LangMordPsychologischer Horror

Sündenfrucht

,,Paulina! Komm runter, das Essen ist gleich fertig!”

Nachdem sie die Botschaft durch das Haus hatte hallen lassen, wandte Cassandra sich wieder ihrer Tätigkeit in der Küche zu und nahm den großen Topf mit den Würstchen von Herd, während sie genau darauf achtete, dass sie den zweiten Topf, in welchem sich das Sauerkraut befand, nicht vergaß.

,,Marla! Fiona! Lasst den Quatsch und benehmt euch, sonst werde ich noch böse,” ermahnte sie ihre schon am Tisch auf sie wartenden Töchter, die schon ganz ungeduldig auf ihren Stühlen herumrutschten und auf das Weihnachtsessen warteten, während Cassandras Blick immer wieder zur Tür glitt, durch die jeden Moment Paulina stürmen sollte, um sich ebenfalls an den Tisch zu setzen.

,,Paulina! Wo bleibst du denn?”

Sie wurde langsam ungeduldig, war Paulina doch immer diejenige, die es einfach nicht hinbekam auch nur ein einziges Mal pünktlich zu sein und das obgleich man ihr mit ihren acht Jahren ja wohl ein wenig Verantwortung hätte zutrauen können.

Plötzlich hörte Cassandra ein Klicken und kurz darauf das Öffnen der schweren Eingangstür, was wiederum von schweren Schritten begleitet wurde, die sich nun ihren Weg von draußen ins warme Innere des Hauses bahnten.

,,Paulina, jetzt komm endlich runter! Papa ist inzwischen auch schon zuhause, du bist die Letzte!”

Cassandra überlegte kurz.

,,Wenn du jetzt nicht runterkommst, dann fangen wir ohne dich an.”

Ohne noch ein weiteres Wort sagen zu müssen, vernahm sie von oben ein Gepolter, was langsam in eilige Fußschritte mündete, die sich in Richtung der Treppe bewegten. Na endlich dachte sie sich und richtete ihren Blick wieder ein bisschen gelassener ihrem Essen zu. Just in dem Moment schlangen sich zwei kräftige Arme um ihren Oberkörper und drückten sie zärtlich.

,,Schön, dass du endlich da bist. Wo hast du so lange gesteckt?”

,,Bitte verzeih, aber ich habe dieses Waisenhaus einfach beim besten Willen nicht gefunden. Kaum zu glauben, dass du die letzten Jahre immer so eine umständliche Strecke gefahren bist, nur um deinen Umschlag jedes Mal persönlich abzugeben. Hättest du es nicht einfach von der Post liefern lassen können, wie alle anderen auch?”

Sie lächelte breiter, wohl wissend, dass Mark die Antwort auf diese Frage selber am besten wusste. Nichtsdestotrotz gab sie sie ihm.

,,Natürlich. Aber bei solchen Geldbeträgen wäre es doch etwas unvorsichtig und ich sehe gerne die Gesichter der Menschen, wenn ich ihnen den Umschlag gebe. Das ist doch viel persönlicher als dieses ‘Rein in den Briefkasten und Schluss’. Haben sie was gesagt?”

Cassandra drehte sich um und sah ihrem Mann freudestrahlend in die Augen. Das Lächeln, dass er ihr entgegenbrachte, war ihr als Antwort schon genug. Sie wollte das Thema auch gar nicht allzu lange besprechen, immerhin waren die Spenden für einen guten Zweck und nicht dazu da, um ihr Ego aufzubessern. Zwar sollten sie in erster Linie ihr Gewissen bereinigen, doch diesen Gedanken äußerte sie ihrem Mann gegenüber nie.

,,Na komm, setz dich schon mal zu den Mädels, ich hole das Essen.”

,,Mach ich,“ entgegnete er und wollte sie gerade loslassen als sie ihn festhielt

,,Wo ist eigentlich die Zeitung von heute? Hast du sie nicht reingeholt?“

,,Hab ich vergessen. Lass es doch einfach für einen Abend mal gut sein, du musst nicht jeden Tag wie eine Wilde in diesem Ding blättern. Du traust dieser Stadt zu viel Aufregendes zu.“

Sie sah ihn an und in ihren Augen offenbarte sich ein leichtes Funkeln.

,,Ist ja gut,“ sagte Mark beruhigend. ,,Ich werde sie nach dem Essen, sofort reinholen, in Ordnung?“

Er gab ihr einen sanften Kuss auf die Hand und ging dann ihrem vorherigen Wunsch nach ins Esszimmer nebenan, um bei seinen Töchtern Platz zu nehmen. Gerade als Cassandra das Wasser aus den Töpfen abgoss, ertönte ein lauter Ruf aus dem Nebenraum, der sie zusammenfahren ließ.

,,Paulina!”

Etwas erschrocken fuhr sie herum.

,,Ist sie etwa immer noch nicht unten?”

,,Nee, ich fürchte sie ist schon wieder völlig in ihren Büchern versunken,” gab ihr Mark zu verstehen, bevor ein weiteres Mal brüllte.

,,Pauliiiinaaaa!“

Jedoch blieb auch dieser Ruf erneut unbeantwortet. Genervt ließ Cassandra von ihrem Tun ab, öffnete die Tür und stellte sich erbost ans untere Ende der Treppe.

,,Fräulein, es reicht! Komm‘ jetzt endlich runter, deine alten Schinken kannst du auch später noch weiterlesen und es gibt keine Nachrichten, die so wichtig sind, dass sie nicht auch bis nach dem Essen warten können!“

Als sie auch auf diese Aufforderung nicht einmal ein zustimmendes Murmeln erwidert bekam, schritt sie energisch die Stufen hinauf und öffnete die Zimmertür ihrer störrischen Ältesten.

,,Mama, was ist denn?“

Paulina lag in ihrem Bett, die Nase in einem Buch versunken und die Ohren von einem großen Paar Kopfhörer von der Außenwelt abgeschottet. Wie man gleichzeitig Musik hören und ein Buch lesen konnte, war Cassandra zwar schleierhaft, war ihr in diesem Moment jedoch vollkommen egal.

,,Wir rufen dich schon die ganze Zeit. Es gibt Essen, los komm runter.“

Mit diesen Worten verschwand sie aus dem Zimmer, in der Hoffnung, dass Paulina es ebenfalls tun würde und sie den Heiligabend ohne großes weiteres Gebrüll verbringen könnten.

Unten angekommen, war es mit einem Mal erstaunlich still geworden. Mark hatte aufgehört die Zwillinge mit seinen schlechten Witzen zu verköstigen und Fiona und Marla hatten aufgehört über diese zu lachen, was man normalerweise durch das ganze Haus hören konnte.

Als sie die Tür zum Wohnzimmer öffnete, fand sie dieses zu ihrer Überraschung einsam und verlassen vor. Von ihren beiden kleinen Töchtern und ihrem Ehemann fehlte jede Spur.

,,Hey, Leute, nicht ihr auch. Kommt raus, das Essen ist sicher bald schon kalt.“

Doch trotz des genervten Untertons, der sich inzwischen schon in ihrer Stimme manifestiert hatte, blieb ihre Bitte unerfüllt. Als sie hinter sich Schritte auf der Treppe vernahm, glaubte sie zunächst, dass Paulina endlich herunterkam, doch sobald sie heraushörte, dass sich die Schritte hinauf in den ersten Stock bewegten, statt andersherum, ahnte sie, dass sich die anderen in Form eines Streiches wohl ebenfalls hinaufgeschlichen hatten, um Paulina in ihrem Trotz Gesellschaft zu leisten.

Ihr Weg führte sie an die Wohnzimmertür, von wo aus sie auf die nun leere Treppe blicken konnte. Doch obwohl von Mark, sowie den Mädchen jede Spur fehlte, fiel ihr etwas anderes auf, das ihr wieder einen erneuten Grund zum Ärgern bescherte.

,,Mark, ernsthaft. Warum lässt du bei so einem Scheißwetter, die Haustür offen?“

Noch während die Worte ihren Mund verließen, hielt sie sich diesen zu. Die Kinder ihrer Freundinnen warfen ständig mit solch unflätigen Begriffen um sich, dass es ihr in der Faust zu jucken begann und Cassandra wollte sicher nicht, dass ihre Töchter auch schon bald mit solchen Beleidigungen ankommen würden.

