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Der Spiegel der Virginia Lee Corbin

Wir haben alle etwas, was wir uns sehnlichst wünschen. Für die einen ist es der Lotto Gewinn, für die anderen der Traummann oder die Traumfrau. Mein größter Wunsch war es mein Aussehen zu verändern. Mein Aussehen war schon immer unterdurchschnittlich.

Stumpfe, matschbraune, häufig von Spliss befallene Haare, eine plumpe unförmige Figur, schlaffe, hängende Brüste, Hautunreinheiten an den unvorteilhaftesten Stellen und schiefe Zähne die nicht mehr durch eine Zahnspange zu korrigieren waren. Mein Aussehen war nicht abstoßend, das nicht. Wäre ich richtig hässlich gewesen, wäre ich wenigstens aufgefallen. Mein Aussehen machte mich unsichtbar und uninteressant. Neidisch schaute ich immer wieder auf die makellosen Gesichter die von diversen Hochglanzmagazinen auf die Normalsterblichen herunter lächelten.

Doch bei denen konnte man sich wenigstens einreden, dass ihr Aussehen auch zum Teil guten Photoshop Programmen zu verdanken war.

Doch es gab auch Schönheiten im realen Leben, die mir meine Mittelmäßigkeit dauernd vor Augen führten. Perfekte Menschen die in der  Aussehenslotterie total abgeräumt hatten. Zu diesen Menschen gehörte meine beste Freundin Lucie.

Lucie hatte einen schlanken, durchtrainierten Körper, perfekt straffe Brüste, nicht zu groß, nicht zu klein, eine glatte makellose Haut, die nicht nur perfekt aussah sondern sich ebenso perfekt anfühlte. Einen kirschförmigen Mund in einem schönen natürlichen Ton, gerade perlweiße Zähne, leuchtende blonde Locken und himmelblaue Augen.

Wie oft wünschte ich mir insgeheim wir könnten wie in diesen billigen 90er Filmen die Körper tauschen. Nur das ich den Körpertausch nicht wieder rückgängig machen würde. Denn sein wir doch mal ehrlich, wir alle kennen den Satz die inneren Werte zählen, aber jeder weiß wenn er ehrlich zu sich selbst ist, dass es der erste Eindruck ist, der zählt. Und dieser hängt nun mal am Körper den man uns gegeben hat.

Das merkte ich an den Reaktionen die Lucie täglich von ihrem Umfeld bekam. Bewundernde, verstohlene Blicke, wenn wir mit der U-Bahn zu Uni fuhren. Wie sich alles nach ihr umdrehte, wenn wir auf eine Party gingen. Die Unzahl hastig hin gekritzelter Telefonnummern, die ihr von Typen zugesteckt wurden, die sich in ihrer Gegenwart wie Vollidioten benahmen. Lucie tat immer so als würde sie keinen Wert auf die ganze Aufmerksamkeit legen, natürlich wenn du etwas regelmäßig bekommst, ohne hart dafür arbeiten zu müssen, fällt es dir gar nicht mehr auf. Ich hätte alles dafür gegeben, um nur einen Tag in Lucies Haut zu stecken und die Bewunderung zu bekommen, die sie bekam.

Ich hätte nie gedacht, dass ich die Chance bekommen würde mein Leben zu verändern. Doch eines Tages geschah etwas, was mein Leben für immer verändern sollte.

Schon immer liebe ich alte und gebrauchte Sachen. Möbel, Porzellan Figuren, antikes Spielzeug, ich sammelte alles, was ich nur irgendwie kostengünstig erstehen konnte. Eines Tages stieß ich auf eine Anzeige, dass ein neues Antiquariat nur drei Straßen von mir eröffnet hatte. ‚Corbins kleine Schätze‘ hieß der Laden, er wurde mit dem Slogan angepriesen „Kommen Sie und finden Sie in der Vergangenheit Ihre Zukunft“.

