MittellangMordSchockierendes Ende

Feast

In meiner Stadt öffnete vor kurzem ein neues Restaurant: Das Feast. Ein kleines Lokal, welches sich
schnell als Geheimtipp für die herrlichsten Kostbarkeiten herumsprach.

Ich wohne in einer ruhigen Kleinstadt. Ein idyllisches Plätzchen an einem See,
etwas weiter von größeren Städten, Autobahnen und der allgemein herrschenden
Hektik entfernt. Trotz der florierenden Tourismusbranche ist hier nicht allzu
viel Chaos. Selbst wenn, vor allem im Sommer, Touristen kommen, um ein paar
warme Tage am See zu verbringen und beim Bummeln durch die Stadt die Seele
baumeln zu lassen. Oder um sich einfach mal in Ruhe um nichts kümmern zu
brauchen und sich in den Hotels und Restaurant bedienen zu lassen.

Ich bin früher auch häufig in die vielen Restaurants und in die guten, etwas
hochwertigeren Pommes-Buden gegangen. Wenn man nicht so viele Freunde hat, mit
denen man ins Kino, zu Konzerten oder gar zum Sport gehen kann, dann geht man
eben etwas essen. Vor allem, wenn man ein Feinschmecker ist und etwas von Essen
versteht, so wie ich.
Ich hatte jedes Restaurant der Stadt besucht, Listen meiner Lieblingsgerichte
und Lieblingslokale aufgestellt, hatte Amateurrezensionen auf Yelp verfasst
und berichtete in einem Blog über meine neusten Entdeckungen.
Bis das Feast eröffnete. Es gab eine kleine Einweihungsveranstaltung und selbst
in der Zeitung wurde es verkündet. Das Restaurant schien ein relativ bekanntes
und erfolgreiches Etablissement zu sein, denn es hatte fünf Sterne und offenbar
mehrere Filialen in größeren Städten, obwohl noch nie vorher jemand davon
gehört hatte.

Als ich davon hörte, stand für mich sofort fest, dass ich diesem Restaurant
einen Besuch abstatten musste. So schnell wie möglich! Am nächsten Wochenende
wollte ich das Feast besuchen. Ich sparte sogar etwas Geld dafür, da es teuer
werden würde. Es war schließlich ein fünf Sterne Lokal mit diversen
Auszeichnungen.
Am Samstagabend war es dann endlich so weit. Ich zog mir einen Anzug an,
richtete meine Frisur, benutzte etwas Eau de Toilette und hob mir etwas Geld
ab…150$ um genau zu sein. Es mochte vielleicht etwas irrsinnig sein, an einem
Samstagabend, ohne Reservierung, ein neueröffnetes Spitzenrestaurant zu
besuchen, aber ich ging am liebsten samstags essen. Man konnte sich besser
entspannen und das Essen genießen. Ich stand nicht unter Zeitdruck und die
Chancen jemanden aus meiner Klasse zu treffen waren gering, da meine
Altersgenossen lieber in überfüllte Diskotheken oder auf laute Parties gingen.
Als ich fertig war, verabschiedete ich mich von meinen Eltern und lief zu Fuß,
um den Kreislauf etwas in Gang zu bringen und den Hunger zu steigern, zum
Feast.

