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Bewahrer

 

Seufzend sieht er auf den Papierhaufen, der sich seit Tagen auf seinem Tisch sammelt. Er wollte die Pergamentrollen, Auszüge, Abschriften und Notizen schon längst sortieren. Er schlendert hinüber und zieht wahllos eines der losen Blätter hervor. Den Text liest er schnell, jedoch gewissenhaft.

„Ser,

der Steinbruch beherbergt eine alte Kreatur. Ich selbst habe sie nicht gesehen, jedoch hörte ich, was die überlebende Sklavin erzählt hat. Wie sie sicherlich wissen, ist es in Vagein seit jeher so, dass Sklaven, die keinen Verkaufswert haben, zu alt oder zu krank sind, über die Kante des Steinbruchs im Osten von Vagein ‘springen‘ müssen. Die ‘Entsorgung‘ sieht wie folgt aus:

Die Sklaven werden hintereinander in einer Reihe aufgestellt und dann beginnt die Grausamkeit. Der Zweite vorne in der Reihe stößt den vor sich hinunter, der Dritte dann den Zweiten, und so weiter. Der Aufseher hatte zwanzig Sklaven aufgereiht. Er hörte die Schreie, das Geräusch, wenn Knochen auf Fels treffen, und dann die panischen und angsterfüllten Rufe der armen Überlebenden, die der Sturz nicht sofort getötet hat… Als diese Kreatur aus der Höhle unterhalb kroch und damit begann, die neunzehn Sklaven am Grund zu fressen. Ob sie nun bereits tot waren oder lebendig. Die zwanzigste Person kam nur mit dem Leben davon, weil hinter ihr niemand mehr stand, der sie hätte die Klippe hinunterstoßen können.

Ser, ich empfehle dringend, dieses widerliche Verfahren einzustellen. Weder wissen wir, was das für ein Wesen ist, noch sollten wir es füttern. Des weiteren, heißt es nicht, dass dort, wo viele Menschen einen grausamen und gewaltvollen Tod sterben, der Schleier zum Jenseits immer dünner wird? Sollte er reißen, kann niemand sagen, was wir in unsere Welt einladen. Sollten wir so weitermachen, riskieren wir bald mehr als nur einen Aufstand.“

Ein Brief von einem unbekannten Verfasser.

Er sollte sich heute daran setzen. All dies musste sortiert und in wenigen Tagen zum Turm der Bewahrer gebracht werden. Von seiner Heimatstadt Marlitt aus würde er sage und schreibe drei Tage bis zum zentral gelegenen Tal von Ferndhal benötigen. Sein Glück war, dass er aus der Hauptstadt kam. Nicht auszumalen, wie lange die Reise wäre, würde er beispielsweise in Kerheen leben. Er musste sich eingestehen, dass er etwas nachlässig wurde. Das durfte nicht passieren. In einigen Wochen würde die Versammlung stattfinden. Er selbst musste dort zwar nicht anwesend sein, doch die gesammelten Schriften schon.

Der Turm der Bewahrung ist schließlich eine Institution, die dazu dient, alles zu verzeichnen, was sich in diesem Reich abspielt. Natürlich haben andere Länder ebenfalls einen solchen Turm. Die Mitglieder, die Bewahrer, sind bemüht, die Vergangenheit und alle durch Kriege oder anderer Ursachen verloren gegangenen Aufzeichnungen zu verwahren und zu rekonstruieren. Dadurch hat sich bereits eine gewaltige Ansammlung an Aufzeichnungen entwickelt. Nicht verwunderlich, dass sich dadurch eine sehr große Bibliothek entwickelt hat, die auch gleichzeitig als solche dient. In ihr kann man alles, was sich in diesem Land abgespielt hat, nachschlagen. Dabei können die Aufzeichnungen unterschiedlichster Art sein: Geschichte, Philosophie, Gesetze und sogar düstere Dinge. Aufzeichnungen über Kreaturen, die Götter und Magie.

