
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Eine gut geölte Maschine
Weißt du eigentlich, was für ein Glück du hast? Weißt du es zu schätzen, dass es dir so gut geht?
Nein, natürlich nicht. Und bis zu einem gewissen Grad, ist das vermutlich sogar ok. Du kennst die andere Seite der Medaille nun mal nicht. Wie solltest du etwas zu schätzen wissen, dessen Gegenteil dir immer unbekannt sein wird? Es ist so, als versuche man Schatten ohne Licht zu definieren.
Aber ich will versuchen, es dir trotzdem begreiflich zu machen.
Die meiste Zeit meines Lebens verbringe ich so wie du. Ich arbeite, gehe meinen Hobbys nach, treffe mich mit Freunden, esse, schlafe, lebe. Doch manchmal, zu ganz besonderen Momenten, verliert sich für mich all das in Bedeutungslosigkeit. Die Welt um mich herum könnte untergehen, ich würde es nur am Rande bemerken, weil ich zu sehr mit etwas beschäftigt wäre, was für dich selbstverständlich ist: Atmen.
Wir tun es tagtäglich, unser ganzes Leben lang, so lange, bis es endet und wir unseren letzten Zug tätigen. Würden wir nicht atmen, könnten wir nicht leben. Atmen, bedeutet leben und doch, bemerken wir es die meiste Zeit nicht einmal. Unser Körper verrichtet diese Arbeit autonom und ohne unser Zutun, wir registrieren es allenfalls mal, wenn wir klare Luft tief in unsere Lungen saugen oder nach sportlichen Aktivitäten oder einem heftigen Lachanfall, nach ihr ringen müssen. Aber sonst? Nein, es geschieht einfach, ununterbrochen, unermüdlich. Eine sauber geölte Maschine, wie der Rest unserer Körperfunktionen.
Solange zumindest, bis sie einmal nicht mehr sauber läuft.
Wie du weißt, lief meine Maschinerie noch nie sauber und problemlos. Sie rattert und stottert und ächzt und bemüht sich Tag für Tag darum, nicht auseinanderzubrechen. In neunzig Prozent der Zeit geht es mir wie dir. Ich bekomme von dem Kraftakt meines Getriebes kaum etwas mit.
Dann jedoch kommt es immer wieder zu diesen Momenten, diesen Minuten und Stunden und mittlerweile gar Tagen, die sich eine Ewigkeit hinziehen, während alles in mir sich dagegen wehrt, auseinanderzufallen, zu zerspringen, in seine Einzelteile zerlegt zu werden. Kurz: zu sterben.
Ja, ganz recht, in diesen seltenen und doch viel zu häufigen Augenblicken, könnte ich sterben. Und soll ich dir was sagen? Manchmal wünschte ich, ich täte es sogar.
Du kannst es dir nicht vorstellen und doch, will ich versuchen es dir zu erklären.
Wenn der Fall eintritt, dass meine Lungen mir ihren Dienst versagen, ist es meist ein schleichender Prozess. Mein Atmen wird von einem leichten Pfeifen begleitet, es fällt mir ein wenig schwerer, nicht viel, nur ein kleines bisschen. Manchmal muss ich zu diesem Zeitpunkt schon unweigerlich husten und ein unangenehmes Kratzen bildet sich in meinem Hals. Unterschwellig, aber penetrant und nervtötend. Ich nehme dann bereits eine andere Position ein, beuge mich nach vorne, versuche dagegen anzugehen. Vergebens.
Nach ein paar Minuten wird es schleichend schlimmer. Aus dem Pfeifen wird ein Rasseln, das Atmen fällt mir bereits zusehends schwerer, ich beginne mich darauf zu konzentrieren, meine Welt verliert an Farbe, da der Prozess, der eigentlich unbemerkt vonstattengehen sollte, um meine Aufmerksamkeit heischt. Das Kratzen wird stärker, der Husten ebenso. Ganz so, als versuche etwas in mir, die beschädigten Teile einfach auszustoßen – was gewissermaßen auch geschieht. Hin und wieder kommt dabei Schleim mit hoch. Das hilft kurzzeitig, aber nie lange genug, dass es einen Unterschied machen würde.
