Lange

Das Buch – Untergang

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

„Mike“ flüstert die Gestalt und tritt hervor. Mike stockt der Atem. Das lange, nussbraune Haar, die durchdringenden, braunen Augen – „Jane“, keucht Mike. „Liebling, ich habe dich so vermisst. So sehr vermisst“, sagt Jane liebevoll, aber mit belegter, trauriger Stimme. „Ich dich doch auch. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke!“, erwidert Mike traurig. Noch immer steht er stocksteif auf der Stelle. Er versucht, seine Beine in Richtung Jane zu lenken, doch sie bewegen sich nicht und fühlen sich an, als würden sie mit Blei gefüllt sein. „Wo bist du? Wieso bist du hier? Was hast du mit dem Buch zu tun?“, setzt Mike fort. Jane antwortet nicht auf diese Fragen: „Komm mit, Liebling. Wir können zusammen sein.“. Mike schaudert. Er ahnt es. „Das … würde meine Frau niemals von mir verlangen“, haucht er bestimmt. Gebannt starrt er in Janes Augen. Ihr Gesicht wirkt kühler. Das liebevolle lächeln schwindet langsam aus ihrem Gesicht und weicht einer verzerrten Grimasse. Ihre braunen Augen werden von absoluter Dunkelheit verschluckt und durchdringen Mike. „Aaaarrrrrggghh“, schreit Mike schmerzerfüllt und greift sich an die Schläfen. Immer noch schreiend kauert er sich zusammen und betet, betet dass diese Schmerzen endlich aufhören, betet dass er einfach sterben darf.

Abrupt endet alles. Mike blickt sich in seinem hellen, lichtdurchfluteten Wohnzimmer um. Das Wohnzimmer hat Mike, seiner Kultur- und Reisefreude zuliebe, weitgehend im afrikanischen Stil eingerichtet. Das Buch, welches auf einem runden Tisch aus Mangoholz liegt, ist geschlossen. Nichts in diesem Raum erinnert an den furchtbaren Alptraum, den Mike noch vor Sekunden durchleben musste. Mike liegt noch immer zusammengekauert auf einem künstlichen Zebrafell. Vorsichtig renkt er seinen Kopf zur Tür. Nichts. Schnaubend rafft er sich auf und blickt voller Furcht auf das geschlossene, nun völlig harmlos wirkende Buch.

„Es reicht“, presst er hervor. Als würde sein Leben in wenigen Sekunden enden, prescht er zum Buch, schnappt es sich und rennt in Windeseile durch seinen unordentlichen, nicht thematisierten Flur raus in den Garten. Voller Wut pfeffert er das Buch in seine norwegische Feuerschale und rennt weiter zum Schuppen. Hastig funmelt er an dem Schloss herum, bis er die Tür nach einer gefühlten Ewigkeit endlich öffnen kann. Schnaubend scannt er den Schuppen.

„Da!“, schreit er und lacht, am Rande des Wahnsinns. Eilig rennt er mit der Petrol-Flasche zurück zur Feuerschale. Er gießt die ganze Flasche über das Buch, zückt sein Feuerzeug – das Rauchen konnte er einfach nicht lassen – und entzündet die Schale mitsamt des furchtbaren Inhalts. Immer noch adrenalingeladen sinkt Mike auf das Gras. „Es reicht nun“, denkt er sich – er hatte schon viel Erlebt, aber das ging zu weit. Bisher war er noch nie in großer Gefahr, und dann auch noch seine verstorbene Frau. Nein, das war zuviel. Mit sinkendem Adrenalinspiegel und steigender Erschöpfung schleppt sich Mike zurück ins Haus und fällt in sein Bett.

Mike schlägt die Augen auf. Überraschend entspannt setzt er sich auf und schaut auf sein Handy. Er hatte fast 2 Tage durchgeschlafen. Panik setzt ein. Das Buch. Mike springt schnell aus seinem Bett und tapst vorsichtig zum Fenster, aus welchem der Garten sichtbar ist. Ängstlich lugt er an den Vorhängen vorbei. In der Feuerschale ist noch immer ein leichtes Glimmen erkennbar. Kein Überbleibsel des Buches sichtbar. Erleichtert atmet Mike auf und torkelt zurück zum Bett. Ein seltsames Gefühl der Leichtigkeit durchströmt seinen Körper. War es das? Konnte er das Buch vernichten? Für den Moment, so denkt sich Mike, war es das und blickt zufrieden lächelnd in den strahlend blauen Himmel.

Nachdem einige Wochen ohne Vorfälle vergangen waren, beschloss Mike, seine Familie zu besuchen. Mike verbringt viel Zeit mit seiner „2. Familie“ bestehend aus seinen Kollegen, doch seine echte Familie sieht er nur selten. Aufgrund der jüngsten Vorfälle hielt er es nur für richtig, die doch begrenzte Zeit des Lebens für seine Liebsten aufzubringen.

Mikes Familie besteht aus seinen Eltern – Rosalie und Peter – sowie seiner etwas jüngeren Schwester, Lou. Mike hatte im Vorfeld einen Tisch in einem schicken, japanischen Restaurant reserviert. Mike liebt die japanische Küche und auch seine Freunde und Familie konnte er schon davon überzeugen.

Im Restaurant angekommen, begrüßt er seine Familienmitglieder herzlich. „Das war ja eine Überraschung, mal wieder von dir zu hören!“, merkt sein Vater an und klopft ihm herb auf die Schulter. „Erzähl doch mal, was du seit dem letzten Mal so getrieben hast!“, setzt er fort, während sie von einem adrett gekleideten, jungen Kellner zum Tisch geführt werden. Unfreiwillig laut schiebt sich Mike mitsamt Stuhl und an den Tisch: „Ähhh – das Übliche“, sagt er mit einem verzerrten Grinsen. Seine Eltern haben noch nie etwas für seinen Beruf übrig gehabt, weswegen er sich in der Regel nicht zu sehr auf seine Abenteuer bezog. Lediglich Lou legte schon immer eine gewisse morbide Neugierde an Tag. „Mike, erzähl. Es sind Monate vergangen – irgendwas Aufregendes muss doch einfach passiert sein?“, fragt Lou mit großen, neugierigen Augen. „Das ist doch ein Thema für später.“, sagt Rosalie streng in die Runde. Mike, erleichtert, dass seine Mutter das Thema umlenkt, steigt fast schon zu motiviert in den üblichen Austausch von Kindheitserinnerungen ein.

Dankbar, ein Stück Normalität gewonnen zu haben, bemerkt Mike im Rausch des typischen Familienambientes erst spät, dass die orientalische Deckenlampe am Nachbartisch anfing zu flackern. Misstrauisch beäugt Mike die monoton flackernde Lampe. Ein leises Gefühl der Unruhe und Kälte schleichen seinen Nacken hinunter. „Lampen flackern manchmal nunmal.“, denkt er sich streng und wendet sich murmelnd wieder seiner Familie zu. Ein unendlich grauenhaftes Gefühl zuckt durch ihn hindurch. Das gleiche Gefühl, welches er in dieser einen Nacht spürte, durchzog nun jede einzelne Zelle seines Körpers. Während die Atmosphäre im Restaurant noch vor wenigen Augenblicken warm und beruhigend war, ist es nun kalt und bedrohlich.

Mike hört kein Geschnatter mehr, lediglich ein wiederliches Geschmatze hallt durch den ganzen Raum. Seine Familienmitglieder starren ihn mit schwarzen Augen an, ihre Münder sind blutverschmiert. Mike erkennt blutiges, rohes Fleisch auf ihren Tellern. Mikes Herz rast, der Atem stockt. Er beibachtet seinen Vater, wie er genüsslich in ein großes Stück Fleisch beißt. Mike vernimmt das Knacken von Knochen und ihm stellen sich alle Haare auf. Mike ringt um Atem. Mutter und Schwester tun es dem Vater gleich. Mike versucht aufzustehen, doch sein Körper reagiert nicht. Panisch blickt er sich um und sieht überall nur Menschen, die genüsslich rohes Fleisch verspeisen. Das Schmatzen und Knacken hallt unerträglich laut durch den Raum. Genüsslich nimmt der Vater einen großen Schluck einer dickflüssigen, roten Flüssigkeit, Blut läuft aus seinem Mundwinkel den ohnehin schon blutverschmierten Hals herunter. Mike schreit, sein ganzer Körper bebt und zittert, ein wahrlich erbärmlicher Anblick. Das Schmatzen hört auf und weicht höhnischem Gelächter, welches von allen Anwesenden auszugehen scheint. Erneut kann Mike es nicht mehr ertragen, er fleht ins Nichts, will nichts als weg, auch wenn der einzige Ausweg die süße Erlösung des Todes wäre. Das Gelächter wird immer lauter und dröhnt in seinen Ohren, Mikes Augen, tränenverschmiert, zucken hilflos und wild durch den ganzen Raum, doch es gibt keinen Anker, keine Erlösung, kein Licht am Horizont.

