GeisteskrankheitMittellang

Agoraphobie

Ich stand auf der Straße. Auf einem großen Platz. Heute war
Weihnachtsmarkt in meiner Stadt. Ich hasste die Momente in denen immer etwas in
diesem Kaff los war. Zu viele Menschen und zu große Orte waren hier in jeder
Ecke. Egal, wo man hinging. Meine zittrigen Hände hatte ich in meine
Jackentasche verstaut. Der Schnee glitzerte vor meinen Füßen durch das satte
orange der Abendsonne. Mir war kalt. Eiskalt. Kein Wunder für einen Tag vor
Heiligabend. Doch nicht nur die Kälte allein war der ausschlaggebende Grund
meines permanenten Zitteranfalls. Es war die ungesättigte Menge an Menschen,
die mir ein sehr unwohl tuendes und unangenehmes Gefühl in meiner Magengegend
bereiteten. Kaum wagte ich es einen Schritt zu tun. Kaum wagte ich es ihnen ins
Gesicht zu sehen. Kaum vermochte ich ihnen zu zuhören. Es waren viele, ”viel” ”zu
viele”. Und ich befand ich mitten drin. Gefangen in einer Masse aus lebenden
Fleischwesen.

Am liebsten wäre ich zu Hause geblieben. Ich hätte mich in meine
Wohnung verkrochen und die alleinige Stille, die sich Tag ein, Tag aus bei mir
befand, in vollen Zügen genossen. Jedoch musste ich hinausgehen. Ich musste in
die Läden gehen und mir Grundnahrungsmittel kaufen, ehe sie geschlossen hatten.
Doch hasste ich diese Momente, in denen ich raus musste. Ich war ganz allein.
Hatte keine einzige Menschenseele, die mir beistand, die sich um mich kümmerte.
Meiner ekelhaften, beschissenen Angst musste ich zum ersten Mal allein
gegenüberstehen. Langsam wagte ich einen Schritt nach vorne. Für jeden anderen
Menschen auf dieser Welt wäre es ein Leichtes gewesen, seinen Weg zu gehen,
doch für mich war es ausschließlich eine verdammte Qual. Die unermessliche
Angst jemanden anzustoßen, vergebens auf Hilfe zu hoffen, sollte mir etwas
passieren, lähmte meinen Körper zu nehmend. Die gaffenden Blicke der
vorbeigehenden Passanten, taten ihr Übriges.

Automatisch zog ich meine braune Winterjacke über die Nase.
Ich konnte es nicht leiden, wenn man mich so ansah. Hinter mir hörte ich ein
Kichern. Es war ein lautes, amüsierendes Kichern. Der Stimme nach zu urteilen
gehörte sie einer Frau. Meine Knie wurden weich, so dass ich kraftlos zu Boden
sank. Warum kicherte sie? Machte sie sich über mich lustig? Mir blieb keine
Zeit länger darüber nachzudenken. Schon gleich übertönte etwas anderes dieses
Kichern. Es waren Schritte. Unzählige Schritte, die ich nicht alle hätte zählen
können. Dumpfe, stampfende Schritte die knisternd unter dem Schnee nachgaben.
Allmählich bekam ich Kopfschmerzen. Sie zogen entlang meiner Nervenbahnen,
ließen auch meine Gelenke mit jeder Bewegung schmerzen. Meine Augen brannten in
der Versuchung meine Umwelt aus dem Weg zu gehen. Doch wo sollte ich den
hinschauen? Überall sah ich sie. Wie sie mich mit ihrer kalten Ignoranz, ihren
unverständlichen Ängsten mir gegenüber oder ihren spürbaren Sorgen musterten. Sie
musterten einen Mann der es Leid war unter den Menschen zu leben. Der sich
seiner Schmerzen erledigte und am ganzen Körper bebend auf den Boden kniete.