Ein seltsamer Slogan für ein Antiquariat dachte ich. Dennoch, es war Samstag und durchwachsenes Wetter. Ein idealer Tag also um in Antiquitäten herum zu stöbern. Also machte ich mich auf den Weg zu ‚Corbins kleine Schätze‘.

Als ich vor dem Laden stand merkte ich sofort das Vintage Flair, das er ausstrahlte. Er sah aus wie ein Geschäft aus dem vorherigen Jahrhundert. An der Seite hing ein Schild, das wie eine Schatzkiste geformt war, im Schaufenster konnte man den üblichen Trödelkram sehen. Ein Lampenschirm von Laliqe, eine Porzellanpupe mit roten Locken, ein etwas ramponierter älterer Bär im Matrosenanzug, ein altes Familienportrait auf Öl, ein Schachbrett, diverse Porzellanfiguren und etwas, das wie ein Cocktailkleid aus den 20ern oder 30ern aussah. Angesichts dieser Dinge betrat ich voller Vorfreude den Laden. Gleich schlug mir der angenehm modrige Geruch von Antiquitäten entgegen.

Wie viele Antiquariate war der Laden nicht besonders groß. Bis zum Bersten mit irgendwelchen Dingen vollgestellt. Es gab eine Abteilung mit altem Spielzeug, mehrere Obstkisten mit alten Büchern und Postkarten, viel Geschirr aus Porzellan und Glas, einiges an Schmuck, ein paar alte Kleidungsstücke, eine großen gestickten rosa Regenschirm. Gespannt, mit der Routine eines Trödelliebhabers, wühlte ich mich durch die Schätze. Gott sei Dank waren noch ein paar Dinge dabei, die in meiner Preisklasse waren. Als ich gerade auf ein Regal mit altem Blechspielzeug zusteuerte, hörte ich hinter mir eine sanfte weibliche Stimme.

„Suchen Sie etwas Bestimmtes?“ sagte sie in einem Ton, der wie das Schnurren einer Katze klang. Ich drehte mich um und war sofort hin und weg. Hinter mir stand  das schönste weibliche Wesen, dass ich je zuvor gesehen hatte.

Die Frau hinter mir hatte eine strahlend weiße Haut, die wirkte wie Porzellan. Ihre Lippen waren perfekt geformt und hatten einen natürlichen kräftigen Rotton. Ihr Körper war wie gemeißelt. Alles war so perfekt geformt, als wäre sie kein Mensch, sondern eine Statue aus dem antiken Rom. Ihre Haare waren von einem feurigen natürlichen Rot, wie sie keine Friseurfarbe hätte erzeugen können.

Doch das Beeindruckenste waren ihre Augen, sie waren von so einem tiefen Grün, dass sie in dem perfekt blassen Gesicht wie Smaragde auf weißem Samt wirkten. Ich musste sie eine gefühlte Ewigkeit lang einfach nur angestarrt haben, bis ich mich wieder sammeln konnte. Sie lächelte freundlich und die Sonne schien in dem kleinen Geschäft aufzugehen. „Ich bin ein wahnsinniger Antiquitäten Fan“, stammelte ich. „Das freut mich“, sagte die junge Frau. „Antiquitäten sind das Tor zu Vergangenheit und noch viel mehr“. „Ich glaube ich habe das Richtige für sie. Ich habe da ein Ausstellungsstück, das genau das ist, was sie im Moment brauchen. Ich habe es im hinteren Teil meines Ladens. Ich bin Übrigens Virginia Lee Corbin“, sagte sie während ich wie gebannt an ihrem makellosen Gesicht hing. Kaum hörbar brachte ich meinen Namen hervor. „Also wie wär‘s?“ sagte Virginia während ihr Lächeln immer breiter wurde. „Lust die Antiquität zu sehen, die dein Leben für immer verändern wird?“ „Klar“, sagte ich, ich war wie hypnotisiert, mein Verstand schien keine Chance zu haben dieser überirdischen Schönheit auch nur das Geringste abzuschlagen.