„Mike?“. Peter rüttelt an Mikes Schulter. Mike sieht sich verdutzt um. Das entspannte Ambiente ist zurück, als wäre nie etwas passiert. „Verträgst du irgendwas nicht, du bist so blass mein Schatz!“, äußert Rosalie aufrichtig besorgt. Hektisch springt Mike auf und stößt dabei seinen Stuhl um. Er spürt die Blicke der anderen Gäste. „Ich … es tut mir leid .. ich muss gehen, mir geht es nicht gut. Bitte macht … euch keine Sorgen. Wir wiederholen das!“, sagt Mike mit brüchiger Stimme und stürmt aus dem Restaurant, ohne irgendeine Antwort abzuwarten.

Viel zu schnell rast Mike nach Hause, und platzt viel zu stürmisch durch seine nicht mehr so stabile Haustür. Ein Gefühl der Ohnmacht durchzuckt ihn, er stolpert rückwärts, kann seinen Augen nicht trauen. Mitten im Flur, in einer Schale gefüllt mit rohem Fleisch, liegt es. Das Buch.
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Mike lehnt gegen seine Haustür und sinkt langsam daran hinab, ohne dabei das Buch aus den Augen zu lassen. Wie kam das Buch hierher? Er hatte es doch verbrannt? Vorsichtig richtet er sich auf und geht langsam, beinahe schleichend, auf das Buch zu. Angewidert mustert er das Behältnis und dessen Inhalt, in welchem das Buch liegt. „Ich will nicht wissen, was das für ein Fleisch ist“, denkt Mike und greift weiterhin angewidert und vorsichtig nach dem Buch, um es aus der widerlichen Fleischsuppe zu ziehen. Mike starrt das Buch an. Es sieht unversehrt aus. Ohne zu zögern rennt Mike zurück zum Auto, pfeffert das Buch in den Kofferraum, und fährt, zunächst ziellos, los.

Nach einigen Kilometern geradeaus hat Mike die Idee, das Buch nicht zu vernichten, sondern es einfach irgendwo zu verstecken, wo es sonst niemand mehr finden kann. Er peilt einen See knapp außerhalb seines Wohnortes an. Er genießt dort im Sommer üblicherweise eine kühle Erfrischung, und eigentlich sträubt er sich, einen Ort, welchen er mit ausschließlich guten Erinnerungen verknüpft, mit dem Buch zu besudeln. Allerdings scheint ihm der Grund eines tiefen Sees als der perfekte Ort für das Buch, da so garantiert niemand ausersehen darüber stolpern kann.

Plötzlich wird alles langsam. Mike erkennt im Augenwinkel ein laufendes Reh, welches sich auf Kollisionskurs mit seinem Auto befindet. Wie in Trance schwenkt Mike das Lenkrad nach links, um dem Reh auszuweichen, und lenkt direkt danach rechts ein, als hätte er es schon hundertmal so gemacht. Seine Wahrnehmung normalisiert sich, und es scheint alles wieder in normaler Geschwindigkeit abzulaufen. Mike blinzelt. Diese Reflexe kannte er so nicht von sich selbst. Er schnaubt kurz und fokussiert sich wieder auf sein Ziel. Am See angekommen, verliert Mike keine Zeit. Schnellen Schrittes marschiert er zunächst über Gras, dann über Kies, und holt mit voller Kraft aus.

Im hohen Bogen fliegt das Buch meterweit und schlägt schließlich mit einem – für Mike sehr befriedigendem – „Platsch“ auf der Wasseroberfläche auf und versinkt. Mike beobachtet kurz die ringförmigen Wellen, die sich von der Stelle ausbreiten. Ein wenig erleichtert kehrt er um und trottet zurück zum Auto. An der Fahrertür angekommen, durchzuckt ihn eine Welle unbeschreiblicher Wut. Er blickt in Sein Spiegelbild – und es blickt mit leuchtend roten Augen zurück. Mike ist zornig. Er kann seine Wut nicht bändigen, er kann sie nicht länger zurückhalten. Mit jedem Quäntchen Energie, welche er aufbringen kann, schlägt er mit voller Wucht in das Fenster. Seine Faust durchbricht das Glas, ein beißender Schmerz lodert in seiner Hand auf, und Mike weicht einen Schritt zurück. Keuchend begutachtet er sein Werk. Er versteht nicht, was gerade passiert ist. „Ich .. habe gerade ohne ersichtlichen Grund mein Autofenster zerschlagen“, stößt er nüchtern aus. Und als wäre die Situation nicht schon seltsam genug, kichert er nervös. Er spürt eine warme Flüssigkeit an seiner Hand und schaut hin. „Ganz offensichtlich“, keucht Mike, „Ist es nicht gesund, Autoscheiben mit bloßen Händen zu zerschlagen“. Seine aufgeschnittene und blutende Hand bestätigt seine Annahme. Mike schließt die Augen und fängt an, tief und langsam zu atmen. „Das Buch ist weg. Das war nur die Anspannung der letzten Tage“, redet er sich ein.

Nun ohne Fenster auf der Fahrerseite fährt Mike zurück nach Hause.

Mittlerweile müde, geht Mike langsam auf seine Haustür zu. Er greift mit seiner rechten Hand nach dem Türgriff und erstarrt. Die eben noch blutige und beinahe zerfetzte Hand sieht aus wie neu. „Das kann nicht sein“, haucht Mike, und dreht sich hektisch zum Auto um. Die Fensterscheibe ist noch immer zerbrochen. Er hatte es sich nicht eingebildet – was zumindest eine Erklärung für seine makellose rechte Hand wäre. „Nein, nein, nein“, stößt Mike aus, „Nein, jetzt nicht mehr. Ich bin einfach nur müde und gehe jetzt ins Bett“. Mike trägt sich die Treppen hoch in sein Schlafzimmer. Träge öffnet er die Tür und tritt ein. Seine Pupillen weiten sich. Sein Herz fängt an zu rasen, sein Blut gefriert, er schnappt nach Luft und stößt einen markerschütternden Schrei aus, während er rückwärts stolpert und beinahe die Treppe hinunterfällt. Auf seinem Bett liegt das Buch. Mike fühlt sich beobachtet, als würde ihn das Buch augenlos anstarren und jede kleinste Bewegung verfolgen. Doch seine Müdigkeit obsiegt: Beinahe gleichgültig schiebt er das Buch vom Bett, legt sich quer über das Bett, und schläft ein.
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Mike erwacht mit einem Ruck. Sein Herz hämmert in seiner Brust, die Luft in seinem Schlafzimmer fühlt sich schwer und drückend an. Er kann sich an keinen Traum erinnern, doch ein vages Gefühl des Unbehagens haftet an ihm wie ein unsichtbarer Schleier. Langsam richtet er sich auf und lässt seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Das Buch, das vor Stunden noch wie ein stummer Wächter auf seinem Bett lag, ist verschwunden. Er atmet tief durch. Vielleicht war es nur eine Halluzination, ein Nachhall der Schrecken, die er durchgemacht hat. Doch tief in seinem Inneren weiß er es besser. Das Buch ist nicht weg. Es hat ihn gefunden. Und es wird ihn nicht so einfach loslassen.

In der Küche angekommen, setzt Mike einen Kaffee auf, in der Hoffnung, der bittere Geschmack würde ihn in die Realität zurückholen. Während die Kaffeemaschine vor sich hin brummt, schweifen seine Gedanken zurück zu den vergangenen Wochen. Die Erscheinung von Jane, das unerträgliche Flüstern, das glühende Buch in der Feuerschale – nichts davon ergibt Sinn. Er nippt an seiner Tasse, als plötzlich das Licht über ihm flackert. Für einen Moment erinnert ihn das Flackern an die Deckenlampe im Restaurant. Unwillkürlich schießt ihm das Bild seiner Familie mit den schwarzen Augen und den blutverschmierten Gesichtern in den Kopf. Ein Schauer läuft ihm über den Rücken, und er stellt die Tasse hastig ab. „Es passiert wieder“, murmelt er.

Sein Blick fällt auf seine Hand. Die Schnitte, die er sich beim Schlag ins Autofenster zugezogen hatte, sind spurlos verschwunden. Die Haut ist makellos, als wäre nie etwas geschehen. Er streicht mit den Fingern über die Stelle, aber da ist nichts – keine Narbe, kein Schmerz, nicht einmal ein Anzeichen dafür, dass die Verletzung je existiert hat. Mike verzieht das Gesicht. Das war nicht normal. Er geht ins Badezimmer und wäscht sich hektisch das Gesicht. Als er aufblickt, starrt ihn sein Spiegelbild an, aber etwas daran ist falsch. Seine Augen wirken dunkler, tiefer. Für einen Moment meint er, ein rotes Glühen in ihnen zu erkennen, doch als er blinzelt, ist es wieder verschwunden. „Das kann nicht sein“, flüstert er und schlägt die Hände vors Gesicht. Doch das Gefühl der Fremdheit in seinem eigenen Körper wird stärker. Seine Reflexe sind schneller, seine Bewegungen präziser, und sein Körper fühlt sich an, als hätte er unermessliche Energie aufgesogen. Doch mit dieser Energie kommt auch eine bedrückende Wut.