,,Kommt jetzt runter oder ich komme hoch und zerrte euch eigenhändig an den Tisch!“

Die Drohung blieb unbeantwortet.

,,Bitte. Ganz wie ihr wollt.“

Gerade als sie sich verärgert zur Treppe begeben wollte, um diesem Spielchen ein Ende zu bereiten, wurde sie von einem undeutlichen, murmelnden Geräusch davon abgehalten. Es war gedämpft, aber immer noch laut genug, sodass sie feststellen konnte, dass sich sein Ursprung hinter dem Sofa, keine drei Meter vom Esstisch entfernt, befand.

Langsam und mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend, schlich Cassandra vorwärts, nur um kurz darauf, voller Entsetzen in zwei vollkommen verängstigte Augenpaare zu blicken, die sie hilfesuchend anstarrten!

Marla und Fiona lagen am Boden, die Arme und Beine fest verschnürt und ihre Münder waren mit dreckigen Lumpen zugebunden worden. Der schmutzige Stoff saß so fest, dass es so wirkte als würde er jeden Augenblick ihre Mundwinkel aufreißen und als wäre die Szenerie nicht schon schrecklich genug, fiel Cassandras Blick einen kurzen Moment später auf den bewusstlos am Boden liegenden Körper von Mark, dessen Stirn von einer blutenden Wunde geziert wurde.

Nachdem sie den ersten Schock überwunden hatte, warf sich Cassandra förmlich auf ihre Kinder, um sie schnellstmöglich von ihren Fesseln zu befreien, doch als sie die festen Seile umschloss, kündigte ihr der feste Griff einer großen und kräftigen Hand an, dass ihr Rettungsversuch beendet war. Die groben Finger krallten sich in ihr Haar und rissen ihren Kopf zurück. Dem Impuls folgend, um dem sich anbahnenden Schmerz auszuweichen, stolperte sie rücklinks in die Arme des Unbekannten, der ihr sogleich ein mit Flüssigkeit getränktes Tuch auf den schreienden Mund presste.

Der Geruch war seltsam und sie spürte wie ihr von Sekunde zu Sekunde die Sinne zu schwinden begannen. Cassandra versuchte sich zu wehren, nutzte all ihre Kraft, um sich aus der starken Umklammerung zu lösen, doch mit jeder ruckartigen Bewegung, die sie machte, um diesen Plan in die Tat umzusetzen, wurde ihr mehr und mehr klar, dass ihr Einsatz nutzlos war und lediglich das hinauszögerte, was unweigerlich eintreten würde.

Sie konnte sich später nicht mehr daran erinnern, ob es Sekunden, Minuten oder gar Stunden gedauert hatte, sie zu betäuben. Der Vorfall hatte ihr jegliches Zeitgefühl geraubt. Alles woran sie sich später noch zu erinnern vermochte, waren die verstörten Gesichter ihrer Töchter und in einem kurzen Moment, in dem sie sich herumriss, konnte sie auf der anderen Seite des Raumes die bewusstlose Paulina in der Türschwelle erkennen.

Dann fing die Müdigkeit damit an sich stetig zu intensivieren und die Welt um Cassandra herum verschwamm, bis sie sich in einem großen Meer aus abgrundtiefer Schwärze zu verlieren begann…

Als sie es schaffte ihr Bewusstsein wiederzuerlangen, fand sie sich in eben jener Dunkelheit wieder aus der sie mit ihrem Erwachen auszubrechen gehofft hatte. Mit größter Mühe gelang es ihr nach einigen Sekunden ihre bleischweren Lider so weit zu heben, dass sie, trotz einer starken Sichteinschränkung, halbwegs erkennen konnte, in welch einer Situation sie sich soeben befand. Cassandra war noch immer im Wohnzimmer, das Gesicht auf den großen, offenen Kamin gerichtet, in welchem noch immer das lodernde Feuer brannte, das sie kurz vor der Zubereitung des Essens entfacht hatte.

Vor diesem Kamin standen nun jedoch Pakete, groß und mit schwarzem Panzerband versehen, das sie wie finstere Gefängnisgitter umzäunte. Als sie versuchte sich umzusehen und eventuell mehr über ihren Zustand in Erfahrung zu bringen, bemerkte sie, dass es ihr nicht möglich war die eigentlich simple Bewegung des Kopfdrehens auszuführen. Grund hierfür war, wie Cassandra relativ schnell feststellte, ein weiterer Streifen Panzerband, der sich wie eine Boa Constrictor um ihren Kopf gewunden und diesen fest mit der Stuhllehne verbunden hatte.

Ein weiteres Stück dieses Panzertapes, hatte sich zudem über ihren Mund gelegt und gab ihr außer einem verzweifelten Gemurmel nicht viel Freiraum für verbale Äußerungen.

Einem angsterfüllten und zugleich wutentbrannten Gemurmel neben sich, konnte sie jedoch entnehmen, dass ihr Mann sich keinen Meter von ihr entfernt, in derselben Situation befand. Ihre Arme sammelten wieder jene Kraft, die das feuchte Tuch aus ihrem Leib hatte entweichen lassen, doch auch wenn sie sich recht schnell wieder zu alter Stärke herankämpfte, war es ihr dennoch unmöglich sich von den Fesseln zu befreien, die sie von oben bis unten umschlossen und Cassandra vollständig bewegungsunfähig hatten werden lassen.

Schwere und langsame Schritte aus der Küche, machten ihrem Versuch sich zu befreien jedoch recht schnell ein Ende und ihre Augen suchten verzweifelt das Sichtfeld ab, das ihr noch geblieben war, nur um eine großgewachsene Gestalt in dieses eintreten zu sehen, die ihr ein abartiges Lächeln zuwarf und auf einem der Pakete vor ihr Platz nahm.

Nun war auch Mark ganz still geworden und sie beide starrten wie gebannt auf den unbekannten Mann, dessen durchtrainierter Körper in ein scharlachrotes Weihnachtsmannkostüm eingehüllt war. In seiner Hand hielt er eines der Würstchen, die Cassandra vor kurzem noch ihrer Familie zum Essen servieren wollte.

,,Gebt euch keine Mühe,“ sagte der Mann grinsend und versuchte beim Sprechen nicht das Fleisch aus seinem viel zu vollen Mund fallen zu lassen.

,,Ich weiß schon was ich tue. Wenn ich nicht will, dass ihr euch bewegt, dann werdet ihr euch auch nicht bewegen.“

Er schluckte und gab erneut sein widerwärtiges Grinsen zum Besten, mit dem er Cassandra und vermutlich auch Mark einen eiskalten Schauer über den Rücken laufen ließ.

,,So… haben sich alle wieder beruhigt?“

Er schaute die beiden erwartungsvoll an. Cassandra war vor Angst wie gelähmt, doch neben sich hörte sie Mark wie verrückt mit seinem Stuhl wackeln, während er verzweifelt ein dumpfes Schreien ausstieß.

,,Bist du im Kino auch immer so laut, wenn die Vorstellung beginnt?“

Langsam erhob sich der Mann, trat an Cassandras Mann heran, der plötzlich verstummt war und beugte sich vor, bis er sich mit ihm auf einer Augenhöhe befand.

,,Geht mir tierisch auf die Nerven, sowas,“ sagte er ohne das fette Grinsen auch nur für eine Sekunde lang aus seinem Gesicht zu wischen.

Aufgrund dessen, dass Cassandras Blickfeld gerade dazu ausreichte, um den Eindringling noch zu erkennen, blieb ihr der Blick auf Mark verwehrt, doch als die Hand des Fremden blitzartig im großen Bogen vorwärts schnellte und ein lautes, klatschendes Geräusch folgte, war sie froh, dass sie ihn nicht in diesem Zustand erblicken musste. Wütend begann Mark aus Leibeskräften zu brüllen, auch wenn man ihn nicht verstehen konnte, und er begann noch heftiger mit dem Stuhl zu wackeln als vorher. Allerdings war es mit diesem einen Schlag noch nicht getan, denn auf den Ersten, folgten noch drei weitere, jeder scheinbar härter als der Vorherige. Mark stöhnte und das rhythmische Geräusch, der auf den Boden aufprallenden Stuhlbeine, hatte alsbald gestoppt.