Schon von draußen sah das Feast faszinierend aus: Aus den kunstvoll verzierten Fenstern
drang Kerzenschein, die fünf goldenen Sterne, die entlang der penibel
gestrichenen Fassade hingen, waren aufpoliert und wurden von kleinen
Scheinwerfern angeleuchtet und über den Mahagonitüren, die den Eingang zierten,
hing in einer schnörkelhaften, vornehmen Schrift der Name des Restaurants:
Feast.
Der Oberkellner, der mich am Anfang des Roten Teppichs empfing, musterte mich
mit einer Mischung aus Geringschätzigkeit und Erstaunen. „Einen Tisch für eine
Person bitte“, sagte ich freundlich, seinen unhöflichen Gesichtsausdruck
ignorierend. Er sagte nichts, sondern nahm einen Telefonhörer ab und drückte
auf eine gelbe Taste auf dem Telefon, das auf dem Empfangstresen stand. Erst
dann wandte er sich mir zu: „Einen Moment bitte.“ Kurze Zeit später kam ein Mann
im Anzug herein. Er sah weder aus wie ein Kellner, noch wie ein Koch, jedoch
empfing er mich sehr viel freundlicher, als der erste Mann. Sofort
entschuldigte er sich für die Wartezeit: „Es tut mir Leid, dass Sie warten
mussten, Sir“, begann er. Er hatte eine sehr charmante und höfliche Art. Noch
nie hatte man mich Sir genannt. Ich war schließlich erst 19 und sah nicht wie
ein Erwachsener mit einem Job aus. Er fuhr fort: „Ich bin hier der
Geschäftsführer. Wissen Sie, das Feast gehört zu den bestrenommierten
Restaurants des Landes. Unserer Speisen müssen einen gewissen Standard
erreichen und das ist sehr kostspielig. Wir haben die Befürchtung, dass wir
Ihnen leider nichts bieten können.“ Es schien ihm wirklich Leid zu tun. „Schon
gut“, erwiderte ich freundlich, „das macht nichts. Ich habe genug Geld bei
mir.“ Der Herr im Anzug blickte mich zweifelnd an: „Ich fürchte Sie verstehen
nicht, Sir. Das billigste Gericht ist der Antipastiteller und der liegt bei
250$…“
„Oh, das kann ich wirklich nicht bezahlen“, entfuhr es mir und ich ließ traurig
den Kopf hängen. „Nunja, zurück zu den einfachen Restaurants“, dachte ich. Und
im selben Moment, als hätte er meine Gedanken gelesen, rief der Geschäftsführer
wohlwollend: „Ach! Wir haben neueröffnet, es läuft gut, ich mache Ihnen ein
Angebot: Sie dürfen sich ein Gericht aus der Karte aussuchen und bezahlen das,
was sie haben. Der Rest geht aufs Haus.“ Noch nie hatte man mich so freundlich,
höflich und gut behandelt. Eifrig stimmte ich zu.
Der Oberkellner entschuldigte sich für sein Verhalten und brachte mich an einen
schönen Tisch.

Ich saß auf einer gepolsterten Bank, an einem Fenster. Auf dem Tisch stand ein
bronzener Kerzenhalter, mit einer brennenden Kerze darin. An den verzierten
Wände hingen wunderschöne Ölgemälde. Von der Decke hingen Kerzenleuchter und
mitten im Raum stand ein großes Aquarium mit Hummern darin.
Ich bekam einen Rotwein vom Haus. Noch nie hatte ich einen so guten Chianti
getrunken. Mit jedem Tropfen schmeckte ich perfekte Reife der Weintrauben. Es
war so, als würde ich das warme Klima, die wunderschöne Landschaft der
Weinberge, die köstlichen Speisen und das blaue Meer schmecken. Ich genoss
jeden einzelnen Schluck. Ein Kellner brachte mir die Speisekarte und blieb so
lange an meinem Tisch und beriet mich, bis ich etwas gefunden hatte. Ich
bestellte ein Schwertfischfilet in Tomatensauce mit Zitronen und Petersilie.
Ich war sehr auf dieses Gericht gespannt. Wenn es auch nur halb so köstlich wie
der Wein war, dann wäre diese Mahlzeit schon seine happigen 350$ wert.
Doch was mir dann serviert wurde, übertraf meine schönsten Träume und
Vorstellungen. Als der Kellner mit dem verdeckten Silbertablett kam, hielt ich
es vor Spannung, Aufregung und Hunger kaum noch aus. Und wie er dann den Deckel
abnahm, verführte ein wunderbarer, ja, ein wunderschöner Duft meine Nase. Ich
wagte es kaum das Filet anzuschneiden oder gar zu essen. Das Filet war perfekt
gebraten, die Tomatensauce hatte ein kräftiges Rot, Zitronenschalen lagen in
dünnen Fäden auf dem Fleisch und in der Sauce und gaben ihren Geschmack dazu.
Abgerundet wurde das Ganze von einem kleinen Stück Petersilie, das wie ein
grüner Klecks in einem Tropfen der roten Paste lag. Es duftete nicht nur
herrlich, nein, es sah dazu auch noch verlockend lecker und schön aus.
Wie in Trance griff ich zum Besteck und schnitt ein Stück mit viel Sauce,
Zitrone und einem Petersilienblättchen ab. Meine Hand bebte, als ich sie zum
Mund führte. Der Geschmack, der in meinem Mund wie eine Bombe einschlug, war
geradezu göttlich. Das Filet war saftig und so zart, dass es von alleine auf
meiner Zunge zerging und dabei den Geschmack des reinen, sauberen und salzigen
Ozeans, in dem dieser Fisch geschwommen war, entfaltete. Die Tomatenpaste war
gut gewürzt und so intensiv, wie es nur frisch gepflückte und selbst angebaute
Tomaten sein konnten.
Die Zitronen waren perfekt gereift und hatten eine sehr saure und gleichzeitig
etwas süße Note. Sie schienen, ebenso wie die würzige Petersilie, aus dem
eigenen Garten zu stammen. Dieses Gericht war perfekt. Jedes Stückchen war ein
Fest. Dieser unglaublich intensive Geschmack war kaum mit unseren Worten
auszudrücken. Ich kostete jeden Bissen voll aus.

