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Johann

Warnung vor Creepypasta

ACHTUNG: VERSTÖRENDER INHALT

Bitte beachten Sie, dass es sich bei dem folgenden Text um eine Creepypasta handelt, die verstörende Themen beinhalten kann, wie zum Beispiel Gewalt, Sexualisierung, Drogenkonsum, etc. Creepypastas sind fiktive Geschichten, die oft dazu gedacht sind, Angst oder Unbehagen zu erzeugen. Wir empfehlen Ihnen, diesen Text nicht zu lesen, wenn Sie sich davon traumatisiert oder belästigt fühlen könnten.

Alles, was zuviel ist, wird der Natur zuwider.

(Hippokrates von Kos)

Während meines Studiums hatte ich im Wohnheim einen ziemlich verrückten Mitbewohner. Obwohl wir Wand an Wand wohnten und uns Bad und Küche teilten, wusste ich kaum etwas über ihn. Er hieß Johann und, anders als ich, studierte er Medizin. Viel mehr erfuhr man nicht.

Im Wohnheim lernte ich damals Alexandra kennen. Ihr Zimmer lag mehrere Stockwerke unter uns. Wann immer ich in ihre wundervollen Augen sehen wollte, musste ich treppauf, treppab laufen. Ein Zimmertausch mit Johann wäre durchaus möglich gewesen. Allein, der zurückgezogene Kauz mochte sich nicht von seiner Kammer trennen. Durch die membrandünne Wand zwischen unseren Räumen durfte ich stattdessen an seiner nächtlichen Unruhe teilhaben und mir sein blödsinniges Gekicher anhören. Das Ganze krönte er am allmorgendlichen Frühstückstisch mit dumpfem Schweigen.

Meine Freundin Alex und ich heckten schließlich einen Plan aus. Wir würden eine kleine Party in dem Apartment veranstalten, in deren Verlauf wir Johann davon überzeugten, sein Zimmer zu tauschen. Unter Verabreichung von einem Glas Wein wäre er möglicherweise umgänglicher.

Die Party wurde ein Reinfall. Johann saß dürr und krumm auf seinem Stuhl, hielt sich an seiner Limonade fest und schwieg. Er schien den Abend auszusitzen, um bald wieder in seinen Unterschlupf zurückkriechen zu können. Daran, unser Vorhaben anzuschneiden, war nicht zu denken. Zu vorgerückter Stunde hatte Alex dann eine ziemlich blöde Idee. Johann sollte endlich locker werden. Als er im Bad war, versetzten wir seine Limo mit PCP. Vielleicht würde das helfen, ein Gespräch in Gang zu bringen. Allerdings nippte der stumpfäugige Sonderling gefühlte Stunden an seinem Glas herum. Gleichermaßen schleppten sich die belanglosen Wortwechsel dahin.

Alex signalisierte mir, den Abend zu beenden, als Johanns trüber Blick einen ungekannten Glanz entwickelte. Auf einmal kam er ins Plaudern. Er berichtete von seltsamen Leuten, die sich unwohl fühlten mit ihren Gliedmaßen. Von Patienten, die angeekelt seien von ihrem Arm oder einem Bein. Selbstredend weigerten sich Mediziner, diesbezüglich behilflich zu sein, während jenes Leiden nur unzureichend durch die Diagnose einer „Body Integrity Identity Disorder“ umrissen sei.

„Dabei handelt es sich um eine Prämisse medizinischen Denkens, dass der Mensch zuweilen von einer Last befreit werden muss, um zu heilen. In Fachkreisen wird diskutiert, ob selbst die Resektion von Gehirnteilen als sinnvolle Angstbehandlung in Frage kommt“, dozierte Johann mit freudig wippendem Fuß.

„Aber was den Geist bedrückt, kann man doch nicht einfach wegschneiden.“

„Der Geist, auf das Wesentliche reduziert, ist nur eine Repräsentation des Körpers.“

„Viele würden das genaue Gegenteil behaupten. Ist nicht der Körper eine Repräsentation des Geistes?“

„Und die Wohnung ist der Spiegel der Seele“, lachte Alex, die gerade frische Gläser absetzte. „Kürzlich wurde der ‚Bachmann-Preis‘ für einen Text verliehen, in dem auch ein Amputierter vorkommt.“

Dankbar ergriff ich den Strohhalm: „Hier befinden wir uns mal auf sicherem Terrain. Der Text hieß ‚Das Bein‘. Es geht wohl um Phantomschmerz und Verlust.“

„Der Mensch“, sagte Johann, „hat Reserven im Überfluss. Wie redundant, wie überladen er ist.“

Er kicherte widerwärtig. Ich hatte dieses Kichern bislang nur durch die Wand gehört. Sein eingefallenes Gesicht zum Grinsen verzerrt zu sehen, erhöhte den Ekelfaktor. Nun stoppte er in seinem Redeschwall und sprang auf.