In den Tagen danach häufen sich die merkwürdigen Vorfälle. Ein umfallendes Regal in seinem Wohnzimmer bleibt mitten in der Bewegung stehen, als hätte die Zeit angehalten. Ein Vogel prallt gegen sein Fenster, und bevor Mike begreifen kann, was passiert ist, steht das Tier wieder auf und fliegt davon, als wäre nichts geschehen. Doch die größte Veränderung spürt er in sich selbst. Sein Geist ist nicht mehr nur sein eigener. Immer wieder hört er das Flüstern, das er mit dem Buch verbindet. Es ist leise, kaum wahrnehmbar, aber es ist da. Es spricht in einer Sprache, die er nicht versteht, und doch scheint jede Silbe tief in sein Bewusstsein zu dringen.

Eines Nachts, als er schläft, taucht Jane erneut in seinem Traum auf. Sie steht am Ufer des Sees, in den er das Buch geworfen hat. Ihre Augen sind leer, ihre Haut blass, und ihre Stimme hallt wie ein Echo in seinem Kopf. „Du kannst ihm nicht entkommen, Mike. Es gehört dir, und du gehörst ihm.“ Er wacht schweißgebadet auf, sein Atem geht stoßweise. Ohne zu zögern, schnappt er sich seine Jacke und eilt zum See. Das Wasser glitzert ruhig im Mondlicht, doch Mike spürt die Dunkelheit, die darunter lauert. Er steht am Ufer, die Kälte der Nacht schneidet durch seine Kleidung, aber er fühlt keinen Frost.

„Wo bist du?“, flüstert er, seine Stimme zittert. Doch er erwartet keine Antwort. Stattdessen sieht er es – ein schwaches Glühen unter der Wasseroberfläche. Es kommt näher, bis es direkt vor ihm ist. Mike kniet sich hin, seine Hände zittern, als er sie ins Wasser taucht. Plötzlich schießt ein Schwall kalten Wassers auf ihn zu, und er wird zurückgerissen. Keuchend fällt er auf den Rücken und blickt nach oben. Über ihm leuchten die Sterne, ruhig und gleichgültig. Doch als er wieder auf den See blickt, ist das Glühen verschwunden.

„Es hat mich nicht losgelassen“, sagt er zu sich selbst. „Es wird mich niemals loslassen.“ Mit zittrigen Schritten kehrt er nach Hause zurück, wo das Flüstern in seinem Kopf nun lauter ist denn je.
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Mike sitzt in seinem dunklen Wohnzimmer, nur die schwache Glut einer Zigarette erhellt sein Gesicht. Die Ereignisse der letzten Tage haben ihn an den Rand des Wahnsinns getrieben. Das Buch verfolgt ihn, nicht nur in der Realität, sondern auch in seinen Träumen. Es wird Zeit, Antworten zu finden. Er nimmt einen letzten Zug, drückt die Zigarette aus und öffnet seinen Laptop. Er beginnt, nach allem zu suchen, was mit alten Büchern, okkulten Gegenständen und übernatürlichen Phänomenen zu tun hat. Die ersten Stunden führen zu nichts – unzählige Seiten über Geistergeschichten, Mythen und Verschwörungstheorien. Doch dann stößt er auf etwas: ein Forum für paranormale Untersuchungen. Ein Nutzer namens „SeekerOfShadows“ beschreibt eine ähnliche Erfahrung mit einem „verfluchten Buch“, das angeblich eine dunkle Macht beherbergt.Mike zögert nicht und schreibt dem Nutzer eine Nachricht. Zu seiner Überraschung erhält er bereits nach wenigen Minuten eine Antwort. Der Nutzer, der sich als ehemaliger Journalist namens Daniel vorstellt, bietet an, sich mit Mike zu treffen. „Ich habe Dinge gesehen, die niemand sehen sollte“, schreibt Daniel. „Aber ich kann dir helfen.“

Am nächsten Tag trifft sich Mike mit Daniel in einem kleinen, verrauchten Café. Der Mann wirkt nervös, sein Blick huscht ständig zur Tür, als würde er verfolgt. „Du bist also derjenige, der das Buch hat“, beginnt Daniel ohne Umschweife.

Mike nickt, nimmt einen Schluck von seinem Kaffee und fragt: „Was weißt du darüber?“

Daniel lehnt sich vor. „Das Buch ist alt, älter als alles, was wir uns vorstellen können. Es ist ein Gefängnis, geschaffen, um eine Entität einzusperren, die niemals freigelassen werden sollte. Mal’karoth – so nennt ihn der Kult, der dieses Buch verehrt.“

Mikes Herz schlägt schneller. „Ein Kult? Wer sind diese Leute?“

Daniel seufzt und zieht eine Mappe mit vergilbten Zeitungsausschnitten hervor. „Die Jünger des Schattenbuches. Sie existieren seit Jahrhunderten. Ihr Ziel ist es, Mal’karoth zu befreien, damit er unsere Welt in Dunkelheit stürzen kann. Sie glauben, dass das Buch ein Schlüssel ist – und dass nur ein Auserwählter es öffnen und kontrollieren kann.“

Mike fühlt, wie sich sein Magen zusammenzieht. „Und sie denken, ich bin dieser Auserwählte.“

Daniel nickt langsam. „Das Buch hat dich ausgewählt. Es gibt keinen Zufall, Mike. Jeder, der das Buch berührt, wird ein Teil seiner Geschichte. Aber du… du bist anders. Du hast es geöffnet und überlebt. Das macht dich besonders.“

Mike lehnt sich zurück und fährt sich durch die Haare. „Das erklärt immer noch nicht, warum es mich verfolgt. Ich habe es in einen See geworfen, und trotzdem…“

Daniel unterbricht ihn. „Es gehört dir jetzt. Solange das Buch existiert, wird es zu dir zurückkehren, egal, wohin du es bringst.“

Die Worte lasten schwer auf Mike. Er spürt die Bedeutung dahinter und die Unausweichlichkeit seiner Situation. „Was kann ich tun? Wie stoppe ich das?“

Daniel zögert, bevor er antwortet. „Es gibt eine Möglichkeit, das Buch zu versiegeln. Aber es ist gefährlich. Du wirst Hilfe brauchen.“

Mike sieht ihn ernst an. „Was für Hilfe?“

Daniel reicht ihm einen Zettel mit einer Adresse. „Dr. Emily Parker. Sie war eine der führenden Expertinnen für Okkultismus, bevor sie sich aus der Öffentlichkeit zurückzog. Wenn jemand weiß, wie man Mal’karoth aufhält, dann sie.“

Mike nimmt den Zettel und studiert die Adresse. „Danke, Daniel. Ich werde sie aufsuchen.“

Daniel erhebt sich und greift nach seiner Jacke. „Pass auf dich auf, Mike. Die Jünger wissen, wer du bist. Und sie werden nicht aufhören, bis sie dich haben.“

Mit diesen Worten verschwindet Daniel aus dem Café, und Mike bleibt allein zurück. Er spürt die Kälte der Wahrheit in seinen Knochen. Das Buch war kein Zufall, und sein Kampf hat gerade erst begonnen.

Zurück zu Hause bereitet sich Mike auf seine Reise vor. Die Adresse führt ihn in eine abgelegene Kleinstadt, weit weg von seinem bisherigen Leben. Während er seine Tasche packt, hört er das Flüstern erneut. Doch diesmal ist es deutlicher, fast wie eine Stimme, die direkt zu ihm spricht: „Komm näher, Mike. Lass uns eins werden.“ Mike schüttelt den Kopf, versucht, die Stimme zu ignorieren.
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Mike steht vor einem alten viktorianischen Haus am Ende einer verlassenen Straße. Die Fenster sind mit dicken Vorhängen verhangen, und das Gebäude wirkt, als würde es jeden Moment in sich zusammenfallen. Er überprüft die Adresse auf dem Zettel, den Daniel ihm gegeben hat. „Dr. Emily Parker“, murmelt er, bevor er tief durchatmet und an die schwere Holztür klopft.

Es vergehen mehrere Sekunden, in denen nichts geschieht. Gerade als Mike erneut klopfen will, hört er Schritte hinter der Tür. Ein altertümliches Schloss klickt, und die Tür öffnet sich einen Spalt. Ein Paar wachsame, blaue Augen mustert ihn.

„Wer sind Sie?“ Die Stimme ist ruhig, aber fest.

