
Aus alter Zeit
ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT
Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.
Eröffnung
„Also Mr. Drake, haben Sie die Bilder und viel wichtiger,
das Zertifikat dabei?“
„Ja, ja, sicher, gleich hier in meiner Tasche, einen
Moment.“ Der Alte beugte sich zur Seite und fummelte einige Zeit suchend in
seiner Ledertasche herum, wobei ihm zittrige Finger nicht gerade dienlich
waren. Thomas schätzte ihn auf siebzig, wenn nicht schon achtzig. In jedem Fall
forderten die Jahre ihren Tribut. Unablässig zitterten seine Hände, der wirre
Blick huschte stetig hier hin und dort hin, allgemein konnte man wohl
behaupten, dass er einen recht tattrigen Eindruck machte. Thomas störte sich
nicht daran, solange der Alte wirklich hatte, was er versprach.
„Da ist es ja“, krächzte Drake schließlich und richtete sich
schwerfällig wieder auf. In der Hand hielt er eine schlichte, beige Mappe,
welche er sogleich weiterreichte. Dabei zitterte sein Arm, als trüge er gerade
eine Kiloschwere Last.
Dankend nahm Thomas die Mappe entgegen, legte sie vor sich
auf den kleinen Wohnzimmertisch und breitete sie aus. Wie erhofft, befanden
sich darin einige Bilder des Objektes und darunter ein Echtheitszertifikat.
Bei dem Objekt handelte es sich um einen Tresor. Einen Meter
hoch, achtzig Zentimeter breit und genauso tief, mindestens zweihundert Jahre
alt. Die schwere, dunkle Metalllegierung lag mit einer Ausnahme, völlig blank
da, keine sichtbare Schramme oder auch nur der Hauch eines Kratzers
verunzierten es. Bei der Ausnahme handelte es sich um eine feine Gravur, direkt
über dem Griff. Wilson stand dort. Der Mann war seinerzeit eine Koryphäe auf
dem Gebiet des Tresorbaus gewesen, so hatte es Thomas zumindest gelesen.
Im Grunde genommen, interessierte es ihn nur bedingt, woher
das Objekt stammte oder wer es gebaut hatte, er suchte nur nach einer halbwegs
sinnvollen Investition für das Geld, von dem er schlichtweg viel zu viel besaß
und dass er anderweitig nicht loswurde. Ja, er gehörte zu jenen Menschen der
Gesellschaft, die mehr Geld ihr Eigen nannten, als sie ausgeben konnten. Geerbt
von seinen Eltern – Gott habe ihrer beider Seelen gnädig – hatte er sich seit
ihrem Dahinscheiden nie um finanzielle Mittel bemühen müssen und frönte somit
einem verschwenderischem, meist aber auch recht eintönigem Lebensstil.
Seit einiger Zeit hatte er es sich deswegen zum Hobby
auserkoren, alte Antiquitäten zu suchen und zu kaufen. Eines der Zimmer in
einem seiner drei Wohnsitze, hatte er aus diesem Anlass komplett leerräumen
lassen und stattete es nun mit einem Sammelsurium aller möglichen Gegenstände
aus jeder nur erdenklichen Epoche aus. Freilich würde ihm das auch irgendwann
langweilig werden, doch zu Weilen erfreut es ihn oder beschäftigte ihn
zumindest genug, damit er sich nicht fragen musste, was er mit jedem neuen Tag
und dem Rest seines Lebens anfangen sollten.
Nach eingängiger Prüfung nickte Thomas zufrieden und
richtete seinen Blick wieder auf den Alten. „Es scheint alles in Ordnung zu
sein. Wenn Sie mir jetzt noch einen Blick auf das Objekt in Natura gewähren,
werde ich es Ihnen gerne abkaufen.“
Die Augen des Alten wurden plötzlich groß. „Sie wollen es
vorher begutachten?“, hauchte er erschrocken. Thomas meinte zu sehen, wie Mr.
Drake erbleichte, doch war dies scher zu sagen, da er ohnehin schon eine recht ungesunde, blasse Hautfarbe zur Schau trug.
Stutzig verzog Thomas leicht das Gesicht. „Gibt es ein
Problem?“
„Nein, nein, kein Problem!“, hatte er es plötzlich sehr
eilig zu versichern. „Es ist nur, ähm… Es ist nur, ich hatte gehofft, Ihnen das
Objekt schon heute verkaufen zu können und es sogleich loszuschicken, denn
wissen Sie, ich… ich ziehe bald um und will mich so schnell wie möglich von
jedem unnützen Stück meiner Einrichtung befreien.“
Eine glatte Lüge, dessen war Thomas sich bewusst. Was
verschwieg der Alte ihm? War das Objekt vielleicht doch nicht in so einem
tadellosen Zustand, wie es die Bilder vermuten ließen? Oder haftete ihm
irgendeine ominöse, ja gar düstere Vergangenheit an?
Und wenn schon!, dachte Thomas sich. Drake verkaufte das Objekt zu einem ohnehin schon lächerlich geringen Preis, womit er sich selbst dann nicht zu ärgern brauchte, wenn es sich als Fehlkauf herausstellen sollte und da er nicht an solch obskuren Blödsinn wie Geister glaubte, die sich Gegenständen einnisteten, willigte er bedenkenlos ein. „In Ordnung, ich nehme an.“
Erleichtert atmete der Alte aus, fing sich allerdings gleich
wieder, als ihm offensichtlich gewahr wurde, dass er nicht alleine war. „Dann
schicke ich die Umzugsleute gleich heute noch los.“ Drake beugte sich noch
einmal herunter, nahm seine Tasche und machte Anstalten, zu gehen.