,,Sehr schön. Nun können alle die Show gleichermaßen genießen, ohne dass sich jemand durch irgendetwas gestört fühlen muss.“

Er zog kurz seinen großen, weißen Bart zurecht und nahm dann wieder auf einem der Pakete Platz. Dann sah er die beiden einfach nur still an. Er grinste – es wurde breiter.

Vermutlich ein kranker Bastard, der sich an dem Ganzen aufgeilt und dem der Sinn mehr nach Elend denn nach Materiellem steht, dachte sich Cassandra.

Er starrte sie stumm an, verzog dabei nicht eine Mine, obgleich sie das Gefühl hatte, dass seine Mundwinkel mit jeder Sekunde ein winzig kleines Stück mehr und mehr auseinandergingen, um immer mehr von seinem Gebiss preiszugeben, in dem bereits einige Zähne fehlten.

Dann geschah etwas im Gesicht des Unbekannten. Ein Ausdruck, der nur für wenige Millisekunden anhielt, aber Cassandra augenblicklich in noch größere Panik versetzte. Als wäre eine unterdrückte Emotion aus seinem Innern hervorgebrochen, wich das stete Grinsen mit einem Mal einer hasserfüllten Fratze, in der so viel Zorn zu stecken schien, dass die gefesselte Frau dachte, dem Teufel höchstpersönlich in die Augen gestarrt zu haben.

Doch so urplötzlich sich diese finstere Visage offenbart hatte, so schnell verschwand sie auch wieder und machte abermals Platz für dieses widerliche Lächeln.

,,Da nun endlich diese selige Ruhe eingekehrt ist und ich bereits gegessen habe, bin ich dafür, dass wir erst mit dem Teil anfangen, auf den sich alle zu Weihnachten am wenigsten freuen, damit wir den restlichen Abend nur noch Spaß haben.“

Erwartungsvoll wanderten seine Augen von Cassandra zu Mark und wieder zurück zu Cassandra, in einem ewigen Hin und Her, bis er abrupt seinen Kopf in den Nacken rissen und lauthals Ho ho ho!!! schrie.

,,Nicht doooch,“ sagte er in einer Tonlage, die Cassandra gefährlich beruhigend vorkam. ,,Ihr seht ja beide drein, als würde ich euch gleich die Köpfe einschlagen. Wie schlecht müsst ihr nur von mir denken.“

Er ließ eine Hand unter seinen Mantel gleiten und schien nach etwas zu suchen.

,,Wo hab ich’s denn, wo hab ich’s denn?“

Seine suchende Hand stoppte und er holte unter dem roten Gewand etwas hervor.

,,DA haben wir es ja!“, schrie er voller Euphorie und ließ ein großes Buch auf seine beiden Schenkel herabstürzen.

Seine Stimme wurde jedoch sogleich wieder ruhiger als er zu den beiden aufsah, einmal laut mit der Zunge schnalzte und sagte:

,,Dann wollen wir mal sehen wer dieses Jahr artig oder unartig war…“

Er hielt kurz inne, starrte für einige Sekunden an die Decke und platzte dann schlagartig heraus:

,,AAAAABER, da das ja heute mein erster Heiligabend hier ist, habe ich schließlich einiges nachzuholen, weshalb ich denke, dass es nur fair wäre, wenn ich euch die Sünden von jedem Jahr, das ich verpasst habe, mitberechnen würde.“

Er schlug das Buch auf, doch in diesem erkannte Cassandra nur leere Seiten.

,,Geben sie dem nicht zu viel Bedeutung, das Buch ist nur ein rein optisches Accessoire. Wozu muss sich der Weihnachtsmann schließlich was aufschreiben, wenn er alles hier drinnen behalten kann? Die guten Taten vergisst man schließlich nicht, deshalb schreibt sich der Weihnachtsmann auch nur die Untaten in seinem Buch auf. Der Rest – ist hier oben…“

Der Fremde tippte sich zweimal langsam gegen die Stirn und kicherte leise vor sich hin.

,,So was haben wir denn hier Schönes? Blablabla… führen ein harmonisches Leben. Blablabla… die Kinder sind zum Teil recht wohl geraten. Blablabla… spenden immerzu an Waisenhäuser und – oh, oh, was haben wir denn da für einen kleinen Ausrutscher entdeckt?“

Mit einem übertrieben, dramatischer Mimik blickte er auf und starrte die beiden mit einem gespielt erschrockenen Ausdruck an.

,,Hier steht, da gab es mal einen Zwischenfall, der euch einiges an Minuspunkten eingehandelt hat.“

Er sah kurz zu den beiden auf.

,,Nur um uns Zeit zu sparen, diese kleine Erzählung wird auch gleichzeitig die Weihnachtsgeschichte für diesen Abend, damit wir danach gleich in den spaßigen Teil übergehen können. Na dann werden wir mal ergründen, worum es sich bei dieser Schandtat wohl handeln mag…“

Cassandra wurde ganz blass, der kalte Schweiß auf ihrer Stirn begann förmlich zu fließen und sie fühlte sich als müsse sie ohnmächtig werden, als ihr die Erkenntnis kam, um wen es sich bei dem bedrohlichen Eindringling wohl handeln musste.

Dieser räusperte sich kurz und fuhr dann mit einer sarkastisch märchenhaften Stimme fort.

,,Wie jede gute Geschichte beginnt auch diese kleine Anekdote mit – Sex, richtig! Aber nicht dieser Quatsch mit unbefleckter Empfängnis und jungfräulichen Müttern, pff… hier geht es um schmutzige Zeugung, wie man sie kennt, nur noch ein wenig mehr unromantisch als man es sich vorstellt. Fern im Leibe einer unbekannten Stadt, in einer verdreckten Absteige irgendwo im Niemandsviertel.“

Er blätterte kurz in seinem Buch, bis er eine Seite erreicht hatte, auf der sich etwas Geschriebenes abzeichnete. Er räusperte sich erneut.

,,Eine junge Frau, hübsch anzuschauen, stand an der Straße und starrte in die Weiten des Stadtdschungels auf der Suche nach längst verlorenen Träumen, von denen sie stets hoffte sie eines Tages wiederzufinden. In ihrer Hand hielt sie eine lange, dünne Zigarette und während sie den Rauch aus ihren Lungen blies, dachte sie an all jene Hoffnungen, die sich wie ihr grauer Atem im Winde verirrten und von diesem an einen Ort getragen wurden, den sie niemals zu erreichen imstande sein würde.

Doch ein zwielichtiger Mann, der sich im Schutze der Nacht aus einem verruchten Etablissement hinaus auf eben jene Straße bemühte, an welcher unsere liebreizende Dame, wie vom Schicksal vorhergesehen, auf ihn wartete, könnte die Person sein, die der jungen Schönheit all diese Träume und Hoffnungen wiederbeschaffen würde. Er schaute sie vom gegenüberliegenden Bürgersteig aus an und obgleich sich die breite Straße zwischen ihnen befand, schien er ihr direkt durch ihre Augen bis hin in ihre Seele hinein zu blicken.

Trotz dessen es sich um eine eisige Winternacht handelte, wärmte eben dieser Blick ihr lange gefroren geglaubtes Herz. All die Jahre hatten Männer wie er sie nur angesehen als wäre sie nichts weiter als eine leere Hülle, doch seine Augen suggerierten ihr, dass es da draußen jemanden gab, der sie als den Menschen sah, der sie tatsächlich war und das erfüllte sie mit unbeschreiblicher Freude.

Er ging zu ihr hinüber, schaute nicht einmal nach links oder rechts, um mögliche Autofahrer zu erkennen, nein – er ging geradewegs auf sie zu, ließ seine Augen nirgendwo anders hinüberwandern. Seine starken Hände umfassten zart ihre Taille und sie gaben sich einander hin und liebten sich die ganze Nacht.“

Er stoppte, sah kurz zu seinen Geiseln auf, die der Geschichte mehr oder weniger gelauscht hatten. Mark hatte kein einziges Geräusch mehr von sich gegeben, auch wenn Cassandra dies nicht wirklich bemerkt hätte, da ihr vor einer plötzlichen Erschöpfung die Augen halb zu fielen. Vermutlich eine Nachwirkung des Betäubungsmittels oder eine Schockreaktion, sie hätte es sowieso nicht gewusst und was machte es auch schon für einen Unterschied. Ihre Müdigkeit war jedoch wie weggeblasen, als sie noch vernahm wie der Eindringling sich erhob und mit schweren Schritten auf sie zu marschierte.