Wie im Wahn folgte ich ihr weiter in den Laden hinein, sie führte mich zu einem mittelgroßen Gegenstand, der mit einem Tuch abgedeckt war, was mich unwillkürlich kurz an eine Zaubershow denken ließ.

Vorsichtig entfernte Virginia das Tuch, hervor kam ein uralt wirkender Spiegel, er hatte einen schwarzen Rahmen, der kunstvoll verziert war, am unteren Teil des Rahmens war der Kopf einer langhaarigen Frau die wirkte als hätte sie ihre Lippen leicht geöffnet. „Das ist ja Wahnsinn“, sagte ich. „Wo haben sie den her, der muss ja ein Vermögen gekostet haben“. „Nun, er hat schon seinen Preis“, sagte Virginia, während die verschmitzt lächelte. „Und wäre das was für dich?“, sagte sie. „Nein, sorry, er ist wunderschön, aber er ist absolut nicht meine Preisklasse“. „Ich weiß aber dass er genau das ist, was du brauchst“, beharrte Virginia. „Ja, aber“, stammelte ich. „Was hältst du von 130 Dollar?“

Entgeistert starrte ich Virginia an. „130 Dollar war genau der Betrag, den ich mitgenommen hatte. Aber sie musste einen Scherz gemacht haben, so eine gut ausgearbeitete Antiquität, die weiß Gott wie alt war konnte nie und nimmer 130 Dollar kosten. Als hätte Virginia meine Gedanken gelesen sagte sie „Nein das ist kein Scherz, er kostet tatsächlich 130 Dollar“. „Im ernst?“, sagte ich. Sie lächelte wieder und nickte. Immer noch ungläubig streckte ich ihr die Hand mit den 130 Dollar hin. „Wir sind im Geschäft“, sagte Virginia. „Freut mich, dass du genau das gefunden hast, was du brauchst“.

Da der Spiegel etwas größer war bot mir Virginia an ihn am nächsten Tag zu mir nach Hause zu bringen. Zuerst lehnte ich ab, immerhin war der Schnäppchenpreis schon ein großes Entgegenkommen, doch Virginia bestand darauf. Also willigte ich ein. Die anderen Waren, die ich kaufen wollte, brachte ich zurück, ich konnte es immer noch nicht fassen, so einen herrlichen Spiegel zu einem Spottpreis erstanden zu haben.

Glücklich und immer verzaubert von Virginias herrlichem Anblick und ihrer netten Art ging ich nach Hause. Den Rest des Tages verbrachte ich mit Tiefkühlpizza und Netflix. Als ich nach Hause kam musste ich nämlich feststellen, dass es bereits Abend war. Was mich wunderte, immerhin dachte ich nur höchstens eine Stunde in Virginias Laden verbracht zu haben.

Auch hatte mich eine seltsame Müdigkeit befallen. Also dachte ich nicht weiter darüber nach. Am nächsten Tag klingelte es um 12.00 Uhr an meiner Tür. Es war Virginia, die meinen Spiegel brachte. Mich wunderte es, dass sie keine Männer zum Tragen mitgebracht hatte. Immerhin muss das Ding doch aufgrund der vielen Verzierungen sehr schwer sein. Hier ist also das gute Stück“, sagte Virginia in ihrem gewohnt freundlichen Ton. Bei Licht betrachtet wirkte sie noch schöner und makelloser. „Darf ich dir beim Aufhängen helfen, ich weiß genau den Platz wo du ihn aufhängen kannst“, sprach sie weiter bevor ich mich für die Lieferung bedanken konnte. „Ja gern“, sagte ich, wieder im Bann ihrer makellosen Züge gefangen und unfähig ihr etwas abzuschlagen.

