LangMord

Ashes to Ashes Kapitel 6

Was hier passiert: Die Unterwelt grüßt

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Disclaimer: Ich habe entschlossen, diese Geschichte von der SCP-Organisation zu lösen, und habe sie folglich durch eine originale Organisation namens „ZEFHA“ (Zentrale für Eindämmung und Forschung von Humanoiden Anomalien) ersetzt. Das Konzept ist dasselbe, es geht kein Kontext verloren. Die größten Veränderungen befinden sich in Kapitel 4, wo einige Details erläutert werden. In folgenden Kapiteln wird auch weiterhin die “ZEHFA”-Organisation anstatt der SCP Foundation verwendet.

Teil 6.1

Hier ist eine unangenehme Wahrheit: Um gut ihm Stehlen zu werden, musst du damit anfangen, arme Leute auszurauben.

Es schmerzt. Höllisch. Ich habe mich selbst in den Augen der ersten drei unglücklichen Bastarde gesehen, die ich komplett willkürlich ausgesucht habe, in eine Gasse gezerrt habe und das Messer an die Kehle gehalten habe. Es war stumpf, aber das haben sie nicht gewusst. Nachdem ich den dreien von ihnen alles abgenommen habe, was sie hatten, hatte ich immer noch gerade mal genug, um zu Fuß vier Städte weiterzureisen. Nie im Leben hätte ich das getan, wenn ich eine andere Wahl gehabt hätte, doch ich musste weg. So weit wie möglich, so schnell wie möglich. Zwar habe ich eine einzige Basis der ZEFHA-Organisation abgebrannt, doch dieser kleine Schluckauf in ihren Systemen kann mir nicht ewig Zeit kaufen.

Drei Wochen lang war ich ununterbrochen unterwegs, war so lange auf den Beinen, bis meine Schuhe auseinandergefallen sind. Dann war ich ohne einen einzigen Cent in der Tasche inmitten einer Stadt, die ich nicht gekannt habe. Was tut man, wenn man keinen Ausweg mehr hat?

Zugegeben, es wäre logischer gewesen, noch einmal die Leute auszurauben, die es sich wortwörtlich nicht leisten konnten, ihr Geld zu beschützen. Die, die immer unvorbereitet waren, denn niemand sah sie ohnehin als Beute. Ich wäre lieber verhungert, verdurstet und erfroren, bevor ich das noch einmal getan hätte.

Also habe ich etwas getan, das mir unglaubliche Freude bereitet hat: Ich habe einen Reichen ausgeraubt.

Schock, stellt sich heraus, ist ein unglaublich gutes Werkzeug dafür, Leute leise und fügsam zu machen. Es reicht, einem reichen Schnösel vor dem Bankautomaten einen Arm um den Bauch zu legen, und mit der anderen Hand einen Abdruck in seinen Rücken zu brennen. Nicht tief genug, um ihn zum Schreien zu bringen, natürlich— wir wollten ja keine Aufmerksamkeit.

Es hat nicht viel Verhandlung gebraucht, um ihn dazu zu zwingen, mir das Geld zu geben, das er gerade abgehoben hat. Und mit der Menge war es zu einfach, wieder auf die Straße zu laufen. Wenn ich schätzen müsste, war die Polizei gerade am Tatort, als ich bereits aus der Stadt war.

Es war riskant und blöd und das profitabelste, was ich jemals getan habe. Tausendfünfhundert. Bei so einer Menge Geld bin ich leicht wahnsinnig geworden. Das Erste auf meiner Einkaufsliste war eine Tube Make-Up, das ich über die Narbe geschmiert habe. Dann ein Hotelzimmer. Ein richtig Gutes, in dem ich nicht einmal Schimmel in der Dusche gefunden habe. Ich habe mir mehrere Sets neue Kleidung, neue Schuhe, einen Mantel für den Winter und mehrere Tage Vorräte geleistet. Ein großer Teil meines Gelds war damit weg. Für das, was ich noch übrig hatte, hätte ich früher gelogen, gestohlen und getötet. In dem Moment war es lächerlich wenig.

Hier ist noch eine unangenehme Wahrheit: Es tut verdammt weh, wenn einem in den Arm gestochen wird.

Nach einigen Monaten von ständigen Diebstählen und durchgehender Zeit auf der Straße bin ich leichtsinnig geworden. Mein Ziel war schlecht ausgesucht. Er hat sich die ganze Zeit auf die Tasche gegriffen, was normalerweise heißt, dass er dort verdammt viel Geld drin hat— immerhin will er sichergehen, dass es nicht gestohlen worden ist. Dass er damit jedem Taschendieb in der Umgebung zeigt, wo sie die Hände reinstecken müssen, ist anscheinend an ihm vorbeigegangen.

An meiner Menschenkenntnis muss ich noch arbeiten. Er war nicht reich, wollte aber unbedingt so aussehen. Der Grund, wieso er ständig in die Tasche gegriffen hat, war, weil dort ein Messer war, das er kurzerhand in meinen Oberarm gerammt hat, als ich versucht habe, ihn in eine Gasse zu zerren. Bevor er dazu gekommen ist, das Ding in meinem Fleisch zu verdrehen, habe ich bereits reagiert. Er hatte nicht viel Zeit, um zu schreien, bis er verbrannt ist.

Zurückblickend hatte ich verdammt viel Glück. Er hat keines meiner großen Blutgefäße getroffen. Sein Schrei war laut genug, um jeden Passanten in der Gegend auf uns aufmerksam zu machen, doch es war niemand da. Nur eine Person hat mich gehört, und das war eine Prostituierte, der ich bis heute meinen tiefsten Dank schulde. Sie hat mir zwar nie ihren Namen verraten, aber dafür hat sie mir den Weg zu einem Untergrundkrankenhaus gezeigt.

Hier ist eine dritte unangenehme Wahrheit: Ich kann mir nicht immer Make-Up ins Gesicht schmieren und so tun, als wäre ich ein Normalbürger, und keine Verbrecherin. Zwar sind seit meiner letzten Relevanz in der Öffentlichkeit mehr als sechs Jahre vergangen, doch manche Leute lieben es immer noch zu sehr, die Polizei zu rufen. Ich muss dafür nicht einmal aussehen wie ein Dieb oder eine Obdachlose, meine Hautfarbe reicht.

Das, was ich durch die Prostituierte gefunden habe, hat mir sehr viel Ärger erspart und eine ganz andere Seite der Welt gezeigt. Durch das Krankenhaus, in dem ich meine Wunde gegen Geld behandeln habe lassen— die Naht war ungerade und wulstig, aber die Blutung war gestillt— habe ich die Unterwelt gefunden.

Das Wort „Unterwelt“ hat eine Menge Konnotationen, die nicht ganz stimmen. Breit gesehen besteht sie einfach aus Menschen, denen es egal ist, wem sie was verkaufen. Auch jemand, der nichts Illegales verkauft, der sich aber weigert, die Polizei zu rufen, wenn er einen Verbrecher erkennt, ist Teil der Unterwelt. Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht weitaus interessantere Leute darin gibt: Waffenschmuggler, Drogendealer, Auftragskiller, illegale Prostitution, Clubs, Bars, Verstecke, Geschäfte, Hotels, Gaststätten oder einfach nur Leute, die alles anbieten, was sie haben, um etwas Geld zu machen.

Wenn kein normaler Laden an einen verkaufen will, findet man die, die es tun.

Es hat gedauert, bis ich mich zurechtgefunden habe. Nicht nur aufgrund der Heimlichkeit dieser Gesellschaft. Fünf Jahre im Anomalie-Gefängnis haben mich weit von der Welt gezogen. Es hat Monate gedauert, bis ich mich an die ganze Technologie angepasst habe, die herausgekommen ist, während ich eingebuchtet war.

In Wahrheit muss man nur wissen, wen man fragen muss. Sehr viele Geschäfte und Leute habe ich nur dadurch gefunden, indem ich mich unterhalten habe, und die Frau, die meinen Arm geflickt hat, und ich haben uns sehr gut unterhalten.

Das Wort nachtaktiv ist mir erst wieder eingefallen, als ich es schon seit Monaten war. Es macht Sinn, nicht? Wenn man tagsüber arbeiten muss, und das Geld immer noch nicht reicht, sucht man sich Abends und Nachts andere, profitablere Arbeit. Die Art von Schwarzmarkt, die man selbst besuchen kann, ist im Dunkeln wach.

Seitdem lebe ich in und von der Unterwelt. Ich habe mir nie gedacht, jemals wieder ohne Angst vor der Polizei herumlaufen zu können. Dass ich dafür lernen musste, meinen Rücken zu schützen und meine Taschen zu verschließen, war es wert. Immerhin hat mir Bianca schon gut eingebläut, immer Augen am Hinterkopf zu haben.

Hier ist eine letzte unangenehme Wahrheit: Ich bin seit mehr als eineinhalb Jahren wieder draußen, habe seit meinem ersten freien Atemzug überall nach Zeichen von Leidinger gesucht, habe jeden gefragt und verhört, der mit mir reden wollte. Und nirgendwo habe ich auch nur eine Spur von ihm gefunden.

Teil 6.2

Maier Müller.

Ernsthaft?

Ich verdrehe die Augen und drücke den Knöchel auf die abgenutzte Klingel des Wohngebäudes, dessen schrecklich rostrote Fassade unter den Fensterbrettern abblättert und überall anders mit Efeu überwachsen ist. Als ich die beiden Leute belauscht habe, die letzte Woche neben mir in einer der Bars gesessen sind, habe ich wirklich geglaubt, dass die Frau ihrem Freund einen Streich spielt. Zugegeben, sie waren beide unglaublich betrunken, also war es schwer einzuschätzen. Aber wirklich? Maier Müller ist der Deckname?

Die Tür brummt, ohne das jemand schlaftrunken und genervt aus der Sprechanlage keift, und ich nehme das als Zeichen, hier richtig zu sein. Die oberen Geschosse sind zweifellos mit normalen Wohnungen vollgestopft, weshalb ich mich nicht von der sehr normalen Eingangshalle abschrecken lasse, sondern auf das Kellergeschoss zusteuere. Auch die Treppen sind still und normal, mit Ausnahme von einigen verdächtigen Flecken an den Wänden. Die Stille ist das, was in mir Zweifel säht. Ich greife die Klinke der Kellertür und rüttle, doch sie ist verschlossen.

Doch nur ein Streich?

Die Tür öffnet sich ruckartig einen Spalt breit und ein Auge kommt zum Vorschein, das über ein Kettenschloss hinweg späht. Gleichzeitig begrüßt mich ein Schwall von den Geräuschen, die ich eigentlich erwartet habe: Gelächter, Geschrei, dutzende Stimmen, Schritte. Einen Moment später folgt der Geruch von Schweiß, Erbrochenem, billigem Plastik und Alkohol.

„Name?“, fragt die Person hinter der Kette hinter dem Auge.

„Maier Müller? Ernsthaft?“, frage ich zurück.

Die Stimme brummt, was ich erst als Lachen erkenne, als die Tür bereits wieder geschlossen ist. Kurz darauf springt sie wieder auf und ich sehe das ganze Gesicht, ein bärtiger, glatzköpfiger Mann, der ein geübt gemeines Gesicht aufgesetzt hat.

„Bis jetzt hat‘s funktioniert“, sagt er und winkt mich hinein.

Ich grinse ihn an und gehe an ihm vorbei in die Kellerbar. Alleine an der Atmosphäre erkennt man, dass das hier kein normales Gasthaus ist. Wenn Verbrechen nicht mehr Tabu sind, gehen einige andere soziale Regeln gleich mit flöten. Nur wenige Leute sitzen an ihren zugeordneten Tischen, viele reden zu laut, lachen, führen sich auf wie Kleinkinder, die Alkohol trinken dürfen. Es ist wirklich lustig, ausgewachsenen volljährigen Menschen dabei zuzusehen, wie sie Grimassen schneiden und Pantomimen aufführen wie Kindergärtner. Erkennt man die Illegalität des Geschäfts nicht an der Umgebung, dann an den Gesprächen. Nur auf meinem Weg zur Bar sehe ich zwei Drogendeals, und nur die, die nicht sonderlich subtil ablaufen, und wo die Ware eine so geringe Menge hat, dass sie sofort getauscht werden kann.

Ich werfe meinen Rucksack— weitaus größer und vollgestopfter als der, den ich von Aarons Hütte gestohlen habe— unter einen der Barhocker, wickle meinen Fuß in die Schlaufen und drücke meinen anderen über die Reißverschlüsse.

Zwei Leute arbeiten hinter der Bar und beide sind beschäftigt. Mir gibt das die Gelegenheit, mich ordentlich umzusehen, auch wenn die Menge an Leuten, die hier ist, mir teilweise die Sicht versperrt.

Die Barhocker passen allesamt nicht zueinander. Auf den Boden werfe ich nur einen kurzen Blick, bevor ich mich abwende, damit mir nicht ekelt. Über der Bar hängen einige Bildschirme, die zwar Karten zeigen, doch nicht für Drinks, sondern anscheinend für zwei verschiedene Fastfood-Restaurants. Die echte Karte ist auf eine Tafel geschrieben, die so aussieht, als wäre sie aus einem Klassenzimmer gestohlen worden. Die Hälfte davon ist verwischt.

Neben der Bar hängt eine riesige Pinnwand, die beinahe die gesamte Wand einnimmt. Darauf verteilt sind Zettel, die ich Anfangs für Fotos von Stammgästen halte, bis ich aufstehe um einen näheren Blick darauf zu werfen.

Unter jedem Kopf steht ein Name, ein Preis, ein Auftrag, Kontaktdaten und Information über die Person, die abgebildet ist.

Die Aufträge sind genauso unterschiedlich wie die Ziele; unter dem Portrait eines jungen Mannes steht der Name und die Information Lukas Klinger; Auftragsmörder, Giftmischer.  500 sind auf seinen Kopf gesetzt, der Auftrag lautet Zusammenschlagen; Bild als Beweis. Als Auftraggeber steht Anonym, Meldung beim Barpersonal. Darunter ein weiteres Poster: Seth Roland, der Preis ist 50.000, der Aufrtag „Lebend und in körperlicher Gesundheit“. Der Auftraggeber ist ein gewisser Professor Anima. Bei manchen steht eine wahre Wand aus Text darunter, die aus den persönlichen Daten und Schwächen des Ziels bestehen.

Manche Leute müssen einander wirklich hassen.

Scheinbar sind die Steckbriefe nicht nach Preis, sondern nach Alter des Auftrags geordnet. Oben sind die Flyer noch druckfrisch, doch ganz unten sind die Ränder von den Reißzwecken so zerstochen und zerrissen dass Teile des Texts bereits zerfleddert sind.

Dort finde ich meinen eigenen Namen.

Nona. Ungefähr 14 bis 18 Jahre alt. Brandstifter. Waisenkind. Obdachlos. Standort unbekannt, ändernd.

Das Bild ist das aus der Zeitung, als ich damals mit sechzehn von Aaron geflohen bin, mein zerschnittenes Gesicht mit irren, blutunterlaufenen Augen. Daneben ist eine Art Polizeiskizze, die halbwegs richtig aussieht. Durch die Narbe würde mich sowieso jeder erkennen.

Mein Preis sitzt bei 7.000. Der Auftrag ist, schlicht und einfach, „Töten“. Spezifischer lauten die Anweisungen, dass ein definitives Beweisstück meines Todes verlangt ist. Die Kontaktdaten lauten, wie bei Lukas Klinger, Anonym, Meldung beim Barpersonal.

Anscheinend bin ich hier nicht willkommen. Dass mich bis jetzt niemand erkannt, angesprochen oder angegriffen hat gibt mir jedoch genug Ruhe, um die ganzen Flyer noch einmal zu überfliegen. Vielleicht ist es kindisch, doch außer mir kostet kein einziger Auftrag, der nach dem Tod einer Person verlangt, weniger als Zehntausend, und nur ein kleiner Teil weniger als Zwanzigtausend. Der Schlag geht direkt ins Ego.

Ich reiße meinen eigenen Flyer von der Wand, falte ihn und stecke ihn ein. Den wird ohnehin niemand vermissen, wenn ich fünf Jahre lang komplett von der Bildfläche verschwunden war.

Halb verdeckt unter meinem eigenen Steckbrief wartet der seltsamste Zettel von allen, weil er fast vollständig leer ist. Das Bild ist bloß eine weiße Silhouette eines Kopfes inmitten von charmant ausgewähltem Binärcode. Darunter stehen kappe acht Worte und eine Zahl.

R.E.D.

Hacker.

Alle Information wird mit Geld kompensiert.

50.000

R.E.D.? Red?

Ich schüttle den Kopf. Das muss ein Zufall sein, oder? Und der Preis? Was zur Hölle hat er getan?

Hastig sehe ich mich nach dem Personal um, denn ich würde gerne einige Fragen stellen. Die beiden Barleute sind noch immer beschäftigt, und die einzige Kellnerin, die in der Menge sichtbar ist, wird gerade von einem Mann in die Ecke gedrängt.

Ich sehe zu, wie sie ihn warnend wegstößt. Für ihn ist das anscheinend kein Zeichen, zu verschwinden, und er packt ihr Handgelenk. Ich schnaube. Auch wenn sie sich bestimmt selbst verteidigen kann, sehe ich nicht, wieso ich nicht mithelfen kann.

Ich packe den Typen am Nacken und drücke so fest zu, wie ich kann. Er stöhnt empört auf und versucht sich umzudrehen, um nach mir zu schlagen, doch ich reiße ihn herum, als wäre er ein freches Kätzchen, und führe ihn mit nicht so sanfter Gewalt zur Tür. Der Türsteher zieht eine Augenbraue hoch.

„Keine Gewalt“, sagt er warnend.

„Auch nicht gegen die Kellner, nehme ich an“, sage ich. Er schlägt nach mir, ich packe sein Handgelenk und verdrehe seinen Arm hinter seinem Rücken, bis er schreit. „Und deshalb fliegt er raus.“

Der Türsteher wechselt einen Blick mit der Kellnerin, die das Spektakel beobachtet. Als sie nickt, öffnet er die Tür, und ich befördere den Mann mit einem heftigen Tritt in den Arsch nach draußen, wo er gegen die Stufen knallt. Er hebt den Kopf, um zu protestieren, doch der Türsteher knallt ihm die Tür vor der Nase zu.

Wir nicken einander zu. Ich wische mir die Hände ab, als hätte ich in etwas Ekelhaftes gefasst, und will zurück zu meinem Hocker, bevor jemand meinen unbewachten Rucksack bemerkt und mitnimmt.

„Hey.“

Eine Hand an der Schulter lässt mich innehalten. Die Kellnerin steht hinter mir; blonde, lockige Haare, hellbraune Haut, Sommersprossen soweit das Auge reicht und blitzend graue Augen. Bevor ich ein Wort herausbekomme, grinst sie breit, greift mein Gesicht mit beiden Händen und zieht mich hinunter. „Nie im Leben. Nie im Leben. No-Name? Die No-Name? Die lebende Jane Doe?“

Ich grinse. Ihr Enthusiasmus ist ansteckend. „In Fleisch und Blut.“

„Setz dich. Ich besteh darauf“, sagt sie und schiebt mich an den Schultern zu meinem Hocker zurück. Ich lasse mich hinsetzen.

Die Kellnerin springt über die Bar und hält mir freudig die Hand hin. „Natalie“, stellt sie sich vor, „Nenn mich Nat.“ Erst jetzt sehe ich ihr Shirt. Abgebildet ist eine Kreuzung von Motte und Mann, mit dem Text „Ich habe Mothman gefickt und habe nur dieses blöde T-shirt bekommen“.

Ich schüttle ihre Hand und komme gerade Mal zum Luft holen, bevor sie weiterredet.

„Was soll‘s denn sein?“ Sie patscht eine Hand auf die Tafel hinter sich und verschmiert einige weitere Buchstaben.

„Nat“, ruft einer ihrer Kollegen, „Du Kellnerst heute, geh weg von der Bar.“

„Lutsch meinen Schwanz, das ist wichtig. Spring für mich ein.“

„Du kannst mich mal“, ruft ihr Kollege, fügt sich aber ihrer Bitte und geht Kellnern.

„Also. Drink?“, fragt Nat, wieder an mich gerichtet.

„Überrasch mich.“

Ohne hinzusehen füllt sie ein Glas zur Hälfte mit Cola, zur anderen mit Rum. „Also. Wo warst du die sechs Jahre lang?“, fragt sie und deutet zur Pinnwand. Als sie meinen Zettel darauf nicht mehr findet, sieht sie verwirrt drein.

„Du suchst das hier?“, frage ich und ziehe ihn aus der Tasche. „Der stimmt seit Jahren nicht mehr.“

Sie summt und lehnt sich über die Theke. „Erzähl mir mehr. Ich verrate es niemandem, versprochen.“

Ich schnalze mit der Zunge. „Ungeduldig?“, frage ich grinsend.

„Sehr“, antwortet sie schnell.

„Wie wärs mit einem Tausch. Du beantwortest mir einige Fragen, ich beantworte dir ein paar…“

„Quid pro Quo? Damit kann ich leben.“

„Wer ist Red?“

Sie blinzelt. „Oh! Du meinst R-E-D. Das ist kein Name, sondern ein Kürzel.“

„Und wofür steht es?“

Sie zuckt mit den Schultern. „Und die erste Frage kann ich dir auch nicht beantworten. Niemand kann das. Den Typen hat niemand jemals gesehen. Aber wenn du mich fragst, ist das wahrscheinlich so ein übergewichtiger dreißigjähriger Typ, der noch bei Mami im Keller wohnt. Wer hat sonst Zeit für den ganzen Scheiß?“

Meine Hoffnungen, meinen Kindheitsfreund wiederzufinden, endlich zu wissen, dass es ihm und Elias gut geht und mich endlich zu entschuldigen zerfallen wie ein Kartenhaus.

„Niemand weiß, was ihn antriebt. Er macht hin und wieder komplett blöden Scheiß, der keinen Sinn ergibt. Einmal hat er in einer Militärbasis Zugang zu den Lautsprechern bekommen und hat nur Spongebob-Musik abgespielt. Ein anderes Mal hat er den Neujahrs-Countdown mit Vines unterbrochen.“

Ich lache. Wenn das Red ist, dann hat sich sein Sinn für Humor nicht verbessert.

„Ja, sehr lustig. Ich bin mir ziemlich sicher, der ist auch in unseren Datenbanken drin…“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Datenbanken?“

„Woher glaubst du, wissen wir das alles?“, fragt sie und deutet auf die Pinnwand. „Willkommen in der beschissensten Neutralen Zone diesseits des Äquators.“

„Neutrale Zone?“, frage ich noch mal.

„Fragst du dich nicht, wieso hier niemand aufeinander losgeht?“, fragt sie und deutet auf verschiedene Leute in der Menge. „Sie da. Fünfundvierzigtausend. Er ist Fünfzehntausend wert. Du.“ Sie deutet auf mich. „…wahrscheinlich mittlerweile mehr als die Siebentausend, die auf dem Zettel stehen.“

„Mein Ego war schon verletzt“, sage ich, nur halb witzelnd.

„Hier drin ist kompletter Waffenstillstand. Wenn jemand Probleme macht, dann ist es Regel, dass sich jeder gegen den Aggressor richtet. Jeder.“

„Und das funktioniert?“, frage ich ungläubig.

„Leute brauchen neutralen Grund, um Deals zu machen. Um zu verhandeln. Um zu versichern, dass ein Meeting keine Falle ist“, erklärt sie, „Sie sind dankbar für unsere Services. Und wir sind dankbar für die Kohle.“ Sie grinst.

Ich bin seit Ewigkeiten in diesen Kreisen unterwegs, wie habe ich noch nie davon gehört?

„Und gibt’s davon viele in der Nähe?“

„Oh, ja. Stripclub Bouquet, Bestattung Mori, Sir Silvas Privatgrundstück— auch wenn dort nur seine Lover hingehen— Bars, Clubs, Hotels, was auch immer. Wenn Köpfe und Preise an der Wand hängen, ist es eine Neutrale Zone.“ Bevor ich weiterreden kann, lehnt sie sich vor. „Ich bin dran. Wie kommt ein kleines Mädchen, das die Medien überschwemmt, dann in einem Inferno verschwindet, sich mit vierzehn einen Preis auf den Kopf holt—“

„Sechzehn“, korrigiere ich schnell.

„—und sechs Jahre lang spurlos verschwindet, obwohl eine Menge, und ich meine eine Menge Leute versucht haben, dich zu finden und zu töten, hierher?“

„Ich bin gut im Verstecken spielen“, sage ich grinsend und recke dabei die Nase großspurig ein wenig in die Luft.

„Du schuldest mir eine Antwort!“

„Du kriegst sie in Form einer Frage“, sage ich, „Ich suche jemanden.“

Sie sieht mich skeptisch an. „Sechs Jahre lang?“

„Circa. Er heißt Leidinger und hat früher für die ZEFHA gearbeitet.“

Ihre Augen weiten sich. „Die ZEFHA? Du warst in der ZEFHA? Und du bist rausgekommen?“

Ich nicke. Sie rümpft die Nase. „Glaub ich dir nicht. ARR oder SNA? Wie bist du ausgebrochen?“

„Auf demselben Weg, wieso nie jemand erraten hat, wo ich fünf Jahre lang hin verschwunden bin“, sage ich, halte die Hand aus und lasse eine Flamme aufbrennen. „Niemand hat davon gewusst.“

Nat‘s Augen weiten sich. Sie starrt in die Flamme, dann zu mir hoch, und wieder zurück zur Flamme.