Die Beklemmung in meinen Lungen… als würde ein Elefant auf meiner Brust sitzen. Je weiter der Prozess geht, desto kürzer die Atemzüge werden, desto anstrengender werden sie auch. Ich muss ruhig bleiben, darf nicht in Panik geraten, muss mich auf das Atmen konzentrieren, im Rhythmus bleiben. Tue ich das nicht, wird es schlimmer und viel weniger Luft zu bekommen, kann ich mir irgendwann nicht mehr erlauben, da jeder Atemzug nur noch unter krampfhaften Versuchen, das geringst mögliche Maß an Sauerstoff in mich hineinpumpt.
Ich kann nicht einatmen, da das maximale Volumen erreicht zu sein scheint, aber ich kann auch nicht ausatmen. Es geht immer nur bis zu einem gewissen Punkt – viel zu schnell – ehe ich das Gefühl habe, trotz des kurzzeitigen weiteren Ausatmens, keine Luft mehr aus meinen Lungen herauspressen zu können. Dann: Einatmen – auch das, viel zu kurz – und wieder raus. Und so geht es immer weiter, während meine Umwelt verblasst.
Da bin nur ich, die rasselnden Laute, die ich von mir gebe, die Kopfschmerzen, die langsam einsetzen und mein ebenso schmerzender Körper, der unter der Anstrengung immer erschöpfter wird. Die Sitzposition macht es nicht besser. Vorgebeugt, Ellenbogen auf den Knien, das gesamte Gewicht auf den Armen gestemmt. Anders geht es nicht. Gerade sitzen? Dann wird das Atmen noch anstrengender. Sich irgendwo anlehnen? Hah… guter Witz. Der Elefant steht schon auf meiner Brust, du erinnerst dich? Jeden weiteren Druck, egal wie leicht, versuche ich zu unterbinden.
Kannst du dir vorstellen, wie es ist, so zu schlafen? Natürlich nicht, deswegen verrate ich es dir: Es geht nicht. Liegen bedeutet Druck, Druck bedeutet noch weniger Volumen, bedeutet noch mehr Anstrengung, um das absolute Minimum an lebenswichtigen Sauerstoff in mein Körpersystem zu transportieren.
Also ruhe ich sitzend, vorgebeugt, mit brennenden Schultern und einem steifen Nacken, weil ich bereits Stunden in dieser Position verbracht habe. Frag‘ nicht, wie es ist, zwischendurch auch nur auf die Toilette zu gehen. Jeder Meter ist ein Kampf, nach jedem zweiten oder dritten, wohl bedachten und langsamen Schritt, erfolgt eine Pause. Abstützen an der Wand, vorbeugen, durchatmen. Ich komme mir dann immer vor, wie ein alter Mann, der ich noch lange nicht bin.
Irgendwann reguliert sich die Atmung. Ein bisschen zumindest. Jedes Mal ist der Weg dahin steinig und steil. Ich habe sogar Möglichkeiten entwickelt, doch zu liegen und “richtig“ zu schlafen. Wenigstens ein paar Stunden. Seitlich geht es, mit jeder Menge Kissen, um den Körper in einen annäherungsweise dreißig Grad Winkel zu bringen, ein Arm angewinkelt, auf dem ich mich abstütze, um den Druck auf dem Brustkorb möglichst gering zu halten, was weitere Verkrampfungen nach sich zieht. Aber immerhin bekommt mein Körper ein wenig Ruhe. Durchbrochen von Wachphasen natürlich, immer nur ein, höchstens zwei Stunden am Stück, aber besser als nichts. Obgleich diese Wimpernschläge gleichwohl meist von verstörenden, nicht enden wollenden Träumen begleitet werden.
Oh, und offene Fenster werden bei diesen Gelegenheiten zu meinem besten Freund. Nichts ist schlimmer als stickige, feuchte oder aufgeheizte Luft.
Am nächsten Tag geht es weiter. Häufig wache ich auf und glaube tatsächlich, dass es besser geworden ist. Mein Körper hat Ruhe gefunden, meine Atmung geht nicht perfekt, aber bei Weitem nicht mehr so schlimm wie zuvor. Ich richte mich auf, und allein diese Anstrengung genügt, um mir das Gegenteil zu beweisen. Nichts ist besser, der Elefant ist direkt wieder zur Stelle. Ich weiß, wenn ich jetzt aufstehe, wird er mich niedertrampeln und der Kreislauf des Vortages wird von vorn beginnen.