All diese Aufzeichnungen umspannen mittlerweile einen Zeitraum von fast zweitausend Jahren. Die Bewahrer nehmen ihre Aufgaben sehr ernst. Um verloren gegangenes Wissen wiederzuerlangen und zu rekonstruieren, begeben sie sich selbst in Gefahr, indem sie unter anderem an gefährlichen Expeditionen teilnehmen oder mystische, verfluchte Orte selbst aufsuchen. Auch er war ein solcher Bewahrer, bevor diese eine Sache geschehen war. Nichts konnte ihn aufhalten, an ferne Orte zu reisen, den Gefahren ins Gesicht zu sehen, um dann das Geschehene oder Erforschte zu dokumentieren oder zu rekonstruieren. Doch sind solche gefährlichen Expeditionen längst vorbei. Heute reist er nur noch von Ort zu Ort, klappert Händler und Märkte auf der Suche nach derlei Schriftstücke ab. Sobald er auf solche stößt, erwirbt er sie und prüft sie daheim auf ihre Echtheit. Das ist der Dienst, den er den Bewahrern noch anbieten kann.

Der Mann legt die Notiz behutsam auf einen freien Platz des Tisches und zieht die Nächste aus dem Stapel.

„Wir kamen mitten in der Nacht an. Der Mann, nach dem wir suchen sollten, war nicht zu sehen. Tagelang hatten wir seine Spur verfolgt und wir dachten, wir hätten ihn… Doch er war verschwunden.

Wir näherten uns langsam dem Rand des Dorfes, da explodierte plötzlich eines der Häuser. Holzsplitter und faustgroße Steine schlugen um uns herum ein. Estiel wurde dabei getroffen und verwundet. Wir konnten kaum einen klaren Gedanken fassen, da regnete es plötzlich Feuer vom Himmel, und über all der Zerstörung ertönte ein boshaftes Lachen.

Durch die Feuer vor uns trat eine anfänglich schwärzliche Silhouette. Als sie sich uns näherte, sahen wir, dass es der Mann war. Aber er war nicht länger menschlich.

Wir beteten zu den Göttern, wehrten so gut wir konnten seine Angriffe ab, doch es half nichts. Die Kreatur gab nicht nach. Estiel fiel. Erschlagen von einem Gesteinsbrocken. Das Monstrum sah aus, als hätte eine Abscheulichkeit die Haut des Mannes übergestreift.

Als mich das Wesen ansah und dabei grinste, wurde mir etwas klar…

Wir trugen die Schuld daran. Der Mann hatte diesen Pakt nur geschlossen, um unseren Angriff zu überleben.“

Auszug aus dem Bericht eines Meuchelmörders der Roten Krähen.

Er seufzt. Dabei klingt er etwas traurig und legt auch diese Notiz auf die bereits gelesene. Die Bücher mustert er kurz, beschließt lediglich einen Blick auf die Titel zu werfen, bevor er diese auf dem Boden aufeinander stapelt. Sein Blick schweift erneut über den Tisch. Noch so viele Schriften und lose Zettel. Der Mann streckt den Arm aus und die Finger seiner linken Hand umfassen eine kleine Schriftrolle. Vorsichtig entrollt er diese und beginnt zu lesen.

Ein Agir, oder auch Wehrfuchs genannt, ist ein Gestaltwandler. Unter den Agiren sind hauptsächlich Weibchen vertreten. Es gibt allerdings auch männliche Exemplare, wenn auch selten. Ein weiblicher Agir sieht aus wie eine große Füchsin, kann aber das Aussehen einer Frau annehmen. Es kann jede beliebige Frau sein, die der Agir bereits gesehen hat. Eine Wehrfüchsin kann nur die Gestalt einer weiblichen Person annehmen, ein Männchen nur die Gestalt eines Mannes. Der Unterschied zu anderen Gestaltwandlern wie zum Beispiel den bereits ausgestorbenen Werwölfen besteht darin, dass die wahre Gestalt eines Agir die eines Tieres ist, das sich in einen Menschen verwandelt und nicht umgekehrt. Agire sind in der Regel friedfertig, fühlen sie sich jedoch bedroht oder ihres Territoriums beraubt, können sie schnell aggressiv werden und unvermittelt angreifen.