„Das“, sagt sie langsam, „ist verdammt cool.“

Ich schnippe die Flamme aus und lächle sie an. „Reicht das für unser Quid pro Quo?“

Sie summt. „Ich lass es gelten. Aber ich will trotzdem noch mehr über dich herausfinden.“

Ich kichere und nippe an dem Drink. Schmeckt, überraschenderweise, nach Rum und Cola.

„Wegen— Leidinger, hast du gesagt?— muss ich dich leider enttäuschen. Ich kenne nur wenige Leute, die sich bei der ZEFHA auskennen, und ich zähle nicht dazu.“

„Dass du weißt, was das ist, ist schon verwunderlich“, gebe ich zu.

Sie nickt. „Deshalb wundert es mich auch, dass du nach ihm suchst. Sollte er nicht schon tot sein? Man kündigt dort nicht—“

„Man arbeitet, bis man stirbt“, ergänze ich ihren Satz, „Ich weiß. Er ist auf der Flucht.“

„Das macht das ganze… weitaus schwieriger.“ Sie beißt sich auf die Lippe. Schließlich seufzt sie. „Hör mal, es gibt wirklich nur zwei Leute, die dir weiterhelfen können, und bei einem bin ich mir nicht mal sicher, ob er es kann.“

„Wer ist der andere?“

„Nein“, sagt sie stumpf, „Absolut nicht. Ich schick dich nicht zu Nicht-Ich.“

Ich blinzle. „Sorry, wer?“

Sie macht eine abschneidende Geste. „Nope, ich sag nicht mal den Namen noch mal.“

Ich greife seelenruhig zum Rucksack, ziehe die Hälfte meines Geldes heraus und lege Einhundert auf die Theke.

„Du kannst mich nicht bestechen“, sagt Nat mit einem scharfen Ton in der Stimme, „Ich schick dich nicht hin, weil nur wenige zurückkommen.“

Bevor ich weiterreden kann, lehnt sie sich vor und drückt zwei Finger auf meine Lippen. „Shh. Mund zu. Keine Widerrede. Ich find dich zu interessant, um dich zu opfern.“

Ich grinse gegen ihre Finger. „Du willst doch nur wissen, was mit mir passiert ist.“

„Ich steh auf solche Geschichten“, sagt sie verlegen lächelnd, „Ich kann dir zu so ziemlich jedem Poster etwas sagen. Selbst bei R-E-D kann ich dir von seinem Bullshit erzählen. Aber du…“

Mein gutes Auge wird geblendet, als das digitale Display ihrer Uhr aufleuchtet. Ein Piepen ertönt.

Nat grinst. „Schichtende in fünfzehn Minuten. Wartest du auf mich?“, fragt sie.

Ich nicke. Sie hüpft wieder über die Bar und fängt ihren Kollegen ab.

Die Wartezeit verbringe ich damit, meinen Drink langsam zu nippen und die Poster durchzulesen. Einige der Namen kommen mir sogar bekannt vor; inmitten von Zetteln sticht der Name Schalk heraus, der aufgrund von Vandalismus für eine lächerliche Summe gesucht wird.

Woher kenne ich diesen Namen…?

Zwei Hände greifen meine Schultern. „Schichtende!“

„Das war bestimmt keine Viertelstunde“, sage ich grinsend und sehe zu Nat hoch.

„Knapp genug“, sagt sie schulterzuckend.

Ich grinse. Sie winkt mich zu einem der Tische herüber, wo der Geräuschpegel niedrig genug ist, damit wir uns nicht mehr anschreien müssen, um uns zu unterhalten. Zwei Drinks stehen bereit.

Nat stellt die Ellbogen auf den Tisch, faltet die Hände und legt ihr Kinn darauf. „Also, zurück zum Thema. Was ist passiert? Mit Details, bitte.“

Eigentlich will ich nicht wirklich noch einmal alles durchleben müssen, das mich zu diesem Punkt gebracht hat, aber vielleicht sagt mir Nat für ein wenig mehr Information, wo dieser Nicht-Ich ist.

„Wo soll ich anfangen?“, frage ich.

„Nachdem das Jugendheim abgebrannt ist. Wo bist du hinverschwunden? Hat dich sofort die ZEHFA geschnappt? Angeblich hast du ja dieses Waldstück abgebrannt, daher kommt ja der Preis auf deinem Kopf.“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Das war siebentausend wert?“

„Irgendein extravaganter Schnösel war ziemlich sauer, dass du seinen Privatgarten abgefackelt hast“, sagt sie mit einem Kichern, „Anscheinend sind ein paar von seinen Haustieren draufgegangen.“

Das Bild eines Rehs mit Wolfsgebiss drängt sich vor mein inneres Auge. Ich rümpfe die Nase. „Auf Nimmerwiedersehen.“

„Also warst du’s?“

Ich lache leicht. „Ja, das war ich.“

„Wusste ich’s doch! Mein Kollege hat grad ne Wette verloren…“ Sie klatscht mit der flachen Hand auf den Tisch. „Und wie war’s dort drin?“

Peng, sagt eine überraschend gute Imitation von Aarons Stimme in meinem Kopf. „…unangenehm.“

„Hast du dort drin jemanden getroffen?“, hakt sie weiter nach.

Ich ziehe die Augenbrauen hoch. „Du weißt von Aaron?“

„Aaron der Einsiedler, natürlich! Hast du mit ihm geredet? Bitte sag mir, du hast mit ihm geredet.“

„Er war der Grund, wieso ich überhaupt so lange im Wald war“, sage ich.

Sie sieht mich erwartend an. Ich muss grinsen. Ihre Neugierde ist charmant. Schließlich beugt sie sich vor, als würde sie mir ein Geheimnis zuflüstern. „Hast du ihn umgebracht?“

Ich blinzle. „Er ist tot?“

„Also nicht“, sagt sie.

„Nein… vielleicht?“

Meine Zunge wird trocken und etwas Schweres legt sich in meinen Magen.

„Nur er?“

Nat verzieht verwirrt das Gesicht. „Was meinst du?“

„Wurde nur seine Leiche gefunden?“

„Natürlich! Er hat alleine gelebt.“

Ich belasse es dabei. Wenn Quinn und Thana dort rauswollten, muss ich niemandem unter die Nase reiben, dass sie aus dem Wald kommen. Gleichzeitig durchflutet mich Erleichterung.

Sie haben überlebt.

„Hat er dich dort festgehalten?“, fragt Nat.

Ich nicke, hebe meinen Drink. „Ich red nicht gerne darüber“, sage ich ins Glas hinein und trinke einen Schluck. Meine Zunge ist von dem ganzen Gerede trocken.

Nat nickt. Sie sieht beinahe enttäuscht aus. Seufzend raffe ich mich zusammen. „Er war Jäger. Seine Hütte war vollgestopft mit Fellen und ausgestopften Viechern. Er hatte Frischwasser, aber ich kann dir nicht sagen, wo das hergekommen ist. Er selbst war…“ Es dauert eine ganze Weile, bis ich das richtige Wort gefunden habe. „…komisch. Streng. Extrem.“

Nat nickt freudig mit. „Also kein Bigfoot? Kein Werwolf? Er hat kein rohes Fleisch gefressen?“

Ich lache. „Nicht mehr als ein normaler Mensch.“

Sie lächelt zufrieden. „Oh, und ich dachte, ich finde nie etwas über ihn heraus.“

Ich leere mein Glas. Nat sieht mich von oben bis unten an, dann verengt sie ihre Augen. „Ich will mehr von dir wissen. Wieso suchst du Leidinger?“

Sofort läuft durch meinen Kopf, wie viel ich ihr erklären müsste. Meine Familie. Der Mord. Mein Zuhause. Die Akte. Meine Zeit bei der ZEFHA.

„Das… ist persönlich“, sage ich ausweichend.

„Du willst mit mir also nicht persönlich werden?“, sagt sie mit einem doppeldeutigen Unterton.

Ich muss grinsen. „Erzähl mir mal von dir, ich kenn dich ja kaum.“

Nat tippt sich mit dem Finger auf die Lippen. „Da gibt‘s nicht viel zu sagen.“

„Hast du deshalb ein Ich-hab-Mothman-gefickt-Shirt an?“

Sie sieht an sich herunter und lacht laut. Es ist ein schönes Geräusch.

„Okay, okay. Ich fand Verbrechen und Monster und so immer schon interessant.“ Sie schürzt die Lippen. „Aber für Polizist bin ich zu langsam, für Psychologie zu dumm, für einen Kriminellen nicht gewillt genug, zu sterben. Also!“ Sie macht eine ausladende Geste. „Hier bin ich so nah am Geschehen, wie ich‘s sein kann. Ich schreib sogar ein paar Sachen auf, also falls du mal für ein Interview bereitstehst…?“

Ich lache leicht. „Ich weiß nicht, wie gut es ist, der ganzen kriminellen Welt unter die Nase zu reiben, dass ich noch lebe und was ich so kann.“

„Wäre nur für mich selbst! Schwöre ich“, sagt sie.

Ihr Kollege kommt vorbei und sieht Nat mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Möchte die gute Lady noch etwas zu Saufen?“, fragt er.

„Nein. Heute will ich nüchtern sein“, sagt sie und nickt zu mir.

Er verdreht die Augen und dreht sich zu mir. „Und du? Noch was zu Trinken?“

„Nein“, sagt Nat statt mir, „Aber du kannst mir den fünfziger geben, den du gewettet hast. Das hier ist die No-Name persönlich—“

„Nona“, korrigiere ich schnell.

„—und sie sagt selbst, dass sie den Wald abgebrannt hat. Das Kopfgeld ist gerecht.“

„Glückwunsch“, sagt er zu mir, kramt in seiner Tasche und gibt Nat Fünfzig in Zehnerscheinen.

Sobald ihr Kollege weg ist, gibt mir Nat zwei davon „Hab ich immerhin dir zu verdanken“, sagt sie mit einem Zwinkern.

Der Abend zieht vorbei. Wir reden stundenlang, es fühlt sich aber an wie Minuten. Sie erzählt von ihrer Familie, ihrem Job, einigen Erlebnissen, die sie hatte.

Es dauert nicht lange danach, bis wir den Barbereich verlassen. Nat zeigt mir die Zimmer, die sie an Betrunkene und Durchreisende vermieten, und lässt mich zufällig wissen, dass sie für eines nicht zahlen müsste.

„Wieso habe ich das Gefühl, du willst, dass ich mitkomme?“, sage ich grinsend.

Sie verwickelt ihre Finger in meinem Kragen. „Ich hab‘s schon den ganzen Abend versucht, offensichtlich zu machen.“

Sie zieht mich in eines der Zimmer. Ich werfe die Tür hinter uns ins Schloss.

Teil 6.3

Als ich aufwache, liegt etwas auf meiner Brust und mir ist ungewohnt warm. Ich öffne die Augen und sehe außer Nat‘s zerzausten Haaren nicht viel.

Ich lächle unwillkürlich. Nat lässt sich glücklicherweise durch mein Aufwachen nicht stören, und so schließe ich die Augen wieder, vergrabe meine Hand in ihren Haaren und genieße für einige Minuten bloß die Ruhe, die von ihr ausstrahlt.

Erst als ich zum zweiten Mal aufwache, werfe ich überhaupt einen Blick auf die Uhr. Es ist bereits wieder Abend, anscheinend habe ich den Tag verschlafen. Mir ist das nur recht. Trotzdem kann ich mich nicht dazu bringen, Nat aufzuwecken. Vorsichtig löse ich den Arm von ihr.

Ich schwinge die Beine vom Bett und fahre mir durch die Haare, reibe über mein Kiefer. Meine Hand ist auch leicht verspannt. Mit den Augen suche ich den Boden nach meiner Kleidung ab und finde aus irgendeinem Grund mein Shirt nicht.

„Gehst du schon?“

Ein Lächeln schleicht sich auf meine Lippen. „Ich wollte dich nicht aufwecken.“

„Musst du schon los?“, fragt sie schlaftrunken und wickelt ihre Arme um mich. Ich lache leicht und lasse mich widerstandslos von ihr zurück ins Bett ziehen. Mein Shirt finde ich im selben Moment, weil sie es anhat. Es ist ihr zu groß und passt ihr perfekt.

Nat vergräbt ihr Gesicht in meiner Halsbeuge und murmelt. „Ich hab nachgedacht.“

„Hm?“ Ich küsse sie auf die Wange. „Zeig mir dein Gesicht. Ich versteh dich kaum.“

Sie lehnt ihr Kinn auf meine Brust und sieht zu mir hoch. „Du bist süß. Ich will dir helfen.“

Ich lächle. „Schleimer.“

„Schleimen hat offensichtlich funktioniert“, schnurrt sie, „Ich sag dir, wer dir weiterhelfen kann.“

„Hmm?“ Erst dann fällt mir ein, wieso ich überhaupt in der Bar war. „Oh. Leidinger. Richtig.“ Ich will gar nicht darüber nachdenken. Lieber belasse ich meine Gedanken in dem Zimmer, in dem Bett, direkt neben Natalie. „Also sagst du mir, wo ich Nicht-Ich finde?“

Sie lacht auf. „Willst du dich unbedingt umbringen lassen? Nein, das sag ich dir nicht. Aber ich kenne jemand anderen, der dir eventuell helfen kann.“

Richtig, sie hatte jemanden erwähnt.

„Andreas Kocher“, sagt sie, „Ich verrat dir, wo du ihn findest, du Glückspilz. Normalerweise gebe ich ohne Rückzahlung keine Tipps.“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Und wieso dann mir?“

„Du hast doch schon gezahlt“, sagt sie verschmitzt grinsend und gräbt leicht ihre Zähne in meinen Hals. Mir läuft ein wohliger Schauer den Rücken hinunter.

Zwei Stunden später verlasse ich die Bar, frisch geduscht und umgezogen, und folge Nat‘s Anweisungen. Andreas Kocher, den sie als ein „präpotentes aber bekanntes Arschloch“ beschrieben hat, ist ein Kredithai, der angeblich überraschend viel über die ZEFHA weiß. Durch sein weites Netz von Kontakten könnte er mir vielleicht jemanden vorstellen, der mir helfen kann, selbst wenn er selbst nicht weiter weiß. Gleichzeitig hat sie mich gewarnt, mich auf gewaltige Preise einzustellen.

Ich seufze und wiederhole die Strecke gedanklich, die mir Nat angesagt hat, dann seine Beschreibung: Dunkle Haut, kurze schwarze Haare, graue Augen, ziemlich groß, ein Gesicht, das man gerne schlagen würde. Wenn ich ihn nicht erreiche, ist meine einzige andere Option, zu hoffen, dass ich zufällig über jemanden stolpere, der mir weiterhelfen kann. Zwar gibt es mehr Leute, die etwas über die ZEFHA wissen als Kocher und Nicht-Ich, aber die sind schrecklich schwer zu erreichen.

Seufzend fahre ich mir durch die Haare und kneife einen Moment die Augen zu. Daran kann ich jetzt noch nicht denken. Ich muss hoffen, dass Kocher mir etwas bringt.

Als ich um die Ecke biege und im Licht der Straßenlaterne die senfgelbe Außenwand des Gebäudes sehe, zu dem mich Nat geschickt hat, springt mir das Herz in den Hals. Ich sprinte hin und rüttle an der Tür— abgeschlossen. Erfolglos suche ich nach einer Klingel. Ich klopfe, warte einige Minuten, doch niemand kommt, um mir zu öffnen.

Ein genervtes Stöhnen entkommt mir. Ich habe echt keine Lust, jeden Tag hierher zu kommen, um nachzusehen, ob Kocher sich endlich blicken lässt.

Ich beginne, das Gebäude zu umrunden. Auf der Straßenseite sind alle Fenster geschlossen,  doch in der Seitengasse daneben ist eines davon offen. Aus dem Inneren des Gebäudes dringen dutzende von Stimmen. Ich höre Gejubel, Jauchzen, Schreie.

Kurzerhand lasse ich eine kleine Stichflamme aus meinen Fingern sprießen und schmelze das Fliegengitter entlang des Rahmens, dann hieve ich mich hoch und springe mit den Beinen voran hinein.

Ich lande in einem kleinen Raum, der scheinbar nur für Gerümpel verwendet wird. Mit dem linken Fuß lande ich in einem Eimer, dessen Boden mit übel riechendem Schleim bedeckt ist, mit dem rechten verheddere ich mich in einem Besen und rutsche aus. Ich mache eine höllische Menge Lärm, als ich gegen die Wand knalle und den Eimer unabsichtlich durch das Zimmer trete, doch niemand scheint mich zu hören. Das Gejubel ist von drinnen noch lauter geworden.

Was zur Hölle ist da los?

Ich gehe aus der Abstellkammer und einen Flur entlang. Teppich dämpft meine Schritte. Im gesamten Gebäude finde ich bloß leere Zimmer, die so aussehen, als wären sie fluchtartig verlassen worden. Ohne einen anderen Anhaltspunkt folge ich dem Lärm und finde eine Menschenmenge, fast ein Dutzend Leute, die sich im Kreis in einem Zimmer scharen. Außer ihnen steht nur ein Schreibtisch und ein Sessel dahinter im Raum, dahinter einige Schränke. Die Leute sind so mit dem Spektakel beschäftigt, dass kein einziger mich bemerkt.

„Wer ist als nächstes dran?“, schreit jemand. Die Menge bricht in Gelaber aus, als jeder seine Hände, manche mit Waffen bestückt, in die Höhe reißt. Ich sehe eine Schrotflinte, einen Baseballschläger, jemand hat Ketten um seine Knöchel gewickelt.

Jemand aus der Menge wird ausgewählt, die Leute feiern. Von der Tür aus teilt sich die Masse genug, damit ich sehe, was da gerade passiert: Kocher kniet in der Mitte des Raumes, Kopf gesenkt, seine Hände hinter seinem Rücken gebunden. Blut tropft stetig von seinem Gesicht. Auf dem Boden um ihn sind bereits einige Spritzer. Überall auf seinem Körper verteilt sind dunkle Flecken, Schrammen, Schnitte.

Ich zögere einen Moment lang. Was hat Kocher angestellt, dass sich seine Angestellten gegen ihn gewendet haben und ihn so behandeln?

Als die ausgewählte Person mit einem Baseballschläger ausholt, verwerfe ich den Gedanken. Es kann mir egal sein, was für ein Drama hier abläuft, ich brauche Kocher.

In dem Moment, in dem der Verräter den Baseballschläger nach unten schwingt, explodiert er in seinen Händen. Feurige Splitter schießen nach außen, bohren sich in seine Hände und treffen Leute in der Menge, sie schreien auf. Alle Augen wenden sich auf mich. Den Moment der Verwirrung verwende ich, um die beiden, die mir am nächsten sind, mit zwei schnellen Schlägen und daraus resultierenden Flammenwolken quer durch das Zimmer zu schleudern. Einer knallt gegen die Wand, der andere gegen ein Regal. Beide fallen bewusstlos zu Boden.

Eigentlich könnte ich den ganzen Raum hochgehen lassen und alle auf einmal mitnehmen. Aber Kocher sitzt in der Mitte, und ich brauche ihn ungebraten.

Der Verräter mit der Schrotflinte reagiert als erstes und richtet sie auf mich, doch bevor er abdrücken kann, mache ich zwei schnelle Sätze vorwärts und packe instinktiv den Lauf. Die Mitte davon schmilzt in Sekundenschnelle. Mit einem Ruck verbiege ich ihn. Bevor der Schütze reagieren kann, donnere ich ihm meine Faust ins Gesicht. Er stolpert nach hinten, ich werfe die Schrotflinte zur Seite.

Unüberlegt, denke ich, denn somit bin ich in der Mitte des Menschenkreises, in etwa die schlechteste Position, die es gibt. Hastig weiche ich einem Schlag aus und setze Feuer an einer der Wände. Die Leute, die dort stehen, schrecken auf und drängen sich zur anderen Seite des Zimmers. So kommen die Angriffe wenigstens nur von einer Seite…

Schmerz explodiert in meinem oberen Rücken, mir wird der Atem aus der Lunge gejagt und mir wird für einen Moment schwindelig. Einer der anderen läuft auf mich zu und will mir einen Schlagring ins Gesicht donnern. Ich kann mich gerade noch ducken und remple die Person hinter mir blind an. Sie stolpert zurück und gegen die brennende Wand, ihre Haare und Kleidung fangen innerhalb von Sekunden Feuer. Der Geruch ist nicht so schrecklich, wie ich ihn in Erinnerung habe.

Einige weitere Flammensäulen und der Rest der Menge wird um drei Leute kleiner. Mittlerweile ist der Überraschungsmoment vergangen und genug Leute sind außer Betrieb, dass sie sich nicht mehr gegenseitig im Weg stehen. Den ersten Schlägen kann ich noch entgehen, während ich nach dem Feuer greife und es auf einen der Angreifer schleudere. Er schafft es, auszuweichen, und wird nur leicht am Arm erwischt. Sein Kollege ist währenddessen hinter mich gelaufen, und während ein dritter eine Schusswaffe holt, die auf der Unterseite des Schreibtisches klebt, holt er aus. Glücklicherweise hat er nicht genug Platz, um auszuholen, und so knickt mein Knie nur für einen kurzen Moment ein, als mich der Baseballschläger in die Seite trifft.

Ein Faustschlag ins Gesicht macht meine Nase taub, kribbelnd, als würden Ameisen unter meiner Haut laufen, doch er holt mich ins Hier und Jetzt zurück. Meine Aufmerksamkeit ruht nur auf der Waffe. Ich schleudere den Bewaffneten mit einer Feuersbrunst nach hinten. Er taumelt über den Schreibtisch, der mit ihm umkippt, mit einem gewaltigen Krachen aufschlägt und mit ihm verbrennt.

Ich muss dafür einen Schlag in die Rippen einstecken. Mittlerweile brennen meine Lungen höllisch, ich muss mich zum Atmen zwingen.

Von der Wand, den Regalen und dem Schreibtisch, die allesamt verbrennen, steigt eine gewaltige Menge Rauch, der unter der Decke kreist. Als ich aushole, um wieder nach den Flammen zu greifen, streift etwas Seidiges über meine Hände. Ich denke nicht darüber nach, sondern greife danach. Meine Fingerspitzen fühlen sich seltsam an, als zöge ich meine Hand durch Asche. Ich schleudere es gegen den Vorletzten, der zum nächsten Schlag ansetzt.

Der Rauch um uns wird von einem nicht spürbaren Wind ergriffen, strömt zu ihm und sammelt sich in seinem Gesicht. Er hustet, fuchtelt mit der Hand herum. Als er seine Augen wieder öffnen kann, kann ich wieder Luft holen und knalle ihm die Faust ins Gesicht. Er stolpert, fällt jedoch nicht, und dass er nach all dem immer noch steht macht mich so wütend, dass ich mit einem Mal all den seidigen Rauch packe und ihn in seine Kehle zwänge.

Er kämpft nicht lange. Als ich mich nach dem Letzten umdrehe, finde ich ihn kniend auf dem Boden— außer, dass es keiner der Verräter ist, sondern Kocher.

Instinktiv drehe ich mich um und schlage einfach aus. Der Letzte hat sich hinter dem Schreibtisch versteckt und wird von einigen Flammen umarmt, die sich an ihn klammern und auf den Boden schicken.

Ich stöhne auf und presse meinen Arm gegen meine Rippen. Gegen alle auf einmal zu kämpfen war definitiv eine blöde Idee, und mich in die Mitte von ihrer Gruppe zu stellen war noch blöder. Lektion gelernt.

Nach einem kurzen, aber nötigen Moment der Selbstbemitleidung packe ich das ganze Feuer, das begonnen hat, an den Wänden hochzuklettern, und ersticke es. Ich öffne das Fenster hinter dem Schreibtisch, dann gehe ich zurück zu Andreas Kocher. Er hat immer noch den Kopf gesenkt.

Ich hocke mich vor ihn hin und nehme sein Kiefer zwischen zwei Finger, hebe seinen Kopf an. Er sieht mich mit wachen, freundlichen Augen an— auch wenn eines davon halb zugeschwollen ist— und lächelt mich durch blutige Zähne und aufgeschlagene Lippen breit an.

“Hallo. Können Sie mich losmachen?”

Das Lächeln erschreckt mich mehr, als ein Schrei es getan hätte. Ich sehe ihn verwundert an, dann greife ich die Kabelbinder, die seine Hände zusammenhalten, und brenne sie in der Mitte durch.

Andreas räuspert sich. „Danke.“

Er steht auf, streckt den Rücken durch und reibt sich geistesabwesend über die Handgelenke, dann zieht er sein Telefon aus der Tasche und tippt. Das Lächeln steckt immer noch auf seinem Gesicht fest, als wäre nichts passiert.

„…gerne“, sage ich, „Andreas Kocher?“

Er hält inne, steckt sein Telefon wieder ein und zuckt mit dem Kopf zu dem Toten, der rückwärts über den Schreibtisch gefallen ist. „Das ist Andreas.“

Ich sehe zu dem Toten, dann wieder zu ihm zurück. Der echte Andreas hat hellere Haut, und wen auch immer ich gerade gerettet habe hat braune Augen, nicht graue. Ich stöhne genervt auf, schlage mir gegen die Stirn und zucke zusammen, als dadurch der Schmerz von dem Schlag zurückkommt.

„Okay“, seufze ich langgezogen und drehe dem Raum den Rücken zu. Dann eben zurück zur Kneipentour.

„Sekunde“, sagt Nicht-Andreas, „Was wolltest du von ihm?“

Ich winke bloß ab, „Nichts.“

„Vielleicht kann ich helfen.“

Ich bleibe in der Tür stehen. „Wieso würdest du das tun?“

„Ich stehe nicht gerne in jemands Schuld,“ sagt er.

