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Drei Treffen mit Mama

Oder auch: Eine sanfte Lektion im Leiden

Bei unserem ersten Treffen bedachte mich Mama mit einem langen, traurigen Blick. 

Mama ist schön, dachte ich. Mama hatte lange, schwarze Haare, Augen die leuchteten und ein Gesicht, das Bände über ihre Freundlichkeit sprach. Und sie lächelte. Sie hatte das schönste Lächeln der Welt, so breit und echt, dass es sich in kleinen, wunderschönen Lachfältchen in ihr Gesicht eingebettet hatte, und selbst als sie mich so traurig ansah war es mit einem kleinen Lächeln in den Mundwinkeln. 

„Oh, meine Süße.“, sagte sie. Ihre Stimme hallte seltsam- aber das machte mir nichts aus.

„Du solltest hier nicht sein.“

Ich war sieben Jahre alt, und war beim Klettern in dem Waldstück zwei Straßen von unserem Zuhause entfernt vom Baum gefallen. Es gab ein komisches Knacken- wie, wenn ein Porzellanteller in der Mitte zerbricht- und dann hatte Mama meine Hand gehalten und mich so traurig angelächelt. 

Zwischen den Wurzeln wachte ich auch wieder auf. Mein Rücken und mein Hinterkopf schmerzten, und es war anstrengend, zu atmen. Ich stand auf und spürte, wie mir etwas warmes, klebriges in den Nacken und aus der Nase lief. Es brannte komisch in meinem Rachen, und ich spürte meine Zunge nicht. Ich hielt mich an das, was Papa mir gesagt hatte- wenn ich mich verletzt hatte, sollte ich sofort nach Hause kommen. 

Papa kümmerte sich gut um mich und meinen kleinen Bruder. Er tat alleine das, für das andere Leute zwei Eltern brauchten, und sobald ich es konnte nahm ich ihm einige der Pflichten ab. Ich war acht als ich zum ersten Mal alleine kochte, zehn als ich zum ersten Mal einen ganzen Tag alleine auf meinen kleinen Bruder aufpasste, und dreizehn als mich Papa zum ersten Mal auf einen Spaziergang mitnahm. 

Er hatte nicht oft Zeit für solche Spaziergänge. Wenn doch, dann ging er allein.

Das Wetter war an dem Tag auch nicht sonderlich schön. Es war nichts besonderes an diesem Novembermorgen gewesen- es war kalt und nebelig und nass- außer, dass ich am Ziel unseres Spazierganges endlich verstand, dass Mama recht gehabt hatte. Wer hätte außer mir denn Blumen auf ihr Grab gelegt?

Als ich achtzehn wurde kamen sie an unsere Vordertür. Sie sprachen von unserem Vaterland und Ehre und Würde, und ich erkannte das, was unsere Lehrer, und unser Bürgermeister, und alle, die alt genug waren, um es zu verstehen, seit Monaten wiederholten. Niemand durfte dem widersprechen, was sie täglich in den Radios präsentierten, und so hielt sich jeder an das Skript, und zwar immer.

Sie versprachen, dass mein Vater und mein Bruder, der zu jung war, Unterstützung bekommen würden, sollte ich mich melden. Sie mussten nicht drängen, und ich überlegte auch nicht. Ich entschuldigte mich im Nachhinein bei meinem weinenden Vater. Mein Bruder verstand. Er witzelte, dass er mir folgen würde, sobald er achtzehn war, und dass ich ihm einen Platz freihalten sollte. Er war schon immer so schrecklich tapfer.

Vater wollte nicht einsehen, dass er Hilfe brauchte, obwohl ihn an dem Zeitpunkt bereits Krankheit ans Bett gefesselt hatte. Mein Bruder hatte sich entschlossen, sich um Vater zu kümmern, während ich weg war, aber ohne mein Opfer wären sie nicht durchgekommen.

Essen war teuer. Medizin war teurer.

Sie kamen am nächsten Tag in Bussen, in denen wir zu mehreren Dutzend saßen. Ich verabschiedete mich von Vater zuhause, von meinem Bruder an der Haltestelle.

Von Anstrengung oder Müdigkeit zu sprechen wäre lachhaft. Es gab keinen Moment, in dem mir nicht kalt war, oder in dem ich nicht irgendwo Schmerzen hatte. Ich lernte, ohne Schlaf zu leben, und döste im Sitzen. Ich lernte zu marschieren und zu schießen und mir auf die Zunge zu beißen, wenn Vorgesetzte mich anbrüllten. Sie machten, wie sie sagten, Soldaten aus uns weinerlichen Bastarden. 

