tropfte auf den Boden. Für einen Moment stand er einfach nur da und blickte mich mit seinen weißen Augen an. Dann riss er den Kopf ruckartig und mit einem unnatürlichen Knacken zur Seite. Im nächsten Augenblick stürzte er sich auf den reglosen Körper von Dr. K.
Mein Verstand weigerte sich, zu begreifen, was ich sah. Mir wurde in diesem Moment klar, dass das, was gerade begann, nicht mehr aufzuhalten war.
Ein Rumpeln ließ mich vor Schreck zusammenzucken. Im Türrahmen tauchte die zweite Gestalt auf. Der Arzt, dem mein Kollege als Erstes die Kehle durchtrennte, trat schwankend auf den Flur hinaus. Auch seine Augen waren weiß. Langsam taumelte er auf den Körper von Dr. K. und stürzte sich ebenfalls auf ihn.
Mir gelang es, die Kontrolle über meine Beine wiederzuerlangen, und ich bewegte mich langsam rückwärts. Erst als ich einen ausreichenden Abstand erreicht hatte, drehte ich mich um und begann zu rennen. Als ich an der Tür zur Isolierstation ankam, drückte ich den Schalter an der Wand und die Tür öffnete sich. Ich rannte hinaus und drückte erneut den Schalter und hoffte, dass die Tür sofort wieder zuging. Sie bewegte sich und schloss sich.
Ich rannte den Flur entlang, ohne mich umzusehen. Erst am Ende des Ganges blieb ich kurz stehen und wagte einen Blick zurück. Die Tür zur Isolierstation war geschlossen. Durch das kleine Sichtfenster sah ich Bewegungen dahinter. Ein Schlag gegen das Glas war zu hören. Einen Moment später tauchte das Gesicht von DR. K. im Sichtfenster auf. Ich wusste, es würde nicht lange dauern, bis diese Kreaturen den Schalter an der Wand finden und sich die Tür erneut öffnen würde.
Ein dumpfer Knall hallte durch den Flur.
Ich riss die Tür zum Institut auf und begann zu brüllen.
„Raus hier!“, während ich den Flur entlang rannte. „Alle raus, sofort! Mehrere Türen flogen auf. Verwirrte Gesichter schauten in den Flur hinaus.
„Was ist passiert? Was ist los?“, hörte ich einige Stimmen, die mein Ohr erreichten, mir nachrufen.
„Lasst alles liegen!“, brüllte ich. „Verlasst das Gebäude!“
Ich hörte, wie hinter mir erneut Glas zerbarst. Ich drehte mich um und sah, wie sämtliche Köpfe meiner Kollegen in Richtung Isolierstation blickten. Ich hatte in meiner Panik vergessen, die Zwischentür hinter mir zu schließen. Im nächsten Moment öffnete sich die Tür zur Isolierstation und dann ging alles ganz schnell.
Die Infizierten verließen den Quarantänebereich. Sie schwankten nicht mehr. Sie begannen zu rennen. Einige Bürotüren flogen krachend zu und ich hörte, wie diese abgeschlossen wurden. Andere traten hinaus auf den Flur und begannen zu rennen. Innerhalb weniger Sekunden brach Panik aus.
Die Infizierten griffen die Mitarbeiter an. Einige versuchten wie ich, in Panik zu fliehen. Doch sie wurden schnell eingeholt und zu Boden gerissen und gebissen, woraufhin sie wenig später selbst wieder aufstanden. Doch nicht mehr als die, die Sie waren. Sie wurden alle zu diesen Kreaturen.
Ich rannte gemeinsam mit den anderen Richtung Ausgang und wagte es nicht, mich umzusehen. Wir erreichten die Tür nach draußen.
Im Inneren des Gebäudes brach das blanke Chaos aus. Fenster wurden eingeschlagen und die Mitarbeiter, die sich eingeschlossen hatten, sprangen in ihrer Angst aus selbigen. Einige standen sofort auf und rannten um ihr Leben zu ihren Autos. Andere verletzten sich dabei. Ich eilte zu einer Kollegin und versuchte, ihr aufzuhelfen. Gerade als ich es schaffte, sie aufzurichten, kam ein Infizierter um die Ecke gerannt und stürzte auf uns zu. Ich ließ meine Kollegin los und begann zu rennen. Ich hörte nur noch den Schrei meiner Kollegin.
Ich erreichte mein Auto und öffnete es. Kaum saß ich darin, schlug auch schon einer der Infizierten dagegen. Ich startete den Motor und fuhr los, ohne zurückzublicken. Dann erinnere ich mich an nichts mehr, was an diesem Tag geschah. Zumindest nichts, woran ich mich erinnern möchte.
Ich weiß nur, dass ich es von dort weggeschafft habe. Ich weiß nur, dass das, was an diesem Tag begann, sich nicht mehr aufhalten ließ.
Später wurde die Armee eingeschaltet. Diese versuchte vergeblich, die Zahl der Infizierten zu dezimieren. Soldaten infizierten sich im Kampf. Blutkontakt. Sie müssen wissen: Bereits eine kleinste Menge Speichel oder Blut reicht aus, um sich zu infizieren.
Das Virus, das wir entwickelten, um die Menschheit von Krebs zu heilen, mutierte stetig. Bald waren die Infizierten in der Überzahl. Innerhalb weniger Tage war aus einem Vorfall: „Der Biss einer Häsin an Ostersonntag“ eine Katastrophe geworden.
Und heute, 2 Jahre später, stehe ich hier und gestehe alles, was ich getan habe. Ich nehme die Schuld auf mich für das, was ich mitentwickelt habe. Für das, was unverzeihlich ist.
Sie fragen sich mit Sicherheit, wie ich es schaffte, zu überleben. Doch das kann ich ihnen leider nicht beantworten. Warum? Weil ich es selbst nicht weiß. Warum ich Ihnen das alles erzähle? Weil ich mein Gewissen erleichtern wollte, bevor ich diese Welt verlasse. Ich verdiene meine Strafe und dafür, gerichtet zu werden.
Ich sehe, Ihnen läuft bereits der Speichel aus dem Mund. Nun, ich will Sie nicht länger vom Essen abhalten. Ich werde Ihre Fesseln lösen, die Ihnen Ihre Kollegen vor Ihrer Flucht nach dem Biss eines Infizierten angelegt hatten. Betrachten Sie mich als Ihr Ostermahl. Aber ich bitte Sie um eines: Lassen Sie nichts von mir übrig. Ich trage die Schuld an diesem mutierten Virus.
Frohe Ostern, Wachtmeister Möhring.
Ende