Zweifelnd betrachte ich ihn von oben bis unten. Er soll mir helfen? Eigentlich will ich ablehnen, aber…

Er blutet von so ziemlich jedem Zentimeter Haut, ist über und über mit Blutergüssen bedeckt, seine Lippe und sein linkes Auge sind angeschwollen, und trotzdem lächelt er und steht mit gerader, ruhiger Haltung, als wäre nie etwas passiert. Irgendwas muss mit ihm nicht stimmen, und ich will wissen, was.

Als er mein Zögern bemerkt, hält er die Hand aus. „Valentin“, stellt er sich vor.

Ich nehme seine Hand und schüttle sie. Auf seiner Hand prangt ein ansehnliches Tattoo. Ein Teufel sitzt auf seinem Handrücken, dessen Schweif sich um sein Handgelenk wickelt. Die Spitze ruht direkt über seiner Pulsader. Neugierig sehe ich zu seiner Linken— auch hier sitzt ein Tattoo, diesmal ein Engel, wie symbolisch. Die Flügel wickeln sich um sein Handgelenk und halten seine Ader zwischen den Spitzen.

„Nona“, stelle ich mich vor, „Wie kannst du mir helfen?“

„Das kommt darauf an, was du von Andreas gebraucht hast“, sagt er, und deutet auf die Leiche, als würde er ihn mir vorstellen.

Ich beiße mir auf die Zunge. Zwar bin ich taktisch nicht sonderlich gut veranlagt, aber selbst ich weiß, dass ihm alles zu verraten, keine gute Idee wäre.

„Erst will ich wissen, wieso dich Andreas und seine Angestellten so zugerichtet haben.“

Er lacht. Es klingt leicht, unbeschwert, und ist komplett fehl am Platz.

„Kleines Missverständnis, nichts weiter“, flötet er und geht an mir vorbei auf den Flur. Ich folge ihm und sehe genau hin, aber dieser Freak humpelt nicht einmal.

„Das sieht mir mehr wie Folter und Mord aus als ein Missverständnis.“

Er winkt beiläufig ab. Als wir zur Tür kommen zieht er einen Schlüssel aus der Tasche und schließt auf. Dann öffnet er die Tür und tritt zur Seite.

„Ladies first.“

„Warum hast du einen Schlüssel?“

Er zuckt mit den Schultern. „Wieso nicht?“

Ich zögere einen Moment, dann gehe ich voraus.

Valentin sieht sich um. „Andreas hat hier sein Privatauto stehen.“

„Was machen wir damit?“, frage ich.

„Zu einer meiner Anlagestellen fahren“, sagt er.

„Vergiss es.“

„Ich schulde dir mein Leben. Welchen Sinn hätte es, dich in eine Falle—“

„Ich steige in kein Auto ein“, sage ich scharf.

Valentin scheint einen Moment zu überlegen, dann zuckt er mit den Schultern. „Dann gehen wir. Es ist ohnehin nicht weit. Und das Wetter ist schön.“

Ein Blitz Schuld durchzuckt mich. Valentin hat wahrscheinlich, trotz seines ruhigen Verhaltens, Schmerzen beim Gehen. Aber dann kommt die Neugierde hinzu; ist er wirklich einfach ein guter Schauspieler? Wie weit würde er gehen, bis er aufgibt?

Valentin geht voran, ich gehe neben ihm her und suche weiterhin nach einem Humpeln.

„Mir geht es gut“, sagt er, als er mein Starren bemerkt.

„Du siehst aus, als würdest du gleich zusammenklappen.“

Er ignoriert meinen Kommentar. „Darf ich jetzt wissen, was du von Andreas wolltest?“

„Ich suche jemanden“, sage ich. Er schweigt. „Er heißt Leidinger. Hat bei der ZEFHA gearbeitet.“

Valentin lacht wieder so unpassend. „Dann warst du bei Andreas falsch, entschuldige die Anmerkung. Sein Bruder arbeitet angeblich bei der ZEFHA, aber das ist alle Verbindung, die er damit hat.“ Er summt. „Und mit seinem Bruder hat er seit drei Jahren nicht mehr geredet.“

„Kannst du mir weiterhelfen?“, frage ich.

„Ich kann es versuchen“, sagt er ausweichend, „Zumindest kann ich dich zu jemandem bringen, der dir spezifischeres sagen kann.“

Ich unterdrücke ein Seufzen. Wie lange werde ich von Person zu Person wandern, bis mich jemand endlich in die richtige Richtung deuten kann?

Straßen ziehen an uns vorbei. Valentin hat gelogen, denn der Weg war definitiv nicht kurz. Das Gebäude, an dem wir schließlich ankommen, ist eine Lagerhalle mit anschließender Garage. Das Garagentor ist von einem riesigen Graffiti-Gemälde bedeckt, das ein leicht abstraktes Porträt eines jungen Mannes zeigt. Blumen sind in den Linien verwachsen und damit vermischt. Mir wird beim Anblick leicht schwindelig. Die Signatur darunter zeigt den Namen Schalk. Eine kleine Kritzelei darunter ergänzt es zu Schalks rechter Nippel.

Valentin öffnet das Garagentor, das laut ratternd nach oben einrastet. Die Garage liegt im Dunkeln und er schaltet auch nicht das Licht ein. Die Wände sind mit vollgestopften Regalen verstellt. Zwei Autos und zwei Motorräder, allesamt ohne Nummernschilder, stehen in der Mitte. Der Boden ist mit Motoröl befleckt. Am anderen Ende stehen Gemälde an die Wand gelehnt, Papierrollen liegen herum. Die Wand selbst ist ebenfalls mit wirren Spritzern von Graffiti bedeckt.

Gedämpftes Gerede und Gelächter bringt die Luft zum vibrieren. Eine Tür führt zur eigentlichen Lagerhalle. Durch das kleine Fenster sehe ich mindestens zwei Dutzend Leute, die zusammensitzen, reden, trinken, rauchen. Ich greife nach der Klinke, doch Valentin hält mich zurück und nickt zum anderen Ende des Raums. Er holt einen Schlüssel aus der Tasche und schließt eine Tür auf, die zwischen zwei Regalen versteckt ist.

„Willst du nicht Hallo zu deinen Freunden sagen?“, witzle ich.

„Sie müssen mich nicht unbedingt so sehen.“

Hinter der Tür sind einige weitaus kleinere Räume, die aber sehr gemütlich eingerichtet sind. Zwei Sofas, ein Tisch, eine improvisierte Küche mit Kühlschrank, und eine überraschende Menge Kissen. Dazwischen steht und liegt allerhand Gerümpel, teils in Kartons verpackt. An den Wänden hängen verschiedene Flyer, ähnlich wie die in der Neutralen Zone, von denselben vier Gesichtern; die Gesichter derjenigen, die im Zimmer verteilt sind.

Eine Frau, die Valentin sehr ähnlich sieht, springt in dem Moment auf, in dem sie ihn sieht.

„Val, bist du wahnsinnig?“

Valentin dreht sich zu mir, immer noch lächelnd. Hört er jemals damit auf? „Das ist Joyce, meine—“

„Seine ältere Schwester“, unterbricht sie ihn, packt ihn hinten am Kragen wie eine freche Katze und zerrt ihn zu einem der Sofas.

„Meine Zwillingsschwester“, korrigiert er.

„Zwölf Minuten älter“, sagt sie, und ruft dann einem ihrer Kollegen zu, „Glitzer!“

„Hä?“

Glitzer reicht mir etwa bis zur Brust, ist dürr und hat grüne Haare, die mich sehr and die Spitze eines Textmarkers erinnern.

„Kasten.“

„Das ist wirklich nicht nötig—“

„Klappe“, sagt Joyce schnell. Glitzer bringt ihr einen Erste-Hilfe-Kasten aus dem Gerümpel. Ohne Umschweife beginnt sie, Valentins Wunden von Blut zu reinigen. Jetzt, wo er endlich in richtigem Licht sitzt, wird offensichtlich, wieso er sich so nicht einer Menge Leute zeigen wollte; es sieht noch schlimmer aus, als ich es am Anfang eingeschätzt habe.

„Und du bist…?“, fragt mich ein weiteres Gesicht aus der Menge. Dunkle Haut, braune Augen, schwarze, lange Dreadlocks, die im Nacken zusammengebunden sind. Zusätzlich gibt es kaum einen Ort an seinem Gesicht, in dem kein Piercing steckt. Zwei in der Lippe, eines durch den Nasenrücken, eines am Nasenflügel, beide Augenbrauen, beide Ohren mehrmals…

„Nona“, sage ich.

„Soren“, stellt er sich vor, „Und du kennst Val woher…?“

„Ich hab ihm den Arsch gerettet.“

Alle Blicke außer Joyce‘s wenden sich zu mir, dann zu Valentin.

„So kann man es auch formulieren“, sagt er beiläufig.

„Was ist passiert?“, fragt mich Soren.

„Ich bin bei Andreas Kocher eingebrochen, weil ich was von ihm gebraucht hab, und hab eine Menschenmasse um Valentin gefunden, die ihm gerade die Scheiße aus dem Leib geprügelt hat.“

„Und wie hast du ihn da rausbekommen?“

Ich ziehe eine Augenbraue hoch. „Na wie wohl.“

„Ich kauf dir nicht ab, dass du gegen alle gekämpft und gewonnen hast“, sagt Soren und winkt ab.

„Es ist wahr“, sagt Valentin.

Einen Moment herrscht Stille.

„Wie?“, fragt das letzte unbenannte Gesicht im Raum, ein schrankbreiter Mann mit hellbraunen Haaren und grünen Augen, der mindestens einen Kopf größer ist als ich. Als Antwort drehe ich die Handfläche hoch und lasse eine Stichflamme daraus wachsen. Seine Augen weiten sich.

„Und was hast du von Kocher gebraucht?“, fragt Joyce.

Wirklich? Keine Fragen über meine Kräfte?

„Deshalb ist sie hier“, sagt Valentin und deutet mit einer einladenden Geste auf mich.

Joyce wischt das letzte Blut von Valentins Gesicht und wirft den schmutzigen Fetzen weg, dann zieht sie ein Stück Papier aus ihrer Tasche und sieht es mit hochgezogenen Augenbrauen an. Erst die zerstochenen Ränder lassen mich zu meiner Tasche greifen; sie hat meinen Flyer gestohlen, ohne dass ich auch nur das Geringste davon bemerkt habe.

„Du bist Nona?“

Wieder wenden sich einige Blicke zu mir.

Ich nicke bloß. „Ich nehme an, ihr habt schon von mir gehört.“

Joyce tauscht mit Valentin einen langen, bedeutsamen Blick, und wendet sich dann wieder an mich. „Was brauchst du?“

Ich überlege einen Moment lang. „Ich suche jemanden namens Leidinger. Er hat früher bei der ZEFHA gearbeitet, hat eine ihrer Akten gestohlen und ist seitdem auf der Flucht.“ Nach einer kurzen Pause füge ich an, „Und ein Schlafplatz wäre gut.“

Wenn Valentin mir sein Leben schuldet, bietet er mir bestimmt Unterkunft für lau an.

„Er kommt von der ZEFHA?“, fragt Soren.

„Ich weiß, nicht ideal“, sage ich abwinkend, „Keine Sau weiß was davon.“

„Wir können dir helfen“, sagt Valentin plötzlich.

Ich blinzle überrascht. „Wirklich?“

Er nickt. „Ich kenne ein paar Leute.“ Joyce wirft ihm einen Blick zu, den ich nicht deuten kann, doch Valentin scheint sie zu ignorieren. Er deutet auf den schrankbreiten Namenlosen. „Nick wird dich wegen der Unterkunft—“

Bevor er fertig sprechen kann, fliegt die zweite Tür im Raum auf, die zum Hauptlager führt. Ein zerzauster und verschwitzter Mann stolpert herein.

„Joyce, es ist schrecklich! Kocher hat Valentin, und—“ In dem Moment sieht er Valentin. Seine Augen weiten sich. „…oh.“

Valentins Lächeln weitet sich. „Hallo, Thomas. Schön dich wiederzusehen“, sagt er und winkt Nick mit zwei Fingern zu. Er verstellt die Tür, durch die Thomas gerade hereingekommen ist.

„Valentin! Val, schön zu sehen, dass es dir— na ja, es geht dir nicht gut, aber— Mann, ich hab mir Sorgen— Wer ist denn deine neue Bekanntschaft?“ Thomas’ Blick zuckt im ganzen Zimmer umher.

Valentin seufzt theatralisch, ohne dass sich sein Lächeln verändert. Mir läuft eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Ein seltsames Unbehagen klammert sich an meine Kehle.

„Feierabend“, sagt Valentin ruhig. Alle stehen auf und verlassen den Raum, Joyce durch den Eingang zur Garage, Soren und Glitzer durch eine dritte Tür. Nick winkt mich zu sich und nimmt mich mit in die Lagerhalle.

„Was ist los?“, frage ich ihn mit gepresster Stimme.

Nick schüttelt den Kopf, schließt die Tür hinter uns und sperrt ab. „Du willst nicht dabei sein.“

Ich schnaube und gehe auf die Zehenspitzen, um durch das kleine Fenster in der Tür zu spähen, aber ich kann weder Thomas noch Valentin sehen. Ich gebe auf und sehe Nick, der mich mit einem amüsierten Schmunzeln beobachtet. Er erinnert mich an einen Golden Retriever.

„Was? Darf ich nicht neugierig sein?“, frage ich grinsend.

Er kichert. „Da wird’s nicht viel zu sehen geben.“

„Was, schlägt Valentin ihn jetzt zusammen?“

Nick lacht bloß auf und deutet mir, ihm zu folgen. Ich setze mich mit ihm an einen ruhigeren Platz im Hauptlager. Hier ist der Geräuschpegel weitaus höher, Stimmen überschneiden sich, Gespräche fließen ineinander.

„Ich zeig dir gleich, wo du schlafen kannst. Gib ihnen zehn Minuten“, sagt er.

„Danke.“

„Ich würde mir den Dank noch ersparen, es stinkt höllisch“, murrt er leise.

Ich kichere. „Ich hab in Obdachlosenheimen und Mülltonnen geschlafen, ich glaube ich halt’s aus.“

„Unterschätz’ nicht, wie schlimm meine Kollegen miefen können.“

Ich beobachte die Menge. Leute trinken, unterhalten sich, manche sitzen alleine, andere wiederum scheinen ernste Dinge in Gruppen zu besprechen. Ich frage mich, wie viele Kollegen Valentin noch hat.

„Stimmen eigentlich die Gerüchte über dich?“, fragt Nick aus dem Nichts.

„Welche?“

„Angeblich hast du mit zwölf deinen ersten Mord begangen.“

Ich lache auf. „Was? Woher kommt der Blödsinn denn?“

Nick kichert. „Dachte mir schon, dass es Unsinn ist.“

„Ich war sechzehn.“

Er blinzelt. „…oh.“

„Notwehr“, sage ich defensiv.

„Und das mit dem Feuer…?“

Ich zeige es gerne noch mal her, lasse eine kleine Flamme aus meiner Handfläche steigen. Nick sieht unter meine Finger, dreht meine Hand. „Also wirklich kein Trick.“

Ich grinse ihn an. „Cool, oder?“

Joyce’s Stimme unterbricht unsere Unterhaltung. „Nick?“

Er zuckt zusammen. Anscheinend haben wir sie beide nicht gehört. Joyce bedeutet ihm bloß, ihr zu folgen.

„Zimmer sind durch das Wohnzimmer im Flur rechts“, sagt Nick und winkt schnell zum Abschied, bevor er Joyce folgt. Ich winke zurück.

Ich gehe zurück in die kleineren Zimmer und halte Ausschau nach Blut, vielleicht ausgeschlagenen Zähnen, schnuppere nach Schießpulver und Eisen. Nichts von alldem ist vorhanden.

Valentin und Thomas sind immer noch im Raum. Während Valentin ruhig nahe des Ausgangs steht, kniet Thomas zusammengekrümmt am Boden und weint.

Ich bleibe wie angewurzelt stehen. Er hat keine Wunden, blutet nicht, hat noch nicht einmal Blutergüsse. Scheinbar ist er vollkommen unverletzt und schluchzt trotzdem so heftig, dass er kaum mit dem Atmen nachkommt.

Ich sehe zu Valentin auf. Er lächelt immer noch. Wortlos. Mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter und ich habe das Gefühl, dass ich ihm nicht den Rücken zudrehen sollte.

Rückwärts gehe ich auf den Flur, zu dem Nick gedeutet hat, und drehe mich erst dann um, als mich Valentin nicht mehr sehen kann.

Teil 6.4

Ich schüttle die Hand aus Feuer ab, die meinen Arm gepackt hat, und stolpere zwei Schritte ins Nichts zurück.

„Was willst du von mir, Arschloch?“, schreie ich, doch meine Stimme wird von dem Traum verschluckt. Ich hasse dieses Gefühl; ich will brüllen, bis meine Kehle wund wird, doch es fühlt sich an, als hätte ich dafür nicht genug Atem in der Lunge.

Die etwa menschenhohe Stichflamme legt ihren Kopf schief, zwei Münder reißen auf. Ich kneife die Augen zu. Als ich sie wieder öffne, liegt das winzige Zimmer, in dem ich geschlafen habe, im Dunkeln, und die einzige Lichtquelle ist mein Rucksack, den ich angezündet habe.

Ich ergreife hastig die Flammen und dränge sie zurück, bis sie ersticken. Als ich währenddessen meinen Oberkörper drehe, sticht es unerträglich an meinem Rücken und in meinem Brustkorb. Auch mein Gesicht pocht schmerzhaft. Ich beiße die Zähne zusammen und atme langsam aus; Blutergüsse schmerzen zwar nach dem Schlag kaum, aber ein paar Stunden später stellen sie sicher, dass man nie vergisst, was für einen Schaden das hinterlassen hat.

Der Geruch von geschmolzenem Plastik brennt sich in meine Nase. Glücklicherweise war es nur ein Gurt, der Feuer gefangen hat. Seufzend zerreibe ich die Asche zwischen meinen Fingern.

Jetzt, wo das Feuer aus ist, sehe ich das Licht, das durch den Spalt unter der Tür fällt. Wenn ich den Rest der Nacht verschlafen habe, dann sollte es jetzt… wie spät sein? Meine innere Uhr schimpft mich beleidigt an.

Ich lasse meinen Rucksack liegen und gehe noch in meinen Schlafsachen— Sweatpants und Sport-BH— wieder auf den Flur hinaus. Erst werde ich von dem Licht geblendet, und als sich meine Augen an die Veränderung gewöhnt haben, stehe ich zwei Fremden gegenüber. Ich blinzle sie an. Sie blinzeln zurück.

„Morgen“, sagt einer von ihnen. Ich nehme an, das sind Valentins Kollegen. Eigentlich habe ich anzügliches Starren erwartet, doch in ihren Augen spiegelt sich großteils nur Überraschung.

„Morgen“, murmle ich zurück und gehe in Richtung des kleineren, privateren Zimmers, in das mich Valentin gestern gebracht hat. Ich hoffe, dass die Schränke in der Küche gefüllt sind.

Nur Nick und Glitzer sind da; Nick sitzt auf einem der Sofas, konzentriert auf sein Telefon, Glitzer steht in der Küche und isst im Stehen. Er ist, ähnlich wie ich, immer noch nur mit Pyjamas bekleidet. Sein Oberkörper ist frei. Zwei Narben ziehen sich unter seinen Brustmuskeln.

„Wäre es unhöflich, wenn ich mir auch was nehme?“

Er sieht von seinem Müsli hoch, seine Augen weiten sich. „Was zur Hölle ist mit dir passiert?“

Ich ziehe die Augenbrauen hoch und folge seinem Blick, sehe an mir herunter. Mein gesamter Oberkörper ist blau und rot, mit dünnen, gelben Linien, wo sich meine Rippen in meinem Fleisch abzeichnen. Die Blutergüsse fühlen sich also nicht nur schrecklich an. Trotzdem zucke ich mit den Schultern. „Ist passiert, als ich Valentin geholfen habe. Glaubst du, ich würde sowas unverletzt überstehen?“ Ich lache auf. Mein Brustkorb sticht. Irgendeine Rippe muss gebrochen sein.

„Wieso hast du gestern nichts davon gesagt?“, fragt Nick vom Sofa aus.

Ich schnaube und beginne die Schränke zu durchsuchen. „Für was?“

„Wir haben Schmerzmittel da.“

„Brauch keine, danke“, sage ich und verziehe leicht das Gesicht, als ich die Arme hebe, um etwas aus dem Schränkchen zu nehmen. Jeder einzelne Muskel an meinem Oberkörper schmerzt höllisch, wenn ich sie bewege.

Ich lasse mich mit meinem Frühstück auf das andere Ende der Couch fallen, auf der Nick sitzt. „Wisst ihr, wieso Valentin die Scheiße aus dem Leib geprügelt worden ist?“

Glitzer zuckt mit den Schultern. „Wir hatten seit einer Ewigkeit mit diesem Pfosten Andreas einen Trist. Aber jetzt, wo du ihn abgemurkst hast…“

Nick lacht. „Du hast Val nicht nur das Leben gerettet, sondern uns auch einige Arbeit erspart. Vielen Dank, Brandgefahr.“

Ich schnaube. „Ich hätte mehr von Valentin verlangen sollen.“

„Jemanden von der ZEFHA zu finden ist schon schwer genug. Aber vielleicht hättest du ein bisschen Knete verhandeln können…“, sagt Glitzer mit einem Zwinkern.

Ich kichere. Wieder stechen meine Rippen. „Aber wenn Valentin weiß, dass diese Leute ihn hassen, wie ist er dann dort hingekommen? Hat ihn jemand entführt?“

Glitzer und Nick wechseln einen fragenden Blick und zucken gleichzeitig mit den Schultern.

Schritte unterbrechen unsere Unterhaltung. Valentin betritt den Raum, immer noch ohne Humpeln.

„Valentin“, sage ich. Er wendet seinen Blick zu mir. Sein Auge ist zugeschwollen, seine Lippe ist dunkel und verschorft, wo sie aufgeplatzt ist. Ich finde einige Blutergüsse an seinen Armen, und eine Brandwunde an seinem Oberarm. Scheinbar habe ich ihn trotz meiner… Vorsicht doch erwischt.

Auch er scheint bei mir Bestandsaufnahme zu machen. Wieder wird mir unwohl. Seine Augen scheinen direkt durch mich hindurchzusehen. Sein Lächeln bleibt nicht nur, es wird breiter. „Schön, dich wach zu sehen. Ich wollte mit dir einige Details von unserem Abkommen besprechen.“

Abkommen?, denke ich und kann mir den Gesichtsausdruck dabei nicht verkneifen. Wieso gleich so bürokratisch?

„Was ist denn?“, frage ich und will mich vorlehnen, doch mein Brustkorb fühlt sich dabei an, als würde er in der Mitte durchbrechen, also bleibe ich sitzen.

„Wir brauchen mehr Details als Leidingers Namen und seinen früheren Beruf“, sagt er und setzt sich mir gegenüber, „Natürlich können wir nur mit diesen zwei Dingen arbeiten, aber mehr Information erleichtert uns das Ganze.“

Ich denke nach. „Vor sieben Jahren circa ist ein Haus abgebrannt“, sage ich und realisiere erst dann, wie unspezifisch das ist, „Mein Zuhause. Es war damals überall in den Zeitungen—“

„Wegen des Unfalls“, sagt Valentin. Dass er weiß, wovon ich rede, macht das Ganze sehr viel einfacher.

„Er war für den Brand verantwortlich“, sage ich.

„Also war er vor sieben Jahren hier“, sagt Valentin. Jetzt, wo er es wiederholt, kommt es mir lächerlich vor. Valentin sieht mich interessiert an. „Wieso suchst du ihn?“

Die altbekannte Wut windet sich in meinem Magen. Selbst nach all der Zeit jagt sie ihre Klauen durch meine Gedärme und bringt sie zum glühen.

Er hat meine Familie getötet, schreit sie, doch ich beiße mir auf die Zunge.

„Ich rede nicht gerne darüber.“

Sofort spüre ich die Blicke von allen drei Anwesenden auf mir. Was sie sich gerade denken ist aber ihre Sache, nicht meine. Ich erwarte, das Valentin nachfragt, und bin deshalb überrascht, als er mich stattdessen fragt, „Weißt du sonst noch irgendetwas?“

Ich gehe alles durch, was er bis jetzt getan hat, was mir Senger bei unserem letzten Verhör verraten hat. Schließlich fügen sich zwei Puzzleteile zusammen, die ich selbst bis jetzt noch nicht verbunden hatte.

„Er hat vor sieben Jahren bereits versucht, mich zu kidnappen und zu sich zu holen. Sicher bin ich nicht, aber er ist wahrscheinlich ein Stalker. Mit ein bisschen Glück bleibt er in der Nähe— oder zumindest im Land— damit er weiß, was mit mir los ist.“

„Auch nach deinem jahrelangen Verschwinden?“

„Wenn irgendjemand weiß, wo ich die Jahre über war, dann er.“ Oder Natalie, füge ich gedanklich an.

Valentins Lächeln wird kurz weiter. „Damit kann ich etwas anfangen. Betrachte es als erledigt. Ich meld mich bei dir, sobald ich etwas weiß.“ Er klatscht zufrieden in die Hände und steht auf. „Glitzer, mit dir hab ich noch was zu besprechen.“

Glitzer zeigt einen Daumen hoch. Valentin verlässt die Räumlichkeiten wieder, und erst als sich die Tür schließt, fällt mir ein, dass ich ihn eigentlich fragen wollte, wie er auf den Boden von Andreas’ Büro gekommen ist.

Ich esse fertig, gehe mich umziehen und beschließe, Nat in der Bar zu besuchen. Wenn sie wirklich ein Interview will, oder einen Beweis für einige Wetten braucht, dann will ich gerne bereitstehen.