Als ich alles aufgegessen hatte war ich fast schon traurig, dass es vorbei war.
Satt blieb ich noch eine Stunde sitzen und versuchte die letzten Reste des
Geschmacks in meinem Mund zu erhaschen. Der Geschäftsführer kam persönlich zu
mir, um sich zu erkundigen, ob mir das Essen im Feast zugesagt hatte. „Und
wie! Das war das köstlichste und am besten zubereite Gericht, das ich je
gegessen habe. Wie machen Sie das? Dieser Geschmack ist so fein und perfekt
vollendet“, brach es vor Begeisterung aus mir heraus. „Nunja“, begann der Mann
im Anzug, „das Feast hat es sich zur obersten Regel gemacht, durch gutes Essen
die Gäste glücklich zu machen, damit sie bald wiederkommen. Wir sind ein sehr
familiäres Restaurant, wir möchten unsere Kunden zu Stammgästen machen und
unseren Stammgästen für ihr Geld wirklich gute Speisen bieten.“
Mir gefiel dieses Lokal sofort. Und nach dem wunderbaren Schwertfisch musste
ich noch einmal herkommen.

Zuhause angekommen wollte ich mir noch einen kleinen Snack gönnen und mich dann
ins Bett legen. Im Kühlfach lag noch ein Eis, doch nach dem ersten Lecken hatte
ich schon kein Hunger mehr darauf. Es schmeckte irgendwie seltsam, nach nichts.
Vielleicht hatte ich ja doch keinen Appetit mehr. Ich legte mich schlafen und
träumte von den exquisiten Menüs des Feasts. Am nächsten Morgen fing ich an
mein Geld zu zählen, schaute nach, wie viel Geld ich noch auf dem Konto hatte
und fing sogar an, einige alte Sachen auszumisten und bei Ebay einzustellen. Ich
versuchte so schnell wie möglich noch einmal ins Feast zu gehen. Und eine Woche später war es schon so
weit. Ich hatte jeden Tag der letzten Woche nur an das Essen gedacht, daran was
ich mir bestellen und wie es schmecken würde. In meinem Portemonnaie lag mein
gesamtes erspartes Geld und alles was ich zusammenkratzen konnte…satte 500$.
Am Freitag Mittag lief ich, nach dem Klingeln, so schnell es ging aus der
Schule und nahm den nächsten Bus in Richtung des Feast. Mein Magen knurrte die
ganze Fahrt über. Ich hatte etwas Angst, dass sie mich mit meiner
Alltagskleidung abweisen würden, da Nobelrestaurants meistens einen Dresscode
hatten, jedoch hoffte ich darauf, dass der Geschäftsführer mich erkennen und
einladen würde. Doch als ich vor den geöffneten Mahagonitüren stand, verlor der
erst so unfreundliche Oberkellner kein Wort über meine  Kleidung, sondern bot mir freundlich einen
Tisch an. Dieses Mal saß ich mitten in dem großen Speisesaal. Die Tische waren
mit vornehmen Tischdecken und bunten Blumen dekoriert. Um mich herum, saßen
schon relativ viele Leute. Dieses mal bestellte ich ein 200 Gramm Rumpsteak.