Der Winter war schrecklich. Die Menschen waren schrecklicher.

Die Briefe, die Vater mir geschrieben hatte, hatten mich am Leben erhalten. Jede Zeile, die von seinen kleinen Erfolgen sprach- seinem ersten Aufstehen, seinem ersten Spaziergang, dass er sich einen Tag lang nicht übergeben hatte- ermutigte mich genug, um den nächsten Tag lebenswert zu machen. 

Mein erster Einsatz folgte zwei Tage nach dem Brief, in dem mir Vater von unserem Vorgarten berichtete, den er unbedingt zurechtschneiden musste. Wir fuhren, und dann gingen wir, und dann fuhren wir wieder, und ich döste im Sitzen und ich marschierte und ich biss mir auf die Zunge, wenn unser Vorgesetzter uns anbrüllte.

Die Tage waren lang. Die Nächte waren länger. 

Ich erschoss zwei Wochen nach unserer Ankunft zum ersten Mal einen Menschen. Es war so seltsam, dem ganzen zuzusehen, wie die ersten Schüsse fielen und plötzlich alle Menschen verschwanden. Es gab nur noch Läufe und Mündungen, die aufeinander zielten. Ich hörte nicht einmal die Schüsse, sondern nur dumpfes Pochen. Dann das Rascheln unserer Kleidung, die schweren Stiefel, die die Erde unter uns festtraten. Dann die Schreie.

Zwischen all den schwarzen Augen der Schalldämpfer waren wir beide alleine. Wir sahen uns in die Augen, und dann steckte das Geschoss meiner Flinte in seinem Hals. Für einen Moment sah es so aus, als würde es kaum ein kleines Loch hinterlassen, und dann riss seine Haut dort auf, und dann kam das Blut. 

Ich würde nie vergessen, wie er mich angestarrt hat, bevor er gefallen ist. 

Vater‘s Briefe kamen aufgrund des Abstandes zwischen uns langsam und in großen Mengen auf einmal, aber sie leisteten mir Gesellschaft. Ich las einen nach dem anderen, über seine Pläne mit unserem Vorgarten, über die Arbeit, die mein Bruder gefunden hatte. Ich las mehr als dreißig Briefe, und ich wünschte, ich hätte einfach zu lesen aufgehört. 

Der letzte Brief kam von meinem Bruder. Vater hatte sich überanstrengt. Er war bettlägerig geworden. Sein Zustand hatte sich nicht mehr verbessert. 

Ich hatte die Beerdigung verpasst.

Es würden keine weiteren Briefe folgen. 

Vater’s Briefe hatten mich am Leben erhalten. Vielleicht war das der Grund, wieso ich fahrlässig wurde. Die Tage und Wochen und Monate verschmolzen, denn es gab nichts mehr, das meine Aufmerksamkeit verlangte. Vater war tot. Mein Bruder hatte bloß noch ein Jahr, bevor er in dieselbe Hölle gezogen werden würde wie ich, und er hasste mich. Ich wusste nicht, ob er ein Recht dazu hatte. Ich hatte Vater’s Leiden und Beerdigung nicht freiwillig verpasst.

Einer meiner Kollegen trat auf ein Stück Erde, das unnatürlich locker aussah. Es gab ein kurzes Klick, wie das Fallen eines Lichtschalters, und dann wurde alles weiß.

Bei unserem zweiten Treffen sagte sie nur, „Oh, Kleine. Noch nicht.“

Mama kniete und hatte meinen Kopf in ihren Schoß gelegt. Sie strich mir sanft durch die Haare, pflückte Brocken von Erde heraus und wischte mir das Blut von der Schläfe. Ich konnte nicht sprechen, denn meine Zunge fühlte sich wieder so taub an, wie es getan hatte, als ich mit sieben vom Baum gefallen war. Aber es war in Ordnung. Ich wollte nur liegen, und Mama beim Lächeln zusehen. Es war genug.

Ich war einundzwanzig, als ich aufwachte, und zum ersten Mal einen Engel sah. Sie war so wunderschön, dass ich für einige Sekunden zu atmen vergaß. Ihre ersten Worte an mich waren, „Nein, nein Schätzchen. Du bist gerade aufgewacht, jetzt nicht zu Atmen aufhören. Ich hab nicht zwei Tage lang minütlich deinen Puls geprüft, damit du mit offenen Augen ersticken kannst.“

Meine ersten Worte an sie waren, „Bist du ein Engel?“

Und dann lachte sie. Oh Gott, ich war vielleicht nicht tot, aber ich war im Himmel. Sie lachte, und mein Herz fühlte sich an, als würde es blühen. 