„Mein Name ist Mike. Daniel hat mich geschickt. Ich brauche Ihre Hilfe.“

Die Tür bleibt einen Moment lang unverändert, dann öffnet sie sich widerwillig. Eine Frau in den späten Vierzigern, mit grauen Strähnen in ihrem dunklen Haar und einer beeindruckenden Haltung, tritt zur Seite und lässt Mike eintreten.

Das Innere des Hauses ist ebenso düster wie das Äußere, aber es hat eine merkwürdige Anziehungskraft. Bücherregale bedecken die Wände, gefüllt mit alten, ledergebundenen Bänden. Auf einem Tisch in der Mitte des Raumes liegen Schriftrollen, Kerzen und mysteriöse Artefakte. Emily deutet auf einen Stuhl, und Mike setzt sich zögernd.

„Daniel hat mich seit Jahren nicht mehr kontaktiert“, sagt sie und nimmt gegenüber von ihm Platz. „Also, was für Probleme bringen Sie hierher?“

Mike zögert kurz, bevor er antwortet. „Es geht um ein Buch. Ein Buch, das… nicht normal ist. Es verfolgt mich. Es zeigt mir Dinge. Und es hat… Kräfte.“

Emily beobachtet ihn aufmerksam, ihre Augen schmal. „Beschreiben Sie es.“

Mike erzählt ihr von seinen Erlebnissen: von der Erscheinung seiner toten Frau, dem Flüstern und Visionen, dem Versuch, das Buch zu verbrennen, und seinem erneuten Auftauchen. Emily unterbricht ihn nicht, sondern hört ihm geduldig zu, während ihre Miene immer ernster wird.

Als Mike geendet hat, lehnt sie sich zurück und seufzt. „Das klingt nach dem Schattenbuch. Es ist eines der gefährlichsten Artefakte, die je existiert haben. Und wenn das, was Sie sagen, stimmt, dann sind Sie in großer Gefahr.“

Mike schluckt. „Was ist dieses Buch? Warum wählt es mich aus?“

Emily steht auf und holt ein altes, schweres Buch aus einem der Regale. Sie schlägt es auf und zeigt Mike eine Illustration: ein schwarzes Buch, umgeben von einer Aura aus Schatten, mit einem dämonischen Symbol auf dem Cover.

„Das Buch, das Sie beschreiben, wurde vor Jahrhunderten geschaffen, um eine mächtige Entität namens Mal’karoth zu binden. Er ist ein Wesen reiner Dunkelheit, ein Dämon, der ganze Welten zerstören könnte, wenn er freigelassen wird. Die Zauberer, die ihn gefangen nahmen, banden seine Essenz an dieses Buch. Aber sie wussten, dass seine Macht niemals vollständig eingedämmt werden könnte. Das Buch sucht sich diejenigen aus, die es nutzen können, um Mal’karoth zu befreien.“

Mike fühlt sich, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggezogen. „Und das Buch hat mich ausgewählt.“

Emily nickt. „Ja. Es hat Sie nicht nur ausgewählt, es hat Sie mit seiner Macht verbunden. Die Veränderungen, die Sie spüren – Ihre Reflexe, Ihre Stärke, die Stimmen – das ist Mal’karoths Einfluss. Wenn Sie nichts unternehmen, wird er vollständig von Ihnen Besitz ergreifen.“

„Was kann ich tun?“, fragt Mike, seine Stimme bebt vor Verzweiflung.

Emily schließt das Buch und sieht ihn mit ernster Miene an. „Es gibt einen Weg, Mal’karoths Macht zu bannen, aber es wird nicht einfach. Sie müssen lernen, die Kontrolle über das Buch zu übernehmen, bevor es die Kontrolle über Sie übernimmt.“

Sie steht auf und geht zu einem Schrank, aus dem sie eine kleine Kiste holt. Sie öffnet sie und holt eine Reihe von Ritualwerkzeugen hervor: eine verzierte Dagger, eine Schale und mehrere mit Symbolen verzierte Kristalle.

„Das ist ein Bannritual“, erklärt sie. „Es wird Ihnen helfen, die Verbindung zwischen Ihnen und dem Buch zu schwächen. Aber das Ritual ist riskant. Wenn Sie sich nicht vollkommen konzentrieren, könnten Sie das Gegenteil erreichen und Mal’karoth noch mächtiger machen.“

Mike sieht die Gegenstände an, sein Herz rast. „Was, wenn ich versage?“

Emily sieht ihn ernst an. „Dann könnte Mal’karoth durch Sie vollständig in unsere Welt eintreten. Und niemand wird ihn aufhalten können.“

Mike schluckt schwer, doch dann nickt er. „Ich habe keine Wahl. Wir müssen es versuchen.“

Emily nickt zustimmend. „Gut. Aber bevor wir beginnen, müssen Sie sich darauf vorbereiten. Sie müssen stark sein – geistig und körperlich. Denn das Buch … Mal’karoth … wird nicht kampflos aufgeben.“

Mike spürt die Schwere ihrer Worte. Der Kampf, den er fürchten gelernt hat, ist erst der Anfang.
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Die Nacht ist klar und kalt, als Mike und Emily in ihrem schwarzen Geländewagen auf einem Hügel anhalten, von dem aus sie auf einen verlassen wirkenden Bunker blicken können. Er liegt mitten in einem dichten Wald, umgeben von einer rostigen Metallmauer, die mit Zeichen und Symbolen übersät ist. Emily mustert das Gelände mit einem Fernglas, während Mike unruhig auf seinem Sitz hin und her rutscht.

„Das ist es“, sagt Emily leise. „Das Hauptquartier der Jünger des Schattenbuches.“

Mike fühlt einen Knoten in seinem Magen. „Und die wissen, dass ich das Buch habe?“

Emily senkt das Fernglas und nickt. „Sie wissen mehr, als sie sollten. Sie haben Sie beobachtet, seit das Buch Sie gefunden hat. Und jetzt bereiten sie sich darauf vor, das Ritual durchzuführen, um Mal’karoth zu befreien.“

Mike schüttelt den Kopf, als wollte er die Worte von sich abstreifen. „Wie können wir das stoppen? Wir sind zu zweit, und die haben wahrscheinlich eine ganze Armee da drin.“

Emily öffnet den Kofferraum des Wagens und zieht eine schwere Tasche hervor. Sie öffnet sie und zeigt Mike eine Reihe von Werkzeugen: eine alte, zeremonielle Waffe, magische Schutzamulette und mehrere Phiolen mit einer dunklen Flüssigkeit.

„Wir werden uns nicht in einen Kampf verwickeln“, erklärt sie. „Unser Ziel ist es, so viele Informationen wie möglich zu sammeln. Wenn wir herausfinden, wann und wo das Ritual stattfinden soll, können wir es sabotieren.“

Mike nickt, obwohl er nicht überzeugt ist. Sein Herz schlägt schneller, als Emily ihm eines der Amulette reicht. „Das wird uns für eine Weile vor ihrer Magie schützen“, sagt sie. „Aber es wird nicht ewig halten. Seien Sie wachsam.“

Sie schleichen sich durch den dichten Wald bis zur Mauer. Emily zieht eine kleine Flasche mit der dunklen Flüssigkeit hervor und schüttet ein wenig davon auf die Metallmauer. Das Metall beginnt zu zischen und löst sich an einer Stelle auf, groß genug, dass sie hindurchschlüpfen können.

„Beeilen Sie sich“, flüstert Emily, und sie zwängen sich durch die Öffnung.

Kurz hinter der Mauer führt eine verwitterte Treppe in die Dunkelheit. Mike und Emily steigen leise hinab, um sich in einem langen Tunnel wiederzufinden. An den Wänden hängen schwach brennende Fackeln, welche den Tunnel in eine düstere Atmosphäre tauchen. Weiterhin leise schleichen die beiden weiter, und finden sich plötzlich in einem großen, an eine Kathedrale erinnernden Raum wieder. Weitere Tunnel an den Wänden führen ins Unbekannte, während in der Mitte der Halle ein Altar prangt, der mit frischen Blutspuren bedeckt ist. Um den Altar herum stehen mehrere vermummte Gestalten in langen, schwarzen Roben, ihre Gesichter unter Kapuzen und Masken verborgen.

Emily zieht Mike hinter einen Stapel verrosteter Fässer. „Das ist eine Vorbereitung für das Ritual“, flüstert sie. „Sie opfern Tiere – manchmal auch Menschen – um Mal’karoth zu stärken.“

Mike fühlt, wie ihm übel wird. Die Gestalten murmeln in einer fremden Sprache, und eine von ihnen tritt vor. Er hebt die Arme und spricht mit lauter, tiefer Stimme:

„Die Zeit ist gekommen. Der Auserwählte hat das Buch angenommen. Der Weg ist bereitet. Mal’karoth wird durch ihn unsere Welt betreten.“

Mikes Herz stockt. Sie sprechen von ihm.