Als ich durch die Garage gehe, lenkt der Geruch von frischer Farbe und das Zischen einer Spraydose meine Aufmerksamkeit zu der Wand am anderen Ende. Soren bedeckt gerade eine Leinwand mit Farbe, kunstvoll, schnell und präzise. Ich erkenne das Gesicht, denn es ist dasselbe, das draußen am Garagentor ist. Während ich ihm zusehe, dippt er seinen Ringfinger in schwarze Farbe und signiert das Bild mit dem Namen Schalk.

„Du bist Schalk?“, frage ich. Soren reagiert nicht. Erst beim genaueren Hinsehen sehe ich die Kopfhörer, die seine Ohren bedecken und halb in seinen Dreadlocks versteckt sind. Ich gehe zu ihm und stupse ihn mit dem Ellbogen an. Er zuckt zusammen und hängt die Kopfhörer um seinen Hals. „Hä?“

„Du bist Schalk?“, wiederhole ich.

„Ja“, sagt er grinsend, „Willst du ein Autogramm?“

Ich schnaube amüsiert. „Und wer ist dann dein rechter Nippel?“

Soren wird leicht rot um die Wangen und deutet auf das Porträt. „Er. Ich hab meine Tags in der Stadt verteilt, und meine Werke damit signiert, und irgendwann hat Malik sich dazugeschrieben.“

„Als dein rechter Nippel.“

Soren lacht. „Ja, als mein rechter Nippel.“ Er hebt eine Dose und ein Feuerzeug auf, doch die Dose gibt nur ein schwaches Zischen von sich, als er auf die Düse drückt.

„Du kannst doch Feuer kontrollieren, oder?“, fragt Soren. Ich nicke. „Kannst du die Farbe trocknen? Vorsichtig, bitte.“

Ich sehe das Porträt an und werde leicht nervös. Ich habe viele Dinge mit dem Feuer trainiert, aber Zurückhaltung zählt nicht dazu. Vorsichtig lasse ich einige Flammen über die Leinwand klettern, darauf bedacht, weder die Farbe noch den Rahmen zu beschädigen.

„Cool“, sagt Soren kurz angebunden.

„Sag, ihr wart alle nicht sehr überrascht, als ich euch gesagt habe, dass ich nicht normal bin“, sage ich neugierig.

Soren zuckt mit den Schultern. „Wir haben schon einiges gesehen, einiges gehört. Wer solche Arbeit macht wie wir, und dann an keine einzige Verschwörungstheorie glaubt, sieht aus seinen eigenen Augen nicht raus.“ Er stellt seine Spraydosen zurück in ein Regal. „Manche Leute sind intelligenter und glauben an Dinge wie die ZEFHA. Und andere glauben, dass die Erde flach ist.“

Ich kichere. Mein Blick schweift über Sorens Kunstwerke, und eine interessante Anzahl davon zeigen Malik.

„Wieso malst du deinen rechten Nippel so oft?“

Er lacht auf. „Das klingt anstößig.“

Ich kichere. Er scheint plötzlich verlegen. „Ich… Mann, ich hab mich schon mit einigen Leuten vergnügt, Männer und Frauen, aber er…“

„…ist gut im Bett?“

Er schnaubt. „Nicht nur das.“

„Zeig ihm die Porträts. Jeder würde sich für sowas Hals über Kopf verlieben“, sage ich und klopfe ihm beim Gehen auf die Schulter.

Kurze Zeit später schneie ich in die Untergrundbar hinein, die wie erwartet tagsüber sehr leer ist. Nur zwei Leute sitzen in einer Ecke und murmeln miteinander.

Nat steht in Alltagskleidung hinter der Theke und tratscht mit einem ihrer Kollegen. Ich lächle. „Hey.“

Sie grinst. „Nona, in Fleisch und Blut!“ Sie sieht auf, das Grinsen weicht von ihrem Gesicht, als sie mich sieht. „Oh Gott, ist was bei Kocher schiefgelaufen?“

Ich winke beruhigend ab. „Es ist eine lange Geschichte, aber ich hab jemand anderen gefunden, der mir hilft.“

Ihre Augen blitzen auf. „Oh, wirklich? Lass hören.“

„Ich… kenn nur seinen Vornamen. Valentin?“

Nat starrt mich mit großen Augen an und wird bleich um die Lippen, dann bringt sie ein wackliges Lächeln zustande. „Du… du machst Witze, oder? Ich wusste doch, dass du dich hier besser auskennst, als du behauptest.“ Ich ziehe die Augenbrauen hoch. Nat sieht entsetzt aus. „Oh mein Gott, du meinst es ernst. Valentin Quintieri?“

Ich nicke. „Was ist mit ihm? Hab ich einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen?“

„Das hättest du genauso gut machen können. Nona, Valentin ist einer der schrecklichsten Gangbosse, die wir in der Gegend haben.“

Ich blinzle. „Er ist ein Boss?“

Nats Entsetzen vertieft sich nur. „Nona.“

Ernas Warnung hallt durch meinen Kopf. Jemand verschuldet sich bei dem falschen „Fisch“ und verliert eine Hand, jemand hört etwas, dass er nicht hören sollte, und wird zerstückelt. Leute assoziieren sich mit dem Falschen und verschwinden.

Ich vermisse Erna.

„Bis jetzt war er nichts als höflich und freundlich“, sage ich skeptisch.

„Das ist Teil der Scharade! Der ganze Charme ist falsch. Bei aller Liebe, was auch immer er dir angeboten hat, egal wie gering der Preis scheint, er wird dich bei lebendigem Leib ausnehmen.“

Ich schnaube amüsiert. „Es gibt keinen Preis. Ich hab ihm das Leben gerettet, und jetzt steht er in meiner Schuld.“

Nat blinzelt. Erst jetzt bemerke ich, dass ihr Kollege uns mit affig offenem Mund und aufgerissenen Augen zugehört hat.

„…was soll ich auf deinen Grabstein gravieren lassen? Wenn ich überhaupt deine Leiche finde?“, fragt Natalie schließlich.

Ich lache auf. „Ich bin ein großes Mädchen, Nat, ich kann auf mich aufpassen. Er arbeitet gerade dran, mich zu Leidinger zu bringen, und danach gebe ich mich nie wieder mit ihm ab. Das schwöre ich dir.“

Nat packt wieder mein Gesicht, so wie sie es bei unserem ersten Treffen getan hat, aber dieses Mal nicht zur Inspektion, sondern um mich zu zwingen, ihr in die Augen zu sehen. „Hör mir zu. Ich hab das schon zu oft mitbekommen. Irgendjemand lässt sich mit den Quintieris ein, wird unvorsichtig, und sein Leben wird ruiniert, oder er stirbt, oder er verschwindet.“

Ich lege meine Hände auf ihre und lächle beruhigend. „Aber ich lasse mich nicht mit ihm ein. Er steht in meiner Schuld und tut mir einen Gefallen. Das war‘s.“

Nat sieht immer noch nervös aus.

„Du bist doch die Expertin. Erzähl mir was von den Quintieris.“

Nat seufzt und reibt sich über die Augen. „Sie sind Zwillinge. Sie sind von einem Moment auf den anderen aufgetaucht und niemand weiß, woher. Beide haben sich eine riesige Gang unter den Nagel gerissen, die vorher verfeindet waren, und sich zusammengeschlossen.“

Ich schnaube. „Leute tauchen nicht einfach spontan auf. Irgendwo müssen sie hergekommen sein.“

Nat schüttelt den Kopf. „Nicht mal ich weiß, was sie vorher gemacht haben.“

Ich verdrehe die Augen. „Was willst du wetten, wenn ich Valentin frage, was vorher war, sagt er es mir einfach und das sind alles nur Gerüchte.“

Sie rümpft die Nase. „Bezweifle ich. Aber wenn du‘s schaffst“, sagt sie mit einem Zwinkern, „weißt du ja, wem du‘s als erstes erzählst.“

Bis ich wieder zur Basis zurückkomme, habe ich einige Drinks intus. Natalie hat heute ein anderes Date, ich will die beiden nicht stören, und hier muss ich nicht für ein Zimmer zahlen.

Sobald ich in den Hinterraum komme, schlagen mir zwei laute Stimmen entgegen, die ich als Glitzer und Soren erkenne.

„Du kannst mich mal, Kurzer.“

„Wenigstens ist bei mir nur die Körpergröße kurz.“

„Als würdest du wissen, wie viel mein Reißverschluss zurückhält.“

„Denkst du eigentlich jemals darüber nach, was aus deinem Mund herauskommt?“

„Nein, ich denke eher darüber nach, was in meinen Mund hineinkommt.“

„Soren, ich kenne deine One-Night-Stands, nein tust du nicht.“

Ich lache leicht und gehe an ihnen vorbei. Trotz ihres Streits lehnt Soren auf Glitzers Kopf, stehend über die Rückenlehne des Sofas gebeugt, und es scheint Glitzer auch nicht zu stören.

Joyce und Valentin finde ich überraschenderweise auch beide hier. Sie unterhalten sich leise, doch bevor ich genug verstehe, um den Kontext zu erraten, sehen sie mich und ändern prompt die Sprache— wenn ich raten müsste, Französisch.

„Ist das so geheim?“, frage ich grinsend und setze mich zu ihnen. Ich habe eine Wette mit Nat zu gewinnen.

„Ja“, sagt Joyce stumpf, dreht sich zu ihrem Bruder zurück und redet weiter. Dadurch, dass sie Shorts anhat, kann ich sehen, dass sie ähnlich wie Valentin tätowiert ist, nur nicht auf den Händen, sondern am Bein. Eine Maus sitzt auf ihrem Oberschenkel, umrundet von abstrakten Linien und Mustern, die sich von ihrem Knöchel bis zum Ansatz ihrer Hose ziehen.

„Cooles Tattoo“, sage ich, als die beiden einen seltenen Moment der Stille zwischen sich haben.

Sie sieht auf ihr Bein hinunter, dann zu mir. „…war das Sarkasmus?“

„…nein?“

„Oh.“ Sie lächelt ehrlich. „Danke. Hab ich selbst gestochen.“

Ich pfeife anerkennend. „Du tätowierst?“

Sie nickt. „Body Mods, Piercings, Tattoos… Aber bis ich das hingekriegt habe, hat das gedauert. Vorher hab ich andere Leute gestochen. Bei denen war es mir egal, wenn es Scheiße ausgesehen hat.“

Valentin zieht die Augenbrauen hoch. „Du hast mich vorher tätowiert.“

Joyce grinst ihn frech an.

„Die sind auch von dir?“, frage ich und deute auf Valentins Tattoos.

Valentin nickt und antwortet an ihrer Stelle. „Die Tattoos schon, das Piercing nicht.“

„Du hast ein Piercing?“

Joyce kämpft plötzlich gegen ein gewaltiges Grinsen, drückt die Lippen zusammen und presst sich die Hand gegen den Mund. Valentin sieht so aus, als würde er antworten wollen, senkt dann jedoch nur den Kopf. Ich überprüfe seine Ohren, aber auf seinem ganzen Gesicht sind keine Löcher.

Ich sehe ihn skeptisch an. „Was, hast du gepiercte Nippel oder so was?“

„Joyce und ich haben uns wegen deiner Suche nach Leidinger entschieden“, sagt Valentin, und mir entgeht dabei nicht, wie schnell er das Thema gewechselt hat. „Wir schicken dich zu jemanden namens Dahlia. Sie besitzt in der Umgebung einige Bordells und Clubs.“

„Und wie soll mir das weiterhelfen?“, frage ich.

„Sie handelt unter anderem mit Information“, erklärt Joyce. „Sie hat einige sehr wertvolle Verbindungen.“

„Und wenn sie mir nicht helfen kann?“, frage ich.

„Dann…“

Joyce und Valentin wechseln einen Blick, den ich nicht deuten kann.

„…darüber entscheiden wir noch“, sagt Valentin schließlich. Joyce verzieht für einen Augenblick das Gesicht, dann schult sie ihren Ausdruck mit vorsichtiger Neutralität.

„Wann treffe ich Dahlia?“, frage ich.

„Sie erwartet dich übermorgen im Blütenblatt. Wir fahren dich—“

„Wir sorgen für den Transport“, unterbricht Valentin seine Zwillingsschwester, die ihm einen weiteren undeutbaren Blick zuwirft.

Ich nicke. Joyce wendet sich zum Gehen, und ich will es ihr nachmachen, doch Valentin deutet mir, sitzen zu bleiben. „Ich wollte dich noch etwas fragen.“

„Und zwar?“

„Wegen deiner Kräfte.“

Sofort springt Natalies Warnung wieder in meinen Kopf. Ist es eine gute Idee, ihm irgendetwas zu verraten?

„Dann macht es dir sicher nichts aus, wenn ich dir auch ein paar Fragen stelle“, sage ich.

Valentin sieht mich neugierig an. Wenn ich damit das Falsche gesagt habe, dann zeigt er es nicht, denn dieses Lächeln verlässt seine Lippen nicht eine Sekunde lang.

„Jemand hat mir ein bisschen was über dich und Joyce erzählt“, fange ich vorsichtig an. Er wartet nur weiter ab.

„Was für ein Name ist Quintieri?“

Die Frage scheint ihn überrascht zu haben. Er lacht, aber es klingt… seltsam. Zu perfekt. Zu kontrolliert.

„Für meinen Namen kann ich genauso wenig wie du für deinen“, sagt er, das Lachen in seiner Stimme hörbar. „Seit wann kannst du Feuer kontrollieren?“

„Aktiv kontrollieren? Seit ein paar Jahren. Die Fähigkeit hab ich, seitdem ich mich erinnern kann“, sage ich. Wenn er nur wüsste, wie sehr das das Wahrheit entspricht. „Was hast du Kocher angetan, dass er dich so zugerichtet hat?“

Er sieht mir einen Moment lang in die Augen, ohne zu blinzeln. „Ich habe herausgefunden, dass Andreas und ich uns einen Angestellten teilen“, sagt er bedeutungsschwer, „Und es ist einiges an Information herausgeflossen. Ich wollte einen meiner Leute testen.“ Wieder Pause. Er blinzelt weiterhin nicht. „Er hat nicht bestanden, falls du dich wunderst.“

„Also hat er dich verraten.“

Er nickt.

„Wenn du wusstest, dass er ein Verräter ist, wie hat er dich dann hintergehen können?“

„Wie stark bist du?“

Die sofortige Gegenfrage bringt mich zum Grinsen. Dumm ist er allemal nicht, und gratis Antworten gibt es bei ihm auch nicht.

„Ich hab die gesamte Anlagestelle der ZEFHA in die Luft gehen lassen. Ist das ein Anhaltspunkt?“

Er nickt. „Ich bin meinem Angestellten bewusst gefolgt. Mein innerer Kreis wusste davon. Wäre ich zwei Minuten länger ohne Rückmeldung geblieben, hätten sie mich dort herausgeholt.“

„Innerer Kreis?“

Valentin deutet zu Glitzer und Soren herüber, die sich immer noch streiten. „Sie, Nick und Joyce. Wie genau ist deine Kontrolle?“

„Ich kann Feuer jederzeit willentlich anzünden. Wenn du Genauigkeit meinst…“ Ich blicke auf die Brandwunde an seinem Arm hinunter. Er nickt.

„Du bist also Masochist?“

Wieder scheint ihn eine Frage zu überraschen. Ein Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht, aber es sieht anders aus. Echter. Als würde er dagegen ankämpfen. „Was?“

„Du hast gewusst, dass du dort unbeschadet nicht herauskommst, und niemand und nichts hat dich dazu gezwungen, aber trotzdem lasst du dich verprügeln, nur um etwas zu beweisen“, sage ich, „Also. Masochist.“

Er kichert. „Schön geschlussfolgert.“

„Das ist keine Antwort.“

Er schweigt. Ich nehme das als Aufforderung. „Was war mit dir, bevor du Gangboss geworden bist?“ Nur zu gerne würde ich Natalie die Antwort unter die Nase reiben.

Valentin schweigt wieder, dann atmet er durch und lächelt breit. „Einiges, das dir zu wissen nicht weiterhelfen würde, für mich aber gefährlich wäre, wenn du es jemanden erzählst, der damit etwas anfangen kann.“

Ich fahre unwillkürlich mit meiner Zunge über meine Vorderzähne. „Lass es mich umformulieren. Angeblich bist du aus dem Nichts aufgetaucht und Gangboss geworden.“

„Oh, das ist Unsinn“, sagt er leicht, „Ich war in keiner sonderlich hohen Position und habe meinen Vorläufer ersetzt. Niemand hat bis dahin meinen Namen oder mein Gesicht gekannt… außerdem hab ich damals für eine Weile einen anderen Namen verwendet.“

Den letzten Teil murmelt er bloß.

„Und was ist mit Joyce?“

„Das musst du sie fragen“, sagt er, „Wärst du gewillt, für uns zu arbeiten?“

Der sehr einfache Satz bringt Alarmglocken in meinem Kopf zum Schellen.

„Nein“, sage ich stumpf. Ich frage nicht wieso, lasse ihn nicht erläutern, beschließe aber, mich so schnell wie möglich hier zu verziehen. Wenn Valentin aus mir eine Waffe machen will, wird er einen Weg finden, um das zu tun.

Meine knappe Antwort wird mit Stille begrüßt.

„Nacht, Valentin“, sage ich und stehe auf.

„Gute Nacht.“

Teil 6.5

Den nächsten Tag verschlafe ich. Ich will mich wieder auf mein nächtliches Wachsein einstellen, insbesondere nachdem mir Joyce beim Frühstück verrät, dass mein Treffen mit Dahlia um ein Uhr morgens stattfinden soll. Außerdem habe ich einen Kater, auf den ich gerne verzichte, und ich kann mich immer noch nicht richtig bewegen, ohne dass meine Rippen knirschen.

Abends will ich die Basis so schnell wie möglich verlassen. Je weniger Valentin mit mir sprechen kann, desto geringer ist das Risiko, dass er einen Weg findet, mich hier zu halten und irgendwie zu zwingen, für ihn zu arbeiten.

Oder mich verschwinden zu lassen. Oder zu töten.

Ich schüttle den Gedanken ab und bin gerade bei der Vordertür, als Valentins Stimme mich aufhält.

„Nona. Einen Moment, bitte.“

Nur widerwillig bleibe ich stehen. Bevor ich ein Wort herausbringen kann, drückt er mir ein Brenner-Telefon in die Hand. „Meine Nummer und die von Joyce sind gespeichert. Falls du uns brauchst, ruf uns an.“

Ich nicke und überlege mir, das Ding sofort zu zerschmettern. „Danke.“

„Ist alles in Ordnung?“, fragt Valentin.

„Ja“, sage ich, gehe raus und will die Tür vor seiner Nase schließen.

„Es tut mir Leid, falls ich gestern zu direkt war.“

Ich zögere. Wann war das letzte Mal, dass ich eine echte Entschuldigung gehört habe?

„Schon okay“, sage ich ausweichend.

„Ich wollte nicht andeuten, dass du uns etwas schuldest, Nona.“

Ich lasse meinen Blick über sein Gesicht wandern. Seine Blutergüsse haben zu heilen begonnen, sein Lächeln ist steinern. Die Erinnerung an Thomas, gekrümmt und weinend, zwängt sich vor mein inneres Auge. Gleichzeitig erinnere ich mich, dass er versucht hat, Valentin zu töten.

„Ich weiß“, sage ich trocken.

Eine Pause entsteht zwischen uns, die nicht lang genug ist, um unangenehm zu werden.

„Du kommst mit dem Zug zu Dahlia“, sagt Valentin schließlich. „Dazu zehn Minuten Fußweg. Du musst in kein Auto steigen.“

Überrascht blinzle ich ihn an. „…danke.“

Er zwinkert mir zu. „Nur mein Teil vom Deal.“

Auf dem Weg zur Kellerbar drehen sich meine Gedanken im Kreis, bleiben bei Thomas hängen, ob es gerecht war, was Valentin überhaupt getan hat, dass er sich erinnert hat, dass ich nicht gerne in Autos fahre und dass er den Transport angemessen geregelt hat.

Es ist seltsam, dass ich damals im Jugendheim noch nicht so viel Angst hatte. Als ich weggelaufen bin, wollte ich bereits in kein Auto einsteigen, doch es war eher eine leichte Nervosität bei dem Gedanken, im Vergleich zu der an Panik angrenzenden Angst, die ich jetzt bekomme, wenn ich daran denke.

Der Gedanke an Nat holt mich wieder ins Hier und Jetzt zurück. Ich will mich ordentlich von ihr verabschieden und, um ehrlich zu sein, auch nicht wieder in dem Zimmer in der Basis schlafen. Dass ich deswegen für ein Bett zahlen muss, ist mir den Umständen entsprechend gleich.

Ich überrasche Natalie am Anfang ihrer Schicht und reibe ihr ordentlich unter die Nase, was ich über Valentin herausgefunden habe. Sie ladet mich zu Drinks ein, ich bestehe darauf, zu zahlen, und wir verlieren uns so schnell in einer Unterhaltung, dass ich beinahe vergesse, ihr von meinem Fortschritt zu erzählen. Mir fällt es heiß wieder ein und ich wechsle das Thema.

„Nat, kennst du jemanden namens Dahlia?“

Sie zieht die Augenbrauen hoch und grinst mich über ihren Drink hinweg an. „Ja?“

„Sie kann mir weiterhelfen“, sage ich lächelnd.

„Na dann viel Glück, sie zu finden.“

„Nein, nein. Ich hab schon ein Treffen mit ihr.“ Natalies Augen blitzen. Ich verdrehe kichernd die Augen. „Ja, ich weiß. Wenn ich was herausfinde, sag ich es dir.“

Sie kichert. „Du bist ein Schatz.“

„Morgen bin ich weg. Weißt du, wo das Blütenblatt ist?“

„Der Sexclub?“, fragt Nat, „Ziemlich weit weg.“

„Dachte ich mir“, sage ich und schiebe mein Brenntelefon zu ihr. Sie braucht keine Erklärung, nimmt es und tippt ihre Nummer ein.

„Kannst du heute bleiben?“, fragt Nat mich und gibt mir mein Telefon zurück. Als ich es nehmen möchte, nimmt sie stattdessen meine Hand und verschränkt unsere Finger.

„Ich bin schon hier, oder?“, frage ich lächelnd.

So vergeht die Nacht. Wir verschlafen den Tag, und obwohl Nat und ich einige solide Stunden miteinander im Bett liegen, fällt es mir immer noch schwer, unsere Gliedmaßen zu entwirren und mich von ihr zu lösen.

„Und was soll ich machen, wenn du weg bist?“, schnurrt sie.

Ich grinse. „Such dir jemand anderen.“

„Aber was ist, wenn ich dich gerade vermisse?“ Ihre Stimme ist theatralisch.

Ich verdrehe schmunzelnd die Augen. Sie kichert freudig und sieht mir noch etwas verträumt zu, bis ich fertig angezogen bin und mich zu ihr herunter lehne. „Wir sehen uns eher wieder, als du denkst.“

Nat setzt sich auf und drückt mir einen schnellen Kuss auf die Lippen. „Will ich hoffen.“

Unser Abschied bleibt dabei. Die kühle Nachtluft hinterlässt eine unangenehme Gänsehaut auf meinen Armen nach dem warmen Bett. Insgeheim wünsche ich mir, einfach in der Kellerbar bleiben zu können und noch eine Weile zu schlafen, aber heute findet das Treffen mit Dahlia statt. Vielleicht bin ich Leidinger dann endlich einen Schritt näher.

Zurück an der Basis nehme ich mir einen Moment, um durchzuatmen. Meine Rippen knacken, als meine Lungen gegen sie drücken.

Ich lehne mich neben der Tür zum Hauptraum and die Wand und höre eine Weile nur dem Tumult zu, dem Gelächter, den Unterhaltungen. In mir windet sich etwas Schmerzhaftes, ein Verlangen nach etwas, das ich nicht bestimmen kann. Nur widerwillig reiße ich mich davon los, dränge es von mir weg und gehe ins Hinterzimmer.

Das Trio ist bereits anwesend. Nick sitzt auf dem Sofa, reinigt und verbindet seine Knöchel. Ein blutiger Baseballschläger lehnt neben ihm. Soren sitzt daneben und putzt eine Pistole, eine zweite liegt sauber am Tisch vor ihm. Glitzer sitzt ihnen gegenüber und reinigt eine ganze Menge von Messern. Ich setze mich neben ihn und lasse meinen Blick über die ganzen Waffen schweifen. „Hab ich was aufregendes verpasst?“

„Die Konsequenzen von deinen Taten“, sagt Glitzer.

„Er meint damit, dass dank dir Kochers Idioten zu Freiwild geworden sind“, erklärt Nick. Glitzer grinst mich an.

Ich pfeife anerkennend. „Ganze Arbeit.“

„Wenn man sich dabei nicht verprügeln lasst“, sagt Soren beiläufig. Glitzer hebt seinen Mittelfinger in seine Richtung und gibt dabei einen ordentlichen Bluterguss an seinen Rippen preis. Ich lache leise. Als Antwort drückt Glitzer zwei Finger gegen den riesigen blauen Fleck, der noch immer an meiner Seite verheilt.

Ich zucke zusammen. „Du Bitch!“

Er grinst bloß wieder. „Wenigstens bekomme ich keinen Orgasmus, während ich meine Waffen putze“, sagt er zu Soren.

„Das sind nicht nur Waffen! Das sind Sigs. Die kosten mich fast einenhalbtausend pro Stück. Ich kann’s mir wortwörtlich nicht leisten, die Dinger nicht zu putzen.“

Glitzer verdreht die Augen. „Sag ich doch. Masturbation.“

Ich lache, während Soren bloß schnaubt.