Agire weisen, wie auch normale Füchse, ein flexibles Sozialsystem auf. Das Leben in einer Paarformation scheint jedoch häufiger vertreten zu sein als die ‘Einzelgänger‘ oder die Familiengruppe. In der Regel sind sie sehr scheu und besonders zur Nachtzeit aktiv. Agire graben ihren Bau stets selbst, da ihre Größe es nicht zulässt, bereits vorgefertigte Baue zu beziehen. Sie ernähren sich hauptsächlich von Aas, Baumfrüchten und Kleintieren. Es kann aber auch vorkommen, dass sich Agire an Nutzvieh heranmachen und diese des Nachts von den Höfen stehlen. Es ist unbekannt, ob Agire Menschen als potenzielle Nahrung ansehen. Wehrfüchse nehmen nur menschliche Gestalt an, wenn sie sich aufgrund von Nahrungsbeschaffung in eine Menschensiedlung begeben müssen oder sie sich aufgrund von Neugier einem Menschen nähern wollen oder unter ihnen wandeln möchten.“

Aus den Notizen von Begravio, dem Träumer.

Auch diesen Zettel legt er zu den anderen. Seine Hand greift nach einem weiteren Stück Papier.

Der Aufruhr wurde immer größer, nachdem mehrere kürzlich beerdigte Leichname aus ihren wieder ausgegrabenen Särgen verschwanden. So vermutete ich Ghule. Von Ghulen wird angenommen, dass sie einst Menschen waren, die dem Kannibalismus verfallen sind. Dieser Frevel breitete sich als Verderbtheit in ihnen aus, und so durchliefen sie eine grausame Transformation. Die Sonne begann in ihren Augen zu schmerzen, ihre Haut zu verbrennen. So sollen sie tief unter der Erde hausen. Entweder in selbst gegrabenen Tunneln oder an kalten, dunklen Orten wie Krypten oder Friedhöfen, vermutlich auch Grüften.“

Aus den Notizen von Begravio, dem Träumer.

Er massiert sich die Schläfen und reibt sich über die Augen. Kopfschüttelnd legt er auch diese Notiz beiseite. Er weiß, dass die niedergeschriebenen Worte der Wahrheit entsprechen. Auch er hatte zu seiner goldenen Zeit etwas Grauenhaftes erblickt. Er weiß, dass diese Wesen existieren, und es erfüllt ihn mit Angst und Trauer. Wie viele mussten ein schreckliches Schicksal erfahren aufgrund solcher Kreaturen? Wie viele Leben wurden zerstört? Wie viele gewaltsam durch eine Abscheulichkeit genommen? Er seufzt laut und kramt nach einem weiteren Schriftstück.

„Häufig heißt es, der einzige Weg für einen Dämon, Einfluss auf die Welt der Lebenden zu nehmen, bestünde darin, einen (ehemals) lebenden Körper zu übernehmen, aber dem ist nicht so. Auch ein Rückkehrer kann das. Dabei handelt es sich um eine etwas veränderte Form eines Schattens. Zu einem Rückkehrer kann man selbst werden, wenn man zu Lebzeiten ein Ritual durchläuft, in dem man eine bestimmte Substanz trinken muss, um zu träumen. Nur wahre Träumer können den Schleier durchqueren und zum Jenseits überwechseln. Sie können dort umherwandern, laufen jedoch Gefahr, übernommen zu werden. Für einen Rückkehrer ist es jedoch vonnöten, übernommen zu werden, allerdings von keinem beliebigen Dämon, der dies nur allzu gerne tun würde, sondern von einem Schatten. Hier besteht die wahre Herausforderung, denn ein Schatten verabscheut die Übernahme.

