MittelTheorieTod

Der zerbrochene Gott

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Eloah, Adonai, Allah, Bondye, Elohim, Jehova oder einfach Gott. So viele Namen, für ein und dasselbe Wesen. Verrückt, nicht wahr? Dabei meinen wir doch alle unterm Streich das gleiche, wenn wir von Gott sprechen, obwohl unsere Vorstellungen von ihm oder auch ihr sich teilweise grundlegend widersprechen.

Während die Christen, Juden und Muslime nur einen anbeten, so finden sich im altgriechischen Olymp ganze 12 Götter und die Hindus verehren über 300 Millionen, auch wenn es für monotheistische Menschen absurd klingen mag. Die Voodusi, also die Anhänger des Voodoo hingegen verehren nur einen Gott, aber zahlreiche Naturgeister für absolut jede Instanz, die unsere Erde zu bieten hat. 

Wie Sie sehen, gibt es zahlreiche Vorstellungen von einem oder mehreren übernatürlichen Wesen, welche uns zumeist schützen, eine Mutter oder Vaterfigur darstellen oder uns auch Leid und Verderben bringen. Diese sind, wie der analyitisch denkende Mensch bestimmt schon längst erkannt hat, sehr weit voneinander abweichend.

Selbst innerhalb einer Religion können sich unterschiedliche Bilder eines göttlichen Daseins bilden, wie das Christentum beweist. Wer nach dem alten Testament lebt, der erwartet einen hartherzigeren und weniger liebevollen Gott als ein solcher, der dem neuen Testament frönt. 

In vielen Religionen ist es ein Gebot, sich kein Bild von Gott zu machen, und gerade dieses ist beinahe gar nicht einzuhalten. Zahlreiche bildliche Vorstellungen von Göttern haben sich seit der Antike gefestigt und sind bis heute einem großen Teil der Allgemeinheit bekannt. 

Große Krieger und verführerische Frauen finden sich zum Beispiel im altnordischen Glauben oder im Olymp der alten Griechen. Die alten Ägypter hingegen beteten sogar Chimären an, also Götter, welche als Hybriden aus Mensch und Tier dargestellt wurden. Und genau dieses Wissen beeinträchtigt die eigene Vorstellung. 

Auch in der christlichen Welt, in der es Gebot ist, keine feste Vorstellung von Gott zu haben, gibt es ein verbreitetes Bild von einem fleischlichen Körper Gottes. Sie selbst werden jetzt sicher vor Ihrem geistigen Auge einen alten weisen Mann mit langem Bart sehen, während ich darüber rede.

Selbst wenn Gott auf alten Wand- und Deckenmalereien in Gotteshäusern nur als gleißendes Licht angedeutet wird, ist dies streng genommen ein Bild von Gott.

Auch Menschen, die später vom Glauben abfallen, hatten als Kind häufig einen Glauben an Gott, und durch die Fantasie des Kindes und die Vorstellungen der Familie entstanden so ganz persönliche Bilder eines Gottes. Sind diese Kinder nun also Sünder? Nein, sie sind nur normale Menschen. Menschen, deren Weltbild noch ehrlich und ungetrübt ist, sofern ihnen keiner Angst vor dem Zorn Gottes eingebläut hat.

Dies ist ein Frevel. Eine Erziehungsmethode, welche auf der Welt keinen Platz hat. Angst vor Gott bedeutet Angst vor dem Leben und Angst vor dem Leben ebnet einer noch viel größeren Angst vor dem Tode den Weg. Selbst, wenn Sie überzeugter Atheist sind, werden Sie diese Aussage sicherlich nachvollziehen können. 

Sie sehen also, worauf ich diesbezüglich hinaus will: Es ist widersprüchlich, Götter als Individuen zu betrachten, aber sich selbst und anderen nicht zu erlauben, ihnen ein äußerliches Erscheinungsbild aufzuprägen.

Ich persönlich war, bis ich etwa 11 Jahre alt war, der Meinung, dass Gott tatsächlich ein unendlich alter Mann ist, der vom Himmel aus über uns wacht. Später festigte sich in mir die Ansicht, dass Gott eben keinen eigenen Körper besitzt und eher eine Energie ist, die uns sowohl umgibt als auch in uns wohnt. Ich ging davon aus, dass er auch in unserer Erde steckt und so all die perfekt abgestimmten Vorgänge der Natur möglich macht. 