„Haben Sie nicht etwas vergessen?“, fragte Thomas ruhig.
Augenblicklich erstarrte Drake. „H-habe ich das?“ Seine
Augen huschten gehetzt durch den Raum, als er glaube er, so fündig zu werden.
„Ihr Geld und mein Code für den Tresor“, erinnerte Thomas bereitwillig. Das Alter, dachte er indes. Hoffentlich ende ich niemals so… Mit etwas Glück fand er vorher ein ähnlich schnelles Ende, wie seine Eltern, auch wenn er auf einen Autounfall prinzipiell gerne verzichten konnte.
„Oh ja, natürlich.“ Er langte in seine Jackentasche und
förderte ein zerknittertes Stück Papier zu Tage. „Hier, der Code.“
Thomas nahm das Papier entgegen und betrachtete die darauf
verzeichneten Ziffern einen Moment. „Der Todestag meiner Frau“, erklärte der
Alte, was Thomas einen leichten Schauer über den Rücken jagte. Er nahm sich
vor, den Code so bald wie möglich zu ändern.
Nachdem er den Zettel zu der Mappe gelegt hatte, holte er
seien Brieftasche hervor und überreichte Drake die vereinbarte Summe. Des
Risikos, dass er damit einging, war er sich durchaus bewusst, immerhin konnte
der Alte nun einfach sein Geld nehmen, verschwinden und sich nie wieder melden,
aber was kümmerte es Thomas? Wenn es nicht gegen seine Erziehung gesprochen
hätte, er hätte die Unsummen bis zu einem gewissen Teil einfach verschenkt.
Drake nahm das Geld hastig entgegen und verstaute es da, wo
er zuvor den Zettel hervorgeholt hatte, ohne es zu zählen. Entweder vertraute
er Thomas oder aber es bedeutete dem Alten so wenig, wie ihm selbst. „Ich werde
dann gehen“, sagte Drake und wandte sich erneut zum Gehen ab. Dieses Mal hielt
Thomas ihn nicht auf, sondern begleitete ihn zur Tür.
Die Hand an der Türklinke, verharrte der Alte noch einen
Augenblick. Er schien mit sich zu hadern, drehte sich dann aber doch noch
einmal um. „Ich fühle mich verpflichtet Sie zu warnen“, erklärte er tonlos.
„Der Tresor befindet sich nun schon seit Jahrhunderten im Besitz meiner Familie
und wurde seither nur ein paar Male geöffnet. Jedes Mal, wenn dies geschah,
passierte etwas Schreckliches. Das letzte Mal starb meine Frau. Tun Sie sich
den Gefallen und lassen ihn geschlossen! Es geht solange keine Gefahr von ihm
aus, wie er ungeöffnet bleibt.“
Thomas klappte der Mund auf, doch da ihm keine passende
Erwiderung einfiel, schloss er ihn wieder. Daraufhin nickte Drake und wandte
sich, scheinbar zufrieden damit, seine Pflicht erfüllt zu haben, wieder ab.
Jetzt öffnete er wirklich die Tür um die Wohnung zu verlassen und verschwand,
noch bevor Thomas auch nur die Chance bekam ihn zu verabschieden. Kopfschüttelnd
sah er ihm hinterher und schloss die Tür. „Verrückter alter Kauz“, murmelte er,
ehe er seinem Tagesgeschäft nachging.
Der Tresor kam wie versprochen wenige Stunden später. Bei
den netten Herren, die ihn brachten, handelte es sich um Ausländer, die nur
gebrochen Thomas Sprache bemächtigt waren. Unablässig murmelten sie
unverständlich etwas vor sich hin, folgten so eilig wie nur irgend möglich
seinen Anweisungen, wo sie den Tresor abladen sollten und verschwanden dann so
schnell wieder, wie sie gekommen waren. Das Trinkgeld, dass er ihnen geben
wollte, nahmen sie nicht an. Während der ganzen Zeit ihrer Anwesenheit, wirkten
sie unglaublich nervös und angespannt.
Auch wenn er sich dagegen sträubte, spürte Thomas ein
schleichendes Unbehagen. Erst Drake, der den Tresor gar nicht schnell genug
loswerden konnte, samt seiner seltsamen Warnung und dann die Umzugsleute, die
ebenfalls schwache Nerven bekommen hatten.
Deswegen starrte Thomas nunmehr seit fast einer geschlagenen
Stunde, auf das verschlossene Objekt, unschlüssig, ob er den Code eingeben
sollte oder nicht. Er saß auf einem antiken unbequemen Sofa, die Arme auf den
Knien abgestützt, die Hände ineinander verschränkt und das Kinn darauf
abgestützt.
Das Zimmer, in dem er sich befand, war noch recht dürftig
bestückt. Zu seinen Füßen lag ein alter, ausgeblichener Teppich, die Wände
zierten einige Gemälde. Außerdem stand eine klobige Massivholzkommode in der
Ecke des Raumes. Und nun befand ich auch seine neueste Errungenschaft hier drin,
direkt in der Mitte des Raumes, aber nicht auf dem Teppich, schließlich sollte
dieser ja nicht eingedrückt werden.