Aber ich kann nicht ewig liegen, ich muss irgendwann aufstehen. Das bisschen Farbe meiner Welt, ergraut sogleich wieder, mein Denken ist allein auf das beständige Weiteratmen fokussiert, für etwas anderes ist in meinem pochenden Schädel kein Platz – die Kopfschmerzen begleiten mich in dieser Zeit meist ununterbrochen.
Dass ist das Schlimmste, weißt du? Nicht die Atemprobleme selbst, nicht die Schmerzen, nicht das Kämpfen, nein, dass dein ganzes Leben in diesen Momenten – die sich unendlich zu dehnen scheinen – sich einzig darum drehen, dass du weitermachen musst. Dass du atmen musst. Du kannst nicht einfach damit aufhören, auch wenn du es gerne möchtest, weil es so unglaublich anstrengend ist. Du machst einfach immer weiter, selbst dann, wenn kaum mehr Volumen da zu sein scheint, dass du noch füllen könntest und du nur weinen willst vor Verzweiflung, obgleich du weißt, dass du nicht verzweifeln darfst, da diese Panik nach sich ziehen könnte, die unweigerlich in ewiger Schwärze mündet.
Und das ist es, du atmest nur noch, oder versuchst es vielmehr. Nichts weiter. Dein ganzes Leben wird darauf beschränkt. Du kannst nichts anderes tun, da alles andere Ablenkung bedeutet, die du dir nicht erlauben kannst oder es zu anstrengend wäre. Du lebst nur noch des Lebens willens und dabei willst du irgendwann eigentlich nicht einmal mehr, aber das autonome System zwingt dich dazu.
Irgendwann dann: die Erlösung. Ich traue dem Frieden nicht. Sitzend habe ich kaum mehr Schwierigkeiten, doch ich erwarte beim Aufstehen, dass der Elefant wieder aus seiner Deckung hervorprescht. Er tut es nicht. Er hat sich von einem Rhinozeros ablösen lassen. Immer noch anstrengend, immer noch weit von Durchatmen entfernt, aber besser. Gut genug, dass ich mich des Lebens wieder erfreuen kann.
Bis dann auch der zweite Grauhäuter von dannen zieht und alles wieder so ist, wie es sein sollte. Doch ich weiß, dass sie beide zurückkehren werden, eher früher denn später. Ich erwarte sie. Nicht, dass mir das etwas bringen würde. Ich habe nichts, was ich ihnen entgegenstellen könnte. Kann nur darauf warten, dass sie mich erneut niedertrampeln, solange, bis sie mir eines Tages den Rest geben.
Atmen ist ein Privileg. Ich hoffe, dass du jetzt zu schätzen weißt, zu den glücklichen Auserwählten zu zählen, die sich dieses Privilegs jederzeit und ohne Einschränkungen erfreuen können.
Nun, ohne Einschränkungen deines eigenen Körpers natürlich… Deine Maschine mag zwar wie geschmiert laufen, aber das heißt noch lange nicht, dass sie nicht sabotiert werden kann. Bald schon wirst du in meiner Welt erwachen, aber keine Sorge, es wird nicht für lange sein. Und ich kann dir noch etwas versprechen, wenn es dich beruhigt: Du wirst die Letzte sein.
Erwachen in einer fremden Welt
Clarissa erwachte mit dem seltsamen Gefühl, noch halb in einem schrecklichen Traum gefangen zu sein. Jemand hatte ihr darin kryptische Worte zugeflüstert. Am Ende hatte er zärtlich ihre Wange gestreichelt, ehe es einen Knall gab und kurz darauf ein heftiger Ruck durch ihren Körper gegangen war. Zuletzt hatte sie eine Art rhythmisches Klopfen gehört, dass immer dumpfer geworden war.
Glücklicherweise war sie jetzt wach und nicht länger eine Gefangene dieser albtraumhaften Sphäre, in der sie die ganze Zeit geglaubt hatte, ein düsteres Unheil wäre über sie gekommen und hätte entschieden, ihr Schicksal endgültig und unwiderruflich zu besiegeln.
