
Roter Dämon
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Du sitzt allein in einem leeren Raum. Um dich herum nur dämmriges Zwielicht. Es ist kalt. Das ist gut. Kälte ist gut.
Deine Augen sind geschlossen. Warum auch nicht, was gibt es hier schon zu sehen? Nicht viel, so viel steht fest. Und selbst wenn, dann wäre es immer noch besser, nicht zu sehen. Wer weiß schon, was deine Augen erblicken könnten? Welches Grauen, vor dem du dich zu verstecken versuchst, oder, schlimmer noch, welches x-beliebige Objekt, das eine Impulsreaktion auslöst, die dich dazu verleitet, unaussprechliche Dinge zu tun?
Nein, nicht zu sehen ist besser. Nicht zu hören ebenso. Abschottung ist gut. Kälte ist gut.
Denn er kann Kälte nicht ausstehen, kann nicht in ihr leben, kann nicht von ihr zehren. Er, dein steter Begleiter, seit du dich erinnern kannst. Aber das stimmt nicht ganz, nicht wahr? Oh nein, er war nicht immer bei dir, oder zumindest hast du ihn damals, vor so vielen Jahren, noch nicht bemerkt, wie er sich verstohlen hinter dir versteckt und auf den rechten Moment gewartet hat, um dich erstmalig anzufallen.
Wie war das noch gleich? Ah, da kommen sie ja schon, die Erinnerungen. Du willst es nicht, denn du weißt, dass er sich auch daran nährt, doch einmal daran gedacht, kannst du es nicht ungeschehen machen.
Plötzlich bist du wieder jung. Sehr jung. Wie alt genau? Du weißt es nicht mehr, spielt eigentlich auch keine Rolle.
Du hörst Schreie, tobende, wütende Schreie. Du hörst sie nicht nur, du spürst sie auch, sie prallen beinahe physisch auf dich ein. Es lässt dein Herz rasen, deine Augen brennen, du zitterst leicht. Du wartest. Auf das Unvermeidliche.
Die Quelle der Schreie lallt mal wieder heftig. Er ist betrunken. Wann ist das mal nicht? Darauf weißt du keine Antwort, ist auch egal, viel wichtiger ist das, was gerade im Gange ist.
Noch brüllt und zetert er nur, doch wie lange wird es noch dauern, bis er deine Mutter wieder schlägt? Bis er sie verprügelt oder Schlimmeres mit ihr anstellt? Dass es passieren wird, steht eigentlich außer Frage, es ist wieder einer dieser Tage. Mittlerweile sind sie schon so zur Routine geworden, dass du nahezu spürst, wenn sie wie ein Gewittersturm aufziehen, noch bevor sie es tatsächlich tun.
Ob dein Bruder wohl mittlerweile ein ähnliches Gespür für diese Dinge entwickelt hat? Vermutlich. Nicht, dass es euch helfen würde. Zu wissen, dass der Sturm auf einen zukommt, nutzt einem nichts, wenn man nicht vor ihm weglaufen, sondern nur ausharren kann. Wenn man ihn nur wieder und wieder über sich ergehen lassen kann.
Wie viele Male ist er jetzt schon aufgezogen und wieder abgeflaut? Zu viele Male. Es ist immer einmal zu viel, doch ändern tut sich deswegen auch nichts. Keine höhere Macht der Gerechtigkeit greift ein, um euch davor zu bewahren. Ihr seid auf euch allein gestellt.
Doch dieser Tag ist anders, denn auch deine Mutter scheint zu erkennen, dass Hilfe von keiner anderen Seite herbeieilen wird. Sie ergreift zum ersten Mal die Initiative, was nichts anderes bedeutet, als dass sie in die Küche rennt und sich eine Waffe sucht, mit der sie sich zur Wehr setzen kann.
Das Mittel ihrer Gegenwehr blitzt auf, als sie es auf ihn richtet. Obgleich dein Herz einen kurzen Satz macht, weil du glaubst, dass der Moment eurer Rettung endlich gekommen ist, fürchtest du dich auch aus einem unerfindlichen Grund. Wenig später wird dir auch klar warum. Wer glaubt schon ernsthaft, er könnte einen Sturm mit einem einfachen Messer aufhalten?
Das funkelnde Ding interessiert ihn nicht. Ganz im Gegenteil, es macht ihn nur noch wütender, lässt ihn noch mehr rasen, noch mehr brüllen. Du spürst instinktiv, dass die Situation in Bruchteilen von Sekunden völlig eskalieren kann. Und wenn das geschieht, dann wird das Unwetter nicht einfach nur über euch hinwegziehen und mit ein paar vergleichsweise leichten Blessuren zurücklassen. Nein, es wird euch zerreißen.