Schlussendlich entschied er, dass das doch albern war. Er
hatte den Tresor ja nicht erworben, damit er dann ungenutzt blieb – nun, eigentlich
schon, immerhin hatte er weit modernere Versionen in jedem seiner Wohnsitze, doch hierbei ging es ums Prinzip, vor allem aber darum, dass er sich nicht von
ausgesprochenen und unausgesprochenen Schauergeschichten beeindrucken lassen
wollte.
Vermutlich ist das Ding leer und man hat sich mit mir nur einen bösen Scherz erlaubt. Ja, das klang nach einer logischen Erklärung. Drake hatte sich auf seiner alten Tage noch einen Witz auf den Kosten eines anderen erlaubt und für diesen Zweck, auch die Umzugsleute instruiert.
Von neuem Eifer gepackt, sprang Thomas regelrecht aus seinem
Sofa auf – was für eine Erleichterung, von diesem Höllending runterzukommen! –
und zu dem Tresor hin. Er prüfte noch einmal den Code, dann gab er ihn ein. Das
Rädchen ließ sich überraschend leicht drehen. Aufgrund des Alters, hatte er mit
mehr Widerstand gerechnet. Nachdem der vierstellige Code eingegeben worden war,
atmete Thomas noch einmal tief durch, legte dann seine Hand auf den Griff und
drückte ihn herab, um die schwere Tür aufzuschwingen.
Augenblicklich trat ein erbärmlicher, widerwärtiger Gestank
heraus, welcher Thomas entgegenschlug. Der Geruch war derart bestialisch, dass
es ihn beinahe umhaute. Doch einmal in Bewegung gesetzt, schien es, als ob die
Tür sich nicht mehr aufhalten ließ, weswegen sie ungebändigt weiter aufschwang
und somit den grässlichen Inhalt des Tresors preisgab.
Thomas traute seinen Augen nicht, als er sah, was sich darin
verbarg. Erst wollte er noch weiter an einen schlechten und wahrlich grausamen
Scherz glauben, doch dann wurde er sich langsam der Tatsache gewahr, dass das
Ding da drinnen echt und dies kein Witz war. Er fiel rücklings auf den Boden,
da seine Beine, in die er sich vorher gehockt hatte, ihn auf einmal nicht mehr
trugen. Sprachlos starrte er weiterhin in den Metallkasten, den Gestank
bemerkte er schon gar nicht mehr.
Ich sollte die Polizei verständigen. Ja, sollte er, doch sein Körper weigerte sich strikt diesem logischen Gedanken Folge zu leisten. Lieber blieb er sitzen, den Blick auf die Leiche gerichtet, die sich in seinem eben erst erworbenen Tresor befand und versuchte einen Sinn darin zu erkennen. Aber den gab es nicht. Nichts und niemand, konnte eine plausible Erklärung dafür liefern, warum Thomas einen Tresor mit den Überresten eines toten Körpers erworben hatte. Überreste, da bis auf den Torso und dem darauf thronenden Kopf nichts mehr übrig war.
Auch wenn alles in ihm nach Widerstand schrie, bewegten
Thomas Augen sich untersuchend Millimeter für Millimeter an dem vergammelten Fleisch
entlang, um es zu untersuchen und zu ergründen, was wohl geschehen sein mochte. Die Leiche konnte noch nicht lange hier drin aufbewahrt worden sein, da sie
zwar Verwesungsanzeichen zeigte, aber noch recht frisch erschien. Schlierige,
eingefallene Haut, spannte sich über einem drahtigen, nicht unattraktiven Körper. Das Gesicht zeugte von einem jungen Mann, vielleicht dreißig, höchstens
fünfunddreißig. Ob ihm die Endgliedmaßen nach oder vor dem Tod abgetrennt
worden waren, konnte Thomas nicht mit Bestimmtheit sagen. Eigentlich wollte er
es auch nicht wissen. Wer auch immer dafür verantwortlich war, hatte nur noch
Stümpfe übriggelassen.
Thomas schluckte schwer, langsam überwand er seinen Schock
und fühlte sich schon bald darauf in der Lage, aufzustehen und zum Telefon zu
gehen, um die Behörden von dem Vorfall zu unterrichten. „Dafür landet der alte
Mistkerl, im Gefängnis“, hauchte er in die Totenstille seiner Wohnung hinein.
Als hätte er damit das Signal gegeben, durchzuckte es den
toten Körper vor ihm auf einmal. Erschrocken fuhr Thomas zusammen, rutschte ein
paar Zentimeter von dem Tresor weg, stieß jedoch auf eine Grenze in Form seines
Sofas. Es blieb nicht bei einem Zucken, denn plötzlich sog der Leichnam
begierig ächzend Luft in seine kalten Lungen, hob dabei den Kopf und riss die
bleichen, leeren Augen auf. Er atmete aus, atmete wieder ein und wieder aus.
Der Prozess schien ihm Schwierigkeiten und Schmerzen zu bereiten, da sein
Gesicht sich vor Anstrengung und Pein verzog. Schließlich beruhigte er sich,
atmete ruhiger, senkte den Kopf und ließ seine Augen auf Thomas
herunterwandern.
„Bei Gott!“, krächzte der Tote, „tut das gut, wieder frische
Luft atmen zu können! Nein, überhaupt atmen zu können ist schon eine Wohltat
für Leib und Seele! Ich danke Ihnen Sir!“
Das war zu viel. Das war schlichtweg, zu viel. Thomas fiel
in Ohnmacht, hörte dabei nur noch unverständliches Geplapper des Toten und
hoffte, dass der Spuck ein Ende fand, wenn er erwachte.