Dennoch fühlte sie sich immer noch wie benebelt. Ihr Kopf schien voll Watte zu sein, ihr Körper fühlte sich ungewohnt schwer an. Nicht so, als wäre sie noch etwas verschlafen, sondern vielmehr… Nein, Unsinn. Wo dachte sie hin?
Langsam rückte ihr aktives Bewusstsein in den Vordergrund und damit auch ihr rationaler Verstand. Die Anbahnungen einer Fantasie, in der sie betäubt und verschleppt worden war, zerstreute sich endgültig. Wie lächerlich wäre das bitte? Warum sollte man ausgerechnet sie entführen? Was hätte der oder diejenigen davon? Richtig, gar nichts.
Sie atmete erleichtert aus. Wie dumm von ihr, wegen solcher Albernheiten überhaupt angespannt geworden zu sein. Die Bedenkenlosigkeit hielt nur kurz an, da sie sich wenig später der Tatsache gewahr wurde, dass sie nicht wusste, wo sie sich befand.
Erst jetzt registrierte Clarissa, dass um sie herum nichts als Dunkelheit herrschte. Undurchdringbare Dunkelheit. So tiefschwarz, wie sie sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Außerdem lag sie auf einem harten, unbequemen Untergrund, der ihren Knochen in den letzten… was, Stunden? – nicht gutgetan hatte. Ihr gesamter Körper schmerzte und das immer stärker, je wacher sie wurde.
Dann geschah das Schlimmste, was hätte passieren können. Von einer Sekunde auf die andere, begriff sie eine grässliche Wahrheit, die ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Zuvor jedoch stieß sie sich den Schädel bei dem Versuch an, sich aufzurichten. Sie kam nur wenige Zentimeter weit, ehe es auch schon ein dumpfes Pock gab, welches unnatürlich laut von den Wänden widerhallte.
In diesem Moment bemerkte sie mehrere Dinge gleichzeitig: Erstens, gesellte sich zu der absoluten Finsternis, eine ebenso absolute Stille, die sie gerade erstmalig richtig durchbrochen hatte. Einmal darauf gestoßen, stellte sie jetzt auch fest, wie abnormal laut sie ihren eigenen Atmen hören konnte. Beinahe glaubte sie, wenn sie ihn anhalten würde, laut und deutlich ihren Herzschlag vernehmen zu können.
Zweitens: Ihr Albtraum war gar kein Traum gewesen.
Und drittens: Man hatte sie lebendig begraben.
Letzteres konnte sie natürlich eigentlich noch nicht mit Gewissheit sagen, doch eine leise flüsternde Stimme erklärte ihr, dass sie gar nicht erst den Versuch zu unternehmen brauchte es zu leugnen. Sich vor der Wahrheit zu verschließen, würde sie hier nicht rausbringen.
Zögerlich streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus. Millimeter für Millimeter fuhr sie mit den Fingern über den hölzernen Untergrund – oh mein Gott! – und wollte bald schon Erleichterung verspüren, weil sie keine feste Grenze erreichte. Bis sie es dann doch tat. Zeitgleich stießen ihre Fingerspitzen auf die Wände ihres Gefängnisses, nur wenige Zentimeter von ihrem Körper entfernt. Die Stimme hatte rechtbehalten.
Einige Sekunden lang lag Clarissa nur vollkommen regungslos und still da. Dann begann sie zu schreien.
Fragen, und keine Antworten
Ihr Gekreisch erfüllte den kleinen Raum, in dem sie feststeckte. Es hallte schmerzhaft in ihren Ohren wider und doch konnte sie nicht damit aufhören. Mit flachen Händen schlug sie im Rahmen ihres Bewegungsfreiraums auf den Sargdeckel ein – denn in nichts anderem, als einem Sarg befand sie sich gerade, auch wenn sie sich das immer noch nicht richtig eingestehen wollte. Einige Splitter gruben sich dabei unangenehm in ihre Haut, sie bemerkte es kaum.
Immer heftiger schlug sie zu, bis ihre Hände pochten. Immer länger kreischte sie, bis ihre Kehle sich völlig ausgetrocknet anfühlte. Dass sie das nicht ewig durchhielt, verstand sich von selbst. Ihre Kräfte verließen sie schnell. Erschöpft ließ sie ihre tauben Arme sinken und gönnte ihrer heiseren Stimme eine Pause. Dafür rannen nun Tränen ihr Gesicht hinab.
