EigenartigesKurz

Vater unser…

„Erzählen Sie mal. Wie war das?“

„Was jetzt?“

„Die ganze Geschichte.“

„Sie möchten Sie hören?“

„Ja.“

„Wie der Engel in mein Zimmer kam?“

„Ja.“

„Aber dann muss ich ganz am Anfang anfangen.“

„Ein Anfang ist doch immer gut.“

„Ich weiß nicht wirklich, wo ich beginnen soll.“

„Nun…erzählen Sie mir etwas über die Hölle.“

„Die Hölle, hm? Es heißt immer, dass der Weg in die Hölle mit guten Vorsätzen gepflastert ist. Doch das stimmt nicht. Mit guten Vorsätzen ist der Weg in Lungenkrebs oder ins Übergewicht gepflastert.

Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit Bedauern und Schuldgefühlen. Mit Selbstmitleid und vielleicht sogar Scham. Und er ist gepflastert mit Dornen, Rasierklingen und Scherben, durch die man barfuß laufen muss und an denen man sich die Füße aufschneidet bis auf die Knochen. Und man ächzt und stöhnt und schleppt sich weiter in die Verdammnis über schmelzenden Asphalt, das bedauernd, was einen hergebracht hat. Glaubt mir… es ist kein wirkliches Bedauern. Es ist Selbstmitleid. Und das wird ihre erste Erkenntnis sein, wenn sie in der Hölle sind. Die Sünder bereuen nicht…. sie weinen um sich selbst.

Und so schleppen sie sich mit zerschnittenen Füßen hinunter in die Verdammnis und hinterlassen blutige Fußspuren für die, die ihnen Folgen. Nicht als Mahnung. Oder Weckruf. Nein… als Vorgeschmack auf das was kommt. Denn die Hölle ist kein Ort, der uns gefallen soll. Es ist ein Ort, an den wir gehen um zu leiden.

Wir waren immer gottesfürchtige Kinder. Wir wurden auch immer gottesfürchtig erzogen. Schon Mama war immer sehr gläubig gewesen. Aber als sie starb und wir alleine bei Papa lebten….“

„…Sie und Ihre Schwester?“

„Ja. Sie war meine größere Schwester und wir lebten zusammen mit Papa in einem Haus etwas außerhalb des Dorfes. Er arbeitete hart und es war sicher nicht leicht uns durchzubringen. Und dann noch zwei Mädchen. Das ist sicher nicht einfach.“

„Glauben Sie, Mädchen sind schwieriger als Jungs?“

„Anders vielleicht. Nicht schwieriger. Aber Jungs können schon besser mit anpacken und helfen und Papa sagte immer, dass einem Mädchen mehr Sorgen machen.“

„Warum?“

„Weil sie anfälliger sind für Sünden.“

„Ist das so? Wie denken Sie darüber?“

„Papa sagte immer, dass Mädchen unbedachter sind und darum eher zu Dummheiten neigen und dass sie Jungs eher in Versuchung führen, Dummheiten zu begehen und darum muss man auf Mädchen einfach besser aufpassen. Sie müssen Disziplin lernen, damit sie sich und anderen nicht schaden, sagte er. Er hatte uns ja trotzdem lieb, so ist es nicht.“

„Waren Sie denn dümmer als die Jungs in der Nachbarschaft?“

„Ich glaube nicht. Ich glaube, Kinder sind Kinder und jedes ist auf seine Weise so wie es ist. Nicht besser oder schlechter. Aber ich glaube auch, dass Mädchen Mädchen sind und Jungs Jungs.“

„Wie kam es denn dann zu Ihrer Begegnung mit Gott?“

„Papa sagte immer, dass wir artig sein sollten, weil Gott alles sieht. Er ist immer da und weiß alles, was wir machen. Und er sagte uns, es ist nicht schlimm, Fehler zu machen. Aber wenn wir sündigen, dann kommt Gott und stößt uns in die Hölle zum Teufel.“

„Was ist denn der Unterschied zwischen einem Fehler und einer Sünde?“

„Papa sagte, wenn wir etwas falsch machen, von dem wir nicht wissen, dass es falsch ist, dann ist es ein Fehler und dann wird Gott uns vergeben. Aber wenn wir etwas tun, von dem wir wissen, dass es falsch ist, dann ist es eine Sünde und dafür kommen wir in die Hölle.“