Man muss den Schatten überreden, ihm etwas anbieten, was er wirklich begehrt, ihm die Übernahme schmackhaft machen. Schafft man dies, so existiert der Schatten fortan in dem Träumer. Nach seinem Ableben bleibt dessen Seele allerdings in Form des Schattens in der Welt der Lebenden und ist somit kein Schatten mehr, sondern ein Rückkehrer, denn was einst der Schatten war, wird nun immer mehr von dem, was Gefühl und Erinnerung hat zurückerobert. Dieser Rückkehrer wartet nun darauf, einen Körper übernehmen zu können, um als er selbst erneut zu leben. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein toter oder ein lebendiger Körper ist. Ein lebender Körper wäre allerdings von Vorteil. Manche Schatten besitzen derartige Macht, dass sie als Rückkehrer sogar eine Kreatur erschaffen können, die ihre letzte Ruhestätte beschützt und sogar potenzielle Körper zum Rückkehrer treiben kann, damit diese übernommen wird. Diese Kreaturen werden Wächter genannt.

Aber wo bereits eine Materie existiert, kann nicht einfach eine zweite eindringen. Die Seele des Übernommenen würde, meiner These nach, den Platz mit dem Schatten tauschen und fortan ebenfalls darauf warten, in einen neuen Körper zu fahren. Ein ewiger Kreislauf. Denkbar ist jedoch auch, dass diese Seele einfach verschwindet oder sogar zu einem weitaus gefährlicheren Wesen wird. Möglich ist auch, dass diese Seele zu einem Irrlicht wird. Es wird vermutet, dass überwiegend Könige auf diese Prozedur zurückgegriffen haben, um auch nach dem Verlust ihres Körpers die Welt der Lebenden nicht verlassen zu müssen. Vermutlich auch in der Hoffnung, ihre Herrschaft fortsetzen zu können.“

Aus den Notizen von Begravio, dem Träumer.

Das Licht in dem Raum schwindet allmählich. Er schaut aus dem Fenster und für einen kurzen Moment sieht er der Sonne dabei zu, wie sie langsam unter dem Horizont verschwindet. Bald wird es dunkel werden. Er fröstelt ein wenig. Das Schriftstück wird von ihm beiseite gelegt und er verlässt den Raum, um im Wohnbereich den Kamin zu entzünden. Nach getaner Arbeit entzündet er den Docht einer Kerze und kehrt zu seinem Studienzimmer zurück, um auch dort die restlichen Kerzen zu entzünden, um ungehindert mit seiner Arbeit fortfahren zu können. Der Mann verspürt den Wunsch, sich für einen Augenblick in seinen bequemen Sessel fallen zu lassen. Als er sich umdreht und diesen ansteuert, schnappt er sich beim Vorbeigehen das nächste Papierstück. Gedankenversunken lässt er sich in seinen Sessel fallen und atmet tief durch. Er starrt auf den Stapel, der einfach nicht weniger zu werden scheint, und widmet sich dann dem Papier in seiner Hand.

„Leute erzählen stets nur von den mächtigen Dämonen, die Abscheulichkeiten erschaffen können, Menschen vollständig übernehmen können oder die Träumer, die sich im Schlafe in das Jenseits verirrt haben, töten können. Darüber wird jedoch oft vergessen, dass nicht alle Dämonen derart ehrfurchtgebietend sind. Manche, die sich in unsere Welt verirren, sind bekannt als Irrlichter. Ein Irrlicht ist ein niederer Dämon, der seine einstige Macht verloren hat. Er ist nichts weiter als ein Fragment eines verblassten Gedankens, Splitter eines verlorenen Gefühls.

Entweder hielt er sich zu lange in unserer Welt auf, ohne einen passenden Wirtskörper zu finden, oder er wurde zerstört. Ob von anderen Dämonen oder etwas gänzlich anderem, ist unklar. Der letzte Rest seines Seins klammert sich an die Idee, aus der er entstanden ist: ein altes Ziel, ein starkes Gefühl oder schlichtweg den Hass auf alle Lebewesen. Irrlichter können nur begrenzt andere Lebewesen angreifen, tun dies jedoch im Jenseits meist wie im Wahn. In unserer Welt gelten sie als überaus hinterlistig. Sie führen, ob nun Mensch oder Tier, Lebewesen in gefährliche und tödliche Gebiete, weil sie für Laternen oder andere Lichtquellen gehalten werden.“

Aus den Notizen von Begravio, dem Träumer.