Die großen Alten
Thomas erwachte nur langsam, mit blinzelnden Lidern und
schmerzendem Rücken. Er fand sich zusammengesackt an seinem Sofa wieder und
fragte sich in seinem noch betäubten Geist, was geschehen sein mochte. Noch
bevor sein Blick auf den offenstehenden Tresor fiel, ertönte eine krächzende
Stimme.
„Sieh an, die Toten erwachen wieder!“ Es folgte ein kurzes,
abgehacktes Lachen. „Verzeihen Sie Sir, ich weiß, ich habe gut reden.“
„W-was?“, nuschelte Thomas. Sein Sichtfeld war noch vom
tiefen Schlaf getrübt und klärte sich nur gemächlich auf, weswegen er erst nach
und nach erkannte, dass das, was er vermeintlich geträumt hatte, doch mehr der
Realität entsprach, als er sich gewünscht hatte. Der Leichnam war wirklich dort
und keineswegs so tot, wie es den Anschein machte.
Thomas Augen wurden groß, sein Körper begann zu beben. „Das
ist verrückt!“, sagte er mit hysterischem Unterton.
„Nein, keineswegs Sir“, versicherte der Tote, „auch wenn ich
zugeben muss, Ihre Verwirrung verstehen zu können. Mir würde es wohl nicht
anders ergehen, wenn ich einen Verstorbenen in einem Tresor finden würde.
Erlauben Sie mir eine Frage? Welches Jahr schreiben wir?“
„Zweitausendachtzehn“, erwiderte Thomas ohne darüber
nachzudenken. Es war einfacher, auf eine simple Frage zu antworten, als sich
mit der Unmöglichkeit des Geschehens direkt vor sich beschäftigen zu müssen.
„Zweitau… meine Güte! Dieses Mal haben sie mich wirklich
lange hier drinnen versauern lassen.“
„W-was h-h-hat das zu… bedeuten?“ Thomas presste die Frage
irgendwie hervor, obwohl er viel lieber aufgesprungen wäre, um den verdammeleiten
Tresor zuzuschlagen, wegzuschicken und nie wieder einen Gedanken daran zu
verschwenden. Tief in seinem Innern wusste er jedoch, dass ihn diese
Angelegenheit nie wieder friedlich schlafen lassen würde, weswegen er vorher
Antworten brauchte. Abgesehen davon, was sollte schon passieren? Der Tote
bestand nur aus einem Torso und seinem Kopf, er konnte ihm nichts anhaben,
selbst wenn er wollte.
Insbesondere Letzteres beruhigte ihn ein wenig, weswegen
Thomas zu zittern aufhörte und es endlich schaffte, sich in eine bequemere
Position aufzurichten. Dennoch hielt er einen geflissentlichen
Sicherheitsabstand, man wusste ja nie.
„Ich nehme an“, mutmaßte der Tote, „dass sie kein Nachfahre
der Drakes sind? Andernfalls wären Sie wohl mit meiner Geschichte vertraut.“
„D-Drake?“, fragte Thomas plötzlich hellhörig nach. „Ich
habe den Tresor von einem Mr. Drake erworben.“
„Ha!“, machte der Tote. „Das musste ja irgendwann passieren.
Entweder hat er sich seiner Verantwortung entzogen oder keine Kinder in die Welt
gesetzt, denen er sie hätte aufbürden können und nun haben Sie mich am Hals.
Tut mir leid für Sie, Sir.“
„Ich verstehe nicht.“ Thomas schaffte es mittlerweile sogar
aufzustehen, wenn auch auf wackligen Beinen und sich auf das Sofa zu hieven,
was nur eine bedingte Verbesserung zum Sitzen auf dem Boden darstellte.
„Nein, wie auch? Ich vermute, dass er Ihnen rein gar nichts
erklärt hat?“
„Er hat mich gewarnt, den Tresor nicht zu öffnen…“
Der Tote nickte bedächtig. „Sie hätten gut daran getan, dem
Ratschlag Folge zu leisten, Sir.“
Diese Worte jagten Thomas einen Schauer über den Rücken.
Noch war es nicht zu spät, er konnte noch immer einfach die Tür zuschlagen und
das Ganze zu vergessen versuchen.
Ein Lächeln legte sich auf die Lippen der Leiche. „Könnte
ich Sie um einen Gefallen bitten, Sir?“ Thomas kam nicht dazu, zu einer
Erwiderung anzusetzen. „Könnten Sie mir wohl ein Glas Wasser besorgen? Meine
Kehle fühlt sich nach all den Jahren furchtbar trocken an.“
„Ähm… j-ja, ja natürlich!“ Hastig stand Thomas auf und marschierte in die Küche. Kaum, dass er das Zimmer verlassen hatte, blieb er abrupt stehen. Was mache ich hier eigentlich?! Er wusste es nicht. Die ganze Situation war so verrückt, dass er nicht klar denken und schon gar nicht handeln konnte.
„Oh und wenn Sie mir zudem auch noch etwas zu Essen
organisieren könnten“, ertönte es von hinten, „wäre ich Ihnen wirklich zu Dank
verpflichtet!“
Automatisch leistete Thomas der Bitte Folge. Jetzt hatte er
sich schon halb auf den Weg begeben, da konnte er es auch zu Ende bringen. Den
Tresor konnte er später immer noch zuschlagen. Wenige Minuten später, kam er
mit einem Glas Wasser, so wie einem belegten Sandwich zurück, nur um ratlos
zwischen Sofa und Tresor stehen zu bleiben.