Sie betrat meine Wohnung und steuerte zielgerichtet auf mein Schlafzimmer zu. „Da ist er also, der Ort wo Träume wahr werden“, sagte sie und lächelte wieder. Die Situation war direkt surreal, einen Moment lang wunderte es mich warum diese völlig fremde Frau so zielgerichtet auf mein Schlafzimmer zusteuerte, doch ich war so gebannt von ihren katzengleichen Bewegungen dass mein Verstand unfähig war. Virginia ging auf die Wand gegenüber meinem Bett zu und sagte, „Das ist der perfekte Platz für meinen Spiegel“. Gemeinsam mit mir packte sie ihn aus der Kiste aus. Wenig später war er mit ein paar geübten Handgriffen ihrerseits und eher kläglicher Hilfe meinerseits gegenüber von meinem Bett aufgehängt. „Danke“, stammelte ich. „Keine Ursache, ich bin gespannt was du daraus machst“. Ich verstand diese Bemerkung nicht ganz war aber unfähig sie zu hinterfragen. „Lass uns unser Geschäft besiegeln“, sagte Virginia und streckte mir ihre makellose weiße Hand hin. Ich gab sie ihr und spürte einen ungewöhnlich festen Händedruck. Dann zog sie mich für einen Augenblick näher zu ihr heran und flüsterte „Das erste Mal ist günstig, dann wird der Preis höher. Bist du bereit ihn zu zahlen?“ „Was?“ stammelte ich, als ich einen leichten Stich in meiner Handfläche spürte.

Doch ehe ich dazu kam darüber nachzudenken, entzog mir Virginia mit einer geschmeidigen Bewegung ihre Hand und trat von mir weg. „Ich muss weiter“, sagte sie. „Gute Geschäfte machen sich nicht von allein“. Ehe ich noch dazu kam mich zu bedanken oder mich von ihr zu verabschieden war sie auch schon durch die noch offene Wohnungstür geschlüpft. Einen Moment lang stand ich perplex da, dann schaute ich auf meine Handfläche, die einen winzigen Kratzer hatte. Ein kleiner Tropfen Blut kam daraus hervor. Ich wandte mich zum Spiegel um mir meine neuste Erwerbung anzusehen. Die Antiquität strahlte eine Mischung aus Gothik und Jugendstil aus. Besonders fasziniert war ich wie auch schon zu Anfang von dem Frauenkopf der am unteren Rand des Rahmens war. Ich strich mit der Hand darüber und bemerkte erst zu spät, dass es die Hand mit dem blutigen Kratzer war. Mist, fluchte ich, weil ich dachte die Antiquität verschmutzt zu haben. Tatschlich war der Tropfen auf das Frauengesicht gekommen. Gerade wollte ich ein Taschentuch holen um ihn wegzuwischen, als ich merkte, dass er verschwunden war. In dem Moment sah ich mein Spiegelbild an und erstarrte.

Schon seit meiner Teenagerzeit war hartnäckige Akne mein Problem gewesen. Auch jetzt mit Anfang 20 hatte ich Hautunreinheiten an den unvorteilhaftesten Stellen. Vor allem auf der Stirn und an den Wangen waren erst neulich wieder die unliebsamen roten Pusteln aufgetaucht. Doch als ich jetzt in den Spiegel sah, merkte ich, dass diese verschwunden waren. Mit zittrigen Händen fasste ich an besagte Stellen in Erwartung die vertrauten Erhebungen zu spüren. Doch sie waren verschwunden. Ich rannte ins Bad um mich auch im Badezimmerspiegel im grellen Licht zu betrachten. Doch tatsächlich, die zwei größten und auffälligsten Hautunreinheiten waren verschwunden. Wie ist das möglich? Dachte ich. Das konnte doch nicht sein. Ich ging noch einmal zum Spiegel zurück und schaute hinein. Als ich mich gerade wieder abwenden wollte um mich hinzusetzen, ertönte eine Stimme.

„Na, was hältst du von dem kleinen Vorgeschmack?“ Wie von einem Stromschlag getroffen zuckte ich zusammen. „Du wirst mich nicht sehen können“ sagte die Stimme, „aber sprechen können wir“. „Ich weiß dass du dir schon seit du ein Bewusstsein dafür hast gewisse optische Veränderungen  an dir wünscht. Immer wieder denkst du dir warum du nicht so aussehen kannst wie die Models in den Hochglanzmagazinen, oder wie deine Freundin Lucie. Doch was wäre, wenn wir das ändern könnten?