Noch bevor sie ihren Kopf wieder vollständig hochgerissen hatte, hatte er sie bereits an den Haaren gepackt und ihr diese Bewegung eigenhändig abgenommen. Dann folgten zwei Schläge; einer gegen die rechte Wange und einer, der vermutlich auf ihre linke treffen sollte, aber diese stattdessen nur streifte und mit voller Wucht direkt in ihrem Gesicht aufsetzte. Cassandra schmeckte Blut, das von ihren bebenden Lippen über ihr Kinn lief, um von dort aus auf ihr Kleid zu tropfen und auch ihren zitternden Mund zu füllen begann.

Der nun wieder zufrieden wirkende Weihnachtsmann setzte sich wieder auf sein Paket und zuckte dann mit den Achseln, während er mit normaler Stimme fortfuhr.

,,Kurzum – sie war ´ne Nutte, er ein notgeiles Schwein und wie die dreckigen Tiere die sie waren, haben sie die ganze Nacht miteinander gefickt. Ich weiß nicht ob man es verurteilen sollte, ich selbst finde keinen Reiz daran, aber hey, jedem das Seine. Also fahren wir fort…“

Die Stimmbänder des Mannes erzeugten abermals einen kitschigen Unterton.

,,So es ihnen beliebt, gedenke ich nun von dem zu berichten, was sich danach ereignete. Nach einer langen und erschöpfenden Nacht der Unzucht, beschloss der Mann des Öfteren zu jener Frau zurückzukehren, die ihm so gute Dienste erwiesen hatte, um diese dann erneut in Anspruch zu nehmen. Der Frau kam dieses Geschäft durchaus gelegen und so gab sie sich ihm wieder und wieder hin, ließ von Nacht zu Nacht seinen Samen in sich fließen, da er für diesen kleinen Gefallen noch eine Extrasumme springen ließ, und sah sich aufgrund dessen ihrem Wunsch nach einem kleinen Vermögen von Mal zu Mal näher.

Doch diese Freude hielt nicht lange, so kam es nämlich, dass die Nicht-Jungfrau eines Tages eine beunruhigende Rundung bemerkte, als sie über ihren Bauch strich. Wie sie just darauf erfuhr, rührte diese von einem Säugling, der in ihr heranreifte, wie eine unreine Frucht, die dazu verdammt war, bereits verfault auf die Welt zu kommen. Sie war schockiert, hatte sie doch immer an diesen kleinen Pillen gedacht, die genau dies verhindern sollten und so gedachte sie sogar es zu töten, noch bevor die grausame Außenwelt ihr diese Aufgabe abnähme. Doch sie konnte es nicht tun und als sie es dann endlich erstmals in den Armen trug, da konnte sie nicht anders als es zu lieben – ihre kleine, lieblich süße, Sündenfrucht.

Doch die Frau dachte sich auch, dass jedes Kind einen Vater braucht und so suchte sie den Mann auf, der sich mit ihr gemeinsam um ihr kleines Weihnachtswunder kümmern sollte. Dieser war über das Geschehene alles andere als erfreut, beschimpfte sie wild und weigerte sich für das Kind zu sorgen. Das ließ unsere junge Mutter jedoch nicht auf sich sitzen und so drohte sie ihm, ihn zu ruinieren, indem sie die ganze Affäre an die Öffentlichkeit brachte. Widerwillig stimmte er schließlich zu, sich um das Kind zu kümmern, legte allerdings fest, dass er ihr lediglich genügend Geld zur Verfügung stellen und das Kind an den Weihnachtstagen besuchen würde. Allen weiteren väterlichen Pflichten würde er entsagen.

Diese Forderungen sagten ihr nicht vollständig zu, doch stimmte es sie ausreichend zufrieden und so zog die Frau ihr Kind weitestgehend alleine auf.

Mark seufzte laut… allem Anschein nach ein wenig zu laut und so hatte es zur Folge, dass der Fremde erneut seine Erzählung unterbrach, mit erhobener Hand auf ihn zueilte, um dann seine flache Hand mit voller Kraft auf sein Gesicht niedergehen zu lassen. Dann wandte er sich wieder ab, setzte sich und fuhr ruhig und gelassen mit seiner Geschichte fort als sei nie was gewesen.

Als dieses einige Zeit später seinen sechsten Geburtstag feierte, war sein Vater wie versprochen vor Ort, so wie auch die Male zuvor. Diese Nacht jedoch war etwas anders als sonst. Der Mann hatte sich im Laufe der Jahre immer mehr von der Person entfernt, die er einst war und so war aus ihm ein verkümmerter, sexuell frustrierter und alkoholsüchtiger Schatten seiner selbst geworden, der beinahe nur noch physisch anwesend zu sein schien.

Wie jedoch jedes Jahr, hatte er wieder eine große Anzahl an Geschenken mitgebracht, die er seinem kleinen Sohn schenken wollte. So war es schon immer gewesen, doch heute sollte sich eine große Änderung in diese Routine einschleichen, die das Leben aller Beteiligten für immer schwerwiegend verändern sollte.

So also hatte sich der Vater mit ein paar Geschenken vor den Kamin gesetzt und las seinem Sohn eine Weihnachtsgeschichte vor. Natürlich unfreiwillig und mit genügend Alkohol intus, um einen Nicht-Alkoholiker auf der Stelle über den Jordan gehen zu lassen. Dem Sohn gefiel selbstverständlich nicht die Art und Weise, wie sein Vater ihm vorlas und so fragte er, ob es nicht möglich sei, stattdessen etwas anderes zu machen.

Der Mann, der bereits einen tiefen Zorn in sich trug, der nur darauf wartete aufzukochen und aus ihm herauszusprudeln, wurde gereizter durch die Frage und so begann er den Plan in die Tat umzusetzen, den er sich für dieses Weihnachten vorgenommen hatte. Jedes Weihnachten zuvor hatte er sich von seinem Sohn anhören müssen, wie sehr er ihn doch vermissen würde und dass er sich wünschte, seinen Papa des Öfteren zu sehen, doch von all dem wollte er dieses Jahr nichts mehr hören.

So kam es, dass er in diesem Jahr die doppelte Anzahl an Geschenken besorgte, nur war die Hälfte von diesen ohne jeglichen Inhalt und die, welche die eigentlichen Geschenke in sich trugen, waren entsprechend gekennzeichnet worden, um Verwechslungen zu vermeiden. Sollte sein Sohn sich dieses Weihnachten wieder dazu „erdreisten“, ihm mit seiner ständigen Nörgelei und seinen kindlichen Weinerlichkeiten die Festtage zu vermiesen, würde er das tun, was er nun als Reaktion auf die erste Frage seines Jungen tat.

Kaum eine Sekunde, nachdem der Kleine wissen wollte, ob sie nicht doch einer anderen Tätigkeit nachgehen könnten, hatte sein Vater sich schon das erste Geschenk gegriffen und es im hohen Bogen in die Flammen geschmissen. Geschockt sah das Kind seinem Weihnachtsgeschenk hinterher und brach in Tränen aus, als es dabei zusehen musste, wie seine vermeidlichen Wünsche vom Feuer verzehrt wurden.

„Sei still!“, hatte ihm sein Vater dann entgegengebrüllt und hob ein weiteres Päckchen hoch, drohend auch dieses der Hitze zu opfern.

Der Junge versuchte seine Tränen zurückzuhalten, doch wollte es ihm aufgrund seiner tiefsitzenden Angst nicht gelingen. Er fürchtete sich zu sehr, um seinen kindlichen Verstand dazu zu benutzen, sich darauf zu konzentrieren, die Situation nicht noch schlimmer werden zu lassen. Doch da er das nicht konnte, liefen immer mehr Tränen über seine roten Wangen und er begann leise vor sich hin zu wimmern.

Erzürnt über die schwächliche Reaktion seines Kindes, warf der Vater nun auch das zweite Geschenk in den Kamin, jedoch stets darauf achtend, dass sie nicht das von ihm angebrachte Zeichen auf der Verpackung trugen. Seine Gier war letztendlich zu groß, um teuer erworbenes Spielzeug einfach zu verbrennen, wenn ein leerer Karton doch genau denselben Zweck erfüllte.