Dennoch fragte ich mich oft, warum Gott so viel gelobt wird, aber so wenig Wunder vollbringt, wenn es so viel Elend auf der Welt gibt. Ist er gar nicht allmächtig? Oder ist Gott als Individuum bereits tot? Dies waren die letzten Fragen, die ich mir im Laufe meiner späteren Schulzeit stellte.

Doch vor vielen Jahren wurde ich von der Existenz einer handlungsfähigen Gottheit überzeugt. Ich traf… Gott. Oder… einen Gott. Ich sah ihn. Egal, ob Sie mich nun für verrückt halten. Er stand direkt vor mir und redete mit mir. 

Ich gebe natürlich keine Garantie darauf, dass dieser der einzig existente Gott ist, und ich möchte Polytheisten oder Leute, die tatsächlich noch so tun, als hätten sie keine Vorstellung von Gott, nicht kränken –  Jedoch hätte ich mein Leben darauf verwettet, dass er eine wahre Gottheit war, und das nach all den Erlebnissen… Sie werden dies bald verstehen, wenn Sie bisher noch an meinen Worten zweifeln.

Ich begegnete ihm nicht im Himmel oder in einem Feuer. Auch nicht im Licht, nein. Wir trafen uns im Nichts. In einer Schwärze. Einem Jenseits ohne oben und unten. Ich weiß, auch das ist schwer zu verbildlichen, da ein Nichts ja kein greifbares Objekt ist, aber stellen Sie sich einmal vor, Sie seien komplett erblindet, jedoch sehen sie noch sich selbst, als wäre um Sie herum doch noch heller Tag. 

Und noch bevor Sie begreifen, was eigentlich passiert, steht vor ihnen ein Wesen. 

Kein alter Mann, kein heller Lichtmensch, kein Ritter in strahlender Rüstung und auch sonst nur begrenzt an einen Menschen erinnernd. 

Es war riesengroß und gebaut wie eine altmodische Statue, die mich um einige Meter überragte. Seine Haut hing in blutigen Fetzen überall von ihm herab, und einige klaffende Wunden ließen sogar stellenweise seine Knochen durchscheinen. 

Auch ein festes, sich stetig bewegendes Muskelgerüst wurde teilweise sichtbar. Auffällig war, dass der Koloss gut und gern ein Mann hätte sein können, aber auch wenn er keine Kleidung trug, wurde kein Geschlecht sichtbar.

Sein leicht eingedellter und ebenfalls mit großen Wunden und narbiger Haut übersäter Kopf jedoch bot einen Lichtblick. Um genau zu sein, sogar zwei. Seine Augen. Sie waren hell, funkelnd und zeigten beinahe sekündlich eine neue, farbenprächtige Nuance.

Deshalb zweifelte ich trotz meiner völligen Ahnungslosigkeit, wen ich da vor mir stehen hatte, daran, dass dieses Wesen der Teufel war. 

Ich wollte schlucken, doch bemerkte ich, dass ich nicht befähigt war, dies zu tun. Auch der Angstschweiß, der einem bei einer solchen Begegnung sonst automatisch rinnen würde, blieb aus. 

Ich fragte mit gemischten Gefühlen, wen ich vor mir habe. Jedoch kam mir langsam ein Verdacht, was all dies hier zu bedeuten hatte.

Seine Worte klingen mir immer noch in den Ohren.

„Es ist, was es ist, und hat die Welt überdauert. Seit Ewigkeiten ist es auf der Reise. Allerdings bleibt es doch immer nur an einem Ort. Manchen ist es ein Meister, manchen ein Freund, manchen ein Feindbild. Doch es ist ewig und hält die Waage der Welt.“

Interessant. Der Gott bezeichnete sich also selbst als „Es“ und schien kein Wort für die eigene Person zu kennen. War es überhaupt eine Person?

Ich fragte den Hünen, ob ich träumte, was er verneinte. 

Als ich fragte, warum ich an diesem Ort gelandet war, wurde die Ausdrucksweise des Wesens bestimmter.

„Der Mensch ist dem Tode nah. Er wurde abgefangen zwischen Bestehen und Dahinscheiden. Es hat ihn ausgewählt, um seine Fragen zu beantworten und eine wichtige Botschaft zu vermitteln.“

Es stimmte also. Ich war praktisch tot und stand nun vor einem Wesen, dessen Existenz ich lange Zeit angezweifelt hatte.