Mit meiner Hilfe kannst du aus deiner Haut, mit meiner Hilfe kannst du das erreichen, was du dir schon dein Leben lang wünschst. Ein Aussehen zu haben, dass das deiner Freundin Lucie um nichts nachsteht. Wie wär‘s mit einer filmreifen Körpertausch Nummer? Aber das ist vielleicht zu viel für den Anfang. Das bisschen, was du mir gegeben hast, hält nur für einen Tag. Für längere Veränderungen brauche ich mehr.“ Endlich erwachte ich aus dem Schock Zustand und konnte meine Stimme wiederfinden. Ich realisierte dass mein Spiegel mit mir sprach. Mein Spiegel, als wäre ich die böse Königin aus Schneewittchen. Hatte ich meinen Verstand verloren. Der Spiegel, oder was immer es war lachte. „Nein, du hast deinen Verstand nicht verloren, manche Geschichten sind eben wahrer als man denkt.

„Ich kann dir wie gesagt helfen aber dafür brauche ich mehr“. „Mehr wovon?“, fragte ich. „Blut ist die Währung die wirklich zählt“, sagte der Spiegel.

Einen Moment lang war ich verwirrt, doch dann erinnerte ich mich an den Kratzer an meiner Handfläche und das Blut das auf den Spiegel gekommen sein musste. „Du meinst Blut?“, stotterte ich. „Hundert Punkte“, sagte die Stimme fröhlich, „Blut ist die Währung der Unterwelt und wenn es mehr Veränderungen sein sollen, die länger andauern brauche ich mehr von dem Lebenssaft, praktisch wäre es auch wenn es nicht dein eigenes Blut wäre. Am Besten ist das Blut von Leuten, die dem was du dir wünschst am Nächsten kommen“.

Träumte ich oder war ich gerade durchgedreht? Ich überlegte gerade ob am Spiegel vielleicht ein Tonbandgerät befestigt sein könnte. War das alles eine unglaublich aufwendige Folge von ‚Versteckte Kamera‘. Noch ehe ich den Gedanken zu Ende denken konnte sprach ihn der Spiegel auch schon aus. „Nein das hier ist keine versteckte Kamera, manchmal sind Dinge real auch wenn sie nicht real erscheinen. Ich bin deine Chance dein Leben zu verändern, aber vielleicht möchtest du dein Leben nicht verändern. Vielleicht möchtest du dein Leben als graue unscheinbare Maus, die niemand beachtet, weiterführen. Hast du es nicht satt, dass Lucie auf Partys immer die Telefonnummern der hübschen Jungs abräumt?“. „Sieh dir dein Gesicht an, bist du wirklich damit zufrieden?“. Ich blickte auf mein Spiegelbild, meine Hautunreinheiten wirkten noch größer, meine Augenringe noch dünkler und meine Augen noch verkniffener. Waren meine Zähne wirklich immer schon so schief gewesen? Das war ja kaum zu ertragen.

Ich wandte mich ab und schüttelte angewidert den Kopf. „Nein, so kann es nicht weitergehen“, sagte ich. „Gut sagte der Spiegel, dann besorge mir was ich haben will und damit begann mein Abstieg.

Auf verschiedene Art und Weise versuchte ich an das Blut meiner Freundinnen heranzukommen. Ich gebe es zu, dass ich sogar alte Tampons aus dem Müll gefischt habe um Blut daraus zu sammeln. Einmal als sich meine Freundin beim Gemüseschneiden aus Versehen in den Finger schnitt behielt ich das Blut befleckte Tempo Taschentuch für mich. Abends führte ich dann die geringen Blutmengen meinem Spiegel zu. Doch die Veränderungen waren nur sehr geringfügig. Drei Pickel weniger, ein schwächerer Augenring, ein Zahnstein der fehlte und wie der Spiegel schon angedeutet hatte, die kleinen Verbesserungen verschwanden schnell wieder und wenn ich mich dann am Abend in den Spiegel sah wirkte mein Gesicht hässlicher als je zuvor. Auch wenn ich mein eigenes Blut beimischte indem ich mir in die Handfläche schnitt, brachte das nur wenige und kurzzeitige Verbesserungen. Dieses Hin und Her zwischen kleinen Verbesserungen tagsüber und abendliche Frustration machte mich unglücklicher als je zuvor.