Bemitleidungswürdig schaute der Leichnam zu ihm auf.
„Glauben Sie mir Sir, es beschämt mich mehr als Sie, Sie darum bitten zu
müssen, mich zu… versorgen.“
Erneut schluckte Thomas schwer, überwand sich schließlich
und kniete sich herunter. Erst setzte er das Glas mit wieder zittrigen Händen
an den Lippen des Toten an und neigte es leicht. Dabei schaffte er es nicht
ruhig genug zu bleiben, weswegen gut die Hälfte des Wassers nicht die Kehle des
Leichnams herunterrannen, sondern an seinem Hals entlang, bis hinab zum
Tresorboden, wo es eine kleine Pfütze bildete. Das Ganze war so grotesk, dass
er schon meinte doch zu träumen und gleichzeitig zu real, als dass die
Überzeugung wirklich durchkam.
Nachdem das Glas geleert worden war, nahm Thomas es herab.
Auch wenn es verrückt klang, so wirkte der Tote nun ein wenig lebendiger… „Das
tat gut“, bestätigte er. „Haben Sie dank.“ Sein Blick fiel auf den Teller, mit
dem Sandwich darauf. „Wenn Sie mir die Frage erlauben: Was ist das?“
„Ein Sandwich“, erwiderte Thomas selbstverständlich.
„Sand… wich?“ Der Tote schüttelte den Kopf. „Ich war
eindeutig zu lange eingesperrt.“ Seine Augen wanderten wieder nach oben.
„Hätten Sie die Güte?“
Thomas hatte sie, wenn auch widerstrebend und mit einem Bild im Kopf, wie der Tote plötzlich vorpreschte und ihm einen Finger abbiss, wie in einem dieser Zombiefilme. Untote aßen doch lebende Menschen, oder nicht? In Filmen vielleicht, korrigierte er sich gedanklich, während er dem Toten das Sandwich hinhielt, der genüsslich hineinbiss.
„Hm!“, stöhnte er und sprach dann mit vollem Mund weiter.
„Dasch ischt ja köschtlich!“ Er schluckte. „Ich bitte um Verzeihung, nach so
langer Zeit in Gefangenschaft, kann man schon mal die guten Sitten vergessen.“
„Schon ok“, versicherte Thomas monoton, er hatte schon
längst auf Autopilot geschaltet und reichte ihm erneut das Sandwich, damit er
den nächsten Bissen nehmen konnte. nachdem er dieses verputzt hatte – ohne
dabei nach einem Finger geschnappt zu haben –
setzte Thomas sich wieder auf das Sofa.
„So, nun da mein gröbster Hunger und Durst gestillt sind,
will ich Ihnen gerne auf all Ihre Fragen antworten“, erklärte der Tote
freundlich.
„Wie heißen Sie?“, fragte Thomas wieder automatisch. Er war
sich selbst nicht sicher, ob er ein wirkliches Interesse an einem Gespräch
hatte. Vorerst entschied er einfach mit der Leiche zu reden und danach
weiterzuschauen. Schritt für Schritt, lautete die Prämisse, bloß nicht übereilt
handeln, sonst stolperte man und der Sturz, konnte tief werden…
„Über die Jahrhunderte hinweg, hatte ich so manche Namen“,
antwortete der Mann. „Zuletzt jedoch nannte man mich James.“
„Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen James.“
„Die Freude ist ganz meinerseits, Mr…?“
„Thomas“, beeilte er sich zu sagen. „Nennen Sie mich
Thomas.“
„Schön. Also Thomas, sicher fragen Sie sich, was in
Herrgottsnamen ein Toter in ihrem Tresor macht.“
„Eine maßlose Untertreibung“, murmelte dieser.
James legte ein schiefes Grinsen auf. „Ich will es Ihnen
gerne erklären, auch wenn es Ihnen womöglich schwerfallen wird, mir zu glauben.
Strenggenommen, bin ich gar nicht tot, war es nie und werde es nie sein. Ich
bin unsterblich, Mr. Thomas.“
„Wie… ein Vampir?“ Die Vorstellung mit einem waschechten
Vampir beisammenzusitzen, behagte ihm überhaupt nicht, was lächerlich war,
bedachte man, dass er nach dieser Logik weniger ein Problem damit hatte, sich
in Gesellschaft eines auferstandenen Toten zu befinden.