„Das kann nicht sein…“, flüstert er, doch Emily legt ihm eine Hand auf den Arm. „Bleiben Sie ruhig. Sie wissen nicht, dass wir hier sind.“

Die vermummte Gestalt hebt eine Schale, die mit einer schwarzen, dickflüssigen Substanz gefüllt ist. „Bald wird die Dunkelheit vollständig in seine Seele eindringen. Dann wird er keine Wahl mehr haben, als das Ritual selbst zu vollenden.“

Mike zittert. Die Worte hallen in seinem Kopf wider, als würde Mal’karoth selbst sie sprechen. Emily sieht ihn besorgt an. „Wir müssen hier raus, bevor sie uns bemerken. Wir haben genug gehört.“

Doch bevor sie sich zurückziehen können, fällt Mikes Blick auf ein altes, verwittertes Buch, das auf einem Podest nahe dem Altar liegt. „Das ist es“, murmelt er. „Das ist mein Buch.“

Emily folgt seinem Blick und verzieht das Gesicht. „Das ergibt keinen Sinn. Wenn das Buch hier ist, wie konnte es…“

Bevor sie ihre Gedanken zu Ende führen kann, dreht eine der vermummten Gestalten den Kopf und schaut direkt in ihre Richtung. „Eindringlinge!“, ruft sie mit einer krächzenden Stimme.

„Verdammt!“, zischt Emily. „Los, laufen Sie!“

Mike und Emily stürmen zurück durch den Tunnel, Richtung Treppe und schließlich zu der Mauer, während hinter ihnen die Rufe der Kultisten lauter werden. Sie erreichen die Öffnung in der Mauer, doch bevor sie hindurchschlüpfen können, spürt Mike einen stechenden Schmerz in seiner Schulter. Er schreit auf und fällt auf die Knie. Emily zieht ihn hastig durch die Öffnung, und sie rennen weiter in den Wald. Erst als sie den Hügel erreichen, halten sie an. Mike keucht, der Schmerz in seiner Schulter pocht. Emily überprüft die Wunde – es ist ein tiefer Schnitt, aber nichts Lebensgefährliches. Einer der Jünger hatte ihn offenbar mit irgendetwas getroffen.

„Wir haben genug Informationen“, sagt sie, während sie die Wunde notdürftig verbindet. „Sie planen das Ritual bald, und Sie sind der Schlüssel.“

Mike nickt schwach. „Wie stoppen wir das?“

Emily sieht ihn mit festem Blick an. „Wir finden einen Weg, aber wir haben nicht viel Zeit.“

Mike zögert, dann fragt er leise: „Emily… Können wir uns duzen? Nach allem, was wir zusammen durchgemacht haben, fühlt es sich… seltsam an, wenn wir uns noch siezen.“

Emily blickt ihn einen Moment lang an, dann schmunzelt sie leicht. „In Ordnung, Mike. Wir sind im gleichen Kampf. Da können wir uns das förmliche Gerede sparen.“

Mike nickt dankbar. „Gut. Dann lass uns das hier zusammen durchziehen.“

Emily reicht ihm eine Hand, um ihm aufzuhelfen. „Wir werden es schaffen, Mike. Aber wir müssen jetzt noch vorsichtiger sein.“
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Zurück in Emilys Haus sitzt Mike mit einem Verband um die Schulter in einem alten Ledersessel. Auf dem Tisch vor ihm liegen mehrere alte Bücher, vergilbte Schriftrollen und ein Notizbuch, in das Emily eifrig schreibt. Die Atmosphäre im Raum ist dicht, die einzige Geräuschquelle das leise Kratzen ihres Stifts auf dem Papier.

„Wir müssen die vollständige Geschichte des Buches verstehen“, sagt Emily schließlich, ohne den Blick von ihren Notizen zu heben. „Nur so können wir herausfinden, wie wir Mal’karoth aufhalten können.“

Mike nickt, obwohl seine Gedanken noch immer bei dem Anblick des Buches im Kultlager verweilen. „Ich habe das Buch im See versenkt, und trotzdem ist es dort gewesen. Wie ist das möglich?“

Emily blickt auf und legt den Stift zur Seite. „Das Buch existiert in mehreren Ebenen der Realität. Es kann physisch zerstört oder versteckt werden, aber seine Essenz bleibt erhalten. Es wird immer einen Weg zurückfinden.“

Sie steht auf und holt ein altes, schweres Buch aus einem Regal. Der Einband ist aus dunklem Leder, und das Symbol von Mal’karoth prangt auf der Vorderseite. „Dieses Buch“, erklärt sie, „enthält die Geschichte seiner Schöpfung und der Entität, die es beherbergt.“

Emily schlägt es vorsichtig auf und zeigt Mike eine Seite mit einer detaillierten Illustration. Es zeigt eine Gruppe von Zauberern in langen Roben, die um einen Kreis aus Feuer stehen. Im Zentrum des Kreises ist eine dunkle, schattenhafte Gestalt, die verzweifelt nach ihnen greift.

„Vor Jahrhunderten“, beginnt Emily, „wütete Mal’karoth in einer anderen Welt. Er zerstörte alles, was er berührte, verschlang die Seelen der Lebenden und brachte Dunkelheit über ganze Königreiche. Eine Gruppe mächtiger Magier – die Wächter des Lichts – opferte ihre Seelen, um ihn zu binden. Sie schufen ein Gefäß, das stark genug war, um seine Essenz zu halten: das Schattenbuch.“

Mike beugt sich vor, studiert die Seite und die verschlungenen Schriftzeichen darunter. „Das Buch ist also eine Art Gefängnis?“

Emily nickt. „Genau. Aber es ist kein perfektes Gefängnis. Mal’karoth kann durch das Buch Einfluss auf die Welt nehmen. Er flüstert denen zu, die es berühren, verführt sie mit Macht und Wissen. Das ist der Grund, warum die Jünger des Schattenbuches existieren. Sie glauben, dass Mal’karoth die Welt reinigen und neu formen wird.“

Mike runzelt die Stirn. „Und warum ich? Warum hat das Buch mich ausgewählt?“

Emily blättert weiter und zeigt ihm eine Seite mit einem anderen Symbol – ein leuchtender Kreis, der von Schatten umgeben ist. „Es gibt eine Prophezeiung, die von einem Auserwählten spricht. Jemand, der die Macht des Buches kontrollieren kann, ohne völlig von Mal’karoth verschlungen zu werden. Dieser Auserwählte könnte das Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkelheit wiederherstellen – oder Mal’karoth endgültig befreien.“

Mike lehnt sich zurück, die Informationen sinken schwer auf ihn herab. „Das ist also meine Rolle. Ich bin dieser Auserwählte.“

Emily sieht ihn ernst an. „Es scheint so. Aber das bedeutet nicht, dass dein Schicksal vorbestimmt ist. Du hast immer noch die Kontrolle über deine Entscheidungen. Das ist der Schlüssel, um Mal’karoth zu besiegen.“

Die Stunden vergehen, während Emily und Mike weiter in die Geschichte des Buches eintauchen. Sie lesen von gescheiterten Versuchen, Mal’karoth zu versiegeln, von Kulten, die sich im Laufe der Jahrhunderte gebildet haben, und von anderen, die versucht haben, das Buch zu nutzen. Schließlich stößt Emily auf eine Passage, die ihr die Stirn in Sorgenfalten legt. „Hier“, sagt sie und deutet auf den Text. „Es gibt ein altes Ritual, das die Verbindung zwischen Mal’karoth und der physischen Welt schwächen könnte. Es erfordert eine spezielle Energiequelle.“

„Was bedeutet das?“, fragt Mike, seine Stimme angespannt.

Emily seufzt. „Es bedeutet, dass jemand ein großes Opfer bringen muss, um das Ritual durchzuführen.“

Mike sieht sie an, das Gewicht dieser Erkenntnis lastet schwer auf seinen Schultern. „Was für ein Opfer?“

Emily zögert. „Das Ritual könnte das Leben desjenigen kosten, der es durchführt. Es ist eine Entscheidung, die nicht leichtfertig getroffen werden darf.“

Mike schweigt einen Moment, dann sagt er leise: „Wenn es das ist, was nötig ist, um diese Welt zu retten, dann werde ich es tun.“

Emily legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Wir werden das gemeinsam durchstehen. Und wir müssen uns beeilen – die Jünger bereiten sich bereits auf das Ritual vor.“

Mike nickt, Entschlossenheit in seinen Augen.
—-

Die Nacht bricht herein, und mit ihr kommt eine unerträgliche Stille. Im kleinen Wohnzimmer von Emilys Haus flackert das Licht einer einsamen Kerze, deren Schatten an den Wänden tanzen. Mike sitzt am Tisch, die Hände fest um eine dampfende Tasse Kaffee geklammert, doch seine Augen starren ins Nichts.

„Hörst du es?“, flüstert er.