Noch nie hatte mein Aussehen einen größeren Stellenwert eingenommen als jetzt. Ich schämte mich für die peinlichen Blutsammelaktionen, aber noch mehr schämte ich mich für den geringen Effekt den sie hatten. Von Früh bis Spät dachte ich an mein Aussehen, das mir immer minderwertiger erschien. Ich verbrachte oft lange Zeit vor dem Spiegel ohne es zu merken, entdeckte immer neue Fehler und Unzulänglichkeiten. Das gute Aussehen von Lucie, was mich früher nur leicht gestört hatte, machte mich jetzt rasend vor Eifersucht. Ich fing an sie zu hassen, Treffen mit ihr abzusagen, ohne Grund gemein zu ihr zu sein. Was früher freundschaftliche Eifersucht gewesen war, war jetzt brennender Neid. Eines Abends war ich wieder vor dem Spiegel die kurzfristigen Veränderungen, die meine Blutspende hervorgebracht hatte waren verschwunden, dafür entdeckte ich ein behaartes Muttermal auf meiner Wange, was mir vorher gar nicht aufgefallen war. Ich hielt es einfach nicht mehr aus; „Du hast etwas von Körpertausch gesagt?“, fragte ich den Spiegel. „Ah ist es jetzt soweit?“, fragte er. Und ich glaubte einen triumphierenden Unterton zu hören. „Ja wie funktioniert das, wird es mich dauerhaft verändern?“. „Ein richtig schöner Mensch kann dir eine dauerhafte Veränderung bringen, die wirklich auffällig ist. Aber dafür brauche ich etwas mehr“.

„Wie viel fragte ich?“ „Fünf Liter ungefähr“, antwortete der Spiegel. „Aber das ist …“, stotterte ich. „Ich weiß aber nur so kommen wir ins Geschäft“. „Das kann ich nicht“, erwiderte ich erschrocken, dafür müsste ich jemanden töten. „Ja Schönheit hat eben ihren Preis“. Ich schluckte schwer, irgendwie hatte ich geahnt, dass es darauf hinaus laufen würde, aber ich habe das unausweichliche Ende immer verdrängt. „Ich kann das nicht“, sagte ich erneut stockend. „Na schön, dann nicht. Du hast die Wahl“.

Ich lief aus dem Zimmer und setzte mich ins Wohnzimmer vor meinen Computer um mich abzulenken. Da klingelte mein Telefon. Ich hörte die Stimme von Lucie. „Du wirst nicht glauben was passiert ist. Heute im Park hat mich ein Modelscout angesprochen. Sie brauchen ein neues Gesicht für eine Kosmetiklinie. Zuerst habe ich es nicht ernst genommen, aber der Typ ist wirklich echt. Ich habe die Agentur gegoogelt und sie ist wirklich bekannt. Ich treffe mich übermorgen mit ihm um die Details zu besprechen. Ich hatte zwar nicht geplant ins Business einzusteigen, aber die zahlen echt gut nur für eine Kampagne und ein Nebenverdienst zum Studium hat ja noch keinem geschadet. Ist das nicht cool?“. „Ja cool“, stammelte ich während eine Woge von Eifersucht und Hass mir die Kehle zuschnürte.