Wie hatte das passieren können? Wer tat ihr so etwas nur an und warum?
Clarissa konnte nicht klar denken, konnte sich zwar unzählige Fragen stellen, doch keine davon auch nur im Ansatz beantworten. Alles was sie klar vor Augen sah, war ein Ziel, nein, vielmehr ein sehnlicher Wunsch, so, wie sie sich nie etwas in ihrem Leben gewünscht hatte und nie wieder würde, ganz gleich wie das hier endete: Aus ihrem hölzernen Gefängnis rauskommen.
Ok, eins nach dem anderen. Wenn sie entkommen wollte, musste sie vordergründig ruhig bleiben, die Fassung wenigstens soweit bewahren, wie es ihre Situation zuließ. Und vor allem ihren Atem sparen.
Diese Erkenntnis schnitt ihr messerscharf in den Verstand. Bis eben hatte sie sich noch nur vor der Dunkelheit, der Stille und der Enge gefürchtet, jetzt jedoch begriff sie erst richtig, dass sie sich in Lebensgefahr befand. Fand sie nicht binnen der nächsten Stunden einen Weg hier raus, würde sie ersticken. Das hieß, wenn ihr überhaupt noch so viel Zeit blieb.
Wie lange lag sie schon hier? Wie viel Sauerstoff fasste ein so kleiner Raum? Wie viel verbrauchte sie davon pro Minute? Fragen über Fragen und immer noch keine einzige Antwort. Nicht, dass es eine Rolle spielen würde. Die Lösung dieser mathematischen Rätsel hätte sie vermutlich noch mehr in Unruhe versetzt, als es ihre Lage ohnehin schon tat.
Andererseits hätte es sie wenigstens von der eigentlichen Problematik abgelenkt: Wie zur Hölle sollte sie sich aus ihrem eigenen Grab buddeln? Über ihr lag vermutlich, was, ein halber Meter Erde? Mehr? Weniger? Machte das einen Unterschied? Hatte man den Sargdeckel zugenagelt? Wenn nicht, glaubte sie wirklich ihn einfach aufstemmen zu können?
Die bittere Wahrheit lautete: Allein würde sie es nie schaffen. Sie konnte sich noch so viel bemühen, es wäre vergebens. Selbst wenn sie ihr hölzernes Gefängnis zerbrechen könnte, was dann? Sie würde unter der herabsinkenden Erde begraben werden und nur noch schneller sterben. Tat sie hingegen nichts, starb sie langsam, konnte dafür aber auf Hilfe hoffen.
Hilfe, klar doch… wer sollte ihr bitte zur Hilfe eilen? Man wusste doch vermutlich nicht einmal, wo sie steckte und überhaupt, woher nahm sie eigentlich die Gewissheit, dass sie sich tatsächlich unter der Erde befand? Ihre Annahme beruhte bisher darauf, dass ihr Albtraum der Realität entsprach, aber was, wenn ihr zerrütteter Geist nur Sachen hineininterpretierte, die gar nicht da waren oder besser noch, wenn sie immer noch träumte?
Nein, so sehr sie es sich auch wünschte, sie brauchte sich nichts vormachen. Sie war wach und was sie gerne als Hirngespinst abtun wollte, eine unumstößliche Tatsache. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr gelang sie zu der Gewissheit, wer sich hierfür zu verantworten hatte und warum es ausgerechnet sie hatte sein müssen.
Du wirst die Letzte sein.
Dieser verdammte…
Sie atmete tief durch, auch wenn sie es sich eigentlich nicht erlauben konnte. Kam es ihr nur so vor, oder fiel ihr das Atmen bereits schwerer? Wurde sie paranoid? Vermutlich… und verständlich, wie sie fand. Außerdem, gab es eh niemanden mehr, der jetzt noch über sie urteilen konnte, also wen kümmerte es? Wenn sie hier drinnen verrückt wurde, war das ihr gutes Recht, verfluchte Schande noch mal! Immerhin hielt sie sich, was das Fluchen anbelangte noch zurück. Ihren Eltern konnte man für ihre Erziehung auf die Schulter klopfen.
Oh mein Gott, ihre Eltern! Ob sie wussten, dass sie entführt worden war? Oder lebten sie noch in dem Glauben, dass mit ihr alles in Ordnung sei, dass sie bei Freunden wäre und bald wohlbehalten nach Hause kommen würde? Wie würden sie reagieren, wenn ihr kleines Mädchen nicht zurückkam?