Der Mann erhebt sich wieder und legt die Notiz ab. Er verspürt eine aufkommende Müdigkeit. Ein kleines Nickerchen würde ihm gut tun. So wie er die Lage einschätzt, würde er wohl sowieso die Nacht durcharbeiten müssen. Erneut wirft er sich in seinen Sessel und schließt die Augen.

„…spen…“

„…Espen…“

„Warum Espen?“

Er fährt erschrocken hoch. Was war das? Hatte er das nur geträumt? Er war sich sicher, jemanden seinen Namen sagen zu hören. Das muss in seinem Traum passiert sein. Langsam beruhigt sich Espen wieder und auch seine Atmung normalisiert sich. Mit dem Handrücken seiner rechten Hand streicht er sich über die Augen und sieht aus dem Fenster. Draußen ist es bereits dunkel. Genug geschlafen, er hat noch eine Menge Arbeit vor sich und er muss fertig werden. Etwas mühselig erhebt sich Espen abermals von seinem Sessel. Vor dem großen Holztisch stehend greift er erneut ein loses Stück Papier.

 

„Erscheinungen sind eben nicht die Auskristallisation bestimmter Ängste. Erscheinungen können greifbar sein, sichtbar und überaus gefährlich. Angenommen wird, dass Menschen nach ihrem Ableben als Erscheinungen umherspuken, angetrieben durch ein durchdringendes Gefühl oder ein hehres Ziel, welches sie um jeden Preis zu Lebzeiten verfolgen wollten. Diese Dinge sind es, die sie nicht zur Ruhe kommen lassen, dies ist, was ihren Seelen verbietet, den Schleier zu durchqueren und ins Jenseits überzugehen. Auch wandern sie fortan als Erscheinung umher, wenn sie plötzlich sterben, ohne eine für sie wichtige Aufgabe erledigt zu haben. Nicht jede Erscheinung bleibt auch an den Ort ihres Todes gebunden. Es stimmt allerdings, dass viele dies durchaus tun, wenn auch aus freien Stücken, um entweder ihr Haus zu verteidigen oder um auf eine für sie wichtige Person zu warten. Erscheinungen, die auf Rache sinnen, können durchaus umherwandern. Es stimmt, dass sie weder vor Menschen noch vor anderen Kreaturen Angst haben, was jedoch nicht zutrifft, ist, dass sie zu keiner Kommunikation fähig sind. Eine Erscheinung wird man los…“

Es beginnt ihn erneut zu frösteln. Diese Notiz ist nicht vollständig. Irgendwo auf diesem Tisch muss sich der Rest befinden. Er durchsucht ungeduldig und hastig sämtliche Schriftstücke. Wo nur? Er war sich sicher, dass er sie besitzt, dass er auch die restliche Ausführung zu diesem Thema besitzt, und er weiß sogar, dass auch diese von Begravio stammt.

„Wo denn nur?“, knurrt er.

„…spen…“

Er vernimmt eine kaum hörbare Stimme. Sein Blick sucht ängstlich den Raum ab, doch nichts ist zu sehen. Eine Eiseskälte durchflutet seinen Körper. Espens Hände beginnen leicht zu zittern. Langsam dreht er sich zum Fenster um und erkennt die kleinen Eisblumen an der Scheibe.

„Unmöglich…“, äußert er und bemerkt den sichtbaren Atem, der beim Sprechen aus seinem Mund entweicht.

„Das kann nicht sein… Es ist Sommer…“

„…Espen…“

Da war diese Stimme wieder. Sehr weit entfernt und leise, doch er konnte sie deutlich hören.

Espen vergräbt sein Gesicht in den Händen.