Während ich auf meine Bestellung wartete, trank ich ein kühles Glas Wasser und
schaute mich im Feast um. Wahnsinn! Selbst das Wasser schmeckte hier reiner,
frischer, kühler als sonst. Wie eine Quelle, die einem Berg entsprang und direkt
durch die Flasche und das Glas in meinen Mund floss. Ein erfrischtes „Aaaaah!“
entfuhr meiner Kehle. Ich sah mir die Menschen an, die an diesem Freitagmittag
das Restaurant belebten und war etwas verwundert: Ich hatte vornehme, ja
vielleicht sogar arrogante, Reiche, Highsociety, gutverdienende Manager oder
Leute, die Geburtstag hatten und sich daher einmal etwas gönnen wollten,
erwartet. Stattdessen saßen hier alle möglichen Leute herum. Hier saßen reiche
Menschen im Anzug oder Kleid, neben Familien mit Kindern, Studenten,
Jugendlichen, alten Ehepaaren und jungen Managern. Dann endlich kam der Kellner
zu mir und stellte ein silbernes Tablett vor mir ab. Und auch dieses mal schlug
mir ein herzhafter Duft entgegen, als mir das Essen präsentiert wurde: Das
Rumpsteak war riesig und ein wenig angeschnitten und roch nach gegrilltem
Fleisch. Außen war es schön braun, gespickt mit kleinen Pfeffer- und
Salzkörnchen obendrauf, innen war es zart rosa. Kleine Trüffelraspeln
verfeinerten das Rindfleisch. Ein wahres Tournedos Rossini! Dazu gab es
gewürzte Bratkartoffeln, an denen kleine Kräuterblättchen klebten. Daneben
lagen kleine, grüne Bohnen. Die zerlassene Butter ließ sie glänzen. Das Messer
glitt beinahe von selbst durch das weiche Fleisch. Unglaublich…das Fleisch
schmeckte noch besser als das Schwertfischfilet. Ich war baff. Meine Erwartung
waren hoch gewesen, doch dieses Steak übertraf sie. Um Längen! Es war so zart,
dass es in meinem Mund zerfiel. Das Nackenfleisch war saftig, perfekt gegrillt und so
gut und exotisch gewürzt, dass man jede Kräuterart herausschmeckte. So ein
Steak konnte nur von einem durch und durch gesunden, in Freiland lebenden und
glücklichen Tier stammen. Und auch das etwas bittere und pfeffrige Aroma der
schwarzen Trüffeln schmeckte man heraus. Die Oberfläche des Rumpsteaks war
sogar etwas kross. Der Geschmack war wirklich wie ein Feuerwerk. Die Kartoffeln
waren kross gebraten und innen noch weich. Auch hier schmeckte man die Kräuter
und die punktgenaue Reife der Knollen. Abgerundet wurde das Aroma durch die
süße Würze der Kräuter. Und als wäre dies alles noch nicht genug des guten
Geschmacks, waren die Bohnen ebenso köstlich wie die Kartoffeln. Knackig und
frisch, wie aus eigenem Anbau. Dazu die leichte, zerlassene Butter, die den
grünen Schoten noch mehr Geschmack verliehen. Ich aß und aß. Und mit jedem
Bissen schien das Gericht schmackhafter zu werden. Das Fleisch zarter, die
Kartoffeln würziger und die Bohnen frischer. Auch heute blieb ich noch lange
nachdem ich fertig war sitzen und genoss das Völlegefühl in meinem Magen. Ich zahlte, raffte mich auf und ging nach
Hause.