„Valentin kommt gleich“, sagt plötzlich Joyce hinter mir. Ich zucke zusammen— dem Trio ergeht es ähnlich— ich habe keine Schritte, geschweige denn ihren Atem oder ihre Kleidung rascheln gehört.

Soren lacht auf. „Du gewöhnst dich irgendwann daran.“

„Man gewöhnt sich nie daran“, murrt Nick leise.

Soren ist der erste, der fertig ist. Er steht auf, verstaut seine Pistolen an zwei Holstern an seinem Gürtel und holt ein Deck Karten.

„Poker? Black Jack?“, fragt er.

„Uno“, sagt Nick.

„Arschloch“, sage ich.

„Was hab ich dir bitte getan?“, sagt Soren mit einer theatralischen Hand auf der Brust.

„Meinst du Bullshit?“, fragt Glitzer.

„Kann gut sein.“

Soren gibt ohne weiteres Nachfragen Karten aus. Zwar habe ich seit dem Jugendheim nicht wirklich geübt, aber vielleicht bin ich über die Jahre besser geworden?

Nach dem dritten verlorenen Spiel kenne ich die Antwort auf die Frage. Mich beschleicht ein Verdacht, und als ich an der Reihe bin, um Karten auszugeben, zähle ich sie durch und komme auf achtundfünfzig Karten.

„Einer von euch schummelt“, sage ich und ziehe die Augenbrauen hoch.

„Keine Ahnung, was du meinst!“, sagt Soren und wirft die Hände hoch. Einige Karten fliegen dabei aus seinen Ärmeln.

„Wirklich, wie kommst du auf sowas“, sagt Nick und schüttelt den Kopf. Er hat vier weitere Karten in der Hand.

„Bodenlose Anschuldigungen“, fügt Glitzer an und wirft zwei Karten auf mich.

Ich mische sie alle in den Stapel und gebe aus, als wäre nie etwas passiert. Irgendwie gewinne ich die nächste Runde.

Meine Gedanken wandern zu Elias und Red. Fast kann ich mir vorstellen, wieder mit ihnen in meinem Zimmer im Heim zu sitzen und zu spielen.

Ein erdrückender Schmerz durchzuckt mich. Soll ich Valentin nach Red fragen? Vielleicht hat Natalie unrecht und er weiß etwas über diesen R.E.D. Vielleicht würde er wissen, wo Elias ist. Vielleicht könnte ich mich bei beiden entschuldigen. Vielleicht würden sie mir vergeben.

Wahrscheinlich nicht.

Ich beiße mir auf die Zunge und verbiete mir die Idee. Nein, das ist genau die Gelegenheit, auf die Valentin wartet, um mich bei ihm zu verschulden.

„Erde an Nona!“

Glitzer schnippt vor meiner Nase herum.

„Hä?“

„Du mischst“, sagt er und drückt mir die Karten in die Hände. Ich blinzle ein paar mal, um den Gedanken zu vertrieben.

„Ist alles in Ordnung?“, fragt Nick.

Ich winke ab.

„Wenn dir der Kopf wehtut, weil Glitzer zu viel geredet hat…“, murmelt Soren.

„Fick dich.“

„Du mich auch.“

Ich lache leicht. „Nein, das ist es nicht.“ Einen Moment lang überlege ich, ob ich überhaupt noch etwas sagen soll. Ich erwische mich dabei, wie ich mir Arten ausmale, wie Valentin es gegen mich verwenden könnte, und entschließe, dass das paranoid ist.

„Ich hab an Kindheitsfreunde gedacht. Ich vermisse sie.“

Eine schwere Stille breitet sich über den Karten aus.

„Ich weiß, was du meinst“, sagt Nick mitfühlend, „Bei mir ist das ähnlich.“

Glitzer macht ein zustimmendes Geräusch und nickt. „Was ist zwischen euch passiert?“

Ich schlucke. „Sie… waren im gleichen Heim wie ich. Und nachdem es abgebrannt ist, habe ich sie verloren.“

„Val und Joyce können dir helfen, sie wiederzufinden“, schlägt Soren vor.

„Nein.“

Meine Antwort kommt ein bisschen zu hastig. Die Blicke des Trios landen auf mir und traue mich zu wetten, dass Joyce mich auch anstarrt.

Ich senke meine Stimme und den Kopf. „Ich will mich nicht bei ihnen verschulden. Irgendeinen Kredit bei ihnen abzuarbeiten kann ich mir nicht leisten.“

„Du hast ihn doch nur nach ’ner Personensuche und ’nem Schlafplatz gefragt. Das ist da sicher noch drin“, sagt Soren mit einem skeptischen Blick.

Ich schüttle bloß den Kopf. So sehr ich ihm auch glauben möchte, er ist immer noch einer von Valentins Angestellten…

„Ich bin mir sicher, dass sie dir helfen würden, Nona. Ohne Schuld“, sagt Nick lächelnd und legt alle seine Karten auf den Tisch.

Glitzer wirft einen skeptischen Blick auf die Karten. „Bullshit!“

Nick dreht sie um und grinst. Spiel gewonnen.

„Danke“, sage ich zu ihm. Ich weiß nicht, wie lange es her ist, seitdem ich mich im Gespräch mit jemandem so sicher gefühlt habe. Wahrscheinlich seit Red und Elias.

Nick grinst. „Gerne.“

Ich lasse meine Augen über ihn wandern. Eigentlich ist er ziemlich süß. „Bist du single?“

„Single und schwul“, sagt er, nimmt das Kartendeck und mischt. Mein Gesicht wird warm. Ich höre, wie Glitzer und Soren mich auslachen, ohne überhaupt aufzusehen.

„Schnauze“, seufze ich, und werde mit drei Arten von Gelächter begrüßt.

„Nona?“

Wieder zucke ich zusammen. Joyce steht neben mir, ohne dass ich sie gehört oder gesehen habe.

„Hm?“

Sie nickt zur Tür, durch die Valentin gerade kommt. Automatisch stehe ich auf und werfe die Karten auf den Tisch.

Ich folge den Zwillingen in einen anderen Raum, der direkt an dem Wohnzimmer anschließt. Er sieht dem Büro von Kocher verdammt ähnlich: Schreibtisch, Sessel, Regale. Der einzige Unterschied ist, dass hier weitere Flyer vom inneren Kreis hängen, bloß fünf davon. Jeder einzelne verlangt nach dem Tod einer Person aus dem inneren Kreis. Ich nehme an, es sind die höchsten Preise, die sie auf ihre Köpfe bekommen haben.

Nick’s Kopf ist neunzehntausend wert, Glitzer’s einundzwanzigtausend. Soren liegt ihnen mit sechsundzwanzigtausend um einiges voraus. Bei Joyce’s vierzigtausend wird meine Zunge trocken, und Valentin…

„Siebenhundert?“

Es rutscht mir heraus, bevor ich darüber nachdenken kann. Ich sehe genauer hin; der Flyer verlangt nicht einmal Valentins Kopf, sondern nur, ihn zu verprügeln.

Valentin kichert. „Stimmt damit etwas nicht?“

„Du… du bist ein Boss.“

„Es ist ein weit verbreitetes Missverständnis, dass jemand das Gebiet von demjenigen bekommt, den er umbringt. Aber denk logisch. Es würde nur jemand meine Stelle einnehmen, so wie ich es bei meinem Boss getan habe“, erklärt er, als wäre es selbstverständlich.

„Und… wieso dann Joyce?“

„Weil ich tödlich bin“, sagt sie stumpf und setzt sich auf den Stuhl. Valentin bleibt stehen. „Das ist die Route, die du heute nimmst“, sagt sie und reicht mir einen Zugplan. Zwei Linien sind angezeichnet, drei Bahnhöfe markiert. „Von dort aus gehst du so“, sagt sie und gibt mir einen Stadtplan, auf dem eine Route ähnlich hervorgehoben ist.

„Danke. Hätte das nicht draußen passieren können? Ich war grad am gewinnen.“

„Warst du nicht“, sagt Joyce grinsend. Ich grinse zurück.

„Wir wollten vorher noch besprechen, was passiert, wenn Dahlia dir nicht helfen kann“, fangt Valentin vorsichtig an. Joyce und er werfen sich wieder einen undeutbaren Blick zu.

„Wir—“

„Wir schicken dich zu Nicht-Ich“, unterbricht Joyce ihren Bruder.

„Nein.“

„Valentin, das ist—“

„Joyce.“

Sie seufzt. „Ich weiß, es ist gefährlich.“

„Wir haben andere Methoden“, sagt Valentin und wendet sich an mich. „Wir werden dir weiterhelfen, falls Dahlia nichts weiß.“

Dieser Nicht-Ich scheint der Dreh- und Angelpunkt zu sein. Selbst Natalie wusste von ihm. Ich muss dort hin.

Ich beiße mir auf die Zunge. Kann ich sie bestechen? Sie sehen nicht aus, als bräuchten sie Geld. Arbeiten will ich auch nicht.

Wenn ich ewig von Person zu Person wandere, bis ich jemanden finde, der etwas von Leidinger weiß, muss ich die ganze Zeit bei ihnen bleiben. Sie machen mich zur Waffe.

Ich versuche, den Gedanken abzuschütteln, doch er bleibt an meinen Händen hängen und verklebt mir die Finger. Nicht-Ich ist meine beste Chance.

„Ich…“, fange ich langsam an, verschränke die Hände und starre auf meine Finger hinunter, „Ich suche Leidinger wegen Rache“, bekomme ich schließlich heraus. „Der… Unfall damals? Es war keiner.“

Ein bitterer Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus. Ich schlucke ihn und zwinge mich, weiterzureden.

„Er hat meine Familie auf dem Gewissen. Er hat mein Zuhause angezündet. Wegen ihm bin ich auf der Straße gelandet. Wegen ihm ist meine Mutter, mein Vater tot, mein kleiner Bruder—“

Ich muss aufhören, durchatmen. Jetzt ist nicht die Zeit für Tränen.

„Ich muss Leidinger finden, und das so schnell wie möglich. Wenn er abhaut…“ Es fühlt sich an wie eine Lüge.

Das ist nicht der Grund, wieso ich Eile habe. War es nie.

„Ich habe fünf Jahre verschwendet, weil ich zu blöd war, um aus einem Gefängnis auszubrechen“, spucke ich die Worte aus. „Jeder einzelne verdammte Tag, an dem der Bastard frei rumrennt und ein glückliches Leben lebt, ist ein weiterer Tag, an dem ich versagt habe.“

Mein Geständnis wird mit Schweigen beantwortet. Als ich wieder hochsehe, wechseln Valentin und Joyce wieder einen Blick. Schließlich seufzt er und nickt.

„Okay. Falls dein Treffen mit Dahlia heute nichts bringt, schicken wir dich zu Nicht-Ich.“

Erleichterung überkommt mich. Ich lächle ihn ehrlich an. „Danke.“

„Falls“, betont er.

„Hoffen wir, es kommt nie dazu“, sage ich grinsend.

„Dein Zug fährt in…“ Joyce wirft einen Blick auf die Uhr, „…einer halben Stunde. Mach dich fertig.“

Ich springe auf. Mein Herz klopft schnell gegen meine Rippen. „Danke“, sage ich noch einmal, und beeile mich, meine Sachen packen zu gehen.

Viele Besitztümer habe ich ohnehin nicht. Ich hole meinen Rucksack, überprüfe aus Gewohnheit, wie viel Geld ich noch habe, und bin kaum zwei Minuten später wieder draußen im Wohnzimmer.

„Da ist jemand aufgeregt.“ Soren grinst und wirft einige Karten auf den Stapel in der Mitte.

„Nur ein wenig.“

Ich bekomme das Grinsen nicht mehr von meinem Gesicht und stillstehen kann ich auch nicht.

„Einen Moment noch.“

Wieder kommt Joyce’s Stimme von hinter mir, wieder zucke ich zusammen. Sie drückt mich auf eines der Sofas hinunter und dreht mein Gesicht zu sich. „Wir können dich mit der Narbe nicht gehen lassen. Es ist einfacher, wenn dich niemand erkennt.“ Sie tupft etwas Make-Up auf mein Gesicht und verwischt es. „Fass dein Gesicht nicht an, lass es nicht nass werden. Und wenn du beim Blütenblatt bist, sieh zu, dass du von oben bis unten schwarz anhast.“

Ich hinterfrage es nicht, zupfe nur an meinen Ärmeln und Nagelbetten, bis sie fertig ist.

„Und jetzt raus mit dir, du siehst aus, als würdest du gleich explodieren“, sagt sie und knufft mich in die Schulter.

Ich springe auf und hechte zur Tür. „Tschüss! Danke für alles!“

Das Trio antwortet beinahe im Chor, „Stirb nicht!“

„Ruf mich an, wenn du fertig bist“, ruft Valentin mir nach.

„Pass auf dich auf“, kommt von Joyce.

Die Tür zwischen uns schließt sich.

Teil 6.6

Kleine Tropfen prasseln gegen das Glas des Zugfensters. Gewitterwolken brauen sich zusammen und malen den Himmel pechschwarz an, als würden keine Sterne existieren. Dunkle Gebäude mit hellen Fenstern ziehen vorbei, hinter mit Graffiti beschmierten Schallschutzwänden. Ich lese den Namen Schalk einige Male und muss lächeln.

Der erste Zug kommt in einigen Minuten am Bahnhof an. Dort habe ich eine halbe Stunde Wartezeit, bis der nächste Zug mich zu Dahlia bringt. Von ihr bekomme ich endlich Antworten, und wenn nicht, dann von Nicht-Ich.

Die Stadt draußen wird erst von einem Gebäude, dann von einem Bahnhof überdeckt. Ich stehe auf, schwinge den Rucksack auf die Schulter und verlasse den Zug.

Es fühlt sich seltsam an, wieder unter normalen Leuten zu sein. Niemand starrt oder ruft die Polizei und ich muss mir keine— weniger Sorgen machen, ausgeraubt oder attackiert zu werden.

Ich bleibe am Bahnhof, setze mich auf eine der Bänke und stehe fast sofort wieder auf, als mein Hosenboden durchweicht wird. Natürlich, der Regen…

Ich bleibe stehen, bis ich mir absolut sicher bin, dass ich alleine auf dem Bahnsteig bin, dann schmelze ich die Handläufe von allen Bänken ab, in Ehren von Erna. Sie hat sich gerne darüber beschwert, dass die nur dazu da sind, um Obdachlose davon abzuhalten, darauf zu schlafen.

Das Schrottmetall werfe ich neben die Schienen, dann mache ich mich auf den Weg zum Gebäude, das an den Bahnhof anschließt. Es ist eine kleine Gaststätte. Zwar brauche ich kein Zimmer, habe aber nicht vor, eine halbe Stunde im Regen zu stehen.

Die Gaststätte ist ein hübsches Plätzchen. Die Empfangshalle ist gemütlich eingerichtet und warm beleuchtet, die Böden mit Teppichen ausgelegt, die Wände tapeziert. Fast tut es mir Leid, mit nassen Stiefeln hier durchzugehen. Ich putze sie ordentlich an der Matte ab.

Rechts im Zimmer ist ein Kamin, in dem fröhlich knisternd ein Feuer brennt. Ohne wirklich zu wissen, wieso, steuere ich ihn an und setze mich davor. Es ist innen nicht einmal wirklich kalt, doch ich halte trotzdem die Hände aus und starre in die Flammen.

Außer dem Knistern des Feuers ist es ruhig. Der Regen trommelt mittlerweile an die Fensterscheiben, ein unregelmäßiger Rhythmus. Trotz meiner Aufregung ist es beruhigend, entspannend.

Im Feuer öffnen sich zwei Münder.

Der erste spricht: Lang können wir nicht bleiben.

Der zweite antwortet: Ich weiß. Nur noch heute Nacht? Die Betten sind so weich…

Wiederum der erste: Meinetwegen. Aber nur ausnahmsweise.

Der zweite: Sobald ich mit der Arbeit anfange, zahl ich dir das zurück.

Der Geruch von Moder und Fleisch fehlt. Inmitten von Aarons Küche sollte es nach beidem riechen, doch nur Rauch füllt meine Nase.

„Du bist die beste“, sagt Quinn und drückt Thana. Sie streicht über ens Haare, lächelt, seufzt. „Sei froh, dass die Brötchen hier so gut sind.“

Ich reiße die Augen auf, hebe den Kopf, der mir auf die Brust gefallen ist. Es ist nicht das Feuer, das spricht, und ich bin auch nicht in Aarons Hütte.

„Quinn?“, frage ich und stehe auf.

Ein bekannter Schopf von verstrubbelten schwarzen Haaren mit ausgewaschenem weißen Streifen dreht sich zu mir, und ein noch bekannteres Gesicht erscheint dahinter. En hat mehr Farbe auf den Wangen, ens Gesicht ist voller, runder.

„Nona?“

Einige Sekunden starren wir uns bloß an, dann wirft en den Stuhl zur Seite und springt auf mich zu. Ens gesamtes Körpergewicht trifft meine Brust, ich falle hinten über und lande lauthals lachend am Boden.

„Du blöde Bitch, ich hab gedacht, du bist tot!“

Quinn drückt mich so fest, dass meine Rippen knacken. Trotz der immer noch schmerzenden Blutergüsse lasse ich es gerne über mich ergehen und drücke en lachend zurück.

„Mann, du bist groß geworden!“, keuche ich und packe ens Gesicht, als würde ich mich vergewissern müssen, dass en echt ist.

„Sagst du! Schau dir die Muckis an!“

En quetscht meinen Bizeps. Ich lache, stehe auf, hebe en von den Füßen und drücke en so fest ich kann. Ich glaube, ens Wirbelsäule knacken zu hören.

„Wo warst du?“

„Eingesperrt“, sage ich und stelle Quinn wieder ab. „Ein paar Jahre lang. Bin seit ner Weile wieder draußen.“

Thana geht auf mich zu, legt beide Hände auf meine Schultern und zieht mich dann in eine Umarmung. Auch sie drücke ich, hänge eine Weile an ihr.

„Und wo wart ihr beide?“, frage ich.

„Wir haben uns verzogen und ne Weile Probleme mit Papierkram gehabt“, erklärt Quinn, „Dadurch, dass wir keine Geburtsurkunden, keine Ausweise hatten… Wir haben jemanden gefunden, der unsere Papiere gefälscht hat, sind eine Weile von Stadt zu Stadt gezogen, und hier haben wir endlich Arbeit gefunden.“ En grinst breit. „Darum sind wir hier!“

Erleichterung überschwemmt mich. „Ich bin froh, dass es euch beiden gut geht.“

„Und wie!“ Quinn fällt mir wieder in die Arme. „Danke, Zunder.“

„Dafür, dass ich euer Zuhause abgebrannt hab?“, frage ich und spüre wieder diesen Kloß Schuld in meinem Hals.

„Genau deswegen“, sagt Thana und klopft mir auf den Rücken. Sie seufzt schwer und fährt sich durch die Haare, die sie kurzgeschoren hat. Der neue Look steht ihr. „Ich brauche eine Zigarette.“

„Deine kleine Sucht frisst an unseren Ersparnissen“, sagt Quinn und stupst ihr den Ellbogen in die Seite.

Sie verdreht bloß die Augen. Wir folgen ihr aus dem Gasthaus und setzen uns unter der Überdachung auf eine der Bänke. Thana betastet verwirrt die Stellen, wo vorhin noch Geländer waren, dann zieht sie eine Packung Zigaretten aus der Tasche und legt eine davon zwischen ihre Lippen. Ich lasse eine kleine Flamme an meinen Fingern angehen und halte sie ihr hin.

„Wann musst du weiter?“, fragt mich Quinn.

Ich werfe einen Blick auf die Uhr, dann auf die Anzeigetafel des Zugs. Er hat Verspätung.

„In zwanzig Minuten.“

En verzieht das Gesicht. „Schon?“

Ich hole mein Telefon aus der Tasche und halte es en hin. En grinst und tippt ens Nummer ein, danach recht en es Thana.

„Wir müssen uns mal ordentlich treffen. Was essen gehen. Bis dahin hab ich bestimmt genug Knete für ein Restaurant“, sagt en.

„Oder ich lade dich ein“, wende ich ein.

„Nichts da! Jetzt hab ich dich wieder, du lässt dich jetzt von mir füttern.“

„Wenn wir schon dabei sind“, sagt Thana, „Wir haben unser Essen stehen lassen.“

Quinn springt auf. „Nicht die Brötchen!“

Thana schmunzelt, als en hastig wieder reinläuft. Ich sehe en ebenfalls nach. Schuld schürt mir die Kehle zu. Zwar war Quinns und Thanas Begrüßung sehr freudig, aber ich komme immer noch nicht darüber hinweg, was ich den beiden angetan habe.

„Ich wollte Quinn seit ens Geburt aus dem Wald bringen“, sagt Thana plötzlich, und unterbricht mich, wie ich im Gedanken eine Entschuldigung zurechtlege. Die wenigen Worte alleine machen einen Großteil von dem aus, was ich aus ihrem Mund gehört habe. Ich warte, leise, als würde ich ein Reh nicht verschrecken wollen. Thana sieht mich einen Moment lang an, dann blickt sie wieder in die Ferne.

„Aaron hat uns dort hingebracht, nachdem Mama gestorben ist“, sagt sie, „Er hatte Angst, uns alle zu verlieren, und hat uns komplett isoliert. Das hier-“, sagt sie und hebt ihr Hosenbein leicht hoch, um ihre Prothese zu zeigen, „-hat seinen Verlustängsten nicht geholfen.“

„Wie ist das passiert?“, frage ich.

„Geburtsfehler“, sagt sie und zieht lange an ihrer Zigarette. „Quinn und Samael waren zu jung, um sich an Mama zu erinnern. Aber ich nicht.“ Ein leichtes Lächeln schleicht sich auf ihre Lippen. „Sie war eine wundervolle Frau. Liebenswert. Sie hat mich beschützt, und das wollte ich an meine Geschwister weitergeben.“

Ihr Gesichtsausdruck verdunkelt sich. Einige Sekunden herrscht Stille, doch ich sage nichts, bis sie weiterspricht, aus Angst ich könnte sie unterbrechen.

„Ich hätte es bei Samael besser machen sollen, aber Aaron hat ihn komplett verzogen. Dafür hab ich es bei Quinn geschafft. Vielleicht war es einfacher, weil Aaron en gehasst hat.“

„Weil en weder Mann noch Frau ist?“, frage ich.

„Weil Mama bei ens Geburt gestorben ist.“

Mein Mund wird trocken.

„Ich wollte en aus dem Wald bringen, bevor es zu spät war.“ Sie lächelt breit. Heutzutage scheint es ihr leichter zu fallen. „Und dann kommt en eines Tages zu mir, nachdem Aaron ein wildfremdes Mädchen entführt hat, und sagt, Ich weiß, wie wir hier rauskommen!“

Sie kichert. Ich lächle sie warm an. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

„Es tut mir wirklich Leid, Thana“, sage ich. „Alles. Das mit Samael, mit dem Waldbrand, mit Aaron—“

„Was hast du mit Aaron zu tun gehabt?“

„Ist er nicht verbrannt? Oder erstickt?“, frage ich verwirrt.

„Nona“, sagt Thana ernst, „Quinn hat ihn getötet.“

Bevor ich ihre Worte verarbeiten kann, legt sie einen Arm um mich und zieht mich zu sich. Ich lege meinen Kopf auf ihre Schulter.

„Wir waren dir nie böse, Nona“, sagt sie und drückt meine Schulter. „Besonders Quinn nicht. Und deshalb tu en den Gefallen, atme durch, und wisch die Schuld von deinem Gesicht.“

Ich schlucke schwer, atme durch.

„Geht doch“, sagt sie zufrieden und lächelt mich an. „Erinner en gar nicht daran. Sei einfach froh, dass wir uns gefunden haben. Die Vergangenheit ist vorbei und es macht keinen Sinn, das nochmal aufzurühren. Wir haben beide schon immer gewusst, dass es dir Leid tut.“

Keine Sekunde später fliegt die Tür auf und Quinn kommt mit drei Tellern nach draußen. En gibt mir einen davon, den zweiten Thana.

„Ich hab nicht gewusst, was du willst, also hab ich einfach von allem eines genommen“, sagt en und beginnt wieder, zu essen.

Ich grinse. „Danke, Stinktier.“

En nuschelt etwas um einen vollen Mund herum. Thana schnaubt. „Red nicht mit vollem Mund.“

Quinn schluckt schnell. „Okay, Mama.“

Thana verdreht die Augen, kann aber das offensichtliche Lächeln auf ihrem Gesicht nicht unterdrücken.

„Welche Arbeit habt ihr gefunden?“, frage ich und nehme einen Bissen von einem der Brötchen. Quinn hatte recht, sie sind unglaublich.

„Ich hab auf nem Schlachthof was gefunden“, erklärt Quinn.

„Und ich hab einen Job im Supermarkt drei Straßen weiter“, sagt Thana.

„Ne Wohnung haben wir auch gefunden!“, sagt Quinn stolz, „So ne richtige, mit Betten und Badezimmer!“

„Klingt Himmlisch“, seufze ich.

„Was ist mit dir?“, fragt Thana.

Ich beiße mir auf die Zunge. „Ich bin noch unterwegs. Solange ich Leidinger nicht gefunden habe—“

„Du suchst noch immer nach ihm?“, fragt Quinn perplex.

Ich beiße mir auf die Zunge und nicke. Noch immer.

„Wenn du mal davon Pause machst, ruf uns an“, sagt Thana sanfter und verstrubbelt meine Haare. Ich grinse.

In dem Moment springt der Lautsprecher am Bahnsteig an und kündigt meinen Zug an.

„Das ist meiner“, sage ich reuevoll. Am liebsten wäre ich einfach dageblieben.