Gott verdammte Scheiße! In einem plötzlich aufwallenden Wutausbruch schlug Clarissa wieder auf die Wände und die Decke ihrer Zelle ein, dieses Mal jedoch mit geballten Fäusten. Natürlich brachte es nichts, außer dass sie in ihrer Rage schneller und unregelmäßiger atmete, doch dass war ihr egal, man würde sie sowieso nicht rechtzeitig finden, falls man das überhaupt jemals tat.
Wieder rannen Tränen ihr Gesicht hinab. Sie schluchzte und wütete und verzweifelte. Irgendwann flehte sie leise, dass man sie rauslassen solle, einfach nur raus. Sie würde alles tun, egal was, doch natürlich hörte sie niemand. Eben so wenig wie jemand das Kratzen ihrer Nägel auf dem Sargdeckel mitbekam, wobei ihr die selbigen zersplitterten und rissen und feine Blutstropfen auf sie niederregneten, weil sie irgendwann mit den Fingerkuppen auf dem rauen Holz entlangfuhr, sich weitere Splitter einzog und die Haut aufriss.
Sie registrierte es nicht einmal richtig, spürte nur dumpf den Schmerz, versank zu sehr in ihrer Todesangst und Panik, während ihre Luft immer knapper wurde. Schließlich war sie so erschöpft, dass sie die Arme sinken ließ, die Augen schloss und einschlief. Sie wollte nur ein wenig Ruhe, nur ein bisschen Schlaf und wenn sie aufwachte, wäre alles wieder in Ordnung. Sie würde in ihrem kuschlig weichen Bett liegen, die Sonne würde ihr warm auf das Antlitz scheinen und sie würde tief Luft holen, um den neuen Morgen zu begrüßen. Frische, unverbrauchte Luft sollte ihre Lungen füllen, oh ja, dass wäre himmlisch…
Die Letzte
Clarissa erwachte indem sie vor Schreck hochfuhr und dabei scharf die Luft einzog. Ihr Weg nach oben fand ein jähes Ende, als sie mit dem Kopf erneut gegen die Decke ihres letzten Ruheortes stieß, doch das kümmerte sie kaum, da ihr schlagartig bewusst wurde, dass ihr Flehen nicht erhört worden war.
Noch immer steckte sie in Dunkelheit und Stille gefangen fest, irgendwo im Nirgendwo unter einem namenlosen Grab verbuddelt. Hatte man ein Grabmal für sie aufgestellt? Würde man das jemals? Würde man sie finden und sie anständig unter die Erde bringen, damit man sich ihrer gedenken konnte, oder würde sie einfach in Vergessenheit geraten?
Allein daran zu denken, trieb ihr wieder die Tränen in die Augen. Sie wollte nicht sterben. Aber sie würde es, dass wusste sie und wenn sie ihre Situation richtig einschätzte, schon sehr bald.
Das Atmen fiel ihr bereits zusehends schwerer. Die Luft lag schwer über ihr. Es war warm und stickig, sie schwitzte. Ihre Kleidung fühlte sich klamm an, am liebsten hätte sie sie von sich gerissen, doch dazu mangelte es ihr an Bewegungsfreiraum.
Toll, also starb sie nicht nur allein und vergessen, sondern auch noch verschwitzt, verheult aussehend und sich absolut elend fühlend. Aber vermutlich hatte der Verantwortliche genau das auch beabsichtigt. Sie sollte leiden, für das, was sie getan hatte. Dabei hatte sie ihm doch nur helfen wollen.
Jason hatte soweit sie sich erinnern konnte, schon immer gesundheitliche Probleme gehabt – und sie konnte sich weit zurückerinnern, immerhin kannte sie ihn schon seit Kindertagen. Seine Lungen… was sollte es auch sonst sein? Die meiste Zeit seines Lebens ging es ihm wie ihr und dem dritten in ihrem Bunde, Michael. Doch manchmal hatte er diese Anfälle gehabt. Beim ersten Mal hatte Clarissa sich unsagbar erschrocken, sie hatte geglaubt, dass er sterben müsse. Soweit war es glücklicherweise nicht gekommen. Er hatte seine Medizin – einen kleinen Inhalator – genommen und nach einigen Minuten ging es ihm wieder gut.
