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Die Theaterbühne

Geschrieben von TheGameReporter

Geschrieben von TheGameReporter

Ich, Ben und Tommy betreiben seit knapp 3 Jahren einen Lost Place Kanal auf YouTube und haben im Laufe der Zeit eine große Zuschauerschaft gewonnen. Was erst mit einem leer stehenden Blumenladen anfing, wo wir unprofessionell mit unseren Smartphones rein gefilmt haben, machen wir jetzt im Gegensatz dazu durchaus gefährlichere Dinge. Mit ,,gefährlich“ meine ich aber nicht, dass das was wir tun vielleicht nicht ganz legal ist, sondern dass wir uns wagen, angeblich verfluchte Orte zu betreten, die meist dieselbe Geschichte hinter sich haben. Für uns und unsere Zuschauer wird dies aber nie langweilig, weswegen wir versuchen jede Woche ein neues Ziel zu setzen, um mehr Stoff auf unserem Kanal zu bringen.

Verlassene Lokale, Fabriken, Häuser… Da gibt es wirklich einiges.

Unsere Videoideen werden dabei immer krasser und kreativer. Manchmal faken wir sogar mit Soundeffekten, Kunstblut oder Requisiten die wir zuvor aus Horrorshops erworben haben.

Unser nächster Drehort ist ein verlassenes Hotel in der Nähe von unserer Stadt. Wir haben uns diesmal vorgenommen einen Darsteller in unser Video einzubringen, der von Bens Bruder Carl verkörpert wird. Er ist dafür zuständig einen angeblich unheimlichen Fremden zu spielen, der durch das Hotel rumgeistert.

Dieser Ort hat mal wieder eine Hintergrundgeschichte, die wir auf einem LostPlace-Forum gefunden haben.

Dieses Hotel steht schon seit 11 Jahren leer, da dort ein schrecklicher Vorfall passierte und Menschen sich deswegen von diesem Ort distanzierten.

Dieses Hotel ist sehr groß und spezialisierte sich vor allem im Theaterbereich. Genauer gesagt befindet sich im Speisesaal eine große Bühne, wo früher Theater oder Musikstücke präsentiert wurden.

Aber eines Tages… Genauer gesagt am 11. April 2009, befanden sich viele Besucher in dem Saal, um etwas zu speisen und sich dabei ein bestimmtes Musikstück anzuhören. Als die Vorhänge aufgingen, war ein einziger Mann zu sehen, der sich ein paar Sekunden später mit einem Drahtseil erhängte. Die Besucher waren natürlich erschrocken, schrien und flohen aus dem Raum. Niemand wusste wer dieser Mann war und warum er dies tat. Ein perfekter Ort also, um unser nächstes Video zu drehen.

Carl, unser Darsteller spielt also den ,,Geist“ des Mannes, der sich dort das Leben nahm. Klingt wahrscheinlich albern, aber sowas kommt halt sehr gut an.

Ben holt uns mit seinem Wagen ab, wo sein Bruder schon drin sitzt. Ich und Tommy schleppen unser Equipment, was aus 2 Kameras inklusive einer GoPro, 2 Stativen, Mikrofone und Taschenlampen besteht. Ich nehme dazu immer mein Glücksmesser mit, was mir damals mein Dad aus der Schweiz mitgebracht hat. Wir fahren direkt los.

Auf dem Weg machen wir einen kurzen Zwischenstopp, um unsere typische Anmoderation mit der GoPro zu machen, ohne dass Carl im Bild zu sehen ist. Dabei erzählen wir die bereits erwähnte Geschichte über den Ort, den wir in den nächsten Minuten betreten werden.

Plötzlich erfindet Tommy was zur Geschichte dazu. Er meint, dass der Mann ein Stammgast des Hotels war und immer dasselbe Zimmer mietete. Die genaue Zimmernummer hat er natürlich noch nicht erwähnt. Ich halte das für eine gute Idee, da wir somit mehr Videomaterial haben, wenn wir einfach irgendeinen Raum durchsuchen.

Nach circa 25 Minuten kommen wir endlich ans Ziel. Ich starte erneut eine Aufnahme mit der GoPro, während Tommy und Ben mit den anderen 2 Kameras filmen. Carl ist bisschen weiter hinter uns.

Wir laufen durch einen Wald und es dauert nicht lange bis wir das große Gebäude sehen können. Man kann sogar, wenn man sich anstrengt, den Schriftzug vom Namen des Hotels erkennen. 3 Buchstaben fehlen jedoch und manche sind mit Moos bedeckt.

Es sieht älter und unstabiler aus, als auf den Bildern im Forum, aber auch… irgendwie viel größer.

Egal, ich freue mich schon wie ein kleines Kind darauf den Ort des Geschehens zu erkunden und den großen leeren Speisesaal zu sehen.