„Wir sehen uns früher wieder, als du denkst“, sagt Quinn optimistisch und knufft mir in die Seite.

„Ich meld mich bei euch, sobald ich’s kann“, verspreche ich den beiden und stehe auf. Während der Zug in den Bahnsteig einfährt, drücken mich Quinn und Thana ordentlich.

„Sei vorsichtig, Zunder“, flüstert Quinn.

„Du auch, Stinktier“, flüstere ich zurück.

Thana streicht mir über die Haare und schenkt mir ein Lächeln. Ich lächle zurück, dann winke ich den beiden und steige in den Zug. Als die Türen zugehen, winken die beiden noch immer.

Teil 6.7

Dahlias Blütenblatt sieht von außen schrecklich unscheinbar aus. Es sitzt ordentlich in der Mitte zweier weiterer Gebäude, die, mit Ausnahme der verdeckten Fenster, genauso aussehen wie der Club. Die Fassaden sind Beige, teilweise abgeblättert. Die Architektur ist altbacken. Wenn mir jemand sagen würde, dass die gesamte Häuserreihe unter Denkmalschutz steht, würde ich ihnen glauben.

Das Blütenblatt steht nur durch die Beleuchtung, das Schild und die Musik heraus. Von außen werfen farbige Scheinwerfer eine Mischung aus samtig rotem und rosarotem Licht auf die Fassade, doch nur gerade hoch genug, um das Schild über der Tür zu erreichen, auf dem in einem simplen Schriftzug Blütenblatt geschrieben steht. Es ist umrundet von einer Menge verschiedener Blumen.

Ich zögere. Meine Jeans und Schuhe sind zwar schwarz, doch mein Shirt ist rot. Ich grabe in meinem Rucksack, bis ich eine schwarze Jacke finde, dann ziehe ich sie über und ziehe sie bis zum Kragen zu. Hoffentlich reicht das.

Ich gehe zur Tür. Mich erwartet ein Türsteher, der mich skeptisch beäugt. „Ausweis.“

„Hab keinen“, sage ich, „Dahlia wollte sich mit mir treffen.“

„Oh, sicher, das sagt jeder. Verzieh dich.“

Ich verdrehe die Augen. „Ich habe heute um ein Uhr früh ein Treffen mit Dahlia. Valentin schickt mich.“

Dieses Mal zögert er. Er öffnet die Tür und sagt etwas zu jemandem dahinter. Keine zwei Minuten später bekommt er anscheinend Rückmeldung, denn er öffnet die Tür und räuspert sich verlegen. „Tut mir Leid wegen der Unannehmlichkeiten.“

„Kein Problem“, winke ich ab und gehe hinein.

Die Atmosphäre überwältigt mich. Das Licht ist sanft und farbig. Die Wände sind mit Vorhängen und Stoffen verhangen, auch von der Decke hängen Samt und Seide. Es macht den Eindruck, als wäre ich gerade in ein riesiges Zelt gegangen. Überall sind Pflanzen, Blumen, in Vasen, in Töpfen, kletternd entlang der Säulen und Wände oder frei hängend von der Decke. Die Luft ist von würzig riechenden Rauch erfüllt, nebenbei das Aroma von Blüten. Bassschwere Musik spielt in jeder Ecke des Lokals. Überall sind Gelegenheiten, sich zu setzen oder hinzulegen; Sessel, Couches, Lounge-Sessel, sogar einige Berge aus Kissen, die einfach am Boden liegen.

Ich verstehe sofort, wieso Joyce mir gesagt hat, nur Schwarz anzuziehen. Die Angestellten tragen prachtvoll farbige Kostüme, allesamt in einer bestimmten Farbe. Sie bedecken recht wenig und sind teilweise durchsichtig. Die Kundschaft ist allesamt in Schwarz. Einige von ihnen vergnügen sich schamlos im Hauptsaal.

„Nona?“, fragt jemand. Eine junge Dame, die kaum älter sein kann als ich, reicht mir ihre Hand. Sie ist in rot gekleidet.

„Poppy“, stellt sie sich lächelnd vor, „Ich bringe dich zu Dahlia.“

Ich schüttle ihre Hand. „Danke.“

Sie führt mich vorbei an einer kleinen Bühne, wo zwei leicht gekleidete Männer gerade für ein ordentliches Publikum tanzen, zu einem abgeschiedenen Teil des Clubs. Sie zieht einen spezifischen Vorhang zur Seite und deutet auf die Tür dahinter.

„Dahlia hat nicht oft Besucher, du Glückliche“, sagt sie und zwinkert mir zu.

„Ich bin geschäftlich hier“, erkläre ich mich schnell. Mir wird heiß unter dem Kragen und ich weiß nicht einmal warum.

„Immer noch Glück gehabt“, flötet Poppy.

Ich räuspere mich nur und gehe durch die Tür.

Dahinter wartet eine kleine, private Lounge. Sie ist gemütlich eingerichtet, einige Sitzgelegenheiten, die im Kreis um zwei Wasserpfeifen stehen. Das Licht hier ist etwas heller, die Musik folgt mir nicht in den Raum.

„Nona“, summt eine sanfte, tiefe Stimme zu meiner Linken. Nur der Ton in ihren Worten lässt einen wohligen Schauer meinen Rücken hinunterlaufen.

Dahlia erhebt sich von einem der Sofas und richtet sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie ist eine ältere Dame mit dunkler Haut, dunklen Haaren und dunkleren Augen. Sie trägt ein ebenfalls dunkles Gewand, das zwar den Uniformen ihrer Angestellten sehr ähnlich sieht, jedoch nicht ansatzweise so durchsichtig ist. Sie füllt es stolz und mit eindrucksvollen Kurven aus. Es ist aber nicht nur ihr Aussehen, das imponiert; es ist ihr Auftreten. Sie bewegt sich langsam, bedacht und elegant wie eine Katze. Ihr Blick schweift von meinem Haaransatz bis zu meiner Schuhspitze. Dafür, dass ich voll angezogen bin, fühle ich mich sehr nackt dabei.

„Dahlia“, sage ich, weil mir sonst nichts anderes einfällt.

„Die Gerüchte um dich werden dir wirklich nicht gerecht“, summt sie und nimmt mein Gesicht in beide Hände. Sie dreht es von einer Seite zur anderen und lächelt dabei auf eine Art und Weise, die es mir schwer macht, normal zu atmen.

„Valentin schickt mich“, bringe ich schließlich heraus.

Sie summt nachdenklich. „Valentin…“ Sie lässt noch einmal den Blick über mich schweifen, betrachtet meine Arme, mein Gesicht. Dann schmunzelt sie. „Hätte ich mir denken können. Du bist seine Freundin, oder?“

Ich zögere. Ob ich mich und Valentin wirklich Freunde nennen würde? Schließlich entscheide ich, dass es in Wahrheit nur darum geht, ob er mich hierher geschickt hat, und nicke.

„Ich brauche deine Hilfe, um jemanden zu finden.“

Dahlia übergeht mich. „Du hast echt Glück mit ihm. Ich habe ihm so einiges beigebracht und er war ein fantastischer Schüler.“

Irritiert blinzle ich sie an, bis ich verstehe. „Ich bin nicht- Sekunde, du und Valentin waren zusammen? Bist du nicht mindestens zehn Jahre älter als er?“

Dahlia lacht. Es ist ein volles, samtenes Geräusch. Sie setzt sich wieder, streckt ihre Beine am Lounge-Sessel aus. „Mindestens zehn Jahre ist so höflich formuliert, Süße. Valentin ist was, sechsundzwanzig? Ich bin… sagen wir, ich bin irgendwo in den Fünfzig drin.“ Sie summt wieder, greift eines der Mundstücke der Wasserpfeife und steckt es zwischen die Lippen.

Ich setze mich ihr gegenüber. Sie atmet tief ein und pustet etwas Rauch in meine Richtung. Ich wische mit zwei Finger durch die Luft und lasse ihn in einer kunstvollen Spirale vergehen. Dahlia sieht ihm amüsiert nach.

„Aber um deine Frage zu beantworten, nein, wir waren nicht zusammen. Er hat mich bezahlt, damit ich ihm beibringe, was ich weiß. Manche von seinen Arbeiten haben verlangt, dass er Leute im Bett beeindruckt, damit das Bettgeflüster leichter abläuft.“

Sie grinst mich an und lehnt sich vor. „So zwischen Frauen, wie gefällt dir denn sein Piercing?“

„Wir sind befreundet, nicht zusammen”, korrigiere ich sie und versuche nicht rot zu werden bei dem Gedanken, wo Valentins Piercing sein muss. Ich verscheuche den Gedanken. „Ich suche nach jemanden.“

„So weit waren wir schon. Details, bitte.“

„Er heißt Leidinger und hat bei der ZEHFA gearbeitet. Vor sechs Jahren—“

Dahlia hebt ihre Hand. „Ich weiß genau, von wem du sprichst.“

Ich blinzle überrascht. „…wirklich?“

„Ja.“ Sie verzieht ihr Gesicht. „Er hat eine meiner Blumen geschwängert.“

Blumen?, denke ich, und schließe, dass sie so wahrscheinlich ihre Prostituierten nennt.

„Weißt du, wo er ist?“, frage ich hoffnungsvoll.

Sie sieht mich mitfühlend an. „Schätzchen, es tut mir Leid. Das ganze ist vor fast zwanzig Jahren passiert.“

Zwanzig Jahre. Damals war ich drei. Hatte noch eine Familie und ein Zuhause.

Ich fahre mir durch die Haare und lecke unwillkürlich über meine Vorderzähne. Frustration klammert sich an mich und quetscht meine Kehle, bis ich daran ersticke.

„Sein voller Name ist Anton B. Leidinger“, sagt Dahlia. Es liegt ein fast mitleidiger Ton in ihrer Stimme. „Er war eine Weile hier Stammkunde. Hat nach dem seltsamsten Mist gefragt… dann hat er mein armes Schneeglöckchen geschwängert und ist ohne Kommentar verschwunden“, schimpft sie.

„Weiß dein Schneeglöckchen, wo er sein könnte?“, frage ich und klammere mich an die letzte Hoffnung, die hier noch besteht.

Dahlia lächelt. „Wenn sie es wüsste, hätte sie das Baby nicht all die Jahre alleine aufgezogen, Süße.“

Ich senke den Kopf in meine Hände. Jetzt kann ich nur noch auf Nicht-Ichs Hilfe hoffen.

„Ich weiß noch, wie er ausgesehen hat“, bietet Dahlia an, „Hochgewachsen und dürr. Bleich. Schwarze Haare.“

Langsam zwinge ich mich zum durchatmen und hebe das Gesicht wieder von meinen Handflächen. „Danke, Dahlia.“

Sie winkt ab. „Eine Freundin von Val ist eine Freundin von mir. Ich hab dem Burschen sowieso noch einen Gefallen geschuldet“, sagt sie und grinst mich dann an. „Oh, und wenn du zu ihm zurückkommst, sag ihm, Luzifer lässt ihn grüßen.“

„Luzifer? Ist das auch eine Blume?“, frage ich.

Dahlia bricht in Gelächter aus. Ich sehe sie verwirrt an, doch sie winkt bloß wieder ab. „Süße, du gefällst mir. Lass dich mal wieder hier blicken.“ Sie lehnt sich vor und sieht mich durchdringend an; wieder läuft mir ein Schauer den Rücken hinunter. „Wenn du möchtest, wartet hier ein Platz im Blumenkranz. Du würdest gut hier reinpassen, Gloriosa.“

Teil 6.8

Joyce hält sich den Magen und schnappt nach Luft. Nick und Soren klammern sich aneinander, und Glitzer schlägt mit der flachen Hand auf Nicks Rücken. Alle von ihnen kommen aus dem Lachen kaum heraus.

„Was ist so lustig?“, frage ich verwirrt. Valentin presst die Lippen zusammen und sieht trotz seines ewigen Lächelns etwas säuerlich drein.

Ich habe denselben Weg von Dahlia wieder zurückgenommen, nur zwischendurch in der Gaststätte übernachtet, wo ich auch gleich Thana und Quinn angerufen habe, obwohl es erst ein paar Stunden her war, seitdem ich sie gesehen habe. Gleich danach habe ich Nat angerufen und ihr alles von Dahlia erzählt. Am nächsten Morgen habe ich dann meinen Weg zu der Basis von den Zwillingen zurückgefunden und, wie Dahlia es mir gesagt hat, Grüße von Luzifer ausgerichtet.

Soren holt tief Luft und versucht, für eine Erklärung anzusetzen, bricht aber nur wieder in Gelächter aus. Joyce ist die erste, die sich fängt. Sie setzt sich neben mich, zieht ihr Telefon aus der Tasche und beginnt, ihre Bilder zu durchsuchen.

„Luzifer“, erklärt sie, „ist das, was sich Val in seiner goth-Phase genannt hat.“

Ich versuche wirklich, ein Lachen zu schlucken, doch die Vorstellung von dem überkorrekten Valentin als Goth ist zu lustig.

„Ernsthaft?“, frage ich ihn. Er presst nur wieder seine Lippen zusammen und tut so, als hätte er etwas auf seinem Telefon zu lesen.

„Hier, schau“, sagt Joyce.

„Wehe“, sagt Valentin plötzlich aufmerksam und versucht, nach ihrem Telefon zu greifen.

Sie zieht es weg und hält es mir hin. „Schnell“, zischt sie; es sind Bilder von einem jüngeren Valentin, vielleicht sechzehn, mit geglätteten Haaren, zu viel Eyeliner,  Netzhandschuhen und von oben bis unten in Schwarz gekleidet.

Ich breche in Gelächter aus. Valentins Gesichtsausdruck macht das Ganze auch nicht besser. Es ist beeindruckend, wie angepisst er aussehen kann, ohne einen Moment lang seine Mundwinkel sinken zu lassen.

Ich kann es mir nicht verkneifen. „Ist das auch, wo dein Piercing herkommt?“

Das Trio, das sich mittlerweile etwas beruhigt hat, bricht abermals in schallendes Gelächter aus.

„Stopp“, winselt Glitzer, „Ich piss mich an!“

Ich kichere und grinse Valentin frech an. Er verdreht die Augen. „Ich hab es mir anders überlegt. Ich schulde dir gar nichts mehr.“

Joyce streckt die Zunge heraus. „Dann helfe ich ihr, nur aus Trotz.“

Valentin kneift sich in die Nasenbrücke und seufzt. Joyce grinst mich an und zwinkert mir zu. Ich zwinkere zurück.

„Nicht-Ich!“, sagt Valentin laut und klatscht in die Hände. „Reden wir darüber. Ist für mich persönlich viel angenehmer.“

„Spaßverderber“, sagt Nick von der Seite.

„Was ist an ihm so schlimm?“, frage ich.

Joyce und Valentin werfen sich schon wieder einen undeutbaren Blick zu.

„Ich glaube, es ist einfacher, wenn du es selbst herausfindest“, sagt Joyce schließlich vorsichtig, „Sonst geben wir dir vielleicht falsche Ideen.“

Valentin nickt, sieht zu dem Trio hinüber.

„Er ist so ein Arschloch!“, ruft Glitzer sofort empört.

„Verdammt gruselig“, stimmt ihm Soren zu. Es ist eines der seltenen Male, dass sich die beiden über irgendetwas einig sind.

„Er ist gut darin, Leute zu reizen“, fügt Nick überlegter hinzu, „Besser als du.“

„Ich bezweifle das“, sage ich großspurig grinsend.

Valentin schüttelt den Kopf und lehnt sich vor, verlangt meine gesamte Aufmerksamkeit in einer kleinen Bewegung. „Du darfst ihn nicht unterschätzen. Sein gesamtes Business läuft nur, weil er Leute dazu bringt, unüberlegte Dinge zu tun.“

„Deshalb wollt ihr mich nicht hinschicken?“, frage ich. Langsam macht ihr Zögern mehr Sinn.

Valentin nickt. „Er wird dich reizen. Wenn er kann, bringt er dich zur Weißglut. Denk drei mal über das nach, was du zu ihm sagst. Er kann mit jedem kleinsten Bisschen Information etwas anfangen.“

„Und wenn sie etwas über Leidinger oder über dich weiß, dann wird sie genauestens wissen, wie sie dich ködert.“

„Sie? Er? Was jetzt?“, frage ich.

Wieder tauschen die Zwillinge einen Blick.

„Das siehst du dann schon“, sagt Valentin.

Ich schlucke schwer. „Wann gehe ich?“

Joyce sieht zu Valentin, der für eine unangenehme Länge schweigt.

„Valentin Tobias-Marko Quintieri“, sagt Joyce streng.

„Joyce Linnea-Sophie Quintieri“, sagt er im selben Tonfall.

„Wann hab ich dir gesagt, du sollst das Treffen organisieren?“

„Vor zwei Tagen und circa zwei Stunden.“

„Wieso hast du es dann bis jetzt nicht getan?“

„Ich hatte gehofft, es kommt nicht dazu.“

„Ausreden“, sagt Joyce unwirsch und schnippt gegen seine Stirn.

„Ich mach schon“, sagt er und verdreht die Augen.

Ich muss lächeln. Vielleicht sind die Quintieris Bosse, aber zuallererst sind sie Geschwister.

Teil 6.9

Nicht-Ich scheint mich unbedingt treffen zu wollen, denn es dauert keine zehn Minuten, bis Valentin ein Treffen vereinbart hat, und es ist direkt am nächsten Tag, noch dazu in aller Früh.

„Du wirst eine Weile dorthin brauchen. Mindestens eineinhalb Stunden mit dem Zug“, erklärt mir Joyce, die auf dem Zugplan, den sie mir für Dahlia gegeben hat, nun eine zweite Strecke einzeichnet. Sie ist mehr als doppelt so lang wie die erste. „Dann etwa eine Viertelstunde zu Fuß.“

„Gibt’s da auch einen Dresscode?“, frage ich witzelnd.

„Worin willst du begraben werden?“, fragt sie.

Ich lache, aber der Satz verbittert es mir. Ein flaues Gefühl sitzt in meinem Magen und kratzt an meinen Innereien. Nicht nur, dass ich hoffen muss, dass Nicht-Ich etwas über Leidinger weiß; ich muss auch noch aufpassen, dass sie mich nicht umbringt.

„Nona“, sagt Joyce plötzlich mit gesenkter Stimme, „Ich weiß, du hast wahrscheinlich schon die Ohren voll davon, aber Nicht-Ich ist…“ Sie ringt um Worte. „Sie bohrt sich in deinen Kopf hinein. Einem kommt es so vor, als könnte sie Gedanken lesen, aber erinner dich, sie kann es nicht.“

Sie faltet langsam, beinahe andächtig den Zugplan, dann die Stadtkarte, und reicht mir beides. Dabei legt sie ihre Hände über meine. „Das, was Val gesagt hat, ist wahrscheinlich der beste Rat, den du nehmen kannst. Denk drei Mal darüber nach, was du sagst. Atme durch. Lass dich nicht vom Thema abbringen.“

Ich nicke und nehme es mir zu Herzen.

Was für ein Monster muss sie sein, dass Valentin und Joyce beide Angst vor ihr haben?

„Ich tu mein Bestes.“

Joyce scheint das genug zu sein.

Ich beschließe, den Rest des Tages hier zu verbringen. Das Trio ist unglaublich unterhaltsam, insbesondere wenn Glitzer und Soren wieder ihren Wortschatz erweitern, nur um einander zu beschimpfen.

„Ihr beide benehmt euch wie ein altes verheiratetes Paar,“ sage ich in einem der seltenen Momente, in denen sie sich nur physisch auf die Nerven gehen.

Glitzer macht Würgegeräusche. Soren grinst stattdessen, packt seine Hand und küsst seinen Handrücken. „Natürlich! Er ist mein geliebter Mann.“

„Ich würde mich lieber umbringen,“ sagt Glitzer und zerrt seine Hand weg.

„Das sagst du nur, weil du sauer bist, Baby,“ flötet Soren und knutscht seine Wange. Als Antwort verpasst ihm Glitzer so eine Hinterkopfschelle, dass Sorens Kopf nach vorne zuckt. Bevor Soren sich wieder fassen kann, ist Glitzer schon losgelaufen und rast mit einer Geschwindigkeit, die ich so noch nie gesehen habe, raus aus dem kleinen Zimmer und durch die Garage. Soren hetzt ihm zwar nach, kommt ihm aber nicht einmal im Geringsten hinterher.

„Sind die immer so?“, frage ich Nick schmunzelnd.

Er verdreht grinsend die Augen. „Jeden Tag. So zeigen sie sich gegenseitig Zuwendung.“

Von draußen hören wir einige Fetzen von Beleidigungen und Flüchen.

„Wie ist er eigentlich auf Glitzer gekommen?“, frage ich Nick nach einer Weile.

Er lächelt etwas verlegen. „Das ist auf meinen Mist gewachsen. Er ist eine ganze Zeit Grünling oder Grüner genannt worden, wegen seiner Haare,“ sagt er und deutet auf seine eigenen, „Wie wir uns getroffen haben, ist er gerade durch eine Fensterscheibe gesprungen und hatte lauter Glasscherben in den Haaren, die ein bisschen wie Glitzer ausgesehen haben. Ich hab ihn gefragt wie er heißt, er hat auf seine Haare gedeutet, und weil ich rot-grün Farbenblind bin, hab ich ihn Glitzer genannt.“

Ich lache laut auf. „Da kann ich wegen meinem Kosenamen froh sein.“

„Er stört ihn überraschenderweise nicht,“ sagt Nick.

„Weißt du, wie er wirklich heißt?“, frage ich.

Er schüttelt den Kopf. „Ich glaube, er hat sich noch keinen Namen ausgesucht.“

Ausgesucht?, frage ich mich selbst, und erinnere mich im selben Moment an die Narben unter seiner Brust. Ah.

„Mein echter Name ist auch eigentlich Nicolas,“ sagt Nick beiläufig, „Aber niemand nennt mich so.“

Ich summe nachdenklich und suche wieder nach einem Namen in meinem Kopf. Ishan. Priya. Mein eigener Name sträubt sich. Der meines Vaters…

„Theo,“ flüstere ich.

„Hä?“

„Der Name von meinem Vater“, erkläre ich. „Er… er ist mir bis jetzt nicht eingefallen. Theodor.“

Nick sieht mich überrascht an. „Ist sonst noch was hochgekommen?“

Ich schüttle den Kopf, aber es stimmt nicht ganz. Mir ist eingefallen, dass die Ruine von meinem alten Zuhause noch immer stehen könnte, und ich sogar noch weiß, wo sie ist.

Ich werde von rapiden Schritten aus den Gedanken gerissen. Glitzer sprintet wieder hinein, springt, stößt sich von der Wand ab und krabbelt auf den Kühlschrank. Bis Soren ihm hinterhergekommen ist, sitzt er zusammengekauert oben und zeigt ihm beide Mittelfinger.

„Du kleines, krabbelndes Arschloch“, sagt Soren ungläubig lachend.

Ich dränge den Wunsch, mein altes Zuhause zu besuchen, in meinen Hinterkopf zurück, neben den Wunsch, Red und Elias zu finden.

Nachdem ich bei Nicht-Ich war, kann ich mich darauf konzentrieren, aber Rache hat Priorität.

Teil 6.10

Mir fällt erst im Zug ein, dass ich das Trio nicht nach ihren Nummern gefragt habe.

Die Fahrt ist genauso entspannend wie die, die mich zu Dahlia gebracht hat, aber dieses Mal hat sich die Aufregung und Nervosität so fest in meine Knochen gefressen, dass meine Hände zittern, obwohl ich stillsitze.

Das hier ist meine beste Chance. Wenn ich hier keine Antworten finde…

Ich schüttle den Kopf, schultere meinen Rucksack, stehe auf und gehe ins nächste Abteil. Zwar sind überall Sitze frei, aber wenn ich mich nicht bewege, habe ich das Gefühl, dass unter meiner Haut wütende Hornissen surren.

Ich öffne die Tür zum nächsten Abteil, gehe in die obere Etage, an allen leeren und teilweise gefüllten Sitzen vorbei, auf der anderen Seite zurück nach unten und weiter in den folgenden Wagon. Erst dort bemerke ich, dass ich verfolgt werde.

Die Tür schlägt hinter zwei Leuten zu, die mir gefolgt sind. Ich tue so, als hätte ich sie nicht bemerkt, gehe ans Ende des Abteils. Sobald sie mich nicht mehr sehen können, drehe ich mich auf dem Absatz um und gehe auf die obere Etage, wo ich meinen Rucksack ablege. Von dort aus sehe ich den beiden zu, wie sie die Tür zum nächsten Wagon öffnen und verwirrt dreinschauen.

Ich stampfe die Stufen wieder hinunter, lehne mich in dem kleinen Korridor vor der Tür an beide Wände und sage laut, „Kann ich euch helfen?“

Beide zucken zusammen, wirbeln um und starren mich mit weiten Augen an. Ein Mann, eine Frau, er dunkelhaarig, sie blond. Beide haben Tücher um Mund und Nase gebunden.

Sie wechseln einen Blick, dann zückt der Mann eine Waffe.

Er setzt zwei Schüsse in die Decke und brüllt, „Alle sofort raus hier!“

Hinter mir schreit einer der Passagiere auf. Nach einem Moment von Schock stehen die ersten auf und rennen weg, was den Rest auch dazu ermutigt, die Beine in die Hände zu nehmen.

Ich beobachte die Menschen, bis der Letzte verschwunden ist, und drehe mich dann zu den beiden Bewaffneten um. „Und? Wie viel ist mein Kopf mittlerweile wert?“

„Fünfundvierzigtausend,“ sagt die Frau, zückt ihre Waffe und richtet sie auf meine Stirn. Ich reagiere instinktiv, presse ihr Handgelenk seitlich gegen die Wand. Der Knall scheint mein Trommelfell zu zerreißen, es kreischt in meinem rechten Ohr. Ich weiche einen halben Schritt zurück und trete ihr so fest ich kann in den Magen.