,,Und jetzt hör‘ auf zu flennen! Auch wenn ich nie dein Vater sein wollte, werde ich nicht zulassen, dass ein Sprössling von mir zu einer gottverdammten Schwuchtel verkommt!“

Seine Worte schnitten wie eine scharfe Klinge in das kleine, unschuldige Herz des Kindes, das verzweifelt versuchte seine Tränen zurückzuhalten. Obgleich er innerlich bereits völlig zerbrochen war, schaffte er es letztendlich doch seine Augen wieder zu trocknen.

Währenddessen wartete seine Mutter stillschweigend auf einer kleinen Bank, keine 100 Meter von ihrer Wohnung entfernt, um ihrem ehemaligen Liebhaber so gut es ging aus dem Weg zu gehen. Zwar war sie nervös, ihren kleinen Engel so ganz alleine zuhause zu lassen, mit einem Mann über den sie zu gut wie gar nichts wusste, doch nach dem letzten Weihnachten konnte sie es einfach nicht mehr verantworten mit dieser Person in einem Raum zu sein. Geschlagen hatte er sie, vor ihrem Kind, und das wollte sie ihrem Sohn kein zweites Mal zumuten.

Mit der Intention nicht zu sehr daran zu denken, starrte sie in die Nacht und zog genüsslich an einer Zigarette. Keiner weiß ob sie es zu diesem Zeitpunkt bereits gewusst hatte oder ob es sie völlig überraschend traf, doch sie sollte ihren kleinen Sohn niemals wiedersehen.

Indessen war der Vater dem Wunsch seines Kindes nicht nachgekommen und war damit fortgefahren ihm die Weihnachtsgeschichte lallend und nuschelnd vorzulesen. Die Zeit verging und der Junge ertappte sich selber mehrmals dabei, wie er immer öfter seine Augen hinüber zur Uhr schweifen ließ, um erwartungsvoll den Augenblick ersehnte, an dem seine Mutter wieder durch die Tür gehen und seinen Vater aus dem Haus jagen würde. Danach, so schwor er sich, würde er sie beten, diesen Menschen nie wieder in ihre Wohnung zu lassen.

Doch wollte sie nicht kommen. Sonst ließ sie beiden nur für ein oder höchstens zwei Stunden alleine, doch diesmal fehlte auch nach beinahe vier Stunden jede Spur von ihr. Die Stimmung war seit dem Verbrennen der ersten zwei Pakete schon drastisch gekippt, doch mit jeder Minute die verstrich, wurde sie umso unangenehmer. Er traute sich nicht auch nur ein Wort über seine Lippen gehen zu lassen, doch als der Kleine mit der Zeit immer größere Angst bekam, die Angst davor, dass seine Mutter aus ihrer bisher so schweren Lebenssituation geflohen und ihn zurückgelassen hatte, konnte er die Worte, sie sich in ihm sammelten, nicht mehr in sich behalten.

,,Wo bleibt denn Mama?“, hatte er gefragt und das war auch alles was er von sich gab. Es reichte jedoch aus, seinen Vater wieder in die Wut zurückzuversetzen, aus der er sich gerade erst gelöst zu haben schien.

,,Du willst zu deiner Mama?!“, warf er ihm schreiend als Antwort zurück. Was folgte war ein wilder Wortschwall aus lallendem Hass und Spucke, der aus seinem weit geöffneten Mund geschleudert wurde. Ein Mund der in Kombination mit seinem kochendrot anlaufenden Gesicht eher an ein geiferndes Maul erinnerte, aus welchem nun die schrecklichsten Beschimpfungen quollen. Beschimpfungen gegen ihn, seine Mutter und gegen sich selber, weil er dumm genug gewesen sei, seine Zeit für so lange Zeit mit solch wertlosen Menschen verschwendet zu haben. Die meisten Worte verstand der Junge gar nicht, entweder weil sie akustisch völlig unverständlich waren oder er noch nie von diesen Worten gehört hatte.

Was er jedoch wusste war, dass er sich nun nicht mehr davor fürchtete, dass sein Vater die Geschenke, sondern IHN ins Feuer schmeißen würde, so aufgebracht war er. Wutentbrannt griff sein Vater ein weiteres Geschenk und schleuderte es mit voller Kraft in den Kamin, sodass sich hunderte kleiner Funken wie ein wilder Schwarm Insekten in der Wohnung verteilten. Er packte sich einen weiteren Karton, bei dem es sich in den Augen seines Sohnes weiterhin um ein todgeweihtes Präsent handelte, das nun auch den ersten drei folgte. Nun jedoch erkannte der Junge beim Betrachten des brennenden Päckchens, dass es entgegen seiner bisherigen Annahme keinen Inhalt besaß. Einerseits war er erleichtert, doch die Angst vor der Raserei seines Vaters, konnte es ihm nicht nehmen.

Tobend und schnaubend wie ein angeschossenes Wildtier, schlug der Mann um sich, trat gegen die anderen Geschenke, wobei es ihm inzwischen vollkommen egal war, ob es leere oder gefüllte Kartons waren. Das Kind folgte mit seinen Augen einem weiteren Päckchen, das im hohen Bogen den Flammen dargeboten wurde und die Angst in ihm wuchs immer mehr. Die Angst, dass er in wenigen Minuten lichterloh brennen würde, wenn seinem Vater die Geschenke ausgingen.

Während er seinem Ende bereits entgegenblickte, bemerkte er, dass sein Vater plötzlich zu würgen begann und kaum zwei Sekunden später, wusste er auch was hierfür der Grund war. Was weder Vater noch Sohn wussten, war nämlich, dass auch die Mutter des Jungen sich dieses Mal ein größeres Geschenk für ihren Engel hatte leisten können. Etwas, was er sich schon so lange gewünscht und mit dem er seiner Mama seit Monaten in den Ohren gelegen hatte.

Ein Welpe. Ein kleines, zartes Hundebaby, das sie als Überraschung in ein mit Luftlöchern versehenes Päckchen gelegt hatte. Ein Päckchen, welches nicht mit jenem Symbol gekennzeichnet war, das sein Vater auf all den „wertvollen“ Geschenken angebracht hatte. Ein Symbol, das verhindert hätte, dass ebendieses Paket mit dem Welpen nun wehrlos im Feuer des Kamins lag und von diesem langsam zerfressen wurde, mitsamt des hilflosen Inhaltes, der noch ein paar Mal vor lauter Schrecken winselte und dann auf ewig verstummte. Lediglich der Gestank von verkohltem Fleisch kündete vom Ableben des kleinen Wesens und dieser Geruch war es auch, der Vater wie auch Sohn nun auch zum Würgen brachte.

Nun empfand der Junge keine Angst mehr – genau genommen empfand er überhaupt nichts mehr. Weder Hass auf seinen Vater, noch Mitleid für das arme Tier. Auch war der Gedanke an seine Mutter vollends verflogen. Er wollte in diesem Moment einfach nur noch aufhören zu existieren, seinem Dasein auf dieser Erde ein Ende bereiten, um diesem Gefühl der Leere zu entkommen.

Der Mann, welcher offenbar keine Reue für seine Tat verspürte, verschwand für eine kurze Zeit, ließ sein Kind einsam zurück mit dem grauenhaften Gestank des Todes in der Luft.“

Cassandra spürte erneut, wie sie die Benommenheit ergriff und sie versuchte verzweifelt dagegen anzukämpfen, doch es war letztendlich wieder ein heftiger Schlag ins Gesicht, sowie ein weiterer in die Magengrube, der sie wieder klar denken ließ und sie daran erinnerte in was für einem Szenario sie sich befand. Nach getaner erneuter „Belehrung“ ging die Weihnachtsgeschichte, die zumindest Mark bestens bekannt war und durch die Cassandra völlig neue Einblicke gewonnen hatte, weiter.

,,Kurz darauf kehrte er zurück, mit einer Frau, die der Junge nicht kannte und in Begleitung von zwei Polizeibeamten, die ihn aus seiner Wohnung holten und als er sich schließlich nach einer scheinbar endlosen Odyssee in einem fremden Gebäude mit zahlreichen anderen Kindern wiederfand, erschien es ihm so, als hätte er nie etwas anderes gekannt. Die Erinnerungen an seine Vergangenheit verblassten. Er vergaß sein altes Zuhause, vergaß seinen Vater und sogar seine Mutter, die verschwand und nie wiederauftauchte. Er hoffte nicht einmal darauf, dass sie eines Tages durch die Eingangspforte schreiten und ihn mit sich nehmen würde.