„Ihr habt mein Zimmer noch nicht gesehen!“

Er schien wirklich gut auf die Droge anzusprechen. Vielleicht würde unsere kleine Verschwörung tatsächlich aufgehen. Als er in seine Kammer verschwand, packte mich meine Freundin vor seiner Tür am Ärmel.

„Halt! Ich muss mit dir reden,“ zischte sie und zog mich um die Ecke in das winzige Bad.

„Du wirst doch nicht etwa mit dem Irren mitgehen?“

„Wir verlassen nicht einmal das Apartment.“

„So einem Freak willst du in seine Höhle folgen?“

„Wenn du das Zimmer haben möchtest, wirst du früher oder später auch mal da hinein gehen müssen.“

„Aber nicht ausgerechnet mitten in der Nacht – wenn er so drauf ist. Lass uns das tagsüber machen.“

„Dann ist er nicht ansprechbar oder nicht da.“

Sie sah mich an aus großen grünen Augen und musste einsehen, dass sie keine Wahl hatte.

„Aber nur für eine Minute“, versetzte sie mir vor seiner Tür.

Johanns hageres Gesicht tauchte im Türspalt auf.

„Kommt zum Onkel Doktor“, griente es aus dem Halbdunkel.

Alex machte ruckartig kehrt. Diesmal fasste ich sie am Ärmel: „Rein mit dir, die Sprechstunde ist eröffnet.“

Schmalbrüstig und nervös vibrierend saß Johann uns zugewandt auf seinem Drehstuhl. Er piekte mit dem Finger in Richtung einer Art Feldbett an der Wand.

„Nehmt doch Platz auf der Pritsche,“ presste er fußwippend hervor.

„Nicht gerade die Standardausstattung“, bemerkte ich.

„Vom Jahr in Bangladesch.“

Ich sah ihn fragend an.

„Als medizinischer Expatriate. Die Pritsche ist ein Mitbringsel.“

„Entwicklungshilfe, das ist aber toll“, freute sich Alex über die humane Wendung, bis ihr Blick an einem der großformatigen Fotos an den Wänden haften blieb.

„Einschneidende Erfahrungen macht man nur fern von den heimischen Krankenhäusern.“

Meine Freundin deutete auf das Foto eines rot aufgeplatzten Beins mit aufgeblähten, gelblich-weißen Blasen: „Ziemlich eklige Bilder hast du da aufgehängt.“

Johanns Fuß wippte.

„Das war der Wochen alte, nicht heilende Abszess am hinteren Oberschenkel. Die Baumwolltupfer und das umliegende Gewebe waren schon am verfaulen.“

„Der arme Mensch.“

„Er hatte sich seit der Eröffnung des Abszesses wochenlang nicht mehr blicken lassen“, erledigte Johann den Fall.

„Und was war mit dem bedauernswerten Kind da drüben?“

Johanns wippender Fuß beschleunigte.

„Hier hatte man die Ehre, eine seltene Fehlbildung zu erleben.“

Wir staunten uns an. Ich griff mir an den Kopf, der allmählich zu dröhnen begann.

„Es war eine Premiere, diesen spontangeborenen Säugling mit Anencephalus zu sehen. Das Kind hatte aufgrund einer Fehlentwicklung der Gefäße kein Gehirn.“

„Ist so etwas überhaupt möglich?“

„Da kein Gehirn zu haben deutlich weniger Platz braucht, ist der ganze Schädel abgeflacht und verschoben. Man sieht, wie sich statt des Gehirns ein blasenartiges Säckchen aus Haut und Hirnhaut vorwölbt.“

Unsere Blicke trafen sich bei dem Versuch, dem Anblick des Kindes auszuweichen.

„Ziemlich spannend“, fuhr Johann vibrierend fort. „Der kleine Kerl ist bald gestorben, aber es gab viel von ihm zu lernen.“

Johann erzählte dann grinsend, wie er bei der Amputation des Abszessbeins assistiert hatte. Ich versuchte, gegen die aufkommende Übelkeit Normalität ins Gespräch zu bringen.

„So etwas Scheußliches passiert doch zum Glück nur selten – jedenfalls hier bei uns.“

„Amputationen sind alltäglicher, als der Nichtmediziner sich vorstellt.“

„Ehrlich gesagt habe ich mir über das Abtrennen von Körperteilen bis heute wenig Gedanken gemacht“, räumte ich benommen ein.