Am Nachmittag wollte ich meine erste Rezension über das Feast schreiben.
Natürlich würde nur ausgesprochen Gutes darin stehen. Daher suchte ich nach
Informationen über das Feast: Zeitungsartikel, Kochtipps, Interviews, Wikipediaartikel
und so weiter. Es war immer gut, etwas über die Geschichte eines Restaurants zu
wissen und es in eine Rezension einzubauen. Das zeigte meist, dass das Lokal
aus Tradition gutes Essen servierte. Allerdings stellte sich meine Recherche
schwieriger an, als ich gedacht hatte. Egal wo ich suchte: Der Name „Feast“
fiel nirgendwo im Zusammenhang mit einem Restaurant. Selbst das Archiv
der Zeitung, die die Neueröffnung angekündigt hatte, enthielt nichts über das
Feast. Nach mehreren Stunden der Suche, gab ich die Nachforschungen auf und
konzentrierte mich auf die Rezension.

Abends rief mich meine Mutter zum Abendessen. Ich roch das gebratene Hühnchen
schon durchs ganze Haus, jedoch weckte es in mir weniger den Appetit, als den
Gleichmut. Es würde niemals so lecker sein, wie im Feast. Gelangweilt starrte
ich auf meinen Teller. Das liebevoll angerichtete Hühnchen sah für mich grau
aus. Ich schnitt ein Stück ab und steckte es mir in den Mund. Kein Geschmack.
Es schmeckte, wie es aussah: grau. Langweilig, uninteressant, geschmacklos. Es
war, als würde ich auf einem Stück Wasser kauen. Keine exotischen Kräuter die
meine Geschmacksknospen kitzelten, keine Sauce die meine Zunge verwöhnte und
kein deliziöses zartes Fleisch, das mir schmeckte. Nach wenigen Häppchen
verging mir der Appetit. Ich stand auf und ging ins Bett. Es war vermutlich
normal, da es beim letzten Mal ja auch so gewesen war.
Doch auch am nächsten Morgen, als ich mein Frühstücksei aß, schmeckte noch
immer alles fade. Sogar später beim Mittagessen war das, was da auf dem Teller
vor mir lag, trostlos und grau. Es war anstrengend auf der geschmacklosen
Speise herumzukauen. Nach wenigen Stückchen gab ich auf, verzog mich in mein
Zimmer und arbeitete weiter an meiner Rezension. Doch selbst beim Abendessen
schmeckte mir immer noch nichts wieder. Dasselbe war am Sonntag der Fall. Meine
Mutter machte für mich einen Termin beim Arzt. Bis Dienstag Nachmittag kämpfte
ich mit jeder Mahlzeit. Der Arzt konnte nichts feststellen. Mit meinen
Geschmacksknospen war alles in Ordnung, sie sahen sogar überaus gut entwickelt
aus. Es schien etwas Psychosomatisches zu sein. Mein Arzt verschrieb mir etwas
Ruhe und stellte mir ein Attest für die Schule aus. Diagnose: Zu viel Stress.

