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Schulterwanderer

Mein Name ist Harrison und ich bin ein Langstrecken-Trucker. Ich fahre zwar manchmal überall hin, aber am häufigsten fahre ich von Vancouver nach San Francisco. Meistens ist es eine einfache Fahrt mit wenig Herausforderungen. Am liebsten fahre ich in der Nacht, denn dann gibt es weniger Verkehr. Wenn ich mitten im Nirgendwo während der Geisterstunde unterwegs bin, habe ich natürlich auch schon viel Scheiße gesehen. UFOs, Bigfoot … alles Mögliche. Aber nichts davon hat mir jemals auch nur annähernd so viel Angst eingejagt wie die Menschen, die man fernab der Zivilisation am Straßenrand laufen sieht.

Meine erste Begegnung hatte ich auf meinem ersten Ausflug in den Süden auf der Route 5. Es war eine Frau in einem blauen Sommerkleid, die bei Vollmond am Straßenrand entlang schlenderte, ohne sich um irgendetwas zu kümmern. Wir waren auf einer Strecke, die meilenweit von allem anderen entfernt war, und ich war das erste Fahrzeug auf der Straße, das sie wahrscheinlich seit der Dämmerung gesehen hatte. Sie sah aber nicht einmal auf, um mich zu begrüßen. Stattdessen ging sie einfach mit einem leeren Lächeln weiter. Ich schätzte sie als einen Hippie vom Oregon Trail ein, die auf einem nahegelegenen Campingplatz etwas zu sich genommen hatte, und setzte meine Fahrt fort. Aber sie war nur die Erste.

Nicht bei jeder Fahrt entdeckst du sie. Aber manchmal sieht man ein paar auf einer einzigen Tour. Das fand ich schon immer seltsam, weil man sie tagsüber nie zu sehen scheint. Oder vielleicht sieht man sie doch, aber sie stechen in der Sonne nicht so sehr hervor. Aber wenn du erst einmal weißt, dass sie da sind, fallen sie dir auf jeden Fall auf, wenn du im Dunkeln weit weg von der Zivilisation fährst.

Die anderen Trucker nennen sie Mondwanderer, aber ich bevorzuge Schulterwanderer, denn dort sind sie immer. Fast wie Züge auf einem Gleis laufen sie auf der kleinen weißen Linie dahin, wo sie hinwollen. Es gibt sie in verschiedenen Formen und Größen. Männer, Frauen… groß, dick, hässlich, hübsch… einfach Leute, wie du sie überall sehen würdest. Klar, sie sind unheimlich, aber lange Zeit habe ich ihnen keine Beachtung geschenkt, sondern sie nur gelegentlich in dem Bruchteil einer Sekunde bemerkt, wenn ich an ihnen vorbeifuhr.

Aber eines Abends vor ein paar Monaten fuhr ich an etwas vorbei, das wie eine alte Dame aussah. Sie trug einen Krankenhauskittel und wirkte wie jemand aus der Todeszelle. Eingesunkene, lebensüberdrüssige Augen, krauses weißes Haar und blasse Haut. Sie lächelte, so, als hätten ihre Enkelkinder ihren Namen gerufen. Sie schlurfte langsam den Seitenstreifen entlang und als ich sie ansah, konnte ich mir das Geräusch ihrer Krankenhausschuhe vorstellen, die über die kiesige Straße glitten. Ich wollte weiterfahren, weil… nun ja, um ehrlich zu sein, war sie mir nicht geheuer. Aber verdammt, sie erinnerte mich an meine eigene süße Oma, Gott hab sie selig.

Also brachte ich meinen Wagen langsam zum Stehen, nahm die Taschenlampe aus dem Handschuhfach und stieg aus dem Fahrzeug. Ich hörte sie kommen, bevor ich sie sehen konnte, da ich wegen der langen Haltezeit schon ein paar Meter vor ihr gefahren war.

Scharren, scharren, scharren.

Ich konnte mir ihre faltigen Füße in den Krankenhauspantoffeln gut vorstellen, wie sie immer weiter schlurfte.

Schnell überprüfte ich die Karten-App auf meinem Handy und stellte fest, dass die nächste Stadt, wo wir uns befanden, mehr als 80 Kilometer entfernt war – so weit würde die alte Dame auf keinen Fall laufen. Ich steckte mein Handy in meine Jeans, hielt meine Taschenlampe hoch und ging auf die Schritte der alten Frau zu.

“Äh, hallo? Ma’am?” rief ich und hoffte, dass sie etwas sagen würde.

