MittelOrtschaften

AETERNAM TENEBRAE – Die Ewige Dunkelheit!

Ein schattenhafter Wind fegte durch die Kiefern und erschütterte die Bäume mit einer Kälte, die sie noch nicht kannten. Die knarrenden Kiefern kollidierten in der eisigen Luft miteinander. Der Schnee von den Borsten wurde abgeworfen und ins Nichts getragen. Der Mond beleuchtete den Winterschnee mit einem unheimlichen Weiß und warf tanzende Schatten über die blasse Bildfläche. Zuerst spielten die Schatten miteinander, aber als die Nacht tiefer und dunkler wurde, wurde der Tanz zu einem Totentanz. Die Schatten verfingen sich wie ein einziges fühlendes Wesen, das den Wald verschlang – die verkörperte Dunkelheit. Das Wesen schwoll zum Klang des Windes und des knarrenden Holzes an, zum Schlag einer alten Trommel. Ein Schlag, der so ursprünglich und instinktiv war, dass alles im Tanz verzehrt wurde. Alles wurde eins, und dann war da nichts mehr. Stille. Leere.

Die Morgendämmerung brach an in einem fernen Land.

Ein Mann erwachte auf einer staubigen Straße, mit dem Gesicht nach unten in der Erde. Seine Kleider waren zerschlissen und aufgerissen, blutverschmiert und steif. Sein Gesicht war verkrustet, seine Lippe geplatzt und seine Nase schief. Er setzte sich auf, starr und erschöpft, und inspizierte seinen Körper. Fassungslos erhob er sich aus seiner Sitzposition, streifte den Schmutz von seiner Kleidung ab und machte sich unwissentlich auf den Weg – in Richtung eines Ziels. Während er müde auf dem Weg lief, versuchte er sich daran zu erinnern, wie er mitten in einem fremden Land gelandet war. Ein Fremder, in einem fremden Land. Der Weg blieb staubig. Es schlängelte sich hin und her, runde Hügel und kleine Kristallbäche, in denen es von Forellen und Stichlingen wimmelte. Er kam zu einem Flussufer und setzte sich auf einen kleinen Felsen. Am Ufer des Baches stand eine trauernde Weide, die um etwas weinte. Ihre Zweige streichelten das Wasser mit einer eleganten Zurschaustellung von Zuneigung, einem Ballett in Trauer. Der Himmel war ein ewiger Saphir mit spärlich verstreuten Wolken, das Land war grün und die Felder golden in der Sonne. Die Bäume wiegten und schüttelten ihre Blätter im Atem des Sommertages, das Smaragdgrün der Blätter und das zarte Rosa der Kirschblüte hoben den Reichtum des Landes hervor. Die warme, verweilende Luft trocknete ihn aus, und er wurde schläfrig. Er schlief am Ufer des Flusses. Er setzte seine Suche nach einer Unterkunft, einer Herberge, einem Gasthaus oder einer Gemeinde fort.

Die Nacht wurde still und tief.

Dunkelheit fiel auf die Erde. Die Forellen hörten auf zu springen und kräuselten sich im spiegelglatten Oberflächenwasser. In der Dämmerung gab es weder Vogelgezwitscher noch den süßen Geruch von Gras und Nektar. Die Trauerweide hörte auf zu trauern und zog ihre sanfte Liebkosung zurück, stattdessen weinte sie vor Angst. Er setzte den Weg fort. Da ihm nur das Mondlicht den Weg wies, wurde er müder. Er wusste nicht, was in den Schatten lauerte und beobachtete jeden seiner Schritte und Bewegungen. Ewig beobachtete er. Er stellte sich bösartige Augen vor, die auf ihn blickten. Sein Tempo beschleunigte sich, ebenso wie sein Puls und seine Wahrnehmung. Der Weg zog sich ewig weiter. Er sah weder andere Spuren menschlichen Lebens entlang des staubigen Weges noch irgendein Zeichen von Zivilisation oder Gebäuden. Der Mond stieg auf seinen Thron. Trügerisch unheimlich herrschte der Mond als König bei Einbruch der Dunkelheit. Der Mann ging beharrlich den Weg entlang, entschlossen, etwas zu finden, irgendetwas. Er jagte Wasserfällen hinterher und versuchte, die Schatten zu fangen. Der Mond schien immer heller und führte ihn.

Er reiste weiter, erschöpft.