Sowas in der Art hatten wir noch nie. Wir hatten Häuser, Schwimmbäder, Lokale… aber ein riesiges verlassenes Hotel, was dazu noch aussehen soll wie eine Theaterhalle? Ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Video erfolgreich wird und sich von den anderen Lost Place-Kanälen abhebt. Vor allem, weil die Geschichte dahinter es spannender aussehen lässt. Denn was gibt es unheimlicheres als einen Ort, wo damals eine Person starb und ihr Geist dort vermutlich spukt.

Bevor wir uns schließlich in das Hotel herein trauen, machen wir ein paar Außenaufnahmen des Gebäudes. Keines der Fenster ist zerbrochen und es ist auch kein Graffiti an den Wänden zu sehen, was normalerweise in solchen Gegenden üblich ist. Es sieht so aus, als hätte sich keine einzige Menschenseele an diesen Ort begeben. Nur die Natur holt sich alles zurück. Überall Moos und Büsche.

Der Eingang ist relativ mittig und man muss ein paar Treppen besteigen, um an die Tür heranzukommen. Vor den Treppen ist eine waagerechte Straße, die aber vor lauter Pflanzen fast nicht mehr zu erkennen ist. Wir gehen die Treppen hoch und filmen mit unseren Kameras weiter. Rechts neben der Eingangstür sind Werberahmen mit einer Speisekarte und Bannern von Theaterprogrammen mit dem dazugehörigen Datum. Die aktuellste Vorstellung wäre am 25. August 2009 gewesen.

Nun, endlich gehen wir rein und sind alle gespannt darauf was wir entdecken werden. Was uns zuerst auffällt, ist die Rezeption, die direkt vor dem Eingang steht. In dem Raum hängen mehr Banner von irgendwelchen Theatervorstellungen. Ben filmt diese fleißig, während ich und Tommy die Rezeption genauer betrachten.

Dort ist ein alter Computer, der aber alles andere als funktionstüchtig aussieht und rechts daneben auch natürlich ein Schlüsselbrett für die Zimmer. Es hängen sogar fast noch alle Schlüssel, die aber ziemlich verrostet sind. Auf dem Tresen ist ein Thekendisplay mit Flyern vom Hotel, die man wahrscheinlich einfach mitnehmen konnte. Auf den Flyern sind Bilder zusehen, wie es hier früher wirklich aussah. Genauso wie jetzt, meine ich, nur in sauber und ordentlich. Sonst liegt überall nur unnötiger Papierkram rum.

Tommy zeigt auf die Nummer 047 und erzählt erneut von seinem erfundenen Teil der Geschichte. Er meint, dass das Zimmer von dem Selbstmörder war und wir es gleich genauer unter die Lupe nehmen werden.

Wir schalten kurz die Kameras aus und begeben uns nach draußen, da Carl dort auf uns wartet und ungeduldig seine Zigarette raucht. Wir erklären ihm schließlich den Ablauf.

Seine Aufgabe ist eigentlich ganz simpel. Das einzige was er tun soll, ist an einer Ecke im Speisesaal zu sitzen. Mit dem Rücken zu uns gedreht, bewegt er sich hin und her wie eine Schaukel und nuschelt ein wenig in einer erfundenen Sprache. Dabei filmen wir ihn einmal und verschwinden direkt wieder, da wir ja angeblich Angst vor ihm haben. Wir müssen es nur irgendwie schauspielern können, aber es ist nicht unser erstes Mal, wo wir was dazu inszeniert haben.

Carl geht schon mal vor, um sich auf die „Rolle“ vorzubereiten. Wir warten zwei Minuten und setzen mit unserem Video fort.

Wir gehen einen langen Flur entlang, der mit einem dreckigen roten Teppich versehen ist. Die Tapete fällt langsam aber sicher von den Wänden ab und ist ebenfalls rot mit einem schwer erkennbaren goldenen Muster. Es sollte damals wahrscheinlich alles luxuriös aussehen.

Am Ende des Ganges kommt mir aber ein leicht komisches Gefühl zu Mute. Etwas was meine Stimmung für einen kurzen Moment einschränkt. Ich habe mir gerade eben eine merkwürdige Melodie eingebildet, die aber nur ein paar Sekunden lang ging. Es hörte sich nach einem langsamen Klavierstück an.

Da Tommy und Ben diese Melodie anscheinend nicht bemerkten, denke ich mir, dass es bloß nur eine Einbildung war.

Wir landen in einem großen Treppenhaus und man kann sofort erkennen, wo sich die Theaterhalle bzw. der Speisesaal befindet. Der Eingang ist nämlich so gut wie 4 Meter hoch und mit einem weinroten Vorhang bedeckt.

Schon wieder schwirrt diese merkwürdige Melodie in meinem Schädel, nur diesmal… lauter und länger. Beinahe habe ich das Gefühl die Kontrolle meines Körpers zu verlieren, doch Tommy stupst mich an und es verschwindet wieder. Er fragt mich, ob es alles okay sei. Ich nicke nur und richte meine GoPro auf ihn.