Nach und nach kam zwar der Geschmack des normalen Essens wieder, aber es machte
mir keinen Spaß mehr. Ein paar Tage später schlugen meine Eltern vor, ins Feast
zu gehen. Ich war überrascht und sehr erfreut über diesen Vorschlag, doch
gleichzeitig hatte ich Angst. Angst davor, dass das Essen nicht schmecken würde
oder dass nur das Essen im Feast mir noch schmecken würde. Dieses
Mal hatte ich ein sehr gemischtes Gefühl, als wir abends zum Feast fuhren. Der
Oberkellner erkannte mich und gab mir und meinen Eltern gleich einen guten
Platz. Wir saßen auf einer kleinen Empore, in einer gemütlichen Ecke. Ein
Kronleuchter über uns hüllte den lauschigen Platz in Kerzenlicht. Meine Eltern
bestellten eine Flasche Wein. Einen aus den Abruzzen: Einen Montepulciano
d’Abruzzo. Während meine Eltern, wie ich beim ersten Mal, jeden Tropfen in
vollen Zügen genossen, stürzte ich das Glas einfach so herunter. Ich bestellte
das Hummerrisotto. Was meine Eltern bestellten, bekam ich schon gar nicht mehr
mit, so versessen und gierig war ich darauf, wieder die sagenhaften Gerichte
des Feasts zu kosten. Meine Eltern plauderten miteinander und fragten mich ab
und zu etwas. Halbherzig und mit den Gedanken ganz und gar beim Essen,
antwortete ich jedes Mal nur knapp und in kurzen Sätzen. Ich wartete darauf,
dass der Kellner endlich mit unserer Bestellung kam. Die Zeit verstrich
gnadenlos langsam. Es kam mir vor, als hätte ich Äonen auf meinem Platz
gesessen und auf den lächelnden Mann im schwarzen Frack gewartet.
Als er auftischte, waren meine Eltern hin und weg. Kein Wunder. Auch für mich
sah das erste köstliche Gericht wie ein Gemälde von Arcimboldo aus. Von dem
wunderbaren Duft, der unseren Tisch erfüllte, ganz zu schweigen. Ich bekam
davon jedoch nicht mehr viel mit. Meine Hand hielt den Löffel schon krampfhaft
fest. Gierig, fast wie in einem Rauschzustand, fiel ich über das Hummerrisotto
her. Hätte ich nicht so hastig und überstürzt, hätte ich dieses überragende
Menü sicher voll auskosten können. Ich hätte vermutlich schon beim ersten
Löffel all die wunderbaren Zutaten geschmeckt. Das herrliche Zusammenspiel des
mit frischen Zwiebeln und Öl angebratenen Hummerfleisches mit reifen
aromatischen Cherrytomaten, aufgekocht in Brandy, gewürzt mit Salz und weißem
Pfeffer und schlussendlich mit einem Schuss Sahne püriert. Und beim ersten
Bissen hätte der Reis sein himmlisches Aroma, das er durch das Kochen in einer
Hummerbrühe mit kleinen Zwiebeln, Möhrenscheibchen und den Hummerscheren und
Beinen erlangt hatte, entfalten. Ein Risotto, wie es einem König oder einem
Staatsoberhaupt serviert wird. Und ich hätte es voll ausgekostet und mich an
dem wunderbaren Geschmack erfreut…wenn ich es nicht in mich hineingestopft
hätte, wie eine einfache Portion Pommes Frites von der nächsten Pommes Bude.
Ich schaufelte das Risotto Löffel um Löffel in mich hinein, dankbar wieder
etwas „Richtiges“ essen zu können. Mehrmals biss ich mir auf die Zunge, ins
Zahnfleisch oder auf die Lippen, bis sich der metallische, salzige Geschmack
von Blut in meinem Mund verteilte. Das würde das Essen in den nächsten Tagen
erschweren, doch ich wusste bereits, dass ich nichts mehr essen würde. Meine
Eltern hingegen ließen sich jeden einzelnen Bissen auf der Zunge zergehen, wie
ich anfangs auch. Nachdem wir auch den letzten Rest von den Tellern gekratzt
und verspeist hatten, saßen wir noch etwas in dem netten, gemütlichen
Restaurant, satt und zufrieden, von den umwerfenden Kochkünsten beeindruckt.
Nunja, zumindest meine Eltern: Ich hatte immer noch Hunger. Ich wollte  noch mehr. Ich war wie ein Drogenjunkie:
Süchtig nach den Gerichten des Feasts.