Emily, die in einer alten Schrift blättert, sieht auf. „Was?“

Langsam hebt Mike den Kopf. Seine Augen wirken dunkel und von einer seltsamen Kälte erfüllt. „Das Flüstern. Es ist immer da. Es hört nie auf.“

Emily mustert ihn mit sorgenvoller Miene. „Wir haben darüber gesprochen. Es versucht, dich zu brechen. Aber du darfst ihm keine Macht geben.“

Mike lacht leise, ein trockenes, bitteres Geräusch. „Keine Macht? Es ist schon zu spät. Es kriecht in meinen Kopf, in meine Träume. Selbst wenn ich die Augen schließe, sehe ich sie.“

Emily zieht eine Augenbraue hoch. „Wen?“

Mike schluckt schwer, dann flüstert er: „Die Gesichter. Menschen, die ich kenne. Aber sie sind nicht sie selbst. Ihre Augen… schwarz wie der Tod. Sie lächeln mich an, aber ihre Münder… sie sind voller Blut.“

Emily legt das Buch zur Seite und beugt sich vor. „Das ist Mal’karoth. Er nutzt deine Erinnerungen, um dich zu schwächen. Aber das sind nur Illusionen, Mike.“

Doch Mike schüttelt den Kopf. „Das dachte ich auch. Bis gestern.“ Er zieht seine Ärmel hoch und enthüllt tiefe Kratzer entlang seiner Arme, die aussehen, als hätten sie ihm Klauen oder scharfe Nägel zugefügt.

„Das war kein Traum, Emily. Das passiert, wenn ich allein bin. Es greift mich an. Ich fühle die Schmerzen. Das Blut ist echt.“

In dieser Nacht lässt Emily Mike nicht aus den Augen. Sie legt ihn auf eine alte, abgenutzte Couch, während sie wach bleibt, die Kerze im Blick, die Flamme als letztes Bollwerk gegen die Dunkelheit. Doch die Nacht bringt keine Ruhe. Gegen Mitternacht beginnt Mike im Schlaf zu zittern. Zuerst ist es ein leichtes Zucken, doch dann wird es schlimmer. Er keucht, seine Finger verkrampfen sich, als würde er sich gegen eine unsichtbare Macht wehren. Plötzlich schießt er hoch, seine Augen weit geöffnet, doch sie sind leer – nur ein klares, tiefes Schwarz, wie das Nichts selbst.

Emily springt auf. „Mike! Hör auf! Kämpf dagegen an!“

Doch er scheint sie nicht zu hören. Er murmelt unverständliche Worte, seine Stimme eine oktavenlose, tiefe Mischung aus seiner eigenen und einer anderen, unheimlicheren. Dann dreht er den Kopf zu Emily, und ein kaltes Lächeln spielt um seine Lippen.

„Du kannst ihn nicht retten“, sagt die fremde Stimme. „Er gehört mir.“

Emily greift nach einem der Schutzamulette, die auf dem Tisch liegen, und tritt näher. „Lass ihn in Ruhe, Mal’karoth! Er ist nicht dein Werkzeug.“

Mike beginnt zu lachen, ein kehliges, unmenschliches Geräusch. „Er hat keine Wahl. Seine Seele ist bereits befleckt. Und bald wird er mich willkommen heißen.“

Emily hebt das Amulett und drückt es gegen Mikes Stirn. Er schreit auf, seine Augen kehren zurück zu einem schockierten, menschlichen Ausdruck. Er taumelt und fällt zu Boden, keuchend, während Schweiß in Strömen über sein Gesicht läuft.

„Emily…“, haucht er, seine Stimme brüchig. „Es wird schlimmer. Ich kann ihn nicht kontrollieren.“

Emily kniet sich zu ihm und legt eine Hand auf seine Schulter. „Du wirst das. Du musst es. Aber wir müssen jetzt handeln, bevor er die vollständige Kontrolle übernimmt.“

Emily beginnt, den Raum vorzubereiten: Schutzkreise aus Salz und Kreide, Kerzen, deren Flammen blau brennen, und mehrere Amulette, die sie in regelmäßigen Abständen platziert. „Wir werden versuchen, die Verbindung zu Mal’karoth schwächen“, erklärt sie.

Die Luft beginnt zu flirren. Die Kerzen flackern, und ein tiefes Grollen ertönt, als ob die Erde selbst gegen ihre Pläne protestiert.

„Er weiß, was wir vorhaben“, sagt Mike und presst sich die Hände an die Schläfen. „Er wird es nicht zulassen.“

Emily zündet die letzte Kerze an und sieht ihm ernst in die Augen. „Das ist seine letzte Verteidigung. Aber er hat Angst, Mike. Er weiß, dass du stärker bist, als er dachte. Setz dich in den Kreis. Du bist derjenige, der ihn konfrontieren muss.“

Mike nickt, obwohl sein Körper zittert. Er setzt sich in den Schutzkreis, die Augen geschlossen, während Emily das Ritual beginnt.

Die Luft wird schwerer, dichter. Das Grollen wird lauter, zu einem Crescendo aus Flüstern, Schreien und unheimlichem Lachen. Plötzlich reißt Mike die Augen auf. Seine Pupillen sind verschwunden, sein Blick leer.

„Mike! Kämpf dagegen an! Lass ihn nicht gewinnen!“ Emilys Stimme bleibt stark, doch in ihr liegt ein Hauch von Panik.

Mikes Körper beginnt sich zu verkrampfen. Seine Muskeln zucken, und Blut rinnt aus seiner Nase. Doch dann kommt das Flüstern. Nicht von außen, sondern aus seinem eigenen Mund. „Du bist nichts ohne mich, Mike. Ich bin deine Stärke. Deine Macht.“

Doch dann, mit einem Schrei, der das gesamte Gelände erschüttert, ruft Mike: „Du bist nichts! Du bist nur ein Schatten!“

Die Flammen der Kerzen erlöschen, und die Dunkelheit wird undurchdringlich. Für einen Moment scheint es, als hätte Mal’karoth triumphiert. Doch dann öffnet Mike die Augen, sein Atem schwer, aber frei.

„Ich habe ihn zurückgedrängt“, sagt er, seine Stimme rau, aber fest. „Aber er wird wiederkommen.“

Emily hilft ihm auf die Beine. „Dann werden wir bereit sein. Du hast heute gezeigt, dass er nicht unbesiegbar ist.“
—-

Die Kultstätte liegt still und unheilvoll im Dunkeln. Doch unter der Fassade der Ruhe brodelt es. Emily und Mike spähen von einem nahen Hügel aus hinab, ihre Silhouetten kaum mehr als Schatten unter den Bäumen. Dumpfes, rhythmisches Trommeln ist leise zu hören. Es klingt wie ein Herzschlag, gleichmäßig und langsam, doch jedes Mal, wenn es ertönt, vibriert die Luft, als würde die Welt selbst darauf reagieren.

„Es beginnt“, sagt Emily leise. Ihr Gesicht ist angespannt, die Hände um ein Amulett geklammert.

Mike nickt, sein Blick fest auf das Anwesen gerichtet. „Wie kommen wir rein?“

Emily deutet auf einen schmalen Pfad am Rand des Geländes. „Wir nehmen den gleichen Weg wie letztes Mal. Die Öffnung in der Mauer sollte noch da sein. Aber wir müssen vorsichtiger sein. Nach unserem letzten Besuch werden sie wachsamer sein.“

Mike atmet tief durch, seine Hände ballen sich zu Fäusten. „Ich bin bereit.“

Emily sieht ihn an, eine Mischung aus Sorge und Entschlossenheit in ihren Augen. „Vergiss nicht, Mike. Egal, was passiert, du darfst ihm nicht nachgeben. Mal’karoth wird alles tun, um dich zu brechen.“

Mike erwidert ihren Blick mit festem Entschluss. „Ich werde nicht zulassen, dass er gewinnt.“

Der Weg zur Mauer ist ein Marsch durch die Finsternis. Der Wald ist still, zu still, als ob jedes Lebewesen die Nähe des Kults mied. Die Öffnung, die Emily zuvor in die Mauer geätzt hat, ist noch da, doch jemand hat versucht, sie zu versiegeln. Ein dickes Netz aus Metallstangen und Ketten blockiert den Zugang.

„Verdammt“, flüstert Emily und zieht eine weitere kleine Phiole aus ihrer Tasche. „Sie haben uns erwartet.“

Mit schnellen, präzisen Bewegungen gießt sie die Flüssigkeit über die Barriere. Ein Zischen erfüllt die Luft, und die Metallkonstruktion beginnt, sich aufzulösen.