Diese Botschaft interessierte mich, ich fragte natürlich auch gleich danach. Das Wesen fuhr zum ersten Mal mit hörbarer Emotion, mit einer gewissen Traurigkeit fort und erklärte:

„Der Mensch kann erkennen, was aus ihm geworden ist. Es ist das Spiegelbild der Erde, über die es wacht. Seine Art handelt nicht so, wie sie sollte, und dies raubt ihm seine Kraft. Viele Menschen bekämpfen sich für niedere Ziele. Die Macht, der Reichtum und nicht zuletzt die Frage nach ihm.“

Der Gott hatte Recht! Geld, Einfluss und die Frage der richtigen oder falschen Religion waren seit Anbeginn der Zeit die Hauptgründe, aus denen Menschen einander bekämpften.

Ich sah ihm seine Schwäche an, seine Gestalt bröckelte. Überhaupt sah ich es wie gebannt an, ohne dies zu realisieren. Ich hätte sonst etwas erwidert, doch dachte ich gerade nicht einmal daran, etwas zu sagen, und so fuhr es fort.

„Es erträgt so viel Leid, versucht so viele Menschen zu retten und glücklich zu machen. Doch je größer die Bosheit der ihren wird, desto machtloser wird es werden. Ist die Welt einmal zerstört, so wird es mit ihr vergehen. Es spürt, dass dieser Mensch von anderer Art ist. Er ist müde, enttäuscht und missbraucht, genau wie seine Welt.“

Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Dies war also ein mit der Erde verbundenes Individuum, dass scheinbar zum Sein dazu gehörte. Nun konnte ich mir das von ihm erwähnte Leid vorstellen. Das traurige Abbild einer göttlichen Präsenz setzte wieder zur Rede an:

„Er wird die Welt nicht verlassen. Doch wird er nicht mehr kämpfen wollen. Er wird nun gehen und den Frieden in seinem Herzen tragen, auf dass seine unsterbliche Seele auf ewig ein Stück Heilung bringen möge.“

Gerade wollte ich mich für die wundervollen Erkenntnisse und sein wahrlich generöses Geschenk bedanken, da ging die vorher schwarze Umgebung in gleißendem Licht auf und ich spürte etwas. 

Ja! Ich spürte mich. Ich war da. Der Regen prasselte auf meinen Helm und meine Haut. Er wusch mein Gesicht rein vom Staub und vom Blut der Schlacht. Die Schussverletzung brannte, doch ich konnte es aushalten. Ich lag auf einer Bahre und zwei Mann aus meiner Truppe trugen mich gerade in ein Zelt. Als sie bemerkten, dass ich die Augen offen hatte, konnten sie ihre Freude nicht zügeln. Pierson, einer der Meldegänger, rannte sofort los, um schnellstmöglich Doktor Dupont zu finden.

Nun war ich allein mit meinen Kameraden Harrington und Attaway. „Ganz ruhig, mein Freund. Du hast viel durchgemacht und gekämpft wie ein wildes Tier. Scheint, als ob die Schlacht für’s erste entschieden wäre.“ Harrington lächelte mild, während er und Attaway mich auf einem Feldbett in dem kargen Zelt lagerten, in das sie mich gebracht hatten.

„Wir… haben gewonnen?“, entgegnete ich mit aller Anstrengung.

„Ja, aber leider nur für den Moment. Doch… In Anbetracht der Tatsache, dass wir jetzt einen Lazarus auf unserer Seite haben, ist wohl alles möglich. Gott persönlich muss dich gerettet haben!“

„Vielleicht…“ Ich lächelte und schloss die Augen wieder, denn ich wusste nicht, ob und wie ich – zumal in meinem Zustand – erklären sollte, dass Harrington recht hatte!

Ich wurde kurz darauf ins Lazarett gebracht und konnte schon knapp 2 Wochen darauf nach Hause geschickt werden. Seitdem habe ich nie wieder gekämpft, aber nur wenigen im Detail von meiner Begegnung erzählt. Es ist zu schwer zu erklären und zu leicht, deshalb für verrückt erklärt zu werden. Doch nun, da es mit mir zum Letzten kommt, wollte ich diese Geschichte mit denen geteilt haben, die sie interessiert. Ich bin William Allingham und habe am 18. Juli 1918 an der Westfront ein Wunder erlebt. 

Geschrieben am 20.3.1980

Bewertung: 0 / 5. Anzahl Bewertungen: 0

Bisher keine Bewertungen! Sei der Erste, der diesen Beitrag bewertet.

Ähnliche Artikel

Schreibe einen Kommentar

Überprüfen Sie auch
Schließen
Schaltfläche "Zurück zum Anfang"