Du handelst, ohne darüber nachzudenken. Deine Beine tragen dich zwischen die beiden Parteien, vor das Messer. Es macht dir keine Angst, es ist schließlich nicht auf dich gerichtet. Was dir Angst macht, steht in diesem Augenblick hinter dir und haucht dir seinen bestialisch stinkenden Atem in den Nacken. Flehend siehst du zu deiner Mutter auf, flüsterst kaum hörbar: „Mama, nein…“
Bevor sie überhaupt darauf reagieren kann, spürst du plötzlich eine kräftige Hand in deinem Nacken. Allein das schmerzt schon ungemein, doch es ist nichts im Vergleich zu dem, was danach geschieht. Du kannst kaum rekapitulieren, wie es geschehen ist, du weißt nur noch, wie du auf einmal durch den Raum geflogen und gegen eine Wand geknallt bist, während weitere Schreie die Luft erfüllt haben.
Erst als du auf dem Boden aufschlägst, erreichen dich die Schmerzwellen. Doch sie sind nicht das wahre Problem. Dies liegt fortan in deinem Inneren, denn er hat nur auf diesen Moment gewartet.
In dieser Sekunde, in der du wehrlos auf dem Boden gelegen hast, ist er aus seiner Deckung hervorgeprescht und hat sich in dir eingenistet. Hat ein Feuer in dir entfacht, das seitdem nie wieder erloschen ist.
Alles, woran du dich danach erinnern kannst oder, besser gesagt, alles was danach noch von Bedeutung war, ist der Fakt, dass deine Mutter ihre Siebensachen, dich und deinen Bruder gepackt hat und für immer verschwunden ist. Von deinem Erzeuger hast du noch gehört, dass er Jahre später jämmerlich im tiefsten Winter erfroren ist, da er im volltrunkenen Zustand eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht ist. Befriedigung hat es dir nicht verschafft und ihm erst recht nicht.
Seit jenem schicksalhaften Tag ist er immer bei dir gewesen, hat dich auf Schritt und Tritt begleitet, immer auf den passenden Augenblick gewartet, um wieder einmal zuzuschlagen, um hervorzupreschen, um seine Zähne in deinen Leib zu rammen, sich deines Körpers zu bemächtigen und sich durch dich satt zu fressen.
Jedes Mal, wenn er das tut, verletzt du die Menschen in deiner Umgebung, die Menschen, die dir wichtig sind, die du liebst. Im Nachhinein bereust du es immer, fragst dich, wie es schon wieder dazu kommen konnte, warum du nichts hast dagegen unternehmen können.
Wenn er die Kontrolle übernimmt, dann siehst du rot, nichts als rot, und du spürst das Feuer in dir heller und weiter brennen. Es ist so unendlich heiß, so unerträglich heiß, frisst sich auf seinem Weg durch dich hindurch, durch jede Vernunft, jede Logik, verbrennt alles zu Asche und ebnet den Weg für ihn, den roten Dämon.
Obgleich er nun schon seit so langer Zeit dein Begleiter ist, hast du ihn erst vor kurzem erstmalig erkannt. Bis dahin, war dir immer schleierhaft gewesen, was in dir vorgeht und warum es in dir vorgeht. Doch dann hat dir ein einfaches Lied den Spiegel vorgehalten.
Wieder und wieder und wieder und wieder ergreift mich dieser Zorn
Und eh‘ ich mich’s verseh‘, hab‘ ich die Kontrolle längst verloren
Wieder und wieder und wieder und wieder schieß‘ ich aus allen Rohren
Doch das bin nicht ich, das ist nur mein blinder Zorn
Ich leide unter mir
Das ganze eskaliert
Bis niemand sich mehr rührt
Ich hass‘ mich selbst dafür
Wieder und wieder und wieder und wieder ergreift mich dieser Zorn
Und eh‘ ich mich’s verseh‘, hab‘ ich die Kontrolle längst verloren
Wieder und wieder und wieder und wieder schieß‘ ich aus allen Rohren
Nichts ist wie es war, und ich wünscht, ich wär‘ nie geboren
Mein blinder Zorn
Mein blinder Zorn
[Maerzfeld – Zorn]
Im Grunde so simple Zeilen, die dir eine ebenso simple Wahrheit aufgezeigt haben. Eine Wahrheit, die dir so lange verborgen geblieben ist. Der rote Dämon, der dir so lange verborgen geblieben ist. Sein Name ist Zorn. Und er hat sich so sehr in dir festgebissen, dass er wohl nie wieder loslassen wird.
Wieder und wieder und wieder wird er das Feuer in dir anfachen und wie ein Sturm über deine Geliebten hereinbrechen. Du vergleichst dich nicht mit deinem Erzeuger, oh nein. Er war ein Trinker gewesen und ein Arschloch, das zu keiner tieferen Empfindung als zu der Hingabe zu seiner Sucht fähig gewesen war. Außerdem wendest du, wenn der rote Dämon aus dir hervorbricht, keine Gewalt an, keine physische zumindest. Du verletzt mit Worten, was beinahe noch schlimmer ist.
Du erkennst nun all diese Dinge und kannst doch nichts dagegen tun, oder besser gesagt, dir fällt keine Methode ein, den roten Dämon in deinem Inneren zu bekämpfen, ihn zu verbannen.