Auf Bedrängen hin hatte er es ihnen erklärt. Schon immer hatte er sich für seine Krankheit geschämt, hatte sich dafür geschämt, anders zu sein, nie so fit wie die anderen zu sein, immer achtsam sein zu müssen.
Danach ging das Leben für sie alle normal weiter. Sie und Michael bevormundeten ihn nicht, sie behandelten ihn nie mit Samthandschuhen. Er dankte es ihnen jeden Tag. Bis sich ein Abgrund vor ihren Füßen auftat, von dem niemand je gerechnet hätte, dass er von Beginn an nur darauf gelauert hatte, sie in sich hinab zu ziehen.
Wobei mit „sie“, vordergründig Jason gemeint war. In den letzten Jahren hatte seine Krankheit sich drastisch verschlimmert, die Ärzte standen vor einem Rätsel. Behandlungen schlugen nicht mehr so gut an, sein Notfall-Inhalator wirkte bestenfalls behelfsmäßig, bis er irgendwann gar nicht mehr wirkte. Es kristallisierte sich heraus, dass er vermutlich nicht mehr lange zu leben hatte. Zumindest, wenn sich keine Lösung für sein Leiden finden ließ. Eines Tages würde ein Anfall ihn ereilen, der sich nicht nach einigen Stunden legte, sondern ihm die Brust restlos zuschnürte und ihn umbrachte.
Clarissa und Michael blieben immer bei ihm, doch er distanzierte sich von ihnen. Nicht so, dass er sie gänzlich von sich stieß, doch genug, damit ihre Beziehung zusehends erkaltete. Er glaubte wohl, sie damit zu schützen, ihnen den Abschied leichter zu machen, was natürlich nicht der Fall war. Ganz im Gegenteil.
Doch so wie die beiden sich nicht von seiner Krankheit hatten beirren lassen, so ließen sie sich auch nicht von seinem mutmaßlich bevorstehenden Tod beirren. Sie bleiben standhaft und trotzten all seinen Launen, solange, bis ihm gar nichts übrig blieb, als sie wieder ein wenig näher an sich ranzulassen.
Die Tage und Wochen danach waren unter den Umständen gut gewesen. Sie hatten viel Spaß, haben ständig gelacht und Jason so gut es ging unterstützt, wenn er einmal mehr von der Atemnot ergriffen wurde. In dieser Zeit hat er einen starken Hang zum Sarkasmus entwickelt. Ein bestimmter Satz war ihm besonders ans Herz gewachsen: Eines steht jedenfalls fest, Clarissa wird die letzte sein, die eines Tages stirbt.
Galgenhumor, sicher, aber trotzdem hatten sie jedes Mal darüber gelacht. Jetzt war der jungen Frau nicht mehr zu Lachen zumute. Warum zum Teufel musste ihr Familienname auch Hope lauten?
Sie sollte zuletzt sterben, so wie die Hoffnung nun mal immer zuletzt starb. Bedeutete das…? Nein, nein das konnte einfach nicht sein. Er würde nie… Andererseits, hatte er sie in einen Sarg gesteckt und verscharrt, was sollte ihn dann daran hindern, auch Michael und dann sich selbst zu töten? Er kannte das ungefähre Zeitfenster, dass ihr blieb, ehe sie erstickte. Es wäre ihm ein Leichtes in diesem Zeitraum an Michael ranzukommen und sich dann selbst das Leben zu nehmen.
Hatte er für sie deswegen diesen Ausgang gewählt, weil dem ein praktischer Nutzen zugrunde lag? Zum Teil bestimmt, immerhin war Jason schon immer berechnend und rational gewesen. Allerdings steckte noch mehr dahinter, wie er ihr deutlich mitgeteilt hatte, bevor sie in das dunkle Loch gestoßen worden war.
Zugeflüstert hatte er ihr, dass sie das Privileg des Atmens zu schätzen lernen sollte. Nun, dass tat sie nun, da ihre Atemzüge immer kürzer und mühseliger wurden und diese Lektion, würde sie schon sehr bald das Leben kosten. In seinen Augen mochte das eine angemessene Strafe dafür sein, dass sie ihm wieder und wieder zugesichert hatte, dass sie einen Weg finden würden, dass es noch Hoffnung gab und er diese nie verlieren dürfe.