„Oh bitte“, lachte James. „Es gibt keine Vampire.“ Doch
entgegen seiner Behauptung, wurde er plötzlich ernst. „Zumindest nicht so, wie
Sie sie sich vermutlich vorstellen. Nein, ich bin kein Vampir, ich bin ein
Mensch wie Sie, nur, dass ich ewig lebe.“
Das klang so irrsinnig, dass Thomas es ihm glatt glaubte und
warum auch nicht? Er hatte gerade erst mit angesehen, wie James wieder zum
Leben erwacht war, war es da so schwer vorstellbar, dass er gar nicht sterben
konnte, sondern einfach immer weiterlebte? Und dennoch… „Dafür wirkten Sie bis
eben aber ganz schön tot…“
„Ich muss Ihnen beipflichten und verstehe, worauf sie
hinauswollen“, bestätigte James nickend, was auf Thomas unglaublich befremdlich
wirkte. „Tatsächlich, ist meine Unsterblichkeit mit einigen unangenehmen
Nebeneffekten bestückt. Auch wenn ich nicht sterben kann, so verspüre ich doch
jedes menschenmögliche Leid, zu dem auch sie fähig sind. Ich hungere, ich
bekomme Durst und ich muss atmen. Beraubt man mich dieser Dinge, fällt mein
Körper unter schlimmen Schmerzen in einen todesähnlichen Zustand. Dann befinde
ich mich in einer Art Schwebe, in der ich unablässig die Qualen des Sterbens
verspüre, die meinen Körper dahinraffen, ihn aber nie gänzlich in den Abgrund
zerren können. Gleichwohl zerfalle ich, wenn auch weit langsamer als es üblich
wäre. Erwache ich dann aus diesem Zustand, so wie gerade erst vor wenigen
Stunden, dann beginne ich mich von selbst wieder zu regenerieren. Nun,
zumindest bis zu einem gewissen Grad.“
„Das bedeutet…“
„Ganz recht, meine Gliedmaßen werden nicht nachwachsen. Es
sei denn ich finde sie, was sich als schwierig herausstellen dürfte, da ich
befürchten muss, dass man sie über den gesamten Erdball verstreut hat.“
„Das ist… grausam.“ Grausam war überhaupt kein Wort dafür.
Der Begriff, der diese Abscheulichkeit beschrieb, musste erst noch erdacht
werden. Thomas verschlug es glatt die Sprache.
Den Mund verziehend, machte James den Eindruck, als wolle er mit den Schultern zucken, was sich jedoch als schwierig herausstellte. „Nach menschlichen Maßstäben vielleicht. Wenn man erst einmal solange gelebt hat wie ich, beginnt man Grausamkeit anders zu definieren. Eigentlich beginnt man alles aus anderen Augen zu betrachten und in anderen Dimensionen zu denken. Ich habe mich mit meinem Schicksal abgefunden und ehrlich gesagt, Jahre lang hier drinnen eingesperrt zu sein, war auch nicht viel öder als das Leben in der Welt da draußen. Strenggenommen hat es mich sogar ein wenig entspannt, da ich mir nicht täglich den Kopf darüber zermartern musste, was ich als nächstes tun sollte. Was ich noch tun konnte, dass ich nicht schon Jahre zuvor getan und ausgiebig probiert hatte.“
„Wie lange leben Sie denn schon?“ Augenblicklich bereute
Thomas die Frage gestellt zu haben. Die Antwort konnte nur erdrückend auf
seinem eh schon geschundenen Geist lasten, dessen wurde er sich sofort bewusst.
„Oh, ich habe aufgehört die Jahre zu zählen.“ Er lächelte verträumt. „Was sich auch als schwierig gestaltet hätte, immerhin bin ich in deiner Zeit geboren, in der diese noch nicht einmal gemessen wurde. Damals hat man sich noch nicht für das Verstreichen von Zeit interessiert, sie keinem mathematischen System unterworfen. Damals war es nur von Interesse, den nächsten Morgen zu erleben, zu überleben.“
Ein Bild schoss durch Thomas Kopf. Vorsintflutliche Urzeit,
die ersten Menschen, der Beginn des Homo Sapiens. Nein, so alt konnte James
nicht sein, dafür sah sei verbleibender Körper zu evolviert aus.
„Er hat sich angepasst.“
„Was?“ Thomas war so sehr in Gedanken versunken, dass er
erst nicht verstand.
„Mein Körper. Er ist mit der Zeit gegangen, hat sich
zusammen mit der Entwicklung meiner Mitmenschen geformt. Ich sehe die Frage
Ihrem Gesicht an, Sir, Sie brauchen es nicht zu leugnen und ja, ich bin
tatsächlich so alt, wie Sie jetzt vermutlich glauben.“
Ungläubig starrte Thomas den Mann an. In seinem Kopf
herrschte nur noch Leere, er war nicht dazu in der Lage sich diese lange
Zeitspanne vorzustellen, zu begreifen, was James alles erlebt haben musste.
„Ich habe die Epochen nur Phasenweise miterlebt“, erläuterte
James ungefragt. „Wenn es mir zu langweilig wurde, habe ich mich für ein oder
zwei Jahrhunderte zurückgezogen und bin dann wieder aus meiner Höhle gekrochen
gekommen – in manchen Fällen, sprichwörtlich. Diese Zeitspanne hat meistens
gereicht, um die Welt wieder interessant zu machen, zumindest eine Weile lang.