Sie fällt rückwärts gegen ihren Kollegen, der sie wie eingeübt auffängt und ebenfalls die Waffe auf mich richten will. Bevor er dazu kommt, schicke ich eine Flammenwand auf sie zu, die sie innerhalb von Sekunden verschlungen hätte. Sie reagieren beide schnell genug, hechten in den nächsten Wagon und knallen die Tür zu, die die Flammen auffängt. Das Plastik schält sich vom Metall. Der Geruch sticht in meiner Nase.

Ich hechte zur Seite, bevor sie überhaupt dazu kommen, ihre Waffen zu richten. Drei Schuss durchdringen das kleine Fenster in der Tür und schlagen wirr im Abteil ein. Fetzen von Polsterung fliegen aus den Sesseln. Ich werfe einen schnellen Blick auf die Uhr meines Brenntelefons und seufze. Noch eine halbe Stunde, bevor ich da bin.

Ich warte, bis ich die Tür höre, und wiederhole dasselbe Manöver noch einmal, aber auch dieses Mal sind sie die Kopfgeldjäger schnell genug und verstecken sich hinter der Tür. Dieses Mal zögern sie nicht, reißen die Tür wieder auf, sobald die letzte Flamme vergangen ist, und setzen zwei Schuss in meine Richtung. Ich schaffe es gerade noch so, zur Seite zu stolpern. Die Frau hechtet ins Abteil, aber ich gebe ihr keine Chance, um auf mich zu zielen, und hechte in die obere Etage.

Was jetzt?

Ich höre unter mir Schritte, doch nur ein Paar. Der Mann taucht direkt vor mir auf und richtet wieder seine Waffe auf mich. In dem Moment ruckt das gesamte Abteil zur Seite. Wir verlieren beide das Gleichgewicht; er drückt ab, ein Knall, neben mir wird ein Teil des Sitzes herausgerissen.

„Verdammt, hör auf, deine Munition zu verschwenden!“, ruft die Frau direkt hinter mir. Ich lasse mich zur Seite fallen. Ihr Schuss durchlöchert die Sitze, hinter denen ich geduckt bin, und schlägt direkt neben meinem Oberkörper ein.

Ich trete weit und niedrig aus. Eine Welle aus Flammen breitet sich entlang des Bodens aus, drängt die beiden Kopfgeldjäger zurück, von der oberen Etage hinunter. Es gibt mir genug Zeit, um mich aufzurappeln, auf den Sitz zu springen und beide Hände gegen die Decke zu pressen.

Ein Knall unter meinen Füßen lässt mich zusammenzucken. Eine Kugel jagt durch den Boden und schlägt einen halben Meter neben meinen Händen in der Decke ein. Drei weitere Schüsse werden durch den Boden gefeuert, bis ich es endlich geschafft habe, ein Loch in die Decke zu schmelzen. Gleichzeitig das Flächenfeuer am Boden aufrechtzuerhalten, ist weniger anstrengend, als ich erwartet habe.

Ich ziehe die Scheibe aus der Decke, ziehe gleichzeitig genug Hitze aus dem Metall, dass ich es ohne Probleme berühren kann— was überraschend leicht geht— und klettere aus dem Wagon oben auf das Dach.

Peitschender Wind trifft mich ins Gesicht. Regen schlägt wütend auf mich ein, durchweicht meine Kleidung und Haare innerhalb von Sekunden. Mich durchzuckt ein unangenehmer Blitz Kälte, der bis in meine Fingerspitzen zieht.

Ich lasse das Feuer auf dem Boden des Abteils auf die Sitze übergehen, gebe die Kontrolle darüber auf, presse die Scheibe von unten gegen das Dach und schweiße sie wieder hinein. Der Regen prasselt auf das geschmolzene Metall ein und verdampft zischend.

Ich nehme mir einen Moment Zeit, um durchzuatmen und mich zu orientieren. Ein weiterer Blick auf mein Brenntelefon verrät mir, dass kaum fünf Minuten vergangen sind.

Ich stöhne genervt auf und wische mir den Regen aus den Augen, mache mir nicht einmal die Mühe, mich aufzurappeln, und bleibe einfach sitzen. Wenn ich noch fünfundzwanzig Minuten aushalte…

Ein Geräusch lenkt meine Aufmerksamkeit zum Ende des Wagons. Über das Heulen des Windes und das prasseln des Regens habe ich es kaum gehört, und denke schon dass ich es mir nur eingebildet habe, bis eine Hand am Rand des Wagons zum Vorschein kommt.

Kurzerhand werfe ich eine Handvoll Feuer darauf, doch die Flammen winden sich im Regen und Wind und verrecken, bevor sie weiter als einen halben Meter kommen.

Der dunkelhaarige Kopfgeldjäger hievt sich von dem Fenster auf das Dach des Abteils, steht wacklig auf und richtet seine Waffe auf mich. Ich laufe auf ihn zu, wohl wissend, dass ich nie im Leben schnell genug sein werde. Er drückt ab— nichts passiert.

„Fuck!“, schreit er und greift nach einem Magazin, aber vergeblich. Ich knalle ihm die Faust ins Gesicht. Er taumelt nach hinten, das Magazin rutscht aus seiner Hand, schlägt auf dem Dach des Zuges auf und fällt dann in die Schwärze neben den Schienen. Der Kopfgeldjäger rutscht von dem Rand und fällt zwischen die beiden Abteile, kann sich gerade noch festkrallen und klemmt sich ein.

Ein Knall durchbricht die Stille. Mein Shirt, das wild im Wind flackert, wird von einem Schuss durchlöchert; ich drehe mich um und finde hinter mir die Frau, wackelig auf den Beinen.

Das Abteil ruckt. Die Frau kommt ins Taumeln, fängt sich wieder und versucht, ihre Waffe wieder auf mich zu richten. Kurzerhand springe ich in den Spalt zwischen den Abteilen, in dem Moment, in dem eine Kugel über meinen Kopf saust. Ich klammere mich an die winzigen Vorsprünge und zwinge mich dazu, nicht nach unten zu sehen, wo die Schienen direkt unter meinen Füßen vorbeirasen.

Ich lande gegenüber von dem Mann, dem ich kurzerhand ins Gesicht trete. Er knallt mit dem Hinterkopf gegen das Abteil, seine Nase steht im falschen Winkel weg. Benommen zückt er seine Waffe, in der immer noch ein leeres Magazin steckt. Ich verwende den Rückzug vom ersten Tritt, klemme sein Handgelenk mit dem Fuß gegen die Wand des Abteils und drücke so lange, bis er seine Waffe fallen lässt.

„Fotze“, faucht er.

„Gleichfalls“, sage ich und beiße die Zähne zusammen. Das Lebende Ding, das unter meiner Haut kriecht und nach Feuer schreit, drückt sich gegen meine Zunge, an die Innenseite meiner Wangen, mein Zahnfleisch. Meine Hände sind nass, kalt, taub und nutzlos, aber mein Mund glüht.

Als die Frau über den Rand späht, reiße ich den Kopf hoch, lege ihn in den Nacken und spucke Feuer. Es reicht zwar nicht einmal bis zu ihren Fußsohlen hoch, doch es erschreckt sie genug, um mir die Gelegenheit zu geben, mich hochzustemmen.

Wir stehen einander gegenüber, der Spalt mit ihrem Kollegen zwischen uns. Der Zug ruckt— wir müssen uns beide abfangen.

„Ich hab mir einen leichten Job erwartet“, sagt sie außer Atem, „Woher zur Hölle kommt das Feuer?“

„Würdest du mir nie glauben“, keuche ich und werfe eine weitere, diffuse Handvoll Feuer auf sie. Sie zuckt zurück und richtet die Waffe auf meine Stirn.

Ein Knall zerreißt das Heulen von Wind und das Prasseln von Regen. Gleichzeitig prallt ein massives Gewicht gegen meine Beine und reißt mich zu Boden. Mein Rücken und Kopf schlagen hart auf. Helle Blitze tauchen vor meinen Augen auf, meine Sicht verschwimmt.

„Ich hatte sie, du Idiot!“, höre ich dumpf die Stimme der Frau. Der männliche Kopfgeldjäger setzt sich auf meine Hüften, zieht ein Messer aus dem Stiefel und zielt auf meine Kehle. Ich fange seinen Stich ab und drücke mit aller Kraft gegen ihn, sein Körpergewicht, den Regen und die Kälte an. Verzweifelt versuche ich, seine Arme zu verbrennen, doch meine Hände sind so kalt, so taub, dass ich bloß leichte Wärme zustandebringe.

Die hellen Punkte in meinen Augen schließen sich zu flackernden Schemen zusammen. Sie wickeln sich um den Hals des Kopfgeldjägers, seine Arme hinunter, bis zu seinen Händen und dem Messer. Sie schmiegen sich an ihn, wandeln sich von weiß zu rot, glühen, flimmern.

Die Flammen umarmen ihn sanft, doch er scheint es nicht mitzubekommen. Zwei Münder öffnen sich im Kopf der Kreatur, die den Mann umschlungen hat.

Sie wispert mir zu.

„Stärker als das.“

Ich konzentriere mich auf die Hitze an meinen Handflächen.

„Stärker.“

Das lebende Ding unter meiner Haut windet sich, faucht, schreit, weint.

Stärker.“

Zischend heiße Flammen sprießen zwischen meinen Fingern hervor. Hassendes, blendendes Blau, wie ich es noch nie gesehen habe, züngelt aus meiner Haut und verkohlt die des Kopfgeldjägers, so schnell, dass seine Knochen zum Vorschein kommen.

Er schreit. Seine Hände verkrampfen sich unwillkürlich, er packt das Messer fester, doch er kann es nicht mehr in Richtung meiner Kehle drücken. Kurzerhand bekomme ich mein Knie unter seinen Magen, trete ihn so fest ich kann, werfe ihn über meinen Kopf.

Er kommt mit einem schmerzerfüllten Keuchen auf. Seine Kollegin starrt mich entgeistert an und muss sich dann fallen lassen, damit die fauchende Zunge aus blauen Flammen sie nicht vollständig verschlingt. Sie schreit auf; trotz ihres Ausweichmanövers habe ich ihren Oberkörper getroffen.

Der Mann hinter mir starrt mich geschockt und verängstigt an. Er strampelt, um auf die Beine zu kommen, doch der Boden gibt ihm nicht genug Halt.

Ich trete aus. Eine weitere Menge von Flammen ergreift ihn und schleudert ihn nach hinten. Er schlittert entlang des Abteildachs und bleibt liegen, sein Oberkörper verkohlt.

Ich laufe ihm hinterher und hole gerade aus, um den letzten Schlag zu tun, als vor meinen Füßen eine Kugel einschlägt. Ich zucke zurück, drehe mich zu der Frau um, doch ihr Blick ruht nicht mehr auf mir, sondern auf irgendetwas hinter mir.

Ich drehe mich um; eiskalte Panik läuft von meinem Scheitel bis in meine Zehenspitzen. Ein Tunnel kommt auf uns zu.

Die Frau und ihre Waffe vergessend renne ich entgegen der Fahrtrichtung des Zugs, so schnell wie mich meine Beine tragen wollen. Die Kopfgeldjägerin hat sich bereits in den Spalt zwischen den Abteilen sinken lassen. Zwischen mir und der Sicherheit liegen gute zehn Meter.

Meine Lungen brennen vor Anstrengung, meine Kehle schmerzt. Meine Füße finden am nassen Metall kaum Halt, ich rutsche immer wieder ab, doch ich lasse mich nicht aufhalten.

Nicht zurücksehen.

Ein Luftzug in meinem Rücken sagt mir, dass meine Zeit um ist. Ich werfe mich auf den Boden, schlittere die letzten zwei Meter und falle in den Spalt hinein.

Ich pralle mit der Kopfgeldjägerin zusammen. Einen Augenblick später trifft uns eine Welle von klumpigem Blut, heiß und klebrig.

Da ist ihr Kollege abgeblieben.

Die Frau schreit, einer ihrer Füße rutscht ab. Ohne nachzudenken packe ich sie und zerre sie wieder hoch, bis sie aufrecht steht.

Sie starrt mich entgeistert an. Ihr Atem geht schwer. „Was… Wieso…?“

Ich antworte nicht. Eiskalter Regen prasselt wieder auf uns ein, als der Tunnel endet und uns wieder den Wolken aussetzt.

Hastig klettere ich wieder auf das Dach des Abteils. Meine Hände verkrampfen sich zu Fäusten, bis meine Fingernägel die Haut an meiner Handfläche durchstoßen. Ich sammle eine kleine Menge an zischenden, fauchenden Flammen an, dessen Blau die annähernde Schwärze der Nacht zerbricht.

Die Kopfgeldjägerin kommt auf der anderen Seite des Spalts wieder zum Stehen.

Ich schlage zu.

Die beiden Abteile knicken wie ein V ein. Ich komme leicht ins Rutschen, fange mich jedoch wieder, als der Wagon mit einem ohrenbetäubenden Krachen wieder auf den Schienen aufschlägt.

Gegenüber von mir steht die blonde Frau auf dem Abteil, das jetzt vom Rest des Zuges getrennt ist. Sie keucht, ihr Atem bildet schnelle Wolken.

Zwischen uns ist das Zischen von Regentropfen, die auf glühendem Metall aufkommen, und das ohrenbetäubende Kreischen der Räder ihres Abteils, die leicht quer auf den Schienen stehen. Sie steht nun breitbeinig, ruhig und stabil, hebt ihre Waffe und zielt auf meine Stirn.

Ich blinzle nicht, auch während der Regen in meine Augen fließt.

Einen langen Moment stehen wir da, dann senkt sie langsam ihre Pistole. Der Abstand zwischen ihrem Wagon und dem Rest des Zuges wird immer größer, doch bevor sie in die Dunkelheit verschwindet, sehe ich noch, wie sie mir zunickt.

Ich nicke zurück und wende mich dan gen Fahrtrichtung.

Der Regen peitscht weiter auf mich ein, doch ich kann mich nur glücklich schätzen, denn er wäscht das Blut von meiner Haut. Es dauert nicht mehr lange, bis ein Kreischen ertönt, der Zug ruckt und dann langsamer wird.

Sobald der Zug endlich stillsteht, rutsche ich vom Wagon hinunter und lande auf einem der Bahnsteige des Bahnhofs. Seelenruhig warte ich, bis sich die Türen öffnen, und ignoriere die verstörten Blicke der Passagiere. Sie halten zu mir so viel Abstand wie möglich.

Werte Passagiere“, sagt die kühle Stimme im Lautsprecher, „Zug R1 kann seine Fahrt aufgrund von technischen Gebrechen nicht fortsetzen. Bitte verlassen Sie den Zug. Bitte steigen Sie nicht mehr ein.“

Ich finde meinen Rucksack in der unteren Etage. Die Leute, die aus dem Abteil gelaufen sind, scheinen ihn heruntergetreten zu haben, wofür ich dankbar bin, denn das gesamte obere Abteil ist verbrannt und mit Rauch gefüllt. So ist er zwar umgeworfen und zertrampelt, aber scheinbar unbeschädigt. Ich nehme ihn, dann verlasse ich das Abteil wieder, spaziere über den Bahnsteig, stelle mich auf die Rolltreppe und lasse mich in die Verbindungstunnel hinuntertragen. Dann spaziere ich zu der Treppe zum Bahnhofsgebäude, daran vorbei und nehme den Aufzug. Nach oben, aus dem Bahnhofsgebäude und in den Regen hinein.

Die Stadt ist schwarz und grau, nass und kalt. Nur selten sind Fenster beleuchtet, selbst die Straßenlaternen scheinen seltsam dimm.

Ich ziehe die Straßenkarte aus der Tasche und folge dem eingezeichneten Weg. Die Viertelstunde Fußweg kommt mir vor wie zwei Minuten.

Schließlich erreiche ich ein Gebäude, dessen Adresse ich mir über die letzten Stunden unvergesslich eingeprägt habe. Es ist unscheinbar; die Fassade ist in einem ausgebleichten Grün gestrichen und platzt an manchen Stellen ab, alle Fenster sind geschlossen und die Vorhänge sind zugezogen. Doch wenn ich eines gelernt habe, dann dass die Fassade eines unauffälligen Gebäudes nichts über die Innenräume aussagt.

Ich klopfe an der Tür. Einige Sekunden lang passiert nichts, dann ertönen Schritte. Das Knacken eines Schlosses ertönt, dann schwingt die Tür auf.

Ein rundlicher, stockiger junger Mann in etwa meinem Alter steht mir gegenüber. Blonde Haare, braune Augen, weiße Haut. Er grinst mich so breit an, dass sein Mund für sein Gesicht zu groß aussieht.

„Nona“, sagt er und hält die Hand aus.

Ich schüttle seine Hand. Plötzlich spüre ich ein seltsam zerrendes Gefühl an meiner Handfläche und dort, wo seine Finger mich berühren. Seine Hand wird dünner, die Finger länger. Seine Haut wird dunkler. Es breitet sich seinen Arm entlang nach oben aus. Er wächst. Die Rundlichkeit verschwindet und wird von Muskeln ersetzt. Letztlich verformt sich sein Gesicht. Es wird schmäler, sein Kiefer wird schärfer, seine Lippen voller, seine Nase bekommt einen Höcker, seine Augen werden mandelförmig. Dunkelbraune, lockige Haare fallen über sein Gesicht und seine Schultern.

„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagt er mit meiner Stimme.

Vor mir steht nicht ich.

Teil 6.11

Ich stehe tropfend in der Mitte eines seltsam gemütlich eingerichteten Büros. Es ist eingeheizt und langsam kommt das Gefühl in meine Hände zurück, doch meine Kleidung ist immer noch durchweicht.

Während Nicht-Ich sich hinter einen Schreibtisch setzt, die Hände unter dem Kinn faltet und mir mit einem hinterlistigen Grinsen zusieht, das einfach nicht in mein Gesicht passt, ziehe ich meine Jacke aus und hänge sie über den gegenüberstehenden Stuhl. Dann hole ich ein kleines Feuer ins Leben und streiche damit durch meine Haare, über mein Shirt und die Beine meiner Hose. So werde ich langsam aber sicher halbwegs trocken.

Nicht-Ich sitzt, beobachtet mich, und sagt nichts.

Die Stille verdickt sich, bis ich Widerstand spüre, wenn ich einatme. „Valentin schickt mich“, sage ich, um sie zu brechen.

„Ich weiß“, sagt Nicht-Ich mit meiner Stimme und beobachtet mich weiter reglos.

Ich setze mich gegenüber von ihr und weiß nicht, was ich mit meinen Händen machen soll. Schließlich verschränke ich meine Arme und lehne mich zurück. Mir selbst dabei ins Gesicht zu sehen ist nervenaufreibend.

„Wen suchst du?“, flötet Nicht-Ich.

„Jemanden namens Anton Leidinger“, sage ich, „Er hat für the ZEFHA gearbeitet, eine ihrer Akten gestohlen, ist geflohen und ist seitdem auf der Flucht.“

Nicht-Ich legt den Kopf schief und sieht mich für einen langen Moment an. „Du verschweigst mir etwas.“

„In der Akte ging es um mich“, sage ich.

Nicht-Ich schweigt.

Ich denke drei Mal darüber nach, ob ich weiterreden sollte, und sage schließlich, „Leidinger war vor zwanzig Jahren in Dahlia’s Blütenblatt. Vor sechs Jahren in, oder in der Nähe der Stadt, in der der Unfall passiert ist“, sage ich, „Ich nehme an, davon weißt du?“

„Ich weiß alles.“

Sie beäugt mich von oben bis unten. Es fühlt sich an, als würden ihre Augen eine Schicht meiner Haut nach der anderen abziehen.

„Gib mir deine Hände“, sagt sie.

Ich löse meine Finger von meinen Armen und lege meine Hände stattdessen in ihre. Sie streicht mit dem Daumen über meine Knöchel, zieht den Rand der Brandnarben nach, die sich über meine Haut kräuseln.

„Er hat versucht, dich umzubringen, Nona“, flötet sie, „Deshalb willst du ihn finden. Weil er deine Familie getötet hat, und dich töten wollte, und weil er das Einzige, was deine Erinnerungen zurückbringen könnte, zu Asche niedergebrannt hat.“

Meine Zunge wird trocken. Ich will meine Hände zurückziehen, doch Nicht-Ich packt sie fester und starrt mir in die Augen.

„Aber das ist alles, was dein Leben bis jetzt war, oder Nona?“, säuselt sie, „Alles um dich verbrennt. Asche zu Asche, Staub zu Staub.“

Meine Kehle wird eng und mir läuft es eiskalt den Rücken hinunter. Die Haare an meinen Armen und in meinem Nacken stellen sich auf.

Nicht-Ich lächelt so breit, dass ihr Mund in ihre Wangen zu schneiden scheint. „Deine Mutter hieß Priya.“

Meine Augen weiten sich. In mir verkrampft sich etwas, als ich meine eigene Stimme ihren Namen sagen höre. Nicht-Ich’s Gesichtsausdruck sagt mir, dass ich mir es ansehen lasse.

„Woher…?“

Nicht-Ich kichert. „Oh, wir kannten uns… sie hat meine Hilfe ziemlich oft gebraucht, nachdem sie aus der ZEFHA wieder draußen war, weißt du. Wir hatten einige sehr angenehme Gespräche.“

Ihr Gesicht verformt sich leicht, graue Strähnen tauchen in ihren Haaren auf. Ich realisiere, was sie vorhat, reiße meine Rechte los, packe instinktiv Quinns Taschenmesser und ramme es zwischen ihren Fingern in den Tisch.

Wehe dir.“

Die Gesichtszüge der Leiche meiner Mutter schwinden langsam zurück in meine. Nicht-Ich packt kurzerhand mein Gesicht. Ihre Stimme wird tiefer, es liegt ein bedrohliches Knurren darin, das bis in mein Mark dringt. „Das war echt unhöflich von dir, Nona.“

Ich bin wie festgefroren. Ich hatte seit meiner Kindheit nicht mehr solche Angst.

Meine Augen flackern nach unten, als ich ein Stechen und etwas Warmes an meinem Finger spüre. Ein Tropfen Blut läuft von der Seite meines Mittelfingers hinunter, benässt den Griff des Messers, den ich immer noch gepackt halte. Die Klinge darunter steckt etwa einen halben Zentimeter tief im Holz des Tisches. Obwohl sie nicht mehr scharf ist, hat die Schneide Nicht-Ichs rechten Mittelfinger erwischt, der ebenfalls blutet.

Ich sehe zu Nicht-Ich hoch, die meinem Blick gefolgt ist und nun sanft lächelt. Sie lässt mich los und lehnt sich wieder zurück. Langsam hebt sie ihre— meine— Hand zu ihrem Gesicht und leckt den Tropfen Blut von meinem Finger.

Zeitgleich verschwindet das Blut von meiner Hand, ein metallischer Geschmack breitet sich auf meiner Zunge aus und der kleine Schnitt brennt.

In Nicht-Ichs Augen liegt nun Zuwendung und Geduld. „Man sieht es dir an, dass du Priya’s Tochter bist. Du bist ihr wie aus dem Gesicht geschnitten“, sagt sie, hebt ihre Zeigefinger und Daumen und rahmt mich damit ein. „Nur die Augen hast du von deinem alten Herren.“

Ich schnaube. „Alles weißt du wohl auch nicht. Seine Augen sind blau.“

Nicht-Ich lacht auf. Es klingt nicht wie ein Lachen, sondern nur wie ein Geräusch.

„Das würdest du dir wünschen, hm? Dass der gute Theo dein Vater ist?“

Ich blinzle verwirrt. „…was?“

Sie grinst breit. Dieses Mal ist es definitiv zu groß für ihr Gesicht. Ich bin mir sicher, dass so viele Zähne nicht in einen Mund passen.

„Oh, oh, oh… Wo soll ich anfangen?“ Sie summt, schließt ihre Lippen um ihre Zähne und legt zwei Finger dagegen. Nach einigen Sekunden, die gespannt sind wie eine Bogensehne, blitzt etwas in ihren Augen auf.

„Es war einmal, vor langer, langer Zeit, vor etwa… dreiundzwanzig Jahren und einigen Monaten… eine junge Dame names Priya. Priya war mit Theo verlobt, und so glücklich, wie es eine Frau nur sein kann. Nur war sie nicht für ihre Schönheit besonders, wie es die Schneewittchens und die Dornröschens dieser Welt wären, nein, nein. Was an ihr besonders war…“ Sie lehnt sich vor und nimmt wieder meine Hand. Dieses Mal ist es sanft, beinahe liebevoll. Sie dreht meine Handfläche nach oben. Ich lasse eine Flamme daraus züngeln.

„Feuer“, murmle ich. Nicht-Ich nickt. „Feuer“, wiederholt sie.

Sie steht auf und beginnt hinter ihrem Schreibtischstuhl auf- und abzugehen. „So kam es also, dass die Organisation ZEFHA auf sie aufmerksam wurde. Und dort traf sie den Bösewicht unserer Geschichte: Dr. Anton B. Leidinger.“ Sie zwinkert mir zu, „Das B steht für Bastard.“

Ihre Haut verzieht sich, wird bleicher. Ihr Haar wird kürzer, dunkler, die Locken verschwinden. Ihre Form verzerrt sich, bis vor mir ein dürrer, hochgewachsener Mann steht. Tiefe Ringe liegen unter seinen Augen.

Seine Stimme ist rau und kratzig. „Anton war genauso seltsam wie sie, hatte dieselbe Kontrolle über Feuer, auch wenn er sie nie benutzt hat. Wer will denn immerhin mehr über seine größte Stärke preisgeben?“, fragt sie und sieht mir vielsagend in die Augen.