Alles woran er sich erinnerte, war dieser eine schreckliche Weihnachtsabend, der sich in sein Gedächtnis gebrannt und ihm unendliche schlaflose Nächte bereitet hatte. Noch heute wachte er des nachts schreiend aus dem Schlaf auf und hatte kurzzeitig wieder den Duft von verbranntem Fleisch in der Nase – doch empfand der dabei weiterhin nichts.

Als er dann eines Tages zu alt für seine neue Heimat war, die sich jedoch nie wie ein Zuhause angefühlt hatte, händigte man ihm sämtliche Besitztümer jener Person aus, bei der es sich wohl um seine Mutter handelte, die sich jedoch bis dahin vollends seiner Erinnerung entzogen hatte. Teil dieser Dinge war ein Tagebuch, das ihn über all die Dinge aufklärte an die er sich nie wieder hatte erinnern können und über all das was sich vor seiner Geburt ereignete und ihm verriet, welch ein Leben seine Mutter durchlaufen hatte.

Mit der Intention seinem ansonsten sinnfreien Leben wieder einen Funken Bestreben einzuhauchen, begann er sich auf die Suche nach den Menschen zu ergeben, die sein einstiges Leben zerstört hatten.

Der Mann schlug sein Buch zu und blickte in die verängstigten Gesichter der Menschen, die sich wehrlos in seiner Gewalt befanden.

,,Und? Gefällt sie euch? Ich weiß, stellenweise hab‘ ich etwas dick aufgetragen, aber ich habe mir sagen lassen, dass man bei Geschichten auch gerne mal ein wenig übertreiben darf. Ich muss auch sagen, dass ich recht stolz auf das bin, was ich hier zu Papier gebracht habe, dafür, dass ich sonst so selten geschrieben habe.“

Er erhob sich und ging auf die beiden zu, um sich zwischen die beiden Stühle zu stellen. Dann schwieg er wieder für ein paar Sekunden und betrachtete selig lächelnd das knisternde Feuer vor sich. Mark und Cassandra gaben kein Wort von sich und taten es ihm gleich. Dann schlug er beiden leicht auf die Schulter und machte sich daran das Tape von ihren Mündern zu entfernen.

,,Kommen wir nun zum Grande Finale! Der Moment der Geschenke.“

Cassandras Lippen wurden zuerst von dem Panzerband befreit.

,,Was wollen sie? Bitte lassen sie uns gehen“, entfuhr es Cassandra, obgleich sie die Antwort auf die erste Frage bereits wusste und sich auch darüber im Klaren war, dass ihre Bitte unerfüllt bleiben würde.

,,Oh, ich werde euch frei lassen“, entgegnete der Mann überraschenderweise, während er auch Marks Mund wieder frei machte.

,,Aber nicht, bevor wir nicht ein unvergessliches Weihnachten miteinander gefeiert haben. Weshalb sonst glaubt ihr, dass ich hier bin?“

Er ging wieder auf die Pakete zu und drehte sich zu den beiden, wobei er wieder sein diabolisches Grinsen aufsetzte.

,,Ich habe bisher noch keine sehr erinnerungswürdigen Weihnachtsfeiern erlebt. Im Heim waren es immer die gleichen routinierten Vorgänge und auch wenn alle immer sehr viel Spaß zu haben schienen, so glich doch jedes Fest dem anderen und so gab es auch nichts Spezielles an das man sich erheitert zurück hätte erinnern können. Außerdem ist das Verteilen der Geschenke doch der spaßigste Teil, warum wollt ihr ausgerechnet den aussetzen, wo ihr den Rest doch so stumm und artig ertragen habt?“

Mark schnaubte wütend und begann wieder mit seinem Stuhl zu ruckeln.

,,Glauben sie denn wirklich, dass ihnen dieser kranke Scheiß Befriedigung verschaffen wird?! Nein! Es wird ihnen nur noch mehr Kummer und Leid bescheren, also lassen sie uns frei und verschwinden sie!“

Das Grinsen, das zwischen dem weißen Bart aufblitzte, wurde breiter.

,,Oh man, Papa. Darum geht es mir doch gar nicht. Es geht lediglich darum ein unvergessliches Weihnachten zu kreieren und wenn ich an das einzige Weihnachten denke, das mir immer noch täglich im Kopf umherschwirrt, gibt es dafür nur einen logischen Weg. Außerdem musst du mich doch nicht siezen – wir sind doch eine Familie.“

Er strich sanft über eines der Geschenke und sofort kam Cassandra ein grausamer Verdacht, den sie am liebsten sofort wieder aus ihren Gedanken hätte löschen wollen, doch die Vermutung festigte sich immer weiter zu einer schrecklichen Gewissheit und sie begann entsetzt zu schluchzen. Als Reaktion darauf wurde auch Mark sich dieser Gewissheit bewusst und begann ebenfalls entsetzt ein paar Tränen zu verlieren.

,,Nein! Nein bitte tun sie das nicht! Ich flehe sie an, bitte nicht!“

,,Warum denn so ein Feiertagsmuffel? Das letzte Mal schien es dir doch solch eine große Freude bereitet haben, warum also nicht eine zweite Runde? Ich bin mir ganz sicher, dass kein Weihnachten seit diesem Tag mehr so aufregend war, wie das heutige.“

Mit einem kleinen Stoß, trat er gegen eines der sechs Pakete und sah dann mit einem umso grässlicheren Ausdruck wieder zu den beiden hinüber.

,,Aber anders als du, lasse ich euch die Wahl welches dieser Geschenke ich den Flammen schenken soll. Unglücklicherweise hatte ich nicht diese schönen, kleinen Sticker wie du, um sie auf die Geschenke zu kleben, deshalb müsst ihr wohl oder übel erraten, welches eventuell von Wert für euch sein könnte und welches nicht. Und da wir ja fair sein wollen, machen wir einfach Halbe-Halbe und ihr dürft euch drei Geschenke aussuchen. Fairer wäre es ja, jedem eins zu geben, aber da Weihnachten ja das Fest des Gebens ist, dürft ihr noch ein zusätzliches wählen. Und macht euch nicht die Mühe ihre Namen zu rufen, um zu mogeln. Sie schlafen…“

Das Weinen von Mark und Cassandra verstärkte sich zunehmend.

,,Bitte lassen sie uns nicht wählen!“, jammerte Cassandra. ,,Bitte, bitte, bitte! Ich kann nicht wählen, tun sie uns das nicht an!“

,,Hmm…“

Der Mann sah nachdenklich an die Decke.

,,Nun, wenn das so ist, muss ich wohl die Entscheidung treffen.“

,,Nein!“, schrie Mark. ,,Wir werden es tun, bitte!“

,,Mark!“, rief Cassandra entsetzt.

,,Willst du wirklich wählen und das Leben unserer Kinder dem Zufall überlassen?!“

Sie konnte ihn nicht erkennen, aber sie spürte, wie er versuchte zu ihr rüber zu sehen.

,,Willst du etwa IHM die Entscheidung überlassen? Er weiß vermutlich welches Paket welches ist. Glaubst du er würde sich so entscheiden, wie es für uns am besten wäre?! Der würde unsere Mädchen alle drei ins Feuer schmeißen und dabei weiter so dämlich grinsen, willst du das etwa?!“

Cassandra schluckte. Er hatte wohl recht, aber wie konnte sie so etwas nur tun, selbst wenn sie es in Erwägung ziehen würde? Für eine gute Minute herrschte Stille.

,,Tick, tack, tick, tack…“, flüsterte der Mann leise vor sich hin.

,,Wenn ihr euch nicht beeilt, muss ich wohl doch selber die Entscheidung fällen.“

,,Nein, nein, nein!“, schrie Cassandra. ,,Wer- Werfen sie das… d-d-das auf dem sie sitzen ins Feuer…“

Sowie die Worte ihren Mund verlassen hatten, bereute sie sie schon, obgleich sie wusste, dass kein Weg daran vorbeigeführt hätte. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie dabei zu, wie der Mann sich erhob, das große Paket mit beiden Armen fest umklammerte und es mit voller Kraft in den Kamin schmetterte. Mark ruckelte wieder kräftig am Stuhl und begann zu schreien, während das Feuer sich wie eine wilde Hecke aus Hitze um die Pappe schloss und es in ein glühendes Schwarz tauchte.