Schon wieder hatte Lucie durch ihr Aussehen etwas erlangt was ich mit meinem unterdurchschnittlichen Körper nie bekommen würde. Ich sagte, dass ich müde wäre und legte den Hörer auf. Ich konnte nicht schlafen immer wieder dachte ich an Lucie und ihr makelloses Gesicht. Auch Virginias Gesicht erschien mir im Traum, ihr verführerischer Mund war zu einem freundlichen Lächeln verzogen. „Finde in deiner Vergangenheit deine Zukunft“, wiederholte sie immer wieder. Am nächsten Morgen fasste ich einen Entschluss.

Ich hatte es satt in der zweiten und dritten Reihe zu stehen koste es was es wolle.

Der Spiegel hat bekommen was er wollte fragt nicht wie ich Lucies Blut bekommen habe. Die Not macht eben erfinderisch und tatsächlich mein Aussehen veränderte sich auf magische Weise. Durch das Blutopfer von Lucies Blut bekam ich eine schlankere Figur, straffere Brüste, eine makellos reine Haut, leuchtend braune Reh-Augen und einen verführerischen Kussmund. Es war als ob wäre das schon immer mein Aussehen gewesen. Niemand erinnerte sich mehr, dass ich mal eine graue Maus gewesen war. Zunächst schwebte ich wie auf Wolke Sieben. Die erste Zeit als Schönheit waren Fabelhaft. Lucies Verschwinden war nicht weiter aufgefallen, es war als hätte sie nie existiert. Sie war buchstäblich von mir absorbiert worden. Für unsere Freunde und Arbeitskollegen schien es nie eine Lucie gegeben zu haben. Ich war mit Mord davongekommen. Mein Aussehen hatte sich verändert und ich bekam viel Aufmerksamkeit. Doch das Hochgefühl wehrte nicht lange. Auch wenn die anderen Lucie vergessen hatten, ich hatte es nicht.

Ich erinnerte mich daran, dass sie meine Freundin gewesen war. Manchmal war das schlechte Gewissen unerträglich und bald reichten die Komplimente und die Flirts mit jungen Männern nicht mehr aus um die innere Leere in mir zu schließen, denn ich begriff, dass die meiste Aufmerksamkeit, die ich jetzt bekam nur oberflächlich war. Die Männer wandten sich von mir ab, wenn sie registrierten, dass ich nicht sofort ins Bett zu kriegen war und meine neuen sogenannten Freundinnen lästerten immer wieder hinter meinem Rücken über mich. Wenn ich gelobt wurde wusste ich nie ob es wegen meines Aussehens war oder deshalb weil ich etwas Gutes geleistet hatte. Und noch etwas anderes stellte ich fest. Auch wenn ich jetzt wunderhübsch war, es gab immer noch Leute, die besser aussahen als ich. Nach und nach fing ich an mich zurückzuziehen. Ich fing an mich mit Fast Food voll zu stopfen und nicht mehr auf meinen neu gewonnenen Körper zu achten.

Jetzt ist ein Jahr vergangen seit ich Virginia Lee Corbins Spiegel gekauft habe und ich stehe schon wieder fast beim Anfang. Meine Figur ist plump, meine Haare werden stumpf und ich bin wieder unzufrieden mit meinem Aussehen. Selbst dieses Opfer hat nur eine kurze Zeit gehalten. Ich weiß nicht was ich tun soll, vor kurzem habe ich ein sehr hübsches Mädchen kennengelernt. Ihr Name ist Eve, sie ist Afroamerikanerin und sieht einfach bombastisch aus. Ich weiß wie ich mein Aussehen optimieren kann nur ist es das wert? Werde ich bereit sein dasselbe unglaubliche Opfer zu bringen was ich ein  Jahr zuvor gebracht habe? Ich weiß es nicht. Als ich Virginia Lees Laden aufsuchen wollte, war er verschwunden. Genau wie bei Lucie war es so als hätte es ihn nie gegeben.

Schönheit ist vergänglich, sie ist wie ein unersättlicher Gott, den man immer wieder füttern muss. Manchen von uns verlangt diese Gottheit alles ab. Seid vorsichtig mit dem was ihr euch wünscht und überlegt ob ihr den Preis dafür zahlen könnt.

Eine Geschichte von Schattenkatze

 

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