„Das sollte reichen“, murmelt sie. „Beeil dich.“

Sie zwängen sich durch die Öffnung und schleichen über das Gelände. Die bedrückende Atmosphäre ist noch schlimmer als zuvor. Das Trommeln ist jetzt lauter, begleitet von tiefem, monotonem Singen, das durch die Luft schwebt wie ein bösartiger Nebel. Im Inneren der Stätte ist die Luft stickig und von einer dunklen Energie erfüllt. Die Wände scheinen zu atmen, ihre Oberflächen pulsieren und wirken lebendig. Mike und Emily bewegen sich durch den Tunnel, ihre Schritte lautlos auf dem kalten Steinboden. Sie erreichen erneut das Ritualzentrum, einen riesigen, unterirdischen Raum, der wie eine Kathedrale wirkt. In der Mitte erhebt sich ein Altar aus schwarzem Stein, umgeben von Kreisen aus brennenden Kerzen. Auf dem Altar liegt das Buch, seine Oberfläche pulsiert wie ein lebendiger Organismus. Um den Altar stehen dutzende Kultisten, ihre Gesänge hallen von den Wänden wider. Doch das Schlimmste ist die Präsenz. Sie ist körperlich spürbar, als würde etwas Gigantisches und Uraltes hinter einem dünnen Schleier lauern. Mike fühlt, wie seine Knie weich werden, sein Atem geht stoßweise.

Emily zischelt: „Bleib bei mir.“

Sie schieben sich durch den Schatten näher an den Altar. Emily zieht eine Phiole mit einer dunklen Flüssigkeit hervor. „Das ist unsere Chance“, flüstert sie. „Wenn ich das auf das Buch gieße, wird es das Ritual stören. Aber ich brauche Zeit.“

Mike nickt. „Ich lenke sie ab.“

Emily sieht ihn entsetzt an. „Das ist Wahnsinn! Du kannst nicht alleine gegen sie alle antreten!“

„Ich habe keine Wahl.“ Mike sieht sie an, seine Augen voller Entschlossenheit. „Du hast gesagt, ich bin der Schlüssel. Lass uns das hier beenden.“

Emily zögert, dann nickt sie widerwillig. „Sei vorsichtig.“

Mike tritt aus dem Schatten, sein Herz rast. „Hey!“, ruft er, seine Stimme hallt durch den Raum.

Die Gesänge verstummen, alle Köpfe wenden sich ihm zu. Für einen Moment herrscht absolute Stille, dann schreitet der Hochpriester, die vermummte Gestalt, die er zuvor gesehen hat, vor.

„Auserwählter“, sagt er, seine Stimme dröhnend und kalt. „Du bist gekommen, um deinen Platz einzunehmen.“

Mike ballt die Fäuste. „Ich bin gekommen, um euch aufzuhalten.“

Der Hochpriester lacht, ein tiefes, bedrohliches Geräusch. „Du kannst es nicht aufhalten. Mal’karoth ist bereits unter uns. Er spricht durch dich.“

Plötzlich beginnen die Kultisten zu schreien und stürmen auf Mike zu. Doch er ist bereit. Mit einer Kraft, die nicht von dieser Welt zu sein scheint, schleudert er mehrere von ihnen zurück, ihre Körper prallen gegen die Wände. Doch es sind zu viele.

Während Mike kämpft, schleicht sich Emily näher an den Altar heran. Sie öffnet die Phiole und beginnt, die Flüssigkeit über das Buch zu gießen. Sofort beginnt das Buch zu zischen, die Symbole auf seiner Oberfläche glühen hell auf.

„Nein!“, brüllt der Hochpriester und rennt auf Emily zu, doch Mike ist schneller. Mit einem verzweifelten Schrei wirft er sich dazwischen, und beide Männer stürzen zu Boden.

Das Buch pulsiert ein letztes Mal, bevor ein ohrenbetäubender Schrei den Raum erfüllt. Die Kultisten halten sich die Ohren zu, viele fallen zu Boden, ihre Masken zersplittern.

Plötzlich bricht das Buch in sich zusammen, und die Dunkelheit im Raum beginnt zu schwinden. Doch der Hochpriester richtet sich auf, seine Augen glühen vor Wut. „Ihr habt nichts gewonnen“, zischt er. „Mal’karoth ist stärker als je zuvor.“

Mit diesen Worten verschwindet er in einer Wolke aus Schatten.

Die Kultisten fliehen in alle Richtungen, und Emily hilft Mike auf die Beine. Der Raum ist jetzt still, die Gefahr vorüber – zumindest für den Moment.

„Es ist vorbei“, sagt Emily nach einer gefühlten Ewigkeit, ihre Stimme zittert vor Erschöpfung.

Mike sieht sie an, sein Gesicht blass, aber entschlossen. „Nein. Es ist noch nicht vorbei. Mal’karoth lebt noch. Aber jetzt wissen wir, wie wir ihn endgültig besiegen können.“

Emily nickt langsam. „Dann lass uns das zu Ende bringen.“. Kurz sitzen die beiden auf dem Boden und schnaufen.

Urplötzlich tritt der Hochpriester erneut hervor, seine Gestalt größer und monströser als zuvor. Seine Augen sind zwei schwarze Abgründe, aus denen ein kaltes, rotes Glühen strahlt. „Ihr seid gekommen, um das Unvermeidliche zu verhindern“, grollt er, seine Stimme ein unheilvolles Echo. „Aber ihr seid zu spät. Mal’karoth wird geboren werden, und diese Welt wird in seinem Schatten vergehen.“. Mike hört Geräusche aus den umliegenden Tunneln, es sind die Kultisten, welche ebenfalls zurückkehren. Emilys Plan konnte sie also nur kurz aufhalten.

Mike spürt, wie die Dunkelheit sich um ihn zusammenzieht, wie kalte Hände, die nach seiner Seele greifen. „Du wirst verlieren“, sagt er mit einer Stimme, die fester klingt, als er sich fühlt.

Der Hochpriester lacht, ein Geräusch, das die Luft in Scherben zu schneiden scheint. „Du sprichst wie ein Mensch, der noch Hoffnung hat. Aber die Hoffnung ist längst tot.“

Emily handelt sofort. Sie zieht ein Messer mit einer Klinge aus Obsidian und schneidet sich in die Handfläche, ihr Blut tropft in eine Schale voller Kräuter und schwarzer Asche. Sie murmelt Worte in einer alten, fremden Sprache, ihre Stimme fest und klar trotz der übernatürlichen Kälte, die den Raum erfüllt.

Doch Mal’karoth wartet nicht. Die Kultisten greifen an, ihre Bewegungen ruckartig, wie Marionetten, die an unsichtbaren Fäden gezogen werden. Mike stellt sich ihnen entgegen, und der Raum verwandelt sich in ein Schlachtfeld.

Die Kultisten sind keine Menschen mehr. Ihre Glieder biegen sich in unmögliche Winkel, und ihre Schreie sind eine Mischung aus Wut und Qual. Mike kämpft mit allem, was er hat, schlägt mit einer Mischung aus roher Gewalt und einer unnatürlichen Präzision, die ihm Mal’karoths Einfluss verleiht. Doch jeder Treffer fühlt sich wie ein Tropfen im Ozean an.

Eine der Kreaturen packt ihn, ihre Finger wie Klauen in seine Haut gebohrt. Mit einem verzweifelten Schrei reißt er sich los, doch das Blut, das aus seinen Wunden tropft, ist nicht mehr rot. Es ist schwarz wie Teer, und es brennt wie Säure.

„Mike!“, ruft Emily, ihre Stimme dringt kaum durch den Lärm. „Ich brauche mehr Zeit!“

Mike nickt, presst die Zähne zusammen und wirft sich erneut in den Kampf. Jeder Schritt, jeder Atemzug ist ein Akt des Willens, gegen die Dunkelheit anzukämpfen, die ihn von innen heraus zerreißen will.

Der Hochpriester erhebt seine Arme, und die Symbole an den Wänden beginnen schneller zu pulsieren. Die Luft wird dichter, schwerer. Eine unheilvolle Präsenz manifestiert sich im Raum – Mal’karoth ist fast hier.

„Schau zu, Auserwählter“, ruft der Hochpriester. „Schau, wie deine Welt endet!“

Plötzlich bricht die Realität selbst auseinander. Die Wände des Bunkers zerfallen, und dahinter ist nichts als ein endloses, pulsierendes Nichts. Schatten kriechen aus den Rissen, formen Gestalten von unbeschreiblichem Grauen. Gesichter ohne Augen, Münder voller Zähne, die sich öffnen und schließen, als wollten sie die Welt verschlingen. Mike sieht, wie eine der Gestalten auf Emily zurast, ihre knöchernen Finger nach ihr ausgestreckt. „Emily!“ Er wirft sich dazwischen, und die Kreatur prallt gegen ihn. Schmerz durchzuckt seinen Körper, als die Schatten sich um ihn legen, doch er hält stand.