Auf dem Weg nach Hause fingen meine Hände an zu zittern. (Kalter Entzug von
Heroin war ein Scheiß dagegen.) Nachts konnte ich nicht schlafen. Der
Hunger und der Drang wieder ins Feast zu gehen hielten mich wach. Am nächsten
Morgen sah ich aus wie ein Zombie: Bleich, hungrig und mit einem Ausdruck im
Gesicht, der meine einzigen Gedanken verriet: Essen! Feast! Meine Eltern waren
nicht zu Hause und so fing ich an nach Erspartem zu suchen. Wir waren nicht
reich oder besonders gut verdienend, aber wir hatten immer drei-, vierhundert
Dollar in der Haushaltskasse. Doch ich konnte es nicht stehlen. Es war das Geld
meiner Eltern und noch war meine Gier nicht so groß, dass ich meine Eltern
beklauen würde.
Ich machte mir ein Frühstücksspiegelei, um meinen Magen mit etwas zu füllen, auch
wenn es nach nichts schmecken würde. Jedoch war es dieses Mal sogar noch
schlimmer. Das Spiegelei schmeckte nicht wie das Essen sonst, grau und trostlos,
nein, dieses Mal schmeckte es ekelerregend. Sowie das erste Stück meine
Geschmacksknospen berührte, durchfuhr mich ein widerlicher Schauer. Das
liebevoll gebratene Ei schmeckte fürchterlich. Nach verfaulten Eiern, nein,
nach Hirn oder Innereien, nein, nach Benzin, nein! Es war einfach widerlich und
ekelhaft! Klatschend übergab ich mich auf den blanken Fußboden. Und dennoch
knurrte mein Magen immer noch vor unstillbarem Hunger.

Die nächsten Tage wagte ich es nicht einmal an Essen zu denken. Aber eine Woche
später hielt ich es kaum noch aus. Seit meinem letzten Besuch im Feast hatte
ich fünf Kilo abgenommen. Und so fiel es mir auch nicht sonderlich schwer, meine
Eltern zu bestehlen. Ich dachte gar nicht daran in die Schule zu gehen. Mit dem
ersten Bus fuhr ich zum Feast. Ohne Schuldgefühle oder einen Funken schlechten Gewissens
gab ich das Geld meiner Eltern aus. Und
nicht nur dieses eine Mal. Immer öfter beklaute ich meine Eltern und meine
Freunde, verkaufte mehr und mehr von meinen Sachen und war immer häufiger in
diesem Restaurant.

Eines Tages bekam ich dann einen Brief. Ich war mittlerweile völlig pleite,
meinen Eltern fehlte viel Geld, ich hatte nichts mehr zum Verkaufen und hatte
immer mehr abgenommen. Ich war von einem etwas rundlichen lebhaften
Jugendlichen zu einem mageren Foodjunkie geworden. Der Brief war vom
Geschäftsführer des Feast. Er wollte mich zu einem Abendessen einladen, da ich
dem Feast so ein guter Stammgast gewesen war. Ich war zu hungrig und abhängig
vom Feast, um die Einladung zu hinterfragen.