Der Mann lachte laut auf, ging auf Mark zu und verpasste ihm wieder drei kräftige Schläge ins Gesicht und Cassandra hörte wie er ausspuckte – Blut wie sie vermutete. Angsterfüllt ließ sie das Paket nicht aus den Augen, dessen Wände langsam abblätterten und das preisgaben, was sich in seinem Innern verbarg.

Der Eindringling hob seine Nase in die Luft und schnüffelte wie ein geifernder Hund.

,,Hm… ich riech‘ ja gar nichts. Gute Wahl meine Liebe,“ sagte er leise und strich Cassandra über die hitzige Wange, die sie sogleich von ihm abwandte.

,,Wenn das so weiter geht, werdet ihr dieses Spiel am Ende sogar noch gewinnen. Allerdings müsst ihr dafür noch ein bisschen mehr Glück haben, also los – wählt!“

Cassandra schwieg. Sie konnte es nicht noch einmal tun. Sobald die Worte ihren Mund verließen, würde sie sterben, das wusste sie mit absoluter Sicherheit.

,,Das Rechte!“, schrie Mark und Cassandra hörte den Schmerz, der sich aus seiner heiseren Stimme herauskristallisierte.

,,Das Rechte also, ja? Na, woll’n doch mal sehen ob ihr dieses Mal wieder so schön richtig liegt oder ob die Dame des Hauses eine bessere Glücksspielerin ist.“

Seine großen, breiten Arme umschlossen das Paket fest und als er es mit einem kräftigen Ruck anhob und es von sich weg, gen Flammen stieß, hörten Mark und Cassandra nur noch, wie etwas an die Innenseite des Kartons stieß.

,,Nein!!!“, schrien beide wie im Chor, doch nützen tat es ihnen nichts.

Das in Geschenkpapier gewickelte Päckchen wurde just in dem Moment, als es auf die Asche des vorherigen Kartons prallte, von den gierigen Feuerzungen abgeleckt, bis auch seine Außenwände so schwarz wie das herumgewickelte Panzerband waren. Die glimmenden Paketreste legten dann das frei, von dem Cassandra und Mark gleichermaßen bereits wussten, dass es sich dort befand. Das Einzige was sich weiterhin in Unklarheit verbarg war, um welche ihrer drei Töchter es sich dabei handelte.

Sogleich stieg den beiden der widerwärtige Gestank des entflammten Fleisches in die Nasen, doch bemerkten sie es kaum. Es war als würde sich das Wohnzimmer zu drehen beginnen, um dann wie ein Bach aus rot-gelben Wasserfarben zu verschwimmen. Sie fühlten sich wie in einem Gemälde gefangen, das von dem als Weihnachtsmann verkleideten Maler mit willkürlichen Flammen geziert wurde, die langsam aber sicher das Bild dominierten und es am Ende vollends bedeckten.

,,Sowas Ärgerliches. Aber macht nichts – ihr habt ja noch zwei, haha!“, das Lachen war der Todesstoß für Cassandra letzten Fetzen klaren Verstandes, den sie sich hatte bewahren können.

Ein brutaler letzter Messerstich in ihr ohnehin schon nicht mehr schlagfähiges Herz. Marks finster lächelnder Sohn, trat an sie heran, umarmte sie und flüsterte dann ganz leise in ihre Ohren:

,,Aber seht es doch so. Ihr mögt vielleicht eine Tochter verloren haben, doch ihr habt einen längst verloren geglaubten Sohn zurückgewonnen. Ihr habt also noch drei Kinder und dann sogar noch einen Jungen, haha. Ist das nicht großartig? Weihnachten ist schließlich ein Tag der Geschenke und was gibt es bitte für ein größeres Geschenk als einen Sohn? Ist das nicht das, wovon uns die Weihnachtsgeschichte des Christkindes erzählt?“

Cassandras Tränen schienen ihre Augen geradezu kochend zu verlassen und hinterließen rote Striemen auf ihrem Gesicht, während Mark immer wilder mit seinem Stuhl ruckelte und dem verhassten Bastard ins Gesicht spuckte. Es folgten wieder harte Schläge als Echo für diese Tat und dann stellte sich der Weihnachtsmann mit rausgestreckter Brust vor sie und hob erwartungsvoll die Hände empor.

,,Und? Eines müsst ihr noch abgeben. Na sagt schon, geht auch ganz schnell – ihr müsst sie ja schließlich im Anschluss nicht selber reinschmeißen, nicht wahr?“

,,Fick dich!“, schrie Mark ihn an. ,,Du bist nichts! Du bist als ein Stück Dreck geboren und als solches aufgewachsen und nun bist du der größte Haufen Abschaum, den ich mir nur vorstellen kann!“

,,Ach…“, der Sohn erhob sich und näherte sich seinem Vater, trat so nah an ihn heran, dass Mark seinen Atem auf seiner Gesichtshaut spüren konnte. ,,Weißt du, vermutlich hast du recht. Aber weißt du noch was? Jede Sünde, die geboren wird, braucht einen Sünder, der ebendiese verbotene Frucht pflückt. Wir können jetzt darüber debattieren ob nun der Sünder oder die Sünde schlimmer ist, aber für solche theologischen Diskussionen habe ich weder die Zeit noch die Lust.“

Er wandte sich zu Cassandra.

,,Siehst du das nicht genauso, meine liebe ‚Stiefmutter‘. Früher in den Märchen hieß es immer, dass die Stiefmutter eine durch und durch böse Frau ist. Stimmt das, Cassandra? Bist du eine böse Frau?“

Sie schwieg.

,,Na los, nur Mut.“

Cassandra sah ihn lediglich mit bitterbösem Blick in seine funkelnden Augen und biss die Zähne so fest zusammen, dass sie fürchtete sie würden jeden Moment wie Glas zerbrechen.

,,Dann lass mich dir eine andere Frage stellen, die du als Mutter, wie ich denke, durchaus zu beantworten in der Lage bist.“

Das Funkeln in seinem kalten Blick wurde heller, sprühte geradezu aus diesen hinaus, wie die schwärmenden Funken des Kamins – und seine Augen wirkten mit einem Mal pechschwarz. Die Augen, die Fenster zur Seele, angefüllt mit undurchdringlicher Dunkelheit…

,,Was könnte eine liebende Mutter dazu veranlassen ihr einziges Kind alleine mit einem Monster alleine zu lassen? Verrätst du es mir? Bitte. Ich denke schon so lange darüber nach.“

Cassandra wusste die Antwort. Sie erinnerte sich an alles, hatte es niemals aus ihren Gedanken verbannt. Es verfolgte sie jeden Tag ihres Lebens, seit es geschehen war und nachts plagten sie diese Erinnerungen noch viel schlimmer. Ihre Eifersucht, die Frage danach weshalb Mark sich in dieser schweren Zeit so sehr verändert hatte – sie hatte es herausgefunden. War ihm gefolgt, in jener kalten Winternacht als er sich aus dem Hause schlich, um am Rande der Stadt in einer schmutzigen Gosse zu verschwinden und das Geheimnis besuchte, welches er all die Jahre vor ihr zu verheimlichen versucht hatte.

Sie kam nicht hinterher. Immerhin wusste sie ganz genau, was sie in dieser Kleinzimmerwohnung im Niemandsland entdecken würde und es war auch nicht das Kind, welches ihr solchen Kummer bereitete. Es war die Frau, deren Bild sie eines Tages in einem ungeöffneten Brief fand, den Mark in seinem Schreibtisch versteckt hielt. Ihre schreckliche Neugierde, für die er sie immer getadelt hatte, war es letztendlich gewesen, durch das sie das furchtbare Geheimnis ihres Ehemannes entschlüsselte.

Und es erfüllte sie mit Wut. Nicht die Tatsache, dass er sie betrogen hatte, nicht die Tatsache, dass er sich jedes Jahr zu den Feiertagen an einem Abend davonschlich, um ihr gemeinsames Kind zu besuchen, nein. Was sie mit solch einem unbändigen Zorn erfüllte, war, dass sie selber immer wieder versucht hatte ein Kind mit Mark zu bekommen und immer war es entweder eine Fehl- oder Totgeburt. Aber diese Frau… sie hatte es geschafft und das war es was sie zum Toben brachte.