Kein Glück, nur noch mehr Scharren. Meine Haare sträubten sich, als ich darauf wartete, dass sie in das schwache Licht meiner Taschenlampe trat. Ich hätte fast geschrien, als die geisterhafte Erscheinung ins Blickfeld kam. Nicht, weil irgendetwas anders war als vorher, sondern weil sie aus der Nähe so viel… kränklicher aussah.

“Ma’am. Geht es Ihnen gut? Sie sind hier mitten im Nirgendwo… wissen Sie?”

Sie hat nichts gesagt. Sie lächelte nur und ging immer weiter.

Jetzt klopfte mein Herz heftig.

“Sie ist einfach senil. Senil und sie braucht meine Hilfe”, dachte ich laut.

Aber meine Füße waren wie eingefroren. Sie wollten zurück zum Truck oder sie rührten sich überhaupt nicht. Die Frau kam immer näher und als sie bis auf etwa drei Meter herankam, streckten sich ihre faltigen Hände langsam nach oben. Ihre Finger schlängelten sich in meine Richtung, wie eine Oma, die nach dem Gesicht ihres Enkels greift. Sie öffnete ihren Mund, sagte aber nichts, sondern grinste mich nur mit blassem Zahnfleisch an.

“F-fuck!” stammelte ich, als meine Beine nachgaben.

Als ich auf die Seite fiel, griff sie mit überraschender Geschwindigkeit und Geschicklichkeit nach mir. Bevor ich wusste, was los war, hatte sie ihre knochigen Finger um meine Knöchel geschlungen und mein Hintern wurde die Straße hinuntergezogen.

Verzweifelt zog ich mich zurück, aber ihr Griff war übermenschlich … und mein zusätzliches Gewicht schien ihren Gang nicht im Geringsten zu verlangsamen. Sie starrte mich mit ihren wässrigen, eingefallenen Augen an, den Mund zu einem Lächeln verzogen. Ich trat mit aller Kraft, die ich besaß, nach ihr und erreichte zum Glück ihren Kiefer.

Zu meinem Entsetzen war es, als würde ich gegen festen Beton treten. Glücklicherweise ließ sie mich los, obwohl sie keine sichtbaren Verletzungen aufwies. Ich kroch rückwärts in Richtung Straßenmitte und sie lief weiter den Seitenstreifen hinunter. Ihre Hände fielen wieder an ihre Seite und ihr Mund verzog sich zu einem schmalen Lächeln. Aber ihr Blick blieb auf meinem haften, während sie langsam aus dem Lichtkegel meiner Taschenlampe schlurfte.

Ich wartete, während das Scharren nach und nach aus meinen Ohren verschwand, und nach einer halben Stunde fassungsloser Stille brachte ich den Mut auf, aufzustehen und zu meinem Wagen zurückzugehen. Keine Spur von der Frau, aber als ich in mein Führerhaus kletterte und den Highway hinunterfuhr, dauerte es nicht lange, bis ich sie einholte. Ihre Augen waren immer noch auf mich gerichtet, wahrscheinlich schon die ganze Zeit, während sie davonlief. Das Letzte, was ich von ihr sah, als ich losfuhr, waren ihre dünnen, rissigen, grinsenden Lippen.

Dieser Scheiß hat mich für eine lange Zeit fertig gemacht. Laut einigen anderen Kerlen, die ich kenne, bin ich der Erste, der versucht hat, mit einer Schulterwanderin zu interagieren, und wenn Gott gut ist, werde ich der letzte sein. Seitdem habe ich noch viele andere gesehen, die im Dunkeln über den Highway schlenderten… Einmal habe ich sogar ein Kind gesehen. Aber ich werde auf keinen Fall mehr für sie anhalten. Und wenn du klug bist, wirst du das auch nicht tun.

Das wirklich Beschissene ist, dass mich die Schulterwanderer seit dieser Nacht immer direkt ansehen, wenn ich vorbeifahre, was sie früher nie getan haben. Es ist fast so, als würden sie mich alle sehen, seit die alte Dame mich entdeckt hat. Ich möchte nicht daran denken, was passiert wäre, wenn ich es nicht geschafft hätte, mich zu befreien. Aber ich kann beruhigt sein, denn ich habe meine Warnung in die Öffentlichkeit hinausgetragen. Vielleicht kann ich mit dieser Geschichte ein paar Leute retten.

Das hoffe ich, oder?

 

Original: Thomas J. Sotvedt

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