Ben macht den Vorschlag, dass wir uns zuerst das eine Zimmer ansehen wollen und uns die Bühne zum Schluss aufheben. Carl kann noch eine Weile warten, meint er.

Vorsichtig gehen wir nach und nach die Treppen hoch, da wir nicht wissen, ob sie stabil genug für uns sind.

Gedanken gehen mir währenddessen durch den Kopf. Was war das eben für ein Gefühl? Warum diese verdammte Melodie? Und wieso hat mich das eben so krass beeinträchtigt? Ist das Angst oder werde ich einfach verrückt?

Leicht verzweifelt schiebe ich das als Grund auf meine Schlafstörung, mit der ich schon monatelang zu kämpfen habe. Egal, werde es schon irgendwie aushalten.

Laut einem Schild sind wir an der vierten Etage angekommen, wo das Zimmer 047 anscheinend sein muss.

Der Gang sieht genauso aus wie der am Anfang, nur breiter und mit braunen Holztüren an jeder Seite, wo jeweils ein goldenes Nummernschild hängt.  

Jeden Schritt den ich gehe lässt mich unwohler fühlen, bin schon leicht paranoid und sowas hatte ich selten bei solchen Gegenden. Ich will einfach nicht erneut diese Klaviermelodie hören. Das macht mich ganz irre, aber ich verstecke es möglichst vor meinen beiden Freunden. Ich will ihnen nicht den Spaß verderben, nur weil ich mal zu wenig geschlafen habe oder ähnliches.

Ben findet schon nach einer Minute die gesuchte Zimmertür. Sie steht weit offen und er geht als erster rein. Tommy und ich kommen nach, auch wenn ich etwas zögere.

Der Raum sieht überraschenderweise ganz ordentlich aus, aber auch nicht spektakulär oder interessant. Er ist auch nicht besonders groß, was ich zuerst gedacht hätte und es fehlen einige Möbelstücke wie zum Beispiel das Bett oder ein Schrank. Erwartungsvoll durchsuchen Ben und Tommy den kompletten Raum, finden aber so gut wie Garnichts. Wir machen eine kurze Drehpause und ich nutze sie, indem ich was aus meiner Flasche trinke und einen Apfel esse. Vielleicht geht es mir danach ein bisschen besser. Währenddessen versucht Ben seinen Bruder per Telefon ständig zu erreichen, um Bescheid zu sagen, dass wir in ein paar Minuten bei ihm sind. Es kommt aber keine Antwort. Er wirkt schon etwas besorgt, schreibt ihm eine Nachricht nach der anderen und läuft nervös im Kreis.  

Er unterbricht die Pause, da er direkt weiter drehen will. Ich lasse meinen angeknabberten Apfel auf den Boden fallen und wir starten erneut unsere Aufnahme. Wir verlassen das Zimmer und gehen mit etwas schnellerem Tempo in Richtung Treppenhaus.

Ben geht als erster runter, da Tommy eine Panoramaaufnahme von oben machen möchte. Ich stehe schweigend neben ihm. Ich weiß nicht mal wohin ich meine GoPro richte.

Ich mache einen Schritt nach vorne, greife das Geländer und schaue starr nach unten.

Dieser Blick von oben lässt es so hoch aussehen. Das fasziniert mich irgendwie, denn je mehr ich hinschaue, desto länger kommen mir die Treppenstufen vor. Wie eine unendliche Spirale.

Die kurze aber angenehme Stille wird von Ben abrupt unterbrochen. Er fragt ungeduldig worauf wir warten. Tommy und ich steigen ohne was zu sagen nach unten. Ben ist aber schon bei den letzten Stufen angelangt und verschwindet nach ein paar Sekunden in dem weinroten Vorhang, wo der Eingang zur Theaterbühne ist.

Es herrscht für eine kurze Zeit wieder Ruhe, doch plötzlich ertönt ein lauter, schmerzvoller Schrei. Tommy schreckt auf und rennt sofort, ohne zu zögern rein. Doch ich beginne nichts zu fühlen, denn ich höre erneut diese Melodie, genauso klar und laut wie vorhin. Doch… sie hört nicht mehr auf. Ich genieße es und lasse meine GoPro auf den Boden fallen.

Langsam betrete ich die Halle ohne einmal zu blinzeln. Als erstes bewundere ich den wunderschönen Saal. So gigantisch, magisch und eindrucksvoll. In Kombination mit der Melodie in meinem Kopf, macht es das zu einem himmelsgleichen Ort.

Danach sehe ich Tommy, wie er sich am Bühnenboden übergeben muss und Ben… wie er weinend zu seinem toten hängenden Bruder hinabschaut.

Ich weiß genau was mit Carl passiert ist. Denn das Klavierstück spielt seinen letzten Teil und ich greife mein Glücksmesser zur Hand. Ein breites Grinsen zeichnet sich in meinem Gesicht. Ich spüre die scharfe, kalte Klinge an meiner Kehle.

Was für ein wunderbarer Ort, um sich gehen zu lassen…

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