„Aha. Okay. Und wie ging es dann weiter?“

„Meine ältere Schwester… sie war oft wütend, wissen Sie. Sie sagte, Papa ist so streng mit uns und dass sie nicht möchte, dass er so streng ist. Sie hat Mama vermisst und stand oft am Fenster und sah hinaus in den Garten und zum Waldrand und war traurig. Aber innerlich rebellierte sie gegen unseren Vater. Und der hatte uns immer wieder gesagt, dass Gott alles sieht. Und dass er Sünder bestraft. Und gerade zu meiner älteren Schwester sagte er, dass es eine Sünde ist, wenn sie sich anfässt.“

„Wie meinen Sie das?“

„Naja…. da unten. Wenn Sie sich da unten anfasst. Gott will das nicht, sagte er. Und sie tat es trotzdem. Oft. Wenn sie dachte, ich schlafe. Sie tat es, obwohl sie wusste, dass es falsch ist.“

„Ist es falsch?“

„Papa sagte es. Und ich glaube, er hat es mitbekommen. Sie machte dabei immer Geräusche und ich glaube, das hat er gehört. Und er hat ihr immer wieder gesagt, dass Gott das nicht gerne sieht und er hat sie bestraft. Mit Hausarrest. Mit Extragebeten und Rosenkränzen und es hat nichts gebracht. Sie tat es immer wieder. Und sie wurde böse, weil sie immer fand, dass Papa zu streng ist. Und irgendwann abends, gab es Streit mit Papa und ihr. Sie schrie ihn an und warf ihren Teller auf den Boden. Er zerbrach und sie stürmte einfach hinaus. Papa rief ihr nach, dass sie sich vor der Strafe Gottes hüten solle. Und sie schrie, dass es Gott überhaupt nicht gäbe. Und wenn doch, würde er sie nicht lieben.“

„Und dann?“

„Wurde sie unruhiger von Tag zu Tag. Sie sagte, Gott würde sie beobachten. Sie hätte ihn gesehen und er habe sie angeschaut und gewusst, was in ihr vorgeht.“

„Haben Sie ihr gegelaubt?“

„Ich habe ihre Beunruhigung gespürt und ich war auch unruhig. Papa sagte dazu, dass Gott auf seine Schafe eben acht gibt und wer nichts böses tut, habe auch nichts böses zu erwarten. Und eines Tages gab es dann wieder Streit mit Papa und dann Nachts… ich habe das garnicht so genau mitbekommen, weil ich geschlafen habe. Aber ich wurde irgendwann von einem entsetzlichen und grauenvollen Schrei wach.“

„Was war passiert?“

„Meine Schwester, sie saß im Bett, aufgewühlt, schreiend. Panisch. Sie war kaum mehr zu beruhigen. Sie zitterte am ganzen Körper und Papa musste sie festhalten. Sie warf sich hin und her und… sie … pinkelte sich ein.“

„Hatte sie einen Albtraum?“

„Sie sagte, Gott wäre zu ihr gekommen und er hätte ihr gesagt, sie wäre sündig gewesen und um sie vor der ewigen Verdammnis zu bewahren, würde er ihr die Hölle zeigen. Als Vorgeschmack auf das was kommt, wenn sie ein sündiges Leben führt. Und dann habe er sie mit sich in die Hölle gerissen.“

„Das klingt furchtbar.“

„Sie war auch nicht mehr zu beruhigen. Sie konnte nicht mehr zur Schule gehen, die nächste Zeit und weinte viel. Sie betete mehrmals am Tag und war schreckhaft. Das, was ihr in dieser Nacht geschehen war, hat sie sehr mitgenommen. Sie war nie wieder die Selbe. Sie hat nie wieder etwas sündiges getan, so schrecklich war ihre Höllenfahrt.“

„Und glauben sie ihr?“

„Ich glaube an das, was ich an ihr bemerkt habe. Ihre Veränderung. Irgendetwas muss da geschehen sein.“