Ich sage nichts.

„So hat er sich seine Position erhalten, obwohl er ein echt beschissener Arbeiter war. Sie brauchten Versuchskaninchen, also ließen sie ihn bleiben“, flötet sie. „Heimlich aber dachte er, dass seine Gabe ihn besser machte als alle um ihn. Und dass Priya folglich ihm gehörte.“

Er hört auf, herumzulaufen, und dreht sich zu mir. Seine grauen Augen spiegeln meine.

„Er hat sie vergewaltigt“, sagt er stumpf, „Sie glauben lassen, er könnte sie befreien, und sie dann benutzt, während sie verzweifelt war.“

Er spricht nicht weiter, sondern starrt mich bloß an. Nach einer langen, unangenehmen Stille lächelt er breit und säuselt, „Du hast seine Augen.“

Ich reiße das Messer aus dem Schreibtisch. Nicht-Ichs Blick wird scharf, das Gesäusel verschwindet aus seiner Stimme.

„Priya hat ihr Kind versteckt. Wer will denn schließlich, dass sein Kind von derselben Organisation gefangen wird, die für das schrecklichste Erlebnis seines Lebens verantwortlich ist? Immerhin war es schon früh klar, dass du auch abnormal bist.“

Er macht eine lange Pause, entweder um zu überlegen, oder um mich überlegen zu lassen.

Wut glüht in meiner Kehle. Für so ein Theater habe ich keine Zeit.

„Ich habe von Aaron gehört, weißt du“, sagt er. „Nachdem du geflohen bist, sind deine Lippen ziemlich lose geworden, hm?“ Er schnalzt mit der Zunge.

Deshalb also. Die ZEHFA hat mich in diesem Wald nicht gefunden, und das ist es, was Leidinger wollte. Mich dort verstecken, bis er mich holen kann.

Nicht-Ich scheint mein Schweigen amüsant zu finden, denn er kichert. Sein Gesicht wandelt sich wieder zurück in meines. „Eines muss ich Aaron lassen, er war fähig. Dich so lange zu verstecken…“ Ihre Augen zucken hoch zu meinen, eiskalt. „Wenn man darüber nachdenkt, hat Aaron auf diese Weise bessere Arbeit geleistet, als es deine Mutter jemals getan hat.“

Ich lecke unwillkürlich über meine Vorderzähne. Flüche stecken mir wie brennende Kohlen in der Kehle, doch ich nehme mir Joyce’s und Valentins Rat zu Herzen und halte meinen Mund. Ich beiße fest auf meine Zunge, bis sie blutet.

Nicht-Ich grinst süffisant. Wenn ich raten müsste, sieht man mir an, wie einfach sie mich reizen kann. Ihre Form wandelt sich wieder, schmilzt wie Kerzenwachs. Sie wandelt sich in die verrottete Leiche von Aaron um, seine Wangen eingefallen, sein Gesicht von Maden zerfressen. Tiefe Messerwunden ziehen sich über sein Gesicht und seine Kehle. Zwar kann er die Form nicht lange halten und fällt auf den Stuhl zurück, doch der kleine Anblick von Aarons Gesicht ist genug, um mich wieder nach meinem Messer greifen zu lassen.

„Ganz ruhig“, knurrt Nicht-Ich, die nun wieder aussieht wie ich. Sie braucht einige Sekunden, bis sie sich von dem Schmerz, eine lebende Leiche zu sein, erholt hat. Dann atmet sie durch. Ein entspanntes Lächeln ziert wieder ihr Gesicht.

„Weiter mit der Geschichte“, sagt Nicht-Ich ruhig, „Als unser lieber Anton nach einigen Jahren ihre Notizen zu euch beiden fand, war er äußerst verärgert“, fährt er fort, übertriebenes Mitleid in seiner Stimme, „Sie haben ihn- korrekterweise- für zu labil gehalten, und verheimlicht, dass Priya eine süße kleine Tochter bekommen hat.“

Alles in mir zieht sich zusammen. Ich bin die Konsequenz von dem schlimmsten Moment des Lebens meiner Mutter.

Nicht-Ich gibt mir nicht genug Zeit, um es zu verarbeiten. „Er war schon immer ein Trophäenjäger. Immerhin musste er sich irgendwie an seine Priya erinnern, oder? Genau deshalb hat er die Akten zu ihr und ihrer süßen kleinen Tochter gestohlen, bevor er alles in die Luft gejagt hat.“ Sie packt mein Kiefer und kippt meinen Kopf nach oben, zwingt mich, sie anzusehen. „Du und er hatten einen echt ähnlichen Abgang aus der ZEFHA…“

Ich schlage ihre Hand weg und springe auf. „Halt deinen verdammten Mund“, zische ich.

Sie schlägt mit beiden flachen Händen auf den Tisch und lehnt sich nah genug, damit ich ihren Atem an meiner Wange spüren kann. Ihre Stimme schmerzt an meinem Trommelfell. „Du bist hergekommen, damit ich rede! Also halt die Fresse und lass mich verfickt noch mal reden!“

Sie schubst mich in meinen Sessel zurück und sieht keuchend auf mich herunter. Ich schlucke das Glühen auf meiner Zunge hinunter und starre mit Hass in den Augen zu ihr hoch.

Sie atmet durch. „Er hat sich eine Weile in Grund und Boden gesoffen“, sagt sie ruhig und leise, „Hat Prostituierte gemietet, weil ihn sonst niemand ranlässt, und hat die arme Adelina, das Schneeglöckchen, geschwängert.“

Ihre Haare werden kürzer, dunkler. Ihre Haut wird ebenfalls dunkler, mit Ausnahme einiger Flecken Vitiligo. Eine Locke ihrer Haare ist schneeweiß und fällt verspielt in ihr Gesicht.

„Sie war eine wertvolle Quelle von Information, weißt du“, sagt sie. Langsam kommt das Lächeln auf ihr Gesicht zurück. „Anton hat sich gerne bei ihr ausgeweint… Wäre Priya nicht persönlich zu mir gekommen—“

„Wofür.“

Sie blinzelt. „Bitte?“

„Warum war meine Mutter hier?“

„Etwas gratis Therapie“, sagt sie, und nimmt langsam wieder meine Gestalt an, „Und sie hat mich um Hilfe gebeten, um dich zu verstecken. Aber sie hat meine Antwort aus irgendeinem Grund nicht gemocht…“

Es ist alles zu viel. Mein Kopf weigert sich, all diese Information anzunehmen. Ich will nicht akzeptieren, dass meine Mutter das durchmachen musste. Dass ich das Produkt einer Vergewaltigung bin. Dass Leidinger mein ganzes Leben ruiniert hat, von Anfang bis Ende.

„Ich hätte raten können, dass Anton versuchen würde, dich, deine Mutter und Theo umzubringen“, sagt Nicht-Ich und setzt sich entspannt wieder hin. „Wenn ich dich nicht haben kann, kann dich niemand haben. Was für eine blöde Einstellung.“ Sie seufzt. „Leider hat es nicht funktioniert… Wie schön wäre es denn für ihn gewesen, die Frau, die ihm gehört hat, ihren Mann, der sie von ihm gestohlen hat, ihren Sohn, und seine Tochter, die sie ihm genommen hat, alle auf einmal zu töten?“

„Sie hat nicht ihm gehört“, sage ich, meine Stimme rau und angestrengt, „Und ich bin nicht seine Tochter.“

Mir ist schwindelig. Ich habe das Gefühl, wenn ich versuche, lauter zu reden, muss ich mich übergeben oder zusammenbrechen.

„Und der Brand von deinem Zuhause, richtig?“, übergeht mich Nicht-Ich, „Die ZEFHA hat dich ewig lange aus deinem Zuhause ausgesperrt, gesagt es ist ein Tatort, damit sie es seelenruhig durchsuchen konnten… Genug Zeit für ihn, um etwas Brandstiftung zu begehen, damit du dich nie erinnerst. Ein echt gehetzter Plan, aber wer hätte erwarten können, dass du so einen Autounfall überlebst?“

Ich stütze meine Ellbogen auf den Tisch und presse meine Handballen in die Augenhöhlen, bis ich bunte Formen in der Dunkelheit sehe.

Nicht-Ich klatscht in die Hände und springt freudig auf. „Ich freue mich schon, wenn ihr beide euch wiederseht! Es wird so herzerwärmend werden!“ Sie seufzt theatralisch. „Ich würde ja sagen, es wird wortwörtlich herzerwärmend, so wie du es mit Doktor Senger gemacht hast, aber er hat ja diesen grässlichen Klunker“, sagt sie, und nimmt wieder Leidingers Form an. An seinem Finger steckt ein Ring, in dessen Fassung ein dunkler Kristall steckt. „Er macht ihn komplett Feuerresistent. Kannst du dir das vorstellen? Nie wieder Verbrennungen? Kein Wunder, dass er ihn gestohlen hat.“

Sie starrt vielsagend auf meine Hände und Arme.

Denk drei Mal darüber nach, was du sagst, rufe ich mir Valentins Rat wieder in Erinnerung, doch die Worte haben alle Bedeutung verloren.

„Ich glaub dir nicht“, zische ich, „Ich glaub dir kein Wort.“

„Das liegt bei dir“, sagt Nicht-Ich stumpf.

„Du lügst.“

Schweigen. Ich sehe zu Nicht-Ich hoch, in mein eigenes Gesicht.

„Ich verstehe gar nicht, wieso du so niedergeschlagen bist. Es bedeutet immerhin, dass dein Vater nicht wirklich tot ist!“

Mein Geduldsfaden reißt. Ich knalle beide Hände auf den Tisch und springe auf. „Er ist nicht mein Vater!“

Sie grinst mich bloß an, „Deine Augen sagen etwas anderes. Und nicht nur das hat er an dich weitergegeben. Glaub mir, ihr beide habt ziemlich viel gemeinsam.“

Meine Hände zittern gewaltsam. Ich drücke meine Fingernägel in das Fleisch meiner Handflächen.

„Immerhin habt ihr beide gemordet, damit die Welt sich um euch biegt“, säuselt sie, „Wie viele Menschen hast du getötet, um das zu bekommen, was du—“

Innerhalb eines Wimpernschlags geht meine Hand in Flammen auf. Ich hole aus, weiß nicht einmal, ob ich sie verbrennen oder schlagen will, und knalle ihr die Faust ins Gesicht. Die Flammenwolke trifft sie einen Moment später. Ihre Haut wirft Blasen, so wie sie es tun würde, wenn sie ihre Gestalt wandelt, doch dieses Mal schreit sie. Die Narbe, die über ihr Gesicht verläuft, löst sich unter der Hitze auf und schwindet hinter verbrennender, schrecklich roter Haut, und mit ihr der Großteil ihrer rechten Gesichtshälfte.

Ich spüre den Schlag zuerst.

Schmerz explodiert im meiner Wange, dann beginnt es unter meiner Haut zu kochen. Dort, wo ich sie getroffen habe, stehen plötzlich meine Nerven in Flammen. Hitze frisst sich von innen heraus durch mein Gesicht. Ich schreie auf, doch der Schmerz ebbt nicht ab, wird schlimmer und schlimmer, bis er mich in die Knie zwängt. Meine Haut schmilzt vom Fleisch. Ich schreie, und schreie, und kann nicht aufhören zu schreien, selbst als ich keinen Atem mehr in meiner Lunge habe, schreie ich.

„Es gibt einen Grund, wieso ich immer die Gestalt von meinen Klienten annehme“, zischt er. Ich verstehe ihre Worte durch den ohrenbetäubenden Tinnitus kaum. Mittlerweile ist er jemand anders, irgendjemand großes. Er kniet sich zu mir herunter und packt mein Gesicht, schickt Wellen aus Schmerz aus, wo er mich berührt. Mein Schreien wird zum panischen Wimmern.

„Du hast meine Bezahlung ruiniert“, knurrt er, „Zumindest, bis das verheilt.“

Er lässt meinen Kopf wieder fallen. Ich kauere auf allen vieren, blind und taub und lahm vor Schmerz. Er packt mich am Arm, hebt mich aufwandslos hoch, weil ich mich nicht wehre, nicht wehren kann, schleift mich quer durch den Raum, raus auf den Flur und auf die Straße. Er wirft mich kurzerhand auf den Gehsteig. Mein Kopf knallt auf den Beton. Etwas Warmes fließt meinen Schädel entlang.

„Verzieh dich“, faucht er und knallt die Tür zu.

Die Ohnmacht bleibt mir verwehrt. Wind und Regen zerrt an mir, reibt Salz in die Wunde. Jedes Bisschen Luft, das an der verbrannten Haut vorbeizieht, schickt neue Blitze Schmerz durch mein Gesicht.

Ich spüre meine Hände nicht mehr, drücke sie trotzdem gegen den eiskalten, nassen Beton und hieve mich hoch. Wimmernd halte ich eine Hand vor die rechte Seite meines Gesichts, traue mich nicht, es zu berühren. Während der Rest meines Körpers immer tauber wird, spüre ich von der Wunde immer mehr. Der Schmerz schwillt im Takt meiner Herzschläge an. Es ist trotz des ständigen Regens und des Winds brennend heiß.

Ein Windzug haucht über mich, wirft nadelstechende Regentropfen in die Wunde. Ich will vor Schmerzen aufschreien, aber ich atme nicht, also kann ich es nicht.

Asphalt. Unter meinen Fingern, rau und feucht. Ich kratze darüber, konzentriere mich auf das Gefühl davon unter meinen Nägeln. Zwanghaft atme ich ein, huste Regenwasser aus.

Der Schmerz in meinem Gesicht verschlimmert sich weiter. Er erreicht keine Ebbe, kein Plateau. Ich sehne mich nach der Bewusstlosigkeit, wo nichts schmerzt, wo dieses Brennen in meinem Gesicht nicht existiert.

Ich bleibe wach, komme irgendwie auf die Knie. Mein rechter Oberschenkel sticht höllisch, obwohl es im Vergleich zu meinem Gesicht ein Witz ist.

Zögernd taste ich nach der Wunde, nicht wissend, ob ich mich mit einem Arm aufrecht halten kann. Ich finde mein Telefon in der Tasche, das durch den Sturz zerschmettert ist. Scherben drücken in mein Fleisch.

Ich habe gerade Quinn und Thana verloren.

Meine Innereien verkrampfen sich. Ich beiße meine Zähne zusammen, bis mein Kiefer knirscht, presse die Augen zu und krümme mich. Meine Hände finden automatisch ihren Weg in meine Haare, verkrallen sich darin, zerren, bis es sich anfühlt, als würde sich mein Skalp von meinem Schädel lösen.

Ich atme tief ein, bis mein Brustkorb ächzt, und schreie.

Teil 6.12

Hier ist eine unangenehme Wahrheit: Eine Brandwunde, die die Hälfte deines Gesichts bedeckt, kann nicht unbehandelt verheilen.

Ich finde vor Sonnenaufgang keinen Unterschlupf. Die Blicke von Leuten, die früh das Haus verlassen, um mit ihren Hunden Gassi zu gehen oder zur Arbeit zu fahren, lassen mich kalt. Meine Welt besteht nur aus zwei Gedanken: Schmerz, und dem verzweifelten Wunsch nach einem Dach über dem Kopf.

Bis ich die ersten Anzeichen von einem Untergrundgeschäft sehe, beruhigt sich der Regen einigermaßen und es nieselt bloß noch. Zwar finde ich kein Zimmer für die Nacht, aber die Waffenhändler, über den ich durch puren Zufall stolpere, sind mehr als bereit, mir zu sagen, wo ich schlafen kann.

Zu Mittag finde ich eine kleine Spelunke, die schrecklich nach Rauch riecht. Ich rede mit jemandem, der mir ein Zimmer zeigt, in dem ich schlafen kann. Überraschenderweise macht er keine Probleme, versucht keine Witze zu reißen, und starrt mich nur groß an, während ich ihm Geld für die Nacht gebe und den Schlüssel nehme.

Sobald die Tür geschlossen ist, schütte ich den gesamten Inhalt des Rucksacks aus und suche nach Schmerzmitteln. Ich finde drei verschiedene Arten, die ich vor Ewigkeiten einmal gestohlen habe, kralle von jeder Marke eine Pille aus der Verpackung und schlucke sie auf einmal. Dann lege ich mich auf den Boden auf den Rücken, schließe die Augen und gebe mich der Schwärze hin.

Die Schmerzmittel wirken nicht.  Ich schwebe stundenlang zwischen dem Wachsein und der Bewusstlosigkeit, friere wegen meiner nassen Kleidung, zittere, atme flach. Ich halluziniere Feuer an der Decke, das seine Münder aufreißt, um mich auszulachen.

Das, was mich zum Aufstehen bringt, ist ein Klopfen an der Tür, das ich erst nach dem dritten Mal als keine Halluzination erkenne. Ich öffne sie widerwillig und finde den Mann, der mir das Zimmer vermietet hat, der mir sagt, dass ein voller Tag vergangen ist und ich gehen muss. Ich gebe ihm dieselbe Summe Geld noch einmal und knalle die Tür vor seiner Nase zu.

Hunger zerrt mich zu dem Chaos, das ich aus dem Rucksack geschüttet habe. Das Trockenfleisch, das ich finde, muss ich in winzige Stücke reißen, damit ich den Mund nicht zu weit öffnen muss. Das Kauen schmerzt höllisch. Mein Zahnfleisch ist auf der rechten Seite angeschwollen.

Ich brauche eine volle Stunde dafür.

Zwangsweise gehe ich auf die Toilette. Meine Kleidung ist mittlerweile trocken, also sehe ich keinen Sinn dahinter, mich umzuziehen. Ein weiteres Mal durchsuche ich die Sauerei am Boden, und finde etwas Verbandszeug. Meine Hände zittern so stark, dass ich kaum schaffe, es abzuwickeln.

Zwar habe ich genug Wundauflagen, um mein Gesicht zu bedecken, aber ich zögere. Alles in mir will sich weigern, das verbrannte Fleisch anzufassen, mir noch mehr Schmerzen zu bringen, aber das ist, was man mit Wunden macht, richtig? Sie verbinden?

Ich stelle mich vor den Spiegel im Badezimmer. Mein Auge sieht seltsam milchig aus dem Spiegel zurück, und es sieht aus, als würde es sich in Schichten auflösen. Sobald die Wundauflage meine Haut berührt, zwängt sich ein Wimmern aus meiner Kehle, doch ich beiße die Zähne zusammen und wickle Mullbinde darum.

Wieder nehme ich denselben Pillencocktail wie gestern, in Hoffnung, dass er dieses Mal etwas macht.

Ich hoffe ins Leere.

Der Mann, der mir das Zimmer vermietet hat, taucht nach dem zweiten Tag nicht wieder auf. So packe ich langsam meine Sachen, obwohl mein Gesicht jedes Mal brennt, wenn ich meinen Kopf vorlehne, und bin bei Sonnenuntergang wieder auf den Straßen.

Ich weiß mehr über Leidinger, als ich je zuvor herausgefunden habe, will am wenigsten darüber nachdenken und bin ihm trotzdem keinen einzigen Schritt näher. Wie zur Hölle soll ich herausfinden, wo er jetzt ist? Alles, was mir Nicht-Ich erzählt hat, liegt in der Vergangenheit.

Ich klammere mich so fest an den Gedanken von Rache, dass er beinahe so viel von meinen Gedanken einnimmt wie der Schmerz. Es ist das Einzige, was mich in Bewegung hält, während ich durch den Untergrund wandere und jeden, der es hören will, nach Leidinger ausfrage.

Seltsamerweise möchten nicht viele mit mir sprechen.

Tage streichen vorbei und verschwimmen ineinander. Meine Gedanken kreisen nur noch um Leidinger, um Rache. Jetzt, wo ich weiß, wie er aussieht, stelle ich mir vor, wie ich ihn umbringe, immer und immer wieder.

Mein einziger Anhaltspunkt, wie lange ich Unterwegs bin, ist, wie viel von meinen Geldreserven dabei draufgehen. An einen Raub kann ich nicht einmal denken. Mein Kopf wird immer nebeliger, meine Gedanken ungreifbar, zusammenhanglos. Es kostet mich so viel Anstrengung auch nur einen geraden Satz herauszubringen, dass ich fast nur noch schlafe oder wach daliege und kaum noch mit jemandem spreche. Vielleicht ist es deshalb, dass ich meine brennende Kehle erst so spät bemerke. Mein Hals ist geschwollen und fühlt sich schrecklich an; ich bekomme kein einziges Wort mehr heraus.

Ich finde mich nach Tagen— wer weiß, wie viele— in einem Hotelzimmer wieder und suche nach dem Ding, das sich in irgendeine Ritze verzogen hat, dort verreckt ist und jetzt verwest. Wo soll sonst dieser grausame Gestank herkommen?

Erst, als ich den Badezimmerschrank, den ich nach dem toten Vieh durchsucht habe, wieder schließe, fällt mir auf, dass der Verband an meinem Gesicht nass ist, was seltsam ist, denn es hat seit meinem Zusammentreffen mit Nicht-Ich nicht mehr geregnet.

Ich löse ihn langsam von meinem Gesicht. Er fühlt sich klebrig an. Als ich das erste Stück von meiner Haut ziehen will, löst sich die oberste Schicht meines Fleisches damit ab. Ich schreie vor Schmerz. Aus dem Loch läuft gelblicher Eiter meine Wange hinunter.

Mit zitternden Händen zwinge ich mich dazu, weiterzumachen. Ich muss das ganze Ding von meinem Gesicht bekommen, es ist wo widerlich. Zentimeter um Zentimeter löse ich ab, verkneife mir ein Wimmern, indem ich mir auf die Zunge beiße, bis sie blutet.

Ich keuche und würge. Der Geruch ist unerträglich.

Mit zitternden Händen versuche ich, mit einem Handtuch etwas von dem Eiter wegzuwischen, und muss aufhören, weil der Schmerz so intensiv wird, dass mir Schwarz vor Augen wird und meine Knie einknicken.

Um die Brandwunde herum zieht sich ein rötlicher Ausschlag, der sich entlang meiner Blutgefäße auf meine gesunde Haut ausbreitet und mittlerweile schon meinen Hals erreicht hat. Ich versuche zu blinzeln; meine angeschwollenen Augenlider zucken bloß. Das Auge dahinter ist leicht gelblich und scheint teilweise mit meiner Haut verwachsen zu sein.

Der Anblick ist so widerlich, dass er den Gedanken an Rache komplett auslöscht, und mir bewusst macht, dass ich dieses Problem nicht lösen kann.

Ich taste nach den Scherben meines Telefons in meiner Tasche, das ich immer noch mit mir herumtrage, dann nach dem Geld in meiner anderen Tasche, das ich bis auf einige Münzen vollständig ausgegeben habe. Ich könnte mir nicht einmal ein Untergrundkrankenhaus leisten.

Joyce. Valentin.

Es ist der einzige Weg, der mir noch einfällt. Schwarzfahren mit dem Zug, beten, dass ich mich noch an den Weg zurück zur Basis erinnere, dass sie immer noch dort sind.

Ich packe meine Sachen und verlasse das Hotelzimmer, sobald die Sonne wieder untergeht. Nach einigen Stunden des ziellosen Herumirrens finde ich endlich den Bahnhof, suche mir den Zug heraus, der mich zurück zu den Zwillingen bringt, und warte mit gesenktem Kopf und tief gezogener Kapuze, bis er einfährt.

Ich stolpere in das Abteil, klammere mich an eine Haltestange und rutsche auf den Boden. Keuchend lasse ich meinen Kopf sinken und die Kapuze weiter in mein Gesicht fallen. Meine Sicht verschwimmt, mein Körper will mich in den Schlaf zwingen, doch ich wehre mich dagegen. Ein irrationaler Gedanke überzeugt mich davon, dass ich daraus nicht mehr aufwachen würde.

Irgendwie scheint die Fahrt doppelt so lang zu dauern wie auf dem Hinweg. Ich schwebe in einer seltsamen Trance. Alles um mich herum ist nebelig, ungenau, verwaschen. Irgendwann redet ein Schaffner mit mir, denke ich, doch bis ich das realisiere, sitze ich bereits wieder alleine und bin mir nicht sicher, ob es wirklich passiert ist.

Eigentlich sollte ich die Stationen mitverfolgen, die ich abfahre, doch der Nebel in meinem Kopf ist so dicht, dass ich die Worte nicht verstehe. Zwei Mal steige ich beinahe an der falschen Station aus. Als ich endlich ankomme, überschwemmt mich eine solche Welle an Erleichterung, dass ich am Bahnsteig zusammenbreche und einige Minuten lang reglos liegen bleibe.

Es liegt aber noch eine Menge Fußweg vor mir, und so kämpfe ich mich weiter, obwohl ich kaum gerade gehen kann und mir immer wieder Schwarz vor Augen wird.

Die letzten zwei Straßen klammere ich mich an Wände und Fensterbänke, um nicht umzukippen. Mir will nicht einfallen, wann ich das letzte Mal geschlafen habe, und egal wie sehr ich überlege, ich kann mich nicht mehr erinnern, wie die Basis ausgesehen hat.

Als ich endlich das bemalte Garagentor erblicke, will ich vor Freude anfangen zu heulen.

Ich lehne mich an die Tür daneben, atme durch, sammle den Rest meiner Kraftreserven und knalle meine Faust zwei Mal dagegen.

Sie öffnet sich nach innen. Ich falle hinein, klammere mich an das Shirt von demjenigen, der geöffnet hat, sehe zu ihm hoch, erkenne Nick.

Wieso sieht er so verängstigt aus?

„Hilfe“, krächze ich. Dann springt mir der Boden entgegen.

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