Als ich an dem Abend ins Feast kam, war das Restaurant voll. An jedem Tisch
saßen Menschen und warteten auf ihre Bestellungen. Wieder waren die Besucher so
unterschiedlich wie nur möglich. Allerdings sahen einige von ihnen ebenso
heruntergekommen aus wie ich. Ich meine
sogar ein paar Obdachlose oder Drogenabhängige
gesehen zu haben. Zumindest schienen sie solche zu sein. In Unwissenheit. Der Geschäftsführer war indes an meinem Tisch angekommen. Mit dem selben einnehmenden Lächeln auf den Lippen, wie bei meinem ersten Besuch. Er schien das Entsetzen in meinem Blick zu genießen, ja, geradezu auszukosten. Genau das, was er sich erhofft hatte. Mit
einem süffisanten Ton und einem fiesen Grinsen erklärte er es mir: „Niemand
versteht es von selbst! Im Feast bekommt jeder das, was er am liebsten mag.
Das, wonach seine Gier unstillbar ist. Sehen Sie sich um!“ Ich tat es und zum
ersten Mal erkannte ich, was hier wirklich geschah. Wie ein Nebelschleier, der
sich auflöst und ein grausames Bild
offenbart. Mir
wurde schlecht. Und langsam begann
ich zu verstehen. Der Mann im Anzug neben mir, offenbar ein Banker, Lobbyist
oder Manager, stocherte (mit seiner Gabel) in Geldscheinen herum und schob sich alte Münzen
auf die Gabel. Kinder, die Puppenköpfe, Bauklötze oder Videospiele zerlegten und
lachend in ihre kleinen Hälse stopften, bis ihnen der
überteuerte Plastikschrott in ihren Kehlen stecken blieb und sie elendig, aber
gleichzeitig glücklich daran erstickten. Angewidert durch den Anblick der
kleinen ausgebeulten Hälse, in denen man das Spielzeug erkannte, drehte ich
mich schnell zum nächsten Tisch. Die heruntergekommenen Gestalten
verschlangen bunte Pillen, exotische Pflanzen und sogar Spritzen samt der
rostigen Nadeln, saßen berauscht in ihrem eigenen
Blut und Erbrochenem. Ein Jugendlicher, vielleicht 18 Jahre alt, in Markenklamotten
biss genüsslich in ein Smartphone. Vor mir saß ein junges Pärchen. Nacktes Grauen erfüllte mich, als ich den Blick zu ihnen
schweifen ließ. Beiden fehlte ein Auge. Beide hatten eines vor sich
liegen. Die Schönheit des Menschen, den man am meisten liebt. Wovon man niemals
genug bekommen kann. Das was man sich am meisten wünscht. Im wahrsten Sinne des
Wortes machte die Liebe hier blind. Nicht nur das Pärchen, sondern auch die
Banker, die Junkies, die Kinder und alle anderen, einfach jeder. Und ich? Vor
mir lag ein köstliches Menü. Fleisch, Gemüse, Früchte, sogar ein Dessert und
ein Glas Wein. Ich zitterte. „Wollen Sie nichts essen?“, fragte mich der
Geschäftsführer spöttisch, „Sonst wird das Essen noch kalt.“ „Das ist doch
krank! Warum merkt das denn niemand?“ Ich sprang auf und schrie die Leute entsetzt an: „Macht die
Augen auf! Seht ihr nicht was da auf euren Tellern liegt?“ Belustigt legte mir
der Geschäftsführer die Hand auf die Schulter, drückte mich mit Kraft auf
meinen Stuhl zurück
und sagte: „Vergessen Sie es! Die Menschen sind zu gierig. Sie werden
niemals aufhören. Der Drang, die eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und die Gier,
immer noch mehr zu wollen, sind viel zu groß. Nicht einmal die lächerlich
hohen und viel viel zu überteuerten
Preise halten sie davon ab.“
„Warum?“ entfuhr es mir immer noch wütend und doch vor Angst resigniert. „Weil
die Menschen es wollen! Sie wollen gierig sein. Sie wollen ihre Gier
befriedigen, nur um kurze Zeit später wieder zu kommen, mit noch mehr, mit noch
größerer Gier!“ Ich konnte es nicht glauben. Menschen durch sich selbst in den
Tod zu treiben. Und doch hatte ich den Beweis vor mir und selbst erlebt. Die
ersten Gäste um mich herum lagen bereits leblos auf den Tischen und in ihrem
„Essen“. Wortlos stand ich auf und rannte aus dem diabolischen Lokal.

Und jetzt? Jetzt bin ich bereits so abgemagert, dass ich nur noch die Hälfte
von dem wiege, was ich vor der Eröffnung des Feasts gewogen habe. Mir geht es
schlecht, ich bin krank, habe seit Wochen nichts mehr gegessen. Meine alte
Kleidung passt mir nicht mehr, ich bin des Öfteren ohnmächtig geworden und habe
seit Tagen nicht mehr geschlafen. Doch das ist nicht der Grund, weshalb ich nun
hier sitze. Der Grund ist…

„Hier ist die Speisekarte, Sir“, unterbricht der Kellner meine Gedanken.

…Gier.

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