Mit jeder Phase wurde die Spanne meines Ruhens jedoch länger und die meines
Wachseins, kürzer. Entwicklungen hin oder her, irgendwann hatten die Menschen
einfach nichts Neues mehr zu bieten, auch wenn es den aktuellen Generationen
immer wie eine Offenbarung erschienen sein muss.“
„Heißt das…“
„Nein, ich habe mir das hier nicht selbst angetan.“ Es
schien so, als wüsste James immer worauf Thomas hinauswollte, doch war dies
wohl nicht verwunderlich. Wer so lange lebte, der hatte genug Zeit damit
verbringen können Menschen zu studieren und zu wissen, was in deren Köpfen
vorging. Vermutlich hatte er dieses und ähnliche Gespräche, schon dutzende Male
geführt. „Es waren die Kinder, diese miesen, kleinen Biester.“
„Kin…?“
„Ja, Kinder. Kinder der Familie Drake. Ihre Eltern waren
dank meinem Verschulden verstorben und sie hatten entschieden, mir ein Ende zu
bereiten. Nun, jedenfalls soweit es in ihrer Macht stand. Also haben sie mich
eines Nachts überrascht. Sie haben mir aufgelauert, mich bewusstlos geschlagen,
zerhackt und dann hier drinnen eingesperrt. Wenigstens zeigten sie genug Gnade,
mich vorher meines Magen- und Blaseninhalts zur Gänze zu entledigen, damit ich nicht
in meinen eigenen Fäkalien hocken musste. Seither hat die Familie Drake es sich
zur Aufgabe gemacht, über mich zu wachen. Nun, zumindest bis jetzt.“
„Haben Sie…?“
„Nein, ich habe ihre Eltern nicht getötet. Ich habe den Tod
zu ihnen gebracht und ehrlich gesagt, bin ich kein Engel. Ich habe eine Zeit
lang gemordet, zum Zeitvertreib, weil ich wissen wollte, was die Menschen daran
finden. Es hat mich eine Weile lang unterhalten, jedoch ähnlich schnell wie
alle anderen Aktivitäten, die das Leben bietet, gelangweilt. Zum Zeitpunkt des
Todes, der Drakes, hatte ich meine Mordserie schon lange beendet.“
„Aber was hat sie dann…?“ Mittlerweile war Thomas regelrecht
gefesselt von den Erzählungen. Er verstand noch immer nicht alles, bei weitem
nicht. Vor allem tat sich sein Verstand schwer damit, in solchen Größenordnungen
zu denken, aber gleichwohl faszinierte ihn die Geschichte ungemein, machte ihn
neugierig. Was für ein Schatz an Wissen hier vor ihm lag, ein in Fleisch
geborenes historisches Bollwerk, für dass manch einer töten würde. James konnte
Klarheit, über so viele offene Fragen verschaffen, da er womöglich tatsächlich
dabei gewesen war! Noch heute rätselten Forscher über die alten Ägypter, ihre
Technologien und Fähigkeiten. Dieser Mann hier, hätte eben jene Rätsel lüften
können. Da spielte die Tatsache, dass er gleichzeitig ein ruchloser Mörder
gewesen war, nur noch eine untergeordnete Rolle.
„Sie müssen begreifen und akzeptieren Thomas, dass es Dinge
in dieser Welt gibt, von denen sie nicht einmal zu träumen wagen. Der Mensch in
seiner begrenzen Lebensspanne, ist nicht fähig diese Dinge zu sehen, da sein
rastloser Geist sich mit scheinbar wichtigeren Fragen beschäftigen muss. Weil
er nicht ewig lebt, versucht er ein möglichst erfülltes Leben zu führen und
übersieht dabei, was sich um ihn herum tagtäglich abspielt. Ich, der ich nicht
derlei Ablenkungen unterliege, habe gesehen, was hinter dem Schleier liegt. Und
seitdem verfolgt es mich.“
Thomas Mund war während dieser Erklärung trocken geworden,
sein Hals kratzte plötzlich unangenehm. James hatte mit derartig tiefgründiger
und verheißungsvoller Stimme gesprochen, dass er eine Gänsehaut bekommen hatte.
Aus einem unerfindlichen Grund spürte er ein Grauen in sich aufsteigen, eine Angst,
die so unbeschreiblich tief saß, dass er meinte, die Angst aller Ängste
gefunden zu haben. Die Urangst quasi. Die Angst vor den wahren Schrecken dieser
Welt, die kein Mensch je erblickt hat. Mit einer Ausnahme.
Nachdem er aufgehört hatte zu sprechen, hingen die Worte
James zwar noch schwer in der Luft, doch war es wieder totenstill geworden.
Aufgrund dieser unheimlich dichten Ruhe, ertönte das leise Kratzen zehnmal
lauter und ließ Thomas erschrocken aufspringen. Mitten in der Bewegung drehte
er sich um, durchsuchte den Raum, fand jedoch nichts.
„Setzen Sie sich wieder, Mr. Thomas“, verlangte James in
sachlichem Ton. Auf einmal klang er nicht mehr so freundlich und bereitwillig, alles
zu erklären. Nur noch neutral und ein wenig müde.
Auch wenn sein Herz raste und sich Schweiß auf seiner Stirn
zu bilden begann, setzte Thomas sich wieder hin. Augenblicklich setzte James
wieder da an, wo er aufgehört hatte.
„Ich muss gestehen, nicht der Einzige zu sein, der eine
Ahnung von den wahren Geschicken dieser Welt zu haben. Es gibt solche Menschen,
die einen Hauch davon erhaschen, bewusst oder unbewusst, gewollt oder widerstrebend.