„Nein. Leider bist du noch am Leben. Kannst du dich aufsetzen?“

Ihr Name war Valeria, sie war Militärkrankenschwester und diejenige, die mein Leben gerettet hatte.

Die Monate zogen vorbei. Obwohl ich nach zwei Wochen bereits wieder einsatzfähig war, besuchte ich Valeria oft im Krankenzelt. Während ruhigen Tagen redeten wir, während chaotischen half ich aus. Sie gab mir einen Grund, aufmerksam zu bleiben, für den nächsten Tag zu leben. Nur so lange, damit ich sie wieder lachen hören konnte. 

Wir trafen uns nachts heimlich. Wir redeten über alles und nichts, und sie gab mir Hoffnung. Sie sprach von allem mit einer Liebe zur Welt, dieser puren, unschuldigen Liebe, und ich konnte spüren, wie ich langsam darunter nachgab. Ich dachte ständig an sie.

Mit zweiundzwanzig Jahren küsste ich zum ersten Mal einen Engel. 

Ich verbrachte die Tage damit, ruhig und gehorsam alles zu tun, was mir befohlen wurde. Ich dachte an Valeria, berührte meine Lippen mit den Fingerspitzen, und sehnte mich nach ihrer Hand in meiner. Natürlich durfte es niemand wissen, unsere Liebe war verboten. Aber das war es wert. Valeria würde ich Gott und die Welt zu Füßen legen, wenn es sie glücklich machen würde.

Die Nächte verbrachte ich mit ihr. Wann auch immer die Lichter erloschen und sie zu mir kommen konnte, hielten wir einander. Ihr Haar war weich, ihre Stimme leise, ihre Lippen sanft und ihr Lachen das Schönste, das es auf dieser gottverlassenen Welt gab. Manchmal war sie so müde, dass sie einfach in meinen Armen einschlief. Aber es war ein fairer Tausch, denn ich durfte sie an mich drücken, und für ein paar Stunden wirklichen Frieden erfahren. Manchmal war sie wach, und wollte mehr. Ich war noch nie so glücklich, jemandem einen Gefallen zu tun. 

Mit fünfundzwanzig Jahren wurde uns zum ersten Mal befohlen, Zivilisten zu töten. 

Wir wurden losgeschickt, uns wurde ein Mythos aufgebunden, sie hätten ein Camp entdeckt. Als wir ankamen waren da jedoch nicht Soldaten, die darauf warteten, uns zu zerfleischen. Da waren Arbeiter und Hausfrauen und Kinder. 

Wir befolgten nur Befehle. Wir schworen uns gegenseitig, die Erinnerung mit ins Grab zu nehmen. Zu dem Zeitpunkt waren wir uns bereits bewusst, dass unsere Taten uns so lange verfolgen würden, bis wir sechs Fuß unter der Erde schliefen.

Als wir zu unserem Camp zurückkehrten, hatte Karma bereits zugeschlagen. Für jedes Leben, das wir genommen hatten, fehlte in unserem Camp eines. 

Der Boden war blutdurchtränkt. Unsere Zelte waren zerstört und glühten in dem dreckigen Wind noch, Menschen und Vorräte und Schrapnell war in die blutige Erde getrampelt worden. Wir fanden die Leichen unserer Kameraden zerstückelt, verstümmelt, und in Teilen überall in dem verstreut, was von unserem Camp noch übrig war. 

Ich fand Valeria im Krankenzelt. 

Der Tod war grausam. Das Leben war grausamer.

Die Welt war nur noch ein Schlachtfeld und ein Abgrund, und selbst wenn oben Licht hineinfiel, hatte ich keine Kraft mehr, hinauszuklettern. Ich hielt eine Woche lang durch, bis wir unser Camp wieder aufgebaut hatten, kaum fünf Meilen von dem Schlachthof entfernt. Ich hielt durch, bis Valeria begraben war, und bis es Nacht war, und bis ich alleine war. 

Sie hätten es sich wirklich besser überlegen sollen, miserablen Soldaten geladene Waffen zu überlassen. 

Ich schmeckte das Metall der Mündung, und stellte mir vor, es wären Valeria‘s Lippen.

Ich war fünfundzwanzig, als ich zum dritten Mal starb. 

Bei unserem dritten Treffen schwieg Mama, und ich tat es auch. 

Es gab nichts mehr zu sagen.

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