„Nein, nein!“, ruft er immer wieder kopfschüttelnd. Als könne er diese furchtbar unheimliche Stimme abschütteln. Doch dies kann er nicht. Hektisch widmet er sich wieder dem Tisch und durchsucht ihn erneut. Dieses verdammte Stück Papier muss doch hier irgendwo sein. Er ignoriert die Bücher, die er dabei vom Tisch fegt. Ihm ist jetzt auch egal, ob er die Schriftrollen oder Notizen beschädigt. Dieses eine Stück zu finden, hatte jetzt oberste Priorität.

„Warum, Espen?!“, schreit ihn plötzlich ein wutentbranntes Gesicht an, welches aus dem Nichts mit einem Schlag genau vor seinem erscheint.

Zu Tode verängstigt weicht er zutiefst erschrocken zurück und reißt dabei den Tisch mit sich. Lose Zettel fliegen umher, Bücher fallen laut auf den Boden und Schriftrollen verteilen sich im Raum. Er starrt in das entsetzlich verzerrte Gesicht einer einstmals schönen Frau. Sie wirkt etwas durchscheinend. Ihre Haare flattern beinahe schwerelos umher. Die Kleidung, die sie trägt, sieht schmutzig aus, zerrissen, doch er erkennt das Kleid, denn es ist dasselbe, das sie zu ihrer Beisetzung trug. Ihre Füße sind nicht sichtbar, das Kleid ist zu lang, doch er kann auch so erkennen, dass sie den Boden nicht berührt. Espen kneift die Augen zusammen und hält sich gleichzeitig die Ohren zu.

„Ich habe mich doch bereits so oft entschuldigt! Wie oft denn noch?! Was willst du denn noch von mir?!“, brüllt er ihr entgegen.

„Warum suchst du mich noch immer heim?!“

Ein grauenhaftes Gelächter erklingt und durchbricht sein erbärmliches Wimmern. Zögernd sieht er sie an. Sein Körper zitterte völlig unkontrolliert.

„Ich will wissen, warum!“, kreischt sie.

Warum? Er hatte viel darüber nachgedacht. Tagtäglich und besonders jede einzelne Nacht. Seit jenem Tag. Seit dem Tag, an dem er sie zum ersten Mal sah. An dem er ihre Erscheinung sah und ihr unheilvolles Wispern vernahm. Er fragte sich, ob er seine Tat bereute.

„Ich weiß es nicht!“, gibt er ihr zur Antwort.

„Ich weiß es nicht! Ich weiß nur, dass ich es nicht länger ertragen konnte, dass du immer, sobald ich auf Reisen ging, den verdammten Bauernknaben gevögelt hast!“

Erneut lacht sie. Ihr Gelächter hallt von den Wänden wieder und echot in seinem Gehör.

„Ach Espen. Geliebter Espen. Ich vergebe dir, wenn du zu mir kommst. Komm mit mir, Geliebter!. Lass uns gemeinsam durch die ewige Nacht wandern“, kichert sie schadenfroh.

Espen erträgt dies nicht länger. Seine Augen suchen verzweifelt die verstreuten Unterlagen ab. Aber selbst wenn er sie finden würde, würde ihm dieses Wissen nun noch von Nutzen sein?

„Espen… Komm zu mir!“, wispert sie erneut.

Eine knochige Hand wird nach ihm ausgestreckt, und als sie ihn berührt, spürt er, wie seine Energie schwindet, wie seine Angst schwindet und sein Lebenswille nach und nach erlischt. Der Glanz in Espens Augen ist nicht länger vorhanden. Müde und ausdruckslos starren sie auf das ausgemergelte Gesicht seiner ehemaligen Frau. Kälte breitet sich in seinem Körper aus und hüllt ihn langsam, aber sicher komplett ein.

Der letzte Gedanke, den er fassen kann, gilt dem losen Stück Papier, welches seine Geliebte zwischen ihren knochigen Fingern hin und her wedelt, während sie in einem schallenden Gelächter ausbricht.

Espen weiß, dass dies das Letzte sein wird, was er erblickt, und das Letzte, was er zu hören bekommt.

 

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