Ganz offensichtlich hatte er sie entgegen ihrer Bemühungen trotzdem niedergelegt. Begraben hatte er sie, im metaphorischen, wie auch im wahrsten Sinne.
Und auch Clarissa begrub ihren letzten Funken Hoffnung, den heutigen Tag doch noch wie durch ein Wunder zu überleben. Solche Wunder geschahen nicht in der Realität. Sie löschte den Funken, machte ihren Frieden.
Seltsam, je schwerer ihr das Atmen fiel, desto mehr ihre Konzentration nachließ oder besser gesagt, sich auf diese eine Sache fokussierte, die ihr sonst wie das Normalste der Welt erschien, desto ruhiger wurde sie. Nicht länger durchfuhr Panik, Angst und Verzweiflung jede Faser ihres Körpers, sondern nur Stille, die sich wie eine Decke über ihren langsam sterbenden Körper ausbreitete. Selbst ihr Geist kam zur Ruhe. Er quälte sich nicht länger mit Fragen, auf die sie sowieso keine Antwort finden würde. Mit derlei Dingen wollte sie die letzten Minuten ihres Lebens nicht zubringen.
Nein, vielmehr sandte sie ein Gebet zum Himmel – obwohl sie nicht gläubig war –, entfachte einen letzten, winzigen Funken, dass Jason es nicht tun möge, dass er so wie sie, die letzten Züge seines Lebens, die ihm blieben, bis zuletzt nutzte, statt sich seiner Gefühle hinzugeben und etwas wahrlich Dummes zu tun. Doch sie ahnte, dass auch diese Hoffnung vergebens war. Hatte Jason erst einmal einen Entschluss gefasst, dann ließ er sich meist nicht mehr davon abbringen. Seine Entschlusskraft war immer etwas, für das sie ihn bewundert hatte. Jetzt brachte selbige sie um.
Schön, wenn nicht er, dann bitte, lass wenigstens Michael weiterleben. Nimm nicht auch noch ihn mit in die ewige Dunkelheit, sondern lass ihn das Licht von uns dreien weitertragen. Damit er sich erinnert. Damit irgendjemand sich erinnert. Und die Hoffnung weiterlebt.
Dies war der letzte klare Gedanke, der ihr noch durch den Kopf ging, ehe das Atmen ihre volle Aufmerksamkeit verlangte. Mit jedem Zug, den sie tat, dämmerte sie ein klein wenig mehr weg. So sehr sie es auch versuchte, oder besser, von ihrem eigenen Körper dazu gezwungen wurde, sie schaffte es einfach nicht mehr genügend Sauerstoff aufzunehmen, um noch viel länger durchzuhalten, weil dieser schlichtweg fast schon zur Gänze verbraucht war.
Das Einatmen wurde schwerer und fühlte sich nutzlos an, das Ausatmen ging mit der Gewissheit einher, dass sie wieder einatmen musste, dabei wollte sie es nicht mehr. Sie wollte nur eine letztes Mal die Luft aus ihren Lungen treiben und es dabei belassen. Sie hauchte und hauchte und hauchte und… sog wieder ein, weil die Maschine ihren Dienst noch nicht versagte. Verdammt!
Zuletzt wallten in Clarissa doch noch einmal die Gefühle hoch. Sie wurde wütend auf den Automatismus, der sie mit aller Kraft am Leben zu halten versuchte. Sie zitterte leicht, ein Beben ging durch ihren Körper, eine letzte Träne rann ihre Schläfe hinab.
Sie atmete aus und ein. Es fiel so unglaublich schwer.
Aus und ein. Das Beben ließ nach.
Aus und ein. Der Tränenfluss stoppte.
Aus und ein. Sie schloss die Augen, wurde wieder ganz ruhig.
Aus und ein. Sie spürte einen kaum wahrnehmbaren Stich im Herzen, als wäre etwas von ihr losgetrennt worden. In diesem Moment wusste sie es.
Ich bin die Letzte.
Aus…
Clarissa Hope starb nur wenige Sekunden nach ihrem Freund Jason. Sie sollte nie erfahren, dass zumindest eines ihrer Gebete, erhört worden war.