KurzMord

Der Spielzeugladen

Eigentlich mag ich meine Arbeit. Eigentlich.

Ich meine, wer träumt nicht davon, in einem Spielzeugladen zu arbeiten?

Den Großteil der Zeit ist es auch eine wirklich ruhige und angenehme Tätigkeit. Ich räume Regale ein, dekoriere das Schaufenster, zwischendurch kann ich mich mit meinen Mitarbeitern unterhalten.

Es ist meine erste Arbeit.

Ich bin hier geboren und aufgewachsen.

Ich schätze ich bin aus einem recht einfachem Holz geschnitzt. Ich war nie jemand der danach strebte, die große, weite Welt zu sehen. Deshalb gab ich mich auch damit zufrieden hier zu bleiben und im örtlichen Spielwarengeschäft zu arbeiten.

Natürlich habe ich von dem Fluch gehört, der auf dem Laden liegen soll, gleich am Anfang haben mir die Kollegen davon erzählt. Doch natürlich, jung und naiv wie ich war, habe ich nicht daran geglaubt.

Leider ist der Fluch jedoch sehr viel realer, als ich es je für möglich gehalten hätte.

Nein, es sind keine seltsamen Geräusche oder plötzlich umgestellten Gegenstände. Es sind nicht einmal vage Geistererscheinungen oder etwas in der Art. Es ist schlimmer.

Es ist jeden Tag um die gleiche Uhrzeit, dass sie auftauchen und immer die gleiche um die sie wieder verschwinden.

Sie haben durchaus Ähnlichkeit mit Menschen, jedoch auch eine Menge deutlicher Unterschiede.

Sie sind größer als wir, viel größer sogar. Ihre Proportionen sind sehr seltsam; sie haben winzige Köpfe, dafür aber extrem lange Arme und Beine.

Ihre Haut ist rötlicher als unsere und seltsam fleckig, als hätte sie irgendein wahnsinniger Künstler bemalt. Zudem ist sie seltsam weich und lose, als trügen sie schlechte Gummimasken oder soetwas in der Art.

Wenn sie den Laden betreten, verhalten wir uns still, reden nicht, bewegen uns nicht, sehen sie nie direkt an. Es ist sinnlos sich zu verstecken, sie merken, wenn einer von uns fehlt. Sie stolzieren mit ihren riesigen Beinen durch den Laden, beobachten uns mit ihren matschigen, von Äderchen durchzogenen Augen.

Dabei unterhalten sie sich laut miteinander. Ihre Stimmen sind so tief und dumpf, dass es schwer fällt, etwas von dem zu verstehen, was aus ihren widerlichen, von wabbeligen Fleischlappen zusammengehaltenen Mündern kommt, doch scheinen sie ansonsten tatsächlich dieselbe Sprache zu sprechen wie wir.

Sie sprechen darüber, wer von uns am besten aussehe, wer das hübscheste Gesicht hätte, die schönsten Haare, den niedlichsten Körper. Sie greifen nach uns mit ihren langfingerigen Pranken, drehen uns, heben uns an, schütteln uns.

Ich muss mich zusammenreißen nicht zu schreien, wenn ich ihre heißen Finger auf meiner Haut spüre; weich, feucht und klebrig. Ich weiß nicht, was sie tun würden, wenn ich schreie, doch ich weiß, dass es nichts Gutes wäre und ganz sicher nichts, das ich herausfinden möchte.

Irgendwann treffen sie schließlich ihre Wahl.

Manchmal trifft es einen von uns, manchmal drei, manchmal mehr. Nur an sehr guten Tagen bleiben wir alle verschont.

Sie packen uns einfach und schleifen uns fort, Gott weiß wohin. Wir wehren uns nicht.

Ich weiß nicht, was sie mit uns tun, ob sie uns fressen, foltern, als Hautiere halten oder mit unseren Leichenihre scheußlichen Behausungen dekorieren

Ich weiß nur, dass jeder den sie mitnehmen schon innerlich tot scheint, sobald sie mit ihm den Laden verlassen.

Es kommen neue Mitarbeiter, es kommen immer neue Mitarbeiter, und wir warnen sie, doch die meisten glauben uns nicht bis sie die Wesen selber sehen und es zu spät ist.

Natürlich habe ich daran gedacht abzuhauen, das haben wir alle, irgendwohin, wo es sicher ist, wo es keine Monster gibt und keine Flüche, doch es geht nicht.