Ich spürte, wie ihre Körper versehentlich meinen streiften.
Die Berührungen, die dabei entstanden, ließen meinen Körper zucken. Er zuckte
und verkrampfte so stark zusammen, dass es sich anfühlte, als hätte ich einen
heftigen Stromschlag bekommen, der mein Herz für eine Weile aussetzen ließ. Um
mich herum hörte ich ein unerklärliches Stimmengewirr. Es war wie ein Schwarm
voller Bienen oder Hornissen, die um meinen Kopf kreisten und immer lauter
wurden. Mein Zitteranfall verstärkte sich. Dieses Gemisch aus Schritten,
Stimmen und dem kehligem Gelächter dieser… ”Menschen”.
Mein Kopf drohte zu explodieren. Wie sehr ich mir auch wünschte, er würde es
wirklich, so war mir bewusst, dass es unmöglich erschien, mich als einen
kopflosen Körper, dessen Kopf in einem Brei aus zermatschtem Hirn, warmes Blut
und den Überresten des Schädelknochens, welcher im kalten, weißen Schnee liegen
würde, zurückzulassen. Sie würden mich sehen. Geschockt und voller Panik um
mich stehen. Die Polizei oder Ärzte rufen und den Tumult noch größer werden
lassen. Ich würde nie in Frieden sterben können. Plötzlich wurde mir
schwindelig. Der Gedanke, sie würden mich heimsuchen, ließ mich nicht mehr los.
Nur verschwommen erkannte ich, wie sich etwas eilig auf mich zu bewegte. ”Nein! ”Schrie ich in Gedanken. ”Bleib weg von mir! Fass mich nicht an! Komm
nicht näher!” Verzweifelt versuchte ich meine kalten Lippen zu bewegen, doch
brachten sie nichts weiter als ein leises Wimmern hervor. Dieses Etwas kam
immer näher, stand schließlich vor mir. Als es sich hinunterbeugte und mir in
die Augen schaute, schrie ich auf. Es war ein Monster. Mit seinen
schwarz-weißen Augen, seiner grauen Haut und seinen pechschwarzen Lippen,
dessen Farbe wie zähflüssige Lava zu verlaufen schien, lächelte es mich an.
Mein Schrei verstummte augenblicklich. Mit einer Hand versuchte es mich zu
berühren, meine Haut zu ”infizieren.”
Meine Unterlippe bebte, während vereinzelnde Tränen sich einen Weg entlang
meiner Wangen bahnten. ”Geh weg! Geh weg!
Geh weg! ”Schrie ich panisch in Gedanken, versucht durch den kalten Schnee,
der sich in meine Nerven zog und meine Adern gefrieren ließ, immer weiter von
dem ”Ding ”wegzurutschen; ihm irgendwie
zu entkommen.

„W… er… b.. bist… du?“ Die grauenvolle Stimme, die nur
gedämpft in mein Ohr drang glich dem eines Dämons, gar eines Teufels. Die
anderen Geräusche um mich herum waren ebenso gedämpft, als hätte man mir Watte
in meine Ohren getan. „G.. geh vo.. ihm… weg…!“ Schrie eine andere Stimme in
derselben Tonlage. Ein weiteres Geschöpf, das viel größer war, als das, was
versucht hatte mich zu berühren erschien vor meinen Augen. Ihr Blick
abscheulicher als alles andere, was ich bisher zu Gesicht bekommen hatte. Kalt,
herablassend, meine arme Seele anklagend. Sie zog das andere Biest mit sich
fort. Erleichtert atmete ich auf. Es war fort. Ich konnte ihm durch Glück
entkommen. Aber ich war nicht in Sicherheit. Ich musste schnell nach Hause.

Gerade, als ich aufstehen wollte und von diesem verdammten
Ort flüchten wollte, hörte ich ein leises, permanentes Tropfen hinter mir.
Tropfen um Tropfen fiel dumpf auf den Schnee. Langsam drehte ich meinen Kopf
zur Seite und erblickte, wie sich eine kleine schwarze Pfütze auf dem sonst so
weißen Boden zeichnete. Ein kleines schwarzes Loch inmitten einer Weißen
Schneedecke. Etwas irritiert folgte ich der Pfütze, dessen Tiefe durch ein
unaufhörliches Tropfen dieser schwarzen Substanz sich immer mehr vertiefte und
weitete meine Augen, als ich den Ursprung fand: Eine groteske Fratze grinste
mich euphorisch an und entblößte somit ihre von schwarzer Flüssigkeit bedeckten
Zähne, die die Form und das Aussehen scharfer Reißzähne hatten. „Kann ich Ihnen
helfen?“, wagte ”Es” mich zu Fragen.
Zwar drang der Satz nicht mehr in einzelnen abgehackten Fetzen in mein Ohr,
doch erklang die Stimme in demselben, dämonischen und unnatürlichen Laut wie
zuvor. Ohne meine Reaktion oder Antwort auch nur im Geringsten abzuwarten,
fasste mich dieses Etwas an meine Schulter, ihre weiß-schwarzen Augen bohrten
sich in die meinen als es mich erneut einer Frage aussetzte. „Ist alles in
Ordnung mit Ihnen?“ Dabei spukte es mir diese widerliche Substanz ins Gesicht.
Es klebte auf meiner Haut, ich begab geradezu das Gefühl es würde sich in mein
Fleisch hineinbrennen. Stück für Stück.