„Aber Sie hatten ja selbst dann ein Erlebnis. Wie kam es dazu?“

„Meine Schwester sagte mit immer wieder, ich solle mich auf dem Pfad der Tugend halten. Gott sähe alles und er würde mich bestrafen, wenn ich fehl gehe und ich solle nicht so dumm sein wie sie. Sie wolle mir die Hölle ersparen. Aber ich wurde älter und empfand unser Zuhause als erdrückend und eng und ….“

„Und dann?“

„Habe ich mit den Hollister Jungs hinter der Schule geraucht und die Lehrerin hat uns erwischt und unseren Eltern gesagt. Meine Schwester weinte viel und Papa war stumm und traurig und schüttelte nur den Kopf. `Ach Lenchen.` , sagte er immer wieder. `Ach Lenchen. Was soll Gott jetzt denken?`“

„Und das war der Tag, an dem Sie Gott sahen?“

„Es war nicht Gott, das sagte ich doch.“

„Wer war es dann?“

„Meine Schwester fuhr an dem Abend zur Tante und sie weinte beim Abschied und drückte mich und sah mich ganz komisch an. Ich hatte ein komisches Gefühl im Bauch und fühlte mich unruhig und komisch. Papa hatte mir Hausarrest gegeben und war den ganzen Tag auf dem Feld. Und als es Abend wurde, konnte ich nicht schlafen. Ich schaute aus dem Fenster in den dunklen Garten und tigerte auf und ab. Ich hatte das Gefühl, irgendetwas würde passieren. Und dann muss ich wohl doch eingeschlafen sein. Als ich aufwachte, war es Nacht. Und vor meinem Bett stand ein Mann und starrte mich an.“

„Ein Mann stand vor Ihrem Bett? Haben Sie es geträumt?“

„Nein, ich war wach. Er war wirklich da und er starrte mich an.“

„Wie fürchterlich. Wie sah er aus?“

„Ich sah ihn nur als Schatten. Aber ich sah, dass er lange, lockige Haare hatte. Die Angst lähmte mich und er legte einen Finger auf die Lippen und machte `Pschhhhhhhht!´. Ich habe ihn gefragt, ob er Gott ist. Und er hat gelacht und geflüstert, dass ich nicht dumm sein soll. Gott wäre viel zu mächtig und zu beschäftigt, um sich mit törichten Mädchen wie mir zu befassen. Ich weiß nicht, woher ich den Mut genommen habe, aber ich habe ihn gefragt, wer er denn dann ist?“

„Und was hat er gesagt?“

„Ich bin einer seiner Boten. Und er hat mich geschickt, weil er gehört hat, dass du sündig warst. Böses Mädchen. Hat dir dein Vater nicht immer gesagt, du sollst brav sein? War dir das Schicksal deiner Schwester nicht eine Lehre genug?“

„Das ist fürchterlich.“

„Und dann hat er gesagt, dass böse Kinder in die Hölle kommen. Und er griff in seine Tasche und pustete mir Staub ins Gesicht und dann griff er nach meiner Seele und riss sie aus meinem Körper hinaus. Er lachte und dort, wo das Fenster war, war jetzt ein Tunnel, aus dem Schreie kamen und rotes Licht. Und Hitze. Der Engel schubste mich in den Tunnel und sagte `Nun geh und sieh dir an, was passiert, wenn man nicht an Gott glaubt. Fahr zur Hölle, Mädchen.`. Ich schrie und weinte. Der Tunnel war heiß, Dreiecke und Muster tanzten an den Wänden. Der Boden war voller Dornen und Scherben. Doch der Engel stieß mich vorwärts. Auf die Schreie der Gefolterten zu. Aufs Feuer und auf alle Qualen, die die Hölle bereit hielt. Knochen lagen auf dem Boden. Menschenknochen. Je tiefer ich hinabstieg, desto mehr wurden es. Ich musste über sie hinwegsteigen. Es war so heiß und es war gerade einmal der Abstieg. Der Weg in die Hölle. So fürchterlich war alleine der schon.