Irgendetwas hindert mich daran, diesen Ort zu verlassen, hindert mich daran jeden Tag pünktlich auf meinem Platz zu sein, wenn die Monster nach ihren neuen Opfern suchen.

Das muss Teil des Fluches sein, dieses sonderbaren Fluches, der über mich gekommen ist, sobald ich damit begonnen habe in diesem verdammten Laden zu arbeiten.

Doch ich habe einen Plan. Es ist der einzige Weg der mir einfällt um diesen Teufelskreis zu durchbrechen. Wenn ich gezwungen bin hier zu sein, muss ich eben dafür sorgen, dass die Monster es nicht mehr sind.

Ich muss die Monster töten.

In der Nacht bevor sie wiederkommen gehe ich zunächst in die Küche und suche alles zusammen, was auch nur ansatzweise als Waffe funktionieren könnte: Messer, Gabeln, Scheren, Feuerzeuge. Dann gehe ich ins Lager und nehme Draht, Klebeband, Nägel und diverse Werkzeuge mit. Ich finde sogar einen Kanister, der so alt ist, dass man das Etikett kaum noch entziffern kann. Ein Warnzeichen erkenne ich jedoch: brennbar.

Ich sortiere alles auf dem Tresen. Ich muss meine Ressourcen bedacht nutzen. Ich weiß, dass ich im Zweikampf keine Chance hätte gegen diese Riesen, also bleibt mir nur sie zu überraschen. Ich muss ihnen Fallen stellen.

Ein paar Stunden später ist es soweit. Der Laden ist ein Minenfeld. Mit den übrig geblieben Resten haben meine Kollegen und ich uns bewaffnet. Ich stehe an meiner üblichen Position, ein Cutter-Messer hinter dem Rücken.

Durch das Fenster sehe ich, dass bereits eines der Wesen vor der Tür steht. Dann ein zweites und ein drittes. Erst als sie schließlich zu fünft sind öffnet das zuletzt eingetroffene Wesen die Tür, gefolgt von den anderen. Scheinbar sind sie noch völlig unwissend, was sie gleich erwartet.

Das ändert sich, als einer von ihnen über den ersten Stolperdraht fällt. Er stößt ein tiefes Brüllen aus, bevor er direkt vor einem Regal in einem Haufen Nägel landet. Eine ekelhafte, dunkle Flüssigkeit tritt aus sein Körper aus. Zwei der Wesen stampfen sofort zu dem Gefallenen und beugen sich über ihn. Ich gebe einem meiner Kollegen, der hinter dem Regal steht, ein unauffälliges Zeichen mit den Augen, woraufhin dieser dem zuvor angesägten Regal einen Stoß versetzt.

Eines der Wesen hält dem fallenden Regal sinnlos den krallenbesetzten Arm entgegen, das andere schafft es leider dem Regal auszuweichen, sodass nur zwei der scheußlichen Monster unter diesem begraben werden. Ein weiteres der Monster eilt zur Ladentür, muss aber feststellen, dass diese verschlossen ist. Von meiner Position aus kann ich sehen wie die Kollegin neben dem Eingang hinter ihrem Rücken den Schlüssel in die Hosentasche gleiten lässt, zum Glück unbemerkt von den Bestien.

Das Monster an der Tür schreit nun mit für ihre Art recht hoher Stimme, dass die Tür abgeschlossen sei. Ich muss fast auflachen, doch ich bleibe still, ist die Gefahr doch noch nicht vorbei. Das Wesen, das als letztes kam, offenbar der Anführer, durchsucht seine Taschen, die anderen beiden stellen sich an die Tür. Sie alle sind nun in Aufruhr.

Keines von ihnen scheint jedoch bisher zur Decke geblickt zu haben, sonst hätten sie den Eimer bemerkt, der zwischen den sonst von dort herabhängenden Mobiles und Spielzeug-Flugzeugen hängt. Das Seil an dem er hängt, verläuft über die vielen Aufhänger an der Decke und dann nach unten und ist hinter meinem Rücken an einer Kiste voller Fußbälle befestigt. Unauffällig schneide ich mit meinem Messer durch das Band, es ist schwieriger als ich erwartet hatte, doch ich muss es schaffen, bevor die Wesen sich von der Tür entfernen.

Plötzlich dreht sich das dritte Monster, der Anführer, zu mir um. Hat er das Geräusch meines Messers bemerkt, die leichte Bewegung meines Körpers?

Schnell höre ich auf, versuche mich nicht zu bewegen, ihn nicht zu auffällig anzusehen, was mir nach der Anstrengung kaum gelingt.

