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Flugzeugfenster

Das Schluchzen in der Kabine

Fliegen ist ein wichtiger Teil meines Jobs. In den letzten zwanzig Jahren reiste ich jede Woche von Stadt zu Stadt zu verschiedenen Geschäftsterminen. In dieser Zeit bin ich genug geflogen, um dem Millionen-Meilen-Club beizutreten. Ich liebe es, aber es gibt Aspekte des Fliegens, mit denen selbst ich nicht zurechtkomme.

Schreiende Babys, begrenzte Beinfreiheit, Leute, die zu laut Musik hören… die Liste lässt sich fortsetzen.

Glücklicherweise habe ich über die Jahre das perfekte System entwickelt. Es besteht aus einem Nackenkissen, einer Schlaftablette, einem geschlossenen Rollo und Kopfhörern.

Leider war bei meinem letzten Flug das Survival Kit beim Einchecken abhandengekommen. Ohne es war ich dazu verdammt, einen langen, schlaflosen Flug zu überstehen.

Selbstverständlich wurde ich auch hinter jemandem platziert, der nicht aufhören wollte zu weinen. Es war nicht einmal ein Säugling, wie ich erwartet hatte, sondern eine erwachsene Frau. Sie saß mit dem Gesicht zum Fenster gerichtet und schluchzte laut.

Zuerst nahm ich an, dass sie Angst vor dem Fliegen hatte. Aber wenn das der Fall wäre, wäre sie sicher nicht zu sehr von der Außenwelt fasziniert. Der Gedanke, sie könne traurig sein, kam mir auch in den Sinn, aber es hörte sich nicht so an. Sie wirkte einfach nur… gebrochen.

Es dauerte nicht lange, bis ihr Winseln die Aufmerksamkeit des Personals erregte. Eine Stewardess schreitet mit einem besorgten Mienenspiel zu ihr hinüber und bemüht sich hilfsbereit, ein Gespräch mit ihr zu beginnen.

“Ma’am, geht es Ihnen gut?”, fragte die Stewardess.

Die Frau antwortete nicht. Sie starrte einfach weiter nach draußen und weinte ununterbrochen.

Die Stewardess rüttelte sie sanft, doch sie schien nicht zu reagieren. Inzwischen begannen die Leute, sich Sorgen zu machen. In der Kabine herrschte reges Stimmengewirr. Man erkundigte sich, inwiefern sie unter Einfluss von Psychopharmaka stünde, oder einen Geistesschwund zu beklagen hätte.

Für mich war dies weniger ein Grund zur Verärgerung als zur Besorgnis. Aber irgendetwas an der Situation erschien mir seltsam unheimlich. Ich erwog, meine eigenen Rollos zu öffnen, um zu sehen, wonach ihr Blick gleitet. Doch bevor ich die Gelegenheit dazu hatte, vernahm ich ein paar Reihen hinter mir eine weitere Person weinen.

Nachdem ich mich umgedreht hatte, bemerkte ich einen Mann, der heftig aufschluchzte. Auch er starrte aus dem Fenster. Aus seinen Augen, die nicht blinzelten, quoll scheinbar keine einzige Träne. Tatsächlich war sein gesamter Ausdruck frei von jedweder Gefühlsregung. Er saß einfach nur da und weinte, ohne den Mund zu bewegen.

“Sir?”, fragte einer der angrenzenden Passagiere, als sie sich zu ihm hinunterbeugten, um ihm beizustehen.

Sobald er einen Blick aus dem gleichen Fenster wie der Mann erhascht hatte, wurden seine Augen völlig ausdruckslos und er begann mit ihm zu schluchzen. Ein vierter kam hinzu … und ein fünfter. Bis wir merkten, was passierte, befand sich das halbe Flugzeug in einem ununterbrochenen Rhythmus des Weinens.

“Es sind die Fenster! Schließen Sie die verdammten Rollos!”, rief einer der Passagiere.

In aller Eile taten wir, wie uns geheißen. Zuerst sorgten wir dafür, dass keiner der noch zurechnungsfähigen Passagiere die Chance hatte, nach draußen zu schauen. Anschließend schlossen wir die Rollos neben den weinenden Menschen. Jeder von uns achtete darauf, währenddessen keinen einzigen Moment nach draußen zu sehen.

Sobald wir ihnen die Sicht auf den Himmel verwehrt hatten, verstummten sie augenblicklich. Einer nach dem anderen beendete sein Weinen, und im Flugzeug breitete sich eine beklommene Schweigezeit aus.

Ich prustete erleichtert auf, doch wurde dieser kurze Triumph schnell von einem panischen Aufschrei zunichtegemacht.

“Sie atmen nicht!”, rief die Stewardess.

Sie hatte recht, jeder der zuvor schluchzenden Passagiere lag leblos in seinem Sitz. Ohne Aussicht auf den Himmel hatte ihr Körper einfach aufgehört zu funktionieren. Innerhalb weniger Minuten war die Hälfte des Flugzeugs einem unbekannten Fluch zum Opfer gefallen.

Erfolglos bemühten wir uns, ein paar von ihnen wiederzubeleben. Am Ende saßen wir einfach nur in Stille da, ein jeder von uns erschüttert über das, was gerade passiert war. In der Zwischenzeit versuchten die Stewardessen, die Piloten zu kontaktieren.

Sie antworteten nicht, und wir wussten alle, was das bedeutete: Wir hatten sie verloren.

Nach mehreren schmerzvollen Minuten des Unbehagens benutzten die Stewardessen ihren Notfallcode, um das Cockpit zu öffnen. Drinnen fanden wir die Piloten weinend und nicht ansprechbar vor. Wir brachten Decken ins Innere, hüllten umgehend die Fenster ein und entfernten die toten Piloten.

Von dort aus gab uns die Bodenkontrolle Anweisungen und ermöglichte uns eine sichere Landung des Flugzeugs. Es war hart, aber wir schafften es, lebend zum Flughafen zu gelangen. Dort empfing uns ein Team in Schutzanzügen. Trotz unserer Darlegungen wurde eine mögliche Infektion nicht ausgeschlossen.

Wie wir erwartet hatten, wurde auch nach einer Überfülle von Tests nichts gefunden. Bis heute ist nicht bekannt, was an Bord unseres Fluges passiert ist, und ich möchte auch nicht herausfinden, was diese armen Seelen außerhalb der Fenster gesehen haben.

Was ich Ihnen mit absoluter Sicherheit sagen kann, ist, dass ich nie wieder einen Fuß in ein Flugzeug setzen werde.

 

 

Original: RichardSaxon

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