„Man liest zuweilen, in Deutschland werde zu häufig amputiert, aber diese Haltung entspringt dem Überfluss. Man muss da nachhaltiger denken.“

„Ich würde meine Körperteile lieber nachhaltig behalten.“

Meine Freundin lachte trocken auf und warf mir einen dringlichen Blick zu.

„Johann“, begann ich mit schwerer Zunge, „du weißt ja, dass Alex unten ihr eigenes Apartment hat“. Mir trat Schweiß auf die Stirn.

Er griff grinsend zu seiner Limo und sagte dann, „PCP wurde übrigens als Schmerzmittel entwickelt, bevor es zur Droge verkam.“

Wir sahen ihn beklommen an. Meine Freundin fasste sich ein Herz: „Wir haben das nur gemacht, damit die Party in Gang kommt.“

Johann kicherte.

„Du scheinst es ja ganz gut zu vertragen“, lallte ich.

„Anders als du hat meine Person einige Gewöhnung entwickelt“, entgegnete er beiläufig im Aufstehen. Eine Hitzewelle flutete meine vibrierenden Arterien.

„In Krankenhäusern wird der Verbrauch von Anästhetika minutiös erfasst.“

Johann ging durch das Zimmer.

„Schließlich erwies sich PCP als Durchbruch.“

Er öffnete eine Schranktür.

„Die Arbeit an den chirurgischen Instrumenten währte dagegen Jahre.“

Er nahm ein Holzkästchen an sich, setzte sich wieder und klappte den Deckel auf.

„Die Griffe der Instrumente sind angewinkelt, damit der Operateur sich leicht selbst erreichen kann.“

Er zog sich die Socke vom Fuß. Sein Fuß besaß keine Zehen.

„Die ersten Versuche verliefen zufriedenstellend. Fast kein Narbengewebe.“

Ein Wimmern war von Alex zu hören, aber ich konnte meinen Blick nicht von seinem verstümmeltem Fuß abwenden.

„Du hast dir die Zehen abgeschnitten? Mit diesem Blechspielzeug?“, presste ich hervor.

„In Kambodscha gab es zahlreiche Lepra-Fälle. Man konnte erleben, wie bereits kleine Schnitte und Wunden zu Infektionen führen, die das Gewebe zerstören.“

„Also hast du dich dort angesteckt?“

„Ein Mitbringsel? Nein, jedenfalls nicht in Form einer Infektion. Aber es erschloss sich allmählich, wie überfrachtet der Mensch ist.“

Ich nahm sein Grinsen nur noch verzerrt wahr. Johann, auf mich einredend, saß dort wie in einer hellen Aura.

„Die Welt schleppt sich durch Elend und quält sich durch Luxus. Man leidet an Angst, Hunger, Gier, Depression. Der überfrachtete Mensch muss auf das Wesentliche reduziert werden, um den Geist zu befreien. Und hier befindet sich das Mittel zur Heilung.“

Kaum erkannte ich noch Alex neben mir, die mit dem Rücken gegen die Wand zu Boden gesunken war. Strähnen ihrer schwarzen Haare kräuselten sich an der Tapete über ihr. Abwesend starrte sie mich an, als auch ich zusammensackte. Johann saß jetzt direkt vor meiner Liege auf seinem Drehstuhl und leuchtete mit einem Lämpchen in meine Pupillen.

„So, Schwester, wollen wir dann?“, wandte er sich an Alex, in deren leeren Augen ein Abglanz von Panik stand.

An diesem Morgen verschlief ich gewaltig. Was für eine schräge Nacht. Während ich angestrengt den Wecker entzifferte, wurde klar, dass jeglicher Termin geplatzt war, was auch immer ich an diesem Tag vorgehabt haben mochte. Ich setzte mich auf, was sich verdammt merkwürdig anfühlte und fiel aus dem Bett bei dem Versuch, aufzustehen. In meinem Schädel hämmerten stechende Schmerzen auf mein Gehirn ein.

Sabbernd stolperte ich einen geschlängelten Parcours durch Flur und Küche und hinterließ eine Spur der Verwüstung auf dem Weg in Richtung Bad, dessen genaue Örtlichkeit sich meinem verkochten Hirnschmalz kaum erschloss. Zudem sah ich nicht nur doppelt, sondern dreifach. Doch als ich vor den Spiegel wankte, erkannte ich eines ganz genau: Die monströse Wundnaht quer über meinen kahlrasierten Schädel.

„Die Sau hat dich aufgesägt!“, schrie mich die entstellte Fratze aus dem Spiegel an. Dann fiel mein Blick auf Alex‘ grüne Augen im blutverschmierten Waschbecken.

Jean Floressas Des Esseintes

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