Cassandra hatte sie gesehen in jener Nacht. Sie hatte da auf dieser Bank gesessen und geraucht, während ihr Mann dem gemeinsamen Kind einen Besuch abstattete. Als sie sie sah, setzte Cassandras Verstand für eine kurze Zeit aus. Sie ging auf sie zu, sprach weder mit ihr, noch schrie sie die ihr vollkommen fremde Frau an. Alles was sie tat war auf die schwache, zierliche Person zuzugehen, ihr von hinten die Hände um den Hals zu legen und solange zuzudrücken, bis das zitternde und sich windende Stück Fleisch, das sie fest gepackt hielt, aufhörte sich zu bewegen und regungslos auf der Parkbank zusammensank.

Den Kadaver schaffte sie weg. Trug ihn in das nahe gelegene Wäldchen, was sie mit großer Anstrengung zu bewerkstelligen vermochte, um die Leiche dort im tiefen Schlamm des Moores zu versenken, auf dass niemand sie jemals finden möge. Und für den Fall, dass sie doch irgendwann auftauchen würde, verstümmelte sie der jungen Mutter mit einem scharfen Stein den von Würgemalen gezierten Hals so sehr, dass nicht einmal der beste Gerichtsmediziner ihre Fingerabdrücke von diesem hätte ablesen können.

Doch war dieser Akt der Vorsicht und Gewalt letztendlich sinnlos gewesen, denn sie hatte nie von einer im Moor entdeckten Leiche in der Zeitung gelesen und sie sah wahrlich immer gründlich nach.

Und dann wurde sie kurz darauf mit ihrer ersten Tochter schwanger. Und als sei dies nicht wunderbar genug gewesen, folgten kurz darauf auch noch die Zwillinge. Fast so als wäre ihre Sünde eine Art Opfergabe gewesen. Leben nehmen, um es weiter zu verschenken. Diese verdrehte und pervertierte Logik, ließ sie zwar manchmal vor sich selbst Angst haben, doch war es auch die Lüge die sie brauchte, um so manch anderen Tag zu überstehen, ohne dabei ihren Verstand zu verlieren.

All das hätte sie ihm erzählen können. Sich selbst von der schmerzenden Wahrheit, die in ihr schlummerte, und ihn von der ewigen Ungewissheit befreien können, doch sie konnte es nicht. Wie gerne hätte sie sich ihre Sünden von der Seele geredet, doch sie hätte nie mit dem Wissen leben können, diesem Monster auch nur eine Sekunde Genugtuung verschafft zu haben.

,,Sie hat vermutlich gewusst, dass du Dreck bist. Mütter lächeln zwar viel, aber oft nur, weil sie darunter die Wahrheit verbergen, die sie ihren Kindern nicht zeigen können, nämlich, dass sie der Grund dafür sind, dass ihr Leben so beschissen läuft. Sie hat dich nicht geliebt. Sie hat dich vermutlich ebenso sehr gehasst, wie dein Vater!“

Die Worte flogen ihm mit einer giftigen Ladung Speichel ins Gesicht und ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen, erhob er sich, ging hinüber zu den Kartons und warf eines von ihnen ins Feuer, ohne sich auch nur noch einmal zu den beiden Menschen umzudrehen, die sein Leben hatten verbrennen lassen.

,,Die Vorstellung ist vorbei.“

Das Feuer fraß sich durch die Pappe und offenbarte das leere Innere. Cassandra atmete erleichtert auf, während sich der verlorene Sohn auf eines der verbliebenen Pakete setzte und leeren Blickes in die Flammen sah, in denen er all die schönen Dinge sah, die ihm ewig verwehrt worden waren.

Ohne Vorwarnung, ertönte neben Cassandra plötzlich ein lautes Krachen und ehe sie sich der Situation bewusst wurde, sah sie Mark, der es unbemerkt geschafft hatte, sich seiner Fesseln zu entledigen, wutentbrannt vorwärts stürmen. Noch bevor sich der Mörder ihrer noch unbekannten Tochter umdrehen konnte, hatte Mark ihn bereits zu Boden gerissen und damit begonnen wie ein Berserker auf ihn einzuprügeln. Der Mann begann Blut zu spucken, sein weißer Bart färbte sich alsbald rot, doch machte er nicht einen Versuch sich zu wehren. Stattdessen fing er plötzlich an wie ein Wahnsinniger, der er auch in den Augen der Beiden war, zu lachen.

,,Was ist so komisch?!“, schrie Mark und prügelte weiterhin auf ihn ein.

,,Was – zur – Hölle – ist – so – komisch?!“, brüllte er und mit jedem Wort schmetterte seine Faust erneut in das Gesicht seines am Boden liegenden Sohnes.

Ein fürchterliches Knacken ertönte und Cassandra entnahm diesem Laut, dass Mark ihm den Kiefer gebrochen haben musste. Gut so, dachte sie, das würde sein ekelhaftes Grinsen auf ewig entstellen.

Nun begann auch sie kräftig mit dem Stuhl zu ruckeln. Warf sich nach links und nach rechts, bis den Stuhl schließlich kippte und so stark auf dem Boden aufschlug, dass er zerbrach und sich ihre Fesseln lockerten. In Windeseile, lief sie an Mark und dem Monster, auf welches er immer noch einschlug, vorbei und öffnete eines der Pakete…

Es war das Leere, welches übriggeblieben war. Du hättest brennen sollen – nicht meine Kleine. dachte sie sich innerlich, doch blieb keine Zeit zu verlieren. Sie öffnete ein weiteres Paket und blickte auf den kleinen, zusammengekauerten Körper von Fiona hinab. Schnell erhob sie sich, um den anderen Karton zu öffnen, als ihr etwas auffiel… Cassandra betrachtete stumm und zitternd den Verschluss der Geschenke.

,,Mein Gott,“ flüsterte sie und riss panisch die Oberseite des Präsentes auf.

Es war Paulina. Marla war es gewesen, die mit stummem Schrei in den Flammen starb, doch selbst das rückte in den Hintergrund als Cassandra ihren Arm ausstreckte und ihre Hand auf Paulinas Brust legte.

Mark blickte auf.

,,Sind sie okay?“

Er erhielt keine Antwort. Cassandra schwieg und alles was den Raum erfüllte, war das schier niemals enden wollende Lachen ihres unerwünschten Besuchers.

,,Cassandra! Sind die Mädchen okay?!“

Sie konnte es nicht fassen. All der Schmerz und die Mühe – wofür? Cassandra konnte kaum begreifen wie ein Mensch nur solch etwas abartig Böses tun konnte.

,,Cassandra!“

Sie sah auf und wandte sich langsam ihrem Mann zu.

,,Sie atmen nicht…“

Mark stockte, während das irre Lachen umso lauter wurde.

,,Ahahahahaha!!! Sie schlafen, haha, ich hab’s euch ja gesagt. Sie schlafen tief und fest. Ich konnte ja nicht verantworten, dass ihr anhand der Luftlöcher erkennt, welches die Pakete mit euren Töchtern sind, hahaha!“

Mark konnte als Reaktion auf sein Lachen nicht einmal mehr weiter auf ihn einprügeln. Er taumelte und sackte zu Boden, blickte seiner Frau in die Augen, die den leblosen Körper von Fiona in den Armen hielt und verzweifelt versuchte das erstickte Mädchen wieder aufzuwecken.

,,Bitte… wach auf, Liebling – wach doch bitte wieder auf…“

Doch sie wollte nicht mehr atmen…

,,Wie fühlt es sich an, Cassandra?! Sag mir, willst du nicht lächeln, anstatt zu zeigen, was du gerade wirklich fühlst? Haha.“

Sein Blick fiel hinüber zu Mark, sein Kiefer war dunkelblau angelaufen und schief, doch obwohl ihm das Sprechen schwerzufallen schien, hielt es ihn nicht davon ab, das zu sagen, weshalb er dieses Haus überhaupt erst betreten hatte.

,,Du hast mir damals ein solch erinnerungswürdiges Weihnachten beschert, dass ich in all den Jahren deiner Abwesenheit nur darüber nachdenken konnte, wie ich dein Weihnachten unvergesslich machen könnte. Wenn ich jetzt so in deine Augen sehe, da sehe ich mich in jener Nacht, in der du mir meine ganz besondere Erinnerung beschert hast. Ich hoffe mit ganzem Herzen, dass ich dieses Geschenk erwidern konnte und, dass du dieses Weihnachtsfest nie wieder vergessen wirst.

Frohe Weihnachten, Papa“

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