Von Schmerzen und zu gleicher Panik entlockte sich meiner
Kehle ein Schrei. Es war ein zerreißender lauter Schrei, der in meinen Ohren
klingelte, sobald ich ihn ausgestoßen hatte. Zur gleichen Zeit bemerkte ich, wie
auch der Rest dieser Masse zu mir herüberschaute. Der Schrei musste ihre
Aufmerksamkeit geweckt haben. Buchstäblich gefror mir das Blut in den Adern,
als mein Gehirn realisierte, was sich vor meinen Augen abspielte: Diese
Lebewesen, die ich als Menschen kannte, waren keine mehr. Sie glichen einem mir
unbeschreiblichen und unaussprechlichem Wesen, für das ich keine Worte fand.
Ihre Haut war allesamt grau, wie die Haut einer alten verstorbenen Leiche. Ihre
Augen, waren das Grauen auf Erden mit ihrem undurchsichtigen weiß, dass die
gesamten Augäpfel durchzogen. Dort wo die Iris hätte sein sollen befand sich
ein tiefer, schwarzer Punkt, als hätten sie keine Seele, keinerlei
Lebenszeichen in sich. Aus ihren Mündern, die zu einem grotesken Lächeln
verzogen waren triefte dieselbe unbekannte, schwarze Flüssigkeit, wie auch die,
die auf meiner bleichen Haut klebte. Mit jedem Schritt denen sie mir näher
kamen und ihre gierigen Hände nach mir ausstreckten, klopfte mein Herz immer
schneller. Gleich würde es aus meiner Brust springen, dachte ich. Zitternd vor
Angst und Kälte saß ich zusammengekrümmt auf dem Schnee, der meine Hose
durchnässte.

In der Hoffnung Gott könnte mir helfen, murmelte ich leise Gebete
unter den gierigen Schreien und gurgelnden Geräuschen, der unausstehlichen
Kreaturen. Mit Tränen in den Augen äußerte ich bedacht meine letzten Wünsche.
Eine Familie, Freunde, eine Frau, die mich akzeptieren würde und zu guter Letzt
ein erfreutes Leben jenseits des Todes. Plötzlich musste ich lächeln. War es
denn nicht das, was ich mir gewünscht hatte? Einen ruhigen Tod? Vielleicht war
es nun doch möglich in Frieden zu sterben, schoss es mir urplötzlich durch
meinen Kopf. Wenn ich ihnen das gab, was sie wollten, dann würden sie mich für
immer in Frieden lassen. Sie würden mich nicht mehr ihres Blickes würdigen oder
es wagen mich anzufassen; nein, sie würden mich in Frieden sterben lassen und das
durch ihre eigene Hand. Das anfängliche Lächeln, welches sich auf meinen Lippen
gebildet hatte, formte sich zu einem euphorischen Grinsen.

Ich wollte es. Ich wollte durch diese Bestien getötet
werden. Die Angst, die ich zu Beginn verspürt hatte, war im Nu verflogen. Allein
der Gedanke und das wohltuende Gefühl von meinem Leid, welches ich schon seit
Jahren mit mir herumtrug, erlöst zu werden ließ mich über mein nahestehendes
Ende freuen. „Kommt her! Nehmt euch was ihr wollt! Nehmt euch so viel ihr
wollt!“, rief ich in die kalte Nacht hinein, meine Arme vor Freude und hoher
Erwartung austreckend. Meinen Ruf ließen sich die verkümmerten Wesen nicht
zweimal sagen. Ohne jegliche Vorwarnung kamen sie auf mich zu gestürmt. Gierig
bissen sie mir große Stücke meines Fleisches ab. Kratzen meine Brust auf,
entnahmen meine Organe unter gurgelnden Schreien meinerseits. Das freudige
Knurren dieser Dinger, sowie das saftige Schmatzen war wie Musik in meinen
Ohren. Über das ganze Gesicht lächelnd ergab ich mich ihren Machenschaften und
ihrer schmerzhaften und hungrigen Gier.

Als ich dem Ende nahe war vernahm ich plötzlich eine verzerrte,
doch fremdliche Stimme. Es klang wie… die Stimme eines Menschen. Außerhalb
dieses Ortes. Es war eine einzelne, männliche Stimme die meinen Namen rief. „Mr.
Thompson! Sehen Sie mich an!“ Im nächsten Moment zerflossen die Wesen vor
meinen Augen in reines Weiß. Selbst der Rest der dunklen Umgebung vereinigte
sich mit der Farbe. Sofort riss ich meine Augen auf. Mein Körper verkrampfte
sich augenblicklich, sobald mein Gehirn den Ort wahrgenommen hatte, an den ich
mich befand. Um mich herum standen… diese Wesen. Wie sie ihre Mäuler gering
aufrissen und ihre toten, grauen Hände nach mir austreckten. „W-Was ist hier
los?!“, stammelte ich erschrocken. Erneut begannen meine Glieder wie Espenlaub
zu zittern.

Ein
brennender Schmerz durchzuckte meinen Nacken und verlief wie heiße Lava quälend
langsam meinen Rücken hinab. Trotz der höllischen Schmerzen, die meinen
ängstlichen Gesichtsausdruck zu einem von Schmerz gepeinigten verzerrt hatten,
wagte ich es meinen Kopf langsam nachhinten zu drehen und in das totengraue
Gesicht meines Therapeuten zu blicken. Dicke schwarze Schlicke trieften
zwischen seinen Zähnen als er seinen Mund öffnete und mit einer unmenschlichen
Stimme donnerte: „Die Therapiesitzung ist nun beendet.“ Das letzte was mein
Körper vernahm waren die aus Gier getriebenen Kreische der Kreaturen, die mich mit ihren toten Armen zu sich hinzerrten…

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