Dann kamen wir in eine riesige Höhle. Es war lodernd heiß. In der Mitte der Höhle blubberte ein riesiger See aus Lava. Seine Hitze versengte meine Haut. Meine Haare brannten und ich hatte Blasen auf den Armen, so heiß war es. Beim Atmen hatte ich das Gefühl, ich atme Feuer. Oh wie fürchterlich. Ich arme Seele. Die Wände der Höhle, sie waren wirbelnde Muster, in denen riesenhafte Gesichter auftauchten und mich anstarrten. Sie redeten mit mir und lachten. Sie lachten mich aus, weil ich so dumm war, von Gottes Weg abzukommen. Nun gehörte ich in ihre fürchterliche Welt. Der Engel stieß mich vorwärts auf den Lavasee zu.

`Warum konntest du nicht einfach Gottes Geboten folgen? Warum musstest du dich gegen ihn und deine Eltern auflehnen? Warum konntest du nicht einfach ein braves Mädchen sein?` Er nahm mich hoch und warf mich in den Feuersee. Ich schluckte Feuer. Es brannte in mir. Es loderte auf meinem Körper. Es schmolz das Fleisch an mir Ich weiß nicht wie, doch ich konnte ans Ufer schwimmen und mich aus der Lava ziehen. Mein Fleisch, meine Haut, meine Haare, sie wuchsen nach. Doch der Engel nahm mich erneut und warf mich in die Lava und wieder verbrannte ich im Feuer. Wieder und wieder wuchs mein Fleisch nach.Wieder und wieder schmolzen meine Augen in meinem Schädel und tropften zischend ins Feuer. Wieder und wieder rettete ich mich ans Ufer….ein schwimmendes Skelett und wieder und wieder stieß der Engel mich hinein. Lachend. Und von den Wänden spotteten riesenhafte Gesichter über meine Dummheit. Der Engel rief, ich soll auf die Insel in der Mitte des Sees schwimmen. Und so schwamm ich….während mein Körper verbrannte. Doch auf der Insel lag ein riesiges Krokodil. Sobald ich ans Ufer kam und mein Fleisch sich regenerierte, stürzte es sich auf mich und riss mir ein Bein oder einen Arm ab, um es zu fressen.. So blieb mir nur die Wahl…. Entweder spränge ich in den Lvasee und würde wieder verbrennen und vom Engel wieder und wieder hineingestoßen, oder ich würde von dem Krokodil gefressen. Und überall dieses Lachen und die Schreie. Immer wieder riss das Krokodil Körperteile von mir ab und fraß sie und immer wieder verbrannte ich im Feuersee. Wie oft….ich weiß es nicht. Irgendwann zog der Engel mich aus dem See und schleifte mich, als sich meine Haare regenerierten, an den Haaren aufs Trockene. `Dies ist nicht die Hölle, Mädchen.`, sagte er. `Dies ist nur ein Vorgeschmack auf die richtige Hölle, die dich erwartet, wenn du weiter sündig bist. Gott liebt dich. Er will, dass du ein gutes Leben führst. Er warnt dich.` Und dann zog der Engel mich erschöpftes Wesen an den Haaren durch den Tunnel über die Knochen, über die Dornen und Scherben zurück in mein Zimmer. Er warf mich auf mein Bett und verschwand. Und ich schrie und schrie und schrie. Und dann ging die Tür auf und die Polizisten stürmten herein. Und jetzt bin ich hier.“

„Sie wissen, dass es kein Engel war?“

„Natürlich war es ein Engel. Wer hätte es sonst sein sollen?“

„Ihre Schwester rief von ihrer Tante aus die Polizei. Sie verhafteten Ihren Vater. Er hat zugegeben, dass er Ihnen DMT verabreicht hat. Eine starke, psychoaktive Droge, die bei Ihnen diese Höllenvision ausgelöst hat. Es war seine Bestrafung für Sie.. Für Ihr Fehlverhalten, weil Sie geraucht haben.“

“Nein, das kann nicht sein.”

“Er hat es gestanden.”

„Gott wirkt seine Wunder durch uns. Natürlich war es ein himmlischer Bote. Er spricht durch uns. Er spricht durch Sie. Er spricht durch Papa. Und er ruft uns zu, gut und rechtschaffen zu sein. Gott hat mich in dieser Nacht geläutert. Beten Sie mit mir:

Vater unser, der du bist im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

wie im Himmel, so auch auf Erden…..“


 

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