Die Straße war unnachgiebig gegenüber jedem Zeichen oder Hinweis auf eine Zivilisation. Sein Geist und sein Körper waren erschöpft; er konnte nicht weitergehen, bis die Straße endete, und zwar am Rande eines Waldes. Er war auf allen Vieren und blickte in die weite schwarze Weite, die vor ihm lag. Der Wald ragte über ihm auf, zog ihn hinein wie ein Magnet, verschlang den kleinen menschlichen Brocken in den Schatten und umhüllte ihn. Der Mann war zu erschöpft, um wahrzunehmen, dass der Wald beunruhigend und bedrohlich war, und er kletterte wie ein unvorsichtiger und unschuldiger Säugling in die Leere. Die kühle Nachtluft lauerte ihm auf. Sie war etwas aggressiv; es biss und kratzte an der Haut, durchbohrte ihn wie tausend Nadeln. Alle Farbe verblasste aus dem nächtlichen Wald, und Smaragdbäume und violette Sternbilder in der Nacht verblassten zu Schwarz. Die Farben sind nicht weggelaufen. Er kroch tiefer in den Wald hinein, tiefer in die ewige Dunkelheit, vorbei an riesigen Bäumen, die weder Blätter noch andere Anzeichen von Leben besaßen. Nur Tod und Verfall. Dichter und dunkler. Immer dichter und dunkler. Die Schatten verfolgten ihn und leckten sich die Lippen. Sie kosteten das Mahl, das noch kommen wird.

Beobachtend, wartend.

Der Mann erschien auf einer Lichtung, wo der Mond direkt über ihm stand. Keuchend, hungernd und durstig brach er in der Mitte der Lichtung zusammen. Seine Brust begann zu schmerzen, er krallte sich in der Brust, wo sein Herz war, und wand sich vor Schmerzen. Hinter ihm hörte er einen Ast brechen. Er rüttelte sich auf und hörte auf zu atmen – aber sein Herzschlag war alles, was er hören konnte, und der Schmerz war alles, worauf er sich konzentrieren konnte. Das Klopfen war laut, aber die Stille des Waldes war lauter. Nicht einmal eine umherirrende Böe ließ die Äste rascheln. Alles war still, alles war dunkel. Er hörte einen weiteren Bruch in der Baumreihe, diesmal näher und lauter, fast wie das Brechen von Knochen. Er schwitzte heftig, sein Herzschlag sprengte die Skala, seine Sinne waren geschärft. Er war immer noch schweigsam, aber innerlich schrie er auf. Wieder hörte er einen weiteren Bruch, näher, lauter, schneller. Er hörte ein Flüstern, ein schwaches Flüstern zwischen den toten Bäumen. Der Mond war direkt darüber hell. Der Totenkopf. Er war zu schwach. Ein schattiger Wind fegte durch die Kiefern und begann zu tanzen. Zu tanzen. Verzehrend. Die Schatten verdrehten sich um ihn herum, verdrehten seinen Geist, verzerrten seine Sicht und ließen ihn in einem Bündel von Lumpen auf dem Waldboden zusammenbrechen. Die Schatten bewegten ihn und verschlangen sein Wesen. Der Schmerz war unerträglich, aber er konnte nicht schreien.

Der wilde Wind wehte, trug die Dunkelheit mit sich und ließ dann nach.

Als er zu einem unbestimmten Zeitpunkt erwachte, erhob er sich vom Boden, und Schnee begann herunter zu fallen. Er fühlte sich anders, er fühlte sich schwerer, als sei ihm eine Last auferlegt worden. Stunden später, als er durch den dunklen Wald stolperte, fand er etwas, das wie die Verlängerung des Weges aussah, den er einst zurückgelegt hatte. Aber dieser Weg war anders. Es war dunkel und die Bäume waren kahl und skelettartig. Alle Farben waren verblasst und grau, und Asche wurde zur fahlen Beschaffenheit. Kein Vogelgezwitscher erfüllte die Luft. Keine Forelle sprang im Bach, und die spiegelglatte Oberfläche blieb unangetastet. Tot. Nur Trübheit und Pest blieben zurück. Die Leere war die Stille, und die Stille füllte die Leere. Er kam zu einem Teich, einem unfruchtbaren und trostlosen Teich. Die sanften Wellen schlugen über den toten Boden. Er blickte in sein Spiegelbild. Er sah sich selbst. Seine Augen hatten weder Farbe noch Leben.Es waren lediglich die Höhlen übrig. Seine Haut war trocken und und blätterte vom Knochen ab, wie alte Farbe von einer Wand. Die Dunkelheit hatte ihn verzerrt.

Original 
Autor: Benjamin Goodrich

 

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