Gerade als er einen Schritt auf mich zu machen will, reißt das halb durchtrennte Seil von selbst, nicht mehr fähig das Gewicht des schweren Eimers zu halten.

Dieser trifft eines der Monster am Kopf, und die in ihm enthaltene Flüssigkeit ergießt sich über die beiden an der Tür Stehenden. Der Anführer dreht sich in dem Moment zu ihnen um als das brennende Feuerzeug auf dem Boden landet und beide der abstoßenden Ungeheuer in Flammen aufgehen. Sie stoßen ohrenbetäubende, abartig klingende Schreie aus, während das andere Monster scheinbar vor Schreck erstarrt. Offenbar haben diese Bestien nicht damit gerechnet, dass sich eines Tages jemand gegen sie wehren würde.

Allerdings erschrecke auch ich, als mir klar wird, dass dies unsere letzte Falle war.

Das heißt, es bleibt nur noch eine Möglichkeit: Wir müssen unsere Deckung aufgeben und das letzte Monster selbst bekämpfen.

Noch während es sich umdreht springe ich mit gezücktem Messer auf das Monster und klammere mich um seinen Hals. Als es den Kopf verdutzt zu mir umdreht steche ich ihm das Messer mit aller Kraft in sein matschiges Auge.

Das Monster brüllt und taumelt rückwärts.

Es greift nach mir, will mich mit seinen langen Klauen von sich losreißen, als ein herbeigeeilter Kollege dem Ungeheuer von hinten eine Axt ins Bein schlägt.

Das Wesen stürzt zu Boden wie ein gefällter Baum. Ich kann mich nicht mehr auf ihm halten und lande nur eine handbreit neben ihm auf dem Boden.

Doch meine Kollegen kommen sofort herbeigeeilt. Auch sie haben Messer, Gabeln und Werkzeuge mit denen sie nun verzweifelt auf das Monster eindreschen. Dieses tritt und schlägt um sich. Der Kopf eines Kollege wird unter dem gewaltigen Schuh des Wesens zertrümmert, die Kollegin, die vorher am Eingang stand, wird quer durch den Raum gegen eine Wand geschleudert und regt sich nicht mehr. Schließlich schafft es der Kollege mit der Axt jedoch, den Hals des Wesen mit einem gut gezielten Schwung zu durchtrennen. Wieder tritt die widerliche, dunkle Flüssigkeit aus und nach einem letzten gurgelnden Schrei bleibt das Wesen reglos liegen.

Wir haben gewonnen! Freundetrunken lasse ich mein Messer fallen und laufe auf meine übrigen Kollegen zu. Diese tun es mir gleich, alle legen ihre Waffen beiseite, umarmen sich, lachen, einige weinen vor Freunde und Erleichterung. Plötzlich schreit ein Kollege auf.

Bevor ich weiß, was geschieht, trifft mich etwas Hartes mit Wucht am Hinterkopf. Ich spüre wie mein Schädel zersplittert und lande nach kurzem Flug auf dem Boden.

Auf diesem liegend sehe ich wie ein weiteres Monster über mich steigt. Es muss durch das Fenster gesehen haben was im Laden geschieht und sich durch einen Hintereingang hineingeschlichen haben. Es trägt ähnliche Kleidung wie die anderen Monster. Mit einem Feuerlöscher schlägt es nun mit unglaublicher Kraft und Geschwindigkeit auf meine Kollegen ein.

Sie haben keine Chance. Ich sehe Köpfe zerbersten, Arme und Beine brechen und Körper durch die Luft geschleudert werden, bevor ich das Bewusstsein verliere.

Als ich erwache, liege ich noch immer auf dem Boden, das Gesicht zum Eingang. Der Laden ist genauso verwüstet wie zuvor, doch die Leichen der Monster sind verschwunden. Dafür sehe ich zwei sehr lebendige Monster, die sich beide in diesem Moment über mich beugen. Eines ist das, welches mich niedergeschlagen hat, das andere kenne ich nicht. Es ist ein besonders fettes Exemplar, sein Gesicht ist, so scheint es mir, noch geröteter als das der anderen Wesen und es trägt eine seltsame blaue Uniform.

Es starrt mit seinen Glubschaugen zuerst auf mich, dann auf das andere Monster.

Dann sagt es, mit tiefer, brummiger Stimme:

“Und Sie wollen mir also wirklich erzählen, für all das hier wären diese Puppen verantwortlich?”

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