„Du bist schwach“, flüstert eine Stimme in seinem Kopf. Mal’karoth. „Lass los. Gib dich mir hin. Es gibt keinen Ausweg.“

„Nein!“ Mike schreit, seine Stimme ein Echo aus Verzweiflung und Wut. „Du wirst mich nicht brechen!“

Er spürt, wie die Dunkelheit in ihm tobt, doch in diesem Moment fokussiert er all seine Kraft. Er schlägt auf die Kreatur ein, immer und immer wieder, bis sie zurückweicht, zischend und schreiend, bevor sie im Nichts verschwindet. Emily hat das Ritual fast abgeschlossen. Sie ruft die letzten Worte, und die Schale in ihren Händen beginnt zu leuchten. Ein greller Lichtstrahl bricht aus ihr hervor und trifft das Buch. Der Schrei, der folgt, ist das grausamste Geräusch, das Mike je gehört hat. Mal’karoth brüllt, die Dunkelheit zieht sich zusammen, als ob sie von innen heraus zerrissen wird. Der Hochpriester schreit, seine Gestalt verzerrt sich, bevor er in einem schwarzen Feuer verschwindet. Das Buch beginnt zu brennen, seine Seiten zerfallen zu Asche. Die Kultisten fallen wie Puppen zu Boden, ihre Körper leblos und leer.

Schließlich herrscht Stille.

Mike sinkt auf die Knie, sein Körper zittert vor Erschöpfung. Emily tritt zu ihm, ihre Hände noch immer blutverschmiert, aber ihre Augen fest. „Wir haben es geschafft“, sagt sie, ihre Stimme rau.

Mike sieht sie an, ein schwaches Lächeln auf seinen Lippen. „Es ist vorbei.“

Das brennende Buch ist nur noch ein Häufchen Asche, und der Schrei von Mal’karoth hallt nicht mehr. Stille senkt sich über den Bunker, eine Stille, die schwerer ist als der lauteste Lärm. Mike und Emily stehen mitten im Chaos, umgeben von den leblosen Körpern der Kultisten. Der Kampf ist vorbei.

Emily sinkt auf die Knie, ihre Hände noch immer blutverschmiert. „Wir haben es geschafft“, flüstert sie, ihre Stimme zittert vor Erschöpfung. Doch ihre Worte klingen leer, als ob sie versucht, sich selbst davon zu überzeugen.

Mike starrt auf die Stelle, an der das Buch gelegen hat. Etwas stimmt nicht. Die Luft ist nicht leichter geworden, die erdrückende Präsenz nicht verschwunden. Es fühlt sich an, als ob die Dunkelheit noch immer lauert, nur knapp unter der Oberfläche, bereit, wieder aufzusteigen.

„Emily“, beginnt er, seine Stimme rau, „warum fühlt es sich nicht vorbei an?“

Emily hebt den Kopf, ihre Augen weiten sich. „Nein… Das kann nicht sein.“ Sie greift nach der Schale, in der die Reste des Rituals noch schwach glimmen. „Ich habe alles richtig gemacht. Das Ritual sollte ihn bannen!“

Doch plötzlich beginnt der Boden unter ihnen zu zittern. Ein tiefes Grollen erhebt sich, als ob die Erde selbst protestiert. Die Wände des Bunkers beginnen zu brechen, tiefe Risse ziehen sich durch den Beton, und aus diesen Rissen quillt eine schwarze, ölige Substanz.

„Es war ein Fehler“, flüstert Mike, seine Stimme voller Angst. „Das Ritual… es hat ihn nicht zerstört. Es hat ihn befreit.“

Emily weicht zurück, ihre Augen füllen sich mit Panik. „Das kann nicht sein! Das sollte ihn binden, ihn für immer in die Leere zurückwerfen!“

Das Flüstern kehrt zurück, diesmal lauter, klarer. Es ist kein Flüstern mehr – es ist eine Stimme, tief und dröhnend, als ob sie aus den tiefsten Abgründen der Hölle kommt.

„Ihr Narren“, spricht Mal’karoth, seine Präsenz nun vollständig im Raum. „Ihr habt mir die letzte Kette abgenommen. Nun bin ich frei.“

Eine massive, schattenhafte Gestalt beginnt sich aus der schwarzen Substanz zu formen. Augen, rot wie glühende Kohlen, öffnen sich, und ein breites, grausames Lächeln erscheint. Der Bunker füllt sich mit einem unnatürlichen Wind, der die Kerzen erlöscht und die Luft in eisige Kälte taucht. Mike schreit und wirft sich auf Mal’karoth zu, doch es ist sinnlos. Seine Schläge durchdringen die Dunkelheit, hinterlassen keine Spur. Die Gestalt lacht nur, tief und spöttisch. Emily schreit Mikes Namen, doch bevor sie zu ihm gelangen kann, stürzt der Boden zwischen ihnen ein. Mike wird in die Dunkelheit gezogen, seine Schreie hallen durch den Raum, bevor sie abrupt verstummen.

Emily bleibt zurück, allein mit dem Dämon. „Du hast ihn genommen“, flüstert sie, ihre Stimme zittert vor Zorn und Trauer. „Du… Monster.“

Mal’karoth lacht erneut. „Ich habe ihn nicht genommen. Er hat mich eingeladen. Und jetzt wirst du mir Gesellschaft leisten.“

Die Dunkelheit kriecht auf Emily zu, langsam, unerbittlich. Sie greift nach ihrem Messer, bereit, sich bis zum Ende zu verteidigen. Doch sie weiß, dass es keinen Ausweg mehr gibt. Die letzten Schreie Emilys verhallen in der Dunkelheit. Von der Außenwelt bleibt der Bunker unbemerkt. Die Welt dreht sich weiter, ignorant gegenüber dem Schrecken, der in ihrem Inneren erwacht. Doch tief unter der Erde lebt Mal’karoth, stärker und freier als je zuvor. Und seine Dunkelheit breitet sich aus, langsam, unaufhaltsam, bereit, die Welt zu verschlingen.

Es gibt kein Licht mehr. Kein Ende, außer dem, das Mal’karoth bringt.
—-

EPILOG

Die Welt drehte sich weiter. Tage vergingen, dann Wochen, doch niemand bemerkte das Verschwinden von Mike und Emily. In der Stadt, in der sie gelebt hatten, ging das Leben seinen gewohnten Gang. Die Menschen arbeiteten, lachten, liebten – nichts deutete darauf hin, dass etwas Unaussprechliches geschehen war.

Doch die Dunkelheit hatte bereits ihre Wurzeln geschlagen.

Es begann mit den kleinen Dingen. Straßenlaternen flackerten ohne Grund, Tiere verschwanden, und der Himmel schien nachts dunkler zu sein als je zuvor. Die Luft fühlte sich schwerer an, und ein unbestimmtes Unbehagen kroch in die Herzen der Menschen. Albträume wurden zur Norm, und viele wachten schweißgebadet auf, die Details ihrer Träume bereits vergessen, doch die Angst blieb.

An einem besonders kalten Abend saß eine alte Frau in ihrem Schaukelstuhl, den Blick auf die geschlossene Tür gerichtet. Sie war allein, wie jede Nacht. Doch diesmal war etwas anders. Ein leises Klopfen erklang.

Zögerlich erhob sie sich, ihre Gelenke knarrten unter der Anstrengung. Als sie die Tür öffnete, war niemand da. Nur die kalte Nachtluft und die Stille. Doch als sie die Tür schließen wollte, bemerkte sie es: Ein schwarzes Buch lag auf ihrer Schwelle, alt und vergilbt, doch seine Seiten pulsierend, als ob es lebte.

Mit zitternden Händen hob sie es auf, unfähig, den Blick von dem düsteren Symbol auf dem Einband zu lösen. Kaum hatte sie es berührt, schloss sich die Tür hinter ihr mit einem Knall. Das Licht in ihrem Haus erlosch, und ein dunkles, flüsterndes Lachen erfüllte die Nacht.

Die Ereignisse wiederholten sich in verschiedenen Städten, verschiedenen Ländern. Das Buch fand seinen Weg zu denen, die bereit waren, seine Macht zu empfangen – oder zu schwach, um ihm zu widerstehen. Jede Berührung des Buches stärkte Mal’karoth, und seine Dunkelheit breitete sich wie ein Virus aus, unsichtbar und unaufhaltsam.

Menschen verschwanden spurlos. Ganze Familien wurden ausgelöscht, und in ihren Häusern fand man nichts als Stille – und das Buch, das stets weiterzog, unbemerkt von den Behörden, unaufhaltsam in seiner Mission.

Die Welt wurde kälter, dunkler. Und irgendwann, in einer Nacht, die schwärzer war als jede zuvor, flüsterten die Winde eine Warnung, die niemand hören wollte:

„Das Licht stirbt.“

In den tiefsten Schatten lauerte Mal’karoth, bereit, die letzte Phase seines Plans zu vollenden. Er wartete nicht länger darauf, gerufen zu werden. Die Dunkelheit war sein Reich, und bald würde sie alles verschlingen.

Keiner konnte ihn aufhalten. Keiner hatte die Kraft, ihm zu widerstehen. Und so blieb nur die unausweichliche Wahrheit:

Die Welt gehört der Dunkelheit.

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