Was meinen Sie, woher kommt der Glaube an die Götter, Mr. Thomas?“ Er wartete
keine Antwort ab. „Jede Legende hat irgendwo ihren Ursprung. Viele davon sind
banal, doch einige erschreckend. Wer den Göttern etwas Mystisches anhaften
möchte, nennt sie auch gerne die Alten oder die großen Alten. Zeitlose
Kreaturen, die schon lange vor uns gelebt haben und noch lange nach uns
weiterleben werden. So schrecklich und unvorstellbar in ihrer Erscheinung, dass
der bloße Anblick einem Menschen den Verstand und das Leben kosten kann.“
Lovecraft!, durchfuhr es Thomas plötzlich. Obgleich er niemals eines seiner Werke gelesen hatte, so hatte er doch oft genug davon gehört, um den Vergleich herstellen zu können. Der Gedanke löste wieder ein Zittern in ihm aus. James wollte doch nicht etwa andeuten, dass…
„Ehrlich gesagt, habe ich keine Ahnung ob solche Kreaturen
wirklich existieren. Wenn, dann habe ich sie nie erblickt.“ Erleichtert atmete
Thomas auf. „Aber, ich habe Wesen gesehen, die dem schon recht nahe kommen
dürften.“
Nein. Thomas Verstand weigerte sich schlicht, diese Wahrheit zu akzeptieren. Ewig lebende Menschen schön und gut, aber dass es außerweltliche Kreaturen geben sollte, für die die Menschheit nicht viel mehr als ein Spielzeug war, mit dem man grausame Experimente betreiben konnte, daran konnte und wollte er nicht glauben. Das Kratzen ertönte wieder, gefolgt von einem Scharen. Es kam näher, doch Thomas hatte zu viel Angst um sich umzudrehen und nachzusehen. Gebannt lauschte er weiter James, in der Hoffnung, dass er ihn von der Geräuschkulisse würde ablenken können.
„Andererseits bin ich kein gewöhnlicher Mensch und kann
nicht sterben, auch nicht beim Anblick einer unbeschreiblichen Kreatur, also
was weiß ich schon. Herzlich wenig, dafür, dass ich schon so lange lebe.“
Thomas hatte kaum mehr zugehört. Das Kratzen und Scharen war
immer lauter geworden, immer nähergekommen. Wie paralysiert saß er da und
starrte James an.
„Sehen Sie mich nicht so an, Mr. Thomas, selbst wenn ich
wollte, könnte ich Ihnen nicht helfen. Wie ich bereits sagte, verfolgen diese
Wesen mich nun schon seit geraumer Zeit – warum, dass wissen sie allein – und
da wo sie hinkommen, hinterlassen sie nichts als Tod und Verderben. Was soll
ich Ihnen noch groß vorlügen? Sie werden sterben, Mr. Thomas.“
Wie ein glühend heißes Messer drang die Botschaft in Thomas Hirn ein. Sie fräste sich regelrecht hinein, um sich breit zu machen und alle anderen Gedanken zu verdrängen. Ich werde sterben, dachte er mit unerbittlicher Klarheit, die keinen Zweifel zuließ.
Ein Poltern ertönte, dann ein Hämmern, gefolgt von einem
weiteren Poltern und Splittern. Das musste die Vase gewesen sein, die Thomas im
Flur stehen hatte. Ein sündhaft teures Stück, dass er sich gekauft hatte, weil…
nun ja, weil er es gekonnt hatte. Auf einmal erschien ihm das alles so sinnlos.
All sein Geld. Sein langweiliges, verschwendetes Leben. Was hatte er schon
damit angefangen? Sich ohne ersichtlichen Grund einen alten Tresor gekauft, der
nun sein Schicksal besiegelte. Wenn das keine Ironie des Schicksals war, was
dann?
„Bevor Sie jeden Moment sterben“, sagte James, nun wieder in
etwas lebhafteren, freundlicherem Ton, „möchte ich mich bei Ihnen noch für das
Gespräch und vor allem das gute Essen bedanken.“
„Gern geschehen“, erwiderte Thomas tonlos, während hinter
ihm seine Einrichtung zerlegt wurde. Einmal damit angefangen, schienen die
Wesen eine Heidenfreude darin gefunden zu haben, Möbel und
Dekorationsgegenstände zu verwüsten.
Er schloss die Augen und wartete, auf seinem unbequemen Sofa
sitzend das Ende einfach ab. Was brachte es schon, sich zur Wehr zu setzen? Die
Kreaturen würden ihn ja doch abfangen und erlegen, dessen war er sich sicher.
Als sich stapfende, schwere Schritte näherten, wusste er, dass er nicht mehr
lange würde warten müssen.
Fund
„Mein Gott, das ist ja ekelerregend“, fluchte einer der
Polizisten.
„Was meinen Sie, warum ich Sie hergerufen habe?“, murrte Marty,
der Hausmeister, dem man vor wenigen Stunden mitgeteilt hatte, dass ein
bestialischer Gestank aus der Wohnung von Mr. Thomas Crude drang. Zur Sicherheit
hatte er gleich die Polizei verständigt und stellte nun zufrieden fest, dass er
damit wohl Recht getan hatte.
Die beiden Beamten traten in die Wohnung ein und erklärten
Marty, dass er draußen warten sollte. Dieser hatte jedoch schon einen Blick in
die hoffnungslos verwüstete Wohnung erhascht und sich einen Reim darauf gebildet,
was hier vor sich gegangen war. Als kurz darauf ein Schrei aus einem der Zimmer
drang, konnte er nicht mehr an sich halten und stolzierte den Beiden hinterher,
die er sogleich in einem recht kahlen Zimmer fand.
Mr. Crudes Leiche lag völlig zerfetzt auf einem antiken
Sofa, welches vom Blut durchtränkt worden war, doch dass war es nicht, was die Beamten
so in Aufruhr versetzt hatte. Ungläubig starrten sie in einen ebenso alten
Tresor, welcher offenstand und einen weiteren verstümmelten Köper beherbergte,
nur dass dieser noch lebte.
„Hallo die Herren“, grüßte der Mann. „Wäre einer von Ihnen wohl
so gütig, mir ein Glas Wasser zu bringen?“