Ist doch so, nicht wahr? So sehr du dir auch das Hirn zermarterst, so sehr du auch dagegen ankämpfst, jetzt, da du ihn einmal in dir bemerkt hast, hast du nur umso mehr Angst vor ihm, fürchtest dich vor dem nächsten Mal, da er dir sein hässliches Antlitz zeigen wird. Und es wird passieren, das weißt du mit Sicherheit, daran gibt es keinen Zweifel.
Nun wird es Zeit. Es wird Zeit, dass du die Augen öffnest. Der rote Dämon befiehlt es dir.
—
Ich öffne die Augen und starre in sein Gesicht, starre in mein Gesicht. Er ist ich und ich bin er. Er ist ein Teil von mir. Wir sind eins.
Mein Spiegelbild blickt ernst drein, verbissen, noch nicht wütend, aber viel fehlt nicht. In dem sonst leeren Raum wird es wärmer. Ich bekomme es mit der Angst zu tun, will nicht mit ansehen, wie es schon wieder geschieht.
Obgleich das Bild, welches mir gegenübersitzt, sich nicht verändert, meine ich seine grässliche Fratze sich zu einem schiefen Grinsen verziehen zu sehen. Der Dämon ergötzt sich bereits an meinem Leid, mehr noch aber wartet er voller Vorfreude auf das Festmahl, das ihm bevorsteht. Das Leid der anderen, das Leid derer, die ich unweigerlich verletzen werde.
Was ist es dieses Mal? Was hat ihn heute aus seinem Versteck gelockt? Ich kann es nicht sagen. Vermutlich irgendetwas Banales, Nichtiges, Lächerliches, Bedeutungsloses. Irgendeine Kleinigkeit. Es ist immer so. Jedes Mal ist es das Gleiche.
Der Dämon grinst noch ein wenig breiter. Ich meine, jetzt, da ich ihn nach so vielen Jahren endlich erkannt habe, ist es nur noch schlimmer geworden. Nicht nur, dass ich stets Angst vor dem nächsten Ausbruch habe, nein, auch spüre ich jetzt erst recht, wie ich die Kontrolle verliere. Wie sie mir wie Sand durch die Finger rieselt. Umso mehr labt sich der Dämon an mir. Ich stelle seine Vorspeise dar, die nunmehr nur noch saftiger und schmackhafter geworden ist.
Doch nein, ich kann es nicht zulassen, nicht schon wieder. Es muss doch einen Weg geben, es muss!
In dem leeren Raum wird es wärmer, nein, langsam wird es heiß, unerträglich, ich beginne zu schwitzen. Gottverdammt, es ist zu spät! Ich balle die Hände zu Fäusten, spüre das Feuer in mir lodern, schließe die Augen, will das Kommende nicht mit ansehen müssen.
Dann jedoch geschieht etwas Unerwartetes. Ich öffne die Augen wieder. Die Wut ist noch da, wächst weiter an, ebenso wie die Hitze. Das Feuer breitet sich aus.
Ich starre meinem Spiegelbild entgegen, das Grinsen wird breiter, aber nur für Sekunden. Mit jedem verstreichenden Moment, in dem ich den Dämon weiter unverwandt anstarre, schwindet seine Zuversicht. Natürlich würde er das niemals zugeben, doch ich sehe sie regelrecht bröckeln.
Ganz recht, ich gebe mich dir nicht mehr hin. Dieser Sturm wird nicht über meine Mitmenschen hereinbrechen. Er wird in meinem Inneren toben, nicht mehr und nicht weniger.
Ein letztes Mal atme ich tief ein, dann hebe ich, ohne noch länger zu zögern, meine Faust und schlage zu. Mein Spiegelbild zerspringt. Es zersplittert nicht in tausend Teile, nimmt jedoch ernsthaften Schaden. Mehrere Risse ziehen sich durch des Dämons Antlitz. Er grinst immer noch, was jetzt jedoch verzerrt und weniger schrecklich wirkt.
Nun atme ich aus, leicht zitternd. Schmerzimpulse ziehen von meiner Hand, hoch in meinen Arm. Blut läuft an meinem Spiegelbild herab. Ich öffne die Hand, lasse sie jedoch auf dem gesprungenen Glas ruhen. Der Schmerz senkt die Temperatur in dem Raum, nur langsam zwar, aber doch merklich.
Zwischen meinen Fingern blicke ich in die Augen des roten Dämons. Sie funkeln. Obgleich sein Grinsen nicht mehr sehen kann, spüre ich es dennoch. Deutlich schwächer zwar, aber vorhanden. In seinen Augen ruht ein Versprechen.
Dieses Mal magst du mich überwunden haben, doch glaube mir, ich komm wieder. Und wieder und wieder und wieder.
Dann verblasst er, verschwindet. Mit sich nimmt er die Restwärme aus dem Raum. Es wird wieder kalt.
Ich lasse meine Hand sinken, ignoriere das herabfließende Blut und den pochenden Schmerz, schließe die Augen. Mache mich bereit für das nächste Mal.
Es ist gut. Kälte ist gut. Schmerz ist gut.
Alles ist besser, als die Wut.
Und der rote